Bürgerliche Philosophie stellt Ansprüche, agiert, stellt sich ständig neu dar, ist aktiv.
 

1.

Was ist ein Plagiat gegen die Gründung einer Gesellschaft? Die Frage lässt sich, wie viele im ideologisch besetzten Raum, nicht einfach beantworten. Es kommt darauf an – auf Zeit, Ort und Umstände sowie, nicht zu vergessen, auf den Kreis der Beteiligten, jedenfalls dann, wenn sie einen Kreis bilden und nicht ein Quadrat oder eine Hyperbel. Eine Nietzsche-Gesellschaft bildet da keine Ausnahme, erst recht unter der abgelegenen Prämisse, dass sich die Gründung in der Wende- und Endphase der DDR unter Federführung namhafter Lehrender der marxistisch-leninistischen Philosophie und begleitet von einem gewissen Raunen in einem Teil der Zunft vollzog, aus dem sich das entwickeln sollte, was vorsichtige Mitmenschen unter der Bezeichnung ›Querelen‹ zusammenzufassen geneigt sind. Erforscher des Zwielichts, in dem Geschichte sich bildet, sprechen gern vom bleibenden Interesse, um die eigene Privat-Neugier an ihrem Gegenstand abzudunkeln. Ein solcher Rekurs ist in diesem Fall weder nötig noch angezeigt, da die Gesellschaft selbst das bleibende Interesse als Gründungszweck festgelegt hatte. Die anfänglich »Interessengemeinschaft Friedrich Nietzsche e. V.« genannte Vereinigung, repräsentiert u. a. durch einen wissenschaftlichen Beirat, in dem sich Kollegen aus Ost und West zu gemeinschaftlichem Wirken zusammenfanden, hatte sich bei der Ankündigung ihrer Statuten ins Merkbuch geschrieben, sie gedenke »Leben und Werk des bedeutenden deutschen Philosophen kritisch zu würdigen und einer von Sachkenntnis getragenen Betrachtung Wege zu bereiten«. Außenstehende konnten sich leicht die Augen reiben und fragen, ob die unaufhaltsam steigende Flut von Publikationen gerade zu diesem Autor von so mangelhafter Sachkenntnis geprägt war, dass ein eingetragener Verein als geeignetes Mittel gelten durfte, dem Notstand abzuhelfen. Sie mochten aber daran denken, dass zu DDR-Zeiten die Dinge ein wenig anders gelegen hatten und der sächsische Pfarrerssohn dort bis zum Ende offiziell als Erzbösewicht allen kapitalistisch-imperialistischen Philosophierens galt. Es durfte also wohl gefragt werden, welchen – und wessen – Interessen eine Interessengemeinschaft zu dienen gedachte, die den Namen des auf- und umgewerteten Schelms in den ihrigen aufgenommen hatte.

Aufschluss in dieser Frage versprach die ins Auge gefasste Präambel der Vereinssatzung. Dort las man:

Die Interessengemeinschaft Friedrich Nietzsche stellt sich die Aufgabe, das geistige Erbe Friedrich Nietzsches zu pflegen und das Bild des Denkers von den Verzeichnungen zu befreien, die dadurch entstanden, dass Friedrich Nietzsches Philosophie als Herrschaftsideologie missbraucht und bekämpft wurde.

