1.

Dieses Buch einen Erstling zu nen­nen, klingt ein­fach absurd. Viel eher möchte ich es einen Let­ztling nen­nen: Wie der Klap­pen­text des Ver­lags uns belehrt, hat sich der Autor mit ihm ger­adewegs von dieser Welt ver­ab­schiedet. Man mag das geschmack­los finden, und ich gestehe (»gestehe«? – na gut), dass ich die Ein­schätzung teile: Kommt er nun oder geht er? Als Rezensent bin ich für klare Ver­hält­nisse. Doch lässt sich der Dop­pelsinn nicht überse­hen, der im Zusam­men­tr­e­f­fen bei­der Bewe­gun­gen liegt. Erlauben Sie mir, dass ich ungeschützt rede: auch das Buch ist nicht von dieser Welt. Wie ich das meine? Da, allerd­ings, liegt das Prob­lem. (Sabine! Ist der Kaf­fee schon fer­tig?) Ich werde wohl, so schwer es mir fällt, zur Sache reden müssen, immer voraus­ge­setzt, es gibt sie. Noch ver­harre ich unschlüs­sig auf der Schwelle. Warum es leug­nen? (Bitte nimm die Windel vom Schreibtisch, wie soll ich mich sonst konzen­tri­eren! Danke Schatz, danke. Nein, ich brauche dich nicht.) Meine Schwierigkeiten begin­nen bere­its mit dem Titel. Das Orig­i­nal ist unüber­set­zbar, nun gut. Aber die Lösung, die der Ver­lag uns auftis­cht, sie schmerzt. Was also tun? Wenn es dem Kri­tiker erlaubt ist, Titelvorschläge – schon im voraus ver­wor­fene, er weiß es – für ein Erzählw­erk nachzuliefern, hier sind sie.

– Die Ver­wand­lung der Geome­trie in Zer­set­zung oder

– Die Ver­wand­lung der Zer­set­zung in Geometrie

oder, knap­per und damit fast schon zutreffender,

– Geome­trie der Zersetzung.

(Moment, halt, du gehst? Was wird aus dem Essen? Mein Gott, warte: Alles im Kühlschrank? Wie? Die Kinder? Du scherzst, die Rezen­sion muss unbe­d­ingt heute raus. Tut mir wahnsin­nig leid… Bist du noch da? He –)

Sie lächeln? Nur zu. Damit sind wir beim Thema. Denn darum genau geht es in diesem Buch: Pas de deux der Zer­set­zung mit der Geome­trie. Lek­türe für starke Nerven.

»Erschreck­end« – im Orig­i­nal: »shock­ing« – nennt der fik­tive Chro­nist sein erstes Zusam­men­tr­e­f­fen mit der Pop­u­la­tion des imag­inären Plan­eten, auf dem die Erzäh­lung spielt. Der Leser denkt an Kan­ni­bal­is­mus, seine untrainierte, aber ver­dor­bene Phan­tasie malt bere­its an prim­i­tiven Kul­turen draußen in den inter­stel­laren Räu­men, die sich ganz bequem im Lehns­es­sel durchmessen lassen, ohne dass der Coin­treau dabei verdirbt. (Apro­pos Coin­treau… nein. Zu früh.) Weit gefehlt: Es sind die Toten, die auf dem schwarzglänzen­den Tablett dieser Prosa serviert wer­den, und das Erschrecken… steht am Beginn einer Lek­türe, die in eine langsame, minu­tiös sich vol­lziehende Erniedri­gung übergeht, falls man es nicht schafft, sich rechtzeitig aus dem Staub zu machen. Rezensent gesteht, nicht ohne Blessuren davongekom­men zu sein, und prophezeit kün­fti­gen Lesern, dass sie kaum eine Chance besitzen, besser dazuste­hen als er selbst. Also, Fre­unde: Hände weg von dem Buch! Es ist unnütz, und es ist ein Ärg­er­nis, ein unnützes Ärg­er­nis, ges­pannt und span­nend vom ersten bis zum let­zten Wort, also: Hände weg. (»hands off«? Etwas pop­pig vielle­icht, ver­giss es.)

