1.

Es war nicht das erste Mal, dass ich in Ver­suchung geriet, sachte, irgend­wie unauf­dringlich die Stirn zu küssen, die sich schmal, beinahe ener­gisch anzuse­hen, herüber­beugte, während dein aufwärts gerichteter, durch die steilen Wim­pern eine son­der­bare Starre ent­fal­tender Blick sich mir fra­gend zuwandte. Aber so stark wie dies­mal war der Wun­sch noch nie, so – über­wälti­gend, dass mich in einem Anfall von Sinnestäuschung die Empfind­ung befiel, ich hätte es ger­ade getan. Vor­sichtig nahm ich mich zurück, nicht ohne die Empfind­ung, dass bei dir spiegel­bildlich das­selbe geschah. Spiegel­bildlich: was hieße, dass du den Kuss auch emp­fan­gen hättest – auf gle­ich imag­inäre Weise, ver­steht sich –; ich will nicht weiter darüber nach­denken. Es gab Zeiten, da hätte eine ein­fache Berührung, ein Hier und Da, ein Zufall also oder ein sim­pler Entschluss, uns in einer Bewe­gung zusam­mengeschweißt, an deren Ende wir wohl schweigend und, wer weiß, nach­den­klich unserer Wege gegan­gen wären. Nicht, weil es sich um ein Missver­ständ­nis gehan­delt hätte; von Anfang an standen die Dinge zwis­chen uns in einem ebenso klaren und unmissver­ständlichen wie zwei­deuti­gen Licht.

Du bist älter gewor­den. Das war es, was ich dir nicht sagen wollte, weil es sich von selbst ver­stand, und was all meine Blicke und Worte dir zutru­gen – du bist älter gewor­den, nicht nach Jahren, son­dern im Ver­gle­ich zu früher, als es nichts gab, dem gegenüber das Älter­w­er­den sich hätte bekun­den kön­nen. Dies­mal jedoch, als unsere Kör­per, unter­stützt und getäuscht durch das niedrige und enge Gestühl, in einem Impuls aneinan­der­rück­ten, so dass wir, verblüfft über ein solch weitre­ichen­des Ein­ver­ständ­nis, uns zu kleineren Gren­zko­r­rek­turen ver­standen, die den Impuls nur heller ins Licht stell­ten, dies­mal entsprang das Spiel, das wir spiel­ten, dem Umstand, dass wir um den zeitlichen Ablauf wussten, der uns ver­band. Während ich also vor­sichtig den Druck gegen deine Schul­ter dosierte, hat­test du bere­its ange­fan­gen, mich auszufra­gen, als sei ich der einzige, dem du im Schiff­bruch der Zeit zutrautest, über Nachrichten von diesem oder jenem Ver­schol­lenen zu ver­fü­gen. Ich fragte mich, ob das vielle­icht der niemals wiederkehrende Augen­blick sei, unter der aus­drück­lichen Bedin­gung, dass sie ganz fol­gen­los bleibe und bleiben müsse, dir eine Liebe­serk­lärung zu machen und dabei die dünne Strähne aus deiner Stirn zu stre­ichen, die stets einen zärtlichen Impuls in mir aus­gelöst hatte. Aber der Zusatz schien mir nicht trag­bar, ich fand, die Erk­lärung selbst solle seine Botschaft enthal­ten, sie müsse also stumm und ganz von selbst stat­tfinden. Inzwis­chen hatte die Bedi­enung das Deckchen zwis­chen unseren Knien gewech­selt und fragte nach unseren Wün­schen, worauf wir uns laut­stark entsch­ieden – für Kleinigkeiten, die wir schon wieder vergessen hat­ten, als sie endlich vor uns auf dem Tisch standen.

