Gegen Denken steht nur Gewalt

Von Denk-​Maschinen und Bewusstseins-​Welten

Schweig, mein Herz, denn der Weltraum kann dich nicht hören!
Khalil Gibran

Sie schreiben einen solchen Versuch nur einmal und Sie schreiben ihn nur für sich selbst. Daran ändert auch der werbende Gestus nichts, der unwillkürlich hineinkommt, Sie mögen sich anstellen, wie Sie wollen. Sie haben bei jemandem denken gelernt und, wie der Zufall so spielt, Sie haben dabei gelernt, was Denken heißt, nicht nur als Ausübender, gemäß einem mimetischen und praxisorientierten Lernbegriff, sondern buchstäblich, als Theorie des Denkens, was viel bedeutet in einer Zeit, in der die Philosophie weitgehend als Seuchenbekämpfungsinstitut verstanden wurde, mit einem seltsamen Nachdruck auf dem angenommenen Primat der Sprache, der Neurophysiologie und der kybernetischen Modelle. Einer solchen Primaten-​Philosophie den Boden entzogen zu haben ist kein kleines Verdienst, und es schadet nicht, wenn der, dem es gelang, ein wenig länger in der Dunkelzone der Debatten verweilt, als es der Prima-​vista-​Kommunikations­gesellschaft einleuchten will.

Ich habe Wolfgang Marx, den Philosophen, als akademischen Lehrer erlebt, zeitweise waren wir das, was man Freunde nennt. Aber der entscheidende Faktor blieb und bleibt die Lektüre seiner Schriften, allen voran der Reflexionstopologie – die jene erwähnte Theorie des Denkens enthält – und der Bewußtseins-​Welten, in denen die Theorie des Bewusstseins so nachhaltig entrümpelt wurde, dass ›man‹ bis heute nichts dazu zu sagen wusste, auch das bleibt seltsam angesichts der ebenso hochfahrenden wie bedrückenden Art, mit der Abweichler vom Betrieb zur Kenntnis genommen werden. Mögen andere sich damit herumschlagen, wir haben zu arbeiten (und zu leben). Toleranz gegen Andersdenkende bedeutet in den Disziplinen des Denkens und Wissens bezeichenderweise null Toleranz, Ausgrenzung pur, den Versuch der Annihilierung, da sich Denken nur im Medium der Auseinandersetzung zeigt und erhält. Die Lizenz dazu verlangt und bewilligt bekommen zu haben, ist ein Kapitel der akademischen Selbstverhöhnung von Denkschulen, die selbst als krasse Außenseiter begannen und diese Auszeichnung sorgfältig in ihren Habitus eingetragen haben.

Vielleicht wird Marx, ›unser‹ Marx, noch einmal als der Philosoph des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts gehandelt. Gut möglich, die Wahrscheinlichkeit ist gegeben. Ob das dann noch die Erfahrungen meines Nach– und Weiterdenkens abdeckt, möchte ich nicht beschreien, ich halte die Wahrscheinlichkeit eher für gering. Zu speziell war dieses Zusammentreffen, zu disparat waren die Prämissen, unter denen jeder von uns sein ›Projekt‹ vorantrieb, um daraus ein Lehrstück für Leute zu machen, die von Lehrstücken schwärmen. Vielleicht ist dieser Essay ja auch ein in die Form der Hommage eingewickelter, überaus schonender Versuch, der Abspaltung das Wort zu erteilen, nachdem der Autor begriffen hatte, dass es auf gemeinsamen Wegen nicht weiter gehen würde. An der wesentlichen Aussage ändert das nichts: ›Sehet den Gekreuzigten, genagelt ans Kreuz der Gleichgültigkeit seiner Zunftgenossen, zum Gerümpel geworfen und harrend der Auferstehung des Wortes, auf dass Philosophie sei.‹

Ulrich Schödlbauer: Gegen Denken steht nur Gewalt, Manutius Verlag Heidelberg 1999, gebunden, 80 Seiten.
ISBN 3925678-​883
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