1.

Den folgenden Brief schrieb Bruno G., leicht entflammbarer Ketzer, wenige Wochen – wenn das Datum nicht trügt – vor seiner Verhaftung, im Haus des venezianischen Edelmannes M. Der Adressat konnte nicht ermittelt werden, eine etwa erfolgte Antwort ist nicht bekannt geworden. Es handelt sich, wie ersichtlich, um ein Fragment. Das Original ruht in der Bibliothek einer italienischen Kleinstadt zwischen den Papieren des weithin vergessenen Philatelistenkongresses von 1897: Es ruhe in Frieden.

»Wertester, Teurer« – so beginnt der Brief –, »wie dir geläufig ist, habe ich vielfach kundgetan, bekundet, öffentlich angezeigt, wofür ich die Welt in ihrem gegenwärtigen – besser: widerwärtigen – Zustand halte: für einen Abtritt voller Spinneweben, der, gegen Sonne, Mond und Sterne verriegelt, abgedichtet, verdüstert, nur zu den dunkelsten Verrichtungen taugt; für – verzeih’ den abgestandenen Ausdruck – ein gespreiztes Frauenzimmer, einen eklen Traum, einen wollüstigen Darm; für ein Schand– und Truggebilde, das vergehen wird, so wie es sich vergeht, deshalb, weil ihm alle Elemente der Dauer abgehen, als da sind Ordnung und Harmonie, nicht zu vergessen die Einheit, Einsicht und Redlichkeit unter den Menschen, wenn dieses Wort einmal mehr umsonst an sie verschwendet sein soll. Das also ist hinlänglich gesagt und soll uns hier nicht weiter bekümmern.

Dieses Mal schreibe ich entre nous und werfe alle Kappen, Masken, Verkleidungen ab, die auch wir, die Unbesonnensten, uns gewöhnlich überziehen, damit man nicht uns das Fell über die Ohren zieht, vornehmlich aber, um des Dranges Herr zu werden, der uns befiehlt, dem Abschaum ins Gesicht zu spucken, wo immer wir ihn treffen: gemach, Bruno, gemach.

Du weißt natürlich, dass es dieser Drang ist, der mich in die Philosophie hinein– und bei so mancher Gelegenheit wieder heraustreibt. Doch ein Mann wie ich bleibt selbst dann Philosoph – höre, Sokrates! –, wenn ihm, nach dem bekannten Wort, einmal der Schweiß von der Stirn in Strömen rinnt, hingegen der Kathederkanaille, würde selbst ihr der Geist pur auf Kampfer gesetzt, nicht einmal die Stirn bliebe, die sie mir nicht zu bieten wagt. Also lies und sei stumm wie ein Grab: Die Herren hätten es leichter, sie könnten dem pagliaccio, den sie immer schon (oder heißt es »schon immer«?) in mir witterten, im Triumph einholen und mit Girlanden umschlingen, sie könnten dem Unrat, mit dem sie seit alters her um sich werfen, die Farben des leicht hingeworfenen Scherzes geben und ihn mir ungestraft ins Gesicht reiben, falls dir beifiele, auszuplaudern, was ich dir und nur dir anzuvertrauen im Begriff stehe.

Du wirst es nicht fassen, noch weniger glauben wollen, was sich in mir, ich sage nicht, zu irgendeiner Gewissheit verdichtet, eher vielleicht zu einer dunklen Wolke, die mir Tag für Tag ein Stück mehr des Himmels verdüstert, desselben, dessen Bläue mich großgezogen hat und ins Große gezogen, um mich ein wenig geschwollen auszudrücken, wie das sonst, Du weißt es, nicht meine Art ist. Dieser Mann im Norden, dessen Name mir gerade nicht einfallen will (Maras-​, Marasmus?), der vor einem Menschenalter das Lob der Torheit verbreitete – nicht etwa, weil sie ihm sonderlich gefiel, sondern weil er ihr, schamlos wie ein Theologe, zu gefallen versuchte und der Erfolg ihm endlich recht gab –: Er könnte auf eine Weise auf dem richtigen Pfad gewesen sein, die er nicht im geringsten bedacht hat. Auf eine, bei Licht betrachtet, ganz entsetzliche Weise, die dich und mich und unseresgleichen von einer Sekunde zur anderen in den Irrsinn zurückpferchen würde, dem wir uns gerade entronnen wähnten.

Das ist mein Gedanke. Ich werde versuchen, ihn dir, so wie ich ihn verstehe, schrittweise auseinanderzulegen. Vielleicht verstehe ich ihn selbst noch nicht. Und wenn ich ihn nicht verstünde: Gerade davon möchte ich handeln.

Was (ich frage dich nicht im Ernst, sondern weil der Aufbau meines Gedankens es verlangt), was ist die Welt, wenn nicht Vernunft ihre Bande knüpft? Ich antworte (weil gerade kein anderer da ist, der ebensogut antworten könnte): ein Markt, eine Spelunke, eine Herberge, ein Bordell, bald dies, bald das.