Die Karte: ich las sie von deinen Augen – nicht deine, schon gar nicht meine Wün­sche standen dort, kein Ange­bot, nein, wohl aber der in all den Jahren gespe­icherte Wun­sch, die glänzende Ober­fläche des Wün­schens, die uns auf­nahm, während sie zurück­wich. Dieses fortwährende Zurück­gleiten bewirkte eine leichte Stock­ung, die wir scheint’s beide als unge­bührlich emp­fan­den und mit fast um die Wette aus­gekramten Erin­nerun­gen über­brück­ten, im Plaud­er­ton alter Bekan­nter und mit dem unbes­timmten Gefühl, auf solche Weise das Gespräch zu ver­säu­men, zu dem die Umstände uns unwider­sprech­lich zusam­menge­bracht hat­ten. Ängstlich darauf bedacht, ein Stück unserer Zeit zurück­zuhal­ten, um es besser zu ver­wen­den als die ger­ade ver­stre­ichende, taten wir alles, damit sie leichter und flüs­siger verg­ing. Zweifel­los war das unser Geschenk an sie – gemein­sam schufen wir eine unberührte, der Unter­las­sung entschwebende Welt, die, nicht unähn­lich einer Seifen­blase, langsam, zögernd davon­trieb. Und während du auf mich ein­sprachst, bemerkte ich darin eine eingeschlif­f­ene Manier, mit der Zeit umzuge­hen – in weit zurück­liegen­den Momenten vor­bere­itet und nach und nach auf sorgfältig abges­timmten Umwe­gen und mit Hilfe entle­gener Manöver per­fek­tion­iert. Ich machte mit, ich war dein Kom­plize, ehe ich wusste, was da ablief.

Jetzt, während der Nieder­schrift, ent­decke ich die Hal­tepunkte des Flüchti­gen, so wie ein Traum sich erst für den, der ihn berichtet, zur Geschichte fügt. Unver­mit­telt hat­test du die Führung des Gesprächs über­nom­men; ich schwieg, weil es auf das, was du vor mir aus­bre­it­etest, nichts zu erwidern gab. Es ging um alles, es ging um nichts. Um alles mögliche also, Fam­i­lie, Ver­wandtschaft, Beruf – ein Kom­men und Gehen war in deiner Stimme, in den Worten, die sie formte, so dass ich dich gele­gentlich fes­ter ins Auge fassen musste, um der Flut zu begeg­nen und mich daran zu erin­nern, dass du es warst, die da sprach, und nie­mand sonst. Deine kräftige, nicht zu lange Nase zit­terte ein wenig, ger­ade genug, mich von der Wirk­lichkeit der Rede zu überzeu­gen. Ich fand, du sahst müde aus, abges­pannt, um das gängige Wort zu gebrauchen, von irgen­deinem Aufwand erschöpft, der in deinen Sätzen da und dort auf­blitzte und wieder in Dunkel­heit ver­sank. Vage teilte sich mir mit, dass sie Teil dieses Aufwan­des waren, den du fortwährend weiter aufrechter­hiel­test, während du dich in meine Gegen­wart hinein­warfst, womit du mir schme­ichel­test und mich gle­ichzeitig wie einen Ball vor mir her­triebst. Bedrängt von dem keinen Zweifel ges­tat­ten­den Wis­sen, einer Eröff­nung beizu­wohnen, die nur mir galt und zwis­chen uns die Dinge zu einem Ende brin­gen sollte, das zu neuen Zwiespältigkeiten Anlass geben würde, ver­suchte ich unauf­fäl­lig, in die mir dunkel darge­botene Materie einzu­drin­gen – erfol­g­los, bis du mit einer unauf­fäl­li­gen Wen­dung die Per­son ins Spiel bracht­est, von der bisher nicht die Rede gewe­sen war: deinen – um das lügen­hafte Wort Part­ner an dieser Stelle zu ver­mei­den – Lebens­ge­fährten in all den ver­flosse­nen Jahren. Ein Hund drängte in dem Augen­blick in den Raum, ein großes, buschiges Wesen, seine Rute fegte über den Rand des Tis­chchens und traf meine Hand, die, durch den winzi­gen, aber kom­pak­ten Tisch von der deinen getrennt, mein Knie massierte.

Ich zuckte zusam­men. »Den kenne ich«, sagtest du lächelnd, »der ist harm­los, aber er kann sehr lästig wer­den. Wie übri­gens sein Her­rchen auch. Man sieht sie fast jeden Tag hier herum.« In mir erwuchs das Bild eines nach Schweiß und Urin riechen­den Stadt­stre­ich­ers, der um nichts in der Welt von deiner Seite weichen wollte, vorneweg der riesige Hund. Miss­mutig notierte ich, wie bei jedem Schritt und jeder Bemerkung, die du amüsiert und beiläu­fig fallen ließt, eine Span­nung sich auf­baute und zu ihm abfloss, spürte, wie die fordernde Aus­dün­stung der Gestalt dich durch­drang und mürbe machte. »Leute kennst du«, bemerkte ich spitz, und gab dir damit leichtes Spiel. »Ich wüsste nicht, dass die Leute, die ich kenne, sich von anderen son­der­lich unter­schieden. Aber wer weiß, in welchen Kreisen du dich herumtreibst. Kann schon sein, dass ich ein Tal­ent habe, auf Men­schen zu tre­f­fen, die anders sind. Kennst du den –«