Kein Zweifel: diese ›Verzerrungen‹ gab und gibt es. Wenn es inzwischen gelungen war, das ›Bild des Denkers‹ von ihnen zu befreien, dann war das vor allem der Colli-Montinari-Ausgabe seiner Schriften zu verdanken, deren Entstehung, immerhin, von der DDR geduldet worden war. Die Kritik am faschistischen Nietzsche-Kult hatte auch im Westen nicht vor dem Standbild des Denkers Halt gemacht, doch auch hier war es selbst im publizistisch erregten Umfeld längst üblich geworden, sie eher mit Hilfe einer genaueren Nietzsche-Lektüre vorzutragen als mit den üblichen Totschlag-Argumenten notorischer Nietzsche-Hasser. Sollte daran erneuter Bedarf bestehen? Wenn ja, für wen? Die inkriminierte Herrschaftsideologie war, außer in den Kreisen von Neo-Nazis, seit Jahrzehnten ein toter Hund. Übrig blieben damit vorerst nur die ›Verzeichnungen‹ derer, die sie untertänigst und wider besseres Wissen während all der Jahre im Westen geortet und ›bekämpft‹ hatten im Ernstfall mit schlecht geschriebenen Papieren ›zum internen Gebrauch‹. Davon war inzwischen einiges an den Tag gekommen. Vergangenheitsbewältigung also stand auf dem Programm. Aber wer, außer Leuten, die durch die Zeitenwende daran gehindert wurden, Herrschaftsideologie fortzuschreiben – unter Bauchgrimmen, das versteht sich –, hätte hier etwas zu bewältigen gehabt? Alle anderen, denen zu DDR-Zeiten die Texte – mit gemischtem Erfolg – vorenthalten wurden, genügten Augen, um zu lesen, und ein Kopf zum Denken. Nietzsche ist nicht Mao Tse-tung.

 

2.

Historiker wissen es: Siege enthalten den Keim künftiger Niederlagen. Die Erkenntnis betrifft nicht zum wenigsten die mittelbaren Nutznießer der Ereignisse. Noch war die Selbstdemontage des Ostens im vollen Gange, noch waren die Ursachen des Konkurses nur dem Gerede präsent, da zeigten sich die Sieger im Schlagabtausch der Ideologien bereits im vollen Ornat, ohne zu bedenken, dass ihre Dienste zu Hause seit längerem nicht mehr so gefragt waren wie in besseren Zeiten. Dem entsprach der Duckreflex bei ihren einstigen Gegnern, die sich – nicht ganz zu Unrecht – als Besiegte begreifen mussten, nicht ohne jedem, der hören wollte, zu verstehen zu geben, dass keineswegs sie es waren, die versagt hatten. Diese intellektuelle Dolchstoßlegende, anfangs außerhalb der eigenen Zirkel nur halblaut und in Nebensätzen vorgetragen, ist in einem gewissen Milieu seit damals Gemeingut geworden: Grund genug, sich ein wenig mit ihr zu beschäftigen.

Es gab sie hauptsächlich in zwei Varianten. Die erste haderte mit den objektiven Ursachen der Niederlage. Wenn schon auf absehbare Zeit keine reale Chance einer Wiederkehr des Sozialismus bestand, so sollten wenigstens die Schuldigen ermittelt werden, um sie an den Pranger einer von neuen Ressentiments durchsetzten und keineswegs zu Grabe getragenen Gesinnung zu stellen. Die zweite, eher ›weiche‹ Variante diente dem nüchtern kalkulierten eigenen Fortkommen unter veränderten Bedingungen. In ihr standen die Schuldigen am Zusammenbruch von vornherein fest. Es waren die vergangenen Machthaber mit ihrem willfährigen Tross an Gesinnungswächtern, gegen deren starrsinnige und geistferne Vorgaben man schon immer, gleichsam von Berufs wegen, in einer Art virtueller Opposition stand. Anders als die ›harte‹ Variante ließ sich diese wohlwollend missverstehen – als ein Beitrag zum inneren Frieden in der scientific community, soweit sie durch ›Abwicklung‹ und ›Umbau‹ der Hochschullandschaft beunruhigt worden war. Kein Wunder also, dass sie das institutionelle Vorurteil für sich hatte. Wer immer Gründe besaß, Ruhe einkehren zu lassen, konnte finden, dass sich mit ihr leben ließ.

