Bürg­er­liche Philoso­phie stellt Ansprüche, agiert, stellt sich ständig neu dar, ist aktiv.

1.

Was ist ein Pla­giat gegen die Grün­dung einer Gesellschaft? Die Frage lässt sich, wie viele im ide­ol­o­gisch beset­zten Raum, nicht ein­fach beant­worten. Es kommt darauf an – auf Zeit, Ort und Umstände sowie, nicht zu vergessen, auf den Kreis der Beteiligten, jeden­falls dann, wenn sie einen Kreis bilden und nicht ein Quadrat oder eine Hyper­bel. Eine Nietzsche-​Gesellschaft bildet da keine Aus­nahme, erst recht unter der abgele­ge­nen Prämisse, dass sich die Grün­dung in der Wende– und End­phase der DDR unter Fed­er­führung namhafter Lehren­der der marxistisch-​leninistischen Philoso­phie und begleitet von einem gewis­sen Raunen in einem Teil der Zunft vol­l­zog, aus dem sich das entwick­eln sollte, was vor­sichtige Mit­men­schen unter der Beze­ich­nung ›Quere­len‹ zusam­men­z­u­fassen geneigt sind. Erforscher des Zwielichts, in dem Geschichte sich bildet, sprechen gern vom bleiben­den Inter­esse, um die eigene Privat-​Neugier an ihrem Gegen­stand abzudunkeln. Ein solcher Rekurs ist in diesem Fall weder nötig noch angezeigt, da die Gesellschaft selbst das bleibende Inter­esse als Grün­dungszweck fest­gelegt hatte. Die anfänglich »Inter­es­sen­ge­mein­schaft Friedrich Niet­zsche e. V.« genan­nte Vere­ini­gung, repräsen­tiert u. a. durch einen wis­senschaftlichen Beirat, in dem sich Kol­le­gen aus Ost und West zu gemein­schaftlichem Wirken zusam­men­fan­den, hatte sich bei der Ankündi­gung ihrer Statuten ins Merk­buch geschrieben, sie gedenke »Leben und Werk des bedeu­ten­den deutschen Philosophen kri­tisch zu würdi­gen und einer von Sachken­nt­nis getra­ge­nen Betra­ch­tung Wege zu bere­iten«. Außen­ste­hende kon­nten sich leicht die Augen reiben und fra­gen, ob die unaufhalt­sam steigende Flut von Pub­lika­tio­nen ger­ade zu diesem Autor von so man­gel­hafter Sachken­nt­nis geprägt war, dass ein einge­tra­gener Verein als geeignetes Mit­tel gel­ten durfte, dem Not­stand abzuhelfen. Sie mochten aber daran denken, dass zu DDR-​Zeiten die Dinge ein wenig anders gele­gen hat­ten und der säch­sis­che Pfar­rerssohn dort bis zum Ende offiziell als Erzbösewicht allen kapitalistisch-​imperialistischen Philoso­phierens galt. Es durfte also wohl gefragt wer­den, welchen – und wessen – Inter­essen eine Inter­es­sen­ge­mein­schaft zu dienen gedachte, die den Namen des auf– und umgew­erteten Schelms in den ihri­gen aufgenom­men hatte.

Auf­schluss in dieser Frage ver­sprach die ins Auge gefasste Präam­bel der Vere­inssatzung. Dort las man:

Die Inter­es­sen­ge­mein­schaft Friedrich Niet­zsche stellt sich die Auf­gabe, das geistige Erbe Friedrich Niet­zsches zu pfle­gen und das Bild des Denkers von den Verze­ich­nun­gen zu befreien, die dadurch ent­standen, dass Friedrich Niet­zsches Philoso­phie als Herrschaft­side­olo­gie miss­braucht und bekämpft wurde.

