1.

Think glob­ally, act locally – dur­chaus möglich, dass keine andere Parole das Denken so vieler Men­schen in so kurzer Zeit verän­dert hat wie diese. Mit ihr kann sich sehen lassen, wer will. Das fasziniert die Men­schen und erzeugt jene Überzeu­gungs– und Hand­lungs­dichte, die kul­turelle Steuerung ausze­ich­net. Was hierzu­lande als ›grün‹ gilt, ver­traut vornehm­lich auf die Durch­set­zungskraft dieses Deu­tungss­chemas. Dabei ist die Parole weit von aller Ein­deutigkeit ent­fernt. Je nach­dem, wer sich ihrer bedi­ent, nimmt sie ganz unter­schiedliche Fär­bun­gen und Bedeu­tun­gen an: Grund­lage jeden Erfolgs, der von Dauer sein soll. Nicht ohne Grund lautet das nachgeschobene Zauber­wort, das allen Wider­stand bricht, ›Nach­haltigkeit‹, also Dauer. Nächst dem, der ›sein Sach’ auf nichts gestellt‹ hat, rang­iert der Besorgte, der sein Sach’ auf Dauer zu stellen wün­scht – sei es aus Sorge vor kom­menden schlechteren Tage, sei es aus Sorge um die Nachkom­men­schaft, sei es aus der umfassenden Hal­tung der Sorge her­aus, die immer etwas zu Besor­gen­des findet. Naturgemäß sind Staaten und Großun­ternehmen die dankbarsten Abnehmer einer Idee, welche die Zukunft gepachtet zu haben scheint. Die virtuelle Unsterblichkeit lässt ihnen kaum eine andere Wahl, voraus­ge­setzt… ja voraus­ge­setzt, das Spek­trum möglicher Ausle­gun­gen erlaubt es, die eige­nen Primärin­ter­essen darin unterzubrin­gen. Dieser Erken­nt­nis­prozess kann dauern – wurde er ein­mal durch­laufen, dann ist in der Regel kein Hal­ten mehr, gle­ichgültig, was Graswurzel-​Leute von den Ergeb­nis­sen hal­ten mögen. Poly­valenz – ›Viel­w­er­tigkeit‹ – charak­ter­isiert jede sozial erfol­gre­iche Phraseologie.

2.

Anders als wel­trev­o­lu­tionäre Parolen einer Epoche, die an den Ide­al­is­mus der ›Gle­ichen‹ appel­lierte, wen­ngle­ich er mate­ri­al­is­tisch begrün­det wurde, stellt diese im Bild des Globus die materielle, allen­falls unter fanatis­chen Marssiedlern wegzu­denk­ende Grund­lage aller men­schlichen Exis­tenz ins Zen­trum des Engage­ments. Scheit­ert der Globus, scheit­ert der Men­sch. Woran sollte er scheit­ern, wenn nicht am Men­schen? Worin sollte er scheit­ern, wenn nicht an der Bere­it­stel­lung aller Lebens­grund­la­gen, deren der Men­sch inmit­ten seiner natür­lichen Umwelt bedarf? Radikale Naturschützer, die weiter gehen und den Men­schen am lieb­sten als Stör­fak­tor im Äquilib­rium der natür­lichen Kräfte eli­m­iniert sähen, ähneln jenen Gle­ich­heit­side­olo­gen, denen die Gle­ich­heit vor dem Erschießungskom­mando mehr gilt als die Gle­ich­heit vor dem Gesetz. Sie wer­den von der Mehrheit­sauf­fas­sung geduldet, weil das Ziel, die Verkleinerung des men­schlichen ›Fußab­drucks‹, sie beide eint. Dieser Fußab­druck (›foot print‹ – speak glob­ally) ist eine virtuelle Größe, man kann auch sagen, eine Hypothese, deren Aus­gangs­ma­te­ri­alien ver­wor­ren, deren Annah­men ›stark‹ und deren Deu­tun­gen ›divers bleiben, während der Grundgedanke bestechend ein­fach wirkt und kaum schlag­bar erscheint: Alles, was ich der Kasse ent­nehme, muss ihr wieder zuge­führt wer­den, will ich ver­hin­dern, dass sie eines Tages leer – ›aufge­braucht‹ – ist. Über­all dort, wo der Men­sch auf natür­liche Ressourcen angewiesen ist, muss er sich­er­stellen, dass sein Ver­brauch sich im Rah­men der natür­lichen Regen­er­a­tion hält. Darüber zu befinden ist nicht so einfach.

