Lucius Garganelli: Dialog

©lg 2020

1. Der Schwätzer

Ich entdeckte ihn in den Weiten von Youtube auf der Suche nach einem stillen Abendvortrag über die ewig ungelösten Rätsel des Weltalls. Er stand, in korrekter Sprecher-Haltung, die gleich den Profi verriet, vor einer mit Börsennachrichten gespickten Wand und seine Stimme klang unvergleichlich: hell, körnig, zuckend im Stakkato eines Maschinengewehrs und bis in die letzte Silbe hinein beherrscht – eigentlich müsste ich sie, in neuerer Sprache, ›durchherrscht‹ nennen, um der Erscheinung gerecht zu werden, doch das steht auf einem anderen Blatt und ich habe es gerade verlegt. Er nannte sich ›Mister X‹ oder dergleichen und gehörte zur Klasse der Börsengurus, also jener Menschen, die vermögenden, aber unbedarften Menschen Fonds und Ratschläge andrehen, indem sie den nächsten Crash mit der Präzision eines Uhrwerks voraussagen, inklusive sämtlicher erwartbarer Schwarzer Schwäne und ihrer Auswirkungen auf das Weltgeschehen. Letzteres verdient hervorgehoben zu werden, weil mit dem Schwarzen Schwan das Unerwartete des Weltgeschehens gemeint ist: Der Börsenguru hat es, nicht anders als der Historische Materialist seine revolutionären Umschläge, eingetütet und für den Hausgebrauch fix und fertig parat.

Nun ist für jeden, der die Geschehnisse am Bildschirm verfolgt, einsichtig, dass das Corona-Virus, genauer: Sars CoV-2, gar nichts anderes sein kann als jener Schwarze Schwan, der das Zeug dazu mitbringt, die bisherige Architektur der Weltwirtschaft, vor allem ihren finanziellen Zweig, zum Einsturz zu bringen. So nahm es mich nicht wunder, dass Mister X in der Pose dessen, der es schon immer gesagt hat, vor die Kamera seines Privatstudios trat. Zweifellos war er, gleich Dutzenden seines Schlags, der Warner der Stunde. Und zweifellos war es sein genuines Recht, die Regierenden aller Länder, insbesondere des eigenen, ob ihrer anhaltenden Blindheit und Lethargie in strengen Worten zu tadeln. Auffällig allerdings, dass er noch immer keinen Mundschutz trug – bedeutsam deshalb, weil er bereits seit Wochen in selbstgewählter Quarantäne lebte, wie er bei dieser Gelegenheit seinem Publikum verriet, das sich verwundert fragen mochte, warum er ihm gerade diese entscheidende, alle Anlagestrategien über den Haufen werfende Information bisher vorenthalten hatte. In der Folge, Mister X sei Dank, überschlugen sich, wie bekannt, die Ereignisse, die Regierenden handelten mit jener Entschlossenheit, die Regierte an ihnen ebenso schätzen, wie sie sie fürchten, und stutzten ihre Untertanen in mehr oder weniger drastischer Form aufs häusliche Dasein zurück.

Da nun trat jener Umschlag ein, von dem Dialektiker träumen, wo er doch nichts weiter darstellt als unser aller tägliche Erfahrung: Mister X – ich nenne ihn so, weil ich mich nicht in den Dienst seiner Eigenpropaganda stellen und auch nicht von ihm bezahlt werden möchte –, Mister X fügte seiner Stakkato-Stimme ein bebendes Element hinzu, wie es dem ansteht, der gerade ganz persönlich aus dem Weltuntergang berichtet, und erläuterte seinem bereits alarmierten Publikum, es handle sich bei alledem um nichts anderes als den – längst erwarteten! – und nunmehr mit äußerster Unerbittlichkeit abrollenden Putsch der Regierenden gegen Demokratie, Freiheit und elementare Menschenrechte. Er sprach diese Worte im Tonfall dessen aus, der sein Leben lang für nichts anderes gekämpft hat und jeden Tropfen Blut dafür hergeben würde. Doch zwei Minuten nach dem Ausbruch pries er ganz geläufig die Vorteile seines Fonds, dessen Aktienmix auf Voraussagen beruhten, die gerade Punkt für Punkt einträfen.