Kein Zweifel: diese ›Verz­er­run­gen‹ gab und gibt es. Wenn es inzwis­chen gelun­gen war, das ›Bild des Denkers‹ von ihnen zu befreien, dann war das vor allem der Colli-​Montinari-​Ausgabe seiner Schriften zu ver­danken, deren Entste­hung, immer­hin, von der DDR geduldet wor­den war. Die Kri­tik am faschis­tis­chen Nietzsche-​Kult hatte auch im Westen nicht vor dem Stand­bild des Denkers Halt gemacht, doch auch hier war es selbst im pub­lizis­tisch erregten Umfeld längst üblich gewor­den, sie eher mit Hilfe einer genaueren Nietzsche-​Lektüre vorzu­tra­gen als mit den üblichen Totschlag-​Argumenten notorischer Nietzsche-​Hasser. Sollte daran erneuter Bedarf beste­hen? Wenn ja, für wen? Die inkri­m­inierte Herrschaft­side­olo­gie war, außer in den Kreisen von Neo-​Nazis, seit Jahrzehn­ten ein toter Hund. Übrig blieben damit vor­erst nur die ›Verze­ich­nun­gen‹ derer, die sie untertänigst und wider besseres Wis­sen während all der Jahre im Westen geortet und ›bekämpft‹ hat­ten im Ern­st­fall mit schlecht geschriebe­nen Papieren ›zum inter­nen Gebrauch‹. Davon war inzwis­chen einiges an den Tag gekom­men. Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung also stand auf dem Pro­gramm. Aber wer, außer Leuten, die durch die Zeit­en­wende daran gehin­dert wur­den, Herrschaft­side­olo­gie fortzuschreiben – unter Bauch­grim­men, das ver­steht sich –, hätte hier etwas zu bewälti­gen gehabt? Alle anderen, denen zu DDR-​Zeiten die Texte – mit gemis­chtem Erfolg – voren­thal­ten wur­den, genügten Augen, um zu lesen, und ein Kopf zum Denken. Niet­zsche ist nicht Mao Tse-​tung.

2.

His­toriker wis­sen es: Siege enthal­ten den Keim kün­ftiger Nieder­la­gen. Die Erken­nt­nis bet­rifft nicht zum wenig­sten die mit­tel­baren Nutznießer der Ereignisse. Noch war die Selb­st­de­mon­tage des Ostens im vollen Gange, noch waren die Ursachen des Konkurses nur dem Gerede präsent, da zeigten sich die Sieger im Schlagab­tausch der Ide­olo­gien bere­its im vollen Ornat, ohne zu bedenken, dass ihre Dien­ste zu Hause seit län­gerem nicht mehr so gefragt waren wie in besseren Zeiten. Dem entsprach der Duck­re­flex bei ihren ein­sti­gen Geg­n­ern, die sich – nicht ganz zu Unrecht – als Besiegte begreifen mussten, nicht ohne jedem, der hören wollte, zu ver­ste­hen zu geben, dass keineswegs sie es waren, die ver­sagt hat­ten. Diese intellek­tuelle Dolch­stoßle­gende, anfangs außer­halb der eige­nen Zirkel nur hal­blaut und in Neben­sätzen vor­ge­tra­gen, ist in einem gewis­sen Milieu seit damals Gemeingut gewor­den: Grund genug, sich ein wenig mit ihr zu beschäftigen.

Es gab sie haupt­säch­lich in zwei Vari­anten. Die erste haderte mit den objek­tiven Ursachen der Nieder­lage. Wenn schon auf abse­hbare Zeit keine reale Chance einer Wiederkehr des Sozial­is­mus bestand, so soll­ten wenig­stens die Schuldigen ermit­telt wer­den, um sie an den Pranger einer von neuen Ressen­ti­ments durch­set­zten und keineswegs zu Grabe getra­ge­nen Gesin­nung zu stellen. Die zweite, eher ›weiche‹ Vari­ante diente dem nüchtern kalkulierten eige­nen Fortkom­men unter verän­derten Bedin­gun­gen. In ihr standen die Schuldigen am Zusam­men­bruch von vorn­herein fest. Es waren die ver­gan­genen Machthaber mit ihrem willfähri­gen Tross an Gesin­nungswächtern, gegen deren starrsin­nige und geist­ferne Vor­gaben man schon immer, gle­ich­sam von Berufs wegen, in einer Art virtueller Oppo­si­tion stand. Anders als die ›harte‹ Vari­ante ließ sich diese wohlwol­lend missver­ste­hen – als ein Beitrag zum inneren Frieden in der sci­en­tific com­mu­nity, soweit sie durch ›Abwick­lung‹ und ›Umbau‹ der Hochschul­land­schaft beun­ruhigt wor­den war. Kein Wun­der also, dass sie das insti­tu­tionelle Vorurteil für sich hatte. Wer immer Gründe besaß, Ruhe einkehren zu lassen, kon­nte finden, dass sich mit ihr leben ließ.

