Wahlgesichter@rs

Weltverbrechen werden an den Umschlagstellen der Geschichte publik. Die laufenden bleiben unter der Decke.

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Wenn in einer Bank die Alarmanlage ausfällt, dann wissen die Eingeweihten: Gefahr im Verzug. Die Bankräuber sind unterwegs.

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Die Alarmanlagen der liberalen Gesellschaft sind die Medien. Wer sie ausschaltet, geht ans Eingemachte der Macht.

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Apropos: Man schaltet Medien nicht aus. Man schaltet sie … um.

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Das vergangene Jahrzehnt hat Fischzüge gesehen, die das Zeug dazu haben, alles in den Schatten zu stellen, was sich in der Menschheitsgeschichte an Vorbildern auftreiben lässt. Jedes Mal stellten die Medien sich zur rechten Zeit blind und taub. Die Menschen wissen also Bescheid.

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Gestern war Journalist, wer das Elend der Welt herunterbuchstabieren konnte. Heute ist Politiker, wer es darstellt, ohne dass es ihm auffiele.

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Gestern informiert, heute formiert. Was so nicht stimmt: Jede Formation erzeugt ihre ganz eigene Information.

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Ein Wissen ist in der Welt. Was treibt es da? Wen treibt es da? In welcher Mission?

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Das Bescheidwissen der Ausgeschiedenen klingt nach Feigheit: Warum hat man diese Dinge nicht früher von ihnen gehört? Der Grund ist einfach: Ihnen fehlen die Flure, auf denen geraunt werden darf. Sie machen publik, weil das Betriebsgeheimnis weitergewandert ist und jetzt von anderen gehütet wird. Sie wünschen von Dingen zu reden, von denen sie etwas verstehen – vor Leuten, die sie ihnen abnehmen.

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Vorschlag zur Güte: Impfkampagne herunterfahren, sobald der drogenaffine Teil der Bevölkerung seine Dosis erhalten hat. Grund: alles, was danach kommt, schmeckt nach notdürftig bemäntelter Gewalt.

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Nebenfolgen: ein Wort für die Statistik. Alle Nebenfolgen sind Hauptfolgen für den, der sie erleidet, vor allem dann, wenn ihm vorher nichts fehlte.

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›Hauptsache geimpft‹. Der Rest ist Nebensache. Das ist der Sinn des Satzes: ›Man schlägt sich durch.‹

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»Geld, meine Damen und Herren, Geld…« hier unterbricht sich der Redner, er hüstelt ein wenig, er spürt die Schwelle zum Allerheiligsten: In den nächsten Minuten entscheidet es sich, ob er zu den Eingeweihten zählen wird oder als Schwätzer die Runde dreht.

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Wann immer der Vorteil der Wenigen, die man einst the happy few nannte, auf der Hand liegt, werden die Stimmen lauter, die klagend fragen: »Aber warum?« Sie suchen den Grund wie ein Hundebesitzer, der nicht bemerkt, dass sein getreuer Kläffer ihm folgt: »Wo bist du nur? Wie kannst Du Herrchen so im Stich lassen?«

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Du hast das Puzzle in der Hand und willst es legen. Du bist so nahe am Ziel wie nie zuvor, noch drei, vier Elemente und du bist am Ziel. Wie oft ist das geschehen und wie oft wird es noch eintreten? Etwas passiert – und das Geduldspiel beginnt von neuem. Die unsichtbare Hand verwischt deine Erfolge, sie mischt sich ein, sobald ihr Bild auf der Fläche erscheint.

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Das Urteil der Sinne setzt ein Verbrechen voraus.

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Es ist ein großer Unterschied, ob sich Menschen ausweisen können oder ob sie Ausgewiesene sind.

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Alle Erfassung läuft auf Separation hinaus. Sobald alle erfasst sind, ist alle Separation willkürlich: Sie wird durch das Erfassungssystem generiert und keiner ist mehr da, der von sich sagen kann, er sei entronnen.

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Es genügt nicht, den Menschen die Zunge zu lähmen. Die Logik der Gewalt verlangt, sie ihnen schmackhaft zu machen.

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Misstraue den Heilsbringern! Das lernt sich für ein, zwei Generationen, dann muss wieder geheilt werden, was nicht geheilt werden kann.

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Kommt dir etwas unwirklich vor, gehe ihm nach, bis es seine Wirklichkeit preisgibt.

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Ein Berufskiller, der vor Gericht die statistische Überzahl der von ihm am Leben Gelassenen anführt, um sich als nützliches Glied der Gesellschaft auszuweisen, hat künftig vielleicht größere Chancen davonzukommen, als das Alltagsgemüt es sich vorstellen kann. Es gibt Weltgegenden, die kennen diesen Typus schon länger.

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Von der Geschichte verwöhnt, d.h. vergessen werden: Wer wollte es nicht? Dabei vergisst die Geschichte nie. Geschichtsvergessenheit gehört nicht zu ihren Lastern.

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Große Verbrechen schaffen es früher ins Kino als in die Realität. Sie müssen auf der Skala der kollektiven Phantasie sinken, bis sie in die härtesten Schädel einsickern können: die Klasse der Durchsetzer.

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Man muss ins Kino gehen, um zu erfahren, was in fünf Jahren geschieht. Man kann es auch lassen, denn letztlich befindet man sich immer im falschen Film.

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Wer die Kinos schließt, schließt von sich auf andere.

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In der Phantasie vieler Leute lautet die Maximalformel für kommendes Unheil ›Viertes Reich‹. Das klingt ein wenig outdated, weil es die Abzweigung übersieht, die der Reichtum seither genommen hat.

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Die Reichen haben die Reiche hinter sich. The Empire ist following you.

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Man muss den Tod vor sich haben, um ihn hinter sich zu lassen. Manche versuchen es andersherum.

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Man muss den Mars mögen, um ihn besiedeln zu wollen.

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Es gibt Totgeburten des menschlichen Begehrens, in die unentwegt Geld hineingeschüttet wird.

 

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