1.

Sie waren her­beigekurvt aus ver­schiede­nen Him­mel­srich­tun­gen: das Rhein­tal her­auf der eine, Seit­en­straßen und Neben­täler des Mit­tel­ge­birges aus­nützend der andere. Einer wie der andere waren sie ihren Vehikeln entstiegen: dem ros­t­ver­set­zten Beige seines Blechge­birges der eine, dem schnieken Grau eines Sechszylinder-​BMWs der andere, und nun standen sie, nach­dem sie sich förm­lich die Hände geschüt­telt hat­ten, ein jeder die Akten­tasche in seiner Linken, unter dem aufge­mal­ten Renais­san­ce­portälchen des Hauses Num­mer ein­hun­der­tachtundzwanzig, drück­ten abwech­selnd die Klin­gel und drehten die Handge­lenke, um einen Blick auf ihre Arm­ban­duhren zu werfen.

Es war zehn Uhr mor­gens. Das Dröh­nen eines vorüber­fahren­den Lastzugs ließ die Luft bersten, während drin­nen das Jaulen und Kläf­fen einer Meute los­ge­lassener Köter erscholl, die wild gegen ein Hin­der­nis anzuren­nen schien. Kurz darauf öffnete sich die Tür: erst einen Spalt­breit, dann ganz. Vor ihnen stand ein Mann mit dem aufge­setzt leut­seli­gen Lächeln eines Gastwirts.

»Herein mit euch, Jungs«, sagte er, die Hand zur Schläfe führend, etwas belegt die Stimme, »ihr kommt ger­ade rechtzeitig, das Früh­stück steht bereit.«

Zwei strup­pige Rauh­haar­dackel schossen raketen­gle­ich an ihnen empor. Sie traten in den dämm­ri­gen, über­wölbten Tor­raum, von dem links eine Stiege abzweigte, durch­querten den angren­zen­den Hof und fan­den sich in einer Diele von beträchtlichen Aus­maßen wieder, deren Mitte die riesige Imi­ta­tion eines Settecento-​Büfetts einnahm.

»Betra­chtet die Pranke des Löwen«, rief der Haush­err, indem er sich halb mech­a­nisch nieder­beugte und den tat­säch­lich klaue­nar­tig zugeschnitzten Möbel­fuß zur Linken stre­ichelte; dann ver­schwand er laut­los in der Küche. Die bei­den Ankömm­linge standen beisam­men und tauschten Belan­glosigkeiten. Die Tür zur Küche stand offen. Unwillkür­lich dämpften sie den Klang ihrer Stim­men, sobald von dorther ein Klap­pern ertönte.

Beide waren von annäh­ernd gle­icher Statur – ein wenig schlanker der eine, dessen Augen hin­ter den starken Bril­lengläsern unnatür­lich groß wirk­ten. Vielle­icht lag die Übertrei­bung auch in dem Kon­trast zwis­chen ihrem dun­klen Braun­ton und der durch­scheinen­den Blässe dieses Gesichts, der durch den pech­schwarzen, büschelar­ti­gen Haar­wuchs her­aus­gear­beitet und von dem Horngestell der Brille ger­ahmt wurde. Blaubart, dachte Eduard, ihn beiläu­fig betra­ch­t­end, zum wieder­holten Male, bevor sich beide dem Haush­errn zuwandten, der soeben in der Tür auf­tauchte und mit zit­triger Hand eine Tasse auf ihrem Unter­satz jonglierte.

»Feiert ihr eine Steh­party, Jungs?« keck­erte er und bre­it­ete die Arme aus, während er auf sie zukam. – »Die Putzfrauen nan­nten ihn Dandy, haha«, bemerkte er, die Gruppe (er hatte sich zwis­chen die bei­den gedrängt und seine Arme auf ihre Schul­tern gelegt) gegenüber dem Flur­spiegel ins Halbpro­fil schiebend und sich zufrieden über das verblich­ene Flachshaar stre­ichend; die Tasse tanzte bedenklich.

Im Spiegel­rah­men klemmte ein sig­niertes Foto, das ihn Arm in Arm mit einem schlo­hweißen End­sechziger zeigte. Flüchtig grup­pierte sich in Eduards Erin­nerung das Bild einer Begeg­nung, das er mit einem leisen Unbe­ha­gen von sich zu schieben ver­suchte: der greise Mae­stro, auf dem Fahrrad ihm und seinem Begleiter ent­ge­genk­om­mend und ihnen lächelnd die Hand reichend. »Sieh an, die bei­den Jungs« – so oder ähn­lich hatte er sie begrüßt, mit leicht spöt­tis­chem Unter­ton in der Stimme. »Seine Jungs, ja, so nennt er sie wohl«, hatte er noch gemurmelt, jedes Wort mit dem Gau­men ertas­tend, aber sein Blick hatte ihnen bere­its nicht mehr gegolten, er war schon auf und davon gewesen.