Nun ist das Argu­ment, das der ›weichen‹ Vari­ante zugrun­deliegt, prima vista geeignet, Zus­tim­mung her­vorzu­rufen. Wis­senschaftler, die sich in ihren Denk– und Arbeitsmöglichkeiten eingeengt wis­sen, entwick­eln gewisse Mech­a­nis­men, um mit diesem Hand­ikap umzuge­hen: der Anek­doten zu diesem Thema war und ist kein Ende. Auch besitzt es den Vorteil, nicht moralisch, son­dern funk­tional zu sein und damit gegen ein hem­mungsloses, leicht in per­sön­liche Ver­fol­gung ausar­tendes Moral­isieren nüt­zliche Dämme zu errichten. Falsch wäre es allerd­ings, aus diesem Argu­ment, das seine Plau­si­bil­ität der Ver­trautheit mit der Men­tal­ität von Wis­senschaftlern entlehnt, weit­er­re­ichende Schlüsse zu ziehen. Vor allem musste man sich hüten, aus jener Men­tal­ität erwach­sene Ver­hal­tensweisen mit For­men des Wider­standes oder sys­temüber­winden­den Aktiv­itäten zu ver­wech­seln. Nicht so sehr, um Leg­en­den vorzubeu­gen – sie wer­den durch die his­torische Wahrheit ohne­hin kaum behel­ligt –, auch nicht, um post fes­tum die Böcke von den Schafen zu son­dern, vielmehr, weil es in der Sache lange Zeit keineswegs aus­gemacht erschien, welche ›Siege‹ auf den diversen Neben­schau­plätzen des großen Geschehens errun­gen wur­den und welche Fol­gerun­gen sich daraus für diese oder jene Zunft ergaben. Die Frage betraf in erster Linie die Philoso­phie, in zweiter Linie die Kul­tur­wis­senschaften insgesamt.

3.

Im 1991 erschiene­nen Band I der »Jahress­chrift der Förder– und Forschungs­ge­mein­schaft Friedrich Niet­zsche e. V.«, wie sich die Inter­es­sen­ge­mein­schaft schließlich nan­nte, findet man einen pro­gram­ma­tis­chen Auf­satz, der den Titel trägt: Von alten und neuen Schwierigkeiten mit Friedrich Niet­zsche. Der Ver­fasser dieses Beitrags und Vor­sitzende der »Förder– und Forschungs­ge­mein­schaft«, der Philoso­phiehis­toriker Hans-​Martin Ger­lach, stand zu DDR-​Zeiten der Sek­tion für marxistisch-​leninistische Philoso­phie an der Uni­ver­sität Halle vor. Als Mit­glied und zeitweiliger Vor­sitzen­der des »Beirates für marxistisch-​leninistische Philoso­phie beim Min­is­terium für Hoch– und Fach­schul­we­sen der DDR«, eines Organs, dem die Ausar­beitung von Richtlin­ien für die philosophis­che Lehre an den Hochschulen der DDR oblag, kennt sich Ger­lach in seinem Thema aus. Die ›alten Schwierigkeiten‹ mit Niet­zsche (der in den oberen Rän­gen stets den ide­ol­o­gis­chen Feind repräsen­tierte) sind die der macht­gestützten marx­is­tis­chen Ortho­doxie und ihrer Vertreter, die ›neuen‹ Schwierigkeiten die einer gewen­de­ten Philoso­phie auf dem Boden der damals noch existieren­den DDR, sich dem – wie ihr scheinen musste – siegre­ichen Feind gegenüber angemessen zu ver­hal­ten. Das eigentliche Thema des Auf­satzes liegt damit obe­nauf. Es sind die Prob­leme, die eine vor­mals auf den ide­ol­o­gis­chen Kampf verpflichtete Philoso­phie mit sich selbst bekam, nach­dem der Auf­trag mit dem Abgang der Auf­tragge­ber von der Bühne des poli­tis­chen Geschehens sich erledigt hatte oder zumin­d­est sus­pendiert wor­den war. Solche Prob­leme löst man nicht durch Schnellschüsse; da es sich um Fra­gen der primären philosophis­chen Ori­en­tierung han­delt, sollte jeder Beitrag willkom­men sein.

Lesern, die es vor 1989 ver­säumt hat­ten, sich mit den Denkrou­ti­nen des östlichen Byzan­ti­nis­mus näher zu befassen, und danach keine drin­gende Ver­an­las­sung sahen, das Ver­säumte nachzu­holen, mochte es bloß unplau­si­bel erscheinen, dass eine – der Nietzsche-​Renaissance in den achtziger Jahren zum Trotz – rel­a­tive Rand­figur des all­ge­meinen philosophis­chen Inter­esses damit ins Zen­trum einer Reflex­ion gerückt wurde, in der es, genau gese­hen, um Sein oder Nicht­sein einer bes­timmten Art philosophis­cher Praxis, ums Über­leben ging. Allerd­ings ent­ging ihrer Aufmerk­samkeit auf diese Weise die eine oder andere Kapit­u­la­tion­surkunde, die damals ver­fasst wurde. 1987 hatte Ger­lach noch geschrieben:

Das Phänomen Niet­zsche erschließt uns mod­ell­haft geistige Grund­struk­turen spät­bürg­er­licher Gesellschaft einst und heute.

