1.

Den fol­gen­den Brief schrieb Bruno G., leicht ent­flamm­barer Ket­zer, wenige Wochen – wenn das Datum nicht trügt – vor seiner Ver­haf­tung, im Haus des venezian­is­chen Edel­mannes M. Der Adres­sat kon­nte nicht ermit­telt wer­den, eine etwa erfol­gte Antwort ist nicht bekannt gewor­den. Es han­delt sich, wie ersichtlich, um ein Frag­ment. Das Orig­i­nal ruht in der Bib­lio­thek einer ital­ienis­chen Kle­in­stadt zwis­chen den Papieren des wei­thin vergesse­nen Phi­lat­e­lis­tenkon­gresses von 1897: Es ruhe in Frieden.

»Wertester, Teurer« – so beginnt der Brief –, »wie dir geläu­fig ist, habe ich vielfach kund­getan, bekun­det, öffentlich angezeigt, wofür ich die Welt in ihrem gegen­wär­ti­gen – besser: wider­wär­ti­gen – Zus­tand halte: für einen Abtritt voller Spin­neweben, der, gegen Sonne, Mond und Sterne ver­riegelt, abgedichtet, verdüstert, nur zu den dunkel­sten Ver­rich­tun­gen taugt; für – verzeih’ den abge­s­tande­nen Aus­druck – ein gespreiztes Frauen­z­im­mer, einen eklen Traum, einen wol­lüsti­gen Darm; für ein Schand– und Trugge­bilde, das verge­hen wird, so wie es sich vergeht, deshalb, weil ihm alle Ele­mente der Dauer abge­hen, als da sind Ord­nung und Har­monie, nicht zu vergessen die Ein­heit, Ein­sicht und Redlichkeit unter den Men­schen, wenn dieses Wort ein­mal mehr umsonst an sie ver­schwen­det sein soll. Das also ist hin­länglich gesagt und soll uns hier nicht weiter bekümmern.

Dieses Mal schreibe ich entre nous und werfe alle Kap­pen, Masken, Verklei­dun­gen ab, die auch wir, die Unbeson­nen­sten, uns gewöhn­lich überziehen, damit man nicht uns das Fell über die Ohren zieht, vornehm­lich aber, um des Dranges Herr zu wer­den, der uns befiehlt, dem Abschaum ins Gesicht zu spucken, wo immer wir ihn tre­f­fen: gemach, Bruno, gemach.

Du weißt natür­lich, dass es dieser Drang ist, der mich in die Philoso­phie hinein– und bei so mancher Gele­gen­heit wieder her­aus­treibt. Doch ein Mann wie ich bleibt selbst dann Philosoph – höre, Sokrates! –, wenn ihm, nach dem bekan­nten Wort, ein­mal der Schweiß von der Stirn in Strö­men rinnt, hinge­gen der Kathed­erkanaille, würde selbst ihr der Geist pur auf Kampfer gesetzt, nicht ein­mal die Stirn bliebe, die sie mir nicht zu bieten wagt. Also lies und sei stumm wie ein Grab: Die Her­ren hät­ten es leichter, sie kön­nten dem pagli­ac­cio, den sie immer schon (oder heißt es »schon immer«?) in mir wit­terten, im Tri­umph ein­holen und mit Girlan­den umschlin­gen, sie kön­nten dem Unrat, mit dem sie seit alters her um sich wer­fen, die Far­ben des leicht hinge­wor­fe­nen Scherzes geben und ihn mir unges­traft ins Gesicht reiben, falls dir bei­fiele, auszu­plaud­ern, was ich dir und nur dir anzu­ver­trauen im Begriff stehe.

Du wirst es nicht fassen, noch weniger glauben wollen, was sich in mir, ich sage nicht, zu irgen­deiner Gewis­sheit verdichtet, eher vielle­icht zu einer dun­klen Wolke, die mir Tag für Tag ein Stück mehr des Him­mels verdüstert, des­sel­ben, dessen Bläue mich großge­zo­gen hat und ins Große gezo­gen, um mich ein wenig geschwollen auszu­drücken, wie das sonst, Du weißt es, nicht meine Art ist. Dieser Mann im Nor­den, dessen Name mir ger­ade nicht ein­fallen will (Maras-​, Maras­mus?), der vor einem Men­schenal­ter das Lob der Torheit ver­bre­it­ete – nicht etwa, weil sie ihm son­der­lich gefiel, son­dern weil er ihr, scham­los wie ein The­ologe, zu gefallen ver­suchte und der Erfolg ihm endlich recht gab –: Er kön­nte auf eine Weise auf dem richti­gen Pfad gewe­sen sein, die er nicht im ger­ing­sten bedacht hat. Auf eine, bei Licht betra­chtet, ganz entset­zliche Weise, die dich und mich und unseres­gle­ichen von einer Sekunde zur anderen in den Irrsinn zurückpferchen würde, dem wir uns ger­ade entron­nen wähnten.

Das ist mein Gedanke. Ich werde ver­suchen, ihn dir, so wie ich ihn ver­stehe, schrit­tweise auseinan­derzule­gen. Vielle­icht ver­stehe ich ihn selbst noch nicht. Und wenn ich ihn nicht ver­stünde: Ger­ade davon möchte ich handeln.

