1.

Die Kri­tik – was ist das? Offen­bar dies und das: eine okka­sionelle Tätigkeit, ein Spek­trum wenig zusam­men­hän­gen­der ›Insti­tu­tio­nen‹, ein beru­fliches ›Credo‹, vor allem aber eine Idee, ein Wert, dem Unwert auf zwei­deutige Weise ver­bun­den. Ein Idol also, pro­duk­tiv dadurch, dass es die Ein­bil­dung vieler stim­uliert. Nichts anerken­nen, was nicht am check­point irgen­deiner Kri­tik fest­ge­hal­ten und gründlich kon­trol­liert wurde: So lautet die Maxime, der sich der wis­senschaftliche All­tag ebenso unter­wirft wie das Gefühlsleben des durch­schnit­tlich ›kon­trol­lierten‹ Indi­vidu­ums. Zwar gilt sie nur unter Vor­be­halt, doch dieser – kri­tis­che – Vor­be­halt gegen die Kri­tik schwächt sie nicht ab, son­dern macht sie prak­tik­a­bel: er inte­gri­ert sie in den Gang der Dinge, ins Netz der Verpflich­tun­gen und Rück­sichten, in die Ein­sicht, dass es gele­gentlich an der Zeit ist, Sachen zu tun, die ein­fach nicht zu recht­fer­ti­gen sind, weil jede Art der Recht­fer­ti­gung von vorn­herein als Skan­dalon gälte.

Diese Prärog­a­tive der Kri­tik in der Kul­tur, die man, mit welchen Hin­tergedanken auch immer, die west­liche nennt, kommt nicht von unge­fähr. Ein­er­seits hält ihre Entste­hungs­geschichte Muster durchge­führter Kri­tik (der Reli­gion, der Meta­physik, des Kap­i­tal­is­mus u.ä.) bereit, deren Iden­ti­fika­tion­swert ihre sach­liche Triftigkeit inzwis­chen bei weitem über­steigt, ander­er­seits sind die Begriffe von Kri­tik und Kul­tur auf eine nicht immer leicht zu durch­schauende Weise miteinan­der verquickt. Der all­t­agswirk­same, weil gedanken­los gebrauchte Begriff der Kul­tur setzt den der Bar­barei voraus, von welcher das ›kul­tivierte‹ Gemüt sich schaud­ernd abwen­det. Bar­barei und Kul­tur sind Wech­sel­be­griffe: let­zterer als Inbe­griff alle Anstren­gun­gen, sich von ersterer zu dis­tanzieren, und als Ans­tifter des Arg­wohns, das Stigma des Bar­barischen, des Prim­i­tiven etc. falle unmit­tel­bar auf die stig­ma­tisierende Instanz zurück, sei selbst das Pro­dukt einer fortbeste­hen­den Roheit. Kul­tur beruht auf Dis­tanz­nah­men, die ohne zu kri­tisierende Anmaßung nicht zu haben sind. Nur die Kri­tik ver­hin­dert zuver­läs­sig den Miß­griff, sie für sicheren Besitz zu hal­ten, statt sie ›einzuk­la­gen‹, wie man eine Zeit­lang schrieb. Eine selt­same Klage: Angeklagte, Kläger und Richter sind, als Agen­ten ein und der­sel­ben Bewe­gung, nur mit Mühe oder gar nicht zu unterscheiden.

Es bedarf keines son­der­lichen Scharf­sinns, um festzustellen, dass der eth­nol­o­gis­che Begriff der Kul­tur, der stets eine Plu­ral­ität von ›Kul­turen‹ umschließt, dieser Auf­fas­sung ener­gisch wider­steht. In ihm tritt die prima vista unau­flös­bar wirk­ende Beziehung von Kul­tur und Kri­tik in den Hin­ter­grund. Das eth­nol­o­gis­che Mod­ell geht von dem Grund­satz aus, alle Organ­i­sa­tions– und Lebens­for­men seien als prinzip­iell gle­ich­w­er­tig anzuse­hen – ob als gle­ich effizient, das bleibt die Frage –; es ver­bi­etet, seiner ethis­chen Lesart nach, alle Ver­ständi­gungsweisen, in denen sich eine Kul­tur über andere erhebt. Damit pro­duziert es ein wohlbekan­ntes Phänomen: Angesichts unauswe­ich­licher, weil ihren Ver­fahren zwangsläu­fig inhärenter Über­schre­itun­gen hält es die Kul­tur der Kri­tik im Bann rit­ueller Zerknirschung. Die Kri­tik am ›Eth­nozen­tris­mus‹ einer Kul­tur ruft daher eine Antikri­tik auf den Plan, die darunter lei­det, dass sie abstrakt ist und nur abstrakt sein kann. Die Ursache liegt auf der Hand: der Uni­ver­sal­is­mus der Werte krankt daran, dass die Kri­tik, die ihn pos­tuliert, auch als diejenige Instanz auftritt, die ihn unbarmherzig bekämpft und bekämpfen muss, da sie in jedem Ver­fahren zur Fest­stel­lung solcher Werte roh dominierende Kräfte am Werk findet, soll­ten auch die Absichten lauter und die unmit­tel­baren Fol­gen vertret­bar erscheinen. So jeden­falls stellt sich dem beteiligten Betra­chter das Dilemma dar, in das die Gral­shüter west­licher Werte sich nicht ohne inneren Antrieb begeben haben und in dem sie den Spott wie die Bewun­derung ihrer weniger prinzip­i­en­festen oder nur unentsch­iede­nen Zeitgenossen auf sich ziehen.

In dieser zugegeben­er­maßen verzwick­ten Sit­u­a­tion richtet sich der Blick auf die Per­so­n­en­gruppe, in der das kri­tis­che Poten­tial der Gesellschaft sich los­gelöst von den Notwendigkeiten der Arbeit und der in ihnen sich zwangsläu­fig vol­lziehen­den Medi­atisierung der Kri­tik inkarniert: die Intellek­tuellen. Ihr ›Geschäft‹ (soweit der Aus­druck ihrem Mit­teilungs­bedürf­nis gerecht wird) gilt der uneingeschränk­ten Kri­tik der Kul­tur. Ein son­der­bares, ein unumgängliches Geschäft, da jede Ein­schränkung, ein­mal akzep­tiert, den im Namen der Kul­tur gegen sie angestrengten Prozeß zum Erliegen brin­gen würde. Das Bedürf­nis, dem es zur Hand geht, besteht keineswegs darin, die Indi­viduen zu ›kul­tivieren‹. Im Gegen­teil: den Wun­sch des Einzel­nen nach Kul­tur, nach ›Bil­dung‹, nach Poli­tur als vorgeschoben zu ent­tar­nen und die in ihm wirk­samen Energien an die Auf­gabe zu wen­den, die Kul­tur zu indi­vid­u­al­isieren, ihr jene Härten und Zwänge vorzurech­nen, ver­möge deren sie seine als Indi­vid­u­a­tion getarnte Sozial­i­sa­tion voran­bringt, darin liegt der Dreh– und Angelpunkt des intellek­tuellen Aben­teuers. Undenkbar eine Lit­er­atur in diesem Jahrhun­dert, die nicht an ihm teil­nähme, an ihm teilgenom­men hätte: als Kom­plizin, als Zuträgerin, nicht zuletzt als Betrof­fene.

Die Selb­stverpflich­tung, Gewaltver­hält­nisse aufzudecken, wo immer sie sich finden mögen, fig­uri­ert als per­petuum mobile inmit­ten des Gewebes aus Überzeu­gun­gen, stan­dar­d­isierten Argu­menten und Hand­lungsritualen, das im fol­gen­den ›Intellek­tu­al­is­mus‹ genannt wird. Sie ist die treibende Kraft hin­ter seinen Ini­tia­tiven und der Grund dafür, dass seine Resul­tate bere­its im voraus bes­timmt und daher – bei gehöriger the­o­retis­cher Phan­tasie – kon­stru­ier­bar sind. Das spricht nicht von vorn­herein gegen ihn, auch wenn sein Glauben auf einem Kult beruht: dem Kult der Dif­ferenz. Dif­feren­ziere, und du wirst den Fak­tor Gewalt in jedem ›Ver­hält­nis‹ antr­e­f­fen, dem du dich zuwen­d­est. Ob du Geschmack an ihm find­est oder nicht, in der Aktion oder in der The­o­rie, das tut nichts zur Sache, das berührt nur die Frage, auf welche Seite du dich zu schla­gen gedenkst. Die ethisch-​ontologische Ausze­ich­nung der Dif­ferenz, die Überzeu­gung, seine Arbeit getan zu haben, sobald man ein­mal mehr etwas als ein anderes ent­tarnt hat (genauer gesagt: es gezwun­gen hat, sich aus einer Tar­nung in eine andere zu flüchten), bürgt für die Ein­för­migkeit der kri­tis­chen Ver­nunft nach dem Ableben der dogmatischen.