3.

Der Men­sch, dessen materielle Ein­wirkung auf den Plan­eten irgend­wann mess­bar wurde, ist, wie oft betont wird, kein Abstrak­tum, son­dern jeder. Genauer gesagt: jeder Einzelne an seinem Ort, zu seiner Zeit, mit seinen Bedürfnis­sen. Wenn die Suche nach Ess­barem sich noch rel­a­tiv flex­i­bel gestal­ten lässt, so sind Wasser und Energie unab­d­ing­bare Garan­ten seiner Exis­tenz. Um sie zu sich­ern, wer­den Kriege geführt, Gren­zen gezo­gen oder beseit­igt und ganze Regio­nen umgepflügt, deren Bewohner, lokal gedacht, nicht wis­sen kön­nten, wie ihnen geschieht. Umgepflügt wird daher auch ihr Bewusst­sein. Wer gestern nur an sich und seine Umge­bung dachte, denkt heute oder mor­gen mit Grimm an die da draußen und droben. Die Glob­al­isierung der Köpfe vol­lzieht sich, nüchtern betra­chtet, über die vehe­mente Gegen­wehr von Leuten, deren Leben­sräume materieller oder kul­tureller Zer­störung anheim­fallen. Ohn­mächtige Erbit­terung, Hass und Ter­ror sind ihre struk­turellen Begleiter. Nie­mand, der seine Sinne beisam­men hat, denkt bloß lokal. Wenn die glob­alen Akteure ein­fallen, erfahren Dorf­be­wohner in der Regel recht schnell, welche ›Quelle‹ unter ihren Füßen oder in ihrer Nach­barschaft zum Segen oder Unsegen der Region auszuschla­gen ver­spricht. Wenn die Opfer der Glob­al­isierung, not­dürftig als ›Flüchtlinge‹ getarnt, in die Zen­tren des ungle­ich verteil­ten Wohl­stands strö­men, wis­sen die schwächeren Gesellschafts­glieder im voraus, wer die Zeche bezahlen wird. Steuern, Arbeit­splätze, Dien­stleis­tun­gen, Vor­sorge und Sicher­heit – das sind die Bere­iche, in denen das Menschheits-​Credo der Zusam­men­rück­enden am schnell­sten Risse bekommt.

4.

Die Quellen des Reich­tums sind vielfältig, sie beschränken sich nicht auf Wasser, Öl, Gas, Uran. Daher ist nichts und nie­mand davor gefeit, einer Geschäft­sidee zum Opfer zu fallen, die ger­ade irgendwo auf dem Plan­eten aus­ge­brütet wird. Arbeit zählt eher nicht dazu, zieht man die ein­schlägi­gen Sta­tis­tiken zu Rate – sie ist notwendig, aber sie lohnt nicht. Für alle, die auf sie angewiesen sind, gilt die Parole: ›Denke an dich und sei ver­füg­bar. Oder in der vornehmen Sprache der Gestal­ter der einen Welt: Think locally, act glob­ally. Wer nicht so denkt, kommt rascher unter die Räder als ins Früh­stück­sz­im­mer der Plan­e­tarier. Dabei ist, wie das Beispiel der Wirtschafts­flüchtlinge lehrt, das Verfügbar-​sein eine ganz spezielle Art des glob­alen Han­delns. Wer global denkt und global plant, der findet es ganz in Ord­nung, dass Men­schen auf der Suche nach Arbeit die Kon­ti­nente wech­seln, gle­ichgültig, was sie sonst noch erwartet. Er findet auch, ohne es auszus­prechen, dass Krieg ein pro­bates Mit­tel sein kann, der weltweiten Mobil­ität auf die Sprünge zu helfen und, auf der anderen Seite, die Auf­nah­me­bere­itschaft zu erhöhen.