Was (ich frage dich nicht im Ernst, son­dern weil der Auf­bau meines Gedankens es ver­langt), was ist die Welt, wenn nicht Ver­nunft ihre Bande knüpft? Ich antworte (weil ger­ade kein anderer da ist, der eben­sogut antworten kön­nte): ein Markt, eine Spelunke, eine Her­berge, ein Bor­dell, bald dies, bald das.

Und weiter: Was ist die Wis­senschaft, wenn sie nicht, durch Ver­nunft bewegt, sich auf das ver­bor­gene Antlitz, das Eine, richtet, auf dass es ihr erscheine und sie verzehre? Etc.

So steht es. So stünde es. Doch davon später.

Alles, wovon ich reden möchte, dreht sich um diesen Punkt. Ver­nunft muss in der Welt sein, sie muss in uns sein, in uns. Warum? »Aber Sie denken ja!« Ein Tadel, kein Lob, doch immer­hin – eine Fest­stel­lung. Ver­nunft muss in der Welt sein, damit einer sagen kann, immer­hin einer – vielle­icht er selbst? – sei weise, ohne sich damit allein schon wider­legt zu haben. Warum? Ich will es dir – oder mir – sagen: weil es nicht einen einzi­gen Weisen gibt, wenn es nicht viele Weise gibt, unendlich viele in den unendlichen Wel­ten. Denn keiner – ich wieder­hole: keiner, hörst du? – kann etwas für sich in Anspruch nehmen, ohne es im sel­ben Atemzug für seines­gle­ichen zu reklamieren. Seines­gle­ichen? Das ist die Gat­tung, die er ver­tritt. Ein­fach, nicht wahr? Wie die Dum­men, wie die Scham­losen sind auch die Weisen Exem­plare einer Gat­tung. Die Gat­tung der Weisen… Selt­same Vorstel­lung: Durch sie ist die Ver­nunft in der Welt. Wenn man sie weg­nähme, diese Gat­tung? Aus­rot­tete mit Gift und Dolch? Auf welchen Ausweg ver­fiele wohl die bedrängte Ver­nunft? Vielle­icht hätte sie frei, weltfrei…

(unle­ser­lich)

Wir, die Weisen, sind also unweise genug, uns unter das Dach des Ver­räters zu begeben und damit in wirk­liche Gefahr, ver­lockt von nichts als der Eit­elkeit, die eigene Kunst auch ein­mal lehren zu dür­fen. Wir sind unweise für den Fall, leben zu dür­fen. Leben, das heißt mit­teilen, uns mit­teilen, was sonst? Uns. Ich will Dir eine Geschichte erzählen, eine kleine. Dieser Hund, unter dessen Dach ich unbe­dachter­weise gezo­gen bin, ließ in der Nach­barschaft ein Madon­nen­bild malen. Der Maler, ein Pin­selschwinger der übel­sten Sorte, hat den Knaben mit den Gesicht­szü­gen der Geliebten seines big­ot­ten Auf­tragge­bers ausstaffiert, über deren Geschlecht manches gemunkelt wird. So will es das Gerücht; ich schere mich nicht darum. Dieser Tage lässt der finoc­chio, hoch zu Ross vor seinem eige­nen Haus, einen Höl­len­lärm ver­anstal­ten und bringt damit die ganze Nach­barschaft auf die Beine.

»Bruno maledetto«, plärrt er und ist wie von Sin­nen, »her­aus mit dir, vor die Madonna, fass!« Und er zwingt mich aus dem Haus und auf die Knie vor dem nach frischer Farbe stink­enden Mach­w­erk, dessen Enthül­lung Gott oder die Jungfrau hätte ver­hin­dern mögen. Ich gestehe… Aus der unge­wohn­ten Per­spek­tive erscheint der Win­zling zu Pferde beinahe schon in den Him­mel entrückt, den er sich so gern aus­malen lässt. Kaum berühre ich den Staub, schreit er mit seiner Fis­tel­stimme »Madon­nen­schän­der« und »Weiche Satan!«, so dass sich den Umste­hen­den die Nack­en­haare auf­stellen. Worauf er mich mit ver­hal­tener Stimme bit­tet, zurück in sein Haus zu gehen und die näch­ste Lek­tion vorzu­bere­iten. Die näch­ste Lek­tion! Mir kam es vor, als sei er ruhiger als sonst, weniger fahrig, weniger ver­quer, so, als habe der Teufel in ihm seinen Spaß gehabt und sich vorgenom­men, den Auftritt zu wieder­holen, sobald ihm der Sinn danach steht. Das beschmierte Stück Lein­wand hängt jetzt in der Kirche Sant’Angelo della Porta unter dem wach­samen Blick des Erzen­gels: Möge er ver­hin­dern, dass damit etwas geschieht.

Was wollte ich sagen? Ach ja: Wir blicken ins Licht und sehen nichts. Wir senken den Blick – nur ein wenig, nicht mehr, behüte – und was finden wir? Den näch­st­besten Schwätzer, der sich aufs Ross gesetzt hat – oder waren es jene, die ihn jaulend umrin­gen –, und der uns unverzüglich mit­teilt, wohin die Reise geht. Und wir? Schnüren unser Bün­del, entschlossen, die Reise inter­es­sant zu machen, wohin sie auch führen mag. Uns wird schon etwas ein­fallen. Aber die Ver­nunft? Ach, die Vernunft!