Und weiter: Was ist die Wissenschaft, wenn sie nicht, durch Vernunft bewegt, sich auf das verborgene Antlitz, das Eine, richtet, auf dass es ihr erscheine und sie verzehre? Etc.

So steht es. So stünde es. Doch davon später.

Alles, wovon ich reden möchte, dreht sich um diesen Punkt. Vernunft muss in der Welt sein, sie muss in uns sein, in uns. Warum? »Aber Sie denken ja!« Ein Tadel, kein Lob, doch immerhin – eine Feststellung. Vernunft muss in der Welt sein, damit einer sagen kann, immerhin einer – vielleicht er selbst? – sei weise, ohne sich damit allein schon widerlegt zu haben. Warum? Ich will es dir – oder mir – sagen: weil es nicht einen einzigen Weisen gibt, wenn es nicht viele Weise gibt, unendlich viele in den unendlichen Welten. Denn keiner – ich wiederhole: keiner, hörst du? – kann etwas für sich in Anspruch nehmen, ohne es im selben Atemzug für seinesgleichen zu reklamieren. Seinesgleichen? Das ist die Gattung, die er vertritt. Einfach, nicht wahr? Wie die Dummen, wie die Schamlosen sind auch die Weisen Exemplare einer Gattung. Die Gattung der Weisen… Seltsame Vorstellung: Durch sie ist die Vernunft in der Welt. Wenn man sie wegnähme, diese Gattung? Ausrottete mit Gift und Dolch? Auf welchen Ausweg verfiele wohl die bedrängte Vernunft? Vielleicht hätte sie frei, weltfrei…

(unleserlich)

Wir, die Weisen, sind also unweise genug, uns unter das Dach des Verräters zu begeben und damit in wirkliche Gefahr, verlockt von nichts als der Eitelkeit, die eigene Kunst auch einmal lehren zu dürfen. Wir sind unweise für den Fall, leben zu dürfen. Leben, das heißt mitteilen, uns mitteilen, was sonst? Uns. Ich will Dir eine Geschichte erzählen, eine kleine. Dieser Hund, unter dessen Dach ich unbedachterweise gezogen bin, ließ in der Nachbarschaft ein Madonnenbild malen. Der Maler, ein Pinselschwinger der übelsten Sorte, hat den Knaben mit den Gesichtszügen der Geliebten seines bigotten Auftraggebers ausstaffiert, über deren Geschlecht manches gemunkelt wird. So will es das Gerücht; ich schere mich nicht darum. Dieser Tage lässt der finocchio, hoch zu Ross vor seinem eigenen Haus, einen Höllenlärm veranstalten und bringt damit die ganze Nachbarschaft auf die Beine.

»Bruno maledetto«, plärrt er und ist wie von Sinnen, »heraus mit dir, vor die Madonna, fass!« Und er zwingt mich aus dem Haus und auf die Knie vor dem nach frischer Farbe stinkenden Machwerk, dessen Enthüllung Gott oder die Jungfrau hätte verhindern mögen. Ich gestehe… Aus der ungewohnten Perspektive erscheint der Winzling zu Pferde beinahe schon in den Himmel entrückt, den er sich so gern ausmalen lässt. Kaum berühre ich den Staub, schreit er mit seiner Fistelstimme »Madonnenschänder« und »Weiche Satan!«, so dass sich den Umstehenden die Nackenhaare aufstellen. Worauf er mich mit verhaltener Stimme bittet, zurück in sein Haus zu gehen und die nächste Lektion vorzubereiten. Die nächste Lektion! Mir kam es vor, als sei er ruhiger als sonst, weniger fahrig, weniger verquer, so, als habe der Teufel in ihm seinen Spaß gehabt und sich vorgenommen, den Auftritt zu wiederholen, sobald ihm der Sinn danach steht. Das beschmierte Stück Leinwand hängt jetzt in der Kirche Sant’Angelo della Porta unter dem wachsamen Blick des Erzengels: Möge er verhindern, dass damit etwas geschieht.

Was wollte ich sagen? Ach ja: Wir blicken ins Licht und sehen nichts. Wir senken den Blick – nur ein wenig, nicht mehr, behüte – und was finden wir? Den nächstbesten Schwätzer, der sich aufs Ross gesetzt hat – oder waren es jene, die ihn jaulend umringen –, und der uns unverzüglich mitteilt, wohin die Reise geht. Und wir? Schnüren unser Bündel, entschlossen, die Reise interessant zu machen, wohin sie auch führen mag. Uns wird schon etwas einfallen. Aber die Vernunft? Ach, die Vernunft!