Nun ist das Argument, das der ›weichen‹ Variante zugrundeliegt, prima vista geeignet, Zustimmung hervorzurufen. Wissenschaftler, die sich in ihren Denk- und Arbeitsmöglichkeiten eingeengt wissen, entwickeln gewisse Mechanismen, um mit diesem Handikap umzugehen: der Anekdoten zu diesem Thema war und ist kein Ende. Auch besitzt es den Vorteil, nicht moralisch, sondern funktional zu sein und damit gegen ein hemmungsloses, leicht in persönliche Verfolgung ausartendes Moralisieren nützliche Dämme zu errichten. Falsch wäre es allerdings, aus diesem Argument, das seine Plausibilität der Vertrautheit mit der Mentalität von Wissenschaftlern entlehnt, weiterreichende Schlüsse zu ziehen. Vor allem musste man sich hüten, aus jener Mentalität erwachsene Verhaltensweisen mit Formen des Widerstandes oder systemüberwindenden Aktivitäten zu verwechseln. Nicht so sehr, um Legenden vorzubeugen – sie werden durch die historische Wahrheit ohnehin kaum behelligt –, auch nicht, um post festum die Böcke von den Schafen zu sondern, vielmehr, weil es in der Sache lange Zeit keineswegs ausgemacht erschien, welche ›Siege‹ auf den diversen Nebenschauplätzen des großen Geschehens errungen wurden und welche Folgerungen sich daraus für diese oder jene Zunft ergaben. Die Frage betraf in erster Linie die Philosophie, in zweiter Linie die Kulturwissenschaften insgesamt.

 

3.

Im 1991 erschienenen Band I der »Jahresschrift der Förder- und Forschungsgemeinschaft Friedrich Nietzsche e. V.«, wie sich die Interessengemeinschaft schließlich nannte, findet man einen programmatischen Aufsatz, der den Titel trägt: Von alten und neuen Schwierigkeiten mit Friedrich Nietzsche. Der Verfasser dieses Beitrags und Vorsitzende der »Förder- und Forschungsgemeinschaft«, der Philosophiehistoriker Hans-Martin Gerlach, stand zu DDR-Zeiten der Sektion für marxistisch-leninistische Philosophie an der Universität Halle vor. Als Mitglied und zeitweiliger Vorsitzender des »Beirates für marxistisch-leninistische Philosophie beim Ministerium für Hoch- und Fachschulwesen der DDR«, eines Organs, dem die Ausarbeitung von Richtlinien für die philosophische Lehre an den Hochschulen der DDR oblag, kennt sich Gerlach in seinem Thema aus. Die ›alten Schwierigkeiten‹ mit Nietzsche (der in den oberen Rängen stets den ideologischen Feind repräsentierte) sind die der machtgestützten marxistischen Orthodoxie und ihrer Vertreter, die ›neuen‹ Schwierigkeiten die einer gewendeten Philosophie auf dem Boden der damals noch existierenden DDR, sich dem – wie ihr scheinen musste – siegreichen Feind gegenüber angemessen zu verhalten. Das eigentliche Thema des Aufsatzes liegt damit obenauf. Es sind die Probleme, die eine vormals auf den ideologischen Kampf verpflichtete Philosophie mit sich selbst bekam, nachdem der Auftrag mit dem Abgang der Auftraggeber von der Bühne des politischen Geschehens sich erledigt hatte oder zumindest suspendiert worden war. Solche Probleme löst man nicht durch Schnellschüsse; da es sich um Fragen der primären philosophischen Orientierung handelt, sollte jeder Beitrag willkommen sein.

Lesern, die es vor 1989 versäumt hatten, sich mit den Denkroutinen des östlichen Byzantinismus näher zu befassen, und danach keine dringende Veranlassung sahen, das Versäumte nachzuholen, mochte es bloß unplausibel erscheinen, dass eine – der Nietzsche-Renaissance in den achtziger Jahren zum Trotz – relative Randfigur des allgemeinen philosophischen Interesses damit ins Zentrum einer Reflexion gerückt wurde, in der es, genau gesehen, um Sein oder Nichtsein einer bestimmten Art philosophischer Praxis, ums Überleben ging. Allerdings entging ihrer Aufmerksamkeit auf diese Weise die eine oder andere Kapitulationsurkunde, die damals verfasst wurde. 1987 hatte Gerlach noch geschrieben:

Das Phänomen Nietzsche erschließt uns modellhaft geistige Grundstrukturen spätbürgerlicher Gesellschaft einst und heute.