»Bin ich nicht wie ein Vater zu euch?« tönte die Stimme des Gast­ge­bers, während er sie durch die Küche in das rück­wär­tige Zim­mer schob, um mit einer knap­pen Hand­be­we­gung, einem wort­los beredten Hättet-​ihr-​das-​gedacht auf den Tisch zu weisen, auf dem, siehe da, aus zier­lichen Täss­chen – nicht ganz blüten­weißen – der Tee dampfte. Sie nah­men Platz. An der vorderen, zur offe­nen Tür hin gele­ge­nen Seite der Haush­err, der unverzüglich vom bere­it­ste­hen­den Aschen­becher eine hal­bger­auchte Zigarette nahm und an ihr zu saugen begann, noch bevor er die mit­ge­führte Tasse klir­rend abge­setzt hatte. Ihm gegenüber, sich geläu­fig in den engen Raum zwis­chen Wand und Tisch fügend, der schmal­brüstige Besucher. Eduard bugsierte den verbleiben­den Stuhl in den freien Raum und machte es sich bequem. Einen Augen­blick lang fühlte er den Blick der anderen auf sich ruhen. Als er auf­sah, fiel ihm ein, dass alle Per­so­nen in diesem Raum annäh­ernd gle­ich groß waren und dass sich jeder deshalb unwillkür­lich für größer hielt als die anderen. Er nickte den anderen zu und grinste.

Sie hat­ten die Tassen geleert. Der Haush­err eilte in hek­tis­cher Geschäftigkeit hin und her. Er räumte das Geschirr fort, brachte Gläser und Orangen­saft für die bei­den (die sich bemühten, den Tumult zu überse­hen), eine Flasche Bier für sich selbst, zün­dete mit fin­gern­den Hän­den eine neue Zigarette an und ver­schwand erneut, um mit einer Schale Erd­nüsse zurückzukehren.

»Da nehmt«, knur­rte er, stieß die Schale auf den Tisch und zog seinen Stuhl heran. »Das ist für euch Knab­ber­af­fen, solang der Vor­rat reicht.« Er ließ ein schwaches Keuchen vernehmen und griff nach dem Bier.

Der Schmächtige wandte sich Eduard zu, als gehöre der Raum ihnen. »Er hält uns für Affen«, sagte er mit einer Stimme, in der sich empörte Lustigkeit und belustigte Empörung die Bal­ance hielten.

»Er nimmt’s, wie’s kommt«, murmelte Eduard, und alle lachten.

»Und nun ander­sherum, meine Herrschaften!« Der gemütliche Stimm­fall des Haush­errn erhielt mit einem Mal einen schar­fen Beik­lang. Es war, als habe er an sein Glas gek­lopft (das er ger­ade mit geübter Hand nach­füllte) und damit die Sitzung eröffnet. »Ihr seid zu spät gekom­men, und ich habe bisher noch keine Entschuldigung gehört.« Eduard set­zte sich eine Spur läs­siger auf seinen Stuhl. »Ihr wisst, dass ich solche Nach­läs­sigkeiten nicht dulden kann. Nicht, wenn es um die Sache geht.« Die Stimme zögerte, offenkundig ange­tan von der Schlüs­sigkeit des Gesagten. Die Gemütlichkeit war fort­ge­blasen. In einer plöt­zlichen Müdigkeit dehn­ten sich die Gegenstände.

Eduard ver­fol­gte den mat­ten, ihm unver­ständlichen Recht­fer­ti­gungsver­such des Dün­nen, den schar­fen und ver­nich­t­en­den Kom­men­tar der anderen Seite. Die Reden­den schienen unge­mein fern zu sein. Leicht über den Tisch gebeugt und mit dem Hand­ballen die Tis­chfläche reibend der Dünne. Aufrecht sitzend, mas­sig und bre­it­beinig der andere, die aus den Fugen gegan­gene Leibesmitte eher not­dürftig vom Hosen­bund zusammengehalten.

Sie sind Part­ner, dachte Eduard hil­f­los, warum lässt er das mit sich machen? Sein Blick streifte das schüler­haft anmu­tende Mienen­spiel des Dün­nen. Er schwenkte hinüber zu den anmaßen­den Gesicht­szü­gen des anderen. Hier geschah, was stets geschieht. Eduard spürte, wie sich sein Magen zusam­men­zog. Drei Per­so­nen sitzen in einem Raum, und es beginnt das Aus­mit­teln des Stärk­eren, das immer­gle­iche Spiel.