Gerade die Vernunft! Etwas in ihr hält uns davon ab, schlankweg, wie es ihr zukäme, zu begreifen, es zwingt uns, in den Formen, die sie uns vorgaukelt, etwas Überkommenes, Dunkles, Undurchdringliches hinzunehmen und so die Affen derer zu spielen, die, kaum auszumachen gegen das Licht, aber zäh im Gedächtnis der Menschen haftend, unsere Fähigkeiten verdunkeln, weil wir ihnen ein Wissen zuschreiben, das wir mit ihnen nur teilen, indem wir es nachplappern, indem wir uns in es einplappern, um es zu zerreden. Ich fürchte… (unleserlich)

Vor mir, in tiefem Dunkel übrigens, sehe ich die Gestalt eines Gelehrten. Er sitzt auf einem Felsblock; tief, tief beugt er sich zu Boden, er zeichnet geometrische Figuren – in den Sand, sollte man meinen, wäre da nicht die pergamentene Rolle, die jede, selbst die leiseste Bewegung seiner Schreibmuskeln in Überlieferung verkehrte. Er ist der neue Heros, und ich werde nicht mehr sein.«

2.

Leise brummend erhob sich der feuerköpfige Philosoph vom Kackstuhl, rückte die Beinkleider zurecht und trat disputando an den Tisch, an dem versammelt waren:

– der adelige Hausherr, ein Mittfünfziger, im eleganten Hausgewand auf einem drachenköpfigen Schemel reitend,

– Dickson, ein Nachwuchsdenker mit mildem Blick und sanften Gebärden,

– ferner: ein stummer, vom Hausherrn nur flüchtig vorgestellter Gast mit breitem Gesicht und scharfgeschnittenen Zügen, der sich seitlich gesetzt hatte, so dass er stets über die linke Schulter blickte, wenn er, was hin und wieder vorkam, einen der Anwesenden fixierte.

»Ich kenne keinen Philosophen,« warf, hochmütig und etwas verächtlich blickend, der Edelmann ins Gespräch, »der sich so für seine, mit Verlaub gesagt, etwas ordinäre Wissenschaft ereiferte, ich kenne auch keinen, der so von ihr eingenommen wäre wie unser Bruno. Mein Gott, was gäbe das, wenn sich alle so spreizen und leidenschaftlich gebärden wollten.«

Er saß zurückgelehnt, die Hände leicht übereinandergelegt.

»Die Herren, die Sie kennen, haben allen Grund, demütig aufzutreten«, murmelte Dickson bedächtig, mit langer Hand sein schütteres Bartgekräusel zwirbelnd. »Was ist schon dabei, die Verfasser von Abhandlungen geringzuschätzen, die nichts taugen und die niemand kennt? Die meisten Philosophen sind Wiederkäuer, schlechte obendrein. Fette Weiden vor Augen, forschen sie nach dem einen, unvergleichlichen Grashalm, der ihnen vielleicht schmecken könnte. Man soll ja die Hoffnung nie aufgeben. Darüber stampfen sie die Texte des Aristoteles und des heiligen Thomas in Grund und Boden. Wie? Es gibt auch andere? Das ist wahr! Passionierte Träumer auf den Rücken von Tigern. Und sie schlafen fest! Weh über den, der sie weckt. Tiraden, Tiraden…«

»Freunde, Ihr seid im falschen Text«, erinnerte Bruno mit leise bittender Stimme. Breitbeinig stand er im Raum, unbeweglich der enorme Oberkörper über dem kurzen Rest, die strähnige Mähne zur Seite streifend. Dickson warf einen giftigen Blick auf die schlanke Gestalt des Hausherrn, der ein Tuch aus der Tasche nestelte und sich damit über die Augen fuhr, und sah dann vor sich nieder.

Es klapperte ein wenig, als er den Faden der vorausgegangenen Rede wieder aufnahm.

»Der Endzweck, den sich die wirkende Vernunft setzt, besteht in der Vollkommenheit des Universums. Sie verlangt, dass in den verstreuten Teilen der Materie alle Teile aktuelle Existenz haben. Dieser Zweck ergötzt die Vernunft so über jedes Maß, dass sie es niemals satt wird, Formen aller Art aus der Materie hervorzulocken. Mir scheint, das lehrt auch Empedokles.«

»Ganz recht. Und ich füge hinzu: Wie die wirkende Ursache im All als allgemeine, in den Teilen und Gliedern des Alls als spezielle und besondere erscheint, so verhält es sich auch mit ihrer Form. Wie sollte es anders sein? Jede Form verdrängt eine andere. Das bedeutet, jede Form, die hervortritt, verhüllt eine unendliche Reihe von Formen, die vor ihr da waren. Im Universum sind all diese Formen gleichzeitig. Also existiert neben jeder Welt die Vielzahl von Welten, die sie einmal war und« – er blickte sich flüchtig um – »die sie sein wird. Nebeneinander im Raum wie die Seiten in einem Buch, die wir nach und nach erblättern, vorausgesetzt, wir sind gewillt, das Buch aufzuschlagen.«

Von fern erinnerte der Anblick des Hausherrn an einen Esser, den ein aufsteigender Brechreiz am Schlucken hindert.