Der Satz kann verständlich machen, warum der neuerlichen Annäherung an das ›Phänomen Nietzsche‹ nach 1989 angesichts der näherrückenden Übernahme durch die ›spätbürgerliche Gesellschaft‹ die Aufgabe zugedacht werden konnte, sich in deren ›geistige Grundstrukturen‹ zu reintegrieren. Auch mochte das nicht so schwerfallen. Im sich abzeichnenden Ruin des Marxismus-Leninismus auf eigenem Boden, lange vor 1989 am Auszug der Intelligenz erkennbar (bei fortdauernder Betriebsamkeit im Inneren), scheint dem Denker und Deuter spätbürgerlicher Dekadenz in akademischen Kreisen eine ähnliche Faszination zugewachsen zu sein wie dem Westfernsehen in den Augen der Werktätigen. Von dieser Faszination schreibt Gerlach, wenn er berichtet:

Instabilität, krisenhafte Erscheinungen wurden allemal nur antagonistisch charakterisierten gesellschaftlichen Zuständen attestiert, nicht aber einer gesamtgesellschaftlich planbaren Ordnung, weil man nicht begriff, dass überall wo Leben ist, eben auch Krise sein muss, weil Krisensituationen zu allen Lebensprozessen dazugehören... Nietzsche aber war ja nun ein Spürer von krisenhaften Prozessen par excellence. Und so war denn besonders in den letzten Jahren des Bestehens der DDR ein eigentümliches Phänomen zu bemerken. Einerseits konnte man ein wachsendes Interesse (welches gelegentlich schon wieder die Stufe des Kulthaften erreichte) feststellen, andererseits wuchs die bornierte Abwehrhaltung eines mehr und mehr versteinerten ideologischen Apparats.

Das Unterfangen, diese Faszination durch die erneute – nun endgültig angestrebte ›unvoreingenommene‹ – Lektüre begrifflich dingfest zu machen, bietet demnach eine interessante Doppelperspektive. Zur vorlaufenden Anpassung an die neuen, sprich alten, nämlich spätbürgerlichen Verhältnisse gesellt sich ein letzter Liebesdienst an der zerrinnenden DDR. Die späte Treuebekundung gegenüber dem ›Volk‹ der DDR soll die begangene Untreue – das Festhalten an einer den Bedürfnissen der ›Massen‹ entfremdeten dogmatischen Interpretation – annullieren.

Annullieren, das heißt, aus dem Gedächtnis tilgen: denn statt für die alte Interpretation einzustehen, allenfalls ihre Ober- und Untertöne dem mit weniger insider-Wissen Geschlagenen hörbar zu machen, suggeriert der Text seinen Lesern Kontinuität – eine längst etablierte Praxis undogmatischen Nachdenkens über Nietzsche, die jetzt, nach dem offiziellen Ende der DDR, endlich ans Tageslicht trete. Kein Zweifel, dass es zu DDR-Zeiten ein solches undogmatisches Nachdenken gab. Um allerdings festzustellen, welchem damaligen Denkstrang der Verfasser zuzurechnen ist, reicht es, sich ein wenig in den Schriften umzusehen, die ihn nach der politischen Wende als einen der Initiatoren einer un- und antidogmatisch ›intendierten‹ Nietzsche-Debatte in der DDR der achtziger Jahren ausweisen sollten.

Musil, sonst ein exzellenter Kenner, Analysator und Darsteller der Krise des bürgerlichen Menschen und seines Verfalls in die »Eigenschaftslosigkeit« (!), sollte sich ... in zwei Dingen irren. Nietzsches Werk war und blieb nicht der Park, in den niemand hineinging, er wurde »Modephilosoph«, »Weltanschauungsbildner« des bürgerlichen Bewusstseins im 20. Jahrhundert und vor allem, es kamen keine »tüchtigen geistigen Arbeiter«, die aus Nietzsches Ideen Kulturfortschritt entwickelten, wohl aber kamen aus eben diesem bürgerlichen Schoß im Imperialismus Bewegungen, deren Ziel es vielmehr war, »tausendjährige« Kulturbarbarei und gesellschaftliche Reaktion über Deutschland und die Welt zu bringen.