Ich kan­nte ihn nicht. Wie hätte ich sollen? Du warst zu entsch­ieden eine Kar­ri­ere­frau, wie man das nennt, ziel­stre­big in deinen Beziehun­gen, unsere zwei­deutige Fre­und­schaft stammte aus anderen Zeiten. Auch wurde ich den Ver­dacht nicht los, dass die Parade erstaunlicher Män­ner (Frauen kamen in deiner Rede nur sel­ten, und wenn, dann eher beiläu­fig vor – deko­ra­tiv), die du als­bald vor meinem unbe­wegt blick­enden inneren Auge in Gang set­ztest, vor allem dazu bes­timmt war, den einen Namen auszus­paren, der dir kurz entschlüpft war, um sogle­ich durch sein osten­sives Nichtvorhan­den­sein zu wirken. Während ich diesem Ein­druck nach­hing, der mir zu auf­fäl­lig schien, um nicht in irgen­deinem Winkel deiner Seele gewollt zu sein, fand ich, dass er nur einen Effekt ver­dop­pelte, den ich die ganze Zeit über gespürt hatte. Die Abwe­sen­heit dieses Mannes (nicht die physis­che, son­dern, wie frühere Gen­er­a­tio­nen es aus­ge­drückt hät­ten, seine moralis­che Abwe­sen­heit) formte unsere Begeg­nung. Wie wir da saßen und rede­ten, benah­men wir uns gle­ich­sam auf Pump: wir gaben einan­der (und jeder sich einzeln) den Kredit, den wir brauchten, um den geschlosse­nen, von gläser­nen Wän­den umgebe­nen Raum zu betreten und später gemein­sam wieder zu ver­lassen. In diesem Raum fand etwas statt, das man, im Jar­gon der Bits und Bytes schwadronierend, als Aus­tausch defek­ter Infor­ma­tio­nen beze­ich­net hätte. Was wir da aus­tauschten, war durch die Exter­ri­to­ri­al­ität des Ortes bes­timmt, es war eine Information-​minus-​eins, in der die Dinge eine andere Fär­bung annah­men, einen leichten Blaus­tich, als habe sich der Drucker in der Farb­skala geirrt. Der Irrtum – wenn es einer sein mochte – stellte sich als Glücks­fall ein, den wir dankbar annah­men und sorgfältig hüteten. Wie du jenen Namen kurz hat­test fallen lassen, schien es mir ein Sig­nal zu sein, mit dem du mich darüber ins Benehmen set­zen woll­test, dass du im Bilde warst und wil­lens, die Regel zu respektieren.

Darauf einzuge­hen fiel mir schon deshalb nicht schwer, weil ich auch bei früheren Zusam­menkün­ften darauf geachtet hatte, den Namen um jeden Preis zu ver­mei­den. Teils, weil ich keine Lust hatte, mich zu ver­stellen, teils, weil ich dir nicht zumuten wollte, vor mir die Rolle zu spie­len, mit der du im täglichen Leben bestens zurechtkamst, die ich aber heuch­lerisch und beinahe intri­g­ant fand. Deine Beziehung war, in mehrfacher Hin­sicht, ein Witz. Wir – deine alten Fre­unde – erin­nerten uns gut an deine Ver­suche, ihr zu entkom­men: verge­bliche Anläufe, fehlgeschla­gen auf­grund des selt­samen von dir dabei an den Tag gelegten Ungeschicks, vor allem aber, weil ein gewisser, fast unbe­grei­flicher männlicher Korps­geist dich immer wieder dem beste­hen­den Ver­hält­nis einverleibte.

Nicht dass wir Eugen akzep­tierten: der Tag, an dem du ihn unserer Runde – dem Club der Nör­gler, wie du sie nan­ntest – auf­genötigt hat­test, hatte bei allen Anwe­senden einen säuer­lichen Nachgeschmack hin­ter­lassen. Die Göt­tin – eine, zugegeben, etwas kratzbürstige Göt­tin – hatte sich als sterblich ent­puppt; mit der Tre­ff­sicher­heit deiner Sätze kon­trastierte for­tan uner­bit­tlich die Unsicher­heit deines sex­uellen Geschmacks. Immer­hin, dir zuliebe rück­ten wir zusam­men, ohne für das Opfer entschädigt zu wer­den. Deine hym­nis­chen Beteuerun­gen ließen zwar keine weit­eren Anzüglichkeiten zu, überzeugten aber nie­man­den. Nie zuvor hat­ten wir dich bei einer ver­gle­ich­baren Regung ertappt. Dass du es nötig hat­test, zu bewun­dern, darin lag ein Stil­bruch, der uns nicht in den Kopf wollte. Das Objekt der Bewun­derung war nicht dazu ange­tan, unser Erstaunen zu rel­a­tivieren; wir sahen die Kröte, von der du steif und fest behauptetest, sie sei ein Prinz.

