1.

Die graue Gebäude­sil­hou­ette glich der eines riesi­gen Unter­see­bootes. Ein schmales Kies­band markierte die Wasser­linie. Aus­gedehnte Rasen­flächen schlossen sich an. Gepflasterte Wege sortierten das blasse Grün nach ein­fachen geometrischen Mustern. Betonierte Zufahrtsstraßen senk­ten sich unter efeube­wach­senes Erdre­ich. Vere­inzelt sah man Entlüf­tungsrohre in Grüp­pchen zusam­men­ste­hen wie Poller an einem Hafenbecken.

»Willkom­men an Bord«, sagte der Mann mit auf­fal­l­end leiser, etwas spöt­tis­cher Stimme. Der Gast ergriff die aus­gestreckte Hand und blickte benom­men in die Tiefe, der er ger­ade entron­nen war. Sie standen auf einer eis­er­nen Plat­tform in der Nähe des Bugs. Eine Wen­del­treppe schraubte sich her­auf, ihr Fuß ver­lor sich im Ungewis­sen. Der Gast, sich aufrich­t­end, stieß leicht gegen die Stäbe des Käfigs, der beide umschloss, und atmete kräftig im Wind. Schon hatte der andere mit raschem Griff die Tür hin­ter sich geöffnet und zog den Ankömm­ling rück­wärts über die Schwelle. Eine Art Dunkelka­m­mer nahm sie auf, nur für einen Moment, dann traten sie auf einen weitläu­fi­gen Gang hin­aus, der sich in der Ferne verzweigte.

»Gut, dass Sie gekom­men sind«, sagte die weiche, eine Spur zu hoch mod­ulierende Stimme. Der Ankömm­ling glaubte die Andeu­tung einer Ver­schwör­ermiene in den fre­undlich entspan­nten Gesicht­szü­gen seines Gegenübers zu lesen. Durch die fort­laufende Fen­ster­reihe zur Rechten sah man den Him­mel, er wirkte weit trüber als draußen. Die Deck­en­beleuch­tung lullte den Gast in eine taumel­nde, wei­thin leere Erwartung.

»Es ist nicht ein­fach, etwas über Sie hier in Erfahrung zu brin­gen«, erwiderte er leicht. »Ich muss geste­hen, dass mich nach Ihrem Anruf, Herr…«

»Spen­gler, bitte sehr!«

»Herr Spen­gler, die Neugier befallen hat, doch lei­der ergebnislos.«

Eine der in gle­ich­mäßi­gen Abstän­den ange­brachten Türen auf der linken Seite des Ganges öffnete sich, eine junge Frau schob, gebückt die Tür hal­tend, ein mit Büch­ern beladenes Wägelchen vor sich her. Die Bücher schim­merten wie Reliquien, und laut­los ent­fer­nte sich die Frau mit ihnen auf einem in den Boden ein­ge­lasse­nen Lauf­band, das der Gast bisher noch nicht reg­istri­ert hatte. Spen­gler winkte ihm zu fol­gen. Gemein­sam betraten sie ein zweites, par­al­lel ver­laufendes Band, das sie in die ent­ge­genge­set­zte Rich­tung ent­führte. Hin­ter den Bril­lengläsern funkelte Spen­glers Blick, und seine Lip­pen kräusel­ten sich, während er sprach. »Unsere Öffentlichkeit­sar­beit hat in der Tat ihre Eigen­heiten. Früher war das anders, doch seit dem Fall Morosi« – er hielt einen Moment inne – »bewegt sich prak­tisch nichts mehr.«

»Der Fall Morosi?«

»Das war wohl vor Ihrer Zeit«, ent­geg­nete rasch, wie beiläu­fig, der kleine, fast schmächtige Mann, wippte auf seinen Zehen­spitzen und drückte die Schul­tern her­aus. »Da ent­lang«, sagte er und hob die Hand. Sie glit­ten vom Band. Ein schmaler, halb­dun­kler Gang tat sich auf. »Wieviel Zeit haben Sie?« Der Gast machte eine unbes­timmte Geste, und Spen­gler fuhr fort: »Es ist nicht so, dass sich unsere Mitar­beiter in der Öffentlichkeit nicht zu Wort melden. Doch sie tun es unter frem­den Namen und achten sorgfältig darauf, jeden Hin­weis auf ihre Iden­tität und ihren Sta­tus zu unter­drücken. Von den Kon­tak­tleuten, die Bescheid wis­sen, ver­langt man vor allem Diskre­tion. Hier im Hause ist es ver­pönt, der­gle­ichen Dinge bekannt wer­den zu lassen.«

»Warum das?« forschte der Gast.

Spen­gler, lächelnd, zuckte ein wenig zusam­men. »Fra­gen Sie mich etwas anderes«, antwortete er mit geschürzten Lip­pen. Der Gast reg­istri­erte, dass sie sich in vol­lkommener Laut­losigkeit bewegten. Vor ihnen fiel Licht auf den Gang. Sie bogen um eine Ecke und befan­den sich hoch über einem licht­durch­fluteten Raum auf einer gelän­der­be­wehrten Brücke, die sich zu einer Öff­nung in der gegenüber­liegen­den Wand hinüber­schwang. Bre­ite Trep­pen führten auf bei­den Seiten in die Halle hin­unter. Link­er­hand, in einiger Ent­fer­nung, wieder­holte sich die Architek­tur spiegel­bildlich. Der weite Raum war an den Stirn­seiten voll­ständig ver­glast, die Stege zwis­chen den Scheiben schim­merten wie alles übrige in makel­losem Weiß. Über das Gelän­der gebeugt, blickte der Gast auf ein Gewirr von Schreibtis­chen nieder, das zwis­chen lan­gen Regal­rei­hen durch­broch­ene Kreise, Rechtecke und Sterne formte. Auf jedem Tisch stand ein Bildgerät mit angeschlossener Tas­tatur. Lange Papier­fah­nen quollen aus ruckar­tig täti­gen Geräten und fal­teten sich in die Hände aufmerk­samer Betra­chter hinein, die abwech­selnd von einem Fuß auf den anderen traten. Eine Vielzahl von Per­so­nen bewegte sich dort unten oder schien ger­ade in der Bewe­gung erstarrt zu sein. Die meis­ten saßen, einger­ahmt von mächti­gen Büch­er­stapeln, vornüberge­beugt an ihren Schreibtis­chen und sprachen in kleine schwarze Mikro­fone hinein, die sie förm­lich über ihre Lip­pen gestülpt hat­ten. Andere hat­ten sich weit zurück­gelehnt, ihre flachen Gesichter schwammen inmit­ten der all­ge­meinen Betrieb­samkeit wie Fet­tau­gen auf der Suppe, bis ein unsicht­bares Sig­nal sie in die Wirk­lichkeit ihrer Appa­rate zurück­holte. Meist tru­gen sie weiße Arbeit­skit­tel oder graue Flanel­lanzüge, die roten und grü­nen Krawat­ten gin­gen chore­o­graphisch miteinan­der um. Der Fremde hob den Blick. Sein in braunen Kord gehüll­ter Begleiter war eben­falls an das Gelän­der getreten und rückte langsam, mit vornüberge­beugten Schul­tern, näher, die Hände vor­sichtig auf­stützend. »Bewe­gen Sie sich nicht!« zis­chte er unver­mit­telt. Der Fremde schlug die Augen nieder, doch schon entspan­nte sich Spen­gler, sein linker Arm schob sich über die Brüs­tung, während die rechte Hand den Kinnbart an den Seiten nach hin­ten strich.

»Was Sie da sehen, ist der zen­trale Lesesaal der Bib­lio­thek.« Die kün­stliche Ironie war in seine Stimme zurück­gekehrt. »Die Bücher kom­men über ein automa­tis­ches Förder­sys­tem aus den Mag­a­zi­nen. Die Rech­ner nehmen die Bestel­lun­gen auf und kon­trol­lieren den Vor­gang. Man kann sich die Texte auch direkt auf den Bild­schirm holen, aber das geschieht nur aus­nahm­sweise. Allerd­ings sind Sie über den Rech­ner prak­tisch mit allen Bib­lio­theken der großen Insti­tute rund um den Erd­ball ver­bun­den, und da nützt man die Möglichkeiten schon eher.« Mit großer Geste wies der Gast auf das Gewimmel.

»Woran arbeiten diese Leute?«

»An nichts Bes­timmtem, wenn Sie das meinen.«

Spen­glers Gesicht gab sich knautschig wis­send, auch hochmütig. »Es gibt Pro­jekte, Schw­er­punkte hier und da. Aber das ist nicht das Wesentliche. Insti­tu­tio­nen wie diese sind das kul­turelle Gedächt­nis der Men­schheit. Diese Leute« – er reckte andeu­tend das Kinn – »sind Ver­wahrungsspezial­is­ten, wenn Sie ver­ste­hen, was ich meine. Sie ver­wahren das Wis­sen, das die Gat­tung im über­schaubaren Gang ihrer Evo­lu­tion über sich selbst gesam­melt hat.«

Über­raschend mit­füh­lend fragte der Gast: »Kommt denn keines mehr hinzu?«

Spen­gler lachte. »Eine gute Frage. Man schätzt, dass es sich alle zwei Jahre verdoppelt.«

Der Gast schwieg. Spen­gler rückte ver­traulich heran, er for­mulierte bedächtig. »Ein Gedanke ist nur in der Welt, solange er gedacht wird. Nicht Bücher hal­ten das ein­mal Gedachte fest, son­dern Gehirne, die es immer wieder neu durchdenken.«

»Diese Leute ver­wahren also das Wis­sen«, der Fremde sprach mehr zu sich selbst, »man kön­nte sagen, sie ver­wal­ten es, denn jede Ver­wal­tung ist schließlich ein Gewirr sich schein­bar end­los wieder­holen­der Vorgänge wie Reg­istri­eren, Bün­deln, Able­gen und neuer­liches Auf­bere­iten, das Able­gen selbst ist nur als Teil des Sys­tems zu betra­chten, isoliert ist es ganz sinn‑ und funktionslos.«

»Ich sehe, Sie ver­ste­hen.« In Spen­glers Stimme schwang schmer­zlicher Spott.