Das ist die ›Unheilslinie‹, die von Nietzsche über die Lebensphilosophie zu Spengler und Rosenberg und damit in die faschistische Barbarei reicht, wie Ernst Bloch, selbst ein Verfemter, schrieb. Gerlach modifiziert die These, indem er, westlichen Interpretationsmustern sich nähernd, vom Nietzsche-›Mythos‹ den originalen Nietzsche sondert, dem es in Zukunft auch im Sozialismus größeren Respekt als in der von den alten Kämpfern dominierten Vergangenheit zu bezeugen gelte. Die Sonderung bleibt, wie betont wird, prekär; schließlich stecke allzu viel originärer Nietzsche im Mythos selbst. Nüchtern betrachtet, läuft die Argumentation auf die Feststellung hinaus, in den Schriften des Widersachers ließen sich auch Gedanken finden, die nicht bereits dadurch als desavouiert anzusehen seien, dass sie sich in diesem Œuvre finden.

Zur richtigen Zeit und im richtigen Kontext plaziert, kann eine solche – sachlich einigermaßen schlichte – Feststellung Wirkungen hervorrufen, die weit über das Gesagte hinausgehen. Man muss also Zeit und Kontext ins Kalkül ziehen, um über das, was da ›angeregt‹ wird, Klarheit zu gewinnen. Zunächst aber – um der voreiligen Lesart vorzubeugen, ›in Wahrheit‹ werde, wenn auch auf etwas verschämte oder gar ›verdeckte‹ Weise, hier Anschluss an weiter westlich exekutierte hermeneutische Standards gesucht –, sei dem zitierten Text eine zusätzliche Stelle entnommen.

Man muss auch und gerade heute, wo nicht zuletzt Neokonservative jeglicher Couleur sich erneut auf Nietzsche berufen, wo aber auch Liberale und zunehmend Linksradikale geneigt sind, in eine Nietzsche-Renaissance zu verfallen, dessen Philosophie eben – um mit dem späteren Thomas Mann zu sprechen, »im Lichte unserer Erfahrungen« lesen, analysieren und kritisch bewerten. Diese Erfahrungen lehren uns, dass eine Auseinandersetzung mit Nietzsches Denken (bzw. mit dem, was eine »schlimme Gemeinde« für ihre vordergründigen Ziele daraus machte) nach der faschistischen Perversion nicht allein eine rein theoretische Angelegenheit unter akademischen Fachleuten sein kann. Es war immer und ist es auch heute zugleich eine politisch-ideologische, praktische Auseinandersetzung mit reaktionärem faschistischem Ungeist...

›Neokonservative jeglicher Couleur‹ – in der DDR? Eine solche Auslegung ginge wohl etwas zu weit: der ideologische Feind steht unvermindert im Westen und muss mit Waffen bekämpft werden, die, nachdem im Kapitalismus neue Nietzsche-Lesarten den Markt beherrschen, dringend der Nachrüstung bedürfen. Das umso mehr, da der ›reaktionäre faschistische Ungeist‹ aus ganz unerwarteten Richtungen die DDR zu penetrieren begonnen hat – man schreibt das Jahr 1987.

Zeit und Kontext. Zehn Jahre vor dieser Veröffentlichung erscheint in der DDR die deutsche Ausgabe eines Nietzsche-Buches aus der Feder eines sowjetischen Autors: S. F. Oduev, Auf den Spuren Zarathustras. Der Verfasser, Abteilungsleiter der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der KPdSU, hält sich nicht lange mit feinsinnigen Nietzsche-Auslegungen auf. Mit kräftigen Strichen zeichnet er die schlimme Genealogie der westdeutschen Nachkriegsphilosophie nach:

Der zähe Schlamm des Nietzscheanismus saugt einen labilen, aus dem Gleis geworfenen, vom Kapitalismus gebrochenen Menschen in sich auf und macht ihn letzten Endes zu einem Opfer der Reaktion.