5.

Act locally meint, je nach­dem: Leiste Wider­stand! Und: Berechne den Wider­stand! Was die eine Seite denkt – oder zu denken vorgibt –, das speist die andere Seite in ihre Berech­nun­gen ein und entwick­elt Antworten. Act locally ist ein Strate­giespiel mit Regeln, die zu brechen sich sel­ten lohnt, weil die Alter­na­tive, unge­brem­ste Gewalt, die Unkosten in die Höhe treibt oder andere, in der Regel mächtigere Akteure auf den Plan ruft. Neben, oft genug über den realen Unkosten – vulgo Opfern – rang­ieren die sym­bol­is­chen: die von und in den Medien kom­mu­nizierte Bilder­flut, die den Kon­flik­tver­läufen vor Ort nicht son­der­lich gerecht zu wer­den pflegt – nicht weil Jour­nal­is­ten generell zur Unfähigkeit neigten, son­dern weil sie selbst als Fig­uren in einan­der kreuzen­den Strate­giespie­len gesetzt sind. Wer sich zum Wider­stand entschließt, merkt rasch, dass es zwei Arten von Wider­stand gibt, deren soziale Beloh­nung höchst unter­schiedlich aus­fällt. Wer sich fürs CO2 erwärmt oder Erstick­ungsan­fälle bekommt, wenn er das Wort Stick­oxid in der Zeitung liest, der befindet sich auf der Schoko­laden­seite der Protestkul­tur. Er ist ein all­seits geachteter Plan­eten­be­wohner, der weiß, was er tut – jeden­falls wird ihm das rund um die Uhr von den Ken­nern der Materie und ihrem Anhang ver­sichert. Wer sich für die kul­turelle Umwelt erwärmt, in der er aufgewach­sen ist und in der er sich, um eine der geläu­fi­gen Phrasen zu zitieren, bewegt wie ein Fisch im Wasser, der sollte das Wort ›Wider­stand‹ gar nicht erst über die Lip­pen brin­gen. Er ist bere­its gebrand­markt, denn er hat die Her­aus­forderun­gen, vor denen wir alle ste­hen, noch nicht begrif­fen, er ist ein borniertes Sub­jekt oder Schlim­meres – es sei denn, er rückt als Ange­höriger einer schutzfähi­gen ›Eth­nie‹ in eine der gängi­gen Opfer­kat­e­gorien ein. Auch dieser Sta­tus muss erar­beitet wer­den. Der Weg heißt ›Anerkennung‹.

6.

Kein Wider­stand, dessen Fol­gen nicht bere­its im voraus berech­net und ›einge­speist‹ wären – wer anderes behauptet, der macht sich oder anderen etwas vor. Welche Mit­tel gewählt wer­den, um Wider­stand unschädlich zu machen, gehört auch in die Abteilung act locally, nur dass dies­mal die andere Seite am Zug ist. Für den Angreifer bedeutet es: Er kann, falls er es fer­tig­bringt, den ihm ent­ge­gen­schla­gen­den Wider­stand brechen, er kann ihn aber auch umlenken. Lokal denken, das heißt in let­zterem Fall, sich ein­lassen auf die Beweg­gründe der Men­schen vor Ort, auf ihre Inter­essen, Bedürfnisse, Denkweisen, Hand­lungsmuster, Tabus, kurz, auf ihre Kul­tur, solange … nun, solange sie mit­spielt. ›Sich ein­lassen‹ bedeutet keineswegs, alles so zu belassen, wie es ist, wohl aber, die Men­schen im Glauben zu wiegen, alles geschehe in ihrem Sinn, wenn nur die Kasse gefüllt, ein paar Brauch­tums­flicken gewahrt und dem Glauben Genüge getan wird. Act locally: Zeige dich aufgeschlossen für die Marot­ten der Bewohner des Lan­des, dessen Boden­schätze, dessen Reich­tum, dessen Pro­duk­tion­schan­cen du dir anzueignen gedenkst, denn sie kön­nten dir nüt­zlich sein. Und ver­giss nie: Keine Kul­tur ist so har­monisch, dass man sich nicht, falls nötig, ihrer Gegen­sätze bedi­enen kön­nte. Für den Ern­st­fall gibt es Gesin­nun­gen… Wer kauft Gesin­nun­gen? Wie funk­tion­iert dieser Markt? Kaum einer lässt sich seine Gesin­nun­gen abkaufen, das wäre zu ein­fach. Man lernt das Prob­lem begreifen, man lernt seine Lek­tion – so geht das.

