1.

Gegen zwölf Uhr dreißig bei sonnig-​kaltem Mai­wet­ter – wir zitieren nach einem aus unerfind­lichen Grün­den erhal­ten gebliebe­nen Exem­plar des örtlichen »Anzeigers« – nahm der Dichter Klaus Schwäger, wohn­haft in Scher­pen (einem Stadt­teil, dessen Cad­mium– und Queck­sil­ber­w­erte in den Zeitungs­berichten der fol­gen­den Wochen aus den üblichen unerk­lär­lichen Grün­den steil ansteigen soll­ten), den Magnus-​Menge-​Remscheid-​Preis für stand­hafte Lit­er­atur ent­ge­gen. Er empf­ing ihn ste­hend, möglicher­weise ver­dutzt über die Klein­heit des Objekts, das ihm zugesteckt wurde, und hatte es in seiner Ver­wirrung bere­its in der Plas­tik­tüte ver­schwinden lassen, die der per­sön­lich anwe­sende Namenspa­tron des Preises, übri­gens Ehren­vor­sitzen­der der Jury, ihm unauf­fäl­lig im Gedränge zugeschoben hatte, als der eben­falls im Raum befind­liche Fotograf der örtlichen Presse­or­gane aus­rief, der Akt müsse wieder­holt wer­den, da ihm bis jetzt die Sicht verdeckt gewe­sen sei. Der Bitte wurde entsprochen.

So, unter all­seits beifäl­ligem Gelächter und Nicken und unter grober Ver­let­zung der vier Wochen vorher feier­lich beschlosse­nen Statuten, geschah es, dass die Ausze­ich­nung dem ersten gekürten Preisträger gle­ich zweimal ver­liehen wurde – eine Ehre, die weit über alles hin­aus­ging, was dieser, ein beschei­dener Ex-​Buchhalter und lit­er­arischer Scheren­schnei­der, sich wenige Wochen zuvor hätte träu­men lassen. Dass es nicht recht war, küm­merte ihn nicht; er merkte es gar nicht in seiner Ver­wirrung, und befand sich damit in guter Gesellschaft, sofern die anwe­sende damit gemeint sein kon­nte. Denn das Café, zugestellt mit dem oblig­aten Hal­brund beque­men, wenn auch etwas abge­grif­f­e­nen Gestühls, war voll: die Damen – in der Überzahl – und Her­ren hat­ten zwar keinen Ein­tritt bezahlt – es han­delte sich um eine quasi öffentliche Ver­anstal­tung –, aber sie bezahlten ersichtlich mit ihrer Anwe­sen­heit und wün­schten etwas geboten zu bekom­men. Sie soll­ten bleibende Ein­drücke empfangen.

2.

Was war vorausgegangen?

An einem grauen, reg­ner­ischen März­abend ver­flossener Zeiten, in denen das Reich des Guten gegen das Reich des Bösen zum Krieg der Sterne rüstete, trafen sich in dem griechis­chen Spezial­itäten­restau­rant Her­pes der Wer­beleiter der örtlichen Presse­or­gane, die aus Kosten­grün­den zusam­men­gelegt waren – nur der Kom­men­tar auf der Titel­seite musste noch je nach Parteinähe dop­pelt geschrieben wer­den –, Ernst-​Dieter Bueb, und Karl Resch, Mitar­beiter am nahegele­ge­nen Insti­tut für His­panis­tik, der in seiner freien Zeit Elegien auf das Schick­sal des altrömis­chen Dichters Ovid schrieb, ohne dass sich bisher ein Ver­lag daran inter­essiert gezeigt hätte. Das Restau­rant war zu dieser Zeit noch nicht ren­oviert; es speiste sich angenehm zwis­chen den Aus­blicken auf die son­nenüber­flutete Ägäis zur Rechten und die zwis­chen Diskuswer­fer und belved­ereschem Apoll mattglänzend auf­scheinende Theke zur Linken – falls man nicht, wie Bueb, die Ägäis link­er­hand und die Theke entsprechend zur Rechten bevorzugte: eine Posi­tion, die den Blick auf einen den Kampf um Troja schildern­den Par­avent eröffnete, hin­ter dem der Besucher ohne weit­ere Mühen den Auf­stieg aus einem urin­par­fümierten Hades erriet, welchem gele­gentlich leicht schwank­ende Gestal­ten entschlurften.

»Der Regen«, erläuterte Resch seinem gelang­weilt drein­blick­enden Gesprächspart­ner, »hat hierzu­lande keine Konkur­renz, das macht ihn unansehn­lich und wenig export­fähig.« Bueb legte den linken Arm über die Stuh­llehne zurück, das Sakko bauschte sich leicht. Sein Blick fix­ierte die Kell­nerin, die, zwei Uzos und einen Rotwein auf sparsamem Tablett bal­ancierend, vor­bei­glitt; ihre Hüfte streifte die Tis­chkante. Ein Kell­ner beugte sich über die Balustrade und entzün­dete eine Kerze, der zweite Ver­such gelang. Bueb, eigensin­nig, mochte nicht von der Kell­nerin lassen; auch hier brachte der zweite Ver­such den Erfolg. Dann ließ er sich treiben. Der Rotwein schim­merte in den Gläsern, als habe er keine andere Wahl: ein ver­lo­genes Manöver, denn er fand immer Gründe. Bueb, die Zigarette aus­drück­end, beugte sich vor: »Heute nach­mit­tag war ich in Laake.«

»Geschäftlich?«

»Mag ich so nicht aus­drücken. Sie haben Grabert unter die Erde gebracht.«

»Wie war’s?«

»Grau. Reg­ner­isch. Kalt.«

»Also passend.«

»Ich musste hin. Mag­nus Menge war auch da; klar, das ging nicht anders, ältester Fre­und und so, Dichterkol­lege. Also fuhr ich ihn hin. Viele waren ohne­hin nicht gekom­men; ein trau­riger Haufen.«

»Also ent­täuschend. Für einen Mundartdichter –«

»Er war kein Mundart­dichter. Ich weiß gar nicht, was du immer hast. Wir haben auch über dich gesprochen – auf der Rück­fahrt. Mag­nus Menge ist aus­ge­sprochen enttäuscht.«

»Von mir?«

»Nicht nur. Er war ganz deprim­iert, der Arme. Er hatte fest damit gerech­net, am Grab eine Rede zu hal­ten, aber nie­mand kam auf die Idee, ihn aufzu­fordern. Die Rede steckte die ganze Zeit in seiner Jack­en­tasche, im Auto holte er sie her­aus und zeigte sie mir.«

»War sie gut?«

»Weiß ich doch nicht.«

»Und warum ist er von mir enttäuscht?«

»Weil er so viel für dich tut, ohne dass du begreifst, was er will. Er glaubt fest daran, dass ihm die Würde eines Ehren­dok­tors zusteht, aber keiner merkt’s.«

»Stimmt. Aber was hat das mit mir zu tun?«

»Du sollst ihn vorschla­gen.« Bueb blickte aufmerk­sam: spöt­tisch, aber erwartungsvoll. Resch grin­ste. »Und du meinst, ihm soll geholfen werden?«

»Ich meine, wir soll­ten ihm helfen.«

»Hat er’s verdient?«

»Er hat es ver­di­ent. Er giert danach. Er kann an nichts anderes mehr denken, der Arme. Er wird fün­fund­sechzig; woher soll’s denn kom­men? Aus dem Bauch? Mehr Unter­leib hat er nicht.«

Der Kell­ner beugte sich über die Balustrade und schenkte Wein nach. Buebs Blick suchte die Kell­nerin. Resch, in Betra­ch­tung ver­sunken, rieb sich die Schläfe.