Ger­ade die Ver­nunft! Etwas in ihr hält uns davon ab, schlankweg, wie es ihr zukäme, zu begreifen, es zwingt uns, in den For­men, die sie uns vor­gaukelt, etwas Überkommenes, Dun­kles, Undurch­dringliches hinzunehmen und so die Affen derer zu spie­len, die, kaum auszu­machen gegen das Licht, aber zäh im Gedächt­nis der Men­schen haf­tend, unsere Fähigkeiten ver­dunkeln, weil wir ihnen ein Wis­sen zuschreiben, das wir mit ihnen nur teilen, indem wir es nach­plap­pern, indem wir uns in es ein­plap­pern, um es zu zerre­den. Ich fürchte… (unleserlich)

Vor mir, in tiefem Dunkel übri­gens, sehe ich die Gestalt eines Gelehrten. Er sitzt auf einem Fels­block; tief, tief beugt er sich zu Boden, er zeich­net geometrische Fig­uren – in den Sand, sollte man meinen, wäre da nicht die perga­mentene Rolle, die jede, selbst die leis­este Bewe­gung seiner Schreib­muskeln in Über­liefer­ung verkehrte. Er ist der neue Heros, und ich werde nicht mehr sein.«

2.

Leise brum­mend erhob sich der feuerköp­fige Philosoph vom Kack­stuhl, rückte die Bein­klei­der zurecht und trat dis­putando an den Tisch, an dem ver­sam­melt waren:

– der adelige Haush­err, ein Mit­tfün­fziger, im ele­gan­ten Haus­ge­wand auf einem drachenköp­fi­gen Schemel reitend,

– Dick­son, ein Nach­wuchs­denker mit mil­dem Blick und san­ften Gebärden,

– ferner: ein stum­mer, vom Haush­errn nur flüchtig vorgestell­ter Gast mit bre­item Gesicht und schar­fgeschnit­te­nen Zügen, der sich seitlich gesetzt hatte, so dass er stets über die linke Schul­ter blickte, wenn er, was hin und wieder vorkam, einen der Anwe­senden fixierte.

»Ich kenne keinen Philosophen,« warf, hochmütig und etwas verächtlich blick­end, der Edel­mann ins Gespräch, »der sich so für seine, mit Ver­laub gesagt, etwas ordinäre Wis­senschaft ereiferte, ich kenne auch keinen, der so von ihr ein­genom­men wäre wie unser Bruno. Mein Gott, was gäbe das, wenn sich alle so spreizen und lei­den­schaftlich gebär­den wollten.«

Er saß zurück­gelehnt, die Hände leicht übereinandergelegt.

»Die Her­ren, die Sie ken­nen, haben allen Grund, demütig aufzutreten«, murmelte Dick­son bedächtig, mit langer Hand sein schüt­teres Bart­gekräusel zwirbelnd. »Was ist schon dabei, die Ver­fasser von Abhand­lun­gen ger­ingzuschätzen, die nichts tau­gen und die nie­mand kennt? Die meis­ten Philosophen sind Wiederkäuer, schlechte oben­drein. Fette Wei­den vor Augen, forschen sie nach dem einen, unver­gle­ich­lichen Grashalm, der ihnen vielle­icht schmecken kön­nte. Man soll ja die Hoff­nung nie aufgeben. Darüber stampfen sie die Texte des Aris­tote­les und des heili­gen Thomas in Grund und Boden. Wie? Es gibt auch andere? Das ist wahr! Pas­sion­ierte Träumer auf den Rücken von Tigern. Und sie schlafen fest! Weh über den, der sie weckt. Tiraden, Tiraden…«

»Fre­unde, Ihr seid im falschen Text«, erin­nerte Bruno mit leise bit­ten­der Stimme. Bre­it­beinig stand er im Raum, unbe­weglich der enorme Oberkör­per über dem kurzen Rest, die sträh­nige Mähne zur Seite streifend. Dick­son warf einen gifti­gen Blick auf die schlanke Gestalt des Haush­errn, der ein Tuch aus der Tasche nestelte und sich damit über die Augen fuhr, und sah dann vor sich nieder.

Es klap­perte ein wenig, als er den Faden der voraus­ge­gan­genen Rede wieder aufnahm.

»Der Endzweck, den sich die wirk­ende Ver­nunft setzt, besteht in der Vol­lkom­men­heit des Uni­ver­sums. Sie ver­langt, dass in den ver­streuten Teilen der Materie alle Teile aktuelle Exis­tenz haben. Dieser Zweck ergötzt die Ver­nunft so über jedes Maß, dass sie es niemals satt wird, For­men aller Art aus der Materie her­vorzu­locken. Mir scheint, das lehrt auch Empedokles.«

»Ganz recht. Und ich füge hinzu: Wie die wirk­ende Ursache im All als all­ge­meine, in den Teilen und Gliedern des Alls als spezielle und beson­dere erscheint, so ver­hält es sich auch mit ihrer Form. Wie sollte es anders sein? Jede Form ver­drängt eine andere. Das bedeutet, jede Form, die her­vor­tritt, ver­hüllt eine unendliche Reihe von For­men, die vor ihr da waren. Im Uni­ver­sum sind all diese For­men gle­ichzeitig. Also existiert neben jeder Welt die Vielzahl von Wel­ten, die sie ein­mal war und« – er blickte sich flüchtig um – »die sie sein wird. Nebeneinan­der im Raum wie die Seiten in einem Buch, die wir nach und nach erblät­tern, voraus­ge­setzt, wir sind gewillt, das Buch aufzuschlagen.«

Von fern erin­nerte der Anblick des Haush­errn an einen Esser, den ein auf­steigen­der Brechreiz am Schlucken hindert.

