1.

Es war nicht das erste Mal, dass ich in Versuchung geriet, sachte, irgendwie unaufdringlich die Stirn zu küssen, die sich schmal, beinahe energisch anzusehen, herüberbeugte, während dein aufwärts gerichteter, durch die steilen Wimpern eine sonderbare Starre entfaltender Blick sich mir fragend zuwandte. Aber so stark wie diesmal war der Wunsch noch nie, so – überwältigend, dass mich in einem Anfall von Sinnestäuschung die Empfindung befiel, ich hätte es gerade getan. Vorsichtig nahm ich mich zurück, nicht ohne die Empfindung, dass bei dir spiegelbildlich dasselbe geschah. Spiegelbildlich: was hieße, dass du den Kuss auch empfangen hättest – auf gleich imaginäre Weise, versteht sich –; ich will nicht weiter darüber nachdenken. Es gab Zeiten, da hätte eine einfache Berührung, ein Hier und Da, ein Zufall also oder ein simpler Entschluss, uns in einer Bewegung zusammengeschweißt, an deren Ende wir wohl schweigend und, wer weiß, nachdenklich unserer Wege gegangen wären. Nicht, weil es sich um ein Missverständnis gehandelt hätte; von Anfang an standen die Dinge zwischen uns in einem ebenso klaren und unmissverständlichen wie zweideutigen Licht.

Du bist älter geworden. Das war es, was ich dir nicht sagen wollte, weil es sich von selbst verstand, und was all meine Blicke und Worte dir zutrugen – du bist älter geworden, nicht nach Jahren, sondern im Vergleich zu früher, als es nichts gab, dem gegenüber das Älterwerden sich hätte bekunden können. Diesmal jedoch, als unsere Körper, unterstützt und getäuscht durch das niedrige und enge Gestühl, in einem Impuls aneinanderrückten, so dass wir, verblüfft über ein solch weitreichendes Einverständnis, uns zu kleineren Grenzkorrekturen verstanden, die den Impuls nur heller ins Licht stellten, diesmal entsprang das Spiel, das wir spielten, dem Umstand, dass wir um den zeitlichen Ablauf wussten, der uns verband. Während ich also vorsichtig den Druck gegen deine Schulter dosierte, hattest du bereits angefangen, mich auszufragen, als sei ich der einzige, dem du im Schiffbruch der Zeit zutrautest, über Nachrichten von diesem oder jenem Verschollenen zu verfügen. Ich fragte mich, ob das vielleicht der niemals wiederkehrende Augenblick sei, unter der ausdrücklichen Bedingung, dass sie ganz folgenlos bleibe und bleiben müsse, dir eine Liebeserklärung zu machen und dabei die dünne Strähne aus deiner Stirn zu streichen, die stets einen zärtlichen Impuls in mir ausgelöst hatte. Aber der Zusatz schien mir nicht tragbar, ich fand, die Erklärung selbst solle seine Botschaft enthalten, sie müsse also stumm und ganz von selbst stattfinden. Inzwischen hatte die Bedienung das Deckchen zwischen unseren Knien gewechselt und fragte nach unseren Wünschen, worauf wir uns lautstark entschieden – für Kleinigkeiten, die wir schon wieder vergessen hatten, als sie endlich vor uns auf dem Tisch standen.