Wohl wahr: Ratio­nal­ität ist ohne Wieder­hol­ungszwang, ohne eine gewisse Mech­a­nisierung des Denkens nicht zu haben. Rou­ti­nen töten das Denken nicht, son­dern erlösen es aus seiner Sit­u­a­tionsver­fal­l­en­heit; sie set­zen es, recht ver­standen, erst in Gang. Allerd­ings unter der Bedin­gung, dass sie von Zeit zu Zeit über­prüft wer­den: Ihre Leis­tungs­fähigkeit ist von begren­zter Dauer. Let­ztere zu erken­nen und angemessene Fol­gerun­gen aus der Ein­sicht in die Endlichkeit einer als essen­tiell ange­se­henen Form der Kri­tik zu ziehen, kön­nte sich als das Gebot der Stunde erweisen. Zu seinen Glanzzeiten hat es der Intellek­tu­al­is­mus ver­standen, seine Obses­sio­nen als End­spiele der europäis­chen Ver­nunft zu insze­nieren; nach­dem die dazuge­höri­gen Req­ui­siten in der Rumpelka­m­mer der Geschichte ver­schwun­den sind, beg­nügt er sich damit, nur noch oben­hin, in wis­senden Abbre­via­turen, Optio­nen zu berühren, im Ges­tus eines fortwähren­den Es ist voll­bracht. Das Denken hat also frei; das im Medium der Gle­ichgültigkeit kon­servierte Endzeit­be­wußt­sein paart sich mit dem Ver­dacht des Anachro­nis­mus und der wach­senden Überzeu­gung, das Neue sei bere­its vorhan­den und warte auf Anerken­nung, die ohne wirk­liche Arbeit – die ›Arbeit des Begriffs‹ – nicht zu gewin­nen sei.

2.

Das Geschäft der Intellek­tuellen ist das Über­schreiben. Es ist ihre Antwort auf die Konkur­ren­zsi­t­u­a­tion, in die sie sich schreibend begeben. Immer­hin han­deln sie mit Pro­duk­ten für Märkte, die nur spär­liche Sen­sa­tio­nen bere­i­thal­ten. Hier und da erschließen sich neue Absatzchan­cen, doch das sind Glücks­fälle, auf die zu warten keine Zeit bleibt. Der eine oder andere ergat­tert sich ein kleines Monopol. Die Reak­tion der Mit­be­wer­ber heißt: Eifer­sucht. Dieser da besetzt den Platz, der von Rechts wegen mir zusteht – ein Usurpa­tor zweifel­los. Ich muss auf­fallen, indem ich ihm ähn­licher werde. Auf­fäl­lig wer­den – darin liegt der Sinn der Über­schrei­bun­gen, die jene mod­er­nen Palimpseste her­vor­brin­gen, in denen das Über­schriebene kon­se­quent die kalligraphis­chen Neuein­träge über­strahlt. Aber die Plack­erei bleibt vergebens, die Blicke des Ungle­ichen gehen über die poten­tiell Gle­ichen hin­weg; sie inter­essieren nicht, schon gar nicht als Gle­iche. Beiläu­fig allerd­ings eröffnet sie den allein erfol­gver­sprechen­den Weg, um von drit­ter Seite die Zuwen­dung zu ergat­tern, die das Indi­viduum zur öffentlichen Per­son wer­den lässt. Von drit­ter Seite: also von seiten derer, die nach­drän­gen oder sich amüsieren wollen, sofern sie nicht bloß here­in­schauen, um sich kundig zu machen, welche Überzeu­gung man heute trägt. Als öffentliche Per­son findet sich der Intellek­tuelle in seinem Ele­ment. Intellek­tuel­len­posen sind Men­schheit­sposen, unter diesem Anspruch ist nichts zu machen. Der Intellek­tuelle, bewegt von dem, was alle angeht, sieht die der Notwendigkeit, sich entweder Gehör zu ver­schaf­fen oder zu schweigen. Die Praxis ver­langt von ihm bei­des. Das bes­timmt seine Tonlage.

Die intellek­tuelle Mimikry, das Bedürf­nis, sich – vor großem Pub­likum – zu unter­schei­den und dadurch ähn­lich, erkennbar zu wer­den, begrenzt die The­men und die Möglichkeiten, sie aufzu­bere­iten. Im gle­ichen Zug schafft es eine Ober­fläche aus Ähn­lichkeiten, an der die vorge­blich entschei­den­den Fra­gen kom­pli­men­tierend weit­erg­ere­icht wer­den – entweder zurück an die Grün­dung­s­texte oder weiter an die Fülle derer, die noch ausste­hen, die aber – als Ausste­hende – bere­its ins Kalkül der Schreiben­den einge­hen. Dieser Zug ist nicht neu. Die großen Eroberer auf intellek­tuellem Ter­rain waren stets auch unverächtliche Zaud­erer. Ein Relikt, vielle­icht, aus religiösen Zeiten: Auf den heili­gen Tex­ten liegt ein Tabu, das den, der die Liste möglicher Ausle­gun­gen durch seine defin­i­tive Ausle­gung zu schließen sich anschickt und dadurch den Urtext entwertet, mit Exkom­mu­nika­tion und Schlim­merem bedroht. Aber es ist nicht nur ein Relikt, son­dern auch das Ergeb­nis einer radikal erneuerten Erfahrung. Die Schama­nen des Intellekts zeigen sich entschlossen, die Stelle des Reli­gion­ss­tifters – und der dazuge­höri­gen Texte – vakant zu hal­ten. Es gehört zu den Regeln des Spiels, die finale Sit­u­a­tion zu ver­mei­den, in welcher die vorder­gründige Entsch­ieden­heit der Rede dazu führen kön­nte, das Abge­fer­tigte als abge­tan zu behan­deln und auf sich beruhen zu lassen. Wer im Spiel bleiben will, darf nicht die Wür­fel ver­bren­nen. Entsch­ieden­heit und Indif­ferenz charak­ter­isieren die intellek­tuelle Exis­tenz zu gle­ichen Teilen. Je geringer die Dif­ferenz der Ansichten, desto schär­fer die Konkur­renz der Namen und umso radikaler die Erset­zung der alten durch die, deren Träger ger­ade neu die Arena betreten: Darin liegt eines der Geheimnisse, denen die Szene ihre rel­a­tive, immer aber erstaunliche Sta­bil­ität verdankt.

3.

Der Aus­druck ›Intellek­tu­al­is­mus‹ ist behaftet mit Rem­i­niszen­zen der europäis­chen Zwis­chenkriegszeit, ihren Schau– und Rich­tungskämpfen, deren Ver­nich­tungspo­ten­tiale nur unwesentlich verzögert in Erschei­n­ung treten soll­ten. Der geistige und soziale ›Typus‹, den er beze­ich­net, wird durch die Benen­nung in einem das nor­male begrif­fliche Maß über­steigen­den Sinn als Phänomen isoliert: eine geistige Selek­tion, der die physis­che fol­gen kon­nte, weil sie in ihr vorgedacht war. Die Zeug­nisse lassen keinen Raum für Zweifel – Intellek­tu­al­is­mus hatte bere­its zu Beginn des Jahrhun­derts als Ent­gleisung zu gel­ten, wenn man mitre­den wollte im großen Spiel, als hyper­tro­phe Miß­bil­dung der Erken­nt­n­is­funk­tion und Quelle gesellschaftlichen Fehlver­hal­tens, als Kom­pen­sa­tion eines Man­gels an jener Spielart des Gemeinsinns, die aus dem Bewusst­sein der Zuge­hörigkeit zu einer sozialen Gruppe die Gefühle sol­i­darischer Gebor­gen­heit nach innen und unver­hohlener Feind­seligkeit nach außen gewinnt. Von Mau­rice Bar­rès bis Oswald Spen­gler, von August Bebel bis Max Weber wis­sen sich die ›führen­den Köpfe‹ in der Überzeu­gung geeint, der ›rein‹ intellek­tuelle Weltzu­gang reiche nicht aus, um dort mitzure­den, wo es um die Gestal­tung des großen Ganzen gehe. Die von Bebel auf dem Dres­d­ner Parteitag von 1903 über­flüs­siger­weise aus­gegebene Parole, den Intellek­tuellen zu miß­trauen, wann immer man sie tre­ffe, sollte vor dem Mißver­ständ­nis bewahren, der anti­in­tellek­tuelle Affekt sei ursprünglich auf der poli­tis­chen Rechten zu Hause. Offen­sichtlich bemerkt man ihn über­all dort, wo jemand mit sich und der eige­nen Sache sich im reinen weiß und es vor allem darum geht, sie durchzuset­zen. Sieht man genauer hin, so lauert er bere­its in der Prokla­ma­tion der ›eige­nen Sache‹, die sich nur als gerechte denken lässt. Er lauert auf seine Chance und es hat eher Sel­tenheitswert, wenn er sie nicht bekommt.