Zusammen mit dem Übersetzer Günter Rieske übernahm Gerlach die damals sicherlich als ehrenvoll empfundene Aufgabe, das Buch herauszugeben und mit einem Vorwort zu versehen, das neben den aktualisierten Lesedirektiven auch Allgemeines mitzuteilen weiß:

Die systemimmanente Aggressivität des Imperialismus entspringt dessen ökonomischen Grundlagen; der Imperialismus besitzt daher heute ein ebenso aggressives Wesen wie in seiner Herausbildungsphase.

Sätze wie diesen schrieben viele, nicht zuletzt auch im Westen. Aus Gründen der Fairness sei es gesagt: angenommen, unter den Pionieren des Geistes sorgte sich einer ums Fortkommen, so fiel es im Osten schwerer, sich zu entziehen.

Wie die Herausgeber feststellen, diente Oduevs Buch dem ideologischen Kampf an zwei Fronten: einmal als marxistische Analyse und Kritik am philosophischen Denken Nietzsches, sodann als Beschäftigung mit den »›Spuren‹ Zarathustra-Nietzsches in der Ideologie des imperialistischen Deutschland bzw. nach 1945 in der in der BRD vorherrschenden Ideologie.« Um jeden Zweifel auszuschließen, welche ideologischen Spurenleger gemeint seien, werden Namen genannt. Neben Alfred Weber, Karl Löwith, Karl Jaspers, Martin Heidegger und Otto F. Bollnow stehen der ›linksanarchistische‹ Herbert Marcuse und die ›revisionistische‹ Zagreber Praxisgruppe auf der Liste. Was diese Herrschaften an Nietzsche fessele, seien die »subjektivistisch aufgeblähte Kulturkritik« sowie seine »Kritik am liberalen Bürgertum und seiner Spießermoral«, die am Ende alle Moral und Kultur verabschiede. Da erscheine es

um so bedeutsamer, als in der deutschen Geschichte das von Nietzsche selbst proklamierte Bündnis zwischen (seiner) Philosophie und (der) Politik unter imperialistischen Herrschaftsbedingungen die Welt zweimal in furchtbare Katastrophen gestürzt hat.

 

4.

Vermutlich ist es keine Schande, dergleichen geschrieben zu haben, auch wenn, wie bei aller ideologischen Auftragsarbeit, ein schaler Beigeschmack bleibt. Seine nachträgliche Verklärung allerdings zu einer besonders raffinierten Weise, das sozialistische Staatswesens von innen her auszuhöhlen, verstimmt. Um sich über die Hintergründe dieser sogenannten Nietzsche-Debatte zu informieren, die mit den einschlägigen Versuchen anderer, den Autor auch in der DDR zugänglich zu machen und einer sachlichen Lektüre zuzuführen, nichts zu tun hat, reicht es aus, den Erläuterungen zu folgen, die dazu in der Jahresschrift der Förder- und Forschungsgemeinschaft Friedrich Nietzsche e. V. von 1990/91 gegeben wurden.

Eingebettet in eine zu Beginn der 80er Jahre in engen Fachkreisen beginnende Nietzsche-Diskussion auf neue Weise (Signum war m. E. der 1983 im Heft 7 der »Weimarer Beiträge« erschienene Artikel zur Nietzsche-Rezeption von Renate Reschke), waren auch in Halle Bestrebungen im Gange, zunächst im Hinblick auf solche äußeren Ereignisse wie die des 90. Todestages und des 150. Geburtstages des Philosophen, dessen Geburts-, einige Wirkungs- und dessen Sterbe- bzw. Begräbnisort sich ja alle im sächsisch-thüringischen Raum befanden und wo sicher anlässlich dieser Ereignisse mit einem internationalen Besucherstrom zu rechnen war, sich mit dessen Philosophie sachlich, analytisch-kritisch zu beschäftigen.