Der Satz kann ver­ständlich machen, warum der neuer­lichen Annäherung an das ›Phänomen Niet­zsche‹ nach 1989 angesichts der näher­rück­enden Über­nahme durch die ›spät­bürg­er­liche Gesellschaft‹ die Auf­gabe zugedacht wer­den kon­nte, sich in deren ›geistige Grund­struk­turen‹ zu rein­te­gri­eren. Auch mochte das nicht so schw­er­fallen. Im sich abze­ich­nen­den Ruin des Marxismus-​Leninismus auf eigenem Boden, lange vor 1989 am Auszug der Intel­li­genz erkennbar (bei fort­dauern­der Betrieb­samkeit im Inneren), scheint dem Denker und Deuter spät­bürg­er­licher Dekadenz in akademis­chen Kreisen eine ähn­liche Fasz­i­na­tion zugewach­sen zu sein wie dem West­fernse­hen in den Augen der Werk­täti­gen. Von dieser Fasz­i­na­tion schreibt Ger­lach, wenn er berichtet:

Insta­bil­ität, krisen­hafte Erschei­n­un­gen wur­den alle­mal nur antag­o­nis­tisch charak­ter­isierten gesellschaftlichen Zustän­den attestiert, nicht aber einer gesamt­ge­sellschaftlich plan­baren Ord­nung, weil man nicht begriff, dass über­all wo Leben ist, eben auch Krise sein muss, weil Krisen­si­t­u­a­tio­nen zu allen Leben­sprozessen dazuge­hören… Niet­zsche aber war ja nun ein Spürer von krisen­haften Prozessen par excel­lence. Und so war denn beson­ders in den let­zten Jahren des Beste­hens der DDR ein eigen­tüm­liches Phänomen zu bemerken. Ein­er­seits kon­nte man ein wach­sendes Inter­esse (welches gele­gentlich schon wieder die Stufe des Kulthaften erre­ichte) fest­stellen, ander­er­seits wuchs die bornierte Abwehrhal­tung eines mehr und mehr ver­stein­erten ide­ol­o­gis­chen Apparats.

Das Unter­fan­gen, diese Fasz­i­na­tion durch die erneute – nun endgültig angestrebte ›unvor­ein­genommene‹ – Lek­türe begrif­flich dingfest zu machen, bietet dem­nach eine inter­es­sante Dop­pelper­spek­tive. Zur vor­laufenden Anpas­sung an die neuen, sprich alten, näm­lich spät­bürg­er­lichen Ver­hält­nisse gesellt sich ein let­zter Liebes­di­enst an der zer­rin­nen­den DDR. Die späte Treue­bekun­dung gegenüber dem ›Volk‹ der DDR soll die began­gene Untreue – das Fes­thal­ten an einer den Bedürfnis­sen der ›Massen‹ ent­fremde­ten dog­ma­tis­chen Inter­pre­ta­tion – annullieren.

Annul­lieren, das heißt, aus dem Gedächt­nis tilgen: denn statt für die alte Inter­pre­ta­tion einzuste­hen, allen­falls ihre Ober– und Untertöne dem mit weniger insider–Wis­sen Geschla­ge­nen hör­bar zu machen, sug­geriert der Text seinen Lesern Kon­ti­nu­ität – eine längst etablierte Praxis undog­ma­tis­chen Nach­denkens über Niet­zsche, die jetzt, nach dem offiziellen Ende der DDR, endlich ans Tages­licht trete. Kein Zweifel, dass es zu DDR-​Zeiten ein solches undog­ma­tis­ches Nach­denken gab. Um allerd­ings festzustellen, welchem dama­li­gen Denkstrang der Ver­fasser zuzurech­nen ist, reicht es, sich ein wenig in den Schriften umzuse­hen, die ihn nach der poli­tis­chen Wende als einen der Ini­tia­toren einer un– und anti­dog­ma­tisch ›intendierten‹ Nietzsche-​Debatte in der DDR der achtziger Jahren ausweisen sollten.

Musil, sonst ein exzel­len­ter Ken­ner, Analysator und Darsteller der Krise des bürg­er­lichen Men­schen und seines Ver­falls in die »Eigen­schaft­slosigkeit« (!), sollte sich … in zwei Din­gen irren. Niet­zsches Werk war und blieb nicht der Park, in den nie­mand hineing­ing, er wurde »Mod­e­philosoph«, »Weltan­schau­ungs­bild­ner« des bürg­er­lichen Bewusst­seins im 20. Jahrhun­dert und vor allem, es kamen keine »tüchti­gen geisti­gen Arbeiter«, die aus Niet­zsches Ideen Kul­tur­fortschritt entwick­el­ten, wohl aber kamen aus eben diesem bürg­er­lichen Schoß im Impe­ri­al­is­mus Bewe­gun­gen, deren Ziel es vielmehr war, »tausend­jährige« Kul­tur­bar­barei und gesellschaftliche Reak­tion über Deutsch­land und die Welt zu bringen.