Die Kri­tik am ›abstrak­ten‹ Intellek­tu­al­is­mus eint Intellek­tuelle und Anti­in­tellek­tuelle. Beide beschwören ein Defizit, das sich bei näherem Hin­se­hen in Rauch auflöst: die ange­bliche Unfähigkeit des reinen Intellek­tuellen, sich emo­tional zu binden. Dem Abziehbild kalter Arro­ganz, mit der, wie es die eine Leg­ende will, die Apolo­geten der Macht über die Müh­samen und Belade­nen dieser Erde hin­wegse­hen, begeg­net die andere Seite mit dem Vor­wurf höh­nis­cher Ver­nach­läs­si­gung von Herkunft, Nation und gewor­dener Sit­tlichkeit seit­ens der pro­fes­sionellen Men­schheits­beglücker. Ein fernes Nach­grollen dieses Tam­tams durchzit­tert die Arbeiten der Feinsin­ni­gen. Sobald es anschwillt, hat der Intellekt nicht nur seine eigene Stimme im Konz­ert der Mächte ver­wirkt, son­dern auch die Gründe aus den Augen ver­loren, die ihn ver­an­lassen kon­nten, das öffentliche Schweigen zu brechen. Strenggenom­men gibt es keine Anti­in­tellek­tuellen. Wer sich in diesem Spiel der Zuweisung von Defiziten zu Wort meldet, hat die Regeln bere­its akzep­tiert und darf kri­tisiert wer­den, so, als meinte er es mit seinen Argu­menten ernst. Es gibt keine Intellek­tuellen, die nicht zugle­ich Anti­in­tellek­tuelle wären. Wer sich darauf beschränkt, die Argu­mente des Geg­n­ers zu zerpflücken, ohne ihn ten­den­ziell als Feind der guten Sache zu betra­chten – als jeman­den, der seine Argu­mente als Waf­fen in einem Kampf ein­setzt, in dem es um Sieg oder Nieder­lage geht –, erman­gelt merk­lich des Wir-​Gefühls; er hat nichts begrif­fen. Ob es ger­ade en vogue ist, den Geg­ner einen Intellek­tuellen oder einen Intellek­tuel­len­has­ser zu heißen, den ›Ehren­ti­tel‹ des Intellek­tuellen zu führen oder die Schmach zu fürchten, als solcher zu gel­ten, dies zu entschei­den gehört bere­its zum Spiel, als eine Art Spiel im Spiel, in dem die Helden mit Charak­ter­masken hantieren, die dem Pub­likum kund­tun, dass man in seinen Äußerun­gen zwar nicht reell, aber um der Sache willen entsch­ieden zu wirken gedenkt.

4.

Der Anti­in­tellek­tu­al­is­mus in all seinen Spielarten hat einen gemein­samen Geg­ner: den Lib­er­al­is­mus. Intellek­tu­al­is­mus, so liest man bei Sim­mel, der aus über­ge­ord­neten Grün­den vor­zog, es nicht besser zu wis­sen, repräsen­tiert die Charak­ter­losigkeit des Geldes im Geiste und erweist sich damit als das ide­ol­o­gis­che Unter­fut­ter des lib­eralen Wirtschaftssys­tems. Der Intellekt als solcher »ist der indif­fer­ente Spiegel der Wirk­lichkeit, in der alle Ele­mente gle­ich­berechtigt sind”, sofern jedes seinen Preis hat. ›Der Intellekt als solcher‘: gegen diese Instanz hatte bere­its Rousseau erfol­gre­ich polemisiert und damit den Pro­to­typ des Intellek­tuellen mit schlechtem Gewis­sen aus der Taufe gehoben, der sich ger­ade aus diesem Grund als das per­son­ifizierte Gewis­sen seiner Nation, der Gesellschaft und schließlich der Men­schheit begreift. Der intellek­tuelle Anti­in­tellek­tu­al­is­mus enthält neben der unüberse­hbaren Konzes­sion an die Mitwelt den im Intellek­tu­al­is­mus selbst wirk­samen Code. Denn die Vorstel­lung eines aus­ge­bilde­ten ›reinen‹ Intellekts, der frei von Inter­essen der Wirk­lichkeit gegenüber­tritt, um sie ana­lytisch zu durch­drin­gen und auf der Grund­lage dieser Analy­sen das jew­eils eigene Inter­esse seines Trägers zu definieren, stößt sich an den Real­itäten, so wie sie sich in der The­o­rie als unhalt­bar ent­puppt, sobald man ihr ein wenig nachgeht. Wo sollte sich der Intellekt wohl for­men, wenn nicht in dauern­der Auseinan­der­set­zung mit den Real­itäten, denen er ange­blich inter­es­se­los gegenüber­tritt? Die Kon­struk­tion des ›kalten‹, von Natur und vom Leben abstrahierten und abstrahieren­den Intellekts fällt – und zwar voll­ständig – in die Selb­stkon­struk­tion des kri­tis­chen Intellek­tu­al­is­mus. Let­zterer ist keineswegs iden­tisch mit dem in tödlicher Abstrak­theit ver­har­ren­den ›reinen‹ Intellek­tu­al­is­mus, er bewegt sich dies­seits des Intellek­tu­al­is­mus, auf der Seite des Lebens, er ver­tritt die Ansprüche, die das Leben an den einzel­nen und die Gemein­schaft stellt, gegenüber den falschen, weil über­triebe­nen Ansprüchen des Intellekts. Weit davon ent­fernt, die wirk­lichen Inter­essen zu ver­nach­läs­si­gen oder gar zu anni­hilieren, macht er sich zu ihrem Sach­wal­ter, dem einzi­gen, den sie – recht betra­chtet – besitzen, da er sie aus der Ver­schlossen­heit des durch­set­zungswilli­gen Sub­jekts her­ausholt und zum Gegen­stand eines einzi­gar­ti­gen Inter­esses macht, das alle teilen kön­nen, selbst dann, wenn es sie in der Sache spal­tet – des Inter­esses an Ver­ständi­gung. Damit lastet die Todeskälte der Abstrak­tion nicht länger auf dem Intellekt, son­dern auf dem von ihm ent­wor­fe­nen Gegen­spieler, dem ›reinen‹ Inter­essen­men­schen, der unter jeder ihn schein­bar inte­gri­eren­den Organ­i­sa­tions­form als in der Nack­theit seines unre­flek­tierten Wol­lens erscheinen­der ›Einzel­ner‹, als atom­isiertes Indi­viduum erkennbar wird, als trau­rige Bestie.

5.

In diesem Punkt sprechen Apolo­geten und Kri­tiker die gle­iche Sprache. Was sie trennt, ist, dass die einen schein­bar in eigener Sache, die anderen gegen eine nicht – häu­fig: nicht länger – als die eigene ange­se­hene Sache polemisieren. Das erin­nert daran, dass es ›die Sache‹ der Intellek­tuellen nicht wirk­lich gibt. Zur Sache kom­men bedeutet, über die Gemein­plätze hin­auszukom­men, über die man sich in der Regel rasch eini­gen kann, es bedeutet, Posi­tion zu beziehen und den müh­samen Prozeß der Her­ausar­beitung von Dif­feren­zen in Gang zu set­zen. In diesem Prozeß fällt der Polemik die Auf­gabe zu, den fatalen Schein zu zer­streuen, intellek­tuelle Dif­feren­zen seien ohne Dif­feren­zen zwis­chen Per­so­nen und Grup­pen zu haben. In jeder Polemik lebt daher, ob gewollt oder nicht, die Abgren­zung gegen den ›reinen‹ Intellek­tu­al­is­mus wieder auf. Die Intellek­tuellen – die falschen näm­lich – sind immer die anderen. Es bedarf schon einer informellen Übereinkunft zwis­chen den Grup­pen, die fes­tlegt, welche von ihnen ger­ade eher geneigt ist, die Benen­nung für sich zu akzep­tieren, um so die falsche Intellek­tu­al­ität der anderen unge­niert brand­marken zu dür­fen, und welche jede Intellek­tu­al­ität von vorn­herein für ›falsch‹ hält. Auf diese Weise kommt eine Härte ins Spiel, deren Vok­ab­u­lar sich müh­e­los als eines der Ver­fol­gung, der Aus­gren­zung um – fast – jeden Preis zu erken­nen gibt, dann näm­lich, wenn es ›hart auf hart kommt‹, wobei jede Seite mit Macht darauf drängt, für sich den Ver­fol­gten­sta­tus zu reservieren. Der Topos der ver­fol­gten Ver­nunft ver­bürgt den manichäis­chen Zug, der sich über­all dort ein­stellt, wo Wahrheits­fra­gen über Grup­pen­zuge­hörigkeiten entsch­ieden werden.