Der Fette fis­chte nach seiner Bier­flasche und öffnete sie behende. Das Spiel zeigte Wirkung. Früher hat­ten sie den Fet­ten gele­gentlich schlafend angetrof­fen. Eduard entsann sich der Umstände, die es gekostet hatte, in den ver­schlosse­nen Hof einzu­drin­gen und durch ener­gis­ches Rüt­teln an den Rol­lä­den erst die Hunde und dann den Haush­errn zu wecken. Heute hat­ten sie sich Zeit gelassen. Es war wie eine heim­liche Verabre­dung, getrof­fen, um zu demon­stri­eren, dass sie nach wie vor gewillt seien, es mit dem aufzunehmen, was in diesem Raum geschah und wieder zu geschehen im Begriff stand.

Der Haush­err hatte sich erhoben. Mit eiliger Hand hatte er die leeren Bier­flaschen vom Tisch genom­men und war in der Küche ver­schwun­den. Der Dünne wandte Eduard ein gequältes Gesicht zu und öffnete den Mund. Der andere erschien bere­its wieder im Tür­rah­men. Eine unversehrte Flasche trug er wie ein Weihrauchge­fäß vor sich her.

»Eines möchte ich ganz klarstellen, meine Her­ren. Merkt euch gut, was ich jetzt sage.«

Er markierte den gestren­gen Schul­meis­ter, die Stirn in beden­kliche Fal­ten gelegt. Die freie Hand griff nach dem ver­rutschten Hosen­bund, über dem die Hemdzipfel ihr bewegliches Eigen­leben begonnen hatten.

»Wenn ihr zu erscheinen habt« – er klopfte mit dem Hand­ballen gegen die Tis­chkante –, »dann seid ihr da, ver­steht ihr? Ich sage das ein­mal, und ich sage es jetzt, und wer es nicht begreift, für den ist kein Platz in diesem Team: Ich wün­sche keine Entschuldigun­gen, ein für alle­mal.« Seine Stimme hatte einen heis­eren Klang. Die Gläser vib­ri­erten. »Und kommt mir nicht mit eurem Pri­vatleben. Habe ich etwa ein Pri­vatleben? Ich habe die Schnauze voll von eurem Pri­vatleben. Take it or leave it, wie der Englän­der sagt.« Er wis­chte sich den Schweiß von der Stirn, der sich dort seit ger­aumer Zeit gebildet hatte.

Da geht er hin, dachte Eduard, und keiner kann ihn aufhal­ten, als ihn der empörte Blick des Fet­ten traf. »Und du? Hast du nichts zu sagen?« schrillte er.

»Doch«, antwortete Eduard, das Kinn leicht vorgestreckt und die Worte bedächtig artikulierend, »ziem­lich viel sogar. Deshalb möchte ich, dass wir jetzt« – er schlug die Hand leicht gegen die braune Akten­tasche, die er an das näch­st­ste­hende Tis­chbein gelehnt hatte – »endlich zur Sache kommen…«

»Sieh ihn an!« schrie der Fette, den aus­gestreck­ten Zeigefin­ger auf ihn rich­t­end, »diese Miene, diese Hal­tung, wie er dasitzt!« Sein Gesicht kroch auf Eduard zu, der gestreckte Fin­ger krümmte sich, als wolle er ihn locken. »Damit kommst du nicht durch. Das ist kein Teamgeist, hörst du?« Er reckte sich, Tri­umph in der Stimme: »Du wirst dich ändern müssen, mein Lieber, wenn du mit uns auskom­men willst.« Und er klopfte dem Dün­nen gen­erös auf die Fin­ger der aus­ge­bre­it­eten rechten Hand. Eduard war es, als streife ein Schat­ten seine linke Gesicht­shälfte. Wort­los griff er nach der Mappe und begann, Stapel um Stapel, den Tisch mit Papier zu bedecken.

2.

Die Hunde lagen, stumm aneinan­derge­drängt, bewe­gungs­los im Raum. Nur gele­gentliches Zucken, von raschen Blicken begleitet, zeugte von ihrer Aufmerk­samkeit. Auf dem Tisch, zwis­chen den ineinan­dergeschobe­nen Papier­stößen, stand eine leere Saft­flasche. Trübe Reste ihres früheren Inhalts befan­den sich in zwei Gläsern in Grif­fweite der bei­den Gäste. Auf der gegenüber­liegen­den Seite des Tis­ches rahmten zwei ver­schieden stark geleerte Bier­flaschen ein fast schaum­los gefülltes Glas ein. Eduard und der Dünne beobachteten aus den Augen­winkeln den Haush­errn. Er griff in schneller Folge nach dem Glas, um daraus zu trinken und sofort, ein­mal aus dieser, ein­mal aus jener, manch­mal aus bei­den Flaschen gle­ichzeitig nachzugießen und den alten, rand­vollen Zus­tand wieder­herzustellen. Von Zeit zu Zeit lüpfte er in einer reflex­haften Bewe­gung sein Gesäß, mit der Hand eine Flasche umk­lam­mernd. Dann streifte sein halb abwe­sender Blick ihren Inhalt, und er sank auf den Sitz zurück. In dem licht­losen, rauchgeschwängerten Raum wirkte sein Gebaren selt­sam über­lebendig. Schweiß perlte von seiner Stirn. Die roten Pünk­tchen auf der Nasen­wurzel standen isoliert in der fahlen, teigi­gen Masse seines Gesichts.

