Macht ohne Souverän

Die Demontage des Bürgers im Gesinnungsstaat

 

Soweit die Überlegungen dieses Buches von einer These getragen werden, wäre es diese: Der unter Druck geratene liberale Staat ist es wert, verteidigt zu werden – weniger gegen die ständig bemühte Drohkulisse aus ›rechten‹ und ›linken‹ Pappkameraden zugunsten einer aufs jeweils eigene Interessenspektrum zurechtgeschneiderten ›Mitte‹, sondern gegen die Zauberlehrlinge und Menschenmeister einer Weltgesellschaft, deren postulierte Erfordernisse sie besser zu kennen scheinen als die artikulierten Bedürfnisse von Menschen, in deren Namen sie handeln und für die sie daher in vollem Ernst die Verantwortung tragen. Die Souveränität des Volkes wurde zu schwer erkauft, um sie eilends einem Weltphantasma zu opfern. Das schließt Verantwortung gegen die wirkliche Weltgemeinschaft ein.

Hat die politische Klasse in Deutschland die Nerven verloren, als ihre Kanzlerin sich zum Idol aller refugees aufschwang, Englands Brexit den europäischen Einigungsprozess widerrief und Donald Trump die Wahl zum US-Präsidenten gewann? Viele, darunter nicht wenige Ernüchterte des Betriebs, meinen, sie habe in den entscheidenden Tagen und Wochen Verstand, Urteilsvermögen und Augenmaß, kurz, den ›Kontakt zur Wirklichkeit‹ verloren, wo auch immer man letztere anzusiedeln bereit ist. Vor der Einsicht steht die Analyse, jedenfalls sollte sie dort stehen. Sie stand aber, wie es scheint, weit abgeschlagen im Hintergrund, weil die dafür Zuständigen es kaum riskieren wollten, mit den Mitteln einer giftigen, von Randgängern des politischen Spektrums schlagkräftig unterstützten Regierungspropaganda ins politische, manchmal auch ins berufliche Abseits gedrängt zu werden. Dennoch gibt es sie, die bösen alten Männer und Frauen der Republik. Die meisten der Angepassten kennen sie und bekreuzigen sich, wenn sie ihnen auf offener Straße oder auf Facebook begegnen. Modernes Christsein ist angesagt. Sollte das eine Frage des Klimas sein, erhebt sich die Frage: Ändert es sich?

 

Ulrich Schödlbauers »Macht ohne Souverän« ist ein fulminanter Abriss des augenscheinlichen Niedergangs der bundesrepublikanischen Demokratie in Merkelscher Zeit. Die Jahre 2005 bis heute sind Jahre zunehmender staatlicher Konfusion, zunehmenden Desinteresses seitens Legislative und Exekutive am Leben in den Niederungen des Bevölkerungsalltags, zunehmenden Primats der Handelnden oder auch nicht Handelnden über die Interessen des Souveräns. Der Souverän sollte sich seiner Macht bewusst werden.
Gunter Weißgerber

Ulrich Schödlbauer: Macht ohne Souverän. Die Demontage des Bürgers im Gesinnungsstaat, 383 Seiten, Manutius Verlag Heidelberg 2019. ISBN 978-3-944512-25-9
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