»Es müsste eine Ausze­ich­nung sein, die er nicht empfängt, eine wirk­liche Höl­len­strafe für seine unziem­liche Gel­tungssucht. Wir soll­ten ihm etwas vor die Nase binden, wovon er nicht mehr loskommt. Es muss für ihn geschaf­fen sein, aber er, er ganz allein, darf es nicht erhal­ten kön­nen. D’accord?«

»Wir geben ihm einen Preis.«

»Ganz falsch. Außer­dem strebt er nach stärk­eren Dro­gen. Er will schließlich keinen Preis, er will einen Titel. Sein Name reicht ihm nicht mehr. Also geben wir ihm einen neuen.«

»Wir stiften ihm einen Preis. Den Magnus-​Menge-​Preis.«

»Das wird nicht reichen.«

»Den Magnus-​Menge-​Remscheid-​Preis.«

Resch dachte nach. Er stützte die Ell­bo­gen auf die Tis­chkante und bet­tete Kinn und Wan­gen in beide Hände. »Das ist gut, aber ungenü­gend. Der Stachel ist da, nur – er wird ihn nicht merken. Er will die Erek­tion, also soll er sie kriegen. Treiben wir ihm den Stachel ins Fleisch. Nen­nen wir das Ding Magnus-​Menge-​Remscheid-​Preis für stand­hafte Literatur.«

»Gut«, sagte Bueb geschäftsmäßig. »Das wäre gek­lärt. Wir brauchen den Ankündi­gung­s­text, eine Jury und einen Kan­di­daten. Und eine Urkunde, nicht zu vergessen. Wer schreibt den Text? Du? Gut. Grafik besorge ich. Was noch? Preis, Pult, kaltes Büfett – wer hält die Laudatio?«

»Ich« sprach Resch wie zu sich selbst.

Bueb hob das Glas: »Auf Mag­nus Menge!«

»Auf Mag­nus Menge!«

3.

Als der Dichter Klaus Schwäger am Sam­stag, wie immer um diese Uhrzeit, die Tür zum Neben­raum seines Stamm­cafés auf­drückte, zog es ihm für einen Moment den Magen zusam­men. Es war nur ein knappes Sig­nal; das anschließende Gefühl der Erle­ichterung hielt länger vor. Ihm war, als schwebe er auf das Tischoval zu, an dem, wie immer sam­stags um diese Uhrzeit, eine zweifel­hafte Runde beisam­men­saß. Ger­ade beugte sich der paus­bäck­ige Schep­per­mann gemein­sam mit Bueb über die Witzs­palte eines Her­ren­magazins und lachte kehlig, indessen Bueb in die Kon­vul­sio­nen dieses Leibes hinein­sprach, als wolle er ihm das Rück­grat punk­tieren. Schweigend nahm Klaus Schwäger Platz; das Gefühl hielt an. Neben ihm plaud­erte der ergraute Arbei­t­er­dichter Van Ven­ning, den Wider­schein längst demon­tierter Hochöfen im Blick, mit Mag­nus Menge, der wie durch Zufall an diesem Tag eine rote Krawatte trug. Er ließ sie ein wenig aus der bis oben zugeknöpften Weste her­ausquellen, was ihn gewichtiger erscheinen ließ und ihm den Charme eines gepressten Darms ver­lieh. Zur Linken bemühte sich der Ruhrbarde Klussin­ski – Schwäger kon­nte ihn auf den Tod nicht ausste­hen –, einen Gedanke­naus­tausch mit dem Vor­sitzen­den des Schrift­stellervere­ins in Gang zu hal­ten. Dieser, schmal und zart, blinzelte sein feines Lächeln dem Garder­oben­stän­der zu, der zu weit ent­fernt stand, um fol­gen zu kön­nen. Auf dem zers­esse­nen Sofa, acht­los an Schep­per­manns Seite, rutschte Resch gestikulierend vor und zurück. Er war mit einem Stu­den­ten gekom­men, der bere­its durch sein Äußeres Zer­ris­senheit sig­nal­isierte. Schwäger wusste, dass er aus dem anderen deutschen Staat stammte, aber entschei­dende Sta­dien seiner Entwick­lung dem örtlichen Ambi­ente zu ver­danken hatte. Seit Wochen war Schwäger geson­nen, ihn nicht zu mögen – ohne Erfolg.

Resch, gut gelaunt, spielte seine Lieblingsrolle, er gab Ratschläge fürs Leben. Tube Hup­pert, der zer­ris­sene Stu­dent, kon­nte sie brauchen, würde sie aber nicht annehmen. Ger­ade darin erwies er sich als gelehriger Schüler. Resch hatte sein bish­eriges Leben darauf ver­wandt, gute Ratschläge in den Wind zu schla­gen; es schien ihm, alles in allem, nicht schlecht zu bekom­men. Trotz­dem war er heute mor­gen ein paar Meter vor dem Café fast über den Vor­sitzen­den des Schrift­stellervere­ins gestolpert – nach den ver­schwiege­nen Absprachen jenes Abends sein desig­nierter Nach­fol­ger in der Jury, die als­bald ihre Tätigkeit aufnehmen würde. Der Vor­sitzende, wie immer in Eile (sie hat­ten das­selbe Ziel), grüßte grav­itätisch, um nicht zu sagen bedeu­tungss­chwer, was möglicher­weise durch das bevorste­hende Erscheinen eines neuen Pros­a­ban­des erk­lärt wer­den mochte.

»Gibt’s etwas Neues?« Da er sich jed­erzeit im Amt fühlte, war seine Frage berechtigt. Weil er keine Antwort bekam, fühlte er sich her­aus­ge­fordert, sie abzuschwächen: »… in der Uni?« (Damit frönte er einem Tick, den alle gut kan­nten, denn er hatte, um genau zu sein, nicht die allerg­er­ing­ste Beziehung zur Uni­ver­sität.) Wahrheits­gemäß tönte Resch: »Nein.« Schweigend ging man, obwohl es schw­er­fiel, getren­nte Wege. –

Resch klopfte gegen sein Tee­glas. Da nie­mand Notiz nahm, begann er mit leiser Stimme zu reden. Nach weni­gen Worten hätte man eine Steck­nadel fallen hören kön­nen. Nur Bueb raschelte vernehm­lich mit dem Mag­a­zin, hin­ter dem er gele­gentlich her­vor­lugte. Resch skizzierte den Plan, die Bestel­lung der Jury, das Ver­fahren. Fragen?