Eine Pause trat ein. Der Edelmann, von subkutanen Krämpfen geschüttelt, zerknüllte mit flackernden Fingern sein Taschentuch. Ein kunstvolles Stück. Sinnreich geordnet, ergaben seine Spitzen den Schriftzug: Idem, itidem non idem.

Betreten blickte die Runde.

»Das genügt vielleicht«, sagte Dickson. »Kommen wir zu den Prinzipien.« Bruno blinzelte dankbar zu ihm hin. Er stützte sich auf.

»Erst möchte ich von der Form reden.« Seine Stimme stieg, rund und golden.

Ein Schrei ließ sie versickern. Gestikulierend hob der Edelmann sich vom Hocker. Das Gesicht des Philosophen gemahnte an über Nacht stehengebliebenen Kinderbrei.

»L-​i-​e-​b-​e-​r Bruno!« Er dehnte die Buchstaben, die bereitwillig nachgaben. »Seit du in meinem Haus lebst, bin ich nur ein geduldeter Narr. Ich höre Sätze, und ich verstehe sie nicht. Wäre es nur an dem: ich höre Sätze, und ich weiß nicht, ob ich sie verstehe. Ich langweile mich, und man bedeutet mir, dass keine Kurzweil neben euren obskuren Gefechten bestehen kann. Lebte ich in einem anderen Jahrhundert – was nicht undenkbar ist, wenn ich dich gerade richtig verstanden habe –, so würde ich nicht anstehen, sie als neurotisches Geschwätz zu bezeichnen. Ich verbitte mir euer Lachen! Wie die Dinge stehen, kann ich die Beleidigung, die in ihnen liegt, unmöglich übersehen. Das zwingt mich…«

»Albernheiten«, murmelte der blasse Philosoph, unbewegt. Der Blick über die Schulter musterte ihn neugierig.

»… gegen meinen Willen, wie du weißt, zu Vermutungen, die von eurer Bosheit ohne weiteres als Verdächtigungen aufgefasst werden könnten. Ein anständiger Mensch ist nie gegen Missverständnisse gefeit. Du verstehst mich? Nein? Nun denn. Was soll ich davon halten, dass ihr euch in meiner Gegenwart mit Andeutungen verständigt, in Halbsätzen, durch schlaue Blicke, aus denen ein Einverständnis lugt, das ich nur zutiefst zu missbilligen vermag? Was würden die Behörden davon halten? Diese Sätze, in denen es von principiae und causae wimmelt wie von Asseln unter einem Stein, den man mit dem Fuß wegstößt, ganz zu schweigen von deiner grandiosen Erfindung, dieser – ach ich weiß nicht was, anus, anulus mundi – wer sagt euch, dass sie nicht aufgeschrieben ein Gewicht bekämen, das euch und mich, uns alle miteinander ersäufen könnte? Ich…«

Er knirschte mit den Zähnen, so dass der Rest des Satzes unterging. Die Tür sprang auf, wild heulend stürmte die Tochter des Hausherrn ins Zimmer. Blondschopf, schulterlang, die Haare flogen. Nach zwei Metern blieb sie stehen. Still äugte sie in die Runde.

»Mona, Kleines…«

Die väterliche Stimme klang gepresst. Im nächsten Augenblick schwieg auch er – mit offenem Mund.

Die Runde starrte auf Bruno. Er hatte einen Sessel gepackt, sich auf die Knie niedergelassen und bellte – cave canem! – kraftvoll hinter der Lehne hervor. Mona gluckste und umrundete den Ofenschirm. Einen Ausdruck gespannter Erwartung im Gesicht, tauchte sie wieder auf und warf sich in ein helles Lachen hinein. Kräftige Flecken verdunkelten Kragen und Samtkleidchen; schwarze Pfötchen wischten über die väterlichen Beinkleider; ohne den Stimmungsumschwung des padre abzuwarten, war sie schon auf und davon. Am Teppichrand stolperte sie, taumelte und fiel haltlos in den nächstgelegenen – Dicksons – Schoß. Still sah sie an ihm hoch; er lächelte gönnerhaft zu ihr herunter. Das Ärmchen flog, fünf kleine Finger klebten an seiner Nase.

Ruhig harrte sie aus. Dicksons Gesicht schwoll an, wechselte die Farbe, färbte sich pfirsich-​, dann dunkelrot. Alle Sanftmut entwich aus ihm. Aber dem Klammergriff war nicht so leicht zu entrinnen.