Gedanken­ver­loren lehnte er am Gelän­der. Zum ersten Mal sah der Fremde durch die gläserne Wand hin­aus auf den stur­mz­erk­lüfteten Him­mel über einer schwarz sich wegkrüm­menden, an eini­gen Stellen fleckig aufge­hell­ten Land­schaft. Eine einzelne Möwe ließ sich von den Luft­massen tra­gen und stand einen Flügelschlag lang vor dem erleuchteten Fen­ster still. Zwei junge Män­ner in weißen Over­alls standen in der Nähe einer Regal­wand zusam­men, gestikulierten und drehten abwech­selnd ihre Gesichter herüber. Der Fremde fühlte sich unbehaglich.

»Was Sie da sagen, heißt, das Denken hat keine Ver­gan­gen­heit. Alles muss jetzt gedacht sein, also ist alles jetzt.«

Er hatte leise gesprochen, und leise, von der Brüs­tung zurück­tre­tend, blieb auch Spengler.

»Sie kön­nen es auch anders wen­den: Wir behan­deln das Denken wie etwas Ver­gan­ge­nes; also ist es vergangen –«

Die let­zten Worte kamen gepresst, müh­sam kaschierte er eine ihn unverse­hens durch­pulsende Hast. Er riss den Gast an sich und zog ihn, die offene Brüs­tung mei­dend, über die Brücke in den gegenüber­liegen­den Gang hinein.

Fast katzenar­tig bewegte sich dieser Spen­gler, befand der Fremde, dessen Atem schneller ging. Die bei­den sportlich wirk­enden Män­ner in Over­alls hafteten in seinem Gedächt­nis: Ihm war, als seien sie nach einem let­zten prüfenden Blick zur Brücke förm­lich auseinan­derge­spritzt. Der Gang erweit­erte sich, wurde heller, die Türen zu bei­den Seiten, ohne weit­ere Kennze­ichen, erschienen ihm bre­iter als die vorigen. Vor einer standen zwei Her­ren, die Stirn gelichtet der eine, der sich jetzt herum­drehte und dabei wie absicht­s­los eine Mappe schwenkte. Sein Gesicht wirkte rund, glatt, die Augen auf­fäl­lig über­lappt, zu pfif­fig entrück­ten Schlitzen verengt. Er gestikulierte weich, von unten her­auf, tadel­los verdeckte ein tauben­blauer, gän­zlich ungeknit­terter Anzug den Bauchansatz seiner zu run­deren For­men tendieren­den Figur. Der Mund wurde zum Strich und öffnete sich leicht, die Augen schwammen feucht schim­mernd unter den schw­eren Lid­ern, als Spen­gler, seinen Gast ohne weit­eres hin­ter sich lassend, mit aus­gestreck­ter Hand, nick­end, gut­tural for­mulierend, hinzu­trat und die Gruppe schloss. Die Her­ren unter­hiel­ten sich angeregt. Der Gast, mit seinen Gedanken allein, wandte sich zur Seite und hätte um ein Haar nicht bemerkt, wie sich die Tür hin­ter den Her­ren schloss.

2.

»Immer in der Trom­mel, die Her­rchen, enormes Lauf­train­ing –«: Die Stimme, sin­gend, weiches Met­all, erk­lang dicht über seinem Kra­gen; beinah wäre er mit dem Mann zusam­mengestoßen, der, auf fed­ern­den Sohlen mit müder Gra­zie das Gle­ichgewicht hal­tend, ihm über die Schul­ter blickte. Aus einem ble­ichen Gesicht maßen ihn zwei überwache, hin­ter der starken Brille fast stechend wirk­ende Augen. Kräftiger, schwarzer, dabei schüt­terer Bartwuchs umwölkte das hagere Kinn, und eine radikale Stirnglatze drängte den steilen Schädel hin­auf, ein Paar wul­stiger Lip­pen sprang unge­bremst auf und ab.

»Pfeif­fer mein Name, Tag –«

Er streckte dem Frem­den die Rechte ent­ge­gen, der sie zögernd ergriff.

»Diese lei­di­gen Besprechun­gen, ein unendliches Thema. Eine Tür geht auf, Hände berühren sich, alles flüchtig, keine Ver­sprechen, nur ein kleines, undeut­bares Ein­ver­ständ­nis in den Augen­winkeln. Stim­men senken sich, wenn jemand vor­beikommt, dessen flack­ern­der Blick sich ins­ge­heim mit dem eines der Geheimnisvollen trifft – man wird später sehen, was er bedeutet, wenn überhaupt.«

Er räus­perte sich, seine Hände fuhren an bei­den Seiten des mageren Kör­pers auf und ab.

»Beachten Sie bitte das Zer­e­moniell des Sich-​Zurückziehens. Einer der Her­ren gibt das Sig­nal. Er beugt den Oberkör­per, lässt ihn sachte pen­deln, flicht wöl­bende, greifende Hand­be­we­gun­gen in seine Rede, blickt auf die Uhr. Die Her­ren, zunächst unbeteiligt, hal­ten sich zöger­lich, ohne Eile ver­sich­ern sie den Lock­enden ihrer Hast. Das Gespräch greift auf die Arbeits­be­din­gun­gen über, die Gutachten, Pro­tokolle und Sitzun­gen, die sie erwarten – neben­bei, wie wär’s mit einem Kaf­fee? Kom­men Sie hier lang, es ist nicht weit.«

Der Fremde fol­gte. Gemessen bogen sie um eine – die wievielte? – Ecke, die Däm­merung des engen Ganges erweit­erte sich zu einem qua­dratis­chen, bunker­ar­ti­gen Gelass mit winzi­gen, unter die Decke geset­zten Fen­ster­auss­chnit­ten, trübe erhellt von kün­stlichem Licht, das über den spo­radisch verteil­ten Tis­chen Schlieren zu bilden schien. Ohne Sys­tem ver­streute Zeitung­steile, dazwis­chen überquel­lende Aschen­becher ver­voll­ständigten den Raum. Ein Kaf­feeau­tomat an der Wand gab Zis­chlaute von sich. Pfeif­fer hantierte geläu­fig an seinen Knöpfen und set­zte Plas­tik­becher zwis­chen abge­s­tandene Kaf­feer­este. Das Zis­chen wich dem hohlen Geräusch, mit dem die schwarze Flüs­sigkeit in die vorge­se­henen Behäl­ter fiel. »Stets zu Ihren Dien­sten!« Pfeif­fers Rechte formte den Ansatz zu einer großräu­mi­gen Ver­beu­gung. Der Kaf­fee schwappte gefährlich, der Fremde über­nahm seinen Becher mit spitzen Fin­gern. Sie set­zten sich. Pfeif­fer stellte den zweiten Becher ab und rührte bedächtig in ihm herum.

»Sie ken­nen Weininger? Nein? Der Rund­kopf, unser Chi­nese. Kein übler Bursche alles in allem, leise Sohle, geht seinen Gang. Geistre­ich, aber eng, kommt öfter vor, als man denkt.«

Mit über­raschen­dem Knick-​Knack beulte sich der Becher unter dem Griff des Frem­den und sandte einen Teil der Flüs­sigkeit in den Raum.

Eilige Trip­pelschritte tön­ten im Gang. Gerüche schienen der Dunkel­heit zu entströ­men. Ein khakige­fasstes Wesen warf im Vor­beige­hen seine kas­tanien­braune Mähne zurück und wandte sich in küh­ler Anmut dem Kaf­feeau­to­maten zu. Ver­hal­ten musterte der Fremde die Taille der jun­gen Frau. Der Blick auf die sich dunkel unter der durch­broch­enen Bluse heben­den Brust­warzen kam ihm, obwohl unver­mei­dlich, indiskret vor. Das kupferne, ruhige, sorgsam geglät­tete, ent­fernt an Miniatur­malerei erin­nernde Gesicht der Frau, das von Zeit zu Zeit in wirbel­nde Bewe­gung geriet, ihre unbes­timmt abwe­sende Miene, ihr nervöser Stöck­eltanz um den Kaf­feeau­to­maten, der mit maschi­nen­haftem Gle­ich­maß seine Arbeit ver­richtete, dies alles weckte in ihm eine schwebende Heit­erkeit; vor­sichtig lehnte er sich zurück. Pfeif­fers Wul­st­mund stand halb geöffnet. Die Frau hob ihren Becher und entschwand. Pfeif­fer schien wie von Sin­nen, langsam wandte er sich dem Frem­den zu; plöt­zlich, über­gangs­los, stand ein Lächeln auf seinem Gesicht, gle­ichzeitig senkte er seine Blicke in die des Frem­den, als gelte es, mit ihnen Unzucht zu treiben.

