Wahlgesichter@rs

Der Mensch der Maske neigt dazu, sich freizusprechen. Sein Sprechen gleicht in dieser Hinsicht dem Sich-Räuspern. Seine eigentlichen Adressaten sind die Viren – sie verstehen nichts und wissen von keinerlei Maskenschutz. So entsteht eine frei florierende Kommunikation, in welcher der Nächste bloß als Verkehrshindernis vorkommt. Man kann um ihn herumkurven oder draufhalten: Hauptsache, die Virenlast bleibt kalkulierbar. In der Diplomatie gehört das Maskentragen mittlerweile zur hohen Kunst der Täuschung. Souverän ist, wer bestimmt, ob gerade Maske gilt oder Mundfreiheit. Kein Wunder, dass die Renitenz gegen diese Art der Bevormundung hauptsächlich von den kleineren Ländern ausgeht. Ihre Repräsentanten haben, wie’s scheint, die Faxen dicke, fast so wie ihre Untertanen. Nur gewisse Deutsche, die sich gern etwas aufdrücken lassen und das Abarbeiten von Überflüssigem zu den Freuden des Lebens zählen, würden gern Maske tragen bis ans Ende ihrer Tage. Mag sein, es ist näher, als sie sich das vorstellen können.

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Der jahrelange Maskenzwang hat die Menschen verändert. Sie wissen, dass ihr blankes Gesicht Aggression hervorruft, also versuchen sie es zu verbergen oder, wo das nicht geht, zur Maske erstarren zu lassen. So entsteht eine neue Ethnie der Unmaskierten, die sich als gefährliche Mutation begreift, wobei die Gefahr nur sie selbst betrifft. Andererseits gleicht nichts der tiefen Entspannung, die dadurch entsteht, dass einer, allem Durchsagenterror zum Trotz, den Unfug nicht länger mitmacht. Doch kaum ist er mit sich im Reinen, springt ihn der grobe Unfug der anderen an. Denn da ist keiner, der seine Reichsfiltertüte so trüge, dass sie ihre medizinische Wirkung, wenn sie denn eine hätte, auch nur im Ansatz entfalten könnte. Der eben noch Freie sieht sich urplötzlich in der Rolle des Redlichen, umgeben von lauter Meistern der stillen Obstruktion, die, wenn es sich einrichten ließe, das Ding am liebsten am Hintern tragen würden und genau das freimütig demonstrieren.

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Projekte wie die Versiegelte Welt werfen neben der Frage, wer sie liest, die andere auf, wer (oder was) ihre dauerhafte Präsenz im Netz garantiert, nachdem Verlage weiterhin das schlechte ›gute Buch‹ als ihr Verkaufsmodell präferieren, als befinde man sich noch immer in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts. Man kann die Versiegelte Welt drucken, wie es in Teilen geschah und geschieht, aber da sie mit dem Netz, seinen Darbietungs- und Lektüreweisen so verwoben ist, wie es nun einmal der Fall ist, entgeht einem dabei das Beste.

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Zweifellos gibt es eine Konkurrenz zwischen dem Prestigeprojekt ›Buch‹ und dem Gebrauchsprojekt ›Netz‹: Im Netz wird gelesen, was zwischen zwei Buchdeckeln im Regal verstaubt. Der Stern des literarischen Buches ist bereits so lange gesunken, dass auch der Streit, ob er nicht unter dem Horizont steht, leise geworden ist. Wer heute noch ›Belletristik‹ für den Buchmarkt schreibt, muss wissen (und weiß es in der Regel auch), dass er sich auf ein autoreferenzielles System einlässt, aus dem wenig Licht nach außen dringt.

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Angesichts der Kommunikationskulisse world wide web hat sich das Lektüreverhalten der Menschen innerhalb weniger Jahrzehnte radikal verwandelt. Man müsste die Netze schon abschalten, um zu einer Lektüre-Gangart à la Proust oder Jünger oder auch Handke zurückzufinden. Die Vertreter der ›Kultur‹ versuchen den Leuten einzureden, darin liege ein Rückschritt und die Fähigkeit des Menschen, komplexe Zusammenhänge zu rezipieren und zu kommunizieren, sei dramatisch gesunken. Der Wahrheit näher dürfte der Verdacht kommen, ihre generelle Dürftigkeit sei nie so ausgiebig dokumentiert worden und darin liege das eigentliche Verdienst der sozialen Medien.

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Lektüre ist schneller geworden, fragmentarischer, meinethalben oberflächlicher: also muss die Oberfläche mehr zeigen, prägnanter zeigen, rascher auf den Punkt bringen. Jeder, der sich souverän im Netz bewegt, weiß das und reagiert mehr oder weniger verärgert auf die Unterstellung, ihm entgehe, anders als dem Buchleser, das Beste. Was soll es sein, das Beste, die reife Frucht am Ausgang des Tunnels? Vom Betrachter eines Gemäldes verlangt man, er möge die Komplexität des Gebildes mit einem Blick erfassen oder wenigstens in einer überschaubaren Folge von Einzelschritten, die immer wieder zur Totalität des Anblicks zurückführen. Warum sollte ein Leser langsamer von Begriff sein? Das Netz verlangt nach literarischen Formelementen großer Dichte und geringer Erstreckung. Die Versiegelte Welt kann jeder betreten und wieder verlassen, wo und wann es ihm beliebt. Sie nimmt ihm seine Ungeduld und das kleine Aufmerksamkeitsfenster nicht krumm.

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Warum schreibe ich das? Plötzlich liegt dieser Gesprächsstoff in der Luft. Den Freunden der Buchkultur geht der Atem aus und ihre Kenntnis der Klassiker, schon immer ein Potemkisches Dorf, tanzt um den Nullpunkt, an dem nur noch dem Internet entlehnte Zitatfetzen für Namen und Ansehen stehen. Entsprechend fetzt man sich um sie nach Maßgabe des letzten Kollektivwahns. Da wäre es doch besser, die Autoren würden es bei den Stummeln belassen und ihre Zeit gleich dem ideologischen Endkampf widmen. Was nicht wenige tun, wie die wachsende Zahl der ›Influencer‹ dokumentiert. Aber natürlich ist es Ehrensache, an einem Buch zu schreiben, das den ganzen Kampfsprech zusammenfasst, den man tagaus tagein ohnehin von sich gibt. Mein Buch – das ist der Autor selbst, sich auf den Gabentisch gelegt, möglichst zum Geburtstag oder zum Weihnachtsfest. Außerdem kann man daraus vorlesen.

 

 

T - Die Stufen des Kapitols Das Bersten

T. Die Stufen des Kapitols

Ein politischer Roman
Manutius Verlag Heidelberg
(Edition Zeno)
367 Seiten
ISBN 978-3-944512-28-0

Das Bersten

Erzählung
Manutius Verlag Heidelberg
(Edition Zeno)
267 Seiten
ISBN 978-3-944512-12-9