Die Karte: ich las sie von deinen Augen – nicht deine, schon gar nicht meine Wünsche standen dort, kein Angebot, nein, wohl aber der in all den Jahren gespeicherte Wunsch, die glänzende Oberfläche des Wünschens, die uns aufnahm, während sie zurückwich. Dieses fortwährende Zurückgleiten bewirkte eine leichte Stockung, die wir scheint’s beide als ungebührlich empfanden und mit fast um die Wette ausgekramten Erinnerungen überbrückten, im Plauderton alter Bekannter und mit dem unbestimmten Gefühl, auf solche Weise das Gespräch zu versäumen, zu dem die Umstände uns unwidersprechlich zusammengebracht hatten. Ängstlich darauf bedacht, ein Stück unserer Zeit zurückzuhalten, um es besser zu verwenden als die gerade verstreichende, taten wir alles, damit sie leichter und flüssiger verging. Zweifellos war das unser Geschenk an sie – gemeinsam schufen wir eine unberührte, der Unterlassung entschwebende Welt, die, nicht unähnlich einer Seifenblase, langsam, zögernd davontrieb. Und während du auf mich einsprachst, bemerkte ich darin eine eingeschliffene Manier, mit der Zeit umzugehen – in weit zurückliegenden Momenten vorbereitet und nach und nach auf sorgfältig abgestimmten Umwegen und mit Hilfe entlegener Manöver perfektioniert. Ich machte mit, ich war dein Komplize, ehe ich wusste, was da ablief.

Jetzt, während der Niederschrift, entdecke ich die Haltepunkte des Flüchtigen, so wie ein Traum sich erst für den, der ihn berichtet, zur Geschichte fügt. Unvermittelt hattest du die Führung des Gesprächs übernommen; ich schwieg, weil es auf das, was du vor mir ausbreitetest, nichts zu erwidern gab. Es ging um alles, es ging um nichts. Um alles mögliche also, Familie, Verwandtschaft, Beruf – ein Kommen und Gehen war in deiner Stimme, in den Worten, die sie formte, so dass ich dich gelegentlich fester ins Auge fassen musste, um der Flut zu begegnen und mich daran zu erinnern, dass du es warst, die da sprach, und niemand sonst. Deine kräftige, nicht zu lange Nase zitterte ein wenig, gerade genug, mich von der Wirklichkeit der Rede zu überzeugen. Ich fand, du sahst müde aus, abgespannt, um das gängige Wort zu gebrauchen, von irgendeinem Aufwand erschöpft, der in deinen Sätzen da und dort aufblitzte und wieder in Dunkelheit versank. Vage teilte sich mir mit, dass sie Teil dieses Aufwandes waren, den du fortwährend weiter aufrechterhieltest, während du dich in meine Gegenwart hineinwarfst, womit du mir schmeicheltest und mich gleichzeitig wie einen Ball vor mir hertriebst. Bedrängt von dem keinen Zweifel gestattenden Wissen, einer Eröffnung beizuwohnen, die nur mir galt und zwischen uns die Dinge zu einem Ende bringen sollte, das zu neuen Zwiespältigkeiten Anlass geben würde, versuchte ich unauffällig, in die mir dunkel dargebotene Materie einzudringen – erfolglos, bis du mit einer unauffälligen Wendung die Person ins Spiel brachtest, von der bisher nicht die Rede gewesen war: deinen – um das lügenhafte Wort Partner an dieser Stelle zu vermeiden – Lebensgefährten in all den verflossenen Jahren. Ein Hund drängte in dem Augenblick in den Raum, ein großes, buschiges Wesen, seine Rute fegte über den Rand des Tischchens und traf meine Hand, die, durch den winzigen, aber kompakten Tisch von der deinen getrennt, mein Knie massierte.

Ich zuckte zusammen. »Den kenne ich«, sagtest du lächelnd, »der ist harmlos, aber er kann sehr lästig werden. Wie übrigens sein Herrchen auch. Man sieht sie fast jeden Tag hier herum.« In mir erwuchs das Bild eines nach Schweiß und Urin riechenden Stadtstreichers, der um nichts in der Welt von deiner Seite weichen wollte, vorneweg der riesige Hund. Missmutig notierte ich, wie bei jedem Schritt und jeder Bemerkung, die du amüsiert und beiläufig fallen ließt, eine Spannung sich aufbaute und zu ihm abfloss, spürte, wie die fordernde Ausdünstung der Gestalt dich durchdrang und mürbe machte. »Leute kennst du«, bemerkte ich spitz, und gab dir damit leichtes Spiel. »Ich wüsste nicht, dass die Leute, die ich kenne, sich von anderen sonderlich unterschieden. Aber wer weiß, in welchen Kreisen du dich herumtreibst. Kann schon sein, dass ich ein Talent habe, auf Menschen zu treffen, die anders sind. Kennst du den –«