Gewöhn­lich saß er schweigend dabei. Später, viel später sollte ich einen Ein­blick bekom­men, wie stark er in unserer Runde litt. Der Hass hatte sich stetig in ihm ges­taut, ohne ein Ven­til zu finden. Manch­mal fragte ihn einer direkt ins Gesicht, so dass er nicht auswe­ichen kon­nte. Was dann passierte, war nicht komisch. In seiner Stimme, die das übliche akademis­che Falsett mit schrillen Obertö­nen anre­icherte, war das verge­bliche Hüpfen und Flat­tern eines Vogels, dessen Fuß in der Schlinge steckt. Wahrhaftig, er stam­melte. Als einer, der ‘davon aus­geht’, dass seine Mei­n­ung ohne­hin nicht zählt, sam­melte er sich aus schwieri­gen Fer­nen und stieß nach wieder­holten Beteuerun­gen der Ver­wun­derung und des Erstaunens zu Plattheiten vor, die uns immer wieder die Sprache ver­schlu­gen. Dabei war das, was er her­aus­brachte, nicht ein­fach dumm, nur maß­los unentsch­ieden und deshalb unbrauch­bar, wenig­stens hier, wo ein ungezügeltes Wort das andere gab und zwis­chen eini­gen Glas Bier mancher­lei The­o­riege­bäude den Geist auf­gaben, um als­bald muntere Aufer­ste­hung zu feiern.

»Er schreibt nichts mehr«, hörte ich dich mit einem Mal, als seist du meinen Gedanken gefolgt. »Er behauptet, er müsse sein Denken von allen akademis­chen Zwän­gen freimachen, um seiner Auf­gabe gewach­sen zu sein. Er lehnt es ab, sich im Betrieb zu pro­fil­ieren. Er geht auch nicht mehr ins Sem­i­nar. Eigentlich geht er kaum noch in die Stadt, ich muss ihn prak­tisch zwin­gen. Er will sein Zim­mer nicht mehr ver­lassen, weil ihn nur dort nichts am Denken hin­dert, wie er meint. Ich weiß, was du davon hältst. Aber ich habe eine ganz hohe Mei­n­ung von dem, was er da ver­sucht.« Schon meldete sie sich wieder, die Stimme der Mimikry, die ich ver­ab­scheute. »Aber es ist schon schwierig, das gebe ich zu. Ich hätte ja nichts dage­gen, wenn er sich ein wenig am Betrieb ori­en­tieren würde. Dabei kennt er alles, das stelle ich immer wieder fest, ich begreife gar nicht, wo er es her­hat. Das ist schon erstaunlich. Irgend­wie komme ich mir dann immer so schüler­haft vor.«

2.