»Um zu einem Abschluss zu kom­men, Jungs«, kon­sta­tierte er abrupt und schleud­erte die Zigarette mit aus­holen­der Gebärde in den Aschen­becher, wo er sie mit Sorgfalt zer­drückte, »die Zeichen ste­hen gut, und es müsste mit dem Teufel zuge­hen, wenn wir uns nicht bald für die näch­sten zwanzig Jahre zu Ruhe set­zten kön­nten. Es wird laufen, ver­lasst euch drauf. Vorausgesetzt…«

Er hielt einen Moment inne, während seine Kiefer mahlten.

»Voraus­ge­setzt, ihr erledigt euren Job, wie ich das ver­dammt noch mal von euch erwarten darf. – Das gilt beson­ders für dich, um das mal zu sagen«, schmetterte er und star­rte Eduard has­ser­füllt an. Seine Stimme hatte jetzt den monoton heis­eren, aggres­siven Klang, der sich dem Gehör unbarmherzig ein­grub. »Es tut mir leid, dir das sagen zu dür­fen, aber deine Arbeit für das Pro­jekt recht­fer­tigt bei weitem nicht das Ver­trauen, das ich – und ich kann wohl bemerken wir – in dich gesetzt haben. Ich habe mir erlaubt, dein jüng­stes Elab­o­rat jeman­dem zur Kon­trolle zu geben, der für mich und für dich alle­mal absolute Autorität zu sein hat. Um es vor­weg zu sagen: das Resul­tat ist mies.«

»Darf man fra­gen, um welche Autorität es sich han­delt?« erkundigte sich Eduard, äußer­lich kühl, während es in ihm brannte.

»Nein, das darfst du nicht«, brüllte der andere mit überkip­pen­der Stimme. »Das musst du schon nehmen, wie’s kommt, das eine Mal musst du’s fressen« – seine Back­en­muskeln verz­er­rten sich –, »ums ein­mal ordinär auszu­drücken: Scheiße, dein Benehmen ist Scheiße, du nimmst dir Dinge her­aus, die wir« – er wies mit aus­gestreck­ter Hand auf den Dün­nen, der schein­bar abwe­send vor sich hin blickte – »uns nie und nim­mer her­ausgenom­men hät­ten. Stimmt’s?«

»Stimmt«, sagte der Dünne, auf­blick­end, mit kräftiger, unge­wohnt heller Stimme.

»Autoritäten inter­essieren mich nicht, ich möchte schon Argu­mente«, murmelte Eduard schlaff. Dann, sich belebend, schär­fer: »Wie lauten denn die Einwände?«

»Ein­wände?« Der Fette run­zelte, gle­ich­sam ver­son­nen, einen Augen­blick lang die Stirn, dann stand er langsam auf. »Na bitte, wenn du willst… Damit kom­men wir zum Kern der Sache.«

Er stützte sich schwer auf den Tisch. »Ich trage hier die Ver­ant­wor­tung. Ohne mich bist du im Arsch, wie du wohl wis­sen wirst. Es tut mir leid, das so deut­lich sagen zu müssen.«

Schwer atmend richtete er sich auf, wandte sich wie benom­men zur Türöff­nung und ver­schwand zur Toi­lette. Keiner sprach. Eduards Blick streifte die Gegen­stände im Raum, die mat­tblink­ende Stereoan­lage, den Plat­ten­schrank, die schmud­delige Liege – lec­tu­lus lucubra­to­rius non dor­mi­to­rius, der Ruhe­p­latz des Gelehrten, hier aber wohl doch eher dor­mi­to­rius, davor den Flachtisch, über­häuft mit Büch­ern, teils gestapelt, teils aufgeschla­gen neben– und übere­inan­der, die ober­sten Seiten vergilbt und von einer Staub­schicht über­zo­gen, baby­lonis­che Ruinen einer unterge­gan­genen Geis­testätigkeit. Zum wieder­holten Mal fragte er sich, warum er nicht auf­s­tand und das alles hin­ter sich ließ.

