1.

Kardinal ist wohl, wer hin und wieder einen kardinalen Satz auszusprechen wagt. Ein solcher Satz des Münchner Kardinals und Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Marx, wird – wenn er ihn denn gesagt hat – im kulturellen Gedächtnis haften bleiben: Da könnte man auch fragen, ob der Atheismus zu Deutschland gehört. In diesen Tagen, in denen sich die Deutschen alles Mögliche anhören müssen, kommt der Satz wie gerufen, weil er einen Wendepunkt in der Geschichte der Konfessionen in Deutschland (und im ›christlichen Abendland‹ insgesamt) in Erinnerung bringt: die Verwandlung der zähneknirschend, überhaupt knirschend vollzogenen Anerkennung des historischen Faktums, mit Atheisten in einem Land leben zu müssen, ohne sie der (eigenen oder weltlichen) Gerichtsbarkeit ausliefern zu können, auf dass Feuer und Schwert ihr Werk verrichten mögen, in ein kulturelles Gut. Man weiß nicht, wann diese Anerkennung sich vollzogen haben soll, man weiß nicht einmal genau, was geschehen würde, überließe man christlichen Kirchenvertretern eines nahen oder fernen Tages die Gewalt im säkularisierten Staat. Manch einer erinnert sich gut an Sätze zur Wiedervereinigung wie den, nun stünde die Re-Christianisierung des Ostens auf der Agenda: Liegt das vor oder hinter dem vom Kardinal ins Auge gefassten Zeitpunkt?

2.

Ist der Atheismus eine Religion wie andere auch? Natürlich nicht, er ist ein Nebenprodukt des Glaubens an mehrere oder den einen Gott. Was, wenn alles Spuk wäre? Gespenstersehen? Gedankenspuk? Ammenmärchen? Unklares Denken? Priesterbetrug? Die Frage ist der griechischen Antike genauso geläufig wie den religiösen Jahrhunderten Europas und der islamischen Welt. Im alten China wurde sie anders (aber mit ähnlicher Schärfe) beantwortet als im alten Europa. Hier gilt die Formel: der Glaube – so er denn reifer Glaube genannt werden darf – muss in schweren inneren Kämpfen errungen werden, er muss den atheistischen Verdacht im entscheidenden Moment überwunden haben, um das Echtheitssiegel zu tragen, das den wahren Christenmenschen vor der Menge der gleichgültig Frömmelnden auszeichnet. Nur wer den Zweifel besiegt, ist ein wahrer Christ. Für alle anderen gilt der verächtliche Ausdruck ›Namenschristen‹: Leute, unfähig, ihren Kinderglauben abzulegen oder im inneren Feuer zu härten, unfähig auch, sich zu einem dezidierten Glauben ohne Gott oder gleich zum Unglauben zu bekennen. Wenn der Verdacht aufkommen konnte, der Atheismus sei so etwas wie eine eigene Religion, dann aus diesem Grund: Es ist das religiöse Beharren darauf, sich zum Atheismus zu bekennen oder ihn zu verwerfen, das ihn zur ›Konfession‹ werden lässt.

3.

Wer nicht denken kann oder will oder darf, entledigt sich des Problems mit der Faust (oder einem einschlägigen Waffenarsenal): Auch Treue wahrt uns die Person. Wenn es denn nur die Person wäre oder wenigstens die ganze – bei den meisten ›Streitern‹ läuft es auf plastische Gesichtschirurgie hinaus: Sage mir, was ich denken soll, und ich sage es dir ins Gesicht. Die streitbare Religion hat viele Gesichter. Der kastilische Ausdruck ›Reconquista‹ erinnert an eines davon. Die von heißspornigen Islamgläubigen propagierte Re-Reconquista gemahnt, historisch vielleicht zur rechten Zeit, daran, dass der Streit der Frommen zum irdischen Lebenswandel gehört wie Wasser und Luft. Der Mensch ist das Tier, das Religion hat – er wird sie nicht los, auf keine erdenkliche Weise. Wenn nötig, holt sie ihn hinterrücks wieder ein, wie die atheistischen Regime erfahren mussten, deren Lenkfiguren glaubten, ein für allemal mit ihr durch zu sein. Max Weber prägte den Ausdruck ›religiös musikalisch‹: Wer es ist, der beginnt zu singen, auch wenn er nie eine Note zu Gesicht bekam. Nicht jeder ist religiös musikalisch, für diejenigen, die es nicht sind, gibt es in den Ländern der reif, sprich nachsichtig gewordenen Religion Kultur als separate ›Instanz‹.