Es war Spen­gler, der, ein wenig zögernd, aus dem Dunkel näher kam. Das Kinnbärtchen erhoben, in lan­gen Abstän­den vor­sichtig abschätzende Blicke wer­fend, erkan­nte er sie erst, als er beinahe vor ihnen stand. »Ich sehe, Sie ken­nen sich bere­its«, bemerkte er trocken und nickte Pfeif­fer beifäl­lig zu. Pfeif­fer wies auf den näch­st­ste­hen­den Stuhl. Spen­gler schien ganz in sich zu ruhen. Der Fremde bemerkte ein feines Leuchten in seinen Augen, doch das Licht spiegelte auf den Brillengläsern.

»Darf ich die Her­ren zu einem kleinen Imbiss ein­laden?« Spen­glers Stimme hatte jetzt einen besorgten Beik­lang. Der Fremde sah ihn forschend an, doch er reagierte nicht. Die Her­ren erhoben sich.

»Das Pam­phlet ist fer­tig. Mor­gen geht es zur Post.« Pfeif­fer, auss­chre­i­t­end, sprach über den Kopf des Frem­den hin­weg. »Ich habe jeden Punkt zehn­mal geprüft: ein wasserdichter Skandal.«

Mit knap­per Hand­be­we­gung deutete Spen­gler auf den Fremden.

»Erzählen Sie!«

»Aber gern doch!« Pfeif­fer ent­blößte die Zähne, Gold blinkte, Ner­vosität wurde sicht­bar. »Imag­inieren Sie fol­gende Sit­u­a­tion: Ein junger Kol­lege, Anfang Dreißig, bewirbt sich im Hause – nichts Bedeu­ten­des, eine Stelle auf der mit­tleren Denkebene. Solche Entschei­dun­gen dauern, doch am Ende bekommt er den Ver­trag. Er erhält seine Unter­la­gen zurück, darunter ein fast fer­tiges Buch­manuskript, das er (neben seiner Arbeit­szeit, wohlge­merkt!) nach und nach druck­fer­tig macht und veröf­fentlicht – ohne Res­o­nanz, wie üblich. Ein Jahr später lässt einer der Her­ren« – mit schweifender Geste deutete er auf eine der bre­it­eren Türen, die der Fremde schon kan­nte (diese hier, stellte er im Vor­beige­hen fest, hatte keinen Griff) –, »ein sehr ange­se­hener Kol­lege, wenn Sie wis­sen, was ich meine, sein neuestes Werk erscheinen, es gilt als großer Wurf« – um Spen­glers Mund­winkel zuckte Ironie –, »jeder zitiert es. Warum auch nicht? Er hat den Erfolg, alle Achtung, nie­mand miss­gönnt es ihm…«

»Herr Pfeif­fer will sagen, der bedeu­tende Kol­lege hat abgeschrieben, ohne seine Arbeit – denn um die han­delt es sich – zu erwäh­nen«, griff Spen­gler lächelnd ein. »Sie ger­aten hier in ein kleines Kom­plott, ohne dass ich Namen nen­nen möchte. Herr Pfeif­fer« – Spen­gler legte die Hand auf seinen Arm – »hat ger­ade (unter frem­dem Namen, ver­steht sich) eine Besprechung bei­der Werke ver­fasst, die das Pla­giat Punkt für Punkt nach­weist, und ich helfe ihm ein wenig, sie in einem der hiesi­gen Organe unterzubrin­gen. Das ist zwar gegen den Kodex, doch in diesem Fall han­delt es sich um eine Art Notwehr, da sich nie­mand bereit fand, die Sache aufzugreifen.«

Er strahlte.

»Nie­mand?« fragte der Fremde zerstreut.

»Ich sagte es«, ent­geg­nete Spen­gler unwirsch, als ver­scheuche er eine Fliege, »der Kol­lege ist sehr bedeutend.«

Der Fremde wiegte den Kopf. »Ich ver­stehe nicht ganz. Sie dienen doch alle dem Wis­sen, wie Sie sagen. Warum ist es dann so entschei­dend, wer den oder jenen Gedanken vor oder nach diesem oder jenem in Umlauf gebracht hat?«

Pfeif­fer ent­färbte sich. »Mit dieser Ein­stel­lung wer­den Sie hier offene Türen finden. Ich rate Ihnen nur, sie nie laut wer­den zu lassen, unter gar keinen Umständen.«

Spen­gler mis­chte sich ein. »Unsere Kol­le­gen bleiben nach außen anonym. Um so wichtiger ist es für sie natür­lich, sich inner­halb der Insti­tu­tion einen Namen zu machen.«

»Aber Sie ken­nen sich doch«, rief der Fremde erstaunt. »Ken­nen Sie sich nicht?«

»Viel zu gut«, murmelte Spen­gler und drehte sein Gesicht ein wenig ins Dunkel. »Sie rühren an das Selb­stver­ständ­nis der Ange­höri­gen dieses Hauses. Die Men­schen, die Sie vorhin in der Bib­lio­thek gese­hen haben, diese Men­schen tun doch nichts anderes, als sich von mor­gens bis abends gegen­seitig zu zitieren, es ist die Arbeit, der nachzuge­hen sie sich glück­lich schätzen, es ist ihr Leben.«

»Das erk­lärt manches, obwohl es auch ein wenig befremdet«, wandte der Fremde vor­sichtig ein, »die Frage ist aber, ob sie es bewusst­los tun, aus irgen­deinem dun­klen Zwang, dessen Gründe einem Außen­ste­hen­den naturgemäß ver­schlossen sein müssen, oder ob ihnen das Wis­sen selbst diese Gründe auferlegt.«

»Sagen wir doch: Es sind die Regeln des Zusam­men­lebens zwis­chen Men­schen, von denen keiner ohne den anderen auskommt. Selbst die Toten nehmen daran teil. Sie sind ebenso gegen­wär­tig wie die anderen.« Spen­gler lächelte wieder.

»Dann han­delt es sich also um ein Gesellschaftsspiel«, schloss der Fremde, »nicht das Wis­sen gilt, son­dern die Art und Weise, auf die es erwor­ben und weit­ergegeben wird.«

»So kann man es sehen –« Müh­sam spreizte Pfeif­fer die Hände.

Der Fremde sah ihn aufmerk­sam an. »Wovon han­delt eigentlich Ihr Buch?«

Pfeif­fer antwortete nicht, sein Mund zuckte. Mit weni­gen hasti­gen Schrit­ten war er bei einer nahegele­ge­nen Tür, stieß sie auf und ver­schwand türen­schla­gend im Innern.

»Magengeschichten«, begütigte Spen­gler, trat unruhig von einem Bein auf das andere und warf dabei forschende Blicke in ver­schiedene Rich­tun­gen. Auch der Fremde wurde aufmerk­sam. Ein Geräusch, dif­fus, hohl, vielfüßig anwach­send, erfüllte ihre Umge­bung, ohne die Rich­tung zu ver­raten, aus der es kam. Mit Spen­gler ging eine Ver­wand­lung vor. Schien er zunächst, mit vib­ri­eren­den Nasen­flügeln, zu wit­tern, in welche Rich­tung ein Entwe­ichen noch möglich sei, so ließ er auf ein­mal von diesem Vorhaben ab, warf statt dessen nacheinan­der hil­flose, entset­zte und befrem­dend ver­trauliche Blicke auf den Frem­den und zog sich vor­sichtig gegen die Wand zurück, so den Weg freigebend für das, was nun geschah.

Nichts geschah. Eine Gruppe drang in den Gang ein, an ihrer Spitze daher­stür­mend ein hochgewach­sener Mann mit wehen­dem Weißhaar, dessen greisen­hafte Züge mit einer ener­gis­chen Gan­gart kon­trastierten, obwohl er gebückt lief und den Kopf starr zur Seite neigte, auf diese Weise sein Ohr dem beflis­sen ernst drein­blick­enden jun­gen Mann dar­re­ichend, der, einen Schritt zurück, neben ihm auss­chritt und unabläs­sig auf ihn ein­sprach. Das Greisen­gesicht, ebenso starr wie die Nei­gung des Kopfes, vere­inte den Aus­druck konzen­tri­erten, ja ver­sunke­nen Zuhörens mit dem einer ges­pan­nten Aufmerk­samkeit auf seine Umge­bung. Urplöt­zlich fühlte sich der Fremde von dieser Aufmerk­samkeit erfasst, ger­adewegs aufge­spießt, während der Pulk bedrohlich her­an­nahte. Er wollte zur Seite treten, da er fürchtete, umger­annt zu wer­den, als der Alte, keine zwei Schritte von ihm ent­fernt, im Lauf innehal­tend die Hand hob.

