1929 schrieb Walter Benjamin, der zur Pythia des Gedankenbetriebs in den Siebziger Jahren aufstieg, den wenig belastbaren Satz: »Links hatte noch alles sich zu enträtseln«. Er wurde, vermutlich des Rätselcharakters wegen, vom Buchtitel rasch zum geflügelten Motto. Links, hieß das, standen die Deutungswege noch offen, anders als auf der politischen Rechten, die, zu Recht oder Unrecht, niemals zögerte, die jahrtausendealten Herkunftslinien des Christentums und des griechisch-römischen Denkens auf sich zu beziehen und somit zu wissen. So betrachtet, entsprach der Satz einer Welt vor dem Faschismus und seinem deutschen Ableger, dem Nationalsozialismus, die offenkundig den Bogen Europas überspannten: Als ihre sinistren Reiche zerbarsten, zerbrach, ein wenig zeitversetzt, auch das Gehäuse des ›abendländisch‹ genannten Geistes und es begann, erst zögernd und voller Hoffnung, im Westen des Erdteils die Reihe der Versuche, ›im europäischen Geist‹ zu einem neuen, ökonomisch motivierten Miteinander und schließlich zu einem politischen Körper zu gelangen, ohne dem Geist im Detail weiter nachzufragen.

Das war und ist seltsam, da, neben der radikalen Linken, jener ›Geist‹ Europas in den dunkelsten Stunden des Kontinents den Widerstand motivierte und mobilisierte – in den unterworfenen Ländern nicht weniger als in den Ländern des kurzfristig triumphierenden, nicht ohne Grund so genannten Ungeistes. Dass der Geist sich denen verweigert, die ihn zwingen wollen, ist eine alte Formel, nicht weniger richtig als die Beobachtung, dass viele, die in seinem Dienst unterwegs sind, nur darauf warten, sich einem neuen, weniger kapriziösen, dafür spendableren Dienstherrn zu unterwerfen und Propagandagetöse zu liefern, sofern sie nicht längst mit von der Partie sind. Vom Geist ist im heutigen Kulturbetrieb kaum die Rede, die emsig gewordene Philosophie hat den Begriff dekonstruiert und dafür gesorgt, dass kein neuer an seine Stelle trat, die christlichen Kirchen, seine ältesten Sachwalter und seine erbittertsten Gegner, wo immer er ihre Eierschalen abzustreifen drohte, definieren sich heute als Organisatoren einer Ökumene im Dienst – im Dienst! – von Werten, deren Erfinder, soweit sie ihrer habhaft werden konnten, sie einst öffentlich verbrannt, exkommuniziert oder zumindest aus der Gemeinschaft der Guten, sprich: Gutgläubigen expatriiert hatten.

Die Gutgläubigen – wie konnte es sein, dass dieses Wort mit der Zeit einen spöttischen Unterton annahm, um schließlich ganz und gar zum Synonym für diejenigen, die es nicht besser wissen wollen zu werden? Das hat, neben dem Gang der Naturwissenschaften, viel mit dem Aufstieg der – gleichfalls europäischen – Linken zu tun, von welcher Benjamins Sentenz redet. Ihr Anspruch, es besser zu wissen, setzte (gewissermaßen) in Klammern, was man, cum grano salis, das Wissen einer fertigen Welt nennen könnte – einer Welt, in welcher der Appetit auf Neues seine Eroberungen sogleich den anerkannten Autoritäten zu Füßen legt, auf dass sie nach eingehender Prüfung bekunden, was an ihnen dran sei und in welcher Form man sie den eigenen Besitzständen zuführen wolle. Als die Linke sich formte, galten diese Autoritäten bereits als geschwächt und hatten beschlossen, ihre Prüfungsinstanzen unter dem Zeichen der Vernunft zusammenrücken zu lassen, wenngleich – trotz Hegel und Konsorten – nicht ganz zu vereinigen: ein Fehler, wie sich bald herausstellen sollte, da es der intellektuellen, ›libertär‹ angehauchten Linken erlaubte, allein die Vernunft, die unverkürzte Vernunft und nichts als die Vernunft als Richtschnur gelten zu lassen, soll heißen, den utopischen Faden aus den tradierten Wissensgebäuden (den Garantiemächten des sozialen Baus) herauszuziehen und neu zu knüpfen.