4.

Ist Kultur Ersatz? Wenn ja, wofür? In der Kultur verteilt sich die Substanz des Glaubens. Sie wird zum Sand, der in alle Ritzen dringt und das tägliche Leben grundiert. Weniger bildhaft gesprochen: Kultur profaniert den Glauben und sakralisiert den Alltag der Menschen. Sie lässt jene Pyramiden aus ›Leistung‹ entstehen, die demonstrieren sollen, wie weit es der Mensch ohne göttlichen Beistand bringt, und regelmäßig auf Programme der Selbstvergottung Einzelner oder der Gattung hinauslaufen. Vielleicht am klarsten hat es der junge Goethe notiert: »Diese Begierde, die Pyramide meines Daseins, deren Basis mir angegeben und gegründet ist, so hoch als möglich in die Luft zu spitzen, überwiegt alles andere und lässt kaum augenblickliches Vergessen zu.« Das erinnert daran, dass die Leistungen der meisten Mitmenschen sich eher zu Dünen ballen und mit dem Wind ziehen: Der Unterbau von Gesellschaften, die auf Kultur gründen, formt sich unauffällig von Tag zu Tag neu. Wer ihn festzuhalten wünscht, dem verfließt er, wer sich an topographischen Marken orientiert und das ›Ganze‹ im Blick zu halten versucht, der registriert ›Veränderungen‹. Scheinbar fest gegründete Institutionen verändern ihren Sinn mit den Menschen, die sie bewohnen. Der Tendenz zur Selbsterhaltung entspricht der Sog der Sinnentleerung, der keine auslässt.

5.

Manche Kommentatoren – und Politiker, die ihre Sätze begierig aufnehmen – wirken glücklich, im ›politischen Islam‹ einen aus den Bezirken einer grundgesetzlich garantierten und kulturell akzeptierten Religionsfreiheit fernzuhaltenden Gegner gefunden zu haben. Der Preis, den sie dafür entrichten, scheint eine Art permissives Denkverbot in Bezug auf politische Religion im allgemeinen zu sein: Was soll schon dabei herauskommen? Dabei warten hier die heikelsten Fragen. Die Religion, die das göttliche Gebot reinen Herzens dem Verfassungsgebot unterordnet, müsste erst noch erfunden werden. Genauer: Seit es säkulare Verfassungen gibt, wird sie unentwegt auf dem Reißbrett erfunden, – ohne Erfolg, aber mit Folgen in pragmatischer Hinsicht. In der Regel ist damit allen Seiten gedient. Verfassungsexperten wissen, dass der Konflikt im Wortlaut des deutschen Grundgesetzes selbst virulent ist. Gefragt zu sein scheint dieses Wissen in der Öffentlichkeit nicht. Die nicht aus der Welt zu schaffende Sorge, ob der Konflikt ruht oder ob er irgendwann aufbricht, richtet sich nicht auf ›die Religion‹ und nicht auf einzelne Religionen, sondern auf Kirchen und Kirchenvertreter (oder dort, wo Kirchen im christlichen Wortsinn nicht existieren, auf die vorhandenen religiösen Autoritäten und ihre diversen Gefolgschaften). Zu hoffen bleibt, dass von ihnen auch verlässliche Antworten kommen. Eine alte Religion wie der Islam, die eine Vielzahl von Kulturen hervorgebracht hat, lässt sich nicht ohne jene Landschaft aus lautlosen Wanderdünen verstehen, die heute hier und morgen dort die bizarrsten Formationen, sprich: Bewusstseinswelten hervorbringt. Die ’68er Revolte jedenfalls ist nicht von Kardinälen prognostiziert und abgesegnet worden.

6.