Ich kannte ihn nicht. Wie hätte ich sollen? Du warst zu entschieden eine Karrierefrau, wie man das nennt, zielstrebig in deinen Beziehungen, unsere zweideutige Freundschaft stammte aus anderen Zeiten. Auch wurde ich den Verdacht nicht los, dass die Parade erstaunlicher Männer (Frauen kamen in deiner Rede nur selten, und wenn, dann eher beiläufig vor – dekorativ), die du alsbald vor meinem unbewegt blickenden inneren Auge in Gang setztest, vor allem dazu bestimmt war, den einen Namen auszusparen, der dir kurz entschlüpft war, um sogleich durch sein ostensives Nichtvorhandensein zu wirken. Während ich diesem Eindruck nachhing, der mir zu auffällig schien, um nicht in irgendeinem Winkel deiner Seele gewollt zu sein, fand ich, dass er nur einen Effekt verdoppelte, den ich die ganze Zeit über gespürt hatte. Die Abwesenheit dieses Mannes (nicht die physische, sondern, wie frühere Generationen es ausgedrückt hätten, seine moralische Abwesenheit) formte unsere Begegnung. Wie wir da saßen und redeten, benahmen wir uns gleichsam auf Pump: wir gaben einander (und jeder sich einzeln) den Kredit, den wir brauchten, um den geschlossenen, von gläsernen Wänden umgebenen Raum zu betreten und später gemeinsam wieder zu verlassen. In diesem Raum fand etwas statt, das man, im Jargon der Bits und Bytes schwadronierend, als Austausch defekter Informationen bezeichnet hätte. Was wir da austauschten, war durch die Exterritorialität des Ortes bestimmt, es war eine Information-​minus-​eins, in der die Dinge eine andere Färbung annahmen, einen leichten Blaustich, als habe sich der Drucker in der Farbskala geirrt. Der Irrtum – wenn es einer sein mochte – stellte sich als Glücksfall ein, den wir dankbar annahmen und sorgfältig hüteten. Wie du jenen Namen kurz hattest fallen lassen, schien es mir ein Signal zu sein, mit dem du mich darüber ins Benehmen setzen wolltest, dass du im Bilde warst und willens, die Regel zu respektieren.

Darauf einzugehen fiel mir schon deshalb nicht schwer, weil ich auch bei früheren Zusammenkünften darauf geachtet hatte, den Namen um jeden Preis zu vermeiden. Teils, weil ich keine Lust hatte, mich zu verstellen, teils, weil ich dir nicht zumuten wollte, vor mir die Rolle zu spielen, mit der du im täglichen Leben bestens zurechtkamst, die ich aber heuchlerisch und beinahe intrigant fand. Deine Beziehung war, in mehrfacher Hinsicht, ein Witz. Wir – deine alten Freunde – erinnerten uns gut an deine Versuche, ihr zu entkommen: vergebliche Anläufe, fehlgeschlagen aufgrund des seltsamen von dir dabei an den Tag gelegten Ungeschicks, vor allem aber, weil ein gewisser, fast unbegreiflicher männlicher Korpsgeist dich immer wieder dem bestehenden Verhältnis einverleibte.

Nicht dass wir Eugen akzeptierten: der Tag, an dem du ihn unserer Runde – dem Club der Nörgler, wie du sie nanntest – aufgenötigt hattest, hatte bei allen Anwesenden einen säuerlichen Nachgeschmack hinterlassen. Die Göttin – eine, zugegeben, etwas kratzbürstige Göttin – hatte sich als sterblich entpuppt; mit der Treffsicherheit deiner Sätze kontrastierte fortan unerbittlich die Unsicherheit deines sexuellen Geschmacks. Immerhin, dir zuliebe rückten wir zusammen, ohne für das Opfer entschädigt zu werden. Deine hymnischen Beteuerungen ließen zwar keine weiteren Anzüglichkeiten zu, überzeugten aber niemanden. Nie zuvor hatten wir dich bei einer vergleichbaren Regung ertappt. Dass du es nötig hattest, zu bewundern, darin lag ein Stilbruch, der uns nicht in den Kopf wollte. Das Objekt der Bewunderung war nicht dazu angetan, unser Erstaunen zu relativieren; wir sahen die Kröte, von der du steif und fest behauptetest, sie sei ein Prinz.

