1.

Als die große Rat­losigkeit aus­brach,
stand eine Frau an der Spitze des Lan­des.
Sie lächelte. Nicht viel, fast gar nicht oder, wie man so sagt:
kaum merk­lich.

Was lächelt die da, fragten die Leute.
Was lächelt die da, wo doch das Unbe­ha­gen
in den Gesichtern nis­tet?
Was lächelt die da, wo doch die Unruhe steigt?

Die Leute fragten nicht viel,
fast gar nicht oder, wie man so sagt:
kaum merk­lich.

Eine Abmachung bestand
zwis­chen der Frau an der Spitze des Lan­des
und dem Volk der Bespitzel­ten:
Wasch mich nicht, aber mach mir den Pelz nicht nass.

2.

Wer im Trock­e­nen sitzt,
dem ist trocken zu Mute.
Wer im Regen steht,
dem ist nass zu Mute.
Wer in der Gosse liegt,
dem fehlt es am Mute.

3.

Was bekannt ist:
Das Lächeln der Mona Lisa
besitzt eine linke und eine rechte Hälfte.
Genauer gesagt, han­delt es sich um Fol­gen­des.
Die rechte Gesicht­shälfte lächelt, links
ist das Lächeln erloschen.

Kein Prob­lem für Experten.
Sie schnei­den die linke Gesicht­shälfte ab
und spiegeln die rechte.
Sieh da: Mona lächelt.

Bald heißt es: Das ist nicht unsere Mona.
Etwas anderes trat an ihre Stelle.
Strahlend, wie jene nie strahlte,
wis­send, trotzig fast, entschlossen zu han­deln.
Stre­icht ein, was ihr galt: Trauer,
Ver­wun­derung, freige­setzt
durch das End­spiel von
Vol­len­dung plus Vergäng­nis
im Kon­ter­fei eines Men­schen.

Die Experten tren­nen die rechte Gesicht­shälfte ab
und spiegeln die linke. Alles ist wie erwartet.
Kein Lächeln tritt über Lip­pen,
die ein einziger Schnitt, rasch aus­ge­führt, schloss.

4.

Das Lächeln der Mona Lisa
besitzt eine linke und eine rechte Hälfte.

Das Lächeln der Mona Lisa
weiß von keiner linken und keiner rechten Hälfte.

So oder so
ist es falsch.


8.8.2016

erschienen in: Der Stand des Vergessens

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