Wahlgesichter@rs

Sehen Sie, bellt der Polizeihund mit der großen Schnauze und dem zierlichen Bastkörbchen davor, das ihm eine Demonstrantin geschenkt hat, wir alle sind dieser PR-Spezialistin auf den Leim gegangen. Jetzt stehen wir uns in langen Köterreihen gegenüber und bellen uns an. Ja, man hat uns längs der Straße aufgereiht, linker Graben, rechter Graben, nur das Spuckfeld dazwischen ist nicht immer frei, da die verordneten Konvois Richtung Zukunft über die Straße rollen und nicht gefährdet werden dürfen. Verirrt sich eine Salve und es klebt bloß ein Hauch von Rotz am Blech, dann ist gleich der Staatsschutz zur Stelle und kontrolliert. Wir haben uns so daran gewöhnt, dass der Staatsschutz die Zukunft schützt, dass wir sie darüber, wie es scheint, aus den Augen verloren haben. Manche unter uns verwechseln sie bereits mit den Konvois. Dabei schaffen die nur den Stoff herbei, aus dem sie erbaut wird. Viel Sand, wenn Sie mich fragen, viel Sand! Kaum ausgeladen und schon verweht. Dennoch sind wir Hunde die Leidtragenden. Schließlich hat man uns nicht für die Wüste konstruiert, jetzt fühlen wir uns manchmal schon wie ausgekotzt. Dieses Gewaffe, Gejaule, Gekläff, Gegeifer bringt einen ordentlich dressierten Polizeihund zwar nicht aus der Ruhe, aber um den Schlaf. Denken Sie dran, wenn Sie uns begegnen.

Unter Schlafmangel leiden wir jetzt alle, da kann es schon zu Übersprungshandlungen kommen. Vor allem, wenn wir im Graben gegenüber einen der unsrigen hocken sehen: die Vorderbeine starr in den Boden gerammt, die Hinterbeine vibrierend vor Ungeduld, die Schnauze vorspringend. Wie sollen wir wissen, was so einer zu sagen hat? Hat er denn etwas zu sagen? Wenn wir nichts zu sagen haben, warum dann der? Diese Frage kann uns keiner beantworten. Sie wird ja auch nicht gestellt. Sie pocht nur heftig in unseren Herzen, verborgen unter dem glänzenden Fell, das sich bei solchen Gelegenheiten ganz von alleine aufrichtet. Da wird der Einzelhund autonom. Sehen Sie, ich persönlich habe nichts gegen politische Bildung. Zum Beispiel hat sich mir ein Satz eingeprägt, den der Alte Fritz seinen Grenadieren in der Schlacht von Kolin zugerufen (zugebrüllt?) haben soll: »Hunde, wollt ihr ewig leben?« Als disziplinierter Hund kann ich Ihnen versichern, die Antwort, einstimmig aus tausend Hundekehlen hervorbrechend, lautet: »Jaaaa!« Sehen Sie, dieses uns allen tief eigene Ja verhindert zuverlässig den Seitenwechsel. Polizeihunde verheizt man nicht, man hetzt sie auch nicht aufeinander. Wir sind keine Soldaten, wir sind Wachleute, selbst im Traum. Und das hier, ich kann es Ihnen verraten, ist der reinste Albtraum. Der da ist der Verräter.

 

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