Gewöhnlich saß er schweigend dabei. Später, viel später sollte ich einen Einblick bekommen, wie stark er in unserer Runde litt. Der Hass hatte sich stetig in ihm gestaut, ohne ein Ventil zu finden. Manchmal fragte ihn einer direkt ins Gesicht, so dass er nicht ausweichen konnte. Was dann passierte, war nicht komisch. In seiner Stimme, die das übliche akademische Falsett mit schrillen Obertönen anreicherte, war das vergebliche Hüpfen und Flattern eines Vogels, dessen Fuß in der Schlinge steckt. Wahrhaftig, er stammelte. Als einer, der ‘davon ausgeht’, dass seine Meinung ohnehin nicht zählt, sammelte er sich aus schwierigen Fernen und stieß nach wiederholten Beteuerungen der Verwunderung und des Erstaunens zu Plattheiten vor, die uns immer wieder die Sprache verschlugen. Dabei war das, was er herausbrachte, nicht einfach dumm, nur maßlos unentschieden und deshalb unbrauchbar, wenigstens hier, wo ein ungezügeltes Wort das andere gab und zwischen einigen Glas Bier mancherlei Theoriegebäude den Geist aufgaben, um alsbald muntere Auferstehung zu feiern.

»Er schreibt nichts mehr«, hörte ich dich mit einem Mal, als seist du meinen Gedanken gefolgt. »Er behauptet, er müsse sein Denken von allen akademischen Zwängen freimachen, um seiner Aufgabe gewachsen zu sein. Er lehnt es ab, sich im Betrieb zu profilieren. Er geht auch nicht mehr ins Seminar. Eigentlich geht er kaum noch in die Stadt, ich muss ihn praktisch zwingen. Er will sein Zimmer nicht mehr verlassen, weil ihn nur dort nichts am Denken hindert, wie er meint. Ich weiß, was du davon hältst. Aber ich habe eine ganz hohe Meinung von dem, was er da versucht.« Schon meldete sie sich wieder, die Stimme der Mimikry, die ich verabscheute. »Aber es ist schon schwierig, das gebe ich zu. Ich hätte ja nichts dagegen, wenn er sich ein wenig am Betrieb orientieren würde. Dabei kennt er alles, das stelle ich immer wieder fest, ich begreife gar nicht, wo er es herhat. Das ist schon erstaunlich. Irgendwie komme ich mir dann immer so schülerhaft vor.«

2.

