Stellen Sie sich vor – wer sind Sie überhaupt? Kennen wir uns? Warum spreche ich Sie an? Gut, verschieben wir die Erörterung dieser Frage auf später –, stellen Sie sich einmal vor, sie gehen spazieren, Sie befinden sich auf gutem, schnurgeradem Wege, und hinter Ihnen bricht, wie man das leicht dramatisierend ausdrücken könnte, eine Gruppe Jogger aus dem Gebüsch, soll heißen, sie biegt aus einem Waldpfad in den Hauptweg ein, auf dem Sie geruhsam ausschreiten. Und diese Gruppe, fünf Männer und eine Frau, breit nebeneinander herlaufend – nur zwei Gruppenmitglieder begnügen sich mit der zweiten Reihe, was immer sie damit in puncto Sozialverhalten zum Ausdruck bringen –, überholt Sie, während Sie bereits den nächsten Waldpfad zur Linken auftauchen sehen, auf den der Trupp vermutlich einbiegen wird. Was auch der Fall ist. In diesem Moment aber – es gibt immer diese Momente, Sie wissen schon, in denen man weiß, was gerade geschieht, obwohl es doch erst Momente später geschehen ist –, in diesem Moment, in dem der gemeinsame Schwenk bereits die Körper zeichnet, in exakt diesem Moment reißt einer der Läufer den linken Arm hoch, um mit herrischer, vielleicht auch nur klarer Geste den anderen vorzuzeichnen: Da geht’s lang.

Ich nehme nicht an, dass ich ein Monopol auf diese Art von Erlebnissen besitze. Ich werde kaum in der Annahme fehlgehen, dass Sie die eine oder andere analoge Beobachtung in Ihrem kurzen oder langen Leben, von dem ich nichts weiß, ebenfalls getätigt haben. Ich will Sie auch nicht belehren oder Zweifel an Ihrer Feinwahrnehmung säen. Das alles liegt mir vollkommen fern. Ich möchte nur auf einen Punkt hinweisen: dass mir das Handeln unserer hochmögenden Regierung, heruntergebrochen auf das Handeln diverser Landesregierungen und ihrer Behördenapparate, seit längerem vorkommt, als unterscheide es sich nicht übermäßig von dem dieses Sportshelden, der im übrigen ein guter Kumpel sein mag. Da werden Kurven vorgelegt und Statistiken heruntergebetet, Inzidenzen keuchen treppauf treppab, von anderen Gefährdungsziffern und ‑erzählungen ganz zu schweigen – und im entscheidenden Augenblick reißt die Regierung den Arm empor und verkündet im Auf und Ab der nicht enden wollenden Lockdowns die nächste Lockerung oder Verschärfung: prompt sinken oder steigen, ganz nach Bedarf, die Kurven und Werte, dass es eine Lust ist, ihnen dabei zuzusehen.

Wirklich scheint ein großer Teil des Publikums inzwischen auf diese Effekte geeicht zu sein. Es gibt Spezialisten, die sich als grimmige Propheten des vermuteten Trugs auf Voraussagen verlegt haben, andere, die genüsslich darauf hinweisen, dass der jeweilige Kurvenverlauf bereits Tage oder Stunden vor dem Regierungsbeschluss einsetzte, und wieder andere, die mit naivem Gesicht in die Runde fragen, warum zum Teufel die Gefahr just mit den Maßnahmen steigen soll, wo doch das Gegenteil intendiert sei. Die bösesten Kritiker sind natürlich diejenigen, die lostrompeten, in anderen, keiner vergleichbaren Sorge unterliegenden Ländern fänden sich mehr oder weniger dieselben Kurven und man solle ihnen doch einfach nachweisen, wo nun der Effekt der alles in allem doch recht brachialen Maßnahmen sich niederschlage. Das sind schlimme Finger und man tut gut daran, einfach nicht auf sie zu hören. Schließlich hat man die Hoffnung auf einen hübschen Sommerurlaub noch nicht ganz aufgegeben und dazu gehört der feste Glaube, dass die Autoritäten schon das Nötige dafür veranlassen.

