1.

Sie waren herbeigekurvt aus verschiedenen Himmelsrichtungen: das Rheintal herauf der eine, Seitenstraßen und Nebentäler des Mittelgebirges ausnützend der andere. Einer wie der andere waren sie ihren Vehikeln entstiegen: dem rostversetzten Beige seines Blechgebirges der eine, dem schnieken Grau eines Sechszylinder-​BMWs der andere, und nun standen sie, nachdem sie sich förmlich die Hände geschüttelt hatten, ein jeder die Aktentasche in seiner Linken, unter dem aufgemalten Renaissanceportälchen des Hauses Nummer einhundertachtundzwanzig, drückten abwechselnd die Klingel und drehten die Handgelenke, um einen Blick auf ihre Armbanduhren zu werfen.

Es war zehn Uhr morgens. Das Dröhnen eines vorüberfahrenden Lastzugs ließ die Luft bersten, während drinnen das Jaulen und Kläffen einer Meute losgelassener Köter erscholl, die wild gegen ein Hindernis anzurennen schien. Kurz darauf öffnete sich die Tür: erst einen Spaltbreit, dann ganz. Vor ihnen stand ein Mann mit dem aufgesetzt leutseligen Lächeln eines Gastwirts.

»Herein mit euch, Jungs«, sagte er, die Hand zur Schläfe führend, etwas belegt die Stimme, »ihr kommt gerade rechtzeitig, das Frühstück steht bereit.«

Zwei struppige Rauhhaardackel schossen raketengleich an ihnen empor. Sie traten in den dämmrigen, überwölbten Torraum, von dem links eine Stiege abzweigte, durchquerten den angrenzenden Hof und fanden sich in einer Diele von beträchtlichen Ausmaßen wieder, deren Mitte die riesige Imitation eines Settecento-​Büfetts einnahm.

»Betrachtet die Pranke des Löwen«, rief der Hausherr, indem er sich halb mechanisch niederbeugte und den tatsächlich klauenartig zugeschnitzten Möbelfuß zur Linken streichelte; dann verschwand er lautlos in der Küche. Die beiden Ankömmlinge standen beisammen und tauschten Belanglosigkeiten. Die Tür zur Küche stand offen. Unwillkürlich dämpften sie den Klang ihrer Stimmen, sobald von dorther ein Klappern ertönte.

Beide waren von annähernd gleicher Statur – ein wenig schlanker der eine, dessen Augen hinter den starken Brillengläsern unnatürlich groß wirkten. Vielleicht lag die Übertreibung auch in dem Kontrast zwischen ihrem dunklen Braunton und der durchscheinenden Blässe dieses Gesichts, der durch den pechschwarzen, büschelartigen Haarwuchs herausgearbeitet und von dem Horngestell der Brille gerahmt wurde. Blaubart, dachte Eduard, ihn beiläufig betrachtend, zum wiederholten Male, bevor sich beide dem Hausherrn zuwandten, der soeben in der Tür auftauchte und mit zittriger Hand eine Tasse auf ihrem Untersatz jonglierte.

»Feiert ihr eine Stehparty, Jungs?« keckerte er und breitete die Arme aus, während er auf sie zukam. – »Die Putzfrauen nannten ihn Dandy, haha«, bemerkte er, die Gruppe (er hatte sich zwischen die beiden gedrängt und seine Arme auf ihre Schultern gelegt) gegenüber dem Flurspiegel ins Halbprofil schiebend und sich zufrieden über das verblichene Flachshaar streichend; die Tasse tanzte bedenklich.

Im Spiegelrahmen klemmte ein signiertes Foto, das ihn Arm in Arm mit einem schlohweißen Endsechziger zeigte. Flüchtig gruppierte sich in Eduards Erinnerung das Bild einer Begegnung, das er mit einem leisen Unbehagen von sich zu schieben versuchte: der greise Maestro, auf dem Fahrrad ihm und seinem Begleiter entgegenkommend und ihnen lächelnd die Hand reichend. »Sieh an, die beiden Jungs« – so oder ähnlich hatte er sie begrüßt, mit leicht spöttischem Unterton in der Stimme. »Seine Jungs, ja, so nennt er sie wohl«, hatte er noch gemurmelt, jedes Wort mit dem Gaumen ertastend, aber sein Blick hatte ihnen bereits nicht mehr gegolten, er war schon auf und davon gewesen.