Eine Pause trat ein. Der Edel­mann, von sub­ku­ta­nen Krämpfen geschüt­telt, zerknüllte mit flack­ern­den Fin­gern sein Taschen­tuch. Ein kun­stvolles Stück. Sin­nre­ich geord­net, ergaben seine Spitzen den Schriftzug: Idem, iti­dem non idem.

Betreten blickte die Runde.

»Das genügt vielle­icht«, sagte Dick­son. »Kom­men wir zu den Prinzip­ien.« Bruno blinzelte dankbar zu ihm hin. Er stützte sich auf.

»Erst möchte ich von der Form reden.« Seine Stimme stieg, rund und golden.

Ein Schrei ließ sie ver­sick­ern. Gestikulierend hob der Edel­mann sich vom Hocker. Das Gesicht des Philosophen gemah­nte an über Nacht ste­henge­bliebe­nen Kinderbrei.

»L-​i-​e-​b-​e-​r Bruno!« Er dehnte die Buch­staben, die bere­itwillig nach­gaben. »Seit du in meinem Haus lebst, bin ich nur ein gedulde­ter Narr. Ich höre Sätze, und ich ver­stehe sie nicht. Wäre es nur an dem: ich höre Sätze, und ich weiß nicht, ob ich sie ver­stehe. Ich lang­weile mich, und man bedeutet mir, dass keine Kurzweil neben euren obskuren Gefechten beste­hen kann. Lebte ich in einem anderen Jahrhun­dert – was nicht undenkbar ist, wenn ich dich ger­ade richtig ver­standen habe –, so würde ich nicht anste­hen, sie als neu­ro­tis­ches Geschwätz zu beze­ich­nen. Ich ver­bitte mir euer Lachen! Wie die Dinge ste­hen, kann ich die Belei­di­gung, die in ihnen liegt, unmöglich überse­hen. Das zwingt mich…«

»Albern­heiten«, murmelte der blasse Philosoph, unbe­wegt. Der Blick über die Schul­ter musterte ihn neugierig.

»… gegen meinen Willen, wie du weißt, zu Ver­mu­tun­gen, die von eurer Bosheit ohne weit­eres als Verdäch­ti­gun­gen aufge­fasst wer­den kön­nten. Ein anständi­ger Men­sch ist nie gegen Missver­ständ­nisse gefeit. Du ver­stehst mich? Nein? Nun denn. Was soll ich davon hal­ten, dass ihr euch in meiner Gegen­wart mit Andeu­tun­gen ver­ständigt, in Halb­sätzen, durch schlaue Blicke, aus denen ein Ein­ver­ständ­nis lugt, das ich nur zutiefst zu miss­bil­li­gen ver­mag? Was wür­den die Behör­den davon hal­ten? Diese Sätze, in denen es von prin­cip­iae und causae wim­melt wie von Asseln unter einem Stein, den man mit dem Fuß wegstößt, ganz zu schweigen von deiner grandiosen Erfind­ung, dieser – ach ich weiß nicht was, anus, anu­lus mundi – wer sagt euch, dass sie nicht aufgeschrieben ein Gewicht bekä­men, das euch und mich, uns alle miteinan­der ersäufen kön­nte? Ich…«

Er knirschte mit den Zäh­nen, so dass der Rest des Satzes unterg­ing. Die Tür sprang auf, wild heulend stürmte die Tochter des Haush­errn ins Zim­mer. Blondschopf, schul­ter­lang, die Haare flo­gen. Nach zwei Metern blieb sie ste­hen. Still äugte sie in die Runde.

»Mona, Kleines…«

Die väter­liche Stimme klang gepresst. Im näch­sten Augen­blick schwieg auch er – mit offenem Mund.

Die Runde star­rte auf Bruno. Er hatte einen Ses­sel gepackt, sich auf die Knie niederge­lassen und bellte – cave canem! – kraftvoll hin­ter der Lehne her­vor. Mona gluck­ste und umrun­dete den Ofen­schirm. Einen Aus­druck ges­pan­nter Erwartung im Gesicht, tauchte sie wieder auf und warf sich in ein helles Lachen hinein. Kräftige Flecken ver­dunkel­ten Kra­gen und Samtk­lei­d­chen; schwarze Pfötchen wis­chten über die väter­lichen Bein­klei­der; ohne den Stim­mung­sum­schwung des padre abzuwarten, war sie schon auf und davon. Am Tep­pichrand stolperte sie, taumelte und fiel halt­los in den näch­st­gele­ge­nen – Dick­sons – Schoß. Still sah sie an ihm hoch; er lächelte gön­ner­haft zu ihr herunter. Das Ärm­chen flog, fünf kleine Fin­ger klebten an seiner Nase.

Ruhig har­rte sie aus. Dick­sons Gesicht schwoll an, wech­selte die Farbe, färbte sich pfirsich-​, dann dunkel­rot. Alle San­ft­mut entwich aus ihm. Aber dem Klam­mer­griff war nicht so leicht zu entrinnen.