7.

Es kann vorkom­men, dass, aus­gelöst durch macht­poli­tis­che Verblendung oder eine Kop­pelung materieller und kul­tureller Effekte, in bes­timmten Regio­nen der Wider­stand sich stärker als vorge­se­hen entwick­elt – vor allem wenn der alte Behar­rungs­fak­tor Reli­gion mit ins Spiel kommt. Dann kann es für beide Seiten nüt­zlich sein, den religiösen Aspekt ein wenig anzuschär­fen, um ihn als – rev­o­lu­tionären oder evo­lu­tionären – ›Gestal­tungs­fak­tor‹ den eige­nen Inter­essen dien­st­bar zu machen. Das steht zwar in schrof­fem Gegen­satz zum nüchter­nen Kern der Glob­al­isierung und zum glob­alen Denken von Umwelt­puris­ten, in dem jeder Einzelne Ver­ant­wor­tung für den Plan­eten trägt, gle­ichgültig, welcher Reli­gion oder welchem Clan er sich zuge­hörig fühlt. Aber, sehr nüchtern betra­chtet, ist auch das schließlich nur ein Glaube neben anderen, der ein wenig Anschär­fung verträgt, wie die Aktiv­itäten von Green­peace und anderen, ungeduldigeren Organ­i­sa­tio­nen lehren. Reli­gion ist stets global und lokal, kul­turell ver­ankert und kul­turüber­schre­i­t­end. Sie darf auch mit viel Geld exportiert wer­den. Und Reli­gion fragt nicht danach, ob sie gut ist: Sie schreibt vor, was gut ist. Ein solches Instru­ment legt man nicht aus der Hand, ohne ein paar Töne darauf zu klimpern. Das kann schiefge­hen, das kann im Desaster enden, doch ger­ade so geht es. Religiöses Empfinden, ein­mal im Geschäft, ist aus der guten Sache nicht wegzu­denken – so oder so, am besten bei­der­seits der Freund-​Feind-​Skala, am besten dann, wenn die gute, da lukra­tive Sache sich der Unter­stützung von Staaten und staat­sähn­lichen Akteuren ver­sichert, deren Klien­tel Prof­it­max­imierung als Wer­te­be­wusst­sein… nein, nicht tarnt, son­dern unter den neidisch-​bewundernden Blicken der Mitwelt vor­lebt: Nur wer im Wohl­stand lebt, lebt angenehm.

8.