»Bin ich nicht wie ein Vater zu euch?« tönte die Stimme des Gastgebers, während er sie durch die Küche in das rückwärtige Zimmer schob, um mit einer knappen Handbewegung, einem wortlos beredten Hättet-​ihr-​das-​gedacht auf den Tisch zu weisen, auf dem, siehe da, aus zierlichen Tässchen – nicht ganz blütenweißen – der Tee dampfte. Sie nahmen Platz. An der vorderen, zur offenen Tür hin gelegenen Seite der Hausherr, der unverzüglich vom bereitstehenden Aschenbecher eine halbgerauchte Zigarette nahm und an ihr zu saugen begann, noch bevor er die mitgeführte Tasse klirrend abgesetzt hatte. Ihm gegenüber, sich geläufig in den engen Raum zwischen Wand und Tisch fügend, der schmalbrüstige Besucher. Eduard bugsierte den verbleibenden Stuhl in den freien Raum und machte es sich bequem. Einen Augenblick lang fühlte er den Blick der anderen auf sich ruhen. Als er aufsah, fiel ihm ein, dass alle Personen in diesem Raum annähernd gleich groß waren und dass sich jeder deshalb unwillkürlich für größer hielt als die anderen. Er nickte den anderen zu und grinste.

Sie hatten die Tassen geleert. Der Hausherr eilte in hektischer Geschäftigkeit hin und her. Er räumte das Geschirr fort, brachte Gläser und Orangensaft für die beiden (die sich bemühten, den Tumult zu übersehen), eine Flasche Bier für sich selbst, zündete mit fingernden Händen eine neue Zigarette an und verschwand erneut, um mit einer Schale Erdnüsse zurückzukehren.

»Da nehmt«, knurrte er, stieß die Schale auf den Tisch und zog seinen Stuhl heran. »Das ist für euch Knabberaffen, solang der Vorrat reicht.« Er ließ ein schwaches Keuchen vernehmen und griff nach dem Bier.

Der Schmächtige wandte sich Eduard zu, als gehöre der Raum ihnen. »Er hält uns für Affen«, sagte er mit einer Stimme, in der sich empörte Lustigkeit und belustigte Empörung die Balance hielten.

»Er nimmt’s, wie’s kommt«, murmelte Eduard, und alle lachten.

»Und nun andersherum, meine Herrschaften!« Der gemütliche Stimmfall des Hausherrn erhielt mit einem Mal einen scharfen Beiklang. Es war, als habe er an sein Glas geklopft (das er gerade mit geübter Hand nachfüllte) und damit die Sitzung eröffnet. »Ihr seid zu spät gekommen, und ich habe bisher noch keine Entschuldigung gehört.« Eduard setzte sich eine Spur lässiger auf seinen Stuhl. »Ihr wisst, dass ich solche Nachlässigkeiten nicht dulden kann. Nicht, wenn es um die Sache geht.« Die Stimme zögerte, offenkundig angetan von der Schlüssigkeit des Gesagten. Die Gemütlichkeit war fortgeblasen. In einer plötzlichen Müdigkeit dehnten sich die Gegenstände.

Eduard verfolgte den matten, ihm unverständlichen Rechtfertigungsversuch des Dünnen, den scharfen und vernichtenden Kommentar der anderen Seite. Die Redenden schienen ungemein fern zu sein. Leicht über den Tisch gebeugt und mit dem Handballen die Tischfläche reibend der Dünne. Aufrecht sitzend, massig und breitbeinig der andere, die aus den Fugen gegangene Leibesmitte eher notdürftig vom Hosenbund zusammengehalten.

Sie sind Partner, dachte Eduard hilflos, warum lässt er das mit sich machen? Sein Blick streifte das schülerhaft anmutende Mienenspiel des Dünnen. Er schwenkte hinüber zu den anmaßenden Gesichtszügen des anderen. Hier geschah, was stets geschieht. Eduard spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. Drei Personen sitzen in einem Raum, und es beginnt das Ausmitteln des Stärkeren, das immergleiche Spiel.