Die Einge­bore­nen des Buches, Springflöhe des Plan­eten Hi-​ha-​ho – so benannt nach dem Echo, das er seinen Erkun­dern zurück­gibt, eines Dies­jen­seits, für das hier die Worte fehlen, sofern sie im Buch rest­los ver­braucht wer­den –, die Toten küm­mert das nicht. Sie sind sich selbst genug – »genung«, wie es, selt­samer Lap­sus, in unserer Aus­gabe heißt –, unbeein­druckt vom Bedürf­nis des Lesegemüts, sich an etwas anzuschließen und zu ent­fal­ten. Sind sie vorhan­den? Das ist schwer zu beurteilen. (Vor­sicht Falle!) Betra­chten wir sie: ein Teil schlüpft, ohne eigentlich dazu­sein, hier­hin und dor­thin; der andere drängt in akribisch beschriebe­nen Ver­renkun­gen ans Licht, um gle­ich wieder zu ver­sick­ern; bes­timmte Exem­plare scheint der Planet in qualvollen Erup­tio­nen auszuw­er­fen und in Umlauf­bah­nen zu schleud­ern, die intel­li­gente Botschaften nach draußen simulieren; welche, wird nicht ver­raten. Alle aber – man beachte das »aber« – erscheinen eingewirkt in eine unsicht­bare, geschmacks– und geruch­sneu­trale Materie, von der nur erhellt, dass sie nicht – so lautet die Fik­tion – nicht ist.

2.

Nur zu, wer­den Sie sagen, wo steckt der Clou? Das lockt doch keinen Hund hin­ter dem Ofen her­vor. Immer mit der Ruhe. Treiben wir ein wenig The­o­rie. Span­nung, Fre­unde, Span­nung ist ein eigen Ding. Was also darf es sein? Auf­bruch? Ich bitte Sie. Wohin? Ins All? Ein biss­chen Weltall ist immer im Spiel, wenn jemand die Orte wech­selt, um dem Unheil zu entrin­nen. Jeder geht an die Gren­zen seiner Welt, und zwar jed­erzeit; man behaupte nicht, es gäbe eine andere. Wer sich zurück­n­immt, bemüht sich um Gren­zko­r­rek­turen – verge­blich. Der Auf­bruch ins Gren­zen­lose ver­läuft nach den Stereo­typen eines Barbe­suchs und pflegt ähn­lich zu enden. Es tut gut, sich daran zu erin­nern, wenn anhal­tendes Crescendo uns den Atem benimmt.

Die Not steckt im Detail. Bei Licht bese­hen, lässt die Fähigkeit unbescholtener Mit­bürger, Wel­ten wie Unter­wäsche zu wech­seln, dem Erzählen keine Chance. In der Ära des Stop-​and-​go-​Verkehrs wird nicht nur mit Pro­jek­tio­nen gear­beitet, man zeigt sie auch. Jeder Auf­bruch eine Sim­u­la­tion. Schal­ten wir weiter. Glauben Sie an Geschichten von Leuten, bei denen der Fernse­her läuft? Exakt. Aber keiner kann sie aufhal­ten. Ein Knopf­druck, schon rekeln sich Held und Heldin, eben noch bib­bernd unter den rol­len­den Augen des Bösen und zu jeder Form von inter­galak­tis­cher Hingabe bereit, daheim vor ihrem »fuckin’ moth­er­board« (oder so ähn­lich… Nach­schla­gen?), der Mon­i­tor flack­ert, der »sound­blaster« krächzt, alles vom gle­ichen Her­steller wie beim Leser auf dem Schreibtisch links neben dem Sofa. Plas­tik­becher mit Eiswür­feln, nos­tal­gis­ches Relikt, lassen die Schrecken ver­dauen, die sie soeben noch – draußen, im »Raum«, wo sonst? – mit dem Leser geteilt haben. Geteilt?

Das Unheim­liche zit­tert nach, es teilt sich mit. Dieser Drang, sich mitzuteilen, ver­stört ein wenig, er macht alles weniger heim­lich, als es seiner Unheim­lichkeit angemessen wäre. Er macht es, da keiner weiß, wer noch zuhört, all­ge­mein. (»öffentlich«? Hm. Vielle­icht… Nein, das trifft es nicht. Also all­ge­mein.) Da ist nie­mand, der ihm ver­fallen wäre und den Mund hielte oder seine Erfahrun­gen dem ver­schwiege­nen Papier anver­traute. Der innere Reporter reist, schreck­lich zu sagen, immer mit.