So oder so – oder: Wer kann, der kann. Entsprechend findet sich, wer das bere­ich­ernde Nebeneinan­der von Glaubens­biotopen als Glauben­sar­tikel über dem Herzen trägt, über kurz oder lang als Kämpfer oder Gön­ner an der Seite von Kämpfern wieder, die den heils­geschichtlichen Sieg ihrer Reli­gion über die Fremd– und Ungläu­bi­gen auf ihre Fah­nen geschrieben haben und in der Zwis­chen­zeit neben ein biss­chen Ter­ror das Abkassieren trainieren. Kor­rup­tion ist, je nach Inter­essen– und Klassen­lage, immer dabei, wenn Überzeu­gun­gen zusam­men­prallen, vor allem mit sich selbst. Act glob­ally, think locally: Auch so herum gibt es Sinn. Kul­turelle Borniertheit schleift sich in frem­den Gegen­den ab, religiöse ver­schärft sich. Sträflich wäre es, ein solches Pro­duk­tion­s­mit­tel frei­willig der Konkur­renz zu über­lassen, vor allem, weil es bei­d­seitig nutzbar erscheint. Der große Vorteil der religiösen Her­aus­forderung besteht darin, dass es immer jeman­den gibt, der sie annimmt: Nichts mobil­isiert so zuver­läs­sig lokale Freund-​Feind-​Verhältnisse wie sie. Auf diese Kraft lässt sich bauen.

9.

Think glob­ally, act locally bedeutet, redlich gesprochen und ohne den üblichen Schweif an Hin­tergedanken: Bedenke die Wirkun­gen deines All­t­agshan­deln auf das Sys­tem Erde und reflek­tiere sie in deinen Entschei­dun­gen. Für einen, der das Glück hat, auf der Wohl­stand­seite des Plan­eten zu leben, bedeutet das im ökol­o­gis­chen Stan­dard­fall den Verzicht auf ein bes­timmtes Pro­dukt, dessen Her­stel­lung oder Gebrauch irrepara­ble Umweltschä­den verur­sacht, auf eine entsprechende Dien­stleis­tung, selbst wenn sie Arbeit­splätze und Annehm­lichkeiten aller Art ver­spricht, auf Risikoträger wie die Atom­kraft, auf ›Kli­makiller‹, also fos­sile Brennstoffe – pos­i­tiv gesprochen: den Erhalt lokaler Tra­di­tio­nen und Pro­duk­tion­sweisen, die Stärkung kleiner Gemein­schaften, die Abwehr fer­nges­teuerter Prof­it­maschi­nen – abstrakt gesprochen: Block­aden aller Art. Genauso kann es bedeuten, sich selbst, seine soziale Umge­bung und das eigene Land ideell und materiell in Haf­tung zu nehmen, falls irgendwo in der Welt die Umwelt ver­sagt und Gesellschaften kol­la­bieren. Im Extrem­fall einer aus glob­aler Ver­ant­wor­tung zuge­lasse­nen oder forcierten Massenein­wan­derung kann es den Ver­lust des eige­nen Lan­des befördern, sofern unter den Begriff des ›eige­nen Lan­des‹ die Ein­bet­tung in ererbte Sit­ten und Gebräuche, aber natür­lich auch die gemein­sprach­liche Fein­s­teuerung im zwis­chen­men­schlichen Bere­ich fällt – nicht zu reden vom ›kul­turellen Gedächt­nis‹ – eine unglück­liche Vok­a­bel, weil hier nicht nur Gedächt­nisleis­tun­gen gefragt sind –, dem kom­plexen Über­liefer­ungs­geschehen, das, genauer betra­chtet, über­haupt erst die zivile Selb­st­s­teuerung einer Gesellschaft jen­seits von Sprachverord­nun­gen und staatlichen Inter­ven­tio­nen ermöglicht. Der Appellcharak­ter des eige­nen Tuns (»Wenn genü­gend viele mit­machen, wer­den wir siegen!«) ver­mis­cht sich hier mit der Idee selb­stver­ant­worteten Han­delns im Sinn der Moral (»Han­dle so, dass…«) und dem Wis­sen – wobei der Wun­sch Vater des Gedankens sein mag –, durch das eigene Vorge­hen hier und jetzt eine global wirk­same Tat zu voll­brin­gen, auch wenn die Auswirkun­gen sta­tis­tisch uner­he­blich bleiben mögen. Was daran borniert, was men­schheits­fähig genannt wer­den sollte, entschei­det sich nicht anhand der Rein­heit der Überzeu­gun­gen, son­dern anhand der Ergeb­nisse. Lern­prozesse sind das A und O des glob­alen Denkens, sie set­zen voraus, dass, was lokal erprobt, global angemessen kom­mu­niziert und ›umge­setzt‹ wird. Da spätestens liegt das Problem.