Darauf gab es nichts zu entgegnen. Vielleicht doch? Du hattest die stumme Übereinkunft gebrochen, aus einem Impuls heraus, den nicht zu erkennen oder sogar zu missbilligen ich vorgab, solange ich stillhielt. War das die Wahrheit? Und, um die Wahrheit aus dem Spiel zu lassen: War es fair von mir, mich diesem Gespräch zu verweigern? Ich hatte Bedenken. So, mit fast tonloser Stimme – oder dem, was ich dafür hielt –, begann ich zu reden. Behalten habe ich kein einziges meiner Worte, aber was ich vorbrachte, entsprang dem ungelenken Versuch, dir zu zeigen, dass ich verstanden hatte. Immerhin mischte ich mich nicht ein. Ich verbreitete mich über ähnlich gelagerte Fälle. Das war ein Fehler. Er fiel mir nicht schwer, die akademische Fauna bot genügend Anschauungsmaterial. Du hieltest es nicht für nötig, mich zu unterbrechen, drehtest nur das Glas in deinen Händen, links-​, rechtsherum, mit matten, gedämpften Bewegungen, die mir verrieten, was ich ohnehin merkte: dass ich völlig danebenlag, ich mochte mich anstrengen, wie ich wollte. Das hier war dein Thema, ganz und gar deins, und ich, mitsamt meinem aufgesetzten Verständnis, hatte nichts davon begriffen. Der von blauen Adern durchzogene Rücken deiner Hand, welche die Glasrundung umschloss, verriet die Bewegung eines berstenden Schiffs, dessen Bordwand sich langsam zur Seite neigt und im Ungreifbaren verschwindet. Also beendete ich meinen Alleingang mit einem Satz, der alles umschloss und einen Ausgang ins Ungefähre ermöglichte: »Schließlich weiß man nie, auf welcher Seite das Glück liegt, von der Wahrheit ganz zu schweigen.« Dankbar blicktest du auf, zupftest den Blazer zurecht und bemerktest entschlossen: »Er könnte ja auch einmal etwas tun.« Das leuchtete mir ein, vor allem, da es aus deinem Mund kam, aber im Augenblick fand ich mich weit davon entfernt, den Wunsch zu teilen. Erstaunt entdeckte ich in mir eine Löwengrube voll boshafter Hoffnungen, die darin übereinkamen, dass sie deinen flügellahmen Gefährten für immer in den Abgeschmacktheiten seiner gegenwärtigen Existenz festzurrten.

Der Anprall des Bösen raubte mir die Stimme. Unerwartet durchströmte mich die Energie des Hexers, der das Unheil im Haus des Nachbarn schürt, ohne selbst davon zu profitieren. Letzteres stimmte nicht ganz. Der Gewinn lag in der gegenwärtigen Situation, die danach schrie, sich in alle Zukunft auszudehnen. In einem Winkel seiner Seele, in den weder die Argumente der Philosophen noch die Illuminationen der Werbeleute hineinreichen, ist jeder Mensch ein Agnostiker; sonst hätte sich so etwas wie Höflichkeit nie entwickeln können. Das hindert uns keine Sekunde lang daran, tiefe Blicke in das Innere eines fremden Individuums zu werfen und auf dem Boden seiner Psyche herumzuspazieren wie zwischen den Sträuchern eines frisch erworbenen Grundstücks. Aus dem begleitenden Gefühl, dass der Erwerb nicht rechtens und die Zeit des Besitzes gezählt ist, erhebt sich die pure Lust und mit ihr eine unüberwindliche Abneigung gegen die Vorstellung, den okkupierten Grund mit einem anderen zu teilen oder sogar abzutreten. Was deinen Gefährten angeht, so störte er nicht, im Gegenteil: da wir offenbar in seinem Namen beisammen saßen, musste er in alle Ewigkeit bleiben, der er nun einmal war, der Dritte im Bunde, der erste, der zum letzten aufgerückt war, zum Mann am Steuer, dazu verdammt, Kurs zu halten, mochte passieren, was wollte. Da im Grunde nicht viel passieren konnte, durfte man annehmen, dass er die Aufgabe meistern würde. Nicht ohne Befriedigung malte ich mir aus, wie er dort oben in seinem Stübchen auf und ab lief, sich reckte, seufzend in einen Sessel hineinglitt, mit spitzem Finger ein aufgeschlagenes Buch vom Boden klaubte, seinen Rücken massierte, pingelig den Staub von den Blättern blies und sich zu lesen anschickte. Der grüne Einband weckte Vertrauen, auch wenn die Schrift kaum zu entziffern… Währenddessen begann die Frau, mit der er Tisch und Bett teilte, sachte an mich geschmiegt sich über Dinge auszubreiten, von denen ich bisher keine Ahnung gehabt hatte und die ich zunächst gar nicht recht mitbekam. Als ich mich durchatmend zurechtsetzte, warst du gerade dabei, dich im Leben deiner Mutter zu verplappern –