 

2. Ratgeber und Warner

Ist das Virus los, dann schlägt die Stunde der Virologen. Das ist ganz natürlich und bedarf keiner weiteren Begründung. Der Virologe kennt sein Virus, vor allem, wenn sein Labor den Test entwickelt hat, der aller Welt beweist, dass der Feind, jedenfalls in Phase B des einmal entfesselten Krieges, sich mit derselben Geschwindigkeit in der Bevölkerung ausbreitet, mit der getestet wird, nämlich exponentiell. ›Exponentiell‹ ist das Zauberwort, das den Einzelnen vor Schrecken erstarren und alle Räder stillstehen lässt, weil es den Einbruch des Unbekannten in die natürlichen Abläufe signalisiert, die bekanntlich, sofern nicht linear strukturiert, schwingen und kreisen, also in etwa den Bewegungen des Bauchtanzes folgen, der nicht von ungefähr als das Α und Ω der Natürlichkeit gilt. Exponentiell verläuft die Kurve aller Jahrhundertschrecken, angefangen beim Klimawandel, der die berühmte, allerdings nicht ganz seriöse ›Hockeyschläger‹-Kurve hervorbrachte –: aber bekanntlich wissen selbst Sarrazins Bevölkerungsstudien von der ominösen Kurve einen – eher verfemten – Gebrauch zu machen. Auch deswegen lautet das Rezept der Stunde »testen, testen, testen« – idealiter so lange, bis die Kurve sich mangels neuer Kandidaten abflacht und gleichsam in die gewohnten Bahnen des durchseuchten Alltags zurückschwingt. Für die Getesteten bringt das den Vorteil, dass sie sich entweder fürs erste gesund fühlen oder die Behandlung in Anspruch nehmen dürfen, die das Gesundheitssystem ihnen zu bieten weiß, Isolation inklusive. Denn darum geht es schließlich: die reale Ausbreitung des Virus zu stoppen beziehungsweise so zu verlangsamen, dass die auf ökonomische Effizienz getrimmten Krankenhäuser ihrer volksgesundheitlichen Aufgabe gewachsen bleiben. Natürlich kann man, sobald es opportun wird, mit dem Testen auch früher aufhören, aber darüber redet niemand gern. Die Funktion des staatlich bestellten Ratgebers jedenfalls besteht darin, die noch nicht Getesteten mit guten Ratschlägen zu versorgen und ihren Puls davon abzuhalten, sich ebenfalls exponentiell zu erhöhen, schließlich, hinter den Kulissen Dampf zu machen, dass die Tests im gebotenen Tempo weitergehen.

Kein Rat ohne Gegen-Rat: manchem Kollegen geht das Messer in der Tasche auf, wenn er sieht, wie seine alten Gegner, die Großmeister der Gefahrenzertifizierung, Tag für Tag zum Hochamt schreiten, vor allem, wenn er weiß, wo gerade die Kassen klingeln und wie man Horrorzahlen fabriziert: nämlich durch Weglassung des alltäglichen, durch Gewöhnung und Routine abgeblendeten Elends, des quasi-unsichtbaren Leidens und Sterbens, für dessen geregelten Ablauf das Gesundheitssystem schließlich geschaffen wurde. Gerät so einer, und sei es nur wegen seiner politischen Vergangenheit, in den öffentlichen Raum, dann wird aus dem sonoren Ratgeber aller K(l)assen unvermittelt ein sich spreizendes Insekt: diskret, aber deutlich. Immerhin ist die Politik gerade dabei, die Welt (und sei es nur auf Zeit), koste es, was es wolle, in eine virologische Anstalt zu verwandeln. Einen solchen Erfolg lässt man sich nicht kleinreden – schon gar nicht von einem Warner, der bereits bei früherer Gelegenheit das Wort ›Profitinteressen‹ in den Mund genommen hat und überdies einem Anti-Korruptions-Verein angehört, dessen Statements von der Öffentlichkeit bei anderen Gelegenheiten mit ähnlicher Ehrfurcht zur Kenntnis genommen werden wie jetzt die der Gesundheitsämter. Wer die Argumente der Kontrahenten wägt, dem erscheint vieles daran so kontrovers wie ein Streit um des Kaisers Bart. Doch wer tut das schon? In solchen Zeiten argumentiert die Emotion, wenn nicht die nackte Angst, und deren Argumentationsweisen sind bekannt.