10.

Think glob­ally, was immer man davon hal­ten mag, setzt, neben der weltweiten Ver­net­zung, einen global han­del­nden Geg­ner voraus. Es ist nicht nötig, global zu denken, solange alles Han­deln (mit­samt seinen Fol­gen) lokal begrenzt bleibt. Man mag sich, wie Eiferer das tun, den glob­alen Geg­ner als vielköp­fige Hydra oder als Weltver­schwörung denken oder sein Cave! hinzuset­zen, wichtig ist, dass es sich um eine Entität – human or not human – han­deln muss, welche die Kämpfenden eint. Ohne sie zer­fällt der Kampf, zer­fallen die Kämpfer untere­inan­der, zer­fallen die Leitideen, zer­fällt die Marke ›global‹ und jeder wird auf das eigene Urteil zurück­ge­wor­fen, dem gemäß das einzelne Han­deln vertret­bar oder nicht erscheint. Es genügt, dass im Zen­trum des glob­alen Staates – des Staates, der als Stel­lvertreter des nicht existieren­den Welt­staats zu han­deln behauptet – ein Vertreter des think locally, act glob­ally auf­taucht (wobei nie­mand weiß, welcher Frak­tion er im Bedarfs­fall verpflichtet sein wird), um Glob­al­is­ten aller Schat­tierun­gen in Dauer­erre­gung zu ver­set­zen: Nicht, weil der Geg­ner sich dort plöt­zlich mate­ri­al­isiert hätte, son­dern weil der Gegen­satz, das lob­by­is­tis­che Feld, seiner mächtig­sten admin­is­tra­tiven Stütze ledig, zu dif­fundieren beginnt und der Zer­fall des eige­nen Lagers droht.

11.

Wer global Gewinne ein­stre­ichen will, weiß in der Regel, dass er, um erfol­gre­ich zu sein, lokal han­deln muss. Trifft er auf Wider­stand, ste­hen ihm drei Optio­nen zu Ver­fü­gung. Er kann (a) seine Wider­sacher als Fremd­kör­per im lokalen Milieu brand­marken, er kann sie (b), schein­bar koop­er­a­tiv, täuschen, und er kann © mit ihnen in einen offe­nen Prozess des Aushan­delns ein­treten, der bei­den Seiten Gewinn ver­spricht. Gewinn… Das Wort erin­nert daran, wer alles in solchen Prozessen etwas zu gewin­nen hat und was dabei für die Beteiligten auf dem Spiel steht. Nicht jeder anste­hende Zug ist kor­rupt, doch Kor­rup­tion – offene, ver­steckte oder schle­ichende – ist jed­erzeit mit am Zug. Auch ohne sie reicht die Skala des Erre­ich­baren von der Atem­pause für die Natur/​Kultur der Region über Geld und Pres­tige bis zur schrit­tweisen Aus­for­mung von Inter­essen– und Organ­i­sa­tion­shy­bri­den, in denen die gesellschaftlichen und ökonomis­chen Inter­essen der schützen­den Seite ihre Nis­che finden. Wer gewinnt, hat gewon­nen – ein ebenso banaler wie abgründi­ger Satz, der besagt: Geg­n­er­schaft zahlt sich aus. Hier wie über­all über­wiegt der Fak­tor Gesellschaft, erkennbar als Zuwachs an Macht und Ein­fluss, das deklar­i­erte Ziel, in diesem Fall: den Schutz der Ökosphäre. Leben ist wichtiger als Über­leben. Es sei denn, es geht ums nackte Über­leben – hier und jetzt. Die Frage lautet: Wann beginnt beim Men­schen das ›nackte‹ Über­leben? Auch da wirken kul­turelle Prägungen.

12.