Der Fette fischte nach seiner Bierflasche und öffnete sie behende. Das Spiel zeigte Wirkung. Früher hatten sie den Fetten gelegentlich schlafend angetroffen. Eduard entsann sich der Umstände, die es gekostet hatte, in den verschlossenen Hof einzudringen und durch energisches Rütteln an den Rolläden erst die Hunde und dann den Hausherrn zu wecken. Heute hatten sie sich Zeit gelassen. Es war wie eine heimliche Verabredung, getroffen, um zu demonstrieren, dass sie nach wie vor gewillt seien, es mit dem aufzunehmen, was in diesem Raum geschah und wieder zu geschehen im Begriff stand.

Der Hausherr hatte sich erhoben. Mit eiliger Hand hatte er die leeren Bierflaschen vom Tisch genommen und war in der Küche verschwunden. Der Dünne wandte Eduard ein gequältes Gesicht zu und öffnete den Mund. Der andere erschien bereits wieder im Türrahmen. Eine unversehrte Flasche trug er wie ein Weihrauchgefäß vor sich her.

»Eines möchte ich ganz klarstellen, meine Herren. Merkt euch gut, was ich jetzt sage.«

Er markierte den gestrengen Schulmeister, die Stirn in bedenkliche Falten gelegt. Die freie Hand griff nach dem verrutschten Hosenbund, über dem die Hemdzipfel ihr bewegliches Eigenleben begonnen hatten.

»Wenn ihr zu erscheinen habt« – er klopfte mit dem Handballen gegen die Tischkante –, »dann seid ihr da, versteht ihr? Ich sage das einmal, und ich sage es jetzt, und wer es nicht begreift, für den ist kein Platz in diesem Team: Ich wünsche keine Entschuldigungen, ein für allemal.« Seine Stimme hatte einen heiseren Klang. Die Gläser vibrierten. »Und kommt mir nicht mit eurem Privatleben. Habe ich etwa ein Privatleben? Ich habe die Schnauze voll von eurem Privatleben. Take it or leave it, wie der Engländer sagt.« Er wischte sich den Schweiß von der Stirn, der sich dort seit geraumer Zeit gebildet hatte.

Da geht er hin, dachte Eduard, und keiner kann ihn aufhalten, als ihn der empörte Blick des Fetten traf. »Und du? Hast du nichts zu sagen?« schrillte er.

»Doch«, antwortete Eduard, das Kinn leicht vorgestreckt und die Worte bedächtig artikulierend, »ziemlich viel sogar. Deshalb möchte ich, dass wir jetzt« – er schlug die Hand leicht gegen die braune Aktentasche, die er an das nächststehende Tischbein gelehnt hatte – »endlich zur Sache kommen…«

»Sieh ihn an!« schrie der Fette, den ausgestreckten Zeigefinger auf ihn richtend, »diese Miene, diese Haltung, wie er dasitzt!« Sein Gesicht kroch auf Eduard zu, der gestreckte Finger krümmte sich, als wolle er ihn locken. »Damit kommst du nicht durch. Das ist kein Teamgeist, hörst du?« Er reckte sich, Triumph in der Stimme: »Du wirst dich ändern müssen, mein Lieber, wenn du mit uns auskommen willst.« Und er klopfte dem Dünnen generös auf die Finger der ausgebreiteten rechten Hand. Eduard war es, als streife ein Schatten seine linke Gesichtshälfte. Wortlos griff er nach der Mappe und begann, Stapel um Stapel, den Tisch mit Papier zu bedecken.

2.

Die Hunde lagen, stumm aneinandergedrängt, bewegungslos im Raum. Nur gelegentliches Zucken, von raschen Blicken begleitet, zeugte von ihrer Aufmerksamkeit. Auf dem Tisch, zwischen den ineinandergeschobenen Papierstößen, stand eine leere Saftflasche. Trübe Reste ihres früheren Inhalts befanden sich in zwei Gläsern in Griffweite der beiden Gäste. Auf der gegenüberliegenden Seite des Tisches rahmten zwei verschieden stark geleerte Bierflaschen ein fast schaumlos gefülltes Glas ein. Eduard und der Dünne beobachteten aus den Augenwinkeln den Hausherrn. Er griff in schneller Folge nach dem Glas, um daraus zu trinken und sofort, einmal aus dieser, einmal aus jener, manchmal aus beiden Flaschen gleichzeitig nachzugießen und den alten, randvollen Zustand wiederherzustellen. Von Zeit zu Zeit lüpfte er in einer reflexhaften Bewegung sein Gesäß, mit der Hand eine Flasche umklammernd. Dann streifte sein halb abwesender Blick ihren Inhalt, und er sank auf den Sitz zurück. In dem lichtlosen, rauchgeschwängerten Raum wirkte sein Gebaren seltsam überlebendig. Schweiß perlte von seiner Stirn. Die roten Pünktchen auf der Nasenwurzel standen isoliert in der fahlen, teigigen Masse seines Gesichts.

