Medi­en­the­o­retik­ern sollte die Bemerkung, die dem amerikanis­chen Präsi­den­ten über das Ein­wan­derungs­land Schwe­den entschlüpfte, ein gefun­denes Fressen sein – nicht, weil der dahin­ter­ste­hende Sachver­halt ihnen zu denken gäbe, son­dern weil sie so plas­tisch den Satz illus­tri­ert, den man in dieser Sparte so gern als the­o­retis­chen Urk­nall zele­bri­ert: Das Medium ist die Botschaft. Leicht for­mal­isiert und wenig wahlka­umpf­tauglich auf­bere­itet, sagte der Präsi­dent: ›Es gibt, als Folge unkon­trol­lierter Massenein­wan­derung, mehr Krim­i­nal­ität auf Europas Straßen, mehr Verge­wal­ti­gun­gen, Dieb­stahl und Aufruhr, eine Häu­fung ter­ror­is­tis­cher Ereignisse und die gestrige Sendung über Schwe­den, die uns die Augen über das Muster­land der nördlichen Hemis­phäre öffnete, über das wir uns bisher nur hehre Vorstel­lun­gen machen durften.‹

Die Crux bestand darin, dass, wer die Sendung vom Vor­abend nicht gese­hen hatte, denken durfte, vielle­icht sogar musste, etwas Furcht­bares müsse an besagtem Vor­abend in Schwe­den geschehen sein, während es doch nur in Fox News, dem Leib– und Magensender des Präsi­den­ten, je nach ide­ol­o­gis­cher Lesart, zu sehen gewe­sen oder geschehen war. »You look at what’s hap­pen­ing in Ger­many, you look at what’s hap­pen­ing last night in Swe­den« – die all­ge­gen­wär­tige Phrase deckt das Ereig­nis und die Sendung gle­icher­maßen ab, beim Präsi­den­ten und beim Volk, bei Medi­en­mach­ern und Medi­enkon­sumenten. Wohl wahr: Die Sendung ist das Ereig­nis und je nach­dem, welchen Sender und welche Sendung einer ger­ade gese­hen hat, lebt er, der medi­alen Ver­fass­theit unserer All­t­agswelt (soweit sie über den pri­vaten Kleinkram hin­aus­re­icht) sei Dank, in einer anderen Welt.
Man darf daher weder den Medien noch den Repräsen­tan­ten des schwedis­chen Staates sowie der schwedis­chen Gesellschaft die empört-​belustigte Ahnungslosigkeit post dic­tum abkaufen, mit der sie die Aufmerk­samkeit des Pub­likums von der in Rede ste­hen­den Sache weg auf den prä­sidi­alen Neul­ing zurück­spiegel­ten. Die Bemerkung des früheren Außen­min­is­ters Carl Bildt, »Was hat er ger­aucht?«, bedi­ent sich, ana­lytisch gesprochen, der­sel­ben sprach­lichen Möglichkeit, zwis­chen realem Sachver­halt und medi­alem Ereig­nis zu switchen, die bere­its der Red­ner für sich in Anspruch nahm. Ein – allerd­ings gravieren­der – Unter­schied liegt im Adres­satenkreis: Trump sprach vor einer Menge, die gewillt war, sich von ihm über die ver­heeren­den Weltzustände in Erre­gung ver­set­zen zu lassen, der schwedis­che Alt­star servierte einer Twitter-​Gemeinde, die sich für aufgek­lärt hält und aus Grund­satz über den Kleine-​Leute-​Erregungen steht, eine der in diesem Medium so beliebten Vor­la­gen zur weltweiten Ver­bre­itung: Seht den Schwätzer! Dass auch darin eine Umkehrung liegt, da in der Regel als Schwätzer gilt, wer nicht zur Sache redet, geht in der Pointe unter – nicht zur Sache zu reden, son­dern Emo­tio­nen zu schüren, und sei es durch fake news, gilt schließlich als Marken­ze­ichen des Laien­darstellers im Weißen Haus und soll es unter allen Umstän­den bleiben.