»April, April.« Das kam von Schep­per­mann, der aber bere­its rot anlief. Keiner beachtete ihn. Ein schmaler Poet in der zweiten Reihe, schwarzer Hemd­kra­gen, wagte die entschei­dende Frage: »Was sagt Mag­nus Menge?«

Mag­nus Menge schwieg.

Der Namen­lose schlug vor, die Jury zu erweitern.

Wen er dabei im Auge habe?

»O«, hauchte er und nan­nte einen Namen, der alle erstar­ren ließ.

Klussin­ski, ger­ade erst in der fer­nen Haupt­stadt mit Tusch und Beifall, einer Plakette und einem Scheck für das überzeu­gend­ste Gedicht zur Müll­prob­lematik in der Region aus­geze­ich­net – auch der Min­is­ter war zuge­gen gewe­sen –, klappte sein Notizbuch auf: »Wann?«

Er nickte und notierte den Ter­min. Resch befand, es sei an der Zeit, in den Erläuterun­gen fortz­u­fahren. Geräuschvoll ord­nete Bueb das Mag­a­zin und kam ihm um Haares­länge zuvor. Er präzisierte, deutete an, ver­schwieg. Eigentlich sagte er nichts. Die Runde schwamm in Entzücken. Nur als er bekan­nt­gab, Frau N. werde als Mit­glied der Jury tätig wer­den, sprang Klaus Schwäger, der in tiefe Gedanken ver­spon­nen dage­sessen war, unver­mit­telt auf und rief, zum höch­sten Erstaunen der Anwe­senden: »Den Preis will ich nicht haben.«

Bueb blickte ihn über den Bril­len­rand an und sprach weiter. Resch unter­brach ihn und ver­langte eine Diskus­sion der Frage, ob der Magnus-​Menge-​Preis für stand­hafte Lit­er­atur abgelehnt wer­den könne. Die Ansichten erwiesen sich als geteilt, doch über­wog die Auf­fas­sung, der­gle­ichen sei zwar denkbar, würde jedoch nichts nützen. Er würde dann eben in Abwe­sen­heit über­re­icht wer­den. Schwäger, der sich offen­bar wieder beruhigt hatte, erk­lärte ver­söhn­lich, er werde zur ersten Ver­lei­hung sein Steh­pult mitbringen.

Noch ein­mal stand die alles entschei­dende Frage im Raum, was Mag­nus Menge zu all dem sagen möge. Doch Mag­nus Menge schwieg beharrlich.

4.

Resch, Schrift­steller wider Willen, aber mit Lei­den­schaft, blät­tert in alten Notizen.

»Lit­tera, –ae, der geset­zte Buch­stabe, das Schriftliche – ver­mut­lich aus lites-​a, »Angeschmiertes« –, let­ter­atura, let­tres, Lit­er­atur. Ein Name schafft sich seinen Gegen­stand: Über­liefer­ung, Zeit und Raum über­greifend, zugle­ich beschlossen auf eng­stem Raum, in den Staub– und Wan­del­gän­gen elitärer Konzen­tra­tion, ver­schlepp­bar, brennbar, leicht entzündlich. Tradierte Bestände, greifbar-​ungreifbar in den Quader– und Kup­pel­bauten antiker Bib­lio­theken und ihrer Nach­fol­ger wie in den Fahrschacht– und Stol­len­labyrinthen gegen­wär­tiger Ver­wahrar­chitek­tur. Die alte Frage des Zugangs zum Geschriebe­nen, zum Wis­sen und zur Macht, die aus dem Wis­sen entspringt. Die nicht weniger alte Frage nach der Beschaf­fen­heit solcher Macht – einer Macht, die nicht aus den Gewehrläufen, son­dern aus der Kraft des Geistes stammt, sich über die Ver­hält­nisse zu erheben und sie zu beherrschen. Schließlich die Frage nach dem Wis­sen selbst: das Geschriebene eine höhere Form des Gedachten, das heilige Buch, das auratis­che Werk, das schreibend Erdachte…«

Resch sitzt zu ebener Erde, die offene Veran­datür halb im Blick, und denkt.

Drei Grup­pen von Lit­er­aten. Priester. Gelehrte. Intellek­tuelle. Ihre Embleme: Schriftrolle, Buch­druck, Rota­tion­s­presse. Die tech­nis­chen Übergänge markant, doch let­ztlich nicht entschei­dend. Die Arbeit der Kopis­ten in den mit­te­lal­ter­lichen Schreib­stuben, ist sie nicht eine Art manuell vor­weggenomme­nen Buch­drucks? Die priester­liche Schlüs­sel­ge­walt in den Zen­tren der Repro­duk­tion, darauf kam es an. Ausle­gungs­fra­gen, Macht­fra­gen. Wir hinge­gen: groß gewor­den mit den Kom­mu­nika­tion­s­gaukeleien lux­u­ri­eren­der Gesellschaften, die das Gut Infor­ma­tion im Über­fluss bere­it­stellen. Der Intellek­tuelle ist früher auf dem Markt als auf der Höhe seiner Möglichkeiten.

Resch seufzt.

»Die ältesten Aufze­ich­nun­gen dien­ten dazu, das Wiederkehrende festzuhal­ten: Flut und Dürre, Mond­phasen, Sternkon­stel­la­tio­nen. Die Schrift notiert die Wiederkehr des Gle­ichen. Schriftze­ichen sind Merkze­ichen dessen, was vorgeht, um bevorzuste­hen. Daher kommt der prog­nos­tis­che Zug, die Nähe zur Weis­sa­gung, zur Reli­gion. Dann aber mis­cht sich eine Präzi­sion ins Spiel, die anfängt, die Erfahrung selbst, dieses unmerk­liche Sichver­schieben der Erin­nerung, Lügen zu strafen. Lit­er­atur ist Bestand­sauf­nahme von alters her, sie ver­fügt über Bestände, angesichts derer die beschämte Erfahrung das Haupt ent­blößt und ihre Igno­ranz bekennt. Buch­staben­wis­sen, Buch­wis­sen, mis­strauisch beäugt. Endlich: Lit­er­atur schafft Zusam­men­hänge. Was durch Zeichen ver­bun­den ist, darf der Gott nicht trennen.«

Resch notiert.

