Entwurf der Lyrik

Studie

… das war damals, Anfang der Neun­ziger, als die Stasi-​Archive aufgin­gen und die früh im Westen anerkan­nte Lit­er­atur der DDR ihre ern­steste Ver­trauen­skrise durch­lief, in Gestalt des begrün­de­ten Ver­dachts, eine staatliche Insze­nierung gewe­sen zu sein, während die Lit­er­atur des West­ens und die Wis­senschaft von ihr sich von Medi­endiskurs und Geschlechter-​Palaver nährten – eine Insze­nierung auch das, ohne Zweifel. Die Frage, die ich frei hatte, lautete sehr ein­fach: Was weiß die Lyrik? Die Frage richtete sich an die europäis­che Tra­di­tion, soweit sie dafür in Betra­cht kam, also an die Neuerfind­ung der Poe­sie in der Renais­sance und die sel­te­nen Momente im achtzehn­ten und zwanzig­sten Jahrhun­dert, in denen dieses Pro­jekt wieder aufgenom­men und weiter getrieben wor­den war. Das Ziel lag keineswegs in großer Ferne, es lag sogar aus­ge­sprochen nah: im stetig erneuerten und wieder zu erneuern­den Entwurf der Lyrik, deren Anspruch den Wis­sens­mächten der Gegen­wart Paroli zu bieten mochte. Als das Buch auf den Markt kam, war der Begriff der Dich­tung aus dem öffentlichen Gebrauch gestrichen und Lyrik eine Vok­a­bel von der anderen Seite der Milchstraße.

Ulrich Schödl­bauer: Entwurf der Lyrik, Berlin (Akademie Ver­lag) 1994, gebun­den, 326 Seiten.
ISBN 3050022612
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