Deine Mutter interessierte mich nicht. Überhaupt war mir gleichgültig, von wem du sprachst; genug, dass deine kratzige, ein wenig hohl klingende Stimme mein Ohr kitzelte. Ich fühlte mich irgendwie entführt und geschaukelt von der Melodie der Worte. Alles, was mein Gehör aufnahm, bezog ich ohne Umschweife auf dich, wie dir meine kargen Einwürfe klarmachen mussten. Du zogst es vor, den Missgriff nicht zu korrigieren – ein Schachzug, der dir erlaubte, das Gewicht, das dich drückte, in die Kindheit auszulagern und einer Frau im mittleren Alter aufzubürden, die sich in meiner freibeuterischen Phantasie über einen hochbeinigen, mit Überresten verbrannten Fetts gesprenkelten Küchenherd beugte, angetan mit einer blauen Kittelschürze, die sie gleich abnehmen würde, um dem Mann, dessen träger Schritt im Treppenhaus aufklang, das Essen aufzutragen: Kohlrouladen mit Wirsinggemüse und Kartoffeln. Wusste ich, was dich trieb? Zweifellos ein Bedürfnis nach Rache, doch erst der Abstand hat mir die Augen dafür geöffnet. Der leidige Abstand – als ob nicht Myriaden von Fettzellen zwischen unseren geistig empfindlicheren Organen Platz fanden, vom leeren Raum nicht zu reden. Immer muss es die zeitliche Distanz sein, das Gefühl des Vorbei, damit die Dinge ihren Platz finden. Die Zeit ist ein schweigsamer Platzanweiser im Kino unseres Bewusstseins, in dem wir zugleich das leere Gestühl und die Leinwand stellen, zum Gaudium eines Publikums, das wir nicht ausgesucht haben und das den Streifen, den man ihm vorsetzt, so gut wie nie bis zum Ende verfolgt. Mein Gemüt blieb fromm wie ein Lamm, während du, vom Dämon getrieben, gründlich auspacktest. Hättest du doch geschwiegen! Was du ihr hintereinander vor– oder besser nachwarfst, musst du selber am besten wissen: über allem die Ehe mit deinem Vater, in der, wenn ich dir Glauben schenkte, stets sie es war, die tat, was getan werden musste, wohingegen er, obwohl von Haus aus schwächlich, voll unbegreiflicher Zuversicht immer verwegenere Projekte in Angriff nahm. Nein, keines stürzte jemals zusammen, ein ums andere Mal hielt Mutter die Dinge im Lot, betreute das vom Vater nur in breiten Schraffuren hingeworfene Leben neben dem ihren, das darüber ebenso zu kurz kam wie die im emotionslosen Raum vegetierenden Kinder. Sie war sein Double, was sie nicht davon abhielt, eisern, bei gelegentlichem Filmriss, als die Fee an seiner Seite zu figurieren. »Verstehst du?« Einsame, gut durchlüftete Frau, bis an den Rand ihrer Kräfte damit beschäftigt, zu sein und zu simulieren, ersatzweise ein anderes Selbst ins Ziel zu bringen, sein Schatten, sein Werkzeug, seine ihm entwendete Eigenliebe. Gut, ich kannte deinen Ehrgeiz, ich hatte immer angenommen, dass er ohne Umschweife auf seine Ziele losging. Dass es so um dich stand, hatte ich nicht entfernt geahnt, mir fehlten die Worte. Ich fühlte mich unangenehm berührt. Das, was du sagtest, klang bedrohlich, es enthielt eine Kampfansage an mein Geschlecht, der ich auszuweichen versuchte. Als einfachster Weg empfahl sich rasche Solidarisierung – gegen den dort, den Unaussprechlichen am Kalvarienort deiner Gefühle. So machte ich die Bemerkung (und biss mir auf die Lippen, als es zu spät war, sie zurückzuholen): »Hast du je daran gedacht, dich zu trennen?«