Dieses Motiv geistiger und exis­ten­tieller ›Unnach­sichtigkeit‹ ver­di­ent es, genauer betra­chtet zu wer­den, da an ihm etwas her­vor­tritt, was man am ehesten als die dop­pelte Opfer­funk­tion des Intellek­tuellen umschreiben kön­nte. Vor aller rel­a­tivieren­den Geg­n­er­schaft ist intellek­tuelle Härte Hart­näck­igkeit gegen sich selbst, Wille zur Selb­stau­top­sie. Die Selb­ster­nen­nung des Aspi­ran­ten zum exem­plar­ischen ›Fall‹ und die mit ihr ein­herge­hende Abgren­zung gegen die anderen ist ein notwendi­ger Schritt auf diesem Weg und gewis­ser­maßen bere­its eine Vor­weg­nahme des Ergeb­nisses. Denn worin es auch beste­hen wird, ungeachtet jeder weit­eren Dif­ferenz beschnei­det es jenes Geflecht mit­tlerer Beziehun­gen, in dem das Indi­viduum sich als gesellschaftliches – und verge­sellschaftetes – Wesen erlebt und die Befriedi­gun­gen und Ver­let­zun­gen erfährt, denen keine The­o­rie den Index von ›Tiefe‘ ver­leiht, obwohl sie sich im All­tag als ebenso tief­greifend wie fol­gen­re­ich erweisen. Hat man sich ein­mal entschlossen, ›Kul­tur‹ als das Sys­tem von Ver­mit­tlun­gen zu begreifen, das die Erleb­nis­sphäre des einzel­nen vorhält und ihn mit einer schützen­den Hülle nor­maler, nach den Maß­gaben von Ver­trautheit normierter Bezüge umgibt, dann lässt sich nicht leug­nen, dass der intellek­tuelle Auf­bruch ins Unver­traute, der feste Wille, die herrschen­den For­men der Verge­sellschaf­tung als für den einzel­nen wie für die Men­schheit ins­ge­samt als verderblich zurück­zuweisen, der Kul­tur den Krieg erk­lärt. Unab­hängig davon, ob die Kriegserk­lärung von – gle­ich­falls selb­ster­nan­nten – Vertretern der Kul­tur angenom­men wird, gestal­tet sich die Auseinan­der­set­zung zu einer Zer­reißprobe für das Sub­jekt, das vor dem Hin­ter­grund seiner Fik­tio­nen als Stel­lvertreter anonymer Mächte operiert: ›der Gesellschaft‹, ‚des Geistes‹, ›der Massen‹, ›der Rev­o­lu­tion‹, ›der Min­der­heiten‹, ›der Biosphäre‹.

Der Intellek­tuelle opfert sich – in der Ein­bil­dung, die er mit anderen teilt. Er setzt damit eine Reihe von Phan­tasien in Gang, die zunächst die eigene Vorstel­lung beschäfti­gen, weil sie mit­tel­bar aus dem Entschluß zum Selb­stopfer her­vorge­hen, dann jedoch, mit gerin­gerer Zwangsläu­figkeit (aber, sofern sie ein­treten, nicht ohne Grund fatalen Kon­se­quen­zen), seine nähere oder fernere Umge­bung erfassen, sobald die Außen­seite seines Entschlusses für die anderen ken­ntlich wird. Nie­mand entzieht sich unges­traft den Erwartun­gen seiner Umge­bung, indem er die Gemein­samkeiten aufkündigt, die offen­bar bere­its durch ihren Plural, also ihre Eigen­schaft, immer und über­all als Ver­mit­tlungsin­stanzen aufzutreten, eine ver­stellte Welt anzeigen, die das in der Tiefe erlöste, mit sich und allem einig gewor­dene Sub­jekt zuver­läs­sig ver­hin­dern. Wer so han­delt, gibt sich preis. Er liefert seine Per­son den bewußten oder unbe­wußten Grausamkeiten aus, welche die Gruppe für jeden bere­i­thält, der so unver­ständig ist, ihre Regeln nicht als die eige­nen zu begreifen. Die Anerken­nung, die Intellek­tuelle seit­ens der Gesellschaft erfahren, setzt eine Art von informellem Tol­er­anzedikt voraus, eine müh­sam antrainierte und leicht zu über­sprin­gende Aggres­sion­shem­mung: Das Sys­tem der Ehrun­gen und der Ver­fol­gung ist ein und dasselbe.

Das intellek­tuelle Selb­stopfer ist – wie sollte es anders sein – ein Akt der Sin­npro­duk­tion. Der Wun­sch, der in ihm nach Erfül­lung tastet, geht dahin, die anderen auf ein Pro­gramm festzule­gen, das die Über­win­dung der ›Ver­hält­nisse‹ vorschreibt und die zu erwartende Indolenz der Akteure im voraus als Ver­sagen brand­markt: des einzel­nen vor der Gat­tung, der Mitwelt vor den kom­menden Gen­er­a­tio­nen. Wie jedes Opfer bleibt es von Sinnlosigkeit bedroht, da es sich der Hingabe an die Illu­sion ver­dankt, die Bühne, auf der die Men­schheits­fra­gen defin­i­tiv entsch­ieden wer­den, sei das eigene Selbst. Diese Illu­sion ist keineswegs undurch­läs­sig für Stim­men, die es anders wis­sen; ein beträchtlicher Aufwand an Posen und Aus­flüchten wird benötigt, um sie in jenen entschei­den­den Augen­blicken zum Schweigen zu brin­gen, in denen es darauf ankommt, sich unzwei­deutig zu geben. Unzwei­deutig ist nur die Sache. Also gilt es, die Hingabe an die Sache auf den äußer­sten Punkt zu fokussieren, an dem die Per­son hin­ter der Sache – oder in ihr, wie gewitztere Mys­t­a­gogen wis­sen – ver­schwindet. Dieses Ver­schwinden aber muss insze­niert sein, es bedarf einer Vorstel­lung, welche die Zwei­deutigkeiten des Sub­jekts und der Sache auf die Spitze treibt, um sie in einem Spiel der Ver­wech­slun­gen und willkür­lichen Ver­tauschun­gen zu versenken. Das Aufge­hen des Sub­jekts in der Sache ist eine Pro­jek­tion, in der aus Macht Ohn­macht und aus Ohn­macht Macht her­vorge­hen soll. Gewöhn­lich bleibt die Per­son dabei gut sicht­bar auf der Strecke – im besseren Fall ernüchtert, im schlim­meren als Objekt klin­isch ver­sierter Interpreten.

So kommt es zur Figur der ›äußer­sten Härte‹, in welcher der einzelne den Gedanken der Sinnlosigkeit der Insze­nierung und des leeren Erlö­sungswahns, der in ihr spukt, mit der gle­ichen Unnach­sichtigkeit gegen sich selbst und seines­gle­ichen insze­niert wie vor­dem das Opfer selbst. In gewisser Weise ist es das Opfer noch ein­mal, in anderer Hin­sicht seine Vol­len­dung: Auf das Ver­fü­gen­wollen – über die Appa­rate, über die Massen – folgt die Dekapi­tierung des Selbst, sein von Illu­sio­nen umkräusel­ter Wiedere­in­tritt ins Kollek­tiv, in dem jeder an seinem Platz darauf hält, die in ihn geset­zten Erwartun­gen nicht zu ent­täuschen. Die elende Praxis der Selb­st­bezich­ti­gung, mit der sich in den Dreißiger Jahren eine Intellek­tuel­len­gener­a­tion von den Schau­plätzen ihres Wirkens ver­ab­schiedete, wurde zum Vor– und Wider­spiel jener rou­tinierten Intellek­tuellenschelte, mit deren Hilfe als­bald willfährige, zu jeder ›geisti­gen‹ Dien­stleis­tung bere­ite Hand­langer der jew­eili­gen Sys­teme ihren skrupulöseren Mit­stre­it­ern die Ver­ant­wor­tung für den ver­queren Welt­lauf auf­bürde­ten. Der ›Tod der Sys­teme‹ – des Sys­tem­d­u­al­is­mus – hat dieses Reg­is­ter vielle­icht ein let­ztes Mal erweit­ert – um den posthu­men Ver­dacht und die politisch-​moralische Leichenschau.