Bruno schien auf der Höhe seiner selbst. Er kläffte, heulte, miaute, brüllte und krächzte nach Leibeskräften: zur überschäumenden, wenn auch kurzen Freude Monas, die sich tretend, beißend und flennend zur Wehr setzte, als die nachstürzende Amme sie jetzt unerbittlich in Richtung Tür zog. Der Hausherr erhob sich halb, sah an sich hinunter und räusperte sich. Dann fuhr er fort.

»Dies hier ist ein frommes Haus…«

»Soll’s bleiben, soll’s bleiben«, dröhnte, ein unerwarteter Bass, Dicksons wundersam erstarkte Stimme.

»Es liegt nicht in eurer Macht, es zu ändern.«

Eine Landschaft aus Grün, durchrauscht von Bächen, lag in Dicksons Tonfall. »Eines sind unsere Gründe und Distinktionen, ein anderes die Wahrheiten des Glaubens. Anderes hat der Nolaner nie geschrieben. Wir schweigen, wo diese sprechen.«

»Schweig. Er soll sprechen. Ohne Floskeln. Ich will, dass ich ihn verstehe.«

Die Stimme des Philosophen klang matt und fern. Er saß auf der Fensterbank. »Vielleicht hat er recht. Ich werde reden.«

Der Schemel knirschte, als er den anderen aufnahm.

»Das hier ist sein Haus: in der Tat. Er schilt uns Ketzer; darauf antwortet ein vernünftiger Mann nicht. Die Sprache der Philosophen hält er für Arglist. Darüber lässt sich reden. Vielleicht werfen diese Distinktionen, durch die wir unsere Lehre zu denen der übrigen Philosophen in Beziehung setzen, wirklich einen falschen Schein auf die Sache. Vielleicht auch nicht. Darüber muss man nachdenken. Nachdenken… Er nennt die Weltseele, die er für meine Erfindung hält, ein Ichweißnichtwas. Der Ausdruck gefällt mir. Er hat Geschmack. Je ne sais quoi. Mein Ruhm: ein Ichweißnichtwas. Die Vorstellung, das Weltall sei ein beseelter Organismus, ein ewig pulsierendes Wesen, das mit jedem Pulsschlag unzählige Welten-​Organismen hervortreibt: –«

»Denn wie die Tat, so der Wille und das Vermögen!« Dickson.

»Halt’s Maul«, sagte der Edle.

»ein Ichweißnichtwas…«

Bruno hatte das Fenster verlassen. Er kreiste.

»Ich versuche, mich zu erinnern. Wie war das, als mir diese Vorstellung aufging? Sie reizte mich mehr zum Betasten, zum Fühlen, als zur Arbeit des Begriffs; sie war selbst ein Gefühl, das ich mit phantastischen Bildern ausstattete – aufflammenden und verglühenden Sonnen, kreisenden Figurationen grüner, blauer und roter Planeten, schwarzen Löchern, die meine Einbildungskraft gierig aufsogen. Es war eine magische Reise, so, als sei irgendeine unbekannte Substanz in mein Gehirn eingetreten.«

»Und die Begriffe?« entfuhr es Dickson.

»Sie versprachen mir Erlösung aus jener totenähnlichen Starre, die ich an mir gewahrte, solange die Erscheinung andauerte. Nicht ich war es, der diese fremde, mir so vertraut anmutende Welt besichtigte – sie zog an mir vorbei in ihren myriadenfachen Entfaltungen, in die ich an keiner Stelle eingreifen durfte, und blickte mich an. Langsam begriff ich, dass die windigen, angelesenen Distinktionen von Substanz und Akzidenz, von Form und Materie meine einzige Chance waren, das Verhältnis umzukehren, mich wieder zum Herrn über meine Phantasie zu machen. Und ich verstand, dass es die verachteten Distinktionen gewesen waren, die mich an den Rand der großen Erfahrung geführt hatten.« Er schneuzte sich. »Beides gehörte zusammen. Aber es ging nicht zusammen. Die Erscheinung blieb wirksam, solange ich mich um die Begriffe bemühte; sie verlor sich, wenn ich versuchte, die Begriffe wegzulassen. Doch sie teilte sich den Begriffen nicht mit, allenfalls wie eine Spur, ein Schatten.«

»Umbrae idearum«, brummte Dickson, eher unwillkürlich.

»Vielleicht waren die Begriffe nicht dazu da, es zu begreifen«, beharrte, zur Verblüffung aller, der Edelmann. Bruno drehte sich herum, fixierte ihn und schüttelte den Kopf.

»Ganz entschieden sind sie dazu da. Die Vernunft zielt stets nach dem Einen, in welchen Bildern es uns die Phantasie auch vorlegt. Die Phantasie lässt es zerflattern…

Distanz, meine Herren. Wir müssen uns die Welt vom Leibe halten. Wir tun es mit Begriffen. Je mehr, desto besser. Keine Differenz darf verlorengehen, auch wenn es so aussieht, als bräuchten wir sie nicht, auch wenn wir noch gar nicht wissen können, wozu sie einmal dienen wird.«

»Oder auch nicht.« Dickson.

