Das Ende der Kritik

Auszüge

Das intellek­tuelle Selb­stopfer ist – wie sollte es anders sein – ein Akt der Sin­npro­duk­tion. Der Wun­sch, der in ihm nach Erfül­lung tastet, geht dahin, die anderen auf ein Pro­gramm festzule­gen, das die Über­win­dung der ›Ver­hält­nisse‹ vorschreibt und die zu erwartende Indolenz der Akteure im voraus als Ver­sagen brand­markt: des einzel­nen vor der Gat­tung, der Mitwelt vor den kom­menden Generationen.

Das Ende der Kri­tik lag schein­bar in großer Ferne und doch war es für alle, die lesen kon­nten, bere­its besiegelt, als dieses Buch erschien. Manch einer war über seine These so verblüfft, dass er fas­sungs­los zurück­fragte, ob man »jetzt nicht mehr kri­tisieren könne«. Dabei enthielt das Buch nichts anderes als eine Kri­tik der ele­mentaren Denk­fig­uren, mit deren Hilfe der Gesellschaft­skri­tizis­mus der zweiten Jahrhun­derthälfte das kul­turelle Leben dominiert und – im Nach­hinein sei es kon­sta­tiert – auf Monot­o­nie und Real­itätsver­lust eingeschworen hatte. Die wenig­sten dieser Denk­fig­uren waren gen­uin ›links‹. Das meiste entstammte den Arse­nalen der Kul­turhermeneu­tik und –kri­tik, wie sie nach der Wende zum zwanzig­sten Jahrhun­dert und dann vor allem in den zwanziger und dreißiger Jahren im rechts– und linkskon­ser­v­a­tiven Milieu aus­ge­bildet wor­den war. Es hatte ver­schiedene Meta­mor­pho­sen durch­laufen, war mehrfach gewen­det wor­den und schließlich bei pro­fes­sionellen Schnei­dern gelandet, die es zügig dem Tages­be­darf anzu­passen wussten. Die Schnei­der beherrschten zwar das Geschäft, aber bere­its der Umstand, dass man ihnen die Anpas­sung bequem über­lassen kon­nte, zeugte von wach­sender – nein, nicht Ent­frem­dung, auch nicht Gle­ichgültigkeit, eher medi­aler Dis­tanz. Eine Wand hatte sich zwis­chen die Mata­dore und das Pub­likum der Öffentlichkeit­sar­beiter und Endan­wen­der in den Bil­dungsanstal­ten geschoben. Durch sie kon­nte man zwar wie vorher sehen, was ange­sagt war, aber zu greifen, nein, zu greifen war das alles nicht mehr.

Die Tibetisierung der Kul­tur, ihr monot­o­nes ›om‹ ohne das reiche religiöse Leben des wirk­lichen Tibet, nur kurz unter­brochen durch den Mauer­fall und die auf ihn fol­gen­den Aufgeregth­eiten, mün­dete, es kon­nte nicht anders sein, in die hem­mungslose Sakral­isierung des Zen­tral­be­griffs der ›Mod­erne‹ mit­samt seinen Proto-​, Ex-​, Post-​, Post­post– und Neo-​Zusatzkonstruktionen. Es galt die Anbe­tung jenes ›unvol­len­de­ten Pro­jekts‹, das aus den Wolken herab, unter zür­nen­den Begleit­blitzen, dem Volk der Wun­der­gläu­bi­gen täglich verabre­icht wurde – und eine Tra­cht Prügel allen, die da, aus welchen Grün­den auch immer, ›Fetisch‹ murmelten. Noch heute sehen wir sie, die ver­greis­ten Jünger des ›Pro­jekts‹, durch die Feuil­letons schlur­fen und manche Partei ist unber­aten genug, sich von ihnen weit­er­hin beraten zu lassen. Zu sagen hat das alles nichts. Man hätte rechtzeitig Schluss machen müssen. Aber wir sind in Deutsch­land: da folgt dem kurzen Prozess der lange auf den Hacken und umgekehrt. Und in den Köpfen herrscht Pop.

Dies ist ein Buch des Zorns, nicht der Wut: es selek­tiert nicht, es seziert. Im Ver­trauen: es mis­straut den Selek­tier­ern zutiefst – aus the­o­retis­chen, aus ethis­chen und aus poli­tis­chen Grün­den. Es mis­straut ihnen aus Grün­den der Menschlichkeit.

Ulrich Schödl­bauer /​Joachim Vahland: Das Ende der Kri­tik, Berlin (Akademie Ver­lag) 1997, Broschur, 334 Seiten.
ISBN 3050031689
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