Bruno schien auf der Höhe seiner selbst. Er kläffte, heulte, miaute, brüllte und krächzte nach Leibeskräften: zur über­schäu­menden, wenn auch kurzen Freude Monas, die sich tre­tend, beißend und flen­nend zur Wehr set­zte, als die nach­stürzende Amme sie jetzt uner­bit­tlich in Rich­tung Tür zog. Der Haush­err erhob sich halb, sah an sich hin­unter und räus­perte sich. Dann fuhr er fort.

»Dies hier ist ein frommes Haus…«

»Soll’s bleiben, soll’s bleiben«, dröh­nte, ein uner­warteter Bass, Dick­sons wun­der­sam erstarkte Stimme.

»Es liegt nicht in eurer Macht, es zu ändern.«

Eine Land­schaft aus Grün, durchrauscht von Bächen, lag in Dick­sons Ton­fall. »Eines sind unsere Gründe und Dis­tink­tio­nen, ein anderes die Wahrheiten des Glaubens. Anderes hat der Nolaner nie geschrieben. Wir schweigen, wo diese sprechen.«

»Schweig. Er soll sprechen. Ohne Floskeln. Ich will, dass ich ihn verstehe.«

Die Stimme des Philosophen klang matt und fern. Er saß auf der Fen­ster­bank. »Vielle­icht hat er recht. Ich werde reden.«

Der Schemel knirschte, als er den anderen aufnahm.

»Das hier ist sein Haus: in der Tat. Er schilt uns Ket­zer; darauf antwortet ein vernün­ftiger Mann nicht. Die Sprache der Philosophen hält er für Arglist. Darüber lässt sich reden. Vielle­icht wer­fen diese Dis­tink­tio­nen, durch die wir unsere Lehre zu denen der übri­gen Philosophen in Beziehung set­zen, wirk­lich einen falschen Schein auf die Sache. Vielle­icht auch nicht. Darüber muss man nach­denken. Nach­denken… Er nennt die Welt­seele, die er für meine Erfind­ung hält, ein Ich­weißnicht­was. Der Aus­druck gefällt mir. Er hat Geschmack. Je ne sais quoi. Mein Ruhm: ein Ich­weißnicht­was. Die Vorstel­lung, das Weltall sei ein beseel­ter Organ­is­mus, ein ewig pulsieren­des Wesen, das mit jedem Pulss­chlag unzäh­lige Welten-​Organismen hervortreibt: –«

»Denn wie die Tat, so der Wille und das Ver­mö­gen!« Dickson.

»Halt’s Maul«, sagte der Edle.

»ein Ich­weißnicht­was…«

Bruno hatte das Fen­ster ver­lassen. Er kreiste.

»Ich ver­suche, mich zu erin­nern. Wie war das, als mir diese Vorstel­lung aufging? Sie reizte mich mehr zum Betas­ten, zum Fühlen, als zur Arbeit des Begriffs; sie war selbst ein Gefühl, das ich mit phan­tastis­chen Bildern ausstat­tete – auf­flam­menden und ver­glühen­den Son­nen, kreisenden Fig­u­ra­tio­nen grüner, blauer und roter Plan­eten, schwarzen Löch­ern, die meine Ein­bil­dungskraft gierig auf­so­gen. Es war eine magis­che Reise, so, als sei irgen­deine unbekan­nte Sub­stanz in mein Gehirn eingetreten.«

»Und die Begriffe?« ent­fuhr es Dickson.

»Sie ver­sprachen mir Erlö­sung aus jener totenähn­lichen Starre, die ich an mir gewahrte, solange die Erschei­n­ung andauerte. Nicht ich war es, der diese fremde, mir so ver­traut anmu­tende Welt besichtigte – sie zog an mir vor­bei in ihren myr­i­aden­fachen Ent­fal­tun­gen, in die ich an keiner Stelle ein­greifen durfte, und blickte mich an. Langsam begriff ich, dass die windi­gen, ange­le­se­nen Dis­tink­tio­nen von Sub­stanz und Akzi­denz, von Form und Materie meine einzige Chance waren, das Ver­hält­nis umzukehren, mich wieder zum Herrn über meine Phan­tasie zu machen. Und ich ver­stand, dass es die ver­achteten Dis­tink­tio­nen gewe­sen waren, die mich an den Rand der großen Erfahrung geführt hat­ten.« Er schneuzte sich. »Bei­des gehörte zusam­men. Aber es ging nicht zusam­men. Die Erschei­n­ung blieb wirk­sam, solange ich mich um die Begriffe bemühte; sie ver­lor sich, wenn ich ver­suchte, die Begriffe wegzu­lassen. Doch sie teilte sich den Begrif­fen nicht mit, allen­falls wie eine Spur, ein Schatten.«

»Umbrae idearum«, brummte Dick­son, eher unwillkürlich.

»Vielle­icht waren die Begriffe nicht dazu da, es zu begreifen«, behar­rte, zur Verblüf­fung aller, der Edel­mann. Bruno drehte sich herum, fix­ierte ihn und schüt­telte den Kopf.