Kunst wäre die Fähigkeit, Auswege ins Unwegsame zu eröff­nen und den Leser in Schrecken ohne Wiederkehr zu ent­führen. In den ihr zufal­l­en­den Wel­ten einer unendlich aufgeschobe­nen Rück­kehr erschiene das Nor­male nicht länger als Ziel, son­dern als sim­ple Gegen­wart, entstellt durch Über­griffe von Held/​innen (Recht so? Gut so? Das stutzt die Kerle doch empfind­lich zurück. Sabine!), von deren Bewusst­sein der Wah­n­witz einer zum Prozess gegen das All mutierten Lek­türe Besitz ergriff. Der Wah­n­witz hat immer Meth­ode. Kein Wun­der: hin­ter ihm ver­birgt sich nichts anderes als das sich frei nehmende method­is­che Bewusst­sein, das man in den Wis­senschaft­szen­tren des aus­ge­hen­den Jahrhun­derts her­anzieht. Oben­drein, bloody Mary sei Dank, hat er auch Stamm­baum. (Wieso er? Ach so.) »Der unaus­rot­tbare Mut« – ich zitiere einen all­seits bekan­nten Philosophen –, »der resul­tiert aus der unver­mei­dlichen Gegen­wen­dung des Bewusst­seins, in der es die nat­ural beste­hende Grun­dan­gst aufn­immt und bändigt, weil es sie ratio­nal sta­bil­isiert, in der es sich beruhi­gen und diese zum Ver­schwinden brin­gen will an geschaf­fe­nen Real­itäten, die ob ihrer imag­inären Genese aber jed­erzeit zer­brechen kön­nen, ist die pro­duk­tive und aufhebende Energie der the­o­retis­chen Frei­heit.« Nun ja, man hätte das vielle­icht etwas weniger ver­schlun­gen aus­drücken kön­nen. Doch, unter uns, was wäre damit gewon­nen? Auch so ver­steht man aus­geze­ich­net: Wir alle, Mit­be­wohner des als Zivil­i­sa­tion getarn­ten Kan­inchen­baus, der sich täglich aus dem Nieder­schlag der Angst von Mil­liar­den erneuert, sind Franken­steins Erben. Wir sind es mit heim­lichem Schauder. Der Wis­senschaftler, nein, der Mann der Wis­senschaft auf ver­bote­nen Wegen, vor nichts graut uns ver­lässlicher. Neben­bei: ein Fall von sex­ueller Diskriminierung?

Man wird den lan­gen Schat­ten nicht überse­hen, den der Mann von La Man­cha über die Szenerie wirft. Gle­ich ihm kön­nte der Autor, der sich anschickte, mich zu überzeu­gen, zu jedem seiner Geschöpfe, wie jener einst zu San­cho Pansa, dem zwiefälti­gen Erzäh­ler in der Nacht des Schreck­ens, sagen: »Von deinem Scharf­sinn hätte ich mir ja nichts anderes erwarten dür­fen, und ich wun­dere mich auch nicht darüber, denn wahrschein­lich hat dir dieses Stampfen, das kein Ende nehmen will, den Ver­stand gän­zlich ver­wirrt.« Das Stampfen, dies sei nachge­tra­gen, ist der mech­a­nisierte, unbeküm­mert um Tag und Nacht abrol­lende All­tag, auf den sich das method­is­che Bewusst­sein richtet wie ein Zielfer­n­rohr auf die übers Oku­lar spazierende Mücke. Doch gesetzt, er spräche es aus: Was geschähe? Lesen wir. Auf der Stelle, so heißt es, ver­spürt San­cho Pansa den »Wun­sch und Drang« – man beachte die Dopplung –, »zu ver­richten, was kein anderer für ihn zu tun ver­mochte«. Mit anderen Worten: Er lässt seiner Sub­jek­tiv­ität freien Lauf.

3.

Genug der The­o­rie. Unser Ver­fasser geht einen anderen Weg. Es gibt, so scheint er zu denken, nur einen soli­den Grund unserer Äng­ste, unseres Grauens und unserer – noch schlim­meren – Hoff­nun­gen, von dem abzuheben ein Schrift­steller seinen Gestal­ten nicht ges­tat­ten sollte: den einen gemein­samen Boden des real existieren­den Irrealen. Die Aus– und Umgestal­tung dieses Bodens – »ground«, sehr hüb­sch – zu einem Plan­eten, zu einem suisuf­fizien­ten Gebilde, dem ent­fliehen zu wollen ein nicht sin­nvoller Gedanke wäre, da es offenkundig aus nichts anderem als den Flucht­be­we­gun­gen seiner Bewohner in jedem Augen­blick neu ersteht, ist der Inhalt seines Romans.

