Wahlgesichter@rs

»Ich nehme die letzte Zahl der Infizierten, multipliziere sie mit der Zahl der Gegenstände in meinem Gesichtskreis, ziehe davon die Zahl der Lebenden ab, ergänze sie durch die Zahl der mit oder ohne Gestorbenen, dividiere sie durch den von Schulze-Vorhaut ermittelten Gamma-Faktor, spritze ein wenig D-Sirup darüber (frisch gepresst, versteht sich), drücke die Summe ins Oberstübchen, lasse sie bei kleiner Flamme köcheln und sehe zu, wie sie langsam durch die vorgesehenen Membranen sickert. Dann gehe ich auf die Straße, lasse meinen mächtigen Vor-Sack, auch Kameral-Maske genannt, auf und ab tanzen, rolle dazu mit den Muskeln und ergreife das Wort. Haben Sie bemerkt, wie wortlos meine Mitmenschen geworden sind? Selbst eng umschlungen im Park murmeln und brummeln sie, was das Zeug hält, doch nur selten dringt ein artikulierter Laut unter ihren Atemsäckchen hervor. Die meisten schweigen, ich vermute, mit vor Entsetzen oder vom Gähnen aufgerissenem Mund hinter dem vorgehaltenen Ziergitter, voller Angst, der andere könnte ihren Angstschweiß auf die vorgeschriebenen anderthalb Meter riechen und sogar darüber hinaus. Denn Angst haben sie, die Angst aller Ungläubigen, die wissen, dass sie sich unter Fanatikern bewegen und jedes offene Wort ihr letztes sein könnte. Wüssten sie, dass wir – denn ich bin einer der von ihnen Gefürchteten – mit oder ohne Geruchssinn längst über sie Bescheid wissen und dass sie sich ihre Maskerade schenken können, wüssten sie, dass wir sie auf alle Tage durchschaut haben, dann wüssten sie auch, was mein Vor-Sack in Wahrheit bedeutet: Wir sind sie leid. Leid sind wir ihr ewiges Ja-ich-weiß-nicht, ihre praktische Bedenkenträgerei, ihre zaghaften Einwände, ihr sperriges Fachwissen, ihren trotzigen Menschenverstand und was dergleichen mehr darauf wartet, dass die Welt nicht auf ein Fingerschnipsen hin untergeht, leid sind wir es, ein erneutes Jahrzehnt warten zu müssen, bloß weil wir den trägen Haufen wieder nicht überzeugen konnten. Sie haben Angst und das ist gut so. Ihre Angst ist unsere Straße zur Macht. Wenn wir auch sonst nichts könnten: Angst schüren können wir. Und diese Angst frisst sich durch. Wir werden dafür sorgen, dass sie nimmer vergeht. Vielleicht werden wir dafür einmal als die großen Angstmacher in die Geschichte eingehen. Na und? Jeder Superlativ ist ein Ausdruck von Gerechtigkeit. Ich weiß, die Konkurrenz ist riesig. Da werden wir wohl dafür sorgen müssen, dass es von unserer heißt: Sie war die lächerlichste von allen. Und glauben Sie mir: Wir sind auf gutem Wege. Auf gutem Wege. Auf gutem … au Scheiße–!«

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T - Die Stufen des Kapitols Das Bersten

T. Die Stufen des Kapitols

Ein politischer Roman
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(Edition Zeno)
367 Seiten
ISBN 978-3-944512-28-0

Das Bersten

Erzählung
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(Edition Zeno)
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