»Ganz entsch­ieden sind sie dazu da. Die Ver­nunft zielt stets nach dem Einen, in welchen Bildern es uns die Phan­tasie auch vor­legt. Die Phan­tasie lässt es zerflattern…

Dis­tanz, meine Her­ren. Wir müssen uns die Welt vom Leibe hal­ten. Wir tun es mit Begrif­fen. Je mehr, desto besser. Keine Dif­ferenz darf ver­lorenge­hen, auch wenn es so aussieht, als bräuchten wir sie nicht, auch wenn wir noch gar nicht wis­sen kön­nen, wozu sie ein­mal dienen wird.«

»Oder auch nicht.« Dickson.

»Oder auch nicht.«

»Aber müssen wir nicht unter­schei­den? Müssen wir keine Auslese tre­f­fen? Was sollen uns leere Distinktionen…«

»Leere?«

»Begriffe, durch keine Anschau­ung gedeckt. Was gibt es da zu lächeln?«

»Ach die Anschau­ung, die gute, solide Anschau­ung. Begreifst du, was du da sagst? Sie wird immer zur Stelle sein, wenn man sie braucht. Was weiß ich…«

»Aber die Natur gibt Zeichen.«

»Die Natur gibt und nimmt, wie es kommt.«

Dick­son, feuer­rot, fuchtelte.

»Und der Abend in Noli, als sich der Him­mel auf­tat und das Meer über­flutete? Als der Licht­streif sich zwis­chen dir und dem Hor­i­zont span­nte? Warst da nicht du gemeint? Riss es dich nicht her­aus aus dem Dunkel, in dem das Ver­schiedene unun­ter­schei­d­bar bleibt? War es nicht das Zeichen, dass du gekom­men warst, zu tren­nen, was getrennt wer­den musste?«

Bruno schien nicht gewillt, ihn zu entlasten.

»Don’t remem­ber. Du musst meinem Gedächt­nis auf die Spur helfen.«

»Ach, du warst so beredt damals. Ich kann und will es nicht vergessen: Eine Frau kam aus dem Meer und schritt an dir vor­bei; in ihren Zügen war alles Leid der Welt ver­sam­melt und gelöst in einer unaus­löschlichen Ahnung des Glücks: Das waren deine Worte.«

Trüb blickte der Philosoph.

»Und was passierte?«

»Was passierte? Nichts, wenn ich mich erin­nere. Warum…?«

»Dachte ich’s mir.«

Dick­son, im Stakkato, sein Hin­terteil reibend: »Du über­legtest, warum du ihr nicht nachge­gan­gen bist. Du sagtest, ihre Schön­heit sei daran schuld gewe­sen, der heilige Schrecken, den du emp­fan­d­est, als du sie ansahst.«

»Madonna. Ein Scherz, den ich mir erlaubte. Du warst ein Mönch damals, frisch aus der Zelle. Alle Mönche meinen, Frauen bedeuten etwas. Ich warf dir einen Brocken hin, an dem du kauen soll­test. Du siehst: es hat geklappt.«

»Und du? Was meinst du?« Dick­son wimmerte.

»Ich meine nichts mehr. Ich kann mich kaum erin­nern, wie sich das anfühlt: meinen. Dieselbe Lust, welche die Welt­seele beherrscht und treibt, alle For­men, die sie ersinnt, in der Materie auszuprä­gen, sie treibt auch mich, die herge­brachten Begriffe der Philosophen aufzusuchen und umzuprä­gen, soweit ich ihrer hab­haft wer­den kann. Die Wahrheit ist, dass das für alle Philoso­phie gilt. Eine wie die andere entstam­men sie dem for­m­er­schaf­fenden Ver­mö­gen, das sie wie jene unzäh­li­gen Wel­ten zur Entwick­lung drängt. Ihr wech­sel­seit­iges Ver­hält­nis ist daher keines der Wahrheit und Unwahrheit, son­dern die Aus­fal­tung eines Weltzustandes.«

»Und die Lehre von der Welt­seele selbst?«

»Sie ist ein Teil des Spiels, was sonst?«

»Aber…«

»Ich weiß«, murmelte Bruno.

»Und Gott?« warf der Haush­err ein.

»Wer ist dieser Gott, dass wir um jeder Ent­deck­ung willen unsere Begriffe von ihm ändern? Ich habe Gott zu etwas Belan­glosem gemacht. Die Welt ist göttlich.«

Die Tür stand offen, durch die er hin­aus­ge­gan­gen war.

»Cru­ci­fige eum«, flüsterte Dickson.

3.

Bruno sitzt breit, zurück­gelehnt. Sein Schat­ten, zusam­menge­flossen mit dem des Schreibtis­ches, löscht den Schat­ten des Git­ters an der gekalk­ten Wand, an der helle Flecken die Umrisse abgenommener Bilder markieren. Er zwingt sich zur Ruhe. Kein Toben half; schräg fallen die Strahlen der Nach­mit­tagssonne, längst ist das Trom­meln der Fäuste, seiner Fäuste, auf der fein polierten Tür­fül­lung ver­s­tummt, hat keine Spuren hin­ter­lassen. Langsam verebbt das Rauschen, das Schläfen und Gehör überflutet.

Schweiß steht auf seiner Stirn, auf Nase und Kinn, er stre­icht die Seiten des aufgeschla­ge­nen, seit Stun­den aufgeschla­ge­nen Buches und hört, sehr fern, Rufe der Gon­do­lieri. Porca Madonna. Sehr langsam dringt das Klatschen vor­beifahren­der Ruder in sein Bewusst­sein. Klarheit. Auf Flucht hat er sich vor­bere­itet, seit er dieses Haus betrat. Warum jetzt das? Was hat der Hund mit ihm vor? Und was treibt ihn?