»Um zu einem Abschluss zu kommen, Jungs«, konstatierte er abrupt und schleuderte die Zigarette mit ausholender Gebärde in den Aschenbecher, wo er sie mit Sorgfalt zerdrückte, »die Zeichen stehen gut, und es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn wir uns nicht bald für die nächsten zwanzig Jahre zu Ruhe setzten könnten. Es wird laufen, verlasst euch drauf. Vorausgesetzt…«

Er hielt einen Moment inne, während seine Kiefer mahlten.

»Vorausgesetzt, ihr erledigt euren Job, wie ich das verdammt noch mal von euch erwarten darf. – Das gilt besonders für dich, um das mal zu sagen«, schmetterte er und starrte Eduard hasserfüllt an. Seine Stimme hatte jetzt den monoton heiseren, aggressiven Klang, der sich dem Gehör unbarmherzig eingrub. »Es tut mir leid, dir das sagen zu dürfen, aber deine Arbeit für das Projekt rechtfertigt bei weitem nicht das Vertrauen, das ich – und ich kann wohl bemerken wir – in dich gesetzt haben. Ich habe mir erlaubt, dein jüngstes Elaborat jemandem zur Kontrolle zu geben, der für mich und für dich allemal absolute Autorität zu sein hat. Um es vorweg zu sagen: das Resultat ist mies.«

»Darf man fragen, um welche Autorität es sich handelt?« erkundigte sich Eduard, äußerlich kühl, während es in ihm brannte.

»Nein, das darfst du nicht«, brüllte der andere mit überkippender Stimme. »Das musst du schon nehmen, wie’s kommt, das eine Mal musst du’s fressen« – seine Backenmuskeln verzerrten sich –, »ums einmal ordinär auszudrücken: Scheiße, dein Benehmen ist Scheiße, du nimmst dir Dinge heraus, die wir« – er wies mit ausgestreckter Hand auf den Dünnen, der scheinbar abwesend vor sich hin blickte – »uns nie und nimmer herausgenommen hätten. Stimmt’s?«

»Stimmt«, sagte der Dünne, aufblickend, mit kräftiger, ungewohnt heller Stimme.

»Autoritäten interessieren mich nicht, ich möchte schon Argumente«, murmelte Eduard schlaff. Dann, sich belebend, schärfer: »Wie lauten denn die Einwände?«

»Einwände?« Der Fette runzelte, gleichsam versonnen, einen Augenblick lang die Stirn, dann stand er langsam auf. »Na bitte, wenn du willst… Damit kommen wir zum Kern der Sache.«

Er stützte sich schwer auf den Tisch. »Ich trage hier die Verantwortung. Ohne mich bist du im Arsch, wie du wohl wissen wirst. Es tut mir leid, das so deutlich sagen zu müssen.«

Schwer atmend richtete er sich auf, wandte sich wie benommen zur Türöffnung und verschwand zur Toilette. Keiner sprach. Eduards Blick streifte die Gegenstände im Raum, die mattblinkende Stereoanlage, den Plattenschrank, die schmuddelige Liege – lectulus lucubratorius non dormitorius, der Ruheplatz des Gelehrten, hier aber wohl doch eher dormitorius, davor den Flachtisch, überhäuft mit Büchern, teils gestapelt, teils aufgeschlagen neben– und übereinander, die obersten Seiten vergilbt und von einer Staubschicht überzogen, babylonische Ruinen einer untergegangenen Geistestätigkeit. Zum wiederholten Mal fragte er sich, warum er nicht aufstand und das alles hinter sich ließ.