Also das Irreale als das Gegebene. Also die beweglichen Objekte der Wün­sche, Träume, Hoff­nun­gen, Befürch­tun­gen, Äng­ste, Dro­hun­gen, Flüche, Ver­wün­schun­gen, in denen das Sub­jekt sein vagieren­des Selb­st­ge­fühl auslebt? Das wäre wenig, zu wenig für einen Erzäh­ler, dessen Ehrgeiz sichtlich darin besteht, das Jen­seits der Imag­i­na­tion zu bevölk­ern. Die Gegen­wart der Toten beginnt dort, wo das Spiel der Ein­bil­dung endet. Die Toten – oder was wir an ihnen besitzen –, das sind die Wesen, vor denen uns graut, weil sie das Grauen hin­ter sich haben, unsere zutraulichen Antipo­den. Ihr Behar­ren ist unsere Flucht. Das allein gibt ihrem Plan­eten Kon­sis­tenz (»sistieren« – ach was, weiter). Wo wir fest­ste­hen, ver­flüchti­gen sie sich. So ein­fach ist das. Wenn wir uns ent­gleiten, blicken wir in ihre Gesichter.

4.

So ein­fach ist das. So ein­fach wäre es, wenn es dabei nicht das eine oder andere zu bedenken gäbe. Natur­wis­senschaft erfindet Bausteine des Uni­ver­sums und beweist sie aus der Beobach­tung ihrer Wirkun­gen. Sie ver­stetigt das Flüchtige, indem sie es kon­trol­lierte Verbindun­gen einge­hen lässt. Anders das all­ge­gen­wär­tige Geschwätz, das seine Sub­stanz an der Auflö­sung aller Fix­ierun­gen hat, am Genuss, der Ideen und ihre Verbindun­gen als Ein­fälle trak­tiert und sie ins Boden­lose entlässt, aus dem sie ihm zufallen. Beide gehören zusam­men: Eins rührt ans andere als ans Jen­seits der eige­nen Imag­i­na­tion. Beide brauchen ihr Jen­seits, beide beziehen aus ihm ihre stärk­sten Effekte: jede Ein­bil­dung ist ihre im voraus gewen­dete Vernei­n­ung. Kein Ein­fall ohne die Toten, keine Hypothese ohne ihre laut­los durch­drin­gende Gegen­wart, doch keines, das sie zu Gesicht bekäme, das ihrer ansichtig würde. Nur das Bewusst­sein, das vom einen zum anderen fort­geht – obwohl es doch zu etwas hingeht –, passiert den schmalen Spalt der Befrem­dung, in dem es in sich vergeht, um aus sich her­auszutreten in das Gespräch, das bere­its in Gang war, und so den Ein­satz erst möglich machte, den eige­nen Ein­satz, zwar nicht den ure­ige­nen, aber der hieße, den Tod zu suchen, um nicht tot zu sein.

Das klingt abstrakt. Das ist abstrakt. Doch in jeder Abstrak­tion öffnet sich, durch keine Anschau­ung versehrt, das schlechthin Unbes­timmte, das Zwielicht des Ungedankens, aus dem die gedachte Welt als eine mögliche, vor­sichtiger aus­ge­drückt: als eine vielle­icht mögliche auf­taucht wie – wie? Wie denn auch? Wo die Anschau­ung schwindet, schwinden die Exem­pel. Die Reflex­ion kennt keine Beispiele, jede ern­sthafte Reflex­ion ist beispiel­los, agiert abseits von allem, was sich aneinan­der­schmiegt, zum Ver­gle­ich auf­fordert, und damit abseits des Lebens, das nur in Vor­bildern und durch Vor­bilder existiert, durch das immer anders Ersehnte, um dessen willen die Wörter miteinan­der Unzucht treiben. Die Reflex­ion, das ist das Leben der Toten, ein Huschen zwis­chen zwei Unbes­timmtheiten, die in Wirk­lichkeit eine sind, ein Segeln nach Gültigkeiten in einem Meer von Gle­ichgültigkeiten, und damit auch ein Leben. In ihr tum­melt sich der Neid der Toten oder er strömt – im geglück­ten Fall –, als komme nichts gegen ihn an, als sei er in Wahrheit grundlos.

So also nicht. Die Reflex­ion ist die let­zte Maske der Toten – um die Sprache unseres Autors zu sprechen –, die let­zte, immer­hin. Welches aber wäre die Sprache, die sie als abge­wandte zeigt und damit als die, die sie sind? Die Sprache ohne Ehrgeiz? Lesen wir uns ein.