Kein Zweifel, er war gemeint. Wie durch einen Schleier ver­nahm er die unstet, gle­ich­wohl äußerst bes­timmt artikulierende Stimme des Greisen­haften: »So trifft man Sie! Bemerkenswert, ganz bemerkenswert. Wir sind von Ihrer Anwe­sen­heit unter­richtet, wie Sie sehen. Ich denke, wir beide soll­ten nicht zu spät miteinan­der sprechen. Suchen Sie mich auf, Sie wer­den wis­sen, wo ich zu finden bin!« Ein flüchtiges Heben des Kinns entließ ihn, ein kaum merk­liches Stirn­run­zeln galt, wie der Fremde zu bemerken glaubte, Spen­gler, der zusam­men mit dem ger­ade aus der Toi­let­ten­tür tre­tenden Pfeif­fer an seine Seite zurück­kehrte, während der Pulk sich entfernte.

»Das war Geußen«, sagte Spen­gler, seine Schuh­spitzen betra­ch­t­end. »Sie wer­den ihn auf­suchen müssen.«

3.

Was geschieht hier eigentlich, dachte der Fremde. Diese Räume, sie erwecken den Ein­druck, als geschehe nichts in ihnen, und sollte ein­mal ern­sthaft etwas geschehen, so erführe selbst jemand, der sein Leben hier zubringt, erst spät und durch einen nie auszuschließen­den Zufall davon. Und doch ist dieser Spen­gler unzweifel­haft von Panik erfüllt, auch wenn sein gelassenes Gebaren gele­gentlich darüber hin­wegtäuscht. Er hat etwas vor, soviel steht fest. Es scheint, als sei er ein per­sön­liches Risiko einge­gan­gen, als er mich herbestellte. Offen­bar hat die Begeg­nung im Gang alles verän­dert. Er zieht sich zurück, ohne dass man sagen kön­nte, er sei vorher aus sich her­aus­ge­gan­gen. Es sieht so aus, als habe die Begeg­nung im Gang ihn ver­an­lasst, auf seine Pläne Verzicht zu leis­ten. Ander­er­seits hat diese Begeg­nung ver­mut­lich dazu geführt, dass Dinge auf ihn – und mich – zukom­men, die er um jeden Preis ver­mieden haben wollte. Welche Dinge dies auch sein mögen: Wenn ich sein Ver­trauen jemals hatte, so habe ich es jetzt jeden­falls nicht mehr. Meine Gegen­wart ist für ihn nut­z­los, wenn man davon absieht, dass er sich in ihr bespiegelt. Nun also dieses Gespräch unter Män­nern. Sie führen es meinetwe­gen, aber sie führen es so, als sei ich nicht vorhan­den, oder, besser vielle­icht, als gelte es, meine Gegen­wart vor mir, dem Frem­den, zu vertuschen.

Spen­gler lenkte aus erhobe­nen Handge­lenken mit­tels Druck und Zug beherrschte Kraft auf ein Fleis­chstück, etwas Rosenkohl bei­her stip­ulierend, und lachte verhalten.

»Und sie hat Ihnen wirk­lich gesagt, sie sei seit einer Woche ver­heiratet? Unglaublich, ganz unglaublich. Sie hat den Mann keinen Monat gekannt.«

Sie saßen, sehr aufrecht, erhöht wie auf einer Bühne, und blick­ten gle­ich ihren Mit­spiel­ern beim leisen Klap­pern der Gabeln auf eine lange, hell erleuchtete Theke nieder, hin­ter der aus brodel­nden Behäl­tern abgemessene Por­tio­nen auf gle­ich­mäßig weit­er­glei­t­ende Teller nieder­fie­len, während sich weißbeschürztes Bedi­enungsper­sonal vor– und zurückbeugte.

»Ich kenne ihn« – Pfeif­fers durch­drin­gen­der, etwas flack­ern­der Blick wirkte keineswegs apathisch –, »ein Muskel­mann, vol­lkom­men durch­trainiert, sie hat ihn sich vom Ten­nis­platz wegge­holt.« Es war von der jun­gen Frau im Kaf­feer­aum die Rede.

»So ein dampfendes Ross« – er blinzelte dem Frem­den zu – »passt hier natür­lich über­haupt nicht herein. Doch warten wir’s ab. Sie ist schnell durch mit den Typen.«

»Ist das wahr?«

»Und jedes­mal wird geheiratet. Was allein die Schei­dun­gen kosten, von den Umzü­gen ganz zu schweigen. Das pralle Leben. Unsere­ins kön­nte sich das nicht leisten.«

Spen­gler führte die Gabel zum Mund.

»Dafür leis­tet das Leben sich uns.«

»Was hal­ten Sie von der Schön­heit?« Leise kam die Frage des Frem­den, die bei­den anderen blick­ten erstaunt herüber. Eine junge Frau, Mitte zwanzig, stro­hblond, son­nenge­bräunt, trat an den Tisch. Ihr Teller dampfte. Spen­glers Bärtchen wippte zufrieden, er gur­rte. Frau Sorge, Spen­glers Assis­tentin (als welche er sie vorstellte, während ihr Blick sich ver­schleierte), ließ sich geräusch­los zu seiner Linken nieder, nahm die Brille ab und klappte die Bügel mit einer weichen Bewe­gung zusam­men. Hin­ter den überdi­men­sion­ierten Gläsern hat­ten ihre Augen über­wälti­gend gegen­wär­tig geschienen. Jetzt wirk­ten sie ebenso leb­haft wie über­müdet; der Fremde kon­nte sich an keinen ver­gle­ich­baren Ein­druck erin­nern. »Come va pro­fes­sore Ambi­giani?« Spen­gler, leicht vorge­beugt, rieb die Hände sanft aneinander.

»Elis­a­beth – Frau Sorge – kommt ger­ade von einem Stu­di­en­aufen­thalt in der Toskana zurück…«

»Nicht ganz«, unter­brach sie ihn lächelnd. »Pro­fes­sor Ambi­giani hat ein Haus an der Riviera.«

»Sie waren dort?«

»Drei Wochen.«

»Nicht möglich. – Sie müssen wis­sen«, wandte sich Spen­gler an den Frem­den, »dieser Ambi­giani ist ein Fos­sil. Zwis­chen ihm und uns gibt es keine Verbindung. Kein Insti­tut der Welt arbeitet mit ihm zusam­men. Wir ignori­eren seine Ergeb­nisse – offiziell, ver­steht sich. Nie­mand von uns kann außer­halb der Insti­tute arbeiten. Er kann. Ein erstaunlicher Mensch.«

»Warum ist er draußen?«

Spen­glers und Pfeif­fers Blicke trafen sich. »Das ist schwer zu sagen. Sie erin­nern sich an die Affäre Morosi?«

»Ich erin­nere mich.« Der Fremde dehnte die Worte, er hatte das Gefühl, es sei an der Zeit aufzuste­hen. Ein Blick aus über­müde­ten Augen huschte über sein Gesicht. »Und wie lebt dieser Ambigiani?«

Pfeif­fer star­rte über seine mit Soßen­resten ver­schmierte Gabel ins Leere und spitzte die Lip­pen. Aufrecht, leicht bebend, gab Frau Sorge Auskunft. Ambi­giani hauste, wie sie sich in nahezu kindlicher Ver­son­nen­heit aus­drückte, »über der Bucht«, vom Schreibtisch ging sein Blick durch ein Panora­mafen­ster aufs Meer hin­aus, und sie erzählte, etwas unterkühlt, von abendlichen Segelfahrten, auf denen er ihr, seinen geröteten Bauch in den Fahrtwind schiebend, lange Geschichten über den Unter­gang der Wis­senschaften erzählt hatte. Er war ein Kauz mit abste­hen­den Ohren und Stop­pel­bart und einer Vor­liebe für skur­rile alte Damen der oberen Einkom­men­sklassen, die bei ihm ein– und aus­gin­gen und nicht müde wur­den, ihr die Wan­gen zu tätscheln (hier errötete Frau Sorge flüchtig, während die Män­ner nick­ten) und sich mit ihr über die Romanciers der let­zten vierzig Jahre zu unterhalten.

»Kön­nen Sie erzählen, wo der Mann seine Infor­ma­tio­nen her­bekommt?« unter­brach Spen­gler, seine Fin­ger kne­tend, ihren Redefluss.

Hier liegt der Schlüs­sel, sin­nierte der Fremde, der ihn nicht aus den Augen gelassen hatte. Aber ich begreife es nicht. Er ist inter­essiert, bren­nend inter­essiert, die Hände ver­raten ihn. Doch er ist nicht ern­sthaft inter­essiert, er wird nichts daraus machen, was immer er erfährt. Vielle­icht täusche ich mich auch.

Frau Sorge erzählte andächtig von der Bib­lio­thek, die Ambi­gia­nis Villa vom Keller bis unter das Dach anfüllte, doch plöt­zlich, unter dem prüfend gelang­weil­ten Blick Spen­glers, lachte sie leise auf, warf den Kopf ein wenig zurück und kicherte: »Er ist ein Hacker, ver­ste­hen Sie?«

Spen­gler und Pfeif­fer stießen habichtar­tig nach vorn: »Wie meinen Sie das?«

»Er hat mich nicht eingeweiht, wenn Sie das denken. Aber er holt sich seine Infor­ma­tio­nen aus unseren Daten­sys­te­men, ohne viel zu fra­gen, da bin ich sicher.«

»Stark«, murmelte Pfeiffer.