»Vita activa«: der zuoberst liegende Titel, griffbereit nach verjährtem Gebrauch, zog seinen Blick auf sich. Mit einem Schlag veränderte sich die Konstellation. Vertrautheit erfüllte das Zimmer, die Essenz ungezählter Zusammenkünfte voller Einstimmung in die Möglichkeit, sich auszutauschen und austauschend sich zu entwerfen. Hier hatte er einige jener Abende zugebracht, an denen sich seine Überzeugungen formen sollten. Hier hatten sie spielerisch Gedankengänge erprobt, die nun, eingegossen in die wie Blei auf den Lidern liegende Atmosphäre dieses Raumes, den Besucher bedrängten. Er hat es verraten, dachte Eduard ingrimmig (ihm war dabei, als gebe er damit einem bislang bespöttelten Wort Satisfaktion), er hat es verraten, das Gemeinsame, den Ausweg. Doch es gab Interessen. Der Hausherr kehrte zurück. Er wirkte verwandelt. Mit einer Hand hielt er den Hosenbund fest, mit der anderen bändigte er erfolglos den Hemdsaum.

»Ihr müsst das verstehen, Jungs:« – seine Stimme war von einer heiseren Sanftheit, tief melancholisch gestuft und verständnisheischend, und gequält auflachend korrigierte er sich: »Wenn ich es euch nur begreiflich machen könnte… Wie soll ich’s nur sagen? Es ist unglaublich, einfach unglaublich. Ihr müsst mir glauben. Ich habe mich doch nicht in die Verantwortung gedrängt. Mir wär’s doch tausendmal lieber, einer von euch könnte sie mir abnehmen. Aber ihr könnt’s nicht. Keiner von Euch kann’s. Das müsst ihr mir glauben. Natürlich könntet ihr’s, das eine oder andere Organisatorische zumindest, da hätte ich gar keine Skrupel. Aber es geht nicht, es geht nicht. Die oben lassen’s nicht zu, hört ihr? So einfach ist das. Es ist unglaublich. Ha.«

Er ließ den Mund offen und blickte sie bedeutungsvoll an. Mit einer Hand klimperte er in der Hosentasche. »Und da dem so ist, sage ich, etwas muss geschehen. Einer muss der Boss sein, und das muss ich sein. Das wär’s Jungs.« Er setzte sich.

»Wir haben einen Vertrag«, hielt Eduard dagegen.

»Aber darum geht’s doch«, kam es, rasch und ätzend, zurück. »Der Vertrag ist nichts wert.«

»Darüber möchte ich gern noch eine andere Meinung hören«, sagte Eduard und drehte sich, etwas betont, seinem Nebenmann zu.

»Das kannst du vergessen«, schrie der Fette, mit einem Mal puterrot im Gesicht, und sein ausgestreckter Zeigefinger tanzte in der Luft. »Wir beide haben keine Probleme, wir nicht.« Plötzlich kippte er in ein prustendes Gelächter hinüber. »Wir beide hatten mal Probleme, stimmt’s?«

Als die Antwort ausblieb, wurde es für einen Moment still im Raum. Nachdenklich, wie es Eduard schien, mit dem prüfenden Blick des zur Unzeit gerufenen Handwerkers, fixierte der Dünne sein Gegenüber. Doch Eduard war nun gewillt, Klarheit zu schaffen.

»Es ist mir gleichgültig, wie ihr beide das haltet«, begann er und versuchte, in den Klang seiner Worte metallische Schärfe zu legen, »ich habe meine Arbeit in dem Projekt immer so begriffen, wie der Vertrag sie regelt, und ich weigere mich, ich weigere mich –« (seine Aufmerksamkeit verfing sich, als der Dünne sich plötzlich bückte und in langsamer, stufenweiser, von Betrachtung unterbrochener Bewegung ein Paar Handschuhe aus seiner Aktentasche holte und sie schließlich auf den Tisch legte) »ich weigere mich, daran etwas rütteln zu lassen. Noch etwas:« – er hob nun seinerseits den Zeigefinger, obwohl er um die Lächerlichkeit der Geste wusste, hingerissen von der Aussicht auf eine absurde Symmetrie – »in diesem Projekt machen zwei die Arbeit, während du« – er schenkte dem Fetten einen seitlichen, gleichsam abwesenden Blick – »dir in der Rolle des Administrators gefällst. Du spielst va banque, mein Lieber, du bist der ewige Dritte, nicht wahr? Du bist der, dem kein anderer nacheifern darf, ohne dass das Projekt aufhörte zu existieren, nicht wahr? Ich warne dich: das Spiel hat Grenzen. Den Boss kannst du dir abschminken, ein für allemal. Entweder du hältst dich an die Regeln« – er zögerte für den Bruchteil einer Sekunde –, »oder ich gehe.«

»Dann geh!« zischte der Hausherr.