Das ist die ›Unheil­slinie‹, die von Niet­zsche über die Leben­sphiloso­phie zu Spen­gler und Rosen­berg und damit in die faschis­tis­che Bar­barei reicht, wie Ernst Bloch, selbst ein Ver­femter, schrieb. Ger­lach mod­i­fiziert die These, indem er, west­lichen Inter­pre­ta­tion­s­mustern sich näh­ernd, vom Nietzsche-›Mythos‹ den orig­i­nalen Niet­zsche son­dert, dem es in Zukunft auch im Sozial­is­mus größeren Respekt als in der von den alten Kämpfern dominierten Ver­gan­gen­heit zu bezeu­gen gelte. Die Son­derung bleibt, wie betont wird, prekär; schließlich stecke allzu viel orig­inärer Niet­zsche im Mythos selbst. Nüchtern betra­chtet, läuft die Argu­men­ta­tion auf die Fest­stel­lung hin­aus, in den Schriften des Wider­sach­ers ließen sich auch Gedanken finden, die nicht bere­its dadurch als desavouiert anzuse­hen seien, dass sie sich in diesem Œuvre finden.

Zur richti­gen Zeit und im richti­gen Kon­text plaziert, kann eine solche – sach­lich einiger­maßen schlichte – Fest­stel­lung Wirkun­gen her­vor­rufen, die weit über das Gesagte hin­aus­ge­hen. Man muss also Zeit und Kon­text ins Kalkül ziehen, um über das, was da ›angeregt‹ wird, Klarheit zu gewin­nen. Zunächst aber – um der vor­eili­gen Lesart vorzubeu­gen, ›in Wahrheit‹ werde, wenn auch auf etwas ver­schämte oder gar ›verdeckte‹ Weise, hier Anschluss an weiter west­lich exeku­tierte hermeneutis­che Stan­dards gesucht –, sei dem zitierten Text eine zusät­zliche Stelle entnommen.

Man muss auch und ger­ade heute, wo nicht zuletzt Neokon­ser­v­a­tive jeglicher Couleur sich erneut auf Niet­zsche berufen, wo aber auch Lib­erale und zunehmend Linksradikale geneigt sind, in eine Nietzsche-​Renaissance zu ver­fallen, dessen Philoso­phie eben – um mit dem späteren Thomas Mann zu sprechen, »im Lichte unserer Erfahrun­gen« lesen, analysieren und kri­tisch bew­erten. Diese Erfahrun­gen lehren uns, dass eine Auseinan­der­set­zung mit Niet­zsches Denken (bzw. mit dem, was eine »schlimme Gemeinde« für ihre vorder­gründi­gen Ziele daraus machte) nach der faschis­tis­chen Per­ver­sion nicht allein eine rein the­o­retis­che Angele­gen­heit unter akademis­chen Fach­leuten sein kann. Es war immer und ist es auch heute zugle­ich eine politisch-​ideologische, prak­tis­che Auseinan­der­set­zung mit reak­tionärem faschis­tis­chem Ungeist…

›Neokon­ser­v­a­tive jeglicher Couleur‹ – in der DDR? Eine solche Ausle­gung ginge wohl etwas zu weit: der ide­ol­o­gis­che Feind steht unver­min­dert im Westen und muss mit Waf­fen bekämpft wer­den, die, nach­dem im Kap­i­tal­is­mus neue Nietzsche-​Lesarten den Markt beherrschen, drin­gend der Nachrüs­tung bedür­fen. Das umso mehr, da der ›reak­tionäre faschis­tis­che Ungeist‹ aus ganz uner­warteten Rich­tun­gen die DDR zu pen­etri­eren begonnen hat – man schreibt das Jahr 1987.

Zeit und Kon­text. Zehn Jahre vor dieser Veröf­fentlichung erscheint in der DDR die deutsche Aus­gabe eines Nietzsche-​Buches aus der Feder eines sow­jetis­chen Autors: S. F. Oduev, Auf den Spuren Zarathus­tras. Der Ver­fasser, Abteilungsleiter der Akademie für Gesellschaftswis­senschaften beim ZK der KPdSU, hält sich nicht lange mit feinsin­ni­gen Nietzsche-​Auslegungen auf. Mit kräfti­gen Strichen zeich­net er die schlimme Genealo­gie der west­deutschen Nachkriegsphiloso­phie nach:

Der zähe Schlamm des Niet­zscheanis­mus saugt einen labilen, aus dem Gleis gewor­fe­nen, vom Kap­i­tal­is­mus gebroch­enen Men­schen in sich auf und macht ihn let­zten Endes zu einem Opfer der Reaktion.