Der Fremde wog seine Worte. »Dieser Ambi­giani – was treibt dieser Men­sch, ich meine, wonach forscht einer, mit dem kein Insti­tut zusam­me­nar­beiten will?«

»Forscht über«, sagte Pfeiffer.

»Wie bitte?«

»Es heißt: forscht über.«

»Jemand forscht über einen Gegen­stand«, schal­tete sich Spen­gler ein, »das heißt, er ver­größert die Forschung, die zu diesem Gegen­stand existiert.«

»Nun gut, aber wenn einer die Forschung ver­größert, ohne gefragt zu sein, was treibt ihn?«

»Was treibt Ambi­giani? Wenn wir das wüssten. Keiner weiß es, der Mann ist ein fremder Planet.«

»Für ihn stellt sich die Frage ander­sherum.« Frau Sorges Stimme vib­ri­erte. »Für ihn ist das, was in den Insti­tuten geschieht, ein­fach pervers.«

»Redet er so?« fragte Spen­gler selt­sam bewegt.

»Nein«, errötete Frau Sorge. »Seine Sprache ist etwas mil­i­tant sozusagen. Er sagt, Wis­senschaft sei Kampf. Die Arbeit in den Insti­tuten beze­ich­net er als Karten­spie­len über offe­nen Gräbern.«

»Wie meint er das?«

»Es ist eine seiner ste­hen­den Reden­sarten. Er hat sie mir nie erläutert.«

»Seien Sie vor­sichtig«, riet Spen­gler mit belegter Stimme.

»War das nicht Ambi­giani, der damals den großen Streik organ­isiert hat?« wandte sich Pfeif­fer an ihn.

»Organ­isiert sicher nicht.« Spen­gler blickte diskret um sich. »Er war immer ein Einzel­gänger. Aber ich werde nie vergessen, wie er im Großen Hör­saal ans Mikro­fon ging (damals gab es noch Stu­den­ten wie mich, die in Hörsälen herum­saßen und sich gelang­weilt Noti­zen machten oder weib­lich­er­seits riesige Schals und Pullover strick­ten). Er hatte eine dun­kle, kräftige Stimme, etwas alko­holisiert war er wohl auch, oder er hatte Rauschgift genom­men. Es war wie im Karneval, die Stu­den­ten sprangen auf die Bänke, und Ambi­giani lachte unen­twegt, er sprach so bril­lant, dass uns später beim Nach­le­sen der Rede die Trä­nen in den Augen standen.«

»Wis­senschaft als Aktions­feld für gesellschaftliche Spon­taneität«, zitierte Pfeif­fer aus unklarer Erin­nerung, »wie ver­gan­gen das alles ist.«

»Stimmt. Wie lange geht Ihr Ver­trag noch?«

»Bis näch­stes Frühjahr.«

»Ver­längerung?«

»Ungewiss. Ich habe noch Hoffnung.«

»Denken Sie manch­mal an unser Pro­jekt? Ende des Jahres muss das Manuskript ste­hen.« Spen­gler blickte auf seine Uhr.

Der Fremde spürte ein leises Rumoren, sanft schien der Raum zu vib­ri­eren, für einen flüchti­gen Augen­blick blitzte in ihm der Gedanke auf, als beginne irgendwo weit unter ihnen ein mächtiges Aggre­gat sich zu drehen und als nehme langsam, ganz langsam das Boot Fahrt auf und steuere hin­aus, Tiefen ent­ge­gen, von denen er sich keine rechte Vorstel­lung machen konnte.

4.

Die Aufzugtür schloss sich, er stand im Fin­stern. In einiger Ent­fer­nung glomm ein Lichtschal­ter, doch der Fremde schlug die ent­ge­genge­set­zte Rich­tung ein. Er hüllte sich in die Dunkel­heit, als bedürfe er ihres Schutzes. Ein dif­fuser Lichtschein spielte vor ihm, im Näherkom­men stieß er auf eine kahle Wand, vor der einige mit Papier beladene Roll­wa­gen abgestellt waren. Seitlich fiel Licht durch eine hal­bof­fene Tür. Der Fremde, nähertre­tend, drückte sie sachte auf. Ein kreis­run­der Schal­ter nahm die Mitte des Raumes ein. Kein Men­sch war zu sehen. Der Fremde trat ein, ange­zo­gen von den flim­mern­den Bild­schir­men, die das Schal­ter­rund bedeck­ten. Die Ell­bo­gen zwis­chen Stapeln von Broschüren aufgestützt, ließ er den Blick wan­dern. Eine Bewe­gung hielt ihn fest. Ihm gegenüber, auf der anderen Schal­ter­seite, erschien auf einem der Mon­i­tore, plas­tisch gegen­wär­tig, das Innere eines Toi­let­ten­vor­raums. Die Kam­era, wohl automa­tisch ges­teuert, glitt über die lange Spiegel­front mit den in Reihe ange­brachten Waschbecken weg auf eine Tür zu, die sich langsam öffnete. Zwei Schemen, undeut­lich gegen den milch­blauen Grund, huschten ins Bild, Sports­chuhe blitzten auf. Im Augen­blick hatte sich die Kam­era auf sie eingestellt und fol­gte ihren Bewe­gun­gen mit geschmei­di­ger Präzi­sion. Der Fremde erkan­nte die bei­den Män­ner in Over­alls aus dem Bib­lio­thekssaal, er fühlte sich wider­willig gebannt durch den Anblick der trainierten Bewe­gun­gen, mit denen sie den Raum durch­maßen, Türen auf­stießen und unter die Waschbecken grif­fen, bis sie hin­ter einem Spiegel fündig gewor­den zu sein schienen. Jeden­falls krümmten sie sich über etwas, das aus­sah wie ein Manuskript­bün­del, und schlen­derten dann dem Aus­gang zu, von dem sich einer zurück­wandte und, rasch den Kopf hebend, einen Augen­blick lang – dem Frem­den stockte der Herz­schlag – seinen ver­bor­ge­nen Betra­chter fix­ierte, während Zeige– und Mit­telfin­ger sich zu einem V spreizten.

Er war auf dem Gang zurück, und schon nach weni­gen Schrit­ten schien es ihm, als habe er die richtige Tür gefun­den; ver­hal­ten klopfte er und drückte, auf ein Geräusch unklarer Herkunft hin, zögernd die Klinke nieder, als die Tür unver­mit­telt auf­flog. Im Rah­men stand Geußen, den Kopf geneigt, das Weißhaar mit nerviger Geste nach hin­ten stre­ichend und mit knap­per, unmissver­ständlicher Geste ihn here­in­bit­tend. Das Licht einer Schreibtis­chlampe erhellte spär­lich den Raum, die dichten, wein­roten Vorhänge waren zuge­zo­gen und ließen keinen Schim­mer des Tages­lichts herein. Geußen, seinen Besucher auf einen Ses­sel nöti­gend, ver­sank mit aus­ge­bre­it­eten Armen in einem Sofa, wobei sich seine Jacke öffnete und auf grauer Woll­weste eine weiße Nelke zutage treten ließ.

»Sie sind erstaunt«, murmelte er zer­streut, seine Augen querten schnüf­felnd den Schreibtisch. »Sie sind in eine Welt ger­aten, die Sie nicht kan­nten, die nie­mand kennt, wohlge­merkt, und ich nehme an, dass Sie aus Verse­hen hier­her ger­aten sind. Dabei dürften Verse­hen und Absicht in diesem Fall zwei Seiten einer Medaille sein. Sei’s drum« – er blickte auf und hob die Arme –, »Sie sind hier. Reden wir dem­nach von dieser Welt. Doch Sie müssen entschuldigen« – die Stimme, stock­end, kräuselte sich um einen Tatbe­stand, den seine Rechte mit einer vagen Bewe­gung gegen die geschlosse­nen Vorhänge hin umriss –, »dass ich Ihnen für die Dauer unseres Gesprächs keine bessere Beleuch­tung bieten kann. Die hier schont meine Augen, und sie sind dankbar dafür.«

Etwas unver­mit­telt in das entste­hende Schweigen hinein nahm der Fremde das Wort: »Dieser Fall Morosi – worum ging es da eigentlich?«

Geußens Züge strafften sich. »Ich merke, Sie wis­sen Bescheid. Unser Spen­gler liebt es, sich zu exponieren. Sie ver­ste­hen sich mit ihm? Wo haben Sie ihn ken­nen­gel­ernt? Aber ich möchte Sie nicht aus­fra­gen. Sie hät­ten natür­lich niemals hier­her kom­men dür­fen. Es gibt keinen Fall Morosi, es gab keinen Fall Morosi. Es gibt die entzün­dete Ein­bil­dungskraft einiger Mitar­beiter, denen es nicht gegeben ist, schweigend in den asep­tis­chen Räu­men des Wis­sens ihrem Beruf nachzugehen.«

»Mir scheint, dass es einer ungewöhn­lichen Moti­va­tion bedarf, diesen Beruf auszuüben.«

»Das scheint nur so. Der Entschluss, ein­mal gefasst, genügt, für alles andere ist gesorgt. Man geht nicht vom Wis­sen nach Hause und hat Feier­abend: Es kommt mit. Der, von dem es Besitz ergreift, ist schon ein anderer, er bewohnt eine andere Welt, diese Welt, ohne weit­eres Ver­di­enst, ohne sein Zutun.«