Doch weit davon ent­fernt, die dem Intellek­tu­al­is­mus eignende Dynamik stil­lzustellen, erweist sich die Intellek­tuel­len­schelte als weit­ere Sta­tion auf einem Weg, an dessen Ende nicht länger Selb­stzweifel und Ver­fol­gung, dafür aber Rit­u­al­isierung und Langeweile das Feld beherrschen. So müßig es scheinen mag, mit aus­holen­der Gebärde die geschäftige Leere anzuprangern, in der eine aufge­set­zte Nach­den­klichkeit sel­ten den Punkt über­springt, an dem es gilt, sich zwis­chen einem Dutzend Fernsehkanälen zu entschei­den und im Waren­haus der Begriffe und der fixen Ideen den einen oder anderen Einkauf zu täti­gen, so unverkennbar wieder­holt sich darin der anfängliche Ges­tus der intellek­tuellen Insze­nierung – mit dem Unter­schied, dass sich der Spott und das Ver­lan­gen, ein neues Spiel zu begin­nen, nicht länger an den Wort­führern und Dunkelmän­nern eines ver­achteten Sys­tems entzün­den, son­dern an der umfassenden Betrieb­samkeit, der man sich durch die eige­nen Machen­schaften ver­bun­den weiß. Der ›per­for­ma­tive Wider­spruch‹, der darin gefun­den wer­den kön­nte, dass man die his­torische Rolle der Intellek­tuellen in beherrschter Manier für been­det erk­lärt, löst sich nicht dadurch auf, dass man sich hier und jetzt für oder gegen ›den Betrieb‹ entschei­det. Im Gegen­teil: die beliebige Wieder­hol­barkeit der­ar­tiger Entschei­dun­gen in der einen oder anderen Rich­tung zeigt ihre Nichtigkeit an. Das intellek­tuelle Miß­trauen ist über den Punkt hin­aus­ger­aten – durch welche Drift auch immer –, bis zu dem es sich von Geg­n­ern umstellt sah. Das Gefühl der Einkreisung, dort, wo es sich her­stellt, geht von ihm selbst aus; es lässt sich nicht mit dem Miß­trauen des einzel­nen gegen sich selbst oder gegen seines­gle­ichen abspeisen, es kehrt sich nicht gegen den Popanz des falschen Intellek­tu­al­is­mus oder Logozen­tris­mus, vor dem die Gazetten sich ängsti­gen. Weit eher nährt es den Ver­dacht, von der Periph­erie der Kämpfe in den Mit­telpunkt seiner Aktiv­itäten zurück­geschleud­ert zu sein.

6.

Ein solcher Ver­dacht kön­nte es als ein Gebot geistiger Redlichkeit erscheinen lassen, die Mitte neu zu bes­tim­men. Es wäre abzuse­hen, dass jede Bes­tim­mung, je nach­dem, wovon sie ihren Aus­gang nimmt, sie an anderer Stelle lokalisieren würde: ein nicht unbeachtlicher Hin­weis darauf, dass ein intellek­tuelles Dogma nicht existiert und nicht existieren darf. Was den Intellek­tu­al­is­mus verbindet, was ihn erkennbar macht, lässt sich als eine Kern­zone beschreiben, in der die unter­schiedlichen Pro­jekte ihre unter­schei­d­baren und unun­ter­schei­d­baren Anfänge nehmen. In ihr verdichten sich gewisse, teil­weise homologe Grundüberzeu­gun­gen, die sich in Geg­n­er­schaften bekun­den, ohne dass man stets den Punkt exakt bes­tim­men kön­nte, an dem sich der Gle­ichk­lang in Wider­spruch ver­wan­delt. Intellek­tuelle Rede– und Schreib­muster sind Ad-​hoc-​Bildungen, die den äußeren Anlaß benöti­gen und in ihrer Ent­fal­tung, in ihren Attitü­den, Formeln, Streit– und Bewäl­ti­gungsmustern durch eine gewisse, nur unzure­ichend zu fix­ierende Fam­i­lienähn­lichkeit glänzen.

Doch nicht der Intellek­tu­al­is­mus ist das Prob­lem. Es ist der laut­lose Exi­tus, der sich seit ger­aumer Zeit in ihm ereignet, das Ende einer Form der Kri­tik, die noch zu nahe und zu ver­traut erscheint, als dass die Ursachen – und Fol­gen – ihres Ver­schwindens bisher ern­sthaft ins Auge gefaßt wor­den wären. Zwar fehlt es nicht an Ver­suchen, sie als über­flüs­sig und – wie gehabt – als schädlich zu deklar­i­eren, doch mit Angrif­fen dieser Art ist sie groß gewor­den, sie sind das Lebenselix­ier, dem sie bis­lang ihre stets wiederkehrende Frische verdankte.

Alle tönen­den Pam­phlete, in denen ein ethis­ches ›Ver­sagen‹ der Intellek­tuellen angesichts dieser oder jener Her­aus­forderung des ablaufenden Jahrhun­derts diag­nos­tiziert und mit höh­nis­chen Kom­mentaren verziert wurde, wecken den Ver­dacht falscher Gen­er­al­isierun­gen – und also der Unredlichkeit. Sie ziehen den Vor­wurf auf sich, den sie erheben. Das Prob­lem, das der Intellek­tu­al­is­mus inzwis­chen aufwirft, liegt in den Tech­niken des Argu­men­tierens, soweit sie von ihm aufgenom­men oder aus­ge­bildet und stan­dar­d­isiert wur­den, um sie als Waf­fen für die laufenden Auseinan­der­set­zun­gen tauglich zu machen. Die Waf­fen sind stumpf gewor­den und keine neuen in Sicht. Das legt den Gedanken nahe, den Tech­niken ein­er­seits bis in die Fil­i­a­tio­nen ihrer Anfänge, ander­er­seits in den Ver­wen­dungsweisen nachzus­püren, die ihre gegen­wär­ti­gen Ein­sätze bestimmen.

Damit ist das Pro­gramm dieser Unter­suchun­gen vorgeze­ich­net: Es geht nicht darum, zum soundso­viel­ten Male aufzuwär­men, was diese oder jene Per­son in einer ver­fänglichen Sit­u­a­tion geschrieben oder zu schreiben unter­lassen hat. Wohl aber geht es darum, zu erfahren, wie das intellek­tuelle Spiel, das ›Sich-​Einschreiben‹ ins große Ganze des jew­eili­gen Welt­geschehens, in jenen Kon­stel­la­tio­nen funk­tion­iert, aus denen es, will man den Apolo­geten glauben, seine Legit­i­ma­tion bezieht. Die Spiel­meta­pher, gewöhn­lich auf das genormte Rol­len­ver­hal­ten gemünzt, kehrt angesichts solcher im nach­hinein ›his­torisch‹ genan­nter Sit­u­a­tio­nen ihre zweite Bedeu­tung her­vor: Es gibt Momente, in denen Intellek­tuelle – wie ihre Mit­men­schen auch – zu Glücksspiel­ern wer­den, die auf Gewinn oder Ver­lust set­zen, weil ein ruhiges Abwä­gen dessen, was sich risiko­los sagen lässt, die Rolle nicht frei­gibt, der sie sich ver­schrieben haben. Zur Geschichte dieses Jahrhun­derts gehört es, dass die Gewinne mager, die Ver­luste unmäßig erscheinen. Die Waf­fen sind stumpf gewor­den: Das besagt auch, dass die Taten voll­bracht sind und der Begutach­tung har­ren. Der Wider­sinn, einst Teil des Spiels, kehrt sich gegen diejeni­gen, die es noch ein­mal ver­suchen, weil sie nicht bemerken, was sie davon abhal­ten kön­nte. Genau das gilt es zu begreifen.

7.