Wer zu Hause Gewinne ein­stre­ichen will – in Form von Arbeit­splätzen, Infra­struk­tur, sink­enden Krim­i­nal­ität­sraten und Unternehmer­prof­iten –, weiß, dass er, um erfol­gre­ich zu sein, global han­deln muss. Die glob­ale Ver­net­zung würde gnaden­los jeden Ansatz von Iso­la­tion­is­mus zu Sand zer­reiben. Wer inter­na­tionale Frei­han­delsabkom­men kündigt, ist nicht per se Iso­la­tion­ist: Er zer­stört nur den Fetisch des Glob­al­is­mus und den Popanz der Glob­al­isierungs­geg­ner, eine Gestalt der Hydra, der fortwährend neue Köpfe nachwach­sen, sobald einer von muti­gen Aktivis­ten, unter­stützt durch mächtige Fre­unde in admin­is­tra­tiven Zirkeln, herun­tergeschla­gen wurde. Kaum etwas ver­rät mehr über den Zus­tand der aktuellen Glaubenswelt als das betretene Schweigen der Aktivis­ten angesichts der Neuen Ökonomis­chen Poli­tik im Westen, die ihre sein müsste, woll­ten sie dem Risiko der Selb­stab­schaf­fung ern­sthaft ins Auge sehen. Dabei wäre es nicht sehr hoch.

13.

An dieser Stelle beginnt ein selt­samer Wet­t­lauf der Deu­tun­gen, sich den Begriff des ›Bösen‹ zu eigen zu machen – oft als Dämon­isierung von Mächten und Men­schen beschrieben, ohne dass die ›Dämon­isierer‹ sich dadurch erkennbar beein­druckt zeigten. Man kann darin – sicher nicht zu Unrecht – ein weit­eres Beispiel für den Nieder­gang aufk­lärerischer Deu­tung­shoheit sehen, man kann es auch lassen. Das west­liche Bil­dungssys­tem leis­tet sich ein Netz von Kul­tur­wis­senschaften, die das, was geschichtsver­hafteten Europäern als Nieder­gang vor Augen steht, als notwendige Arbeit an der Befreiung unter dem Diskursjoch des Logos schmach­t­en­der Erd– und Bevölkerung­steile begreifen lehren, wenn nicht der von ihnen ver­wal­teten kul­turellen Ver­gan­gen­heit selbst. Die Stig­ma­tisierung der Ratio als der sym­bol­is­chen Ord­nung zur Herrschaft geronnener Gewalt im Zen­trum des gegen­wär­ti­gen Bil­dungssys­tems schafft Raum für die aufk­lärungs­feindliche Wiederkehr des ›Bösen‹, des bequem­sten aller Deu­tungsmuster, mit dessen Hilfe sich jede noch so kleine, noch so notwendige Sach-​Auseinandersetzung an den Rand essen­tieller Feind­schaft und darüber hin­aus in Ver­nich­tungsphan­tasien treiben lässt. Wer genau liest, weiß, dass let­ztere den rel­a­tiv engen Kreis von Ter­ror und Ter­ror­bekämp­fung längst über­sprun­gen haben und sich in Form immer neuer Schock­wellen im gesellschaftlichen Raum verbreiten.

14.