»Vita activa«: der zuoberst liegende Titel, griff­bereit nach ver­jährtem Gebrauch, zog seinen Blick auf sich. Mit einem Schlag verän­derte sich die Kon­stel­la­tion. Ver­trautheit erfüllte das Zim­mer, die Essenz ungezählter Zusam­menkün­fte voller Ein­stim­mung in die Möglichkeit, sich auszu­tauschen und aus­tauschend sich zu entwer­fen. Hier hatte er einige jener Abende zuge­bracht, an denen sich seine Überzeu­gun­gen for­men soll­ten. Hier hat­ten sie spielerisch Gedankengänge erprobt, die nun, eingegossen in die wie Blei auf den Lid­ern liegende Atmo­sphäre dieses Raumes, den Besucher bedrängten. Er hat es ver­raten, dachte Eduard ingrim­mig (ihm war dabei, als gebe er damit einem bis­lang bespöt­tel­ten Wort Sat­is­fak­tion), er hat es ver­raten, das Gemein­same, den Ausweg. Doch es gab Inter­essen. Der Haush­err kehrte zurück. Er wirkte ver­wan­delt. Mit einer Hand hielt er den Hosen­bund fest, mit der anderen bändigte er erfol­g­los den Hemdsaum.

»Ihr müsst das ver­ste­hen, Jungs:« – seine Stimme war von einer heis­eren San­ftheit, tief melan­cholisch gestuft und ver­ständ­nisheis­chend, und gequält auflachend kor­rigierte er sich: »Wenn ich es euch nur begrei­flich machen kön­nte… Wie soll ich’s nur sagen? Es ist unglaublich, ein­fach unglaublich. Ihr müsst mir glauben. Ich habe mich doch nicht in die Ver­ant­wor­tung gedrängt. Mir wär’s doch tausend­mal lieber, einer von euch kön­nte sie mir abnehmen. Aber ihr könnt’s nicht. Keiner von Euch kann’s. Das müsst ihr mir glauben. Natür­lich kön­ntet ihr’s, das eine oder andere Organ­isatorische zumin­d­est, da hätte ich gar keine Skru­pel. Aber es geht nicht, es geht nicht. Die oben lassen’s nicht zu, hört ihr? So ein­fach ist das. Es ist unglaublich. Ha.«

Er ließ den Mund offen und blickte sie bedeu­tungsvoll an. Mit einer Hand klimperte er in der Hosen­tasche. »Und da dem so ist, sage ich, etwas muss geschehen. Einer muss der Boss sein, und das muss ich sein. Das wär’s Jungs.« Er set­zte sich.

»Wir haben einen Ver­trag«, hielt Eduard dagegen.

»Aber darum geht’s doch«, kam es, rasch und ätzend, zurück. »Der Ver­trag ist nichts wert.«

»Darüber möchte ich gern noch eine andere Mei­n­ung hören«, sagte Eduard und drehte sich, etwas betont, seinem Neben­mann zu.

»Das kannst du vergessen«, schrie der Fette, mit einem Mal put­er­rot im Gesicht, und sein aus­gestreck­ter Zeigefin­ger tanzte in der Luft. »Wir beide haben keine Prob­leme, wir nicht.« Plöt­zlich kippte er in ein prus­ten­des Gelächter hinüber. »Wir beide hat­ten mal Prob­leme, stimmt’s?«

Als die Antwort aus­blieb, wurde es für einen Moment still im Raum. Nach­den­klich, wie es Eduard schien, mit dem prüfenden Blick des zur Unzeit gerufe­nen Handw­erk­ers, fix­ierte der Dünne sein Gegenüber. Doch Eduard war nun gewillt, Klarheit zu schaffen.

»Es ist mir gle­ichgültig, wie ihr beide das hal­tet«, begann er und ver­suchte, in den Klang seiner Worte met­allis­che Schärfe zu legen, »ich habe meine Arbeit in dem Pro­jekt immer so begrif­fen, wie der Ver­trag sie regelt, und ich weigere mich, ich weigere mich –« (seine Aufmerk­samkeit verf­ing sich, als der Dünne sich plöt­zlich bückte und in langsamer, stufen­weiser, von Betra­ch­tung unter­broch­ener Bewe­gung ein Paar Hand­schuhe aus seiner Akten­tasche holte und sie schließlich auf den Tisch legte) »ich weigere mich, daran etwas rüt­teln zu lassen. Noch etwas:« – er hob nun sein­er­seits den Zeigefin­ger, obwohl er um die Lächer­lichkeit der Geste wusste, hin­geris­sen von der Aus­sicht auf eine absurde Sym­me­trie – »in diesem Pro­jekt machen zwei die Arbeit, während du« – er schenkte dem Fet­ten einen seitlichen, gle­ich­sam abwe­senden Blick – »dir in der Rolle des Admin­is­tra­tors gefällst. Du spielst va banque, mein Lieber, du bist der ewige Dritte, nicht wahr? Du bist der, dem kein anderer nacheifern darf, ohne dass das Pro­jekt aufhörte zu existieren, nicht wahr? Ich warne dich: das Spiel hat Gren­zen. Den Boss kannst du dir abschminken, ein für alle­mal. Entweder du hältst dich an die Regeln« – er zögerte für den Bruchteil einer Sekunde –, »oder ich gehe.«

»Dann geh!« zis­chte der Hausherr.