Auch wenn Intellek­tu­al­is­mus und Kri­tik kon­vergieren, so sind sie doch keineswegs iden­tisch. Die Kri­tik des ›reinen‹ Intellek­tu­al­is­mus, dieses zen­trale Lehrstück des ›realen‹ Intellek­tu­al­is­mus, setzt voraus, dass es einen Unter­schied zwis­chen bei­den gibt, und lässt erken­nen, dass man ihn in den Unter­schei­dun­gen auf­suchen muss, mit denen let­zterer operiert. Nun denn: Kri­tik als Basisop­er­a­tion des ›kri­tis­chen‹ Intellekts richtet sich zunächst weder gegen Zustände noch gegen Argu­mente. Sie richtet sich gegen ein Ideal– oder besser Zer­rbild, das dieser von sich selbst entwirft. In ihm resi­diert er als ort­loses Gegenüber der Hand­lungsmächte, als ide­aler Zuschauer, der in jede Rich­tung gle­ichen Abstand hält. Der Entschluß einzu­greifen soll der Zuschauer­rolle ein Ende bere­iten. Doch weit gefehlt: auch der schein­bare – oder wirk­liche – Akteur bleibt Zuschauer. Der Entschluß zen­tri­ert die Aufmerk­samkeit im Hin­blick auf das, was vorgeht, sofern er den Zuschauer im Beobach­tungsraum plaziert. Die intellek­tuelle Per­spek­tive ver­dankt sich einem Nicht­gel­tenlassen, das, aus­ge­hend vom ›reinen‹, unaf­fizierten Intellekt, die Umstände, Bedin­gun­gen, Zustände erfaßt, die der unbeteiligte Intellekt gel­ten ließe, weil er von keinem Antrieb wüßte, ihnen ein erdachtes anderes ent­ge­gen­zuset­zen. Diese Kri­tik ist ungerecht, da sie sich gegen eine als abstrakt denun­zierte ›Gerechtigkeit‹ in Szene setzt. Der Per­spek­tivis­mus – man bemerkt es bei Niet­zsche wie bei seinen heuti­gen Nach­fahren – zieht seine Überzeu­gungskraft zum nicht gerin­geren Teil aus der dauer­haften Auflehnung gegen eine verbindliche Optik, die ihre Objek­tiv­ität dem unter­schied­slosen Gel­tenlassen dessen, was ist, ver­dankt, also einer niemals und nir­gends durchzuhal­tenden Abstrak­tion. Der Sinn der Auflehnung liegt darin, das abstrakte Gel­tenlassen als eine Recht­fer­ti­gungstak­tik zu begreifen, die aufhört, Stich zu hal­ten, sobald man sie nach ihren Grün­den befragt. Was immer der Kri­tik ein­fällt, gehört in die Klasse der Gegen­gründe, ist Aus­druck jenes primären Nicht­gel­tenlassens, das für keinen einzel­nen ihrer Gründe im beson­deren ein­steht, weil es selbst grund­los bleibt, solange man von den lebensweltlichen Hand­lungsmo­tiven absieht, die es ebenso absichtsvoll wie unab­sichtlich in seine Regie nimmt.

Es ist keineswegs müßig, dieses Struk­turmerk­mal intellek­tueller Kri­tik her­auszustellen und mit­tels sorgsamer Lek­türen an den Tex­ten her­vortreten zu lassen, auch wenn die Autoren nichts davon zu wis­sen scheinen. Denn in der Praxis ver­mengt sich diese Erschei­n­ungs­form der Kri­tik mit anderen, nicht weniger aus­geprägten. Ihr sit­u­a­tiver, die Gele­gen­heit suchen­der, nur sel­ten um äußere Anlässe ver­legener Charak­ter ver­wis­cht die Grenze zu einer Art der Kri­tik, die von vorn­herein par­tiku­lar ist, nicht, weil sie sich kün­stlich auf bes­timmte Anlässe ein­stimmt, son­dern weil sie außer­halb des Sachver­halts, an dem sie sich entzün­det, Gele­gen­heit zu Weiterun­gen nur in Aus­nah­me­fällen sucht oder findet. Dieser ›peren­nierende‹ Typus der Kri­tik liefert – nicht zu unter­schätzende – Recht­fer­ti­gun­gen, sobald sich die kri­tis­che Intel­li­genz einer Sache annimmt. Überdies ver­leiht er ihr im Einzelfall etwas, woran sie, einge­denk ihres abstrakt-​reflexiven Ursprungs, einen kaum je ganz zu beseit­i­gen­den Man­gel lei­det: Sachkom­pe­tenz. Daß sie ihn für ihre Zwecke benützt, ohne in ihm aufzuge­hen, scheint legitim zu sein, ist aber nicht frei von Voraus­set­zun­gen, über die zu reden sein wird.

In einem 1978 gehal­te­nen Vor­trag mit dem Titel Was ist Kri­tik? beze­ich­net Michel Fou­cault das ›mod­erne Pro­jekt der Kri­tik‹ als »eine moralis­che und poli­tis­che Hal­tung, eine Denkungsart, welche ich nenne: die Kunst nicht regiert zu wer­den bzw. die Kunst nicht auf diese Weise und um diesen Preis regiert zu wer­den.« Diese Weise und dieser Preis liegen nicht von vorn­herein fest, sie kön­nen wech­seln, ohne dass das ›Pro­jekt‹ deswe­gen ins Wanken geri­ete, weil es von Fall zu Fall auf ›Entun­ter­w­er­fung‹ aus ist, gle­ichgültig darum, um welche unter­w­er­fende Instanz es sich han­delt und wie sie beschaf­fen sein mag. Die Vok­a­bel der ›Entun­ter­w­er­fung‹ deutet es an: Kri­tik, wie Fou­cault sie ver­steht, soll in etwa dem entsprechen, was Kant vorschwebte, als er Aufk­lärung als den ›Aus­gang des Men­schen aus seiner selbst ver­schulde­ten Unmündigkeit‘ bes­timmte. Kri­tik hier, Aufk­lärung da – die Dif­ferenz, die Kant zwis­chen bei­den setzt, soll darin beste­hen, dass er dem Pro­jekt der Aufk­lärung vorgängig – als ›Pro­le­gomenon‹ – die Bes­tim­mung der Gren­zen der Erken­nt­nis ‚auf­bürdet‹. Eine schwere Bürde, wie sich, mit Fou­cault gesprochen, im Ver­lauf des 19. Jahrhun­derts her­ausstellt, das zwar eifrig die gegen die Aufk­lärung ver­schobene Kri­tik des Kan­tis­chen Typus betreibt, aber demge­genüber die Aufk­lärung (und damit die aufk­lärerische Kri­tik) vernachlässigt.

Man mag von solchen Epochen­charak­ter­isierun­gen hal­ten, was immer man will. Der Nach­druck allerd­ings, mit dem Fou­cault die franzö­sis­che Diskus­sion an die deutsche Fort­set­zung einer gen­uin aufk­lärerischen Kri­tik vom Linkshegelian­is­mus bis zur Frank­furter Schule – also an die diversen Schulen der Herrschafts-​, Wis­senschafts– und Tech­nikkri­tik – anzuschließen ver­sucht hat, um jene als fatal emp­fun­dene Ver­schiebung rück­gängig zu machen, lässt ein wenig in Vergessen­heit ger­aten, dass all diese Schulen selbst (den Son­der­fall Niet­zsche vielle­icht ausgenom­men) stets behauptet haben, das Erbe der Ver­nun­ftkri­tik zu repräsen­tieren und die von ihnen vorgeschla­ge­nen Verän­derun­gen auf dem Feld der zuge­lasse­nen Fra­gen und Antworten durch eine Kri­tik der Ver­nunft selbst recht­fer­ti­gen zu kön­nen. Soll­ten also tat­säch­lich Kant und seine wis­senschafts­be­flis­se­nen Nach­fol­ger den Begriff der Kri­tik mit nur sehr begren­ztem Recht für ihre Zwecke okkupiert haben – und sollte es an der Zeit sein, diesen Zus­tand zu been­den –, dann müßte im Gegen­zug auch von der Okku­pa­tion des ›Pro­jekts‹ der Ver­nun­ftkri­tik durch jene – in Fou­caults Lesart: gen­uinen – Aufk­lärungss­chulen die Rede sein. Bei­des zugle­ich jeden­falls ist nicht zu haben: Entweder die Kri­tik ignori­ert die Fra­gen, die sich aus der Annahme einer selb­st­genügsam – im Kon­text wis­senschaftlicher Erken­nt­nis – ihre Grund­la­gen bedenk­enden Ver­nunft ergeben, und wid­met sich in unge­broch­ener Ver­fü­gungs­man­ier den Fil­i­a­tio­nen zwis­chen der in Wis­senschaft, Staat und Tech­nik insti­tu­tion­al­isierten Ver­nunft und den all diese Bere­ichen primär kon­sti­tu­ieren­den Macht­fra­gen, oder sie entschließt sich, Macht­fra­gen, wann immer sie sich stellen, in den Bere­ich ›vernün­ftiger‹ Regel­er­wä­gun­gen zurück­zuführen. Im ersten Fall wird sich die Kri­tik vorhal­ten lassen müssen, sie kon­serviere – je länger, desto sicht­barer – einen irra­tionalen Kern und ver­stoße damit gegen ihr selbst aufer­legtes Pro­gramm uneingeschränk­ter Aufk­lärung, im zweiten wird sie der Auf­gabe nicht auswe­ichen kön­nen, ihr Ver­hält­nis zur Macht anders zu klären als durch den the­o­retis­chen und prak­tis­chen Anschluß an ›Bewe­gun­gen‹ aller Art, sofern diese nur gewillt sind, ener­gisch genug die Macht­frage zu stellen.