»Wis­sen: die ständige Nöti­gung der Igno­ranz, sich vor sich selbst zu beken­nen. Wis­sen ist nicht Macht: Es ist die Sprachlosigkeit der anderen. Solange sie das Spiel mitzus­pie­len bereit sind, ist alles in Ord­nung; andern­falls wird es heikel. Auf­stände gegen die Wis­senden pfle­gen blutig zu ver­laufen, Argu­mente sind uner­wün­scht. Wer weiß, lebt gefährlich, lebt das Leben der Eliten, die sich nur auf kurze Zeit von der Macht tren­nen lassen. In Rev­o­lu­tio­nen gefährdet, in sta­bilen Peri­o­den obe­nauf: Es nimmt nicht wun­der, dass die alten Priesterkas­ten, als sie, noch zögernd und voller Bedenken, die Schrift in ihr Reper­toire auf­nah­men, sich zu bloßen Ver­wal­tern des Wis­sens stil­isierten – eines frem­dar­ti­gen, und, bei der Berührung durch unkundige Hände, tödlichen Wis­sens, das sie solcher­art von sich abtren­nten und in Gebirge von Stein schlossen, der besseren Halt­barkeit wegen. Denn keine Herrschaft kon­nte ihnen for­tan genü­gen, keine erschien ihrem erwachten Sicher­heits­bedürf­nis solide genug. Als man die geheimen, durch viele Jahrhun­derte gehüteten Vor­ratskam­mern des Wis­sens schließlich auf­brach und plün­derte, fand man die heili­gen Schriften rand­voll mit Beschwörun­gen des ver­bor­ge­nen und unz­er­stör­baren Reg­i­ments der Göt­ter, deren Tem­pel man ger­ade in Schutt und Asche gelegt hatte – und wandte sich acht­los ab. So kommt das Wis­sen unter die Leute.

Stadtkul­turen errichten ihre Bib­lio­theken in den lokalen Zen­tren der Macht, umgeben von Kirchen und Palästen. Diese ent­flamm­baren Horte teilen die Gefährdun­gen der Städte: Brand­s­tiftung, Plün­derung, Ver­schlep­pung, das banale Handw­erk der Sieger. Die Einäscherung einer Bib­lio­thek: welch erbauliches Spek­takel, welch überzeu­gen­der Tri­umph! Mit der Stadt fällt die Kul­tur. Später treten die Archäolo­gen auf den Plan.

Eine Intellek­tuel­len­re­pub­lik, über­schwengliches Pen­dant zur Repub­lik der Gelehrten, dieser anges­tammten Bewohner der städtis­chen Bib­lio­theken, kann es nicht geben. Die Gelehrten­re­pub­lik antwortet auf die Repub­lik der Bürger, in der ihre Glieder Gas­trecht genießen. Die Gemein­schaft der Intellek­tuellen antwortet auf gar nichts. Der Intellek­tuelle ist der einzelne, der Ter­miten­staat seine Bleibe. Der Gelehrte wohnt im Schutz der Städte; der Intellek­tuelle lebt im Gewahrsam des Staates. Den Markt, der ihn unter­hält, nimmt er nur mit Ver­ach­tung wahr, wen­ngle­ich mit gespiel­ter. Der Staat absorbiert seinen Blick, ohne ihn zu erwidern. Doch hat er ein wach­sames Auge auf ihn. Die glossierende, kri­tis­che, ana­lytis­che Tätigkeit des Intellek­tuellen erre­icht ihren Höhep­unkt, sobald er sein Ver­hält­nis zum Staat bes­timmt, zur Macht eben, wie er sich euphemistisch auszu­drücken beliebt. Weit­erge­hende Genüsse ver­schafft ihm der Staat, sofern dieser sich zu ihm ins Ver­hält­nis setzt – in jenes Ver­hält­nis umfassender Für­sorge, das allen Sicher­heitsvorkehrun­gen zugrun­deliegt, und auf das beide Seiten so sehr angewiesen sind. Die Intellek­tuellen und den Staat eint das Bedürf­nis, die geistige Pro­duk­tion zu sich­ern: die einen per­pe­tu­ieren sie, der andere nimmt sie in Verwahrung.«

Manch­mal, denkt Resch und bohrt in der Nase, genügt ja auch eine entschlossene Frau… Aber er denkt den Gedanken nicht weiter, eine dun­kle Macht hin­dert ihn daran. In unun­ter­broch­ener Auslese beugt sich der Staat, spez­i­fiziert in seinen Orga­nen, über die Erzeug­nisse eines ihm ange­blich frem­den Daseins, sortiert, son­dert aus, lagert ein. Sein verzu­gloser Zugriff auf das Pro­dukt schafft den Wirkzusam­men­hang, dem die Pro­duzen­ten, Bat­te­rien von Leg­e­hen­nen ver­gle­ich­bar, mit erhöhtem Ausstoß begeg­nen. Undenkbar der Intellek­tuelle, der seine Schriften (Resul­tate, immer­hin, seines Nach­denkens) ver­brennt; das besor­gen andere – oder auch nicht. Der Schutz geistiger Pro­dukte erstreckt sich nicht auf ihre Urhe­ber. Er kann sich jed­erzeit gegen sie wen­den: So sehr über­trifft die Affinität des Staates zum Wis­sen seine Affinität zu denen, die es her­vor­brin­gen. Auf­fäl­lig kon­trastiert die Hin­fäl­ligkeit des Denkers die am Ende auch Staaten über­dauernde Resistenz der ver­wahren­den Appa­rate. Aus den Kellern des Bombenkriegs tauchen die Bestände wieder auf, geschrumpft zwar, aber unver­wüstlich. Ist erst die Recht­snach­folge gek­lärt, so genü­gen Unter­schriften, und die Appa­rate sprin­gen wieder an.

Das ist doch Schnee von gestern, denkt Resch, ein Bün­del Zeitun­gen schwenk­end. Die in Denkspie­len näher­rück­ende Ver­nich­tung (»fün­fzig Jahre höch­stens, dann ist der Zauber vor­bei«) wird die Appa­rate nicht auss­paren. Erst­mals ein wirk­sames Mit­tel gegen Bürokra­tien, ein egal­isieren­des oben­drein. In dieser Sit­u­a­tion ergreifen die Appa­rate ihre vor­let­zte Ini­tia­tive. Sie tre­f­fen Maß­nah­men über das eigene, bere­its kalkulierte Ende hin­aus, Vor­sorge für das ihnen Anver­traute. Die Pla­nun­gen sind abgeschlossen, die Instal­la­tio­nen ver­legt, das Mate­r­ial rollt. Mau­soleen der Zivil­i­sa­tion – in aufge­lasse­nen Berg­w­erken, vergesse­nen Sil­ber­mi­nen bergen blink­ende Edel­stein­ton­nen, atom­bomben­sicher und strahlengeschützt, Doku­mente auf Mikro­film, Erzeug­nisse dieser Welt, sorgfältig abgeschirmt gegen ihren Zugriff, kün­fti­gen Wel­ten darge­boten wie die verge­blich gestreck­ten Fin­ger einer vergesse­nen Schwur­hand; gel­tungssicher und wartungs­frei. Raum­son­den ver­gle­ich­bar, die ihre Instru­mente erst aktivieren, wenn sie das Grav­i­ta­tions­feld ihres Heimat­plan­eten hin­ter sich gelassen haben, blitzende Behält­nisse, zu einem Gebrauch bes­timmt, der jen­seits der Gren­zen der men­schlichen Zivil­i­sa­tion liegt. Sie tra­gen im Inneren die vor­weggenomme­nen Zeug­nisse einer aus­gelöschten Ver­gan­gen­heit. Das ist neu: bürokratis­che Eliten pla­nen über das Ende der Geschichte hin­aus archäol­o­gis­che Sen­sa­tio­nen. Ver­schärfte Auslese ist die Folge.