Er weigert sich, Antworten zu finden. Ver­fol­gung ist er gewöhnt. Nie­mand hat ihn in die Falle gelockt, nie­mand. Kein Schlüs­sel hat sich im Schloss gedreht. Er hätte ihn hören müssen, so leicht ist sein Schlaf. Die Tür allein hat sich geschlossen und gibt ihn nicht mehr frei. Ma pazienza. Die weni­gen Gegen­stände im Raum, das Bett, die Bücher, der Schreibtisch – mehr braucht er nicht, mehr hat er nie gebraucht. In einem unendlichen Uni­ver­sum ist jede Bewe­gung außer der des Geistes Ver­schwen­dung. Nur der Geist ver­mag es, dem Unendlichen nachzukom­men. Das Zen­trum liegt da drin­nen. Bewe­gung ist Flucht, ist Dezen­tra­tion. Die Ver­nunft geht auf Konzen­trate. Alles zu denken, als sei es eines, ein Uni­ver­sum, kein Mul­ti­ver­sum. Aus dem Zen­trum der Fülle geht das Licht her­vor, aus dem Licht der Glanz: So stammt aus dem Geist die Ver­nunft, aus der Ver­nunft der Affekt, der Liebe heißt. Der Geist ruht über allem, die Ver­nunft überblickt und ord­net alles, die Liebe gebiert und verteilt alles. Alles? Alles. Wir müssen unsere Gedanken denen der ord­nen­den Weltver­nunft angle­ichen. Als Teile des Ganzen sollen wir denken wie sie, dann sind wir Teil und Ganzes: wer kann uns etwas anhaben? Wir sind unver­wüstlich. Das Uni­ver­sum ist ein offenes Buch für den, der weiß, wie man solche Bücher schreibt. Da die Weltver­nunft unendlich ist, sind auch unsere Annäherun­gen unendlich.

Über Stock und über Steine
aber brich dir nicht die Beine

Sieh in das Buch. Der magis­che Kreis, mit spitzer Feder geze­ich­net, ein Sys­tem von Kreisen für den, der zu lesen ver­steht, konzen­trisch ange­ord­net, unterteilt in Seg­mente, mit Bildern und Zeichen über­füllt. Es ist die Ord­nung des Uni­ver­sums. Wenn du einen anderen Weg weißt, dann geh ihn. Die Gren­zen des Uni­ver­sums sind die Gren­zen der ord­nen­den Phan­tasie. Geh –. Es ist zuviel Flucht in seinem Leben. Er wird nicht mehr fliehen, er wird sich fallen lassen in die Gefahr. Hier ist die Zelle, aus der er entwich, floh durch Europa, es ist die Zelle. Vielle­icht wird man ihn ein zweites Mal mit der päp­stlichen Kutsche nach Rom holen, doch dann wird alles anders gemeint sein, es wird kein Tri­umph sein. Wer weiß. Er wird Gele­gen­heiten bekom­men aufzutreten, das sollte genü­gen. Er wird nie­man­den mehr die ars memo­riae lehren, er wird selbst einge­hen in das große Gedächt­nis. In die Ord­nung der Stat­uen, die beginnt mit Apoll, der die Ein­heit bedeutet, mit Sat­urn, der das Prinzip, und Prometheus, der die Wirkur­sache meint, wird er einge­hen an seinem Ort, nicht als leicht verderbliche Per­son, son­dern als Ent­decker, dessen Name für das Ent­deckte steht… Und wenn seine Wis­senschaft vergänglich wäre? Unmöglich. Sie kann nur durch die Zeiten ver­dunkelt wer­den. So sicher die Antipo­den in das helle Licht des Tages treten und wieder hin­aus­gleiten wer­den in die Fin­ster­nis, so sicher wird immer und immer wieder Licht auf ihn fallen. Sollte es anders sein? Sollte auf der Licht­seite der Erken­nt­nis der Name nur ein blinder Fleck sein? Sollte einer, um Heros zu wer­den, ganz verge­hen müssen? Sollte das Zwin­gende einer Erken­nt­nis nur Gewohn­heit und Schwäche heißen? Gewohn­heit und Schwäche?

