Die ver­siegelte Welt

Meta-​Roman

Ein ver­gan­ge­nes Jahrhun­dert ist wie eine been­dete Beziehung. Das gilt vielle­icht nicht in jeder Hin­sicht, aber ganz gewiss in einer: Was gewe­sen ist und nun rasch in eine abgeschlossene Ver­gan­gen­heit zurücksinkt, übt über das Gegen­wär­tige eine Macht aus, die es als Gegen­wart nie besaß. Die Gegen­wart duckt sich, erschrocken, unter dem Wüten dieser Kraft – nicht auf­fäl­lig, nicht zu sehr, ger­ade aus­re­ichend, um den erwün­schten, ersehn­ten, erhofften aufrechten Gang ein weit­eres Mal zu verta­gen. Es geht weiter – wie denn sonst? Wohin denn sonst? Die Gegen­wart erwartet, wenn nicht sonst, eine Zukunft, sie hat Zukunft, so sagt man, man sagt auch anderes, aber das genügt ihr und sie wieder­holt es unun­ter­brochen. Mag sein, es genügt nicht allen, es genügt nicht ganz, eine gewisse Unruhe bleibt, ein Ungenü­gen an dem, was geschieht und ger­ade vor­beigeht, aber doch so, dass es genügt. Inzwis­chen ver­stre­ichen die ersten, ganz im Zeichen des Neuen ste­hen­den Jahre unter der Last von Auf­gaben, die tief ins ver­gan­gene Säku­lum zurück­re­ichen. Aus irgen­deinem Grund hat man es ver­säumt, sich ihrer rechtzeitig zu entledi­gen. Und das ist erst der Anfang. Mit der Zeit enthüllt die Ver­gan­gen­heit ihre Tücken. Sie wird zum ›So nicht!‹ der Gegen­wart. Das ist ein priv­i­legierter Posten, ein grandioses Scharnier, auch wenn es hin und wieder qui­etscht. Wenn es so nicht geht – und die Ver­gan­gen­heit zeigt, dass es so nicht geht –, dann muss es anders gehen. Darin besteht ja die Auf­gabe: es anders zu machen. Nichts leichter als das, es bleibt die leicht­este aller Übun­gen. Die Zeit ist eine andere gewor­den, so wie die Men­schen andere gewor­den sind und sich nicht mit den Losun­gen von gestern abspeisen lassen. Nur heim­liche Leser stellen fest, wie wenig sich die Parolen geän­dert haben. Hin und wieder kommt es ihnen so vor, als spräche die Ver­gan­gen­heit stärker als die Gegen­wart, vielle­icht nicht ger­ade lauter, aber lebendi­ger, voller, wis­sender. Die Blick­rich­tung hat sich umgekehrt und plöt­zlich erkennt man Men­schen­schick­sale hin­ter den Losun­gen statt der Leere, in die sich die Ver­sprechun­gen der Zukunft hüllen, ver­mut­lich um mehr Auftrieb zu bekom­men und den Leuten ein Gefühl der Leichtigkeit zu vermitteln.