8.

Intellek­tuel­len­fra­gen sind Gen­er­a­tions­fra­gen. 1914, 1917, 1933 und 1945, nicht zu vergessen 1968 und zuletzt 1989 – jedes­mal hat die Poli­tik Schick­sal gespielt, wenn es darum ging, die Grund­frage nach dem richti­gen Leben unter den Bedin­gun­gen der Mod­erne in diesem Jahrhun­dert zu beant­worten. Stets waren die Antworten vor­for­muliert und warteten darauf, abgerufen zu wer­den. Die Tat­sache aber, dass sie abgerufen wur­den, dass sie Gele­gen­heit beka­men, aus der zirkel­haften Enge akademis­cher Debat­ten her­auszutreten und Ein­fluß auf Herzen und Hirne zu gewin­nen, ver­dankt sich dem ›Gen­er­a­tionser­leb­nis‹, diesem höchst son­der­baren Phänomen, in dem das jew­eils eigene Erleben sich mit allem möglichen Ange­hörten, Ange­le­se­nen, Angedachten zum Mythos des Dabeigewe­sen­seins, des Geprägt­seins verdichtet. Die Frage sei allerd­ings erlaubt, ob bei diesem ›Erleb­nis‘ alles mit rechten Din­gen zugehe, ob das ›Phänomen‹ nicht eher als ›Kon­strukt‹ zu begreifen sei, als eine höchst kün­stliche Ein­rich­tung zur Kon­di­tion­ierung eige­nen und frem­den Ver­hal­tens, nicht zuletzt Denkver­hal­tens im Sinne jener Hand­voll Ideen, von denen man nicht zu Unrecht annimmt, dass sie allein das Zeug dazu haben, sich im Kampf der konkur­ri­eren­den Entwürfe durch massen­hafte Ver­bre­itung in Gel­tung zu set­zen und dort zu behaupten, bis das fol­gende ›Erleb­nis‹ den näch­sten Deu­tung­sum­schwung mit sich bringt. Denn an sich ist keineswegs einzuse­hen, warum der Aus­bruch eines Krieges, einer Rev­o­lu­tion, eine dubiose ›Machtüber­nahme‹ oder eine verzweigte Protest­be­we­gung einen Gel­tungss­chwund gewisser Ideen und eine unwider­stehliche Sogkraft gewisser anderer Ideen bewirken sollen – es sei denn, man übern­immt das hil­flose Vok­ab­u­lar von Sozial­hy­gien­ikern, die Ideen für mehr oder weniger gefährliche ›Erreger‹ hal­ten und ihre Aus­bre­itung anhand der üblichen Ansteck­ungskur­ven bei Grippe oder Aids studieren.

Doch nicht die Ansteck­ungs­bere­itschaft oder ›Sug­gestibil­ität‹ der ›Massen‹, son­dern die nicht unbekan­nte Anfäl­ligkeit von Intellek­tuellen (die selbst nur allzu geneigt sind, über ihre Zeitgenossen zu Gericht zu sitzen) für Ver­führun­gen jeder Art gibt Anlaß zum Nach­denken, sobald die Frage nach der Wirk­samkeit bes­timmter Ideen­po­ten­tiale gestellt wird. Das liegt einesteils an der Offen­heit und Inho­mogen­ität dieser Gruppe: Intellek­tueller ist, wer dazu gezählt wird oder sich selbst dazu zählt. Erlaubt ist, was gefällt. Es liegt ander­enteils daran, dass die klas­sis­che Dis­junk­tion zwis­chen ›den Intellek­tuellen‹ und ›den Massen‘ – also dem Teil der Bevölkerung, dem das Etikett ›intellek­tuell‹ ver­weigert wird –, bere­its ein Bestandteil des Prob­lems ist. Die Ein­teilung der Bevölkerung in Han­del­nde und Zuschauer, in solche, die sich auss­chließlich mit der Durch­set­zung von Inter­essen befassen, und andere, die (zwar nicht ebenso auss­chließlich, aber erkennbar) irgend­wie das ›Ganze‹ oder das ›Sys­tem‹ in den Blick nehmen, diese Ein­teilung ist nicht nur heikel – was noch kein Fehler wäre –, sie ist auch ein­seitig. Sie impliziert eine Blick­rich­tung (die intellek­tuelle Blick­rich­tung auf die anderen) und sie impliziert einen Auss­chluß: die anderen, die nicht oder nur zum kleineren Teil wis­sen, wie ihnen geschieht, sie kön­nen tun, was sie wollen, sie wer­den nicht aufhören, jene ver­führ– und ver­füg­bare ›Masse‹ darzustellen, aus deren Erschei­n­ungs­bild sich die happy few des Geistes ihre kri­tis­chen und gele­gentlich auch amüsan­ten Ein­drücke zusammenstellen.

Ver­führbar sind immer die anderen. Das klingt schlimm genug, aber die Unter­stel­lung reicht tiefer: Die anderen, das sind die schon immer Ver­führten – wenn nicht durch uns, dann durch die Gegen­partei, jene kalte, stör­rische, geist­lose, geschmei­dige, glänzende, schwarze Partei der Macht, die sich im her­ren­losen Gebiß eines Min­is­ters ebenso zu verkör­pern ver­mag wie in den Schachtel­beteili­gun­gen der Medi­enin­dus­trie. Nicht dass man selbst keine Beziehun­gen zu ihr unter­hielte, aber eben Beziehun­gen, wie es sich im Verkehr zwis­chen Mächten ziemt. Die Plu­ral­isierung, die Pul­verisierung der Macht im Leben des einzel­nen ist das Werk der Inter­pre­ta­tion: sie macht den Kopf frei, indem sie jene kom­pakte, dichte Innen– und Gegen­welt in zahllose An– und Aus­sichten auf­s­plit­tert. Der Über­gang zum Feind, die Selb­st­de­gradierung zum Büt­tel und Hand­langer der Macht, kann daher, sobald es nicht mehr als oppor­tun gilt, ihn zu bemän­teln, nur als Ver­rat am Geiste begrif­fen und mit der angemesse­nen moralis­chen Fas­sungslosigkeit kom­men­tiert wer­den. Entsprechend fallen die Begrün­dun­gen aus. Sie grup­pieren sich um zwei Aller­weltsweisheiten: (1) Intellek­tuelle sind auch nur Men­schen – mit ihrem Ehrgeiz, ihren Macht– und Imponierbedürfnis­sen und ihrer Angst, und (2) Intellek­tuelle sind Triebtäter; sie bril­lieren noch dort, wo sich das ein­fache moralis­che Gemüt schaud­ernd abwen­det, und es fällt ihnen immer etwas ein – und sei es zu den Stalin und Hitler dieser Erde. Beide Begrün­dun­gen haben den Augen­schein für sich, ohne zu überzeu­gen. Die erste ver­fehlt die Ebene des Prob­lems; sie stimmt immer. Die zweite wieder­holt offenkundig nur das krude Stan­dar­d­ar­gu­ment des Anti­in­tellek­tu­al­is­mus von der beliebi­gen Ver­füg­barkeit des ›freien‹ Intellekts.