Eduard stand auf und begann, ein wenig linkisch, die über den Tisch verstreuten Papiere einzusammeln. Sein Blick fiel auf die Handschuhe des Dünnen, hellgraue, weiche, wildlederne Sportfahrerhandschuhe, eigenwillig ausgeschnitten und gelocht. Vorsichtig zog er einen Stoß Blätter unter ihnen hervor, ohne sie zu berühren.

»Der geht wirklich«, rief der Dünne hellstimmig, zum Fetten gewandt.

»Soll er doch«, knurrte der Fette, seine Stimme schaukelte wie bei leichtem Seegang, und schaukelnd erhob er sich und ging hinaus. Unter den Augen des Dünnen schob Eduard die Papiere unendlich sorgfältig in die Mappe, verschloss sie und wandte sich zur Tür.

Als habe er ihn abgepasst, erschien der Hausherr im Rahmen. Eine Flasche Bier presste er gegen den Bauch, die andere umklammerte er mit der Faust: So trat er einen Moment auf der Stelle, dann legte er den freien Arm um Eduards Schulter.

»Bleib«, stammelte er barsch, und Alkoholdunst schlug Eduard ins Gesicht, »ein Wort unter Männern muss doch mal erlaubt sein.«

Abwehr, Ekel, Mitleid pressten Eduard den Mund zusammen, während der Griff um seine Schulter sich klammernd verstärkte. So standen sie eine halbe Minute. Der Schmächtige begaffte sie wortlos und verwundert. Dann, als er sich abwandte, um seinen Schuh zu binden, löste sich die Gruppe, und Eduard verlangte seinerseits nach einem Bier, das der Fette ihm eilfertig eingoss.

3.

Witzereißend und obszöne Anspielungen auf Personen und Umstände seiner näheren und weiteren Umgebung einflechtend, saß der Hausherr zwischen den Gästen. Er zeigte sich locker, gelöst, plauderte aus dem Handgelenk; Schweiß troff in Strömen von seiner Stirn. Sein Trinkverhalten hatte gewechselt, die Bierflaschen waren abgeräumt, an ihrer Stelle schimmerte eine Flasche Mineralwasser, aus der er bisweilen ins leere Glas nachgoss, ohne es weiter als bis zu einem Drittel zu füllen; dann erhob er sich beiläufig und entschwand in die Küche. Ein zweimaliges Klappen der Kühlschranktür bezeugte seine Aktivitäten. »Whisky«, hatte, sich vorbeugend, der Schmächtige mit Kennermiene gemurmelt. Dann war davon nicht mehr die Rede gewesen. Das flirrende Sonnenlicht vor dem Fenster, ohne Beziehung zur Kälte des Raumes, in dem die drei beieinander saßen, zeigte den späten Nachmittag an. Eduard fühlte sich hungrig und leer und blickte unauffällig auf die Uhr. Die Hunde schliefen, von Jagdträumen umfangen, und schnarchten in unterschiedlicher Lautstärke.

»Seine Erlaucht«, trompetete der Hausherr, und ein genießerischer Zug breitete sich auf seinem Gesicht aus. »Ich habe dem edlen Grafen geschrieben; er soll was springen lassen, der Gute. Eine Residenz in der Schweiz, ein Privatflugzeug und zwei Bentleys – der soll mal überkommen. Schließlich kassiert er den Ruhm, und umsonst ist nischt, wie meine Mutter selig zu sagen pflegte. Ach ja, seine Erlaucht!«