Worin bestand der Fehler? Darin, nicht ganz auf die zentrale Instanz der Vernunft, sprich: der Aufklärung gesetzt zu haben? Oder darin, der Vernunft Zutritt zum Allerheiligsten gewährt und damit der liberalen ›Zersetzung‹ Tür und Tor geöffnet zu haben? Lange kreiste die Diskussion der Konservativen um diesen Punkt. Radikale Schmittianer führen darin ebenso das Wort wie gemäßigte Luhmannianer und Anhänger jener seltsamen Sekte, die einst auf den Namen Heideggers schwur und heute die Bücher des lizenzierten Drachentöters Sloterdijk verschlingt, als handle es sich um Weltraumnahrung fürs neue Jahrtausend. Etwas scheint sich geändert zu haben, jedenfalls müssen neukonservative Denker wie der Historiker Flaig zur Kenntnis nehmen, dass die Rechte dort, wo sie neuerdings Rechte anmahnt, sich ihren Einflüsterungen verweigert und stattdessen in bester Opfermanier die ›Herrschaft der Diskurse‹ zu ihrem Leib- und Magenthema erklärt.

Besonders groß konnte der Fehler nicht gewesen sein. Dass Vernunft nicht satt macht, gehört ebenso zu den Gemeinplätzen linker Welterklärung wie der ›Irrationalismus‹ der Rechten, auf den sich die ganz Rechten seit jeher mindestens ebenso viel zugute halten wie die ›eher links‹ sich verströmende Leib-Fraktion unter den Queer-Apostolinnen und -Aposteln. Der gute Glaube, sprich: die Gutgläubigkeit auf der Linken entsprang dort, wo ihre Fraktionen sich in manichäischer Weise in der Wirklichkeit einzurichten begannen und von zukunftsweisenden ›Ansätzen‹ schwärmten, die es ›auszubauen‹ gelte – ganz so, als sei es der Vernunft gelungen, teils unter großem Getöse, teils unauffällig im Lande ›Realität‹ ein paar Brückenköpfe unter ihre Kontrolle zu bekommen, von denen aus sie nunmehr die strategische Übernahme des Ganzen angehen könne: im nachmals abgewrackten Osten die Erreichung des kommunistischen Stadiums, im hyperaktiven Westen die Spießergesellschaft für alle, in der sich ›gut und gerne leben‹ lässt, um deren weitere Anhübschung mittlerweile im Deutschen Bundestag die exkommunistischen Alpha-Frauen wetteifern.

Dass ›links‹ sich nichts mehr zu enträtseln hat, lässt sich in aller Muße beobachten, sobald irgendwo auf der Welt ein neuer Hoffnungsträger die Bühne betritt. Die Konzepte sind bekannt, die ökonomischen Dilemmata desgleichen. Sofern der Erfolg noch aussteht, ist das Ausstehen selbst zum Thema geworden, während die Hoffnung, von der es heißt, dass sie zuletzt stirbt, mit wachsender Ungeduld auf das Ende schielt. Aus diesem und keinem anderen Grund ist der ›Kampf gegen Rechts‹ zum Erkennungsmal von Leuten geworden, die sich ›irgendwie links‹ verorten – also einer gedankenarmen Mehrheit von Meinungsbildnern, die Diskurshoheit über eine Gesellschaft beansprucht, in deren Wirklichkeit jede genuin linke Idee als diskreditiert gilt. Alternative Stromerzeugung ist ebensowenig ein linkes Konzept wie die einst als bürgerlich geschmähten Menschenrechte, die, wie von Linken in der Vergangenheit stets betont wurde und sich heute zeigt, nicht dagegen gefeit sind, von eigensüchtigen Apologeten und Geschäftemachern in der Praxis ad absurdum geführt zu werden. Dass man sich ›als Linker‹ für sie ›einsetzt‹, ist gut und schön, im einen oder anderen Resultat vielleicht auch weniger gut, aber es beantwortet nicht die Frage: Was ist links? Alles, was nicht rechts ist? Was ist dann rechts?