Der Licht­punkt gleitet näher. Woher kennt er das nur? Vor ihm bewe­gen sich Schat­ten, deren For­men zer­fließen. Manche sind starr, geometrisch geformt, nur erken­nen kann er sie nicht, sie huschen vor­bei. Wieder hört er Rufe. Sie scheinen aus den geschlosse­nen Mün­dern derer zu drin­gen, die vorüber­has­ten oder ‑fahren. Nun geht ihm auf: er befindet sich auf einer riesi­gen Scheibe, der gelbe Schein ist ein Hal­bkreis, eine Kup­pel fast, ruhend in einer fer­nen Mitte. Von ihr strömt ein sehr helles, beinah weißes Licht, es löst sich in Schlieren ab, deut­lich wahrzunehmen, wie Rauchgekringel. Ein stumpfes Blau­grau formt einen Hof um die weißglühende Hal­bkugel. In mat­tem Halb­dunkel steht er selbst; an den Rän­dern seines Gesichts­feldes geht es in tiefes Schwarz über. Steht er? Die Scheibe kreist um ihr fernes Zen­trum. Läuft er nicht darauf zu? Er eilt, er hastet über die weg­glei­t­ende Scheibe, er stolpert, sein Blick streift den Boden, er liest die Namen der Ent­decker, die er so oft auf seine Gedächt­niskreise gesetzt hat: Raimundus, Archita, Cleo­stra­tus, Archimedes, Endimion, Nauphides… Sehr rasch läuft die Scheibe unter seinen Füßen weg, er tritt auf die Rei­hen der Erfinder, zahlloser Erfinder, über­springt sie; aus jenem fer­nen Quellpunkt sich erneuernd, strö­men sie in dichten Scharen her­bei. Er ahnt die unge­heure Geschwindigkeit des Umschwungs und die Kraft, die von ihr aus­geht, eine Kraft, die Wellen gle­ich jene Scharen über ihn hin­weg­wirft. Manch­mal erscheint die leuch­t­ende Kup­pel am Hor­i­zont ganz deut­lich, fast nah, in schat­ten­loser Klarheit bewe­gen sich dort Fig­uren; im näch­sten Moment ist alles zer­schmolzen, ver­gan­gen in dem kleinen, unansehn­lichen Kugel­ge­bilde, das fern zu reisen scheint, vielle­icht schon hin­ter ihm, nein, es ist in ihm, es lässt sich nicht greifen, nicht fix­ieren… Doch es steht offen, er tritt hinein, da ist Circe, die Mut­ter der Bedürfnisse, der Wün­sche und des Begehrens, die Materie, die Zauberin, die Her­rin der Ver­wand­lun­gen. Ihr Stand­bild neigt sich, sie beugt sich zu ihm herab. Denn es sind der Form­losen drei: Chaos, Orcus und Nox, von denen das Chaos die Leere, Orcus die empfängliche Potenz und Nox die Materie bedeutet. Sie beugt sich zu ihm und ihre Lip­pen lispeln die Worte: Sieh hin­ter dich! In eine Art Spiegel blickt er und sieht einen Bauern zur Linken, der eine Schlange in den Schnee wirft (sie krümmt sich in Qualen) und dann, die Hand­flächen nach außen gekehrt, wartend dasteht; zur Rechten sieht er sich nackt inmit­ten zün­gel­nder Flam­men, die von einem Holzs­toß auf­schla­gen. Idem, iti­dem non idem. Meine Geheimnisse sind deine Geheimnisse, sagt die Göt­tin, ich werde dir nichts ver­ber­gen. So wie du sind alle zu mir hereingekom­men. Betra­chte die Wände, die Decken, sieh die Gemälde ring­sum. Sieh gut hin! Sieh, wie sie sich for­men und stetig erneuern. In ihnen erblickst du die Geschichte der Ver­wand­lun­gen, die ich durch euch bewirke, durch dich und deines­gle­ichen. Ihr glaubt, da sei Erken­nt­nis, doch da ist nur Ver­wand­lung. Ihr glaubt, da sei Ord­nung, doch da ist nur Ver­wand­lung. Und ihr seid die Instru­mente meiner Ver­wand­lun­gen. Du nennst die For­men, die ich her­auftreibe, akzi­den­tell, und grü­belst über der sub­stanziellen Form, die du Welt­seele nennst, doch ich lache darüber. Denn es gibt keinen Unter­schied. Jeden­falls keinen, den du begreifen kön­ntest oder den ich begriffe. Die Sub­stanz ver­mögt ihr nicht zu denken, nur mich. Warum? Ihr seid mein denk­ender Teil. Das Form­lose ist das For­m­er­schaf­fende. Weil ihr aus dem Form­losen kommt, weil euer Denken ihm wie Rauch entsteigt, seid ihr meine Werkzeuge. Du träumst von der Ein­heit des Alls und gibst ihr Namen. Erwache: jede Ein­heit, die du benennst, ist schon ver­gan­gen. Du denkst nur bis zur näch­sten Biegung des Wegs. Du kennst den nicht, der hin­ter der Biegung seine Ein­heit zu denken beginnt, und ihn begleitet nur eine ver­wor­rene Erin­nerung an deine Mod­elle, über die er lächelt, und die er nicht begreift. Begreife mich! Denn ich bin das begreif­bare Uni­ver­sum, nicht eines, son­dern vieles bere­i­thal­tend, ein Weg der Über­raschun­gen, das sich entziehende Wesen, das Aus­sichten auf das Ganze zu seinen vornehm­sten Gaukeleien zählt…

Nur undeut­lich hallen die let­zten Worte der Göt­tin an sein Gehör, sie schwindet, ist schon entschwun­den, das Pochen und Rauschen wird stärker, ver­bun­den mit einem unbes­timmten Drän­gen, er sieht in der Ferne zwei Flam­men, eine blaue und eine rote, sich wirbelnd ver­men­gen und blinzelt gegen ein Git­ter ins Feuer der unterge­hen­den Sonne.

*

Man schreibt den 24. Mai. Einen Tag später wird er ins Gefäng­nis ver­bracht. Es folgt die schier unendliche Reihe der Ver­höre und Ein­samkeiten, bis zu jenem bemerkenswert heit­eren Feb­ru­artag, an dem auf dem Campo de’Fiori sich seine dun­klere Asche mit der des Scheit­er­haufens vermischt.

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