Eduard stand auf und begann, ein wenig linkisch, die über den Tisch ver­streuten Papiere einzusam­meln. Sein Blick fiel auf die Hand­schuhe des Dün­nen, hell­graue, weiche, wil­dled­erne Sport­fahrerhand­schuhe, eigen­willig aus­geschnit­ten und gelocht. Vor­sichtig zog er einen Stoß Blät­ter unter ihnen her­vor, ohne sie zu berühren.

»Der geht wirk­lich«, rief der Dünne hell­stim­mig, zum Fet­ten gewandt.

»Soll er doch«, knur­rte der Fette, seine Stimme schaukelte wie bei leichtem See­gang, und schaukelnd erhob er sich und ging hin­aus. Unter den Augen des Dün­nen schob Eduard die Papiere unendlich sorgfältig in die Mappe, ver­schloss sie und wandte sich zur Tür.

Als habe er ihn abgepasst, erschien der Haush­err im Rah­men. Eine Flasche Bier presste er gegen den Bauch, die andere umk­lam­merte er mit der Faust: So trat er einen Moment auf der Stelle, dann legte er den freien Arm um Eduards Schulter.

»Bleib«, stam­melte er barsch, und Alko­holdunst schlug Eduard ins Gesicht, »ein Wort unter Män­nern muss doch mal erlaubt sein.«

Abwehr, Ekel, Mitleid pressten Eduard den Mund zusam­men, während der Griff um seine Schul­ter sich klam­mernd ver­stärkte. So standen sie eine halbe Minute. Der Schmächtige begaffte sie wort­los und ver­wun­dert. Dann, als er sich abwandte, um seinen Schuh zu binden, löste sich die Gruppe, und Eduard ver­langte sein­er­seits nach einem Bier, das der Fette ihm eil­fer­tig eingoss.

3.

Witzereißend und obszöne Anspielun­gen auf Per­so­nen und Umstände seiner näheren und weit­eren Umge­bung ein­flech­t­end, saß der Haush­err zwis­chen den Gästen. Er zeigte sich locker, gelöst, plaud­erte aus dem Handge­lenk; Schweiß troff in Strö­men von seiner Stirn. Sein Trinkver­hal­ten hatte gewech­selt, die Bier­flaschen waren abgeräumt, an ihrer Stelle schim­merte eine Flasche Min­er­al­wasser, aus der er bisweilen ins leere Glas nach­goss, ohne es weiter als bis zu einem Drit­tel zu füllen; dann erhob er sich beiläu­fig und entschwand in die Küche. Ein zweima­liges Klap­pen der Kühlschrank­tür bezeugte seine Aktiv­itäten. »Whisky«, hatte, sich vor­beu­gend, der Schmächtige mit Ken­ner­miene gemurmelt. Dann war davon nicht mehr die Rede gewe­sen. Das flir­rende Son­nen­licht vor dem Fen­ster, ohne Beziehung zur Kälte des Raumes, in dem die drei beieinan­der saßen, zeigte den späten Nach­mit­tag an. Eduard fühlte sich hun­grig und leer und blickte unauf­fäl­lig auf die Uhr. Die Hunde schliefen, von Jagdträu­men umfan­gen, und schnar­chten in unter­schiedlicher Lautstärke.

»Seine Erlaucht«, trompetete der Haush­err, und ein genießerischer Zug bre­it­ete sich auf seinem Gesicht aus. »Ich habe dem edlen Grafen geschrieben; er soll was sprin­gen lassen, der Gute. Eine Res­i­denz in der Schweiz, ein Pri­vat­flugzeug und zwei Bent­leys – der soll mal überkom­men. Schließlich kassiert er den Ruhm, und umsonst ist nis­cht, wie meine Mut­ter selig zu sagen pflegte. Ach ja, seine Erlaucht!«