Was ist ein ›gefun­denes Fressen‹? Ein Aus­druck der All­t­agssprache, über den sich amüsieren oder erre­gen darf, wer will oder wer keine Ahnung hat, was er bedeutet. Immer­hin ist er im deutschen Sprach­schatz so fest ver­ankert, dass, wer sich über ihn aus Weltan­schau­ungs­grün­den mok­iert, zu erken­nen gibt, dass er entweder kein native speaker ist oder sich nicht zu benehmen weiß, da er gegen eine ele­mentare kul­turelle Regel ver­stößt: Mach dein Gegenüber nicht ohne Grund lächer­lich.
Gegen diese Grun­dregel zu ver­stoßen gilt neuerd­ings als links, schick und unendlich aufgek­lärt, es zer­stört aber nur Gesellschaft. Die Repräsen­tan­ten der schwedis­chen Gesellschaft wis­sen sehr gut, wovon Trump vor seinen Anhängern redete. Sie ziehen es allerd­ings vor, die Maske der Heuchelei vorzuhal­ten und der Welt zu ver­sich­ern, wer so über sie rede, sei seines Ver­standes nicht mächtig. Ihr Prob­lem besteht darin, dass jedem, buch­stäblich jedem Bewohner dieses Plan­eten, der aus Fernsehsendun­gen Infor­ma­tio­nen bezieht, der switch des Präsi­den­ten aus eigener Sprecher­fahrung geläu­fig und daher nicht der Rede wert ist – eine kleine Unge­nauigkeit, von denen es in jeder Poli­tik­errede wim­melt.
Jeder, der ein­mal den Fernsehknopf betätigte, weiß, dass sie heucheln. Jeder, der weiß, welche Prob­leme die Massenein­wan­derung den lib­eralen Staaten Europas beschert, müsste den Kopf schüt­teln über soviel Hochmut in den Worten von Vertretern eines Staates, der es auf dem Höhep­unkt der Flüchtlingskrise vor­zog, das Schengen-​Abkommen par­tiell außer Kraft zu set­zen und seine Gren­zen für Flüchtlinge hochz­u­fahren – ver­mut­lich, weil die Party ger­ade im Gange war und man sich nicht beim Küssen stören lassen wollte.
Die Frage ist also, warum sie heucheln. Unter den Län­dern Wes­teu­ropas ist Schwe­den das Land der dop­pel­ten Wahrheit, wie man sie bisher vor allem aus Dik­taturen, aus Staaten im Kriegszu­s­tand und Ibsen kan­nte: unvere­in­bar, unver­söhn­lich, unaussprech­lich, jeden­falls sofern man sich nicht auf die Seite der öffentlich Geächteten begeben möchte. Das mag unter Schwe­den funk­tion­ieren, aber für das befre­un­dete Aus­land kann und darf es keinen Grund geben, sich mit zwei einan­der fun­da­men­tal wider­sprechen­den Auskün­ften über das geliebte Ferien­ziel zufrieden zu geben. Im Gegen­teil, es darf leise anmah­nen, mit dem Hokus­pokus aufzuhören und zu einem offe­nen Umgang mit der Wahrheit zurück­zukehren.
Sollte es nur darum gehen, dem böswilli­gen Gerücht und der maßlosen Übertrei­bung ent­ge­gen­zutreten: Offen­heit, liebe Schwe­den, ist das Rezept. Einen Filmemacher niederzu­machen, weil zufäl­lig der Präsi­dent der Vere­inigten Staaten seine Doku­men­ta­tion zu Gesicht bekam und ihm eine polemis­che Bemerkung darüber auskam, ist eines zivil­isierten Lan­des nicht würdig, geschweige denn eines Lan­des, das seine moralis­chen Maßstäbe gern zu den höch­sten der Welt zählt.

veröf­fentlicht als:

Trump, die Schwe­den und der Hochmut (Die Achse des Guten, 23.2.2017)

Der schwedis­che Fre­und (Ulrich Siebge­ber, Globkult, 22.2.2017)

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