Die Ethik der Nassrasur

Erzäh­lun­gen

Bege­hbarkeit, Fre­unde (Nie­mands­fre­unde –?), ist eine Frage des Grun­des, zurück­ge­wor­fen auf den, der fragt: ein Thema, das auf der Hand liegt, sich ruhig und gelassen unter dem prüfenden Blick zu dehnen beginnt, trägt es, und wenn ja, wen –? Nicht der Grund entschei­det, son­dern der Unter­grund, das Unter der Ober­fläche des Grun­des, das nur den Ängstlichkeiten des Fra­gen­den sich er­schließt, die Welt der neg­a­tiven Phantasmen.

Ich saß dabei, als der Ver­leger das frisch gedruckte Bänd­chen einer Fre­undin des Hauses über­re­ichte. Die Dame nahm es in die Hand, drehte es, blickte auf den Titel und fragte den Autor: »Die Nass­ra­sur … muss man die jetzt auch ken­nen?« Ich brauchte einen Moment, bis ich begriff, dass sie besagte Nass­ra­sur für eine bis­lang wenig erforschte Eth­nie hielt, deren Ken­nt­nis ›jetzt‹ im späten Gefolge von Lévi-​Strauss’ Trau­ri­gen Tropen dem mit­teleu­ropäis­chen Intellek­tuel­len­haushalt zugeschla­gen wurde. Später, in Zeiten des Inter­net, mok­ierte sich ein Leser aus dem Klub der Nass­rasierer, der Titel sei ›irreführend‹ – er kon­nte das Buch seinen Mit­stre­it­ern ›dur­chaus‹ nicht empfehlen. Hier war es endlich, das gute alte »Was soll denn das?«, die Grund­frage der Deutschen an jedes lit­er­arische Erzeug­nis, und gott­sei­dank, es fand sich jemand, sie zu beantworten.

Ulrich Schödl­bauer: Die Ethik der Nass­ra­sur, Erzäh­lun­gen, Manu­tius Ver­lag Hei­del­berg 1997, gebun­den, 144 Seiten. ISBN 3925678700
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