Ich hätte es lassen sollen. Doch wann hätte ich diesen müden Blick unter hoheitsvoll zusammengezogenen Brauen sonst zu sehen bekommen? Nach einer Schrecksekunde durchfuhr mich das heiße Verlangen, dich ins Ohrläppchen zu kneifen. Was immer ich in diesem Augenblick denken mochte, es reichte nicht aus, die Lage zu stabilisieren, sie erschien hoffnungslos. Ich hatte die Verbindungsleine gekappt, die unsere aufgedrehten Gemüter nebeneinander in sicherer Distanz hatte vibrieren lassen, und ich sah deine Aura wie einen losgelassenen Drachen im Zickzackkurs sich in die Lüfte entfernen. Unwirsch überschlug ich die Zeit, die ich für den Nachhauseweg brauchte; wenn ich rechtzeitig loskam, konnte ich noch über den Abend verfügen. Dämmerung sank. Im Café erhob sich Getümmel. An der Theke stand der Stadtstreicher, den ich sofort erkannte, sein böses Gesicht glomm im milden Schein der Deckenleuchte, ein roter Mond, auf den der Wirt spechtartig zustieß. Mit verdunkeltem Blick eilte die Bedienung in den Raum. »Wir sollten das Lokal wechseln«, brummte ich, mehr für mich. Die Antwort warf mich um. »Soviel Zeit habe ich nicht mehr«, erwidertest du, deine Finger suchten und fanden den Weg zu meinem Handrücken, mit dem sie vorsichtig spielten, als badeten sie einen Säugling. »Lass uns hier zu Ende kommen.« Ich stupste dein Haar, dessen zersplissene Spitzen ein leichtes Gewölk auf die straffe Frisur legten. Du rührtest dich nicht. Auch nicht, als meine Hand deinen Rücken entlangfuhr und unschlüssig liegenblieb. Ich zog sie zurück. »Erzähl von dir«, fordertest du sanft. Bald hatte ich mich in Eifer geredet, dein geweiteter Blick stimulierte den Redefluss, ich wedelte, ruderte, deine Kommentare stießen mich vorwärts, ins Uferlose. Als hättest du im Schilf ein Boot verborgen, das du nun losbandest, trieben wir beide. Die Straßenbeleuchtung ging an. Nieselregen nässte die Fensterfront. Dort stand ein Junge, zirka zehn Jahre alt, drückte die Nase gegen die Scheibe und ließ einen sorgsam cool gestellten Blick über die Gäste wandern. Seine rechte Hand stak im Hosenschlitz und stieg monoton auf und ab, der verschobene Anorak bauschte sich und brachte auf dem Glas ein leise kratzendes Geräusch hervor.

Der Traum, dieses Chaos aus Bildern, will erzählt werden; wir, die ihm den Gefallen erweisen, wissen sehr gut, dass er sich an die Erzählung verliert, sich in ihr löst wie ein starkes Pulver… Später, als sich die Spannung gelöst hatte, behauptetest du energisch, du hättest nichts davon bemerkt. Doch mir war nicht entgangen, wie du, das unaufdringliche Stückchen Nichts vor Augen, mitten im Ausdruck erstarrt warst, wie deine Finger sich rückwärts orientierten, nach einem Stück Erde tastend, in dem sie sich festkrallen konnten. »Sterben«, murmeltest du. »Weißt du, es beginnt in den Beinen. Ein kleiner Fehltritt; der Fuß schleift am Boden, obwohl du ihn doch gehoben hast. Es passiert nicht so oft, aber es kommt wieder. An manchen Tagen unterläuft es einem dauernd; du strengst dich an, um es zu vermeiden, aber zwei, drei Schritte später ist es wieder so weit. Versuch mal, es einem Arzt zu erzählen. Ein prüfender Blick, das war’s. Nur zu: er verschreibt dir ein leistungssteigerndes Mittel. Spricht was dagegen? Aber nicht doch. Schweigen. Beim frühen Rilke gibt es den Mann, der seine Zeit in kleiner Münze hortet und es nicht über sich bringt, sie auszugeben. Was ich überhaupt nicht verstehe: wie kommt er zu dem Zaster?« Du sagtest wirklich »Zaster« in dem Moment, das Neonlicht stand wie gleißende Schminke um deine Augen. »Ich habe keine Zeit, weder in großer noch in kleiner Münze. Ich verausgabe mich; wäre ich poetisch veranlagt, so würde ich sagen, ich gebe mich aus. Aber die Einnahmen bleiben spärlich. Sie reichen so lala, um die aufgelaufenen Rechnungen zu bezahlen. Apropos Schulden: Ich bin dir noch einen Kaffee schuldig. Tu nicht so, als hättest du es vergessen. Ich mag das nicht. Überhaupt finde ich, du hast dich verändert, ich weiß noch nicht, ob zu deinem Vorteil. Bedienung! Sind wir dann quitt?«