5.

»Was uns beson­ders erstaunte, war die Heit­erkeit der Toten, eine tote Heit­erkeit, wenn der Aus­druck ges­tat­tet ist. Sie lachten wie toll, gebärde­ten sich gle­ich Neuge­bore­nen und wälzten sich in ihren Windeln. Ein spin­del­beiniger Alter tat sich beson­ders her­vor, seine Perga­men­thaut gab aus tausend Run­zeln den prick­el­nden Anblick des Raumes wider, der sich über ihm span­nte, bis sie, nahe der Milz, von unge­fähr ein­riss und Mull­binden aus ihr her­vorquollen. Ein Gong ertönte, die Toten formierten sich in einer lan­gen Reihe und bestiegen ein rad­loses Gefährt, das, für uns deut­lich sicht­bar, Fahrt auf­nahm, während es sich, wie in dem bekan­nten Kindervers, nicht von der Stelle rührte. Die Toten, unge­mein angeregt, wie uns schien, waren jeder mit sich selbst beschäftigt und hiel­ten sich starr aneinan­der. Manche Gesichter tru­gen einen abstoßen­den Ein­druck von Zufrieden­heit, der eingeimpft wirkte und wie von leisem Zweifel gewiegt. Doch auch das war im Nu dahin. Entset­zen flammte in ihnen auf, Entset­zen, über das sich ebenso rasch Müdigkeit legte gle­ich einer schw­eren Wolldecke, auf deren wech­sel­n­dem Muster sich alles weit­ere regte: Gereiztheit, Zorn, Hass, Eifer­sucht, Gefall­sucht, Trotz, ein Reigen uner­widerter Affekte, ein Karus­sell der nolens volens toten Begier­den, ein unangenommenes Dasein, ein Dort– und Fort­sein in einem fort. Dabei wan­derten die Gesicht­szüge nicht, wie man es von Schlafenden kennt, son­dern blieben starr, so, als wür­den sie mit immer rasenderer Geschwindigkeit aus­gewech­selt; von Zeit zu Zeit, in unregelmäßi­gen Abstän­den, zuck­ten Irrläufer dazwis­chen­hin, für die es kein Gegen­stück in der Gefühlswelt gab, es sei denn das Erschrecken des Betra­chters, dessen sich ein schier unwider­stehlicher Zwang bemächtigte, sich niederzule­gen… Auf­fal­l­end war die Fol­gsamkeit, ja Demut der Toten. Kam man ihnen nahe, so neigten sich einem ihre Kör­per ent­ge­gen, obwohl es auch wieder so aus­sah, als verän­derten sie ihre Stel­lung nicht. Trat man einen Schritt hin­ter sich, dann war es, als zögen sie sich in eine unbes­timmte Ferne zurück. Sobald man sich umdrehte, hüll­ten sie einen im gle­ichen Augen­blick in einen feinen Leichengeruch, den man wahrnahm, als entströme er dem eige­nen Kör­per. An der Hand gefasst, zeigten sie Regun­gen der Ungeduld, jedoch ohne sich dem Zugriff zu entziehen. Ließ man sie los…«

6.

Ich denke, mit der Pas­sage nichts preiszugeben, was die Ges­pan­ntheit des Lesers min­dern kön­nte. Die Schreibart hinge­gen – soweit sie hier inter­essiert – liegt offen zutage. Der Text geht von einer para­doxen Vorstel­lung zur näch­sten fort, in einem fort – im Weg der Para­doxie –, ohne ander­swo anzukom­men als in der näch­sten Vorstel­lung, die, an den bei­den Enden des Wider­spruchs ent­fal­tet, sich auflöst wie ein leicht gebun­denes Tuch. Jeder Satz kommt aus einem Para­dox her­vor. Ein wenig geziert ließe sich sagen, er schiebt sich aus ihm her­aus wie ein Stock, an dem der Autor die weiße Fahne hisst, ohne dass sein Leser die ger­ing­ste Lust ver­spürte, der Qual ein Ende zu bere­iten. Die Qual ist end­los. Zwis­chen Leser und Autor liegt sie auf hal­ber Strecke. Da keiner sie aufhebt, bleibt sie nie­man­des Qual und damit die Qual aller.