Glob­al­is­mus und Antiglob­al­is­mus gle­ichen sich wie einei­ige Zwill­inge, sobald man die aus­ge­bilde­ten For­men ihres Zusam­men­lebens näher in Augen­schein nimmt. Da beide nichts so heftig gegeneinan­der treibt wie der leere Anspruch, den Globus zu repräsen­tieren – als Geflecht inter­de­pen­den­ter Inter­essen und als Geflecht endlicher und unendlich ver­let­zlicher Ressourcen –, liegt nichts näher, als die realiter immer wieder unter­laufene Rival­ität ebenso grund– wie hem­mungs­los auf einen Drit­ten zu pro­jizieren. Der linke wie rechte, im Ganzen eher diverse Pop­ulis­mus, sofern er antritt, den Alter­na­tivlosigkeit sug­gerieren­den agon bei­der Gesin­nungs– und Hand­lungsmächte her­abzustufen, pos­tuliert einen Raum für Entschei­dun­gen, in deren Zen­trum weder die Kon­struk­tion des erdumspan­nen­den homo oeco­nom­i­cus noch die des schein­bar konkreten Einzel­men­schen als eines plan­e­tarischen ›Jed­er­we­sens‹ steht. Für die aneinan­der gefes­sel­ten Wider­sacher, die seit Jahrzehn­ten das ide­ol­o­gis­che Feld beherrschen, kann und darf es diesen Raum nicht geben. In der Sache längst miteinan­der im Bunde, nutzen sie die Gele­gen­heit, ihre destruk­tiven Energien in einer gemein­samen Anstren­gung abzuleiten. Der Hass, den sie, zu Recht oder Unrecht, auf der Seite des Drit­ten ent­decken, spiegelt die Auswe­glosigkeit eines Diskurses, der in den Augen einer wach­senden Zahl von Men­schen immer größere Teile der Welt in Trüm­mer zu legen droht, während die gefühlten Mehrheits­ge­sellschaften den Denk– und Wahrnehmungsan­weisun­gen der brave new world weit­er­hin wider­stand­s­los Folge leis­ten. Es liegt auf der Hand, dass jener Hass und die schrille Verurteilung des ›Bösen‹ zusam­menge­hören: zwei Seiten einer Medaille, deren vehe­menter Ein­satz es der anderen Seite leicht macht, in gle­icher Münze zurück­zuzahlen. Kein Zweifel auch, dass der Dritte, wo er als nüchterner Rech­ner in Erschei­n­ung tritt, die Vorteile der ›absoluten‹ Feind­schaft für sich zu nutzen weiß.

15.

Es ist an der Zeit, die unge­heure Sug­ges­tiv­ität des ›glob­alen Denkens‹ zu durch­brechen und es zu erken­nen als das, was es war und ist: eine weit­ere Etappe auf dem Weg der Fetis­chisierung let­zter Instanzen, von denen her sich die men­schlichen Dinge ord­nen – vor allem verord­nen – lassen. Es sind die Glob­al­isierer, die sich – und ihren Geschäftspart­nern – im Wis­sen um die Fragilität der Prozesse, von denen sie abhän­gen, eine Weltkul­tur verord­nen, die der im Inneren gepflegten Fir­menkul­tur gle­icht wie ein Ei dem anderen. Diese Weltkul­tur ist, was sie ver­spricht: ein schöner Schein. Kul­tur lebt, wie das Denken selbst, von der Dis­tanz und der aus ihr her­vorge­hen­den Dif­ferenz. Wer sie ihr auszutreiben ver­sucht, tötet sie. Dis­tan­zlosigkeit macht blind, Dif­feren­zierungss­chwäche erzeugt den Leer­lauf des Immer­gle­ichen, den Vor­boten virtueller und realer Gewalt. Die pro­jek­tive Weltkul­tur, die das Böse – und damit den absoluten Feind – für sich ent­deckt, ist dort wieder angekom­men, wo sich einst die Aufk­lärung ihrer Vor­läufer annahm, um sie zu kul­tivieren. Einem Denken, das etwas anderes sein will als eine Form gepflegter Diskurs-​Ergebenheit, wird daher nichts anderes übrig­bleiben, als seine Ohren gegen den Gesang der Sire­nen zu ver­schließen, um sich des Hässlichen, des Unaussprech­lichen, des Stig­ma­tisierten und Tabuisierten anzunehmen, und sei es allein deshalb, weil ihnen das Ver­mö­gen eignet, jede Ord­nung zum Ein­sturz zu brin­gen – wohl wis­send, dass es damit neue Kon­struk­tio­nen in die Welt setzt, deren Tragfähigkeit begrenzt und deren Gel­tungs­dauer, gemessen an der Men­schheits­geschichte, extrem kurz sein wird.

Erschienen als:

Die Globus­falle (Globkult)

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