Geplättet, wie ich mich fühlte, beging ich eine unverzeihliche Dummheit; ich begann zu lachen. Nicht das wissende Lachen des Gelehrten, lässig herabgestuft, ohne doch bitter zu wirken – nein nein, ich lachte, ich will nicht sagen, aus vollem Halse (auch wenn ich keiner von denen bin, die den Hals nicht vollkriegen), es lag mir fern, dich auszulachen, ich lachte nur einfach, erschüttert von abgestuften Explosionen der Heiterkeit, die nach innen hin als nervöse Zuckungen fortliefen, und nickte dir zu, während ich mit dem Handballen zwei Tränen aus den Augenwinkeln wischte und achtlos verrieb. Solange du sprachst, hatte ich mein Ziel keine Sekunde aus den Augen gelassen, es schien mir bis auf eine Handbreit herangerückt, als du die Kellnerin heranriefst und Anstalten machtest, die Zeche zu übernehmen, meine Zeche, um die Sache rüde beim Namen zu nennen: in einer kaum messbaren Spanne war es zerflossen und verschwand, wenngleich nicht spurlos, unter dem Horizont. Mein Gelächter war ein Leichentuch, das ich rasch und entschlossen über den Kadaver einer zerronnenen Hoffnung warf, um ihn vor fremden Blicken zu bewahren, zu denen jetzt bereits die deinigen zählten, unter gerunzelter Stirn vorpreschende Schakale, die sich unerbittlich, da einer Verletzung entspringend, auf ihr Opfer stürzten.

Hättest du in dem Augenblick gesagt, ich sei ein –, nein, hättest du überhaupt etwas Wütendes gesagt, ich hätte dich, ermattet und verstört, wie ich war, um Verzeihung gebeten: für dein Leben und meins, unser verpfuschtes, so gar nicht klassikermäßiges, durch keine im Widerstand erworbene Erfahrung veredeltes, heillos privates Dasein, in dem wir uns glichen wie ein Ei dem nächsten, eine brave Begierde der anderen. Auch dass du aufstandest, schweigend deine ausgekramten Utensilien einsammeltest, war okay. Eine Geste, eine winzige, verstörte Geste hätte gereicht, mich auf den Boden der Tatsachen zurückzubringen. Aber dass du es fertigbrachtest, mit einem langgedehnten, nasal gefärbten »also« beginnend, die Arme vor der Brust gekreuzt und die Hände im Blazer verbergend, den Aufbruch in der Bemerkung manifest werden zu lassen, so schnell würden wir uns wohl nicht wiedersehen, schuf eine Situation, der ich mich nicht gewachsen erwies. Jeder sich selbst zugewandt, wickelten wir uns in unsere Mäntel. Draußen, in der Nässe, entfernten sich unsere Körper rasch voneinander, zu rasch für meinen wiedererwachten Geschmack; mit einer ausgreifenden Gebärde, von der ich bis dato nicht gewusst hatte, dass sie zu meinem Repertoire gehörte, holte ich dich nochmals heran und küsste dich auf den offenen, undeutlich fragenden Mund. Wenn ich gehofft hatte, keinen Widerstand anzutreffen: da war die Erfüllung.