Der Graf: Wieder sah Eduard die Begeg­nung vor sich, den smarten Schlossh­errn aus der Tape­ten­tür tre­tend, den Blick­kon­takt, den her­beieilen­den Fet­ten, in leicht gebück­ter Hal­tung Hand und Arm des Grafen erfassend und drück­end und gle­ich­sam zum Herzen führend, die fre­undlich dis­tanzierten Begrüßungsworte des einen, die über­schwengliche, von meck­ern­dem Lachen durch­set­zte Ent­geg­nung des anderen. Ein­mal mehr ließ er unbe­wegten Auges die Sequenz ablaufen, die entschlossene Suche des einen im Blick des anderen, das lächel­nde hier, das sprachlose Erken­nen dort. Der eine hechelnd auf der Stufen­leiter des Erfolgs, der andere ihm von oben unmerk­lich ent­ge­genk­om­mend, verbindlich und beinahe unver­hofft – und dann die wech­sel­seit­ige Ent­deck­ung der Droge im Auge des anderen. Eduard war sich über die Rev­o­lu­tion im klaren, eine wahre Rev­o­lu­tion der Denkungsart, die dieser Augen­blick im Leben des Fet­ten bewirkt hatte, ein plöt­zliches, zuck­endes Durch­stoßen von Schranken, die bisher als unüber­windlich gal­ten, die strö­mende Empfind­ung, zu sich heimzufinden an dem Punkt seiner Lauf­bahn, an dem er erwartete, über seine ganze bish­erige Exis­tenz hin­aus­ge­tra­gen zu wer­den. Der heim­liche Helfer im Auf­stieg, trick­re­ich ver­steckt oder in vir­iler Attitüde zele­bri­ert, die schle­ichende Abhängigkeit, die Sucht – hier wur­den sie, unver­mutet und über die Möglichkeit jeder Erwartung hin­aus, legit­imiert. Frei und for­mvol­len­det trat ihm der Trinker auf der ober­sten Sprosse ent­ge­gen und reichte ihm für einen Augen­blick die Hand.

Eduards Erin­nerung schweifte ab zu den burlesken Beglei­tum­stän­den der Vis­ite. Der Traum des Fet­ten war es gewe­sen, im eige­nen, etwas herun­tergekomme­nen Sport­coupé über den Tor­weg zum Schloss hin­aufzupreschen, um dort, vor dem großen Por­tal, von der gräflichen Fam­i­lie mit Hallo und Küss­chen in Emp­fang genom­men zu wer­den. Doch ger­ade an diesem Tag kam das betagte Gefährt selbst unter extremen Flüchen nicht in Gang; nach Stun­den im niesel­nden Dauer­re­gen, durch­nässt und hun­grig, har­rten sie endlich vor dem ver­schlosse­nen Tor, ehe der Ver­wal­ter ihnen auf­schloss. Eduard kon­nte ein Lächeln nicht unter­drücken, als unver­mit­telt die Stereoan­lage zu dröh­nen begann. Der Fette hatte eine Schallplatte aufgelegt und par­lierte zu den ersten Tak­ten von »Così fan tutte« über das phänom­e­nale Musikver­ständ­nis des Grafen, das über alles hin­aus­gehe, was er auf diesem Gebiet jemals erlebt habe. Er könne das anhand von Details bele­gen, die, außer ihm, nur einem kleinen Kreis von Eingewei­hten etwas sagten. Kurz: ein Mann von ein­drin­gen­dem Sachver­stand, wen­ngle­ich alles in allem eher beschränkt. Er sprang auf, riss die Platte vom Teller, begann an ver­schiede­nen Knöpfen zu drehen, hielt auf ein­mal ein Mikro­fonk­a­bel in der Hand, stöpselte es mit zuck­enden Fin­gern ein und drehte erneut. Die Stimme Sina­tras, die längst vergessen geglaubte, füllte den Raum.

»The Voice!« sagte der Fette ern­sthaft und rieb sich die Schläfe. Dann schwang er das Mikro­fonk­a­bel mit vol­len­de­ter Rou­tine, wiegte sich in den Hüften und begann die Stimme Sina­tras mit seiner eige­nen zu übertö­nen. Er war darin geübt, ohne Zweifel. Manch­mal kam ihm die Stimme des Sängers aus, doch gle­ich, wie ertappt, hatte er sie wieder im Griff, nahm sie erneut ins Gewahrsam seines eige­nen, schüt­teren Bari­tons. Kurzat­mig, müh­sam und immer wieder den Faden ver­lierend, doch mit großer Geste und leichen­blass vor Anstren­gung, dabei schw­er­füßig den Boden stampfend, zog der Fette seine ein­same Spur durch die tönende Glitzer­welt, eine Spur der Ver­wüs­tung, gewiss, aber welche Andacht.

Das Band lief leer. Er legte das Mikro­fon fort und spulte zurück. Stiller Tri­umph malte sich in seinen Zügen. Wichtigtuerisch nickte er, legte den Fin­ger auf den Mund und blickte den anderen ins Gesicht. Kein Zweifel, es war seine Stimme, die da aus den Laut­sprech­ern kam, die sich fran­sig in den Orch­esterk­lang ein­grub, sprung­haft, brüchig, far­b­los, sich herumw­er­fend in der Auf­gabe, die strahlende Stimme des anderen, des Wider­sach­ers, zu ver­fol­gen und zu löschen. Das Ergeb­nis schien Bedenken zu ges­tat­ten; die verk­lärte Miene ging langsam in einen Aus­druck tiefen Grams über; ein Knopf­druck ließ das Gerät jäh verstummen.