 

3. Der Kritiker

Eine Epidemie wie COVID-19 liefe vermutlich glatt durch, häuften sich in ihr nicht die dramatischen Fälle. Je weniger die von der öffentlichen Hand subventionierten Theater taugen, desto dramatischer gebärdet sich die Wirklichkeit, die sich bekanntlich in den Medien abspielt. Das erinnert an einen Ausspruch von Hannah Arendt, die einst, befragt, warum es oft Intellektuelle waren, die sich unter dem Beschuss der NS-Propaganda von ihren jüdischen Bekannten abwandten, antwortete, zu Hitler sei denen einfach zu viel eingefallen. Da lobt man sich den intellektuellen Zeitgenossen, der unter Berufung auf Karl Kraus, der 1933 bekannte, zu Hitler falle ihm nichts ein, sich mitten ins Getümmel stürzt und zwar keine Dritte Walpurgisnacht, aber doch eine abgemessene Wortfolge zuwege bringt, der man als Leser entnehmen kann, dass die Lage zwar ernst sei, doch nicht so hoffnungslos wie das Volk, das sich durch seine Kontaktfreudigkeit in sie hineinmanövriert hat: jetzt schreit es nach autoritären Maßnahmen, weil es sich anders nicht zurückhalten könne. Wem das keine Angst macht, der darf ruhig der Panik verfallen. Angst wovor? Nun ja, vor dem autoritären Virus, das sich da, beinahe unbemerkt, neben dem ausbreitet, das sich augenblicklich in (fast) aller Munde befindet. Autoritär? Hießen so nicht die Anderen, die jetzt als Versager mit betretenen Mienen dabeistehen, falls sie nichts zu sagen haben, oder aber, wie der amerikanische Präsident, tun und lassen dürfen, was sie wollen, ohne dass sich an ihrem nun einmal beschlossenen und über sie verhängten Versagertum das Geringste änderte? Als die Götter des Marktes den Liberalismus schufen, gaben sie ihm den Kritiker zum Gehilfen, auf dass er den Mächtigen auf die Finger schaue und im freien Spiel der ökonomischen Kräfte der menschliche Rest nicht ungenannt unter die Räder komme. In einer Zeit, in der das Gros der Standesgenossen von der Stange gegangen ist und sich selbst als Gesinnungsmacht feiert, unter deren Regie die Regierung gerade so mitläuft, hat der Kritiker, der einzig wahre Kritiker, ein Problem: sein Hals kratzt gewaltig, aber er fürchtet die Quarantäne und verkauft das Schweigen als Wortmeldung, damit die kritische Stimme nicht einfach verstummt.

Ist das reell? Ich frage: Ist das reell? Ich weiß es nicht und Sie wissen es auch nicht. Nur Wenigen dürften in diesen seltsamen Tagen die Worte aus Rilkes 1910 erschienenen Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge durch den Kopf gehen: »Ich fürchte mich. Gegen die Furcht muß man etwas tun, wenn man sie einmal hat. Es wäre sehr häßlich, hier krank zu werden, und fiele es jemandem ein, mich ins Hôtel-Dieu zu schaffen, so würde ich dort gewiß sterben. Dieses Hôtel ist ein angenehmes Hôtel, ungeheuer besucht. Man kann kaum die Fassade der Kathedrale von Paris betrachten ohne Gefahr, von einem der vielen Wagen, die so schnell wie möglich über den freien Plan dort hinein müssen, überfahren zu werden. Das sind kleine Omnibusse, die fortwährend läuten, und selbst der Herzog von Sagan müßte sein Gespann halten lassen, wenn so ein kleiner Sterbender es sich in den Kopf gesetzt hat, geradenwegs in Gottes Hôtel zu wollen. Sterbende sind starrköpfig, und ganz Paris stockt, wenn Madame Legrand, brocanteuse aus der rue des Martyrs, nach einem gewissen Platz der Cité gefahren kommt. Es ist zu bemerken, daß diese verteufelten kleinen Wagen ungemein anregende Milchglasfenster haben, hinter denen man sich die herrlichsten Agonien vorstellen kann; dafür genügt die Phantasie einer Concierge. Hat man noch mehr Einbildungskraft und schlägt sie nach anderen Richtungen hin, so sind die Vermutungen geradezu unbegrenzt. Aber ich habe auch offene Droschken ankommen sehen, Zeitdroschken mit aufgeklapptem Verdeck, die nach der üblichen Taxe fuhren: Zwei Francs für die Sterbestunde.«

 


21. 3. 2020

erschienen auf Globkult

 

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