Der Umstand, in einem historisch kontingenten, bloß territorialen Sinn über die Kultstätten der so verstandenen internationalen Nietzsche-Gemeinde zu verfügen, verbunden mit dem Gedanken an die in einigen Jahren bevorstehenden Gedenktage, reicht hin, um innerakademische Betriebsamkeit auszulösen:

Es war uns insbesondere nach der Kenntnisnahme des internationalen Diskussionsstandes und seines hohen theoretischen Stellenwertes und interdisziplinären Charakters klar, dass unsere Absicht ein viel komplexeres und systematischeres Herangehen erforderlich machte, als wir zunächst ins Auge gefasst hatten. Wir entschlossen uns deshalb 1984, an unserer Universität im Jahre 1986 eine Nietzsche-Konferenz mit interdisziplinärem Charakter durchzuführen.

Das heißt doch wohl: die notorische Devisenknappheit der DDR, die propagandistisch bemäntelte ökonomische Notwendigkeit, mit kalendarischer Unerbittlichkeit ins Haus stehende Festivitäten auf ›internationalem Niveau‹ durchzuführen, erzwingt eine erneute Beschäftigung mit dem Philosophen, die sich rasch als diffiziler, sprich arbeitsintensiver erweist als ursprünglich angenommen und einige Korrekturen an den bis dahin geltenden Sprachregelungen erforderlich macht. Das ist einsehbar und weit verständlicher als alles, was zur Begründung des nach dem politischen Umbruch unternommenen Versuchs, aus der rein territorialen Verfügung über die Stätten geistig unklare Vorteile zu ziehen, nachgeschoben wird. Dem staunenden Zeitgenossen mochte das genügen.

 

5.

Wer glaubt, das hinter diesen Aktivitäten stehende Problem sei damit hinreichend analysiert, irrt dennoch. Wer den bürokratischen Um- und Rückbau von DDR-Institutionen nach der Eingliederung in die Bundesrepublik an der einen oder anderen Stelle mitverfolgte, durfte zu sehr unterschiedlichen Urteilen kommen. In intellektuellen Fragen allerdings wird ›Rückbau‹ stets ein wenig nach Regression schmecken und säuerliche Reaktionen hervorrufen. Die Universitäten mit dem ihnen eigenen Pathos der Lehre und Forschung wurden in jenen Jahren für Versuche benützt, deren Ergebnisse weit in die westlichen Landesteile ausstrahlen sollten und aus denen das wissenschaftliche Personal mit einem stark gewandelten Selbstverständnis hervorging. Die östliche Anpassung an die Freiheit besaß ihren Preis. Zu entrichten hatten ihn Leute, deren Anpassungsbereitschaft bereits ebenso erprobt war wie ihre Fähigkeit, Überzeugungen auszubilden und zu vertreten, die ins karrierefreundliche Spektrum fallen. Kein Wunder also, dass die Fähigkeit und der Wille zur Karriere in den folgenden Jahrzehnten zum stärksten Wissenschaftsmotor avancierten, während Wahrheitsfragen in den sogenannten Kulturwissenschaften – den ›Geist‹hatte man vorsorglich gestrichen – einen unerklärlichen Niedergang erfuhren, von dem die Philosophie als Disziplin, so distanziert sie der Kultur gegenüber sich auch gebärden mag, sich keineswegs ausnahm. Arrangiert euch und liebet einander: wer in diesem Motto nicht die Parole erkennt, wer nicht spurt, fliegt raus, beweist kaum Anschlussfähigkeit und darf auf wenig Fortkommen hoffen. Was mehr zählt: seine Stimme besitzt kein Gewicht, es sei denn das des Mühlsteins, das ihn unaufhaltsam in die Tiefe zieht.