»Das ging schon mal besser«, bemerkte der Fette knapp, mil­itärisch. »Das klingt bedeu­tend anders, wenn ich in Form bin.«

Schw­er­fäl­lig stak­ste er zu seinem Stuhl und set­zte sich nieder.

»Bere­itest du einen Auftritt vor?« Eduard, die Stirn in Fal­ten, frug, um irgend etwas zu sagen.

»Wo?« ergänzte der Schmächtige; es klang interessiert.

Die Miene des Gast­ge­bers hellte sich auf. Zugle­ich bemächtigte sich ihrer ein angestrengter, auf Fer­nen gerichteter Ernst.

»Ihr nehmt es mir aus dem Mund. Die Dinge sind noch im Fluss. No com­ment. Aber es tut sich was, hört ihr? Und ich – weiß Gott, ich hab’s nötig. Das ist doch die Crux in unserem Geschäft, die jahre­lange Arbeit und dann das Warten auf Res­o­nanz. Okay, aber das reicht mir nicht mehr. Ich brauche den Erfolg sofort, ver­steht ihr, sofort. The show must go on. Wie’s da drin­nen auch aussieht, es muss laufen, Jungs, es muss laufen, es muss! Ich bin unter Artis­ten groß gewor­den, ich weiß, wovon ich rede. Deshalb erzählt mir nichts von eurem Pri­vatleben. Seht mich an. Und es wird laufen, das ver­sprech’ ich euch. Die Scheißk­erle sitzen auf den Töpfen, aber wir kom­men durch. Ich habe die Drähte, lasst mich nur machen. Ich hab’ noch immer erre­icht, was ich wollte. Deshalb – nicht nur deshalb, aber auch deshalb – gebe ich euch den guten Rat: Hal­tet euch an mich. Hal­tet euch immer hüb­sch hin­ter Papi, dann wird euch nichts passieren. Wer hat gesagt, das ich va banque spiele? Jawohl, es ist wahr, ich spiele va banque. Aber habe ich eine andere Wahl? Die Ver­hält­nisse zwin­gen mich, was kann ich machen? Und ihr prof­i­tiert davon, wohlge­merkt, meine Her­ren. Und deshalb: ein biss­chen Dankbarkeit, meine Her­ren! Wohlge­merkt: aus freien Stücken. Aber ihr begreift’s nicht. Also beklagt euch nicht. Beklage ich mich? Ist es zuviel, was ich von euch ver­lange? Ich ver­lange nichts als solide, saubere Arbeit von euch. Und die werdet ihr liefern, meine Her­ren, dafür ver­bürge ich mich, Stück für Stück, und mit dem Brecheisen, wenn’s sein muss. Wir sind ein Team, und wer nicht mit­spielt, fliegt raus.«

Sein Atem ging schwer, mit den Knöcheln der rechten Hand pochte er im Stakkato auf die Tis­ch­platte, dass die Flaschen tanzten. Die Hunde hat­ten sich halb unter der Liege verkrochen, Eduard spürte sein schmerzen­des Hin­terteil. Unauf­fäl­lig erhob sich der Dünne. Eduard, den er im Vor­beige­hen streifte, reg­istri­erte unbe­wusst, dass er die Hand­schuhe übergestreift hatte. Auf leisen Sohlen strebte er am Haush­errn vor­bei in Rich­tung Tür, doch ver­hielt er flüchtig in seinem Rücken. Eduards Aufmerk­samkeit war noch nicht geweckt, als der Dünne mit einer Bewe­gung, die geschmei­dige Kraft ver­riet und die Eduard ihm nicht zuge­traut hätte, von hin­ten an den Fet­ten her­antrat und die behand­schuhten Hände um seinen Hals schloss. Erstaunen brach durch die Gesicht­szüge des Fet­ten. Ein Zucken lief über seinen Kör­per, das an Heftigkeit zunahm, als schließlich der Stuhl bebend barst. Polternd ging die Gruppe zu Boden. Über der zusam­menge­broch­enen Gestalt des anderen hockte der Dünne, ohne den Griff zu lock­ern, bis das Zucken verebbt war und der Kör­per reg­los dalag.

In dem Moment tobten die Hunde heran, einer sprang auf die Brust des Toten und heulte stein­er­we­ichend. Der Dünne stand auf, streifte die Hand­schuhe ab und ging hin­aus. Eduard fol­gte ihm mit den Blicken. Han­deln schien nicht angebracht.

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