Sie ist nicht länger die Nöti­gung, bei der Sache zu bleiben. Die Sache ist zurück­geglit­ten; sie war der Vorhang, der die leere Bühne den schläfrigen Blicken des let­zten Zuschauers ent­zog, der nun, aufrecht wie vielle­icht niemals zuvor auf seinem Klapp­stuhl sitzend, den Tanz der Sätze ver­folgt, die, kaum den Boden berührend, sich winden, ver­w­er­fen – Tanz-​Qual der Ver­w­er­fung, des Sich-​Verwerfens, gesproch­ene Qual, nie­man­des Qual. Die let­zte Maske gefallen, das let­zte Angestrengt­sein, das Mitre­den­wollen der Toten, das Leben des Geistes. Aus der Gedanke, zur Seite gewan­dert, ins Abseits, ins wel­tenerfind­ende Abseits, in dem alles notwendig so und anders und notwendig anders und so ist, obwohl es scheint, als scheine es anders zu sein als es ist, indessen es scheint. Hier scheint nichts, indessen es scheint. Nachrichten über das Innen­leben der Toten sind rar, sie sind kaum zu erhal­ten. Woher auch. Schon dass man sie zu Gesicht bekommt, nimmt wunder.

7.

Alles konzen­tri­ert sich dem­nach darauf, wie man sie zu Gesicht bekommt. Die Antwort liegt vor: als Geome­trie und Zer­set­zung. Manch­mal hat der Leser den Ein­druck, als sei der Erzäh­ler der einzige, der das Buch hin­durch gle­ich unwis­send bleibt. Während der Leser nicht anders kann, als von Zeit zu Zeit zu ver­ste­hen, das heißt, einen jener Auf­schwünge zu nehmen, ohne die er das Buch unaus­ge­le­sen aus der Hand legen würde, während sich die Toten bald als die Gewitzteren erweisen, die sich ihren Chro­nis­ten hal­ten, ihn – wer weiß – am Ende fin­gieren, bleibt der Chro­nist der­selbe, der er von Anfang an ist, das amphibis­che Wesen, das, sich fort­be­we­gend, Bewe­gun­gen reg­istri­ert: Effekte, die sich, je länger sie mit immer­gle­icher Akri­bie beschrieben wer­den, desto klarer als per­spek­tivis­che Täuschun­gen zu erken­nen geben, als Erzeug­nisse eines umfassenden Per­spek­tivis­mus ohne Sub­jekt, denn ger­ade let­zteres ist es, was der Chro­nist von sich opfert und wohl opfern musste, um den Plan­eten betreten zu dür­fen, auf dem er sich aufhält.

Jeder Schritt reißt eine Flucht in den Raum, geschnit­ten, durch­quert, durch­schauert von Kur­ven, die sich dem Senken eines Fußes, dem Auf­fahren einer Hand ver­danken, verdichtete Zonen und Risse einer unglaublichen Leere schaf­fend – Durch­dringung von Räu­men, Seh-​, Hör-​, Geruch­sräu­men, in deren Kav­er­nen die Toten sich sam­meln, Abfall der Selb­st­wahrnehmung, Exkre­ment des Geistes, die aus­geschiede­nen Selb­ste. Diesel­ben, aus denen der Geist seine Nahrung gezo­gen hat bis hin zur Unun­ter­schei­d­barkeit bei­der, die sich im nach­hinein als drei zu erken­nen geben: der Geist, die Nahrung, das Exkre­ment. Die Schei­dung der Stoffe bevölk­ert die Nichtwelt. Das Aus­geschiedene ist nicht das Unbrauch­bare. Es hat seine Brauch­barkeit schon bewiesen, und es beweist sie in einem fort: seine abwe­sende Anwe­sen­heit, die iden­tisch ist mit unserer, der anderen, anwe­senden Abwe­sen­heit, sie unter­hält den Sog, den der Geist, unser Geist – wessen sonst? – auf dieses Selbst ausübt. Man mag es Gerechtigkeit nen­nen oder Hohn oder bei­des. Es ist das, was geschieht. Sie sind, was wir wer­den, aber nicht sein wer­den, und ihre stumme Auf­forderung an uns, ihnen zu fol­gen, der wir willfährig nachgeben, während wir uns noch sträuben, ist voller Augen-​Blicke, heim­licher und unheim­licher Momente, in denen wir ein wenig mehr wer­den, was zu sein man uns – o San­cho! – abschlägt.

Das let­zte Wort behält der Erzäh­ler. (Brief­marke, rasch; Erb­sen­suppe – o nein. Ach Sabine.)

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