Darauf gab es nichts zu ent­geg­nen. Vielle­icht doch? Du hat­test die stumme Übereinkunft gebrochen, aus einem Impuls her­aus, den nicht zu erken­nen oder sogar zu miss­bil­li­gen ich vor­gab, solange ich still­hielt. War das die Wahrheit? Und, um die Wahrheit aus dem Spiel zu lassen: War es fair von mir, mich diesem Gespräch zu ver­weigern? Ich hatte Bedenken. So, mit fast ton­loser Stimme – oder dem, was ich dafür hielt –, begann ich zu reden. Behal­ten habe ich kein einziges meiner Worte, aber was ich vor­brachte, entsprang dem unge­lenken Ver­such, dir zu zeigen, dass ich ver­standen hatte. Immer­hin mis­chte ich mich nicht ein. Ich ver­bre­it­ete mich über ähn­lich gelagerte Fälle. Das war ein Fehler. Er fiel mir nicht schwer, die akademis­che Fauna bot genü­gend Anschau­ungs­ma­te­r­ial. Du hiel­test es nicht für nötig, mich zu unter­brechen, dreht­est nur das Glas in deinen Hän­den, links-​, recht­sherum, mit mat­ten, gedämpften Bewe­gun­gen, die mir ver­ri­eten, was ich ohne­hin merkte: dass ich völ­lig daneben­lag, ich mochte mich anstren­gen, wie ich wollte. Das hier war dein Thema, ganz und gar deins, und ich, mit­samt meinem aufge­set­zten Ver­ständ­nis, hatte nichts davon begrif­fen. Der von blauen Adern durch­zo­gene Rücken deiner Hand, welche die Glas­run­dung umschloss, ver­riet die Bewe­gung eines bers­ten­den Schiffs, dessen Bor­d­wand sich langsam zur Seite neigt und im Ungreif­baren ver­schwindet. Also been­dete ich meinen Allein­gang mit einem Satz, der alles umschloss und einen Aus­gang ins Unge­fähre ermöglichte: »Schließlich weiß man nie, auf welcher Seite das Glück liegt, von der Wahrheit ganz zu schweigen.« Dankbar blick­test du auf, zupftest den Blazer zurecht und bemerk­test entschlossen: »Er kön­nte ja auch ein­mal etwas tun.« Das leuchtete mir ein, vor allem, da es aus deinem Mund kam, aber im Augen­blick fand ich mich weit davon ent­fernt, den Wun­sch zu teilen. Erstaunt ent­deckte ich in mir eine Löwen­grube voll boshafter Hoff­nun­gen, die darin übereinka­men, dass sie deinen flügel­lah­men Gefährten für immer in den Abgeschmack­theiten seiner gegen­wär­ti­gen Exis­tenz festzurrten.

Der Anprall des Bösen raubte mir die Stimme. Uner­wartet durch­strömte mich die Energie des Hex­ers, der das Unheil im Haus des Nach­barn schürt, ohne selbst davon zu prof­i­tieren. Let­zteres stimmte nicht ganz. Der Gewinn lag in der gegen­wär­ti­gen Sit­u­a­tion, die danach schrie, sich in alle Zukunft auszudehnen. In einem Winkel seiner Seele, in den weder die Argu­mente der Philosophen noch die Illu­mi­na­tio­nen der Wer­beleute hinein­re­ichen, ist jeder Men­sch ein Agnos­tiker; sonst hätte sich so etwas wie Höflichkeit nie entwick­eln kön­nen. Das hin­dert uns keine Sekunde lang daran, tiefe Blicke in das Innere eines frem­den Indi­vidu­ums zu wer­fen und auf dem Boden seiner Psy­che herumzus­pazieren wie zwis­chen den Sträuch­ern eines frisch erwor­be­nen Grund­stücks. Aus dem beglei­t­en­den Gefühl, dass der Erwerb nicht recht­ens und die Zeit des Besitzes gezählt ist, erhebt sich die pure Lust und mit ihr eine unüber­windliche Abnei­gung gegen die Vorstel­lung, den okkupierten Grund mit einem anderen zu teilen oder sogar abzutreten. Was deinen Gefährten angeht, so störte er nicht, im Gegen­teil: da wir offen­bar in seinem Namen beisam­men saßen, musste er in alle Ewigkeit bleiben, der er nun ein­mal war, der Dritte im Bunde, der erste, der zum let­zten aufgerückt war, zum Mann am Steuer, dazu ver­dammt, Kurs zu hal­ten, mochte passieren, was wollte. Da im Grunde nicht viel passieren kon­nte, durfte man annehmen, dass er die Auf­gabe meis­tern würde. Nicht ohne Befriedi­gung malte ich mir aus, wie er dort oben in seinem Stübchen auf und ab lief, sich reckte, seufzend in einen Ses­sel hine­inglitt, mit spitzem Fin­ger ein aufgeschla­genes Buch vom Boden klaubte, seinen Rücken massierte, pin­gelig den Staub von den Blät­tern blies und sich zu lesen anschickte. Der grüne Ein­band weckte Ver­trauen, auch wenn die Schrift kaum zu entz­if­fern… Während­dessen begann die Frau, mit der er Tisch und Bett teilte, sachte an mich geschmiegt sich über Dinge auszubre­iten, von denen ich bisher keine Ahnung gehabt hatte und die ich zunächst gar nicht recht mit­bekam. Als ich mich dur­chat­mend zurecht­set­zte, warst du ger­ade dabei, dich im Leben deiner Mut­ter zu verplappern –