Wenn gelebte Religiosität von Zuspitzungen lebt, dann ist die politische Religion eine ihrer ständigen Optionen. Ein Beispiel dafür gab Papst Franziskus in seiner Ansprache vom 25. Juli 2013 vor argentinischen Jugendlichen in Rio de Janeiro. Gewollt oder ungewollt hallt sie noch in den österlichen Worten des deutschen Kardinals nach. Franziskus packt die jungen Leute bei ihrem drängendsten Problem: der Empfindung, von den gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen ausgeschlossen zu sein, die für die meisten Jugendkulte einschließlich der Popszene verantwortlich zeichnet. Macht kaputt, was euch kaputtmacht lautete eine Parole der ’68er. Die Worte des Papstes klingen zwar moderater, sind aber für den, der genauer hinhört, von ähnlicher Härte: »… ich will, dass ihr aus den Diözesen herausgeht, dass die Kirche auf die Straßen geht und dass wir uns gegen sämtliche Weltlichkeit verteidigen: gegen den Stillstand, gegen die Bequemlichkeit, gegen den Klerikalismus und gegen all das, was uns zu verschlossenen Menschen macht.« ›Gegen sämtliche Weltlichkeit‹? Wie ist das gemeint? Was macht ›uns‹ zu ›verschlossenen Menschen‹? »Die Pfarreien, die Schulen, die Einrichtungen, sie alle sind dazu da, nach draußen zu gehen… Wenn sie das nicht tun, dann werden sie zu Nichregierungsorganisationen und die Kirche kann keine Nichregierungsorganisation sein.« (rv 26.07.2013 sta)

7.

Das Wort von den Kirchen als NGOs geistert durch die aktuellen Debatten, wann immer das religiöse Sinndefizit der westlichen Gesellschaften als Thema aufgelegt wird, zuletzt von Douglas Murray in seinem Buch The Strange Death of Europe, das gerade in deutscher Übersetzung herausgekommen ist. Religion, besagt es, erschöpft sich nicht darin, das Ihrige zum Leben der Zivilgesellschaft beizutragen. Sie geht aufs Ganze des Menschen, sie will ihn ganz. Ist damit der ›innere Mensch‹ gemeint? Nicht ganz, sonst käme es nicht so dringlich darauf an, ›nach draußen zu gehen‹. Was bliebe ›draußen‹ zu tun, was nicht durch die Tätigkeit von NGOs abzugelten wäre? Offensichtlich das, was nach deren Abzug übrigbleibt: die Besetzung der politischen Arena. Zu welchem Zweck? Folgt man dem päpstlichen Wort, so geschieht es zur Durchsetzung von Werten: »… ich bin der Meinung, dass die Weltgesellschaft aktuell über ihre Grenzen hinausgeschossen ist, sie ist über ihre Grenzen gegangen, weil sie einen solchen Kult des Geldes geschaffen hat. Jetzt bekommen wir diese Philosophie und diese Praxis der Ausgeschlossenheit von den zwei Polen des Lebens, die eigentlich die Hoffnung der Völker darstellen, zu spüren: Zum Einen ist das, natürlich, die Ausgeschlossenheit der Senioren. Man könnte fast glauben, es gebe da eine Art versteckter Euthanasie, also damit meine ich die Tatsache, dass sich keiner um die Senioren kümmert. Aber es ist auch eine ›kulturelle Euthanasie‹, denn man lässt alte Menschen nicht zu Wort kommen und man lässt sie nicht handeln. Das zweite ist der Ausschluss der Jugend. Die Jugendarbeitslosigkeit ist sehr hoch, wir stehen vor einer Jugend, die keine Erfahrung hat, was die Würde bedeutet, die man durch Arbeit verdient. Diese Gesellschaft hat uns dahin geführt, dass die zwei Spitzen, die unsere Zukunft sind, von der Gesellschaft ausgeschlossen sind. Deshalb müssen die jungen Leute jetzt hervortreten, sie müssen sich geltend machen, sie müssen für die Werte kämpfen, für diese Werte müssen sie kämpfen!«

8.