»Oder auch nicht.«

»Aber müssen wir nicht unterscheiden? Müssen wir keine Auslese treffen? Was sollen uns leere Distinktionen…«

»Leere?«

»Begriffe, durch keine Anschauung gedeckt. Was gibt es da zu lächeln?«

»Ach die Anschauung, die gute, solide Anschauung. Begreifst du, was du da sagst? Sie wird immer zur Stelle sein, wenn man sie braucht. Was weiß ich…«

»Aber die Natur gibt Zeichen.«

»Die Natur gibt und nimmt, wie es kommt.«

Dickson, feuerrot, fuchtelte.

»Und der Abend in Noli, als sich der Himmel auftat und das Meer überflutete? Als der Lichtstreif sich zwischen dir und dem Horizont spannte? Warst da nicht du gemeint? Riss es dich nicht heraus aus dem Dunkel, in dem das Verschiedene ununterscheidbar bleibt? War es nicht das Zeichen, dass du gekommen warst, zu trennen, was getrennt werden musste?«

Bruno schien nicht gewillt, ihn zu entlasten.

»Don’t remember. Du musst meinem Gedächtnis auf die Spur helfen.«

»Ach, du warst so beredt damals. Ich kann und will es nicht vergessen: Eine Frau kam aus dem Meer und schritt an dir vorbei; in ihren Zügen war alles Leid der Welt versammelt und gelöst in einer unauslöschlichen Ahnung des Glücks: Das waren deine Worte.«

Trüb blickte der Philosoph.

»Und was passierte?«

»Was passierte? Nichts, wenn ich mich erinnere. Warum…?«

»Dachte ich’s mir.«

Dickson, im Stakkato, sein Hinterteil reibend: »Du überlegtest, warum du ihr nicht nachgegangen bist. Du sagtest, ihre Schönheit sei daran schuld gewesen, der heilige Schrecken, den du empfandest, als du sie ansahst.«

»Madonna. Ein Scherz, den ich mir erlaubte. Du warst ein Mönch damals, frisch aus der Zelle. Alle Mönche meinen, Frauen bedeuten etwas. Ich warf dir einen Brocken hin, an dem du kauen solltest. Du siehst: es hat geklappt.«

»Und du? Was meinst du?« Dickson wimmerte.

»Ich meine nichts mehr. Ich kann mich kaum erinnern, wie sich das anfühlt: meinen. Dieselbe Lust, welche die Weltseele beherrscht und treibt, alle Formen, die sie ersinnt, in der Materie auszuprägen, sie treibt auch mich, die hergebrachten Begriffe der Philosophen aufzusuchen und umzuprägen, soweit ich ihrer habhaft werden kann. Die Wahrheit ist, dass das für alle Philosophie gilt. Eine wie die andere entstammen sie dem formerschaffenden Vermögen, das sie wie jene unzähligen Welten zur Entwicklung drängt. Ihr wechselseitiges Verhältnis ist daher keines der Wahrheit und Unwahrheit, sondern die Ausfaltung eines Weltzustandes.«

»Und die Lehre von der Weltseele selbst?«

»Sie ist ein Teil des Spiels, was sonst?«

»Aber…«

»Ich weiß«, murmelte Bruno.

»Und Gott?« warf der Hausherr ein.

»Wer ist dieser Gott, dass wir um jeder Entdeckung willen unsere Begriffe von ihm ändern? Ich habe Gott zu etwas Belanglosem gemacht. Die Welt ist göttlich.«

Die Tür stand offen, durch die er hinausgegangen war.

»Crucifige eum«, flüsterte Dickson.

3.

Bruno sitzt breit, zurückgelehnt. Sein Schatten, zusammengeflossen mit dem des Schreibtisches, löscht den Schatten des Gitters an der gekalkten Wand, an der helle Flecken die Umrisse abgenommener Bilder markieren. Er zwingt sich zur Ruhe. Kein Toben half; schräg fallen die Strahlen der Nachmittagssonne, längst ist das Trommeln der Fäuste, seiner Fäuste, auf der fein polierten Türfüllung verstummt, hat keine Spuren hinterlassen. Langsam verebbt das Rauschen, das Schläfen und Gehör überflutet.

Schweiß steht auf seiner Stirn, auf Nase und Kinn, er streicht die Seiten des aufgeschlagenen, seit Stunden aufgeschlagenen Buches und hört, sehr fern, Rufe der Gondolieri. Porca Madonna. Sehr langsam dringt das Klatschen vorbeifahrender Ruder in sein Bewusstsein. Klarheit. Auf Flucht hat er sich vorbereitet, seit er dieses Haus betrat. Warum jetzt das? Was hat der Hund mit ihm vor? Und was treibt ihn?