Resch fährt sich mit der Zunge über die Lippen.

So ist die Sit­u­a­tion. Nis­chen im kollek­tiven Unter­gang. Winzige Fluglöcher des Gedankens ins Unbekan­nte. Noch disku­tiert man die Auslese der Auslese, das unverzicht­bare Erbe. (Wer verzichtet? Wer erbt?) Galak­tis­che Wesen mit Glub­schau­gen und Atem­maske entz­if­fern, aufgeregt wis­pernd, in schweben­den Forschungsstät­ten die Frag­mente Her­ak­l­its oder Stücke Augs­burger Mundart­dich­tung. Oder sie begaffen, zu Trauben gedrängt, Auf­nah­men vom Por­tal des Straßburger Mün­sters: »Kol­le­gin, kön­nten Sie mir noch ein wenig von jenem braunen Saft ein­schenken?« Köstlich! Das Prob­lem aber lautet: Wer ist bereit, für den Bunker zu produzieren?

Resch spielt mit dem Bleis­tift, während der Kater sein Knie umschmeichelt.

Die Frage, ein­mal gestellt, ist unab­weis­bar. Sie geht an die Grund­la­gen der lit­er­arischen Exis­tenz. Das fun­da­men­tum cer­tum et incon­cus­sum aller bish­eri­gen Lit­er­atur war die Fik­tion ihrer Dauer. Schreiben für den Tag: wie verächtlich! Und wie listig gedacht: Nur was dem Tag dient, wird den Tag über­dauern. Die Idee des Bunkers ist die Idee der Dauer schlechthin. Sie ist die fort­geschrit­ten­ste und radikalste Fas­sung dieser Idee. Wer sie begreift, weiß, was die Stunde geschla­gen hat. Sie löst die Idee der Dauer mit einem Schlag. Sich ihr ver­weigern heißt, sich dem Wis­sen ver­weigern, wie’s geht: eine ganz unlit­er­arische Vorstel­lung. Da also ist sie, die ein­fache Alter­na­tive, nach der so viele so lange suchten: Entweder man macht Lit­er­atur, die zur Ver­nich­tung bes­timmt ist, zum Autodafé des guten Wil­lens, oder man nimmt an der Ver­nich­tung Maß und bes­timmt sie an ihr neu.

Wärst du bereit, Resch? Und wenn, brächt­est du die Fähigkeit mit, über die du notwendig ver­fü­gen musst: auszus­paren, was bisher als unverzicht­bar galt? Fan­gen wir an. Moral zum Beispiel. Wer auf den Unter­gang setzt, kommt leicht darin um. Die neue Lit­er­atur erfordert einen neuen Typ Lit­erat. Beim Früh­stück im Kreis der Fam­i­lie, beim Plausch unter Fre­un­den, in Parteizirkeln feilschend, drech­selnd an seinen Peri­o­den, beim sprich­wörtlichen Gang über Leichen – immer steht er bereit, über die Grenze zu wech­seln, hat sie gewis­ser­maßen dauernd über­schrit­ten. Kannst du das, Resch? Diese hauchdünne Bewusst­seins­grenze, der ein ent­gren­zter Zynis­mus entspricht, der Zynis­mus dessen, der darauf setzt, dass das Unaus­denkbare geschehen wird, dass es bere­its unaufhalt­sam geschieht. – Resch zögert.

Raum­fahrer des Geistes, ohne Blick zurück, kein neuer Stan­dort, das Alte ein­mal mehr zu durch­leuchten, vielmehr das Denken im Vakuum probend, das Gewicht der Dinge nur noch ein ferner, wüster Traum, aus dem Kopf geschüt­telt mor­gens vor der Rasur…

Der Post-​Typus: das Gemüt schaud­ert vor ihm zurück, doch der Ver­stand zise­liert schon an ihm. Zögern ehrt – warum ander­er­seits die Lücke unaus­ge­füllt lassen? Der Bunker wartet, er wird sich füllen, so oder so. Die ihm angemessene Lit­er­atur, sie wird existieren, weil er existiert. Warum also – – ?

5.

Eigentlich sollte Klaus Schwäger die Nachricht, dass der Preis an ihn gehe, aus der Zeitung erfahren: Das war eine der aus­gek­lügel­ten Bosheiten, erson­nen, nach­dem Mag­nus Menge am Mon­tag­mor­gen mit dem Ruf »Ihr seid ver­rückt!« die Redak­tion gestürmt hatte und erst wieder abzog, als eine erste Presseno­tiz das – jeden­falls in seiner natür­lichen Kom­po­nente – ger­ade noch wahrnehm­bare Licht der Welt erblickt hatte. Sie lautete:

»Der ‘Literaten-​Stammtisch’« – per­fider­weise wurde die ver­traute Insti­tu­tion in Anführungsze­ichen gesetzt –, »den der hiesige Autor Heiner Klussin­ski vor drei Jahren gegrün­det und seit­dem zu einem Forum für die heimis­che Lit­er­aturszene entwick­elt hat, will erst­mals einen Lit­er­atur­preis vergeben. Dieser finanziell nicht dotierte Ehren­preis trägt den Namen des weit über die Gren­zen unserer Stadt hin­aus bekan­nten Schrift­stellers Mag­nus Menge, der sein­er­seits an den Aktiv­itäten des Literaten-​Stammtisches regelmäßig beteiligt ist.« Es fol­gten Ort und Zeit der ersten Preisvergabe.