Der Graf: Wieder sah Eduard die Begegnung vor sich, den smarten Schlossherrn aus der Tapetentür tretend, den Blickkontakt, den herbeieilenden Fetten, in leicht gebückter Haltung Hand und Arm des Grafen erfassend und drückend und gleichsam zum Herzen führend, die freundlich distanzierten Begrüßungsworte des einen, die überschwengliche, von meckerndem Lachen durchsetzte Entgegnung des anderen. Einmal mehr ließ er unbewegten Auges die Sequenz ablaufen, die entschlossene Suche des einen im Blick des anderen, das lächelnde hier, das sprachlose Erkennen dort. Der eine hechelnd auf der Stufenleiter des Erfolgs, der andere ihm von oben unmerklich entgegenkommend, verbindlich und beinahe unverhofft – und dann die wechselseitige Entdeckung der Droge im Auge des anderen. Eduard war sich über die Revolution im klaren, eine wahre Revolution der Denkungsart, die dieser Augenblick im Leben des Fetten bewirkt hatte, ein plötzliches, zuckendes Durchstoßen von Schranken, die bisher als unüberwindlich galten, die strömende Empfindung, zu sich heimzufinden an dem Punkt seiner Laufbahn, an dem er erwartete, über seine ganze bisherige Existenz hinausgetragen zu werden. Der heimliche Helfer im Aufstieg, trickreich versteckt oder in viriler Attitüde zelebriert, die schleichende Abhängigkeit, die Sucht – hier wurden sie, unvermutet und über die Möglichkeit jeder Erwartung hinaus, legitimiert. Frei und formvollendet trat ihm der Trinker auf der obersten Sprosse entgegen und reichte ihm für einen Augenblick die Hand.

Eduards Erinnerung schweifte ab zu den burlesken Begleitumständen der Visite. Der Traum des Fetten war es gewesen, im eigenen, etwas heruntergekommenen Sportcoupé über den Torweg zum Schloss hinaufzupreschen, um dort, vor dem großen Portal, von der gräflichen Familie mit Hallo und Küsschen in Empfang genommen zu werden. Doch gerade an diesem Tag kam das betagte Gefährt selbst unter extremen Flüchen nicht in Gang; nach Stunden im nieselnden Dauerregen, durchnässt und hungrig, harrten sie endlich vor dem verschlossenen Tor, ehe der Verwalter ihnen aufschloss. Eduard konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, als unvermittelt die Stereoanlage zu dröhnen begann. Der Fette hatte eine Schallplatte aufgelegt und parlierte zu den ersten Takten von »Così fan tutte« über das phänomenale Musikverständnis des Grafen, das über alles hinausgehe, was er auf diesem Gebiet jemals erlebt habe. Er könne das anhand von Details belegen, die, außer ihm, nur einem kleinen Kreis von Eingeweihten etwas sagten. Kurz: ein Mann von eindringendem Sachverstand, wenngleich alles in allem eher beschränkt. Er sprang auf, riss die Platte vom Teller, begann an verschiedenen Knöpfen zu drehen, hielt auf einmal ein Mikrofonkabel in der Hand, stöpselte es mit zuckenden Fingern ein und drehte erneut. Die Stimme Sinatras, die längst vergessen geglaubte, füllte den Raum.

»The Voice!« sagte der Fette ernsthaft und rieb sich die Schläfe. Dann schwang er das Mikrofonkabel mit vollendeter Routine, wiegte sich in den Hüften und begann die Stimme Sinatras mit seiner eigenen zu übertönen. Er war darin geübt, ohne Zweifel. Manchmal kam ihm die Stimme des Sängers aus, doch gleich, wie ertappt, hatte er sie wieder im Griff, nahm sie erneut ins Gewahrsam seines eigenen, schütteren Baritons. Kurzatmig, mühsam und immer wieder den Faden verlierend, doch mit großer Geste und leichenblass vor Anstrengung, dabei schwerfüßig den Boden stampfend, zog der Fette seine einsame Spur durch die tönende Glitzerwelt, eine Spur der Verwüstung, gewiss, aber welche Andacht.

Das Band lief leer. Er legte das Mikrofon fort und spulte zurück. Stiller Triumph malte sich in seinen Zügen. Wichtigtuerisch nickte er, legte den Finger auf den Mund und blickte den anderen ins Gesicht. Kein Zweifel, es war seine Stimme, die da aus den Lautsprechern kam, die sich fransig in den Orchesterklang eingrub, sprunghaft, brüchig, farblos, sich herumwerfend in der Aufgabe, die strahlende Stimme des anderen, des Widersachers, zu verfolgen und zu löschen. Das Ergebnis schien Bedenken zu gestatten; die verklärte Miene ging langsam in einen Ausdruck tiefen Grams über; ein Knopfdruck ließ das Gerät jäh verstummen.