»Und die, wie Sie sagen, erhitzte Phan­tasie gewisser Mitarbeiter?«

»Entspringt dem Wis­sen, nicht diesem oder jenem, son­dern ihm selbst oder der Form, wenn Sie so wollen, die es sich gibt. Verzei­hen Sie, wenn ich etwas aus­hole, ich halte Sie für einen Laien, berichti­gen Sie mich – das Wis­sen ist nicht dies und das, was man eben weiß oder zu wis­sen glaubt, es ist ein Ganzes, das sich an seinen Gegen­stän­den auslegt, es ist als Ganzes in diesen Ausle­gun­gen gegen­wär­tig und wan­delt sich mit ihnen. Wir wis­sen nicht nur mehr, nicht nur anderes als unsere Vorgänger, son­dern wir wis­sen anders, ver­ste­hen Sie? Ich werde es Ihnen an keinem Beispiel erk­lären, denn es gibt kein Beispiel für diesen Sachver­halt. Kein Wis­sen hat ein anderes parat, denn sonst wäre es das andere. Diese Dinge kom­men Ihnen sicher merk­würdig vor, doch Sie sind an einem merk­würdi­gen Ort, wie Sie bemerken. Die Welt, die Sie unbe­dachter­weise betreten haben, ist das Uni­ver­sum des gegen­wär­ti­gen Wis­sens« – die Stimme, unstet, ten­takelnd, trug ihn empor über das schweigende Mobil­iar –, »sie folgt seinen Geset­zen, sie existiert, weil es in ihr existiert und sonst nir­gends. Aber« – die Stimme ver­dunkelte sich – »es gab Zeiten – lange Zeiten, um genau zu sein –, da haftete das Denken an äußeren Sit­u­a­tio­nen, es wurde von prak­tis­chen Zie­len bes­timmt und in hand­festen Auseinan­der­set­zun­gen geprägt. Wir haben dem Denken den Humus des Lei­dens und Kämpfens, des Wol­lens und der exis­ten­tiellen Parteinahme ent­zo­gen, wir haben es entrückt in den Bere­ich freier Kom­bi­na­torik, den erstaunliche einzelne in früheren Jahrhun­derten gele­gentlich erträumten. Was Sie hier sehen, gibt Ihnen einen ger­ingfügi­gen Ein­blick in die organ­isatorischen Voraus­set­zun­gen, die erfüllt wer­den mussten, bevor das Denken in dieses Sta­dium ein­treten kon­nte. Nicht wir haben sie geschaf­fen, o nein, wir sind nur aus­führende Organe. Sie wur­den auch nicht etwa uns zuliebe geschaf­fen. Sie fie­len uns zu – als Neben­re­sul­tate von Prozessen ganz anderer Größenord­nung. Mit ein wenig Nach­hilfe, nun gut. Wir führen ein Dasein an der Periph­erie. Doch Periph­erie, Zen­trum, das sind Kat­e­gorien von gestern.« Er fal­tete ein Taschen­tuch auf und schneuzte sich aus­führlich. »Wir haben die stetige, gle­ich­för­mige, immer­währende Form der Pro­duk­tiv­ität des Geistes ent­deckt. Ich muss mich kor­rigieren: Wir haben sie nicht eigentlich ent­deckt, sie ist uns zuge­fallen in dem Grad, in dem die Insti­tu­tio­nen zu ihrer Organ­i­sa­tion fan­den. Alles, was hier geschieht, geschieht aus der Ken­nt­nis ein­facher, jedoch im Einzelfall höchst dif­feren­ziert ange­wandter Tech­niken der Verknüp­fung von allem mit allem. Die Organ­i­sa­tion legt über einen ele­mentaren Bestand spielerisch gehand­habter Annah­men ein kon­tinuier­lich wuch­ern­des Geflecht von Bezü­gen. Dieses Geflecht ist zu jedem Zeit­punkt ebenso fer­tig wie unfer­tig, uni­versell und rudi­men­tär. Bezüge erzeu­gen Bezüge und gehen in ihnen unter. Nichts entsteht, doch alles geht vor. Aber« – er fuhr sich durchs Haar – »ich spreche vom Denken im all­ge­meinen. Um auf unseren Gegen­stand zurück­zukom­men: Die Frage ist, wie findet der einzelne in das Sys­tem hinein? Ver­set­zen Sie sich in die Lage des ange­hen­den Forsch­ers. In ihm erwacht das Denken gle­ich­sam neu, wird wieder kämpferisch. Die meis­ten begreifen rasch, andere bleiben zurück. Vere­inzelte Hohlköpfe und Wichtigtuer begreifen nie. Ich gebe zu, dass wir die Orig­inelleren unter ihnen als Stu­dienob­jekte behal­ten. Sie sind für die Ken­nt­nis älterer Wis­sens­for­ma­tio­nen ähn­lich kost­bar wie der Archäopteryx für die Fauna des Meso­zoikums. Ewig wit­tern sie Ver­schwörun­gen gegen die Wahrheit, gegen ihre Wahrheit, wohlge­merkt, die sie natür­lich nicht rund aussprechen kön­nen, da es sonst nicht mehr ihre wäre. Sie ahnen, immer und über­all ahnen sie, Trübes natür­lich, was sonst. Sie ver­achten das allen zugängliche Wis­sen, weil es ihnen ver­schlossen bleibt. Sie kön­nen nicht begreifen, dass nur ihre eigene man­gel­hafte Denk­fähigkeit zwis­chen ihnen und dem Wis­sen steht. Wie soll­ten sie auch? Also knüpfen sie Kon­takte, immer auf der Suche nach Gle­ich­gesin­nten. Unter­der­hand wer­den sie sich selbst so geheimnisvoll, dass sie der Wahn befällt, jeden Schritt, den sie tun, als kon­spir­a­tive Aktion pla­nen und abschir­men zu müssen. Das ist bedauer­lich, aber natür­lich sind wir stets im Bild. Die Aura, in die sie sich hüllen, existiert nur in ihren eige­nen Köpfen. Ich denke, Sie verstehen.«

Seine Züge sig­nal­isierten leichte Erschöp­fung, während er zurücksank.

»Ich weiß nicht, ob ich Ihren Aus­führun­gen immer fol­gen kon­nte«, sagte der Fremde, »aber Sie sprachen von spielerischen Annah­men, von denen Ihre Wis­senschaft aus­geht. Um welche Annah­men han­delt es sich dabei?«

»Es sind Annah­men, die früheren Wis­sens­ge­bäu­den zugrunde lagen. Um im Bild zu bleiben: Die Architek­tur ist ver­fallen, aber die Grund­mauern sind erhal­ten geblieben. Dadurch, dass sich das Denken dieser Grund­la­gen immer wieder bemächtigt, bekräftigt es seine Iden­tität inmit­ten des unaufhör­lichen Wan­dels, in dem es sich präsen­tiert. Aber natür­lich hat sich ihr Stel­len­wert völ­lig verän­dert. Jede von ihnen steht jed­erzeit zur Dis­po­si­tion, ohne dass eine jemals endgültig eli­m­iniert würde. Darin besteht eben das Spiel. Was unen­twegt wech­selt, sind Ausle­gun­gen und Wertschätzungen.«

Behut­sam ver­lagerte der Fremde sein Gewicht im Ses­sel. »Das leuchtet ein. Solange die älteren Wis­sens­ge­bäude, wie Sie sagen, intakt waren, hat man ihre Grund­la­gen ver­mut­lich nicht in Frage gestellt.«

»So ist es. Man war gar nicht fähig, sie in Frage zu stellen. Sie ließen sich allen­falls in Bausch und Bogen ver­w­er­fen.« Geußens Augen blitzten. »Sie waren der kom­prim­ierte Aus­druck einer Welt­sicht, die man um jeden Preis vertei­digte oder verdammte.«

Sorgsam ertastete der Fremde die unge­wohn­ten Gedankengänge: »Dann ist das neue Wis­sen, von dem Sie sprechen, die vol­len­dete Skepsis.«

»Aber keineswegs. Der Skep­tizis­mus ist eine ver­gan­gene Welt­sicht wie alle anderen auch.«

Mit einem Mal wirkte Geußen einge­fallen und müde. »Ich habe Ihnen schon gesagt, das Denken ist ein anderes gewor­den, es ver­hält sich, wenn Sie so wollen, abso­lut gle­ichgültig gegenüber den ererbten Posi­tio­nen. Sie gel­ten ihm alle gle­ich viel oder gle­ich wenig. Aber lassen wir das. Sprechen wir von Ihnen. Ich gebe zu, ich habe Sie aus einem gewis­sen Wohlwollen her­aus zu mir gebeten. Sie befinden sich sozusagen im Auge des Zyk­lons, falls Sie mir fol­gen möchten. Sie wis­sen nicht, was sich hin­ter dieser« – er hob beiläu­fig die Hand – »oder irgen­deiner anderen Tür ger­ade ver­birgt. Das mag im Augen­blick nicht wichtig sein. Es gehört zum Charak­ter dieser…« – er suchte nach dem richti­gen Wort, und der Fremde, der ihm mit ange­hal­tenem Atem gefolgt war, warf ein: »Ver­such­skan­inchen?« – »o nein, nicht Kan­inchen«, fuhr Geußen lächelnd fort, »es sind Mitar­beiter, die wir nicht mis­sen möchten – aber es gehört nun ein­mal zum Charak­ter dieser Leute, Dinge, die sie anfan­gen, nicht zu Ende zu denken. Und da beginnt das Problem.«