Deine Mut­ter inter­essierte mich nicht. Über­haupt war mir gle­ichgültig, von wem du sprachst; genug, dass deine kratzige, ein wenig hohl klin­gende Stimme mein Ohr kitzelte. Ich fühlte mich irgend­wie ent­führt und geschaukelt von der Melodie der Worte. Alles, was mein Gehör auf­nahm, bezog ich ohne Umschweife auf dich, wie dir meine kar­gen Ein­würfe klar­ma­chen mussten. Du zogst es vor, den Miss­griff nicht zu kor­rigieren – ein Schachzug, der dir erlaubte, das Gewicht, das dich drückte, in die Kind­heit auszu­lagern und einer Frau im mit­tleren Alter aufzubür­den, die sich in meiner freibeu­ter­ischen Phan­tasie über einen hochbeini­gen, mit Über­resten ver­bran­nten Fetts gesprenkel­ten Küchen­herd beugte, ange­tan mit einer blauen Kit­telschürze, die sie gle­ich abnehmen würde, um dem Mann, dessen träger Schritt im Trep­pen­haus aufk­lang, das Essen aufzu­tra­gen: Kohlrouladen mit Wirs­inggemüse und Kartof­feln. Wusste ich, was dich trieb? Zweifel­los ein Bedürf­nis nach Rache, doch erst der Abstand hat mir die Augen dafür geöffnet. Der lei­dige Abstand – als ob nicht Myr­i­aden von Fettzellen zwis­chen unseren geistig empfind­licheren Orga­nen Platz fan­den, vom leeren Raum nicht zu reden. Immer muss es die zeitliche Dis­tanz sein, das Gefühl des Vor­bei, damit die Dinge ihren Platz finden. Die Zeit ist ein schweigsamer Platzan­weiser im Kino unseres Bewusst­seins, in dem wir zugle­ich das leere Gestühl und die Lein­wand stellen, zum Gaudium eines Pub­likums, das wir nicht aus­ge­sucht haben und das den Streifen, den man ihm vorsetzt, so gut wie nie bis zum Ende ver­folgt. Mein Gemüt blieb fromm wie ein Lamm, während du, vom Dämon getrieben, gründlich aus­pack­test. Hättest du doch geschwiegen! Was du ihr hin­tere­inan­der vor– oder besser nach­warfst, musst du sel­ber am besten wis­sen: über allem die Ehe mit deinem Vater, in der, wenn ich dir Glauben schenkte, stets sie es war, die tat, was getan wer­den musste, wohinge­gen er, obwohl von Haus aus schwäch­lich, voll unbe­grei­flicher Zuver­sicht immer ver­we­genere Pro­jekte in Angriff nahm. Nein, keines stürzte jemals zusam­men, ein ums andere Mal hielt Mut­ter die Dinge im Lot, betreute das vom Vater nur in bre­iten Schraf­furen hinge­wor­fene Leben neben dem ihren, das darüber ebenso zu kurz kam wie die im emo­tion­slosen Raum veg­etieren­den Kinder. Sie war sein Dou­ble, was sie nicht davon abhielt, eis­ern, bei gele­gentlichem Film­riss, als die Fee an seiner Seite zu fig­uri­eren. »Ver­stehst du?« Ein­same, gut durch­lüftete Frau, bis an den Rand ihrer Kräfte damit beschäftigt, zu sein und zu simulieren, ersatzweise ein anderes Selbst ins Ziel zu brin­gen, sein Schat­ten, sein Werkzeug, seine ihm entwen­dete Eigen­liebe. Gut, ich kan­nte deinen Ehrgeiz, ich hatte immer angenom­men, dass er ohne Umschweife auf seine Ziele los­ging. Dass es so um dich stand, hatte ich nicht ent­fernt geahnt, mir fehlten die Worte. Ich fühlte mich unan­genehm berührt. Das, was du sagtest, klang bedrohlich, es enthielt eine Kamp­fansage an mein Geschlecht, der ich auszuwe­ichen ver­suchte. Als ein­fach­ster Weg emp­fahl sich rasche Sol­i­darisierung – gegen den dort, den Unaussprech­lichen am Kalvarienort deiner Gefühle. So machte ich die Bemerkung (und biss mir auf die Lip­pen, als es zu spät war, sie zurück­zu­holen): »Hast du je daran gedacht, dich zu trennen?«