Er weigert sich, Antworten zu finden. Verfolgung ist er gewöhnt. Niemand hat ihn in die Falle gelockt, niemand. Kein Schlüssel hat sich im Schloss gedreht. Er hätte ihn hören müssen, so leicht ist sein Schlaf. Die Tür allein hat sich geschlossen und gibt ihn nicht mehr frei. Ma pazienza. Die wenigen Gegenstände im Raum, das Bett, die Bücher, der Schreibtisch – mehr braucht er nicht, mehr hat er nie gebraucht. In einem unendlichen Universum ist jede Bewegung außer der des Geistes Verschwendung. Nur der Geist vermag es, dem Unendlichen nachzukommen. Das Zentrum liegt da drinnen. Bewegung ist Flucht, ist Dezentration. Die Vernunft geht auf Konzentrate. Alles zu denken, als sei es eines, ein Universum, kein Multiversum. Aus dem Zentrum der Fülle geht das Licht hervor, aus dem Licht der Glanz: So stammt aus dem Geist die Vernunft, aus der Vernunft der Affekt, der Liebe heißt. Der Geist ruht über allem, die Vernunft überblickt und ordnet alles, die Liebe gebiert und verteilt alles. Alles? Alles. Wir müssen unsere Gedanken denen der ordnenden Weltvernunft angleichen. Als Teile des Ganzen sollen wir denken wie sie, dann sind wir Teil und Ganzes: wer kann uns etwas anhaben? Wir sind unverwüstlich. Das Universum ist ein offenes Buch für den, der weiß, wie man solche Bücher schreibt. Da die Weltvernunft unendlich ist, sind auch unsere Annäherungen unendlich.

Über Stock und über Steine
aber brich dir nicht die Beine

Sieh in das Buch. Der magische Kreis, mit spitzer Feder gezeichnet, ein System von Kreisen für den, der zu lesen versteht, konzentrisch angeordnet, unterteilt in Segmente, mit Bildern und Zeichen überfüllt. Es ist die Ordnung des Universums. Wenn du einen anderen Weg weißt, dann geh ihn. Die Grenzen des Universums sind die Grenzen der ordnenden Phantasie. Geh –. Es ist zuviel Flucht in seinem Leben. Er wird nicht mehr fliehen, er wird sich fallen lassen in die Gefahr. Hier ist die Zelle, aus der er entwich, floh durch Europa, es ist die Zelle. Vielleicht wird man ihn ein zweites Mal mit der päpstlichen Kutsche nach Rom holen, doch dann wird alles anders gemeint sein, es wird kein Triumph sein. Wer weiß. Er wird Gelegenheiten bekommen aufzutreten, das sollte genügen. Er wird niemanden mehr die ars memoriae lehren, er wird selbst eingehen in das große Gedächtnis. In die Ordnung der Statuen, die beginnt mit Apoll, der die Einheit bedeutet, mit Saturn, der das Prinzip, und Prometheus, der die Wirkursache meint, wird er eingehen an seinem Ort, nicht als leicht verderbliche Person, sondern als Entdecker, dessen Name für das Entdeckte steht… Und wenn seine Wissenschaft vergänglich wäre? Unmöglich. Sie kann nur durch die Zeiten verdunkelt werden. So sicher die Antipoden in das helle Licht des Tages treten und wieder hinausgleiten werden in die Finsternis, so sicher wird immer und immer wieder Licht auf ihn fallen. Sollte es anders sein? Sollte auf der Lichtseite der Erkenntnis der Name nur ein blinder Fleck sein? Sollte einer, um Heros zu werden, ganz vergehen müssen? Sollte das Zwingende einer Erkenntnis nur Gewohnheit und Schwäche heißen? Gewohnheit und Schwäche?