Was immer die etwas dun­kle let­zte Bemerkung bezwecken sollte – in den näch­sten Wochen schwamm Mag­nus Menge, wie seine Frau voll Ingrimm bemerkte, im Glück. Sie selbst traute allen­falls ihren Ahnun­gen, und die waren, der Jahreszeit entsprechend, trüb. So kam es, dass sie als erste bei der Mor­gen­lek­türe mit aufzün­gel­nder Empörung auf die Botschaft stieß, der ver­schwitzte Eunuch, wie sie ihn bei sich selbst nan­nte, sei zum ersten Preisträger gekürt wor­den. Äußer­lich ruhig, zer­riss sie das Blatt in gle­ich­mäßige Streifen und deponierte sie auf dem Örtchen, wo ihr Gatte, wie sie wusste, jeder Art von Geschriebenem eine ger­adewegs mys­tis­che Aufmerk­samkeit ent­ge­gen­brachte. Gegen elf Uhr warf ein Anruf des inzwis­chen auf Umwe­gen alarmierten Klussin­ski den kom­menden Preisträger aus dem Bett und aus der Bahn.

Schwäger wälzte sich aus den Kissen, ver­ließ das höck­erige Sofa, auf dem er den gerin­geren Teil seiner Nächte und den größeren Teil der Vor­mit­tage zu ver­brin­gen pflegte, und schlur­rte zum Tele­fon. Unter­wegs griff er zwis­chen den Resten der abendlichen Mahlzeit nach einer ange­bis­se­nen Bock­wurst. Sie mit der Rechten in den Mund schiebend, nahm er den Hörer ab. »Ha?« Eine Weile ver­har­rte er reg­los, während ameisen­haftes Gewis­per ins Zim­mer drang. Rein mech­a­nisch erin­nerte er sich der Wurst, legte sie bei­seite und beförderte das halb zerkaute Stück mit dem freien Zeigefin­ger aus dem Schlund zurück ans Tages­licht, soweit der zuge­zo­gene Vorhang diese Beze­ich­nung für das gel­bliche Halb­dunkel im Raum zuließ. »Ha?« Er fuhr sich mit dem Han­drücken über den Mund. »Ver­stehe. Was soll ich tun? Gar nichts? Wie soll ich das… Verstehe.«

Der Tisch auf seinem eingeknick­ten Korb­fuß bot einen verza­gten Anblick. Schwäger schlurfte zum Bett, ließ sich fallen, richtete sich halb wieder auf und griff sich mit bei­den Hän­den an die Schläfen. Das Tele­fon schrillte. Er hastete zurück, stieß einen Stuhl um, trat mit dem Fuß zwis­chen Lehne und Sitzfläche und ver­lor über dem Ver­such, das tück­ische Hin­der­nis schlenkernd loszuw­er­den, das bere­its heikel gewor­dene Gle­ichgewicht. Im entsch­iede­nen Drang, den Sturz abz­u­fan­gen, griff er nach dem Tisch, umfasste auf­grund eines nicht mehr umzus­teuern­den Reflexes das dort offen aus­liegende Brotmesser – lei­der am falschen Ende – und schnitt sich heftig in zwei Fin­ger der rechten Hand. Frisches Blut tropfte in sein Ohr, während er es zutiefst erschrocken den Frage-​Kaskaden der freien Mitar­bei­t­erin am Lokalteil des »Anzeigers« hin­hielt, die das andere Ende der Leitung okkupiert hatte und nicht daran dachte, ihn auszu­lassen. Ob er es sei, Klaus Schwäger? Der Klaus Schwäger? Ob er schon informiert sei? Wie er sich nun fühle? Ob er ihr sagen könne, mit welchem Werk er sich für eine solche Ausze­ich­nung qual­i­fiziert habe?

»Hören Sie…«

»Ah ja.«

»Nein.«

»Wie bitte?«

»Ich weiß es nicht.«

»Sie wis­sen – nicht?«

»Nein.«

»Haben Sie ger­ade ein größeres Werk veröf­fentlicht? Ich meine – in der let­zten Zeit?«

»Nein.«

»Haben Sie denn etwas veröffentlicht?«

»Nichts.«

»Schreiben Sie an einem größeren Werk?«

»Ja.«

»Seit wann?«

»Seit ich denken kann.«

»Wird es ein Roman?«

»Das weiß ich nicht.«

»Kön­nen Sie mir sagen, was darin passiert?«

»Nein.«

»Ich meine, es passiert doch was?«

»Wenn Sie meinen.«

»Sie wollen sagen, dass – nichts –?«

»Ich weiß es nicht.«

»Sie wis­sen –?«

Schwäger nahm den Hörer in die andere Hand und begann, seine Wun­den zu lecken. Das schmatzende Geräusch überzeugte die im stillen seufzende freie Mitar­bei­t­erin, es sei hohe Zeit, das Thema zu wech­seln. Spitz bemerkte sie, schließlich erhalte er einen Preis für stand­hafte Lit­er­atur. Welche Bedeu­tung das für ihn habe? Schwäger erwiderte, er wisse es nicht.

»Aber Sie kriegen doch den Preis.«

»Man hat es mir gesagt.«

»Schreiben Sie stand­haft?« Sie fiepte ein wenig.

»Woher soll ich das wissen?«

»Aber Sie müssen es doch wissen.«

Schwäger schwieg. Er run­zelte sogar die Stirn, was seiner Gesprächspart­nerin aus ver­schiede­nen Grün­den ent­ging. »Hören Sie«, brummte er schließlich, fast unhör­bar, »Sie reden mit jemand, der in Unter­ho­sen vor Ihnen steht, unge­waschen, unrasiert und, was schlim­mer ist, unge­früh­stückt. Dieser Jemand hat sich, bevor Sie ihn auf­schreck­ten, eigen­händig zwei ern­sthafte Ver­let­zun­gen beige­bracht und steht jetzt vor der Frage, ob er, wie geplant, verbluten oder doch lieber den Notarzt bestellen soll. Wenn Sie die Wahrheit wis­sen wollen: Sie haben mir für heute die Lust am Abgang ver­dor­ben. Möchten Sie also bitte die Leitung frei machen, damit ich einen Kranken­wa­gen rufen kann… Oder wollen Sie, dass ich Ihretwe­gen ver­recke? Ich denke, dafür ken­nen wir uns noch zu wenig. Sind wir uns schon mal begeg­net? Für diesen Fall möchte ich um Entschuldigung bit­ten. Obwohl ich sagen muss, dass ich Sie nicht als so grässlich in Erin­nerung habe. Es wäre sogar denkbar, dass Sie mir neuen Lebens­mut ein­flößen kön­nten, falls ich Sie ein­mal zufäl­lig auf der Straße träfe. Ein har­ter Schlag! Ich würde ihn vielle­icht sogar hin­nehmen, wer weiß, aber am Tele­fon lässt sich das nicht entschei­den. Ich schlage also vor, Sie schicken mir Ihren Artikel, und ich entscheide, ob Sie Ihre Fra­gen richtig oder falsch beant­wortet haben. Wer­den Sie die Unwahrheit schreiben, so bitte ich Sie schon jetzt, mir eine Spalte für einen erbit­terten Leser­brief freizuhal­ten. Sollte sich das Ganze allerd­ings zu einer Kam­pagne gegen mich ausweiten, werde ich keinen Augen­blick zögern, gerichtliche Schritte gegen Sie einzuleiten. Wie heißen Sie über­haupt? Kön­nen Sie mir Ihre Tele­fon­num­mer geben? Pri­vat? Das kön­nte Ihnen so passen. Verbinden Sie mich mit Ihrem Chef! Das kön­nen Sie nicht? Hören Sie, ich stehe hier in Unter­ho­sen und friere mir einen ab…«