Ich hätte es lassen sollen. Doch wann hätte ich diesen müden Blick unter hoheitsvoll zusam­menge­zo­ge­nen Brauen sonst zu sehen bekom­men? Nach einer Schreck­sekunde durch­fuhr mich das heiße Ver­lan­gen, dich ins Ohrläp­pchen zu kneifen. Was immer ich in diesem Augen­blick denken mochte, es reichte nicht aus, die Lage zu sta­bil­isieren, sie erschien hoff­nungs­los. Ich hatte die Verbindungsleine gekappt, die unsere aufge­drehten Gemüter nebeneinan­der in sicherer Dis­tanz hatte vib­ri­eren lassen, und ich sah deine Aura wie einen los­ge­lasse­nen Drachen im Zick­za­ck­kurs sich in die Lüfte ent­fer­nen. Unwirsch über­schlug ich die Zeit, die ich für den Nach­hauseweg brauchte; wenn ich rechtzeitig loskam, kon­nte ich noch über den Abend ver­fü­gen. Däm­merung sank. Im Café erhob sich Getüm­mel. An der Theke stand der Stadt­stre­icher, den ich sofort erkan­nte, sein böses Gesicht glomm im milden Schein der Deck­en­leuchte, ein roter Mond, auf den der Wirt spechtar­tig zustieß. Mit ver­dunkel­tem Blick eilte die Bedi­enung in den Raum. »Wir soll­ten das Lokal wech­seln«, brummte ich, mehr für mich. Die Antwort warf mich um. »Soviel Zeit habe ich nicht mehr«, erwidertest du, deine Fin­ger suchten und fan­den den Weg zu meinem Han­drücken, mit dem sie vor­sichtig spiel­ten, als bade­ten sie einen Säugling. »Lass uns hier zu Ende kom­men.« Ich stup­ste dein Haar, dessen zer­splis­sene Spitzen ein leichtes Gewölk auf die straffe Frisur legten. Du rührtest dich nicht. Auch nicht, als meine Hand deinen Rücken ent­lang­fuhr und unschlüs­sig liegen­blieb. Ich zog sie zurück. »Erzähl von dir«, fordertest du sanft. Bald hatte ich mich in Eifer gere­det, dein geweit­eter Blick stim­ulierte den Rede­fluss, ich wedelte, rud­erte, deine Kom­mentare stießen mich vor­wärts, ins Ufer­lose. Als hättest du im Schilf ein Boot ver­bor­gen, das du nun los­ban­d­est, trieben wir beide. Die Straßen­beleuch­tung ging an. Niesel­re­gen nässte die Fen­ster­front. Dort stand ein Junge, zirka zehn Jahre alt, drückte die Nase gegen die Scheibe und ließ einen sorgsam cool gestell­ten Blick über die Gäste wan­dern. Seine rechte Hand stak im Hosen­schlitz und stieg monoton auf und ab, der ver­schobene Anorak bauschte sich und brachte auf dem Glas ein leise kratzen­des Geräusch hervor.

Der Traum, dieses Chaos aus Bildern, will erzählt wer­den; wir, die ihm den Gefallen erweisen, wis­sen sehr gut, dass er sich an die Erzäh­lung ver­liert, sich in ihr löst wie ein starkes Pul­ver… Später, als sich die Span­nung gelöst hatte, behauptetest du ener­gisch, du hättest nichts davon bemerkt. Doch mir war nicht ent­gan­gen, wie du, das unauf­dringliche Stückchen Nichts vor Augen, mit­ten im Aus­druck erstarrt warst, wie deine Fin­ger sich rück­wärts ori­en­tierten, nach einem Stück Erde tas­tend, in dem sie sich fes­tkrallen kon­nten. »Ster­ben«, murmeltest du. »Weißt du, es beginnt in den Beinen. Ein kleiner Fehltritt; der Fuß schleift am Boden, obwohl du ihn doch gehoben hast. Es passiert nicht so oft, aber es kommt wieder. An manchen Tagen unter­läuft es einem dauernd; du strengst dich an, um es zu ver­mei­den, aber zwei, drei Schritte später ist es wieder so weit. Ver­such mal, es einem Arzt zu erzählen. Ein prüfender Blick, das war’s. Nur zu: er ver­schreibt dir ein leis­tungssteigern­des Mit­tel. Spricht was dage­gen? Aber nicht doch. Schweigen. Beim frühen Rilke gibt es den Mann, der seine Zeit in kleiner Münze hortet und es nicht über sich bringt, sie auszugeben. Was ich über­haupt nicht ver­stehe: wie kommt er zu dem Zaster?« Du sagtest wirk­lich »Zaster« in dem Moment, das Neon­licht stand wie gleißende Schminke um deine Augen. »Ich habe keine Zeit, weder in großer noch in kleiner Münze. Ich ver­aus­gabe mich; wäre ich poet­isch ver­an­lagt, so würde ich sagen, ich gebe mich aus. Aber die Ein­nah­men bleiben spär­lich. Sie reichen so lala, um die aufge­laufe­nen Rech­nun­gen zu bezahlen. Apro­pos Schulden: Ich bin dir noch einen Kaf­fee schuldig. Tu nicht so, als hättest du es vergessen. Ich mag das nicht. Über­haupt finde ich, du hast dich verän­dert, ich weiß noch nicht, ob zu deinem Vorteil. Bedi­enung! Sind wir dann quitt?«