Muss zu den Rechten gehen, wer in dieser Frage Auskunft erwartet? Gewiss, so geht der journalistische Weg, er führt geradewegs zur nächsten Wahlkampfveranstaltung und zum nächsten Fettnapf-Skandälchen der AfD. Besonders aufschlussreich ist das nicht. Auch das Bemühen, über die Tweets des amerikanischen Präsidenten zu weitergehenden Aufschlüssen zu gelangen, muss als gescheitert angesehen werden. Was ist alt-right? Die Stärkung der Familie und ein gesundes Investitionsklima für belegschaftsreiche Unternehmen? Pfui Bannon! Die Rechte ist stets ohne Theorie ausgekommen, sie pfeift auf Theorie, sie insistiert auf dem Vorhandenen und appelliert an den Bewahr- und Überlebensinstinkt der Menschen, gelegentlich an ihren gesunden Menschenverstand, so unterschiedlich er sich in der Praxis auch zeigt. Zweifellos gibt es ›rechte‹ Theoretiker. Sie bedienen, nicht anders als ihre Konkurrenten, eine Szene, sie werden ratlos oder mit einem süffisanten Lächeln zur Kenntnis genommen und man beeilt sich zu versichern, dass ihre Ideen ›keinerlei Einfluss‹ auf das eigene Denken oder die anstehenden Entschlüsse besitzen. Überdies besitzt praktisch jeder dieser Theoretiker, sieht man genauer hin, auch ›irgendwie‹ eine linke Seite und ist allein deshalb den irgendwie Linken suspekt.

Der Kampf gegen Rechts, so wie er heute geführt wird, dient der Eskamotierung des Wirklichen. Damit ist nicht gemeint, die Realität stehe ›irgendwie rechts‹. Gemeint ist, dass eine aus heterogenen Gruppen zusammengewürfelte Schein-Linke die Wirklichkeit willkürlich verrätselt, weil sie zynisch begriffen hat, dass ihre letzte Machtbasis aus jenen Gutgläubigen besteht, die es nicht so genau wissen wollen – teils, weil sie sich davor fürchten, teils, weil sie Schwierigkeiten am Arbeitsplatz oder am häuslichen Küchentisch scheuen, teils, weil ihre Karriere, die großgeschriebene Karriere, sie bis jenseits ihrer Aufnahmegrenzen beansprucht. Wenn es sein muss, werden sie noch an Gott glauben, praktisch wäre es ohnehin. Es erleichtert den Umgang mit den neuen islamischen Partnern und gewinnt dadurch den lange vermissten progressiven Hautgout. Doch diese Machtbasis erodiert. Nicht weil der gute Glaube am Schwinden wäre – dies zu denken wäre wirklich naiv –, sondern deshalb, weil selbst er nicht ohne ein Minimum an Gründen auskommt und seine seriösen Vertreter es nicht schätzen, hinters Licht geführt zu werden.

Information wirkt auch dann, wenn sie nicht geglaubt wird. Sie muss dazu nicht besonders gut sein. Mancher, dem die Fake-News-Hatz zur Obsession wurde, dürfte sagen: Dazu muss sie nicht einmal wahr sein. Das ist, unter Wahrheitsaposteln, ein gefährlicher Satz, vor allem dann, wenn beide Seiten es regelmäßig versäumen, sich ausreichend kundig zu machen. Selbst für öffentlich-rechtliche Sendeanstalten bleibt es peinlich, gleich vom ersten Kommentator, der sich zu Wort meldet, eines Besseren belehrt zu werden. Das Tremolo der Gesinnungsträger ruiniert die ›gemäßigte‹ Linke und stärkt die Rechte, gerade weil es sich im seltensten Fall um die Fakten schert und dabei völlig theorieresistent verfährt. Rechts hatte noch alles sich zu enträtseln? Aber sicher. Einer wird als rechts denunziert und alle Köpfe drehen sich zu ihm hin – nach diesem Muster ordnet in diesen Tagen die Welt sich neu.

Die demokratische Linke muss sich nicht neu erfinden. Sie muss sich entdecken – in ihrer ethischen Insolenz, ihrer Theorieinsuffizienz und Betriebsblindheit. Was dann geschieht, was dann geschehen kann, weiß heute niemand.

 


19. 3. 2018

erschienen auf Globkult

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