Unmit­tel­bar nach ihrer let­zten, im Ton­fall der Res­ig­na­tion gehal­te­nen Bemerkung hatte die freie Mitar­bei­t­erin den Hörer auf die Gabel gewor­fen; Schwäger sprach ins Leere. Es schüt­telte ihn. Er zog seinen Slip zurecht und begab sich ins Badez­im­mer. Er fand, er habe nicht übel Lust, den Spiegel anzuherrschen, doch zog er es vor, die Hand zu verbinden. Der im Spiegel sah schweigend zu. Soll er doch, grum­melte Schwäger, die Stirn gefurcht. Zu spät. Er wird es nicht mehr aufhal­ten kön­nen. Wollte er etwa? Ein neugieriger Blick vergewis­serte ihm, dass er nichts zu befürchten hatte. Es hatte ihn gefun­den. Wie das? Immer hatte er gewusst, dass er über die innere Bran­dung mit denen da draußen kom­mu­nizierte. Nur hatte ihn stets gewun­dert, dass sie sich so gar nichts anmerken ließen. Über­men­schliche Gle­ichgültigkeit lag in ihren Blicken, ihren Gesten, soweit er zurück­denken kon­nte. Kartof­fel, Kartof­fel. Das hol­prige Leben, blind von Staub. Stand­hafte Lit­er­atur. Sei’s drum. Er hatte durchge­hal­ten. Stand­haft? Dummes Zeug. An etwas erin­nerte ihn die Floskel. »Ich kann mich auf dich ver­lassen, Junge?« Soso. Kartof­fel, Kartof­fel. War am Ende doch auf ihn Ver­lass gewe­sen? Nie, nie, nie im Leben wollte er, dass man ihn dafür lobte. Nun, hm, er war auch sel­ten in Gefahr gewe­sen. Einen wie ihn lobte man nicht. Warum auch? »Guck in den Spiegel«, hatte sein Vater ger­aunzt. Daran, weiß Gott, hatte er sich redlich gehal­ten, nicht nur beim Rasieren. Der andere dämpfte. Aber jetzt? »Du bist nicht meiner.« Sollte er es ihm ins Gesicht schreien? Wenig­stens ein Mal? Ein wenig exaltiert, kön­nte man denken. Aber heute…

Dabei fiel ihm ein, dass er die Miete für diesen Monat noch nicht bezahlt hatte. Löchrige Hosen­taschen: Gut kan­nte er sich in ihnen aus. Klimpern und Durch­fallen: geht leicht zusam­men. Was hatte Bueb gesagt? »Es gibt nichts. Gar nichts.« Dieser Bueb, arro­gan­ter Fatzke; die Sorte, die man sich warmhal­ten musste. »Was wir euch bieten, ist Pub­lic­ity: Zeitung, Rund­funk, Fernse­hen und der Kram.« Die Zähne schlu­gen gewalt­sam aufeinan­der; er ver­suchte zu dämpfen, verge­blich. Und der Kram: Er hatte es nicht gewollt. Es gehörte dazu, alles in allem; dem musste man sich stellen. Er räus­perte sich. Und schließlich, die Sache: Was, wenn nicht das, war die Sache? Der Autor tritt vor sein Pub­likum und lässt sich feiern; gut, gut, es ist ja schon seins, er liegt vor ihm aus­ge­bre­itet, in seinen Werken aus­ge­bre­itet, es tax­iert ihn weit genauer als er sich selbst, es kennt ihn durch und durch, stimmt das? Quatsch. Übri­gens wäre es mir unan­genehm, wenn sie in mich hinein­se­hen kön­nten. Er musste das nach­prüfen, hier und da stre­ichen eventuell. Er war ja noch lange nicht fer­tig, ger­ade jetzt fiel ihm auf, dass es ganz unmöglich sein würde, dieses Buch abzuschließen. Es kam wohl alles ein biss­chen früh, im Grunde, ander­er­seits auch zu spät, nachträglich wür­den die dun­klen Stun­den davon nicht heller. Und was, wenn nicht sein Leben, wäre es denn, worüber er schrieb? Gestern abend zum Beispiel: Was hatte er da über­haupt geschrieben? Er langte nach dem Stapel Papier, der griff­bereit auf dem kleinen Regal neben dem Ket­ten­zug lag: vergilbt von unten her­auf, blüten­weiß die let­zten Blät­ter. Zuoberst, das let­zte Blatt: Striche, Striche – das Aus­gestrich­ene über­schrieben und das Darübergeschriebene erneut aus­gestrichen, bevor ein großer Quer­strich die Seite annul­liert hatte wie alle die anderen, an die er sich müh­sam erin­nerte. Erin­nerte? Wirk­lich? Schwindel erfasste ihn.