Die Dinge bekom­men ein anderes Gesicht, wenn man Ver­führbarkeit nicht als Randthema sozialer und poli­tis­cher Über­legun­gen oder als per­sön­liche Charak­ter­frage betra­chtet, son­dern als etwas, das unmit­tel­bar aus dem intellek­tuellen Rol­len­ver­ständ­nis erwächst. Ver­führbarkeit setzt Ver­führung voraus: durch Ideen, Posi­tio­nen, Ämter und Anführer, durch die Macht also, wie man zu sagen pflegt, häu­fig ohne zu bedenken, dass let­ztere erst als in ihren Deu­tun­gen anwe­sende jene Attrak­tiv­ität ent­fal­tet, angesichts derer kein Hal­ten mehr möglich erscheint. Intellek­tuelle sind stets auf bei­den Seiten im Spiel, als Ver­führte und Ver­führer, als Selb­stver­führer, die von ihrem eige­nen Deu­tungse­lan mit– und hin­weg­geris­sen wer­den. Dieser spezielle élan vital real­isiert sich im Spiel um die Macht, als Spiel um die Macht, und wer meint, die angestrebte Deu­tungs­macht bleibe von wirk­licher Macht weit ent­fernt und bedeute daher in der Praxis Ohn­macht, der läuft bere­its Gefahr, einer naiven Ver­wech­slung von Macht und Kon­sum zu ver­fallen. Deu­tungs­macht ent­fal­tet sich im Getüm­mel der Inter­pre­ta­tio­nen. Aber – und daran erin­nern die Jahreszahlen –, diese Macht ist nicht autonom, sie ist stets geborgt, sie zer­rinnt mit den Kon­stel­la­tio­nen, die sie uner­müdlich auss­chreibt, und sie zer­fällt gele­gentlich spon­tan – wie man 1989 sehen kon­nte –, wenn das Regime zu beste­hen aufhört, das ihrer Dien­ste bedurfte.

9.

Die Ideen und die Erleb­nisse – Leitideen auf der einen, Schlüs­sel­er­leb­nisse auf der anderen Seite –, sie müssen beson­dere Eigen­schaften haben, um naht­los zueinan­der zu passen und so eine Zeit­lang für sta­bile Ver­hält­nisse in den Köpfen zu sor­gen. Nicht der Kriegsaus­bruch 1914, son­dern das aus einer dif­fusen, durch Jugend­be­we­gung und Ver­gle­ich­bares gespeis­ten Erleb­nisbere­itschaft her­vortre­tende Erleb­nis des Kriegsaus­bruchs trug die soge­nan­nten Ideen von 1914, die als Ideen längst bere­it­la­gen, ohne dass man so recht gewußt hätte, wozu. Nicht der Viet­namkrieg gab dem ’68er Protest seine intellek­tuelle Reich­weite; zutr­e­f­fender wäre zu sagen, dass sich der Protest schrit­tweise an sich selbst und – jeden­falls in Wes­teu­ropa – an Ideen und Posen der Zwanziger und Dreißiger Jahre bere­icherte, die er erfol­gre­ich für eine ›Gen­er­a­tion‘ revi­tal­isierte und pop­u­lar­isierte. Und schließlich: nicht die Ereignisse von 1989 zeit­igten das Kon­glom­erat reflexar­tiger Überzeu­gun­gen, das heute die Köpfe regiert, son­dern von langer Hand aus­ge­bildete Überzeu­gun­gen über­sprangen die Gren­zen nicht allzu kleiner Zirkel, sobald sich die Gele­gen­heit dazu bot, und wur­den all­ge­mein. Was man erfuhr, ließ sie erleb­bar – und also zum Erleb­nis – werden.

Die Gen­er­a­tionser­leb­nisse dieses Jahrhun­derts fallen unter einen gemein­samen Nen­ner. Sie ste­hen für – erhoffte, ersehnte, gefürchtete – Mod­ernisierungss­chübe, für die gle­icher­maßen frei­willige wie erzwun­gene Abdankung einer als steril, als gestrig emp­fun­de­nen Welt: eines Weltzus­tandes, eines bes­timmten Geflechts von Macht­beziehun­gen, Gesin­nun­gen und habit­u­al­isierter ›Moral‹. Nicht, dass das Geflecht schwach oder schüt­ter gewor­den wäre, wenn die Bere­itschaft wächst, sich seiner zu entledi­gen – eher wird die Sta­bil­ität der Ver­hält­nisse selbst zum Ärg­er­nis; Max Webers Wort vom ›stahlharten Gehäuse‹ gibt hier die Parole. Die wis­senschafts­gestützte Real­ität ›mod­erner‹ Gesellschaften hat sich dabei als halt­barer erwiesen denn die Hoff­nun­gen, die seine Geg­ner immer aufs neue mit den Umwälzun­gen ver­ban­den, deren Teil­nehmer und Zeu­gen sie wur­den. Alles in allem ist das ›Gehäuse‹ mit den Umstürzen besser gefahren als seine Bewohner, die für Insta­bil­ität fast immer einen höheren Preis zu zahlen hat­ten als für die herb kri­tisierte Sta­bil­ität der ›Ver­hält­nisse‹. An diesem Umstand scheit­erten ein ums andere Mal die Hoff­nun­gen auf eine intellek­tuelle Poli­tik. Georg Lukács’ strate­gisch gemein­ter Ein­fall, das Pro­le­tariat sei das wirk­lich gewor­dene ›Ding an sich‹, sein welth­is­torischer Sieg werde mit den Frik­tio­nen des men­schlichen Zusam­men­lebens auch die unerledigten Rest­posten der Erken­nt­niskri­tik zum Ver­schwinden brin­gen – zu phan­tastisch, um ihn ein­fach dem Vergessen zu über­ant­worten –, präludierte einem lan­gen, wen­ngle­ich immer wieder ent­täuschten Ver­trauen auf mancher­lei Gegen­mächte und –instanzen, die mit ihren realen Geg­n­ern zugle­ich das nur the­o­retisch greif­bare Phan­tasma des Beste­hen­den her­aus­fordern, sofern man die ihrer Exis­tenz innewohnende tran­szendierende Kraft nur entsch­ieden genug wahrzunehmen bereit ist. Um erneut Fou­cault zu bemühen: der Hin­weis auf die ›strate­gis­che Poly­valenz‹ dieses ›Diskurses‹, auf ›Glo­rie‘ und ›Infamie‹ dessen, was er, linke wie rechte Poli­tik ein­schließend, den ›Kampf der Rassen‹ nennt, mochte im Jahr 1976 auf einige seiner Hörer elek­trisierend wirken – in der Sache bekräftigt er nur noch ein­mal den Vor­rang der Macht im Denken und die the­o­retis­che wie prak­tis­che Unhin­terge­hbarkeit der Macht­frage als des pro­baten Mit­tels aller ›Entunterwerfung‹.

10.

Intellek­tuelle Rede und Nachrede ist sit­u­a­tiv und prinzip­iell, sin­gulär und uni­ver­sal, sol­i­darisch und repräsen­ta­tiv. Und zwar im Hin­blick auf die mitbe­dachte öffentliche Wirk­samkeit, die ohne Anlässe nicht auskommt – Anlässe, die bei näherem Hin­se­hen immer auch als Vor­wände dienen, um ein­mal mehr ›das Wort zu ergreifen‹ –, ebenso wie auf die rit­uelle Vorentschei­dung gegen den ›ort­losen‹ Intellek­tu­al­is­mus zugun­sten der auszule­gen­den Gegen­wart, jener kom­plexen Sit­u­a­tion, die wesentlich als gerichtet, als iden­ti­fizier­bares Bün­del einan­der wider­stre­i­t­en­der Ten­den­zen begrif­fen wird. Keineswegs ist diese Vorentschei­dung harm­los. Sie dient dazu, die Ideen und Ein­fälle, ›auf die es ankommt‹, mit denen sich ›etwas anfan­gen‹ lässt, aus der unüberse­hbaren Fülle mehr oder weniger unbestech­licher Denkbarkeiten her­auszuheben und ihr gegenüber zu priv­i­legieren. Es sind die, von denen man aus guten oder anderen Grün­den annimmt, dass sie sich als macht­tauglich erweisen mögen, weil sie in den vorhan­de­nen Gesin­nungsmustern schon als Roh­ma­te­ri­alien bere­itliegen. So argu­men­tierte bere­its Karl Mannheim, und jeder durch­schnit­tlich aufgeweckte Mag­a­z­inredak­teur spricht es ihm heute nach. Die défor­ma­tion pro­fes­sionelle der Kri­tik (und der Lit­er­atur, falls die hauchdünne Unter­schei­dung über­haupt noch zu ret­ten ist) wirkt stets in ein und dieselbe Rich­tung. Auf der Grund­lage niemals ein­gelöster, bere­its im voraus ver­wor­fener, durch den Gang der Poli­tik entkräfteter Loy­al­itäten wirkt dieses Spiel einiger­maßen gespen­stisch. Auch das Pathos derer, die vorgeben, sich dem zu entziehen, ver­mag nicht zu überzeu­gen. Ohn­macht ist nur ein anderes Wort für das Ver­strick­t­sein in Macht­spiele – und damit eine Macht­ge­bärde mehr. Das Ende der Kri­tik ist nicht das Ende ihrer Möglichkeiten, son­dern das Ergeb­nis ihrer Selb­staus­liefer­ung an eine imag­inäre Politik.

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