Die Hermeneutik, als Meisterdisziplin der Philosophie in einem Land mit vergifteter Tradition, hatte ihre historische Aufgabe in dem Moment vollendet, in dem der Zusammenbruch des Ostblocks die Schlacht um die Deutungshoheit gegenüber den Vergangenheitsbeständen, dem – offenbar verlorenen und nunmehr wiedergefundenen – ›kulturellen Gedächtnis‹, wie es seither vollmundig heißt, entschied. Sie musste es nur noch lernen. Nirgends lernt es sich leichter als in der Lehre. War sie also, mitsamt ihrem Anspruch, als Fundamentaldisziplin begriffen und respektiert zu werden, nach Osten gewandt möglicherweise wenig mehr als die Lauge, in welcher – nach wiedererlangter Reputation im Westen – der kämpferische Marxismus seine Ecken und Kanten einbüßen musste, um sich in das Gespräch, das wir sind, auf eine ungefährliche Weise einzufügen und irgendwann aufzulösen? Dass die Schlacht zeitweise über die ganze Breite des Herkommens ging, sollte unsere Verwunderung über den kurzzeitigen Versuch der Gegenseite, just im Sils Maria-Bezirk die weiße Fahne zu hissen und beseelt vom gewohnten Kampfgeist gegen die gerade eigenen, nunmehr verlassenen Linien anzureiten, nicht mindern. Sicher wäre es ›zu einfach‹, den Philosophen oder das eine oder andere seiner Theoreme dafür verantwortlich zu machen. Eigentlich steht sein Name für jenes glitzernde Nichts, das einmal den Reiz des Westens ausgemacht hatte und das nun, nach erfolgreichem Stellungwechsel, als Trophäe im Wind des Wandels flatternd das Ende der Reisekader verkündete: Seht, wir sind es selbst. Auch dieses Erbe ließ sich antreten.

 

6.

Ein kluger Kopf hat alles verdient, was die Nachwelt ihm ansinnt. Schließlich hat er es versäumt, sich selbst rechtzeitig um einen Kopf kürzer zu machen: das rächt sich. Selbstverständlich war und ist Nietzsche kein beliebiger Denker. Das Unterfangen, den jüngeren Nietzscheanismus mit seinen auf Heidegger und Derrida, auf Foucault und Deleuze zurückgehenden Motiven als Plattform für eine postmarxistische Neuorientierung zu benützen, sympathisierte – hermeneutisch distanziert, wie in deutschen Seminaren üblich – erkennbar mit Denkstilen, die von der marxistischen Orthodoxie als ›irrational‹ oder ›irrationalistisch‹ gebrandmarkt worden waren. Die naheliegende These, dass das Wort ›rational‹ in jenem System mehr und mehr für eine Art der Wirklichkeitsbeschreibung reserviert blieb, die von der Wirklichkeit mühelos über- und unterschritten wurde, ließ den Schluss verführerisch wirken, jene vordem verketzerten Theorien möchten sich vor allen anderen als realitätsnah oder gar -angemessen erweisen. Hier könnte der Wunsch – ›le désir‹ – den Gedanken machtvoll präjudiziert haben.

Die östliche Auflösung traf – wahrscheinlich zur nicht geringen Verblüffung derer, die sie durchlebten – auf einen westlichen Stillstand, der auf Kongressen seit Jahrzehnten guten Gewissens präsentiert wurde und sich munter in gelehrten Publikationen fortschrieb. In seinem Zentrum stand die den einstigen Akteuren längst entglittene, im Dämmer- und Zwielicht vager oder auf Gesinnung zielender Formulierungen vegetierende Rationalismusdebatte. Angesichts der trivialisierten, zum Bestandteil einer auf akademische Ressourcen zurückgreifenden Popularkultur gewordenen Logozentrismus-Schelte und einer Plausibilitätsgründen mehr und mehr entrückten Monopolisierung des Vernunftbegriffs durch die Frankfurter Schule mitsamt ihren Verzweigungen mochte der Gedanke so abwegig nicht sein, es komme darauf an, sich konsequenter als bisher argumentative Potentiale zu erschließen, die in diesen Denkschulen nicht oder nur unzureichend zu Sprache gelangten, sei es, dass man sie durch ritualisierte Polemik neutralisierte, sei es, dass man sie hartnäckig beschwieg. Wer mit Erfahrungen der Ausgrenzung leben gelernt hatte, den konnte einmal unversehens der Mut anwandeln, ihren Techniken ein für allemal zu entsagen; mag sein, er wurde darüber zum Entdecker.

 

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