»Das ging schon mal besser«, bemerkte der Fette knapp, militärisch. »Das klingt bedeutend anders, wenn ich in Form bin.«

Schwerfällig stakste er zu seinem Stuhl und setzte sich nieder.

»Bereitest du einen Auftritt vor?« Eduard, die Stirn in Falten, frug, um irgend etwas zu sagen.

»Wo?« ergänzte der Schmächtige; es klang interessiert.

Die Miene des Gastgebers hellte sich auf. Zugleich bemächtigte sich ihrer ein angestrengter, auf Fernen gerichteter Ernst.

»Ihr nehmt es mir aus dem Mund. Die Dinge sind noch im Fluss. No comment. Aber es tut sich was, hört ihr? Und ich – weiß Gott, ich hab’s nötig. Das ist doch die Crux in unserem Geschäft, die jahrelange Arbeit und dann das Warten auf Resonanz. Okay, aber das reicht mir nicht mehr. Ich brauche den Erfolg sofort, versteht ihr, sofort. The show must go on. Wie’s da drinnen auch aussieht, es muss laufen, Jungs, es muss laufen, es muss! Ich bin unter Artisten groß geworden, ich weiß, wovon ich rede. Deshalb erzählt mir nichts von eurem Privatleben. Seht mich an. Und es wird laufen, das versprech’ ich euch. Die Scheißkerle sitzen auf den Töpfen, aber wir kommen durch. Ich habe die Drähte, lasst mich nur machen. Ich hab’ noch immer erreicht, was ich wollte. Deshalb – nicht nur deshalb, aber auch deshalb – gebe ich euch den guten Rat: Haltet euch an mich. Haltet euch immer hübsch hinter Papi, dann wird euch nichts passieren. Wer hat gesagt, das ich va banque spiele? Jawohl, es ist wahr, ich spiele va banque. Aber habe ich eine andere Wahl? Die Verhältnisse zwingen mich, was kann ich machen? Und ihr profitiert davon, wohlgemerkt, meine Herren. Und deshalb: ein bisschen Dankbarkeit, meine Herren! Wohlgemerkt: aus freien Stücken. Aber ihr begreift’s nicht. Also beklagt euch nicht. Beklage ich mich? Ist es zuviel, was ich von euch verlange? Ich verlange nichts als solide, saubere Arbeit von euch. Und die werdet ihr liefern, meine Herren, dafür verbürge ich mich, Stück für Stück, und mit dem Brecheisen, wenn’s sein muss. Wir sind ein Team, und wer nicht mitspielt, fliegt raus.«

Sein Atem ging schwer, mit den Knöcheln der rechten Hand pochte er im Stakkato auf die Tischplatte, dass die Flaschen tanzten. Die Hunde hatten sich halb unter der Liege verkrochen, Eduard spürte sein schmerzendes Hinterteil. Unauffällig erhob sich der Dünne. Eduard, den er im Vorbeigehen streifte, registrierte unbewusst, dass er die Handschuhe übergestreift hatte. Auf leisen Sohlen strebte er am Hausherrn vorbei in Richtung Tür, doch verhielt er flüchtig in seinem Rücken. Eduards Aufmerksamkeit war noch nicht geweckt, als der Dünne mit einer Bewegung, die geschmeidige Kraft verriet und die Eduard ihm nicht zugetraut hätte, von hinten an den Fetten herantrat und die behandschuhten Hände um seinen Hals schloss. Erstaunen brach durch die Gesichtszüge des Fetten. Ein Zucken lief über seinen Körper, das an Heftigkeit zunahm, als schließlich der Stuhl bebend barst. Polternd ging die Gruppe zu Boden. Über der zusammengebrochenen Gestalt des anderen hockte der Dünne, ohne den Griff zu lockern, bis das Zucken verebbt war und der Körper reglos dalag.

In dem Moment tobten die Hunde heran, einer sprang auf die Brust des Toten und heulte steinerweichend. Der Dünne stand auf, streifte die Handschuhe ab und ging hinaus. Eduard folgte ihm mit den Blicken. Handeln schien nicht angebracht.