Zusam­men mit dem Über­set­zer Gün­ter Rieske über­nahm Ger­lach die damals sicher­lich als ehren­voll emp­fun­dene Auf­gabe, das Buch her­auszugeben und mit einem Vor­wort zu verse­hen, das neben den aktu­al­isierten Lesedi­rek­tiven auch All­ge­meines mitzuteilen weiß:

Die sys­temim­ma­nente Aggres­siv­ität des Impe­ri­al­is­mus entspringt dessen ökonomis­chen Grund­la­gen; der Impe­ri­al­is­mus besitzt daher heute ein ebenso aggres­sives Wesen wie in seiner Herausbildungsphase.

Sätze wie diesen schrieben viele, nicht zuletzt auch im Westen. Aus Grün­den der Fair­ness sei es gesagt: angenom­men, unter den Pio­nieren des Geistes sorgte sich einer ums Fortkom­men, so fiel es im Osten schw­erer, sich zu entziehen.

Wie die Her­aus­ge­ber fest­stellen, diente Oduevs Buch dem ide­ol­o­gis­chen Kampf an zwei Fron­ten: ein­mal als marx­is­tis­che Analyse und Kri­tik am philosophis­chen Denken Niet­zsches, sodann als Beschäf­ti­gung mit den »›Spuren‹ Zarathustra-​Nietzsches in der Ide­olo­gie des impe­ri­al­is­tis­chen Deutsch­land bzw. nach 1945 in der in der BRD vorherrschen­den Ide­olo­gie.« Um jeden Zweifel auszuschließen, welche ide­ol­o­gis­chen Spuren­leger gemeint seien, wer­den Namen genannt. Neben Alfred Weber, Karl Löwith, Karl Jaspers, Mar­tin Hei­deg­ger und Otto F. Boll­now ste­hen der ›linksa­n­ar­chis­tis­che‹ Her­bert Mar­cuse und die ›revi­sion­is­tis­che‹ Zagre­ber Prax­is­gruppe auf der Liste. Was diese Herrschaften an Niet­zsche fes­sele, seien die »sub­jek­tivis­tisch aufge­blähte Kul­turkri­tik« sowie seine »Kri­tik am lib­eralen Bürg­er­tum und seiner Spießer­moral«, die am Ende alle Moral und Kul­tur ver­ab­schiede. Da erscheine es

um so bedeut­samer, als in der deutschen Geschichte das von Niet­zsche selbst proklamierte Bünd­nis zwis­chen (seiner) Philoso­phie und (der) Poli­tik unter impe­ri­al­is­tis­chen Herrschafts­be­din­gun­gen die Welt zweimal in furcht­bare Katas­tro­phen gestürzt hat.

4.

Ver­mut­lich ist es keine Schande, der­gle­ichen geschrieben zu haben, auch wenn, wie bei aller ide­ol­o­gis­chen Auf­tragsar­beit, ein schaler Beigeschmack bleibt. Seine nachträgliche Verk­lärung allerd­ings zu einer beson­ders raf­finierten Weise, das sozial­is­tis­che Staatswe­sens von innen her auszuhöhlen, ver­stimmt. Um sich über die Hin­ter­gründe dieser soge­nan­nten Nietzsche-​Debatte zu informieren, die mit den ein­schlägi­gen Ver­suchen anderer, den Autor auch in der DDR zugänglich zu machen und einer sach­lichen Lek­türe zuzuführen, nichts zu tun hat, reicht es aus, den Erläuterun­gen zu fol­gen, die dazu in der Jahress­chrift der Förder– und Forschungs­ge­mein­schaft Friedrich Niet­zsche e. V. von 199091 gegeben wurden.

Einge­bet­tet in eine zu Beginn der 80er Jahre in engen Fachkreisen begin­nende Nietzsche-​Diskussion auf neue Weise (Signum war m. E. der 1983 im Heft 7 der »Weimarer Beiträge« erschienene Artikel zur Nietzsche-​Rezeption von Renate Reschke), waren auch in Halle Bestre­bun­gen im Gange, zunächst im Hin­blick auf solche äußeren Ereignisse wie die des 90. Todestages und des 150. Geburt­stages des Philosophen, dessen Geburts-​, einige Wirkungs– und dessen Sterbe– bzw. Begräb­nisort sich ja alle im sächsisch-​thüringischen Raum befan­den und wo sicher anlässlich dieser Ereignisse mit einem inter­na­tionalen Besuch­er­strom zu rech­nen war, sich mit dessen Philoso­phie sach­lich, analytisch-​kritisch zu beschäftigen.