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Biopolitik – ein großes, auch vages Wort, ich weiß, aber es ist doch Biopolitik in großem Stil, was da gerade vor unseren Augen und sonstigen Sinnesorganen abrollt –, Biopolitik besitzt, wie weiße und schwarze Magie, zwei Seiten: eine helle, die auf Stichworte wie Gesundheitsfürsorge und Umweltpolitik lautet, und eine dunkle, machthörige, in beide Richtungen sich unabsehbar verlaufende, so dass schon die bloße Frage, wer denn am Ende die Strippen zieht und auf welche Massenaffekte das Ganze zielt, nie das Dämmerlicht der Verschwörungstheorien verlässt. Wörter wie Pandemieregime und Klimamanagement deuten es an: Hier geht es darum, die Regularien ›normaler‹ Politik auszuhebeln und an ihre Stelle etwas anderes zu setzen, dessen Charakter prinzipiell unausgesprochen bleibt, weil es die Hinwendung zu den dringenden Sachproblemen nicht angemessen zum Ausdruck brächte.

Im Gegensatz zu anderen Spielarten der Politik hat es die dunkle Seite der Biopolitik mit natürlichen Parametern zu tun. Soll heißen, der Umwelt, mit der sie sich auseinandersetzt (oder auseinanderzusetzen vorgibt), sind ihre Aktivitäten, so wie menschliches Handeln überhaupt, vollkommen gleichgültig – auch wenn es sich um die Reparatur menschlicher Eingriffe am Planeten handelt, oder wie die entsprechende Formel lauten mag. Das gilt, etwa im Virusfall, selbst dann, wenn man es mit möglichen Laborprodukten zu tun bekommt, vorausgesetzt, sie verhalten sich so, wie sich ein natürliches Virus verhalten würde. Es fehlt der Faktor Intelligenz auf der anderen Seite, es fehlt der Gegenspieler. Die Rede von der Natur als Gegenspieler hat ausschließlich moralisierende Bedeutung. Immer sind es Menschen, die sich zur Natur ins Verhältnis setzen, nein, immer schon ins Verhältnis gesetzt haben. Und auch das ist nicht ganz richtig: Gleichgültig, ob es sich auf der anderen Seite um Virenstämme oder klimatische Vorgänge handelt, stets geht es um Bedingungen, unter denen menschliches Leben steht, man darf auch sagen, dem es sein jeweiliges So-Sein verdankt.

Warum ist das wichtig? Weil es erklärt, warum es in dieser Art von Biopolitik in allererster Linie um Machtgewinn und ‑ausübung geht: Während ihre Erfolge im Kampf gegen die natürlichen Faktoren stets zweideutig bleiben, da kein Wissenschaftler, geschweige denn ein Politiker, sich für die definitive Validität des einmal gewählten Verlaufsmodells verbürgen oder zweifelsfrei wissen kann, wie sich die Lage ohne das wohlfeile Machtaufgebot entwickeln würde und welche Folgen das für eine niemals passive, in allen Anpassungsfragen höchst erfinderische Menschheit hätte, erweisen sich die eingesetzten Mittel letzten Endes als die entscheidenden, weil sie eine neue, angeblich von niemandem, am allerwenigsten vom entmachteten Wahlvolk gewollte Ordnung im politischen Raum etablieren. Man kann dieser Ordnung Bezeichnungen nach Belieben verleihen, Tatsache ist, dass sie tiefer – totaler – in den politischen und privaten Alltag der Menschen eingreift als die üblichen Interventionen der Politik in einem liberal-pluralistisch verfassten Gemeinwesen. Das erste Opfer einer Politik ›nach der Natur‹ ist immer die Freiheit des Einzelnen.

Freiheit ist gerade das, wozu die Natur schweigt.