Der Lichtpunkt gleitet näher. Woher kennt er das nur? Vor ihm bewegen sich Schatten, deren Formen zerfließen. Manche sind starr, geometrisch geformt, nur erkennen kann er sie nicht, sie huschen vorbei. Wieder hört er Rufe. Sie scheinen aus den geschlossenen Mündern derer zu dringen, die vorüberhasten oder ‑fahren. Nun geht ihm auf: er befindet sich auf einer riesigen Scheibe, der gelbe Schein ist ein Halbkreis, eine Kuppel fast, ruhend in einer fernen Mitte. Von ihr strömt ein sehr helles, beinah weißes Licht, es löst sich in Schlieren ab, deutlich wahrzunehmen, wie Rauchgekringel. Ein stumpfes Blaugrau formt einen Hof um die weißglühende Halbkugel. In mattem Halbdunkel steht er selbst; an den Rändern seines Gesichtsfeldes geht es in tiefes Schwarz über. Steht er? Die Scheibe kreist um ihr fernes Zentrum. Läuft er nicht darauf zu? Er eilt, er hastet über die weggleitende Scheibe, er stolpert, sein Blick streift den Boden, er liest die Namen der Entdecker, die er so oft auf seine Gedächtniskreise gesetzt hat: Raimundus, Archita, Cleostratus, Archimedes, Endimion, Nauphides… Sehr rasch läuft die Scheibe unter seinen Füßen weg, er tritt auf die Reihen der Erfinder, zahlloser Erfinder, überspringt sie; aus jenem fernen Quellpunkt sich erneuernd, strömen sie in dichten Scharen herbei. Er ahnt die ungeheure Geschwindigkeit des Umschwungs und die Kraft, die von ihr ausgeht, eine Kraft, die Wellen gleich jene Scharen über ihn hinwegwirft. Manchmal erscheint die leuchtende Kuppel am Horizont ganz deutlich, fast nah, in schattenloser Klarheit bewegen sich dort Figuren; im nächsten Moment ist alles zerschmolzen, vergangen in dem kleinen, unansehnlichen Kugelgebilde, das fern zu reisen scheint, vielleicht schon hinter ihm, nein, es ist in ihm, es lässt sich nicht greifen, nicht fixieren… Doch es steht offen, er tritt hinein, da ist Circe, die Mutter der Bedürfnisse, der Wünsche und des Begehrens, die Materie, die Zauberin, die Herrin der Verwandlungen. Ihr Standbild neigt sich, sie beugt sich zu ihm herab. Denn es sind der Formlosen drei: Chaos, Orcus und Nox, von denen das Chaos die Leere, Orcus die empfängliche Potenz und Nox die Materie bedeutet. Sie beugt sich zu ihm und ihre Lippen lispeln die Worte: Sieh hinter dich! In eine Art Spiegel blickt er und sieht einen Bauern zur Linken, der eine Schlange in den Schnee wirft (sie krümmt sich in Qualen) und dann, die Handflächen nach außen gekehrt, wartend dasteht; zur Rechten sieht er sich nackt inmitten züngelnder Flammen, die von einem Holzstoß aufschlagen. Idem, itidem non idem. Meine Geheimnisse sind deine Geheimnisse, sagt die Göttin, ich werde dir nichts verbergen. So wie du sind alle zu mir hereingekommen. Betrachte die Wände, die Decken, sieh die Gemälde ringsum. Sieh gut hin! Sieh, wie sie sich formen und stetig erneuern. In ihnen erblickst du die Geschichte der Verwandlungen, die ich durch euch bewirke, durch dich und deinesgleichen. Ihr glaubt, da sei Erkenntnis, doch da ist nur Verwandlung. Ihr glaubt, da sei Ordnung, doch da ist nur Verwandlung. Und ihr seid die Instrumente meiner Verwandlungen. Du nennst die Formen, die ich herauftreibe, akzidentell, und grübelst über der substanziellen Form, die du Weltseele nennst, doch ich lache darüber. Denn es gibt keinen Unterschied. Jedenfalls keinen, den du begreifen könntest oder den ich begriffe. Die Substanz vermögt ihr nicht zu denken, nur mich. Warum? Ihr seid mein denkender Teil. Das Formlose ist das Formerschaffende. Weil ihr aus dem Formlosen kommt, weil euer Denken ihm wie Rauch entsteigt, seid ihr meine Werkzeuge. Du träumst von der Einheit des Alls und gibst ihr Namen. Erwache: jede Einheit, die du benennst, ist schon vergangen. Du denkst nur bis zur nächsten Biegung des Wegs. Du kennst den nicht, der hinter der Biegung seine Einheit zu denken beginnt, und ihn begleitet nur eine verworrene Erinnerung an deine Modelle, über die er lächelt, und die er nicht begreift. Begreife mich! Denn ich bin das begreifbare Universum, nicht eines, sondern vieles bereithaltend, ein Weg der Überraschungen, das sich entziehende Wesen, das Aussichten auf das Ganze zu seinen vornehmsten Gaukeleien zählt…

Nur undeutlich hallen die letzten Worte der Göttin an sein Gehör, sie schwindet, ist schon entschwunden, das Pochen und Rauschen wird stärker, verbunden mit einem unbestimmten Drängen, er sieht in der Ferne zwei Flammen, eine blaue und eine rote, sich wirbelnd vermengen und blinzelt gegen ein Gitter ins Feuer der untergehenden Sonne.

*

Man schreibt den 24. Mai. Einen Tag später wird er ins Gefängnis verbracht. Es folgt die schier unendliche Reihe der Verhöre und Einsamkeiten, bis zu jenem bemerkenswert heiteren Februartag, an dem auf dem Campo de’Fiori sich seine dunklere Asche mit der des Scheiterhaufens vermischt.