Der Umstand, in einem his­torisch kontin­gen­ten, bloß ter­ri­to­ri­alen Sinn über die Kult­stät­ten der so ver­stande­nen inter­na­tionalen Nietzsche-​Gemeinde zu ver­fü­gen, ver­bun­den mit dem Gedanken an die in eini­gen Jahren bevorste­hen­den Gedenk­tage, reicht hin, um inner­akademis­che Betrieb­samkeit auszulösen:

Es war uns ins­beson­dere nach der Ken­nt­nis­nahme des inter­na­tionalen Diskus­sion­s­standes und seines hohen the­o­retis­chen Stel­len­wertes und inter­diszi­plinären Charak­ters klar, dass unsere Absicht ein viel kom­plex­eres und sys­tem­a­tis­cheres Herange­hen erforder­lich machte, als wir zunächst ins Auge gefasst hat­ten. Wir entschlossen uns deshalb 1984, an unserer Uni­ver­sität im Jahre 1986 eine Nietzsche-​Konferenz mit inter­diszi­plinärem Charak­ter durchzuführen.

Das heißt doch wohl: die notorische Devisenknap­pheit der DDR, die pro­pa­gan­dis­tisch bemän­telte ökonomis­che Notwendigkeit, mit kalen­darischer Uner­bit­tlichkeit ins Haus ste­hende Fes­tiv­itäten auf ›inter­na­tionalem Niveau‹ durchzuführen, erzwingt eine erneute Beschäf­ti­gung mit dem Philosophen, die sich rasch als dif­fiziler, sprich arbeitsin­ten­siver erweist als ursprünglich angenom­men und einige Kor­rek­turen an den bis dahin gel­tenden Sprachregelun­gen erforder­lich macht. Das ist ein­se­hbar und weit ver­ständlicher als alles, was zur Begrün­dung des nach dem poli­tis­chen Umbruch unter­nomme­nen Ver­suchs, aus der rein ter­ri­to­ri­alen Ver­fü­gung über die Stät­ten geistig unklare Vorteile zu ziehen, nachgeschoben wird. Dem staunen­den Zeitgenossen mochte das genügen.

5.

Wer glaubt, das hin­ter diesen Aktiv­itäten ste­hende Prob­lem sei damit hin­re­ichend analysiert, irrt den­noch. Wer den bürokratis­chen Um– und Rück­bau von DDR-​Institutionen nach der Eingliederung in die Bun­desre­pub­lik an der einen oder anderen Stelle mitver­fol­gte, durfte zu sehr unter­schiedlichen Urteilen kom­men. In intellek­tuellen Fra­gen allerd­ings wird ›Rück­bau‹ stets ein wenig nach Regres­sion schmecken und säuer­liche Reak­tio­nen her­vor­rufen. Die Uni­ver­sitäten mit dem ihnen eige­nen Pathos der Lehre und Forschung wur­den in jenen Jahren für Ver­suche benützt, deren Ergeb­nisse weit in die west­lichen Lan­desteile ausstrahlen soll­ten und aus denen das wis­senschaftliche Per­sonal mit einem stark gewan­del­ten Selb­stver­ständ­nis her­vorg­ing. Die östliche Anpas­sung an die Frei­heit besaß ihren Preis. Zu entrichten hat­ten ihn Leute, deren Anpas­sungs­bere­itschaft bere­its ebenso erprobt war wie ihre Fähigkeit, Überzeu­gun­gen auszu­bilden und zu vertreten, die ins kar­ri­ere­fre­undliche Spek­trum fallen. Kein Wun­der also, dass die Fähigkeit und der Wille zur Kar­riere in den fol­gen­den Jahrzehn­ten zum stärk­sten Wis­senschaftsmo­tor avancierten, während Wahrheits­fra­gen in den soge­nan­nten Kul­tur­wis­senschaften – den ›Geist‹hatte man vor­sor­glich gestrichen – einen unerk­lär­lichen Nieder­gang erfuhren, von dem die Philoso­phie als Diszi­plin, so dis­tanziert sie der Kul­tur gegenüber sich auch gebär­den mag, sich keineswegs aus­nahm. Arrang­iert euch und liebet einan­der: wer in diesem Motto nicht die Parole erkennt, wer nicht spurt, fliegt raus, beweist kaum Anschlussfähigkeit und darf auf wenig Fortkom­men hof­fen. Was mehr zählt: seine Stimme besitzt kein Gewicht, es sei denn das des Mühlsteins, das ihn unaufhalt­sam in die Tiefe zieht.