»Ich glaube nicht, dass das Denken größere Prob­leme durch mich zu gewär­ti­gen hat«, sagte der Fremde beschei­den. »Ich glaube nicht ein­mal, dass es mich son­der­lich bemerkt haben sollte. Sicher wäre es das beste, mich ein­fach zu vergessen. Doch – ich habe noch eine Frage. Sie bet­rifft…« Er unter­brach sich, denn Geußen lachte. Meck­ernd, über­gangs­los nahm das Gelächter von ihm Besitz, ergriff ihn im Nacken und beutelte ihn, ein forciertes Gelächter, das die Augen unberührt ließ und ein Netz zuck­ender Fal­ten über das Gesicht warf. Mit reglosem Entset­zen ver­fol­gte der Fremde, wie der Alte nach und nach jede Gewalt über sich ver­lor, von immer neuen Erup­tio­nen geschüt­telt und zwis­chen­durch sich in Hus­te­nan­fällen ver­lierend. Die Nelke löste sich, glitt sachte abwärts, wurde auf den Tisch geschleud­ert und blieb etwas zerzaust liegen.

»Sie müssen verzei­hen, aber was Sie da gesagt haben, das ist umw­er­fend, das ist umw­er­fend«, wieder­holte, nachzit­ternd, Geußen, eine Brille aus dem Jack­ett nestelnd.

»Ich möchte Sie noch etwas fra­gen«, behar­rte der Fremde.

»Fra­gen Sie.«

»Das Wis­sen hat sich also völ­lig aus jener anderen in Ihre Welt – die ich, wie Sie sagen, auf keinen Fall hätte betreten dür­fen – zurück­ge­zo­gen. Ich ver­stehe nur nicht, wie dann ein Pro­fes­sor Ambigiani…«

»Ambi­giani? Ambi­giani? Sie ken­nen Ambi­giani? Schickt er Sie?« Die Reste seines Gelächters augen­blick­lich gle­ich­sam aus­tre­tend, hatte sich Geußen erhoben; hager, gebeugt, Hände in den Taschen, star­rte er auf den Frem­den nieder, der behar­rlich den ange­fan­genen Satz wieder auf­nahm: »Sie täuschen sich. Ich frage mich nur, wie kann dann einer wie Ambigiani – «

»Dieser Mann ist ein Märch­en­erzäh­ler.« Die Antwort kam grob, das Wort abschnei­dend. Geußen blickte auf seine Uhr.

»Warum?«

»Auf diese Frage wer­den Sie keine Antwort bekom­men. Sie haben nach Tenochti­tlán gefun­den, ich kann Ihnen nicht helfen, es wieder zu ver­lassen. Aber ich wün­sche Ihnen Glück.«

5.

Aus Verse­hen hatte er (in dem Gewirr der Gänge, Aufzüge, toten Winkel) eine Tür geöffnet, hin­ter der, an einem von milchigem Licht umspül­ten Schreibtisch, ein junger Mann saß, das Pro­fil dem unbefugten Betra­chter zuge­wandt und mit der Linken den lind­grü­nen Umschlag eines vor ihm liegen­den Schrift­stücks aufhal­tend, während der Stift in seiner Rechten mit raschen Zügen das Papier bedeckte. Der junge Mann hob den Kopf und sah ihn wort­los an: Der Aus­druck seiner Augen, die langsam unter den müden Lid­ern her­auf­stiegen, flüchtig berührt von einem fer­nen Glanz, ließ den Frem­den eilig und eine Spur zu heftig die Tür wieder schließen. Er hastete weiter; um ein Haar wäre er an einer Klinke hän­genge­blieben, die neben ihm in den Gang gestoßen wurde. Er hörte Stöck­elschritte, die sich ent­fer­n­ten, sie hall­ten in seinem Gedächt­nis, und im Begriff, ihnen nachzu­lauschen, traf ein gedämpfter Wortwech­sel an sein Ohr, in dem er deut­lich die Stimme Spen­glers unterschied.

Er schob die nur angelehnte Tür sachte auf und sah sich von drei ange­hal­te­nen Augen­paaren fix­iert, deren Träger sich im Mit­tel­grund um einen Schreibtisch grup­pierten. Weininger, mit bei­den Hän­den sich ans tauben­blaue Revers fassend, hatte sich aufge­setzt, sein rechter Schenkel ruhte auf der Schreibfläche, das linke Bein war leicht angewinkelt. Rechts von ihm stand Spen­gler mit hochge­zo­ge­nen Schul­tern, um seine Lip­pen lag jenes höh­nis­che, dabei abstrakte Lächeln. Zwis­chen bei­den saß, die Fin­ger der linken Hand leicht, als kön­nten sie jeden Moment auf­flat­tern, neben einer Schreib­tas­tatur aus­gestreckt, mit der rechten Hand über eine Buch­seite stre­ichend, Frau Sorge.

»Wir sprechen darüber noch in der Kom­mis­sion«, gur­rte Weininger, lächelte dem Frem­den aus den Augen­winkeln zu und ver­ließ den Raum.

»Wo haben Sie gesteckt?« erkundigte sich Spen­gler. Seine Augen ver­ri­eten Unruhe.

Der Fremde lehnte an der Tür. Er stützte sich mit den Hand­flächen ab. »Es gibt keinen Fall Morosi«, keuchte er.

»Ich weiß«, sagte Spen­gler lächelnd, san­ft­mütig, als spräche er zu einem Kind. »Es gibt keinen Fall Morosi. Das ist uns bekannt.«

»Warum haben Sie mich herbestellt?«

»Was meinen Sie denn?« Spen­gler hielt einen Augen­blick inne. »Sie ver­suchen mit Ihren Fra­gen hin­ter irgen­dein Geheim­nis zu kom­men. Das ist Ihr gutes Recht, gewiss. Aber sind Sie auch sicher, dass es dieses Geheim­nis, nach dem es Sie ver­langt, über­haupt gibt? Sie hören zufäl­lig von einem Fall Morosi, und auf der Stelle benehmen Sie sich wie jemand, den man eigens gerufen hat, um diesen Fall (wenn es sich um einen solchen han­delt) aufzuk­lären. Das ist absurd.« Sein linkes Augen­lid zuckte, er drehte sich um, schlen­derte zum Fen­ster und schwieg.

Der Fremde rührte sich nicht.

»Angenom­men, es gibt ein Geheim­nis« – langsam kamen die Worte vom Fen­ster –, »kön­nen Sie glauben, es wäre noch das­selbe Geheim­nis, das Sie unbe­d­ingt zu enthüllen wün­schen, wenn man es so ein­fach erfra­gen kön­nte? Ehrlich gesagt, ich bin erstaunt über Sie.«

»Warum?«

»Weil Sie wahrschein­lich seit Jahrzehn­ten der erste Men­sch sind, der diese Räume betreten durfte, ohne dazuzuge­hören – Sie ver­ste­hen inzwis­chen, was das bedeutet. Mit größerem Recht kön­nte ich fra­gen, warum Sie hergekom­men sind.«

»Das kön­nen Sie«, sagte der Fremde leise. »Aber vielle­icht beant­worten Sie mir eine andere Frage.«

»Fra­gen Sie.«

»Ich habe die Leute in der Bib­lio­thek gese­hen, junge Leute großen­teils. Sie ver­ste­hen, was ich meine.«

»Nein.« Spen­gler fuhr herum. Fra­gend, neugierig star­rte er den Frem­den an. »Fahren Sie fort.«

»Warum? Außer Geußen habe ich in diesem Haus noch keinen Men­schen ent­deckt, der älter als, sagen wir, vierzig Jahre alt war.«

»Was schließen Sie daraus?«

»Nichts. Aber ich erin­nere mich nicht, draußen jemals einen von Ihnen getrof­fen zu haben.«

Er löste sich von der Tür und kam auf Spen­gler zu.

»Was immer Sie denken mögen –« Spen­gler brach ab.