Geplät­tet, wie ich mich fühlte, beg­ing ich eine unverzeih­liche Dummheit; ich begann zu lachen. Nicht das wis­sende Lachen des Gelehrten, läs­sig her­abgestuft, ohne doch bit­ter zu wirken – nein nein, ich lachte, ich will nicht sagen, aus vollem Halse (auch wenn ich keiner von denen bin, die den Hals nicht vol­lkriegen), es lag mir fern, dich auszu­lachen, ich lachte nur ein­fach, erschüt­tert von abgestuften Explo­sio­nen der Heit­erkeit, die nach innen hin als nervöse Zuck­un­gen fortliefen, und nickte dir zu, während ich mit dem Hand­ballen zwei Trä­nen aus den Augen­winkeln wis­chte und acht­los ver­rieb. Solange du sprachst, hatte ich mein Ziel keine Sekunde aus den Augen gelassen, es schien mir bis auf eine Hand­breit herangerückt, als du die Kell­nerin her­an­riefst und Anstal­ten macht­est, die Zeche zu übernehmen, meine Zeche, um die Sache rüde beim Namen zu nen­nen: in einer kaum mess­baren Spanne war es zer­flossen und ver­schwand, wen­ngle­ich nicht spur­los, unter dem Hor­i­zont. Mein Gelächter war ein Leichen­tuch, das ich rasch und entschlossen über den Kadaver einer zer­ronnenen Hoff­nung warf, um ihn vor frem­den Blicken zu bewahren, zu denen jetzt bere­its die deini­gen zählten, unter gerun­zel­ter Stirn vor­preschende Schakale, die sich uner­bit­tlich, da einer Ver­let­zung entsprin­gend, auf ihr Opfer stürzten.

Hättest du in dem Augen­blick gesagt, ich sei ein –, nein, hättest du über­haupt etwas Wüten­des gesagt, ich hätte dich, ermat­tet und ver­stört, wie ich war, um Verzei­hung gebeten: für dein Leben und meins, unser verp­fuschtes, so gar nicht klas­sik­er­mäßiges, durch keine im Wider­stand erwor­bene Erfahrung vere­deltes, heil­los pri­vates Dasein, in dem wir uns glichen wie ein Ei dem näch­sten, eine brave Begierde der anderen. Auch dass du auf­s­tand­est, schweigend deine aus­gekramten Uten­silien ein­sam­meltest, war okay. Eine Geste, eine winzige, ver­störte Geste hätte gere­icht, mich auf den Boden der Tat­sachen zurück­zubrin­gen. Aber dass du es fer­tig­bracht­est, mit einem langgedehn­ten, nasal gefärbten »also« begin­nend, die Arme vor der Brust gekreuzt und die Hände im Blazer ver­ber­gend, den Auf­bruch in der Bemerkung man­i­fest wer­den zu lassen, so schnell wür­den wir uns wohl nicht wieder­se­hen, schuf eine Sit­u­a­tion, der ich mich nicht gewach­sen erwies. Jeder sich selbst zuge­wandt, wick­el­ten wir uns in unsere Män­tel. Draußen, in der Nässe, ent­fer­n­ten sich unsere Kör­per rasch voneinan­der, zu rasch für meinen wieder­erwachten Geschmack; mit einer aus­greifenden Gebärde, von der ich bis dato nicht gewusst hatte, dass sie zu meinem Reper­toire gehörte, holte ich dich nochmals heran und küsste dich auf den offe­nen, undeut­lich fra­gen­den Mund. Wenn ich gehofft hatte, keinen Wider­stand anzutr­e­f­fen: da war die Erfüllung.

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