Warum fällt mir, wenn ich an das zurückliegende Jahr denke, beim Stichwort ›Journalismus‹ immer der Name Boris Reitschuster ein? Es muss, Kritik hin oder her, in jedem Gemüt der Wunsch existieren, das Positive auch und gerade dann zu seinem Recht kommen zu lassen, wenn es in der Realität endgültig verspielt zu haben scheint. Reitschuster oder das Positive – so müsste, ginge es nach meiner Wahrnehmung, der Journalistenroman über das Jahr der Wende 2020 heißen. Nicht, als sei hier ein Journalist bisher unbekannten Typus ans Werk gegangen, um die Blattmacher alten Schlages Mores zu lehren: Der Journalist B.R. ist ganz und gar old school, und darin steckt schon das Revolutionäre.

Dass einer den Fakten nachläuft, gelegentlich auf der Straße nachrennt, bis ihm die Puste ausgeht, unterscheidet ihn in diesen Tagen nicht nur wohltuend von einer Kollegenschaft, die sich ihre Klasse per Gendersternchen bescheinigt und tendenziöse Agenturmeldungen in Haltungsbotschaften auswalzt. Es unterscheidet ihn auch von den gewerblich Wohlmeinenden, die täglich per Güterabwägung entscheiden, wie viel Wirklichkeit sie für zumutbar und vor allem bekömmlich halten, wobei die Zumutung mehr auf Seiten des Publikums, die Bekömmlichkeit mehr auf Seiten der eigenen Person und ihrer beruflichen Absicherung zu liegen kommt. Es sind ja nicht alle korrupt, die sich berufsbedingt aufs Glatteis begeben. Viele schlingern nur, weil sie meinen, damit besser Kurs zu halten, während der Fußgänger geradewegs an ihnen vorbeigeht.

Was den einfachen Journalisten Reitschuster zum Titanen anwachsen lässt, ist der rund um die Uhr von ihm geführte Nachweis, dass mit den sparsamen Mitteln des Ein-Mann-Blogs seriöser Tatsachen-Journalismus machbar ist, während Heerscharen mehr oder weniger gut bestallter Kollegen im schrumpfenden Massenbetrieb sich verschworen zu haben scheinen, das schiere Gegenteil zu beweisen. Das hat ihn, der Not der Zeit gehorchend, an die Seite der summarisch ›Querdenker‹ genannten (und als solche verunglimpften) Bürgerrechts-Demonstranten geführt, ohne dass er darüber zum Aktivisten geworden wäre. Die Trennung der Sphären war und ist der Trick der Moderne, der all die zauberhaften Errungenschaften heraufgeführt hat, die eine kulturvergessene Generation gegenwärtig mit Füßen tritt, ohne eine Sekunde auf sie verzichten zu wollen. Insofern war und ist die an den Universitäten gelehrte Leidenschaft für Hybride nie so unschuldig gewesen, wie sie manchem Märchenerzähler noch heute vorkommt.

Im Lügenuniversum gehen die Uhren anders als gewohnt. Andererseits schreitet die Gewöhnung voran, so dass auffällig wird, wer sich dem täglichen Quantum verlässlicher Information verpflichtet weiß, nicht der WAHRHEIT in der Wolle gefärbter Gruppen und ›Faktenchecker‹. Es gibt schlimmere Freistellungsmerkmale als dieses. Man ahnt als Leser mit einem Mal das Schrecklichschöne eines Berufs, den man bereits abschreiben wollte, teils aus Wissenshochmut, teils aus Einsicht in den Umstand, dass sich nicht jede öffentlichkeitsinduzierte Verstimmung in Gelächter auflösen lässt.