Wahlgesichter@rs

Am ärgsten ist die Tyrannei im Kleinen. Du schlenderst durch das Bikini, Berlins nostalgische ›Shopping Mall‹ (»Hier trifft Architektur auf Oooh, Geschichte auf Aaaah, Kulinarik auf Mmmh«): Hier schlendert niemand. Der öffentliche Raum ist weder leer noch geschlossen. Er ist abgeschaltet. Das Gestühl der Cafés wurde zusammengeschoben und ängstlich verwahrt; ein Absperrband verwehrt den Zugang zur Zoo-Fensterfront, dorthin, wo sonst Kinder herumkrabbeln und die daneben sitzenden Mütter ausufernde Gespräche mit ihren Freundinnen führen; die Geschäfte, soweit geöffnet, strömen ihre sparsamen Gerüche wie Orchideen aus, in die sich hin und wieder ein Insekt verirrt. Ein wenig erschöpft von der Lauferei eines trüben Nachmittags lässt du dich – ein paar Minuten nur! – auf einem einsamen Stuhl nieder: Dort eilt er herbei, der Mann der Ordnung, breit in der Brust, und verweist dir das Sitzen. Er verweist dir, inmitten dieser geschichtsgeplagten Stadt, an einem Symbol-Ort des einst freien Westens, das Sitzen. Sitzen, das sagt er allen Ernstes, ist nicht gestattet. Gern würdest du dem Hüter des Ernstes einen freien Stuhl anbieten, um über einen solchen Unsinn zu reden, stünde nur einer herum. Aber daran ist nicht zu denken. Der Mann scheucht dich hoch, als scheuche er ein Geflügel aus dem Gehege: Hopp, hopp, hier wird nicht gesessen. Bleiben Sie in Bewegung. Und tatsächlich, der vorschriftsmäßig verhüllte Sprechapparat tut seinen Dienst, an Stimmversagen ist nicht zu denken, ebenso wenig an eine Regung der Scham: »Wenn Sie zu schwach zum Stehen sind, sollten Sie zu Hause bleiben.« Was entgegnet man einem solchen Menschen? »Wenn Sie zu schwach sind, um zwischen Sinn und Unsinn zu unterscheiden, sollten Sie Ihren Dienst quittieren?« Das wäre der Entrüstung geschuldet, träfe aber den Sachverhalt nicht ganz. Vermutlich müsste er den Dienst quittieren, sobald er erst zu unterscheiden begänne. Da bleibt die Lampe im Gehirn besser aus. 

So also sieht er aus, der Kampf um unser aller Gesundheit, heruntergebrochen auf eine belanglose Szene an einem belanglosen Nachmittag in einer belanglosen Stadt auf einem belanglosen Planeten in einem belanglosen Universum. Ein Wortwechsel zwischen zwei erwachsenen Menschen, aber das tut offenbar nichts zur Sache. Man könnte fragen, um welche Sache es sich dabei handle, offensichtlich kennt dieser Mensch oder sein Arbeitgeber oder die vorgesetzte Behörde ein Virus, das scharf zwischen sitzenden und stehenden Menschen unterscheidet, vielleicht kennt er auch nur seine Vorschrift, vielleicht auch nur kein Pardon. Letzteres wird es sein. Man wird sich an diese Zeit als eine Periode des gnadenlosen Unfugs zurückerinnern und jeder wird seinen Teil zum allgemeinen Gelächter beisteuern können. Auch jene Aufsichtsperson wird, wie ihre Kollegen, köstliche Geschichten zum Besten geben, darunter, warum nicht, die von dem Alten, den er, inmitten einer fahl erleuchteten Mall voller stumm dahineilender Menschen, von seinem einsamen Stuhl vertreiben musste, weil das Gesetz es befahl. Welches Gesetz? Nun ja, so waren die Zeiten, und wer nicht parierte, war eben angeschissen. Dafür kann der Einzelne nix.

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T - Die Stufen des Kapitols Das Bersten

T. Die Stufen des Kapitols

Ein politischer Roman
Manutius Verlag Heidelberg
(Edition Zeno)
367 Seiten
ISBN 978-3-944512-28-0

Das Bersten

Erzählung
Manutius Verlag Heidelberg
(Edition Zeno)
267 Seiten
ISBN 978-3-944512-12-9