Die Hermeneu­tik, als Meis­ter­diszi­plin der Philoso­phie in einem Land mit vergifteter Tra­di­tion, hatte ihre his­torische Auf­gabe in dem Moment vol­len­det, in dem der Zusam­men­bruch des Ost­blocks die Schlacht um die Deu­tung­shoheit gegenüber den Ver­gan­gen­heits­bestän­den, dem – offen­bar ver­lore­nen und nun­mehr wiederge­fun­de­nen – ›kul­turellen Gedächt­nis‹, wie es sei­ther voll­mundig heißt, entsch­ied. Sie musste es nur noch ler­nen. Nir­gends lernt es sich leichter als in der Lehre. War sie also, mit­samt ihrem Anspruch, als Fun­da­men­tald­iszi­plin begrif­fen und respek­tiert zu wer­den, nach Osten gewandt möglicher­weise wenig mehr als die Lauge, in welcher – nach wieder­erlangter Rep­u­ta­tion im Westen – der kämpferische Marx­is­mus seine Ecken und Kan­ten ein­büßen musste, um sich in das Gespräch, das wir sind, auf eine unge­fährliche Weise einzufü­gen und irgend­wann aufzulösen? Dass die Schlacht zeitweise über die ganze Bre­ite des Herkom­mens ging, sollte unsere Ver­wun­derung über den kurzzeit­i­gen Ver­such der Gegen­seite, just im Sils Maria-​Bezirk die weiße Fahne zu hissen und beseelt vom gewohn­ten Kampfgeist gegen die ger­ade eige­nen, nun­mehr ver­lasse­nen Lin­ien anzure­iten, nicht min­dern. Sicher wäre es ›zu ein­fach‹, den Philosophen oder das eine oder andere seiner The­o­reme dafür ver­ant­wortlich zu machen. Eigentlich steht sein Name für jenes glitzernde Nichts, das ein­mal den Reiz des West­ens aus­gemacht hatte und das nun, nach erfol­gre­ichem Stel­lung­wech­sel, als Trophäe im Wind des Wan­dels flat­ternd das Ende der Reisekader verkün­dete: Seht, wir sind es selbst. Auch dieses Erbe ließ sich antreten.

6.

Ein kluger Kopf hat alles ver­di­ent, was die Nach­welt ihm ansinnt. Schließlich hat er es ver­säumt, sich selbst rechtzeitig um einen Kopf kürzer zu machen: das rächt sich. Selb­stver­ständlich war und ist Niet­zsche kein beliebiger Denker. Das Unter­fan­gen, den jün­geren Niet­zscheanis­mus mit seinen auf Hei­deg­ger und Der­rida, auf Fou­cault und Deleuze zurück­ge­hen­den Motiven als Plat­tform für eine post­marx­is­tis­che Neuori­en­tierung zu benützen, sym­pa­thisierte – hermeneutisch dis­tanziert, wie in deutschen Sem­i­naren üblich – erkennbar mit Denkstilen, die von der marx­is­tis­chen Ortho­doxie als ›irra­tional‹ oder ›irra­tional­is­tisch‹ gebrand­markt wor­den waren. Die nahe­liegende These, dass das Wort ›ratio­nal‹ in jenem Sys­tem mehr und mehr für eine Art der Wirk­lichkeits­beschrei­bung reserviert blieb, die von der Wirk­lichkeit müh­e­los über– und unter­schrit­ten wurde, ließ den Schluss ver­führerisch wirken, jene vor­dem ver­ket­zerten The­o­rien möchten sich vor allen anderen als real­ität­snah oder gar –angemessen erweisen. Hier kön­nte der Wun­sch – ›le désir‹ – den Gedanken machtvoll präjudiziert haben.

Die östliche Auflö­sung traf – wahrschein­lich zur nicht gerin­gen Verblüf­fung derer, die sie durch­lebten – auf einen west­lichen Still­stand, der auf Kon­gressen seit Jahrzehn­ten guten Gewis­sens präsen­tiert wurde und sich munter in gelehrten Pub­lika­tio­nen fortschrieb. In seinem Zen­trum stand die den ein­sti­gen Akteuren längst ent­glit­tene, im Däm­mer– und Zwielicht vager oder auf Gesin­nung zie­len­der For­mulierun­gen veg­etierende Ratio­nal­is­mus­de­batte. Angesichts der triv­i­al­isierten, zum Bestandteil einer auf akademis­che Ressourcen zurück­greifenden Pop­u­larkul­tur gewor­de­nen Logozentrismus-​Schelte und einer Plau­si­bil­itäts­grün­den mehr und mehr entrück­ten Monop­o­lisierung des Ver­nun­ft­be­griffs durch die Frank­furter Schule mit­samt ihren Verzwei­gun­gen mochte der Gedanke so abwegig nicht sein, es komme darauf an, sich kon­se­quenter als bisher argu­men­ta­tive Poten­tiale zu erschließen, die in diesen Denkschulen nicht oder nur unzure­ichend zu Sprache gelangten, sei es, dass man sie durch rit­u­al­isierte Polemik neu­tral­isierte, sei es, dass man sie hart­näckig beschwieg. Wer mit Erfahrun­gen der Aus­gren­zung leben gel­ernt hatte, den kon­nte ein­mal unverse­hens der Mut anwan­deln, ihren Tech­niken ein für alle­mal zu entsagen; mag sein, er wurde darüber zum Entdecker.

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