Der vom Papst anno 2013 geforderte historische Schulterschluss der Jungen mit den Alten, der Ausgegrenzten an den beiden Alters-Enden der gesellschaftlichen Skala, erinnert daran, wie begierig der heutige amerikanische Präsident im Wahlkampf das unglückliche (und tief blicken lassende) Clinton-Wort von den ›deplorables‹ aufgriff und zur Parole ummünzte, während sich deutsche Sozialdemokraten nicht entblödeten, das entsprechende deutsche Schmähwort von den ›Abgehängten‹ gegen ›Populisten‹ zu schleudern und damit jene ›prekären‹ Existenzen zu ächten, deren Integration in die Gesellschaft angeblich zu ihren verbrieften Anliegen zählt. Näher dem eigenen Lager erinnert er an die Rede des italienischen Modephilosophen Agamben vom ›Rest‹ der Gesellschaft, den ›homines sacri‹, der imaginären Gemeinschaft der aus der Gesellschaft Ausgeschlossenen, auf die sich die eschatologische Hoffnung des paulinischen Christentums richte. Heute, ein paar Flüchtlingskrisen weiter, treten die gesellschaftlichen Muster dieser im säkularen Feld divergierenden, im religiösen Niemandsland konvergierenden Redeweisen stärker hervor: ›Flüchtling‹ ist, wem durch UN-Konvention der Status des statusfreien und gerade dadurch der staatlichen Schutzpflicht anheimgegebenen homo sacer verliehen wurde, des Ausgegrenzten, dem per Menschenrecht grenzenlose Aufnahme zusteht. Man kann bezweifeln, ob die sakrale Überhöhung im Sinn der Erfinder jener Konvention und ihrer diversen Anschlussregelungen lag, vor allem, nachdem die spezielle deutsche Praxis eine Art Wahlflüchtlingsrecht geschaffen hat, das sich im Prinzip nicht sehr vom Recht auf freie Geschlechtswahl unterscheidet.

9.

Zur eschatologischen Weltsicht gehört das Weltgericht. So darf es nicht weiter verwundern, dass der Papst die biblische Kunde in zwei Kernbotschaften zusammenfasst: »Lies die Seligpreisungen, das wird dir gut tun! Wenn du es ganz genau wissen willst, lies Matthäus 25, das ist der Text, nach dem wir gerichtet werden.« Und, drängender, als sei das ›Anliegen‹ damit noch nicht scharf genug umrissen: »Die Seligpreisungen und Matthäus 25, mehr braucht Ihr nicht lesen. Ich bitte Euch darum von ganzem Herzen.« Das ist, sollte man meinen, deutlich. Es entspricht strukturell der Konzentration auf bestimmte Suren, wie sie der politische Islam ebenfalls vornimmt. Beide Male schiebt sich die Figur der finalen Verwerfung ins Zentrum der gelebten Religion: dem Verworfenen hilft bei Gott keine Verfassung und keine freiheitlich demokratische Grundordnung. »Dann wird er zu denen auf der Linken sagen: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist! Denn ich war hungrig und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis und ihr habt mich nicht besucht.«

10.

Niemand, der durch christliche Stereotypen geprägt wurde, wird sich der Wucht dieser Sätze völlig verschließen. Sie treffen den Gläubigen wie den Ungläubigen, so wie sie den Ungläubigen zusammen mit dem Gläubigen in die Pflicht nehmen. Für den Christen spricht aus ihnen das absolute Gebot, Mitmensch, ›Nächster‹ zu sein – unter allen Umständen, unter allen Bedingungen, gegenüber jedermann. Die bekannte Schwierigkeit, dass ihm keine der notwendigen Grenzziehungen zu entnehmen sind, deren menschliches Handeln im politischen Feld bedarf, soll es nicht dem fatalen Zug zur Selbst- und Fremdzerstörung anheimfallen, der aus aller Prinzipienreiterei hervorlugt, lässt sich nicht leicht durch den Rückgriff auf andere Stellen der Schrift beheben, solange die Drohung des ewigen Feuers das religiös empfängliche Gemüt tingiert. Die Unruhe des Gewissens – hier findet sie stets aufs neue Nahrung und Ungewissheit. Genug ist nicht genug, dichtete einst der Schweizer Gottfried Keller. Gerade hier sollte genug sein? Hier sollte genug sein können? Es liegt auf der Hand, dass ein Land, dem Hartz IV nicht genug ist, an seinen Grenzen Schwierigkeiten bekommt, sobald die Bewohner zweier Kontinente Elendsansprüche erheben. Allerdings sollten seine Bewohner sich zweimal überlegen, ob sie es wirklich dem Machtanspruch religiöser Eliten ausliefern möchten, die das Feuer, das dort glimmt, künstlich weiter entfachen, teils, um sich daran zu wärmen, teils, um die eigenen Hände in Unschuld zu waschen und damit öffentlich eine Geste zu wiederholen, die ihr kanonischer Text zu den verächtlichen zählt.

 


3. 4. 2018

erschienen auf Globkult

0
0
0
s2smodern
powered by social2s