Zögernd rückte der Fremde näher. »Sie gehen auf die Vierzig zu, nicht wahr?«

Spen­gler gab keine Antwort. Er zog einen Stuhl an den Schreibtisch, set­zte sich und stützte den Kopf auf die Hand. Die freie Hand griff in die Luft, dann sank sie, dem ver­winkel­ten Spiel der Arm­musku­latur nachgebend, langsam abwärts. Spen­gler drehte den Kopf in der Hand­fläche und sah den Frem­den von unten an. »Ich weiß nicht, was Sie arg­wöh­nen«, sagte er müh­sam, Wort für Wort beto­nend, »aber so ist es nicht, so ist es nicht. Die Wahrheit ist – sie haben es nicht nötig.«

»Sie meinen, es gibt keine Leichen?«

»Leichen? Ich bitte Sie. Wie kom­men Sie auf Leichen?« Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. »Sie haben recht: Tote, die gibt es in der Tat. Wis­sen Sie, wer immer hier gelebt und gear­beitet hat, der ist unfähig gewor­den, ein Leben da draußen zu führen. Es ist, als seien alle mit einem Gift gespritzt, das bin­nen weniger Monate tödlich wirkt, sobald sie nicht mehr die Luft dieser Räume zum Atmen haben. Sie gehen, um zu veren­den – still, ver­bit­tert, doch das Merk­würdig­ste ist, sie gehen ohne Gedächt­nis für das, was sie hier waren und was hier geleis­tet wird.«

»Sie sind sehr beschlagen.«

»Das will ich meinen. Ich hatte einen aus­geze­ich­neten Vordenker.«

»Morosi?«

»Ich dachte mir, dass Sie auf den Namen ver­fallen wür­den. Aber warum Ver­steck spie­len? Es stimmt. Dieser Morosi hat jahre­lang Mate­r­ial zusam­menge­tra­gen – ein sehr akribis­cher Men­sch, wenn Sie mich fra­gen. Er hat bei den Ent­lasse­nen recher­chiert, bei Fre­un­den, bei Hin­terbliebe­nen. Irgend­wann glaubte er, seiner Sache sicher zu sein, und wandte sich an eine der großen Zeitun­gen draußen.«

»Was geschah?«

»Das kann man nur ver­muten. Auf jeden Fall flog die Sache auf. Das Mate­r­ial wurde vernichtet.«

»Und Morosi?«

»Aber ich bitte Sie! Es gibt keinen Fall Morosi, wie wir alle wissen.«

»Haben Sie ihn gekannt?«

»Per­sön­lich – nein.«

»Wie kom­men Sie an das ver­nichtete Material?«

»Wis­sen Sie, Rech­ner sind merk­würdige Geräte. Sie kön­nen Daten löschen, aber Sie kön­nen Eingaben nicht im nach­hinein ungeschehen machen. Das heißt, alle Spe­icher– oder Löschvorgänge hin­ter­lassen Spuren im Rech­ner – Spuren, aus denen man im Ern­st­fall beinahe jede Infor­ma­tion rekon­stru­ieren kann.«

»Und Sie konnten?«

Spen­gler lächelte blass.

»Sagen Sie, Herr Spen­gler« – der Fremde, inzwis­chen eben­falls sitzend, wippte gedanken­ver­loren mit der Fußspitze –, »woher kommt es, dass einer wie Sie (einer, der Bescheid weiß) nicht die fäl­lige Kon­se­quenz aus seinem Wis­sen zieht? Worauf warten Sie? Wollen Sie die Proze­dur am eige­nen Leib erleben? Oder hof­fen Sie, Moro­sis Nach­forschun­gen zu übertr­e­f­fen, indem Sie die Drahtzieher aus­findig machen?«

Spen­gler rieb sich die Schläfe. »Ich ver­folge eine Hypothese. Diese Proze­dur, wie Sie es nen­nen, die gibt es meiner Ansicht nach über­haupt nicht. Es sick­ert ein, ver­ste­hen Sie? Es liegt in der Luft, es dringt durch die Poren, täglich, laut­los, unmerk­lich, Gift und Antigift in einem, ein Stoff, der erst dann tödlich wirkt, wenn man ihn absetzt. Nicht die Luft hier – die Luft draußen bewirkt das Ende. Natür­lich ist das eine Frage der Dosierung. Anfangs gibt es noch Hoff­nung, doch mit jedem Jahr, das man hier ver­bringt, schwindet die Fähigkeit, draußen zu über­leben. Ihre Sorge schme­ichelt mir, aber ich bin längst jen­seits der Grenze.«

Er sieht aus wie ein Priester, dachte der Fremde. Er weiß, dass er zum Opfer bes­timmt ist, das Opfer der anderen betra­chtet er unter tech­nis­chen Gesichtspunkten.

Laut sagte er: »Sie sagen es selbst: Das ist nur eine Hypothese. Seit wann ver­fü­gen Sie schon über das Material?«

»Sie ver­muten ganz recht. Ich hätte mich wom­öglich ret­ten kön­nen, wenn ich mich rechtzeitig entschlossen hätte zu gehen. Doch diese Ein­sicht ist unnütz. Es ist nicht möglich zu gehen. Sie wer­den sicher wieder fra­gen, warum das so ist, und Sie haben recht, Sie müssen so fra­gen, weil Sie so fra­gen kön­nen. Doch glauben Sie mir: Sie wer­den hier nie­man­den finden, der diese Frage nicht für gän­zlich unangemessen hielte. Es ist nicht möglich zu gehen. Ver­mut­lich würde die Insti­tu­tion keinen Tag über­leben, wenn sie etwas anderes wäre als diese gelebte Unmöglichkeit zu gehen. Und das ist nur logisch. Das Denken ist stärker als der einzelne, der sich ihm ver­schreibt. Man kann sich ihm näh­ern, aber man kann sich ihm nicht entziehen. Es ergreift den einzel­nen, es gibt ihm Iden­tität, und wenn es ihn loslässt, dann heißt das, es stößt ihn hin­aus in irgen­deine Beliebigkeit, in der er for­tex­istieren kann, wenn er es kann.

Aber nie­mand, ver­ste­hen Sie: Nie­mand kann aus freien Stücken die eigene Iden­tität aufgeben oder ver­nichten. Es ist logisch unmöglich.«

»Ich habe keinen Grund, daran zu zweifeln« – nach­den­klich wog der Fremde seine Worte –, »aber mir scheint, dass Sie Ihrer Gifthy­pothese damit selbst die Glaub­würdigkeit entziehen.«

Spen­gler schnellte hoch. »Wie meinen Sie das?«

»Ich meine, wenn es, wie Sie behaupten, nur eine Bewe­gung zum Denken hin und keine von ihm weg gibt, dann bedarf es keiner weit­eren Erk­lärung für die rät­sel­haften Zusam­men­brüche, von denen Sie berichtet haben. Das Indi­viduum, das sich als Teil des Denkens begreift, zer­fällt, wenn es vom Denken ent­lassen wird. Warum suchen Sie nach einer Erk­lärung, wenn sie doch in der Natur der Sache liegt?«

Spen­gler kräuselte die Lip­pen und blickte ins Leere. Mehrmals schien er zu einer Antwort anzuset­zen, schwieg jedoch. Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, als das Tele­fon klin­gelte und er – eine Spur zu hastig – den Hörer ans Ohr hob. »Ja«, sagte er, »ja – warten Sie«, sprang auf und zog die Schnur am Appa­rat hin­ter sich her. Der Fremde sah zu Frau Sorge hinüber, die ganz in das vor ihr liegende Buch ver­tieft schien, doch war ihm, als habe ihn soeben, wie der Schat­ten eines in großer Höhe die Szene über­queren­den Vogels, ein Blick aus ihren großen, über­müde­ten Augen gestreift. Noch den Hörer in der Hand (ihn acht­los aufle­gend, während er bere­its sprach), begann Spen­gler auf ihn einzure­den. Unfähig, den Sinn der drän­gen­den, zugle­ich auswe­ichen­den Worte aufzunehmen, war der Fremde sogle­ich aufge­sprun­gen: Angst stand in Spen­glers Augen und jenes feine, dem Frem­den mit einem Mal ver­traut erscheinende Leuchten. Unbeküm­mert um Spen­glers Wortschwall beugte der Fremde sich vor und blickte auf Frau Sorge hinab, seine Dau­men drück­ten sich in die Tis­ch­platte, und seine eigene, jetzt unver­mit­telt ein­set­zende Stimme hatte einen fle­hen­den Klang, der ihm ganz unerk­lär­lich vorkam, doch fand er keine Gele­gen­heit, der Empfind­ung weiter nachzuhän­gen. Er hatte begrif­fen, dass er in höch­ster Gefahr war, er sah die Häscher in den Gang ein­biegen, ihre Over­alls blitzten in geschmei­di­gen Bewe­gun­gen auf, doch über allem war ihm, als müsse er auf der Stelle Frau Sorge her­aus­reißen aus dieser Umge­bung, in die sie sich so passend ein­fügte auf ihrem Drehstuhl, mit der Hand das Haar ord­nend und zugle­ich erschrocken zu ihm aufblickend.

»Kom­men Sie mit, ich beschwöre Sie, Sie dür­fen hier nicht bleiben«, bat er und reg­istri­erte, wie ihr Entset­zen (in dem er ein Moment schreck­haften Ein­ver­ständ­nisses aus­gemacht hatte) in spiegel­ndes Befrem­den überg­ing, ein zunächst gespieltes, im Spiel sich ver­fes­ti­gen­des Befrem­den. »Sie müssen gehen, gehen Sie«, drängte ihn von der anderen Seite her Spen­gler. Doch in der gle­ichen Sekunde ent­deckte der Fremde auch schon eine neue Ver­wand­lung im Gesicht der umwor­be­nen Frau, die an ihm vor­bei zur Tür star­rte, den Mund halb geöffnet. Da waren sie also, geräusch­los traten sie hin­ter ihn, der Gedanke überkam ihn wie eine Erle­ichterung. Während er sich auf die Vorgänge in seinem Rücken zu konzen­tri­eren ver­suchte, ent­deckte er, fast durch Zufall, die Kuppe eines weißen Sports­chuhs neben seinem braunen, der ihm jetzt ein wenig schäbig vorkam.

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