Das holte ihn, sozusagen, in die Wirk­lichkeit zurück. Er betupfte den Stop­pel­bart mit Rasier­wasser und stieß seine Beine in die Jeans hinein, die zusam­menge­sunken neben dem Toi­let­teneimer lagen. Einige tausend Kilo­me­ter ent­fernt brütete ein junger Astronom in einem kli­ma­tisierten Büro über Zahlen­rei­hen auf dem Bild­schirm seines Com­put­ers, aus denen die irgend­wie sinnlose, als­bald um den Erd­ball gehende Nachricht her­vorg­ing, dass es Sterne gab, die offen­bar weitaus älter waren als das ins­ge­samt gut berech­nete Uni­ver­sum. Schwäger set­zte den Tauch­sieder in Gang, goss sich eine Tasse Lin­den­blü­ten­tee ein – den Rest Jas­mintee von gestern abend hatte er mit angewiderter Miene in den Aus­guss geschüt­tet – und fix­ierte die Wand über dem Sofa, die er mit Zeitungsauss­chnit­ten jeder Größe tapeziert hatte. Deutsch. Kartof­fel, Kartof­fel. Er musste deutscher wer­den in dem, was er schrieb. Der Marschtritt der braunen Kolon­nen im Auge der Nachge­bore­nen: Nach uns wird kom­men /​Nichts Nen­nenswertes. Alle wichti­gen Autoren, die er von Lesun­gen in der Stadt­bücherei her kan­nte, hat­ten über das Entset­zen geschrieben, Deutsche zu sein. (Er legte Wert auf die Vok­a­bel »wichtig«, die ihnen die Aura von Teil­nehmern an einer fer­nen und immer­währen­den Kon­ferenz der großen Geis­ter ver­lieh, auf der auch sein Schick­sal täglich ver­han­delt wurde.) Außer vielle­icht die Frauen, sie waren mit anderen Prob­le­men geschla­gen. Obwohl… manch­mal dachte er, dass auch sie ins­ge­heim davon prof­i­tierten, wenn die Män­ner diese Auf­gabe ver­richteten. Über­haupt war es nicht rat­sam, sich in dem Punkt auf das Urteil der Frauen zu ver­lassen. Sie ver­standen sich blendend darauf, mit geweit­etem Blick alle Grausamkeiten dieser Welt »schreck­lich« zu finden, um auf der Stelle ungerührt ihre Reise­pläne weiter zu erörtern. Mut­ter, sie ließ sich nie zu mehr her­bei als dem Satz, der ihm bis heute die Seele ver­bran­nte, sobald die Rede auf seinen Vater kam: »Er war ein feiner Men­sch.« Ein feiner Men­sch – er ver­suchte ein bit­teres Lachen. Keine Macht der Welt kon­nte das Bild der SS-​Uniform aus seiner Phan­tasie ver­ban­nen. Wo hatte er es eigentlich gese­hen? Egal. Was hieß schon Real­ität, wenn ein einziges Foto, schwarzweiß und grob gerastert, imstande war, jede Real­ität zu zer­brechen und immer wieder sich zwis­chen und über die bun­ten Bilder zu schieben, die das All­t­agsauge unge­fragt ein­ließ. Schwäger kan­nte Dutzende solcher Fotos, er hatte im Kino erlebt, dass sie laufen kon­nten wie andere Bilder auch, ohne dass das Räder­w­erk barst. Das Leben ging weiter, unter­mis­cht mit Schwarzweißse­quen­zen, in denen das Gefühl, Sohn zu sein, Amok lief. Leichen­berge: nie gese­hen, hun­dert­mal beäugt durch diesen Schleier hin­durch, den er sonst nur reg­istri­erte, wenn sein betont flüchtiger Blick am Kiosk über Pornoblät­ter glitt. Täter und Söhne. Es gab Phasen in seinem Leben, in denen er zusam­men­zuckte, sobald das Wort »Jude« fiel, als han­dle es sich um etwas uneinge­s­tanden Obszönes, eine schlimme anti­semi­tis­che Ent­gleisung, die im Ern­st­fall mit sofor­tigem Entzug der Ehren­rechte geah­n­det wurde; er musste seinen ganzen Mut zusam­men­nehmen, um über die Vok­a­bel hin­wegzukom­men; war er heute frei davon? Wenn er auf Nazi­parolen stieß – meist in Mag­a­zin­sendun­gen des Fernse­hens oder in kri­tis­chen Blät­tern, aber auch auf Streifzü­gen durch die Stadt –, kam es ihm vor, als wüch­sen sie aus seinem Unter­be­wusst­sein her­vor wie der Erdgeist aus einem zu diesem Zweck eigens umge­bauten Souf­fleurkas­ten: so hatte er es als Schüler in der einzi­gen »Faust«-Aufführung seiner Jugend gese­hen. Und jedes­mal spürte er den Schreck und die Erle­ichterung darüber, dass sich mit einer winzi­gen Verzögerung der richtige Text doch wieder ein­stellte und das Gespenst kraft­los in sich zusam­men­sank. Die Dämo­nen lauerten.

Er stippte eine Sem­mel in den Tee und zer­riss sie mit seinen gel­ben Zäh­nen. Er würde tiefer in das Zwielicht wech­sel­nder und aus­tauschbarer Iche ein­tauchen als irgen­deiner vor ihm. Er würde den Schund und den Schmutz vom Grund seiner Seele her­auf­holen, so dass er allen in die Augen sprang, und er würde beweisen, dass es aller Schmutz und Schund war. Mut­ter würde er damit weh tun, aber das ließ sich nach Lage der Dinge ohne­hin nicht ver­mei­den. Sie würde Weh über ihn rufen bis ans Ende ihrer Tage, Inge­borg hatte das klar erkannt.

Inge­borg! Wo steckte sie über­haupt? Ger­ade jetzt kön­nte er sie gut gebrauchen. Na gut, vielle­icht hatte sie recht. Sicher wird sie es der Zeitung ent­nehmen, wenn… »Ent­nehmen«! Wieder so eine gedanken­lose Vok­a­bel. Er würde einen makel­losen Text präsen­tieren; fragte sich nur, ob sie es auch merk­ten. Egal. Entschei­dend war der Text. Lag er vor, dann mochten die Dinge ihren Lauf nehmen.

Apro­pos: Er würde lesen müssen aus gegebenem Anlass. Dass ihm das jetzt erst ein­fiel! Das war gründlich zu über­legen. Ach was. Vor­tra­gen würde er, frei konzen­tri­ert wür­den die Peri­o­den seinem Mund entströ­men, die sich ihm am Schreibtisch behar­rlich ent­zo­gen, in großen Bögen, Hypotaxen, Parataxen, Ana-​, Ana-​, ach was, endlich würde es an die Ober­fläche treten, unaufhalt­sam, unverbesser­lich, unnachahm­lich, un-​… Ob er nicht ein wenig üben sollte?

Er legte die Sem­mel weg, öffnete die knar­rende Schrank­tür, holte die einzige Krawatte, die er besaß, von der Stange, schlang sie sich, zum Spiegel gewandt, um den Hals und ließ sie auf die nackte Brust nieder­baumeln. Dem Spiegel ent­ge­gen­schre­i­t­end, intonierte er: »Ich… ich… ich… als…, natür­lich… weswe­gen auch…, das Ganze, o ja… damals… sei­ther… ich… ich.« Er hob die Rasierklinge, warf den Kopf in den Nacken, tren­nte mit einem Ruck die rechte Augen­braue von dem darun­ter­liegen­den Gewebe und riss sie empor. Dann fiel er um.

6.

Resch schreibt.

»Da gieng alles fleisch vnter /​das auff Erden kreucht /​an Vogeln /​an Vieh /​an Thieren /​und an allem das sich reget auff Erden /​vnd an allen Men­schen /​Alles was einen lebendi­gen Odem hatte im Trocken /​das starb. Also ward ver­til­get alles was auff dem Erd­bo­den war /​vom Men­schen an bis auff das Vieh /​vnd auff das Gewürm /​vnd auff die Vogel vnter dem Himel /​das ward alles von der Erden ver­til­get /​Allein Noah bleib vber /​vnd was mit jm in dem Kas­ten war. Vnd das Gewesser stund auff Erden hun­dert vnd funf­fzig tage.«

Die große Flut: So wird es nicht sein, so nicht. Statt dessen gilt es, sich auf die Vorstel­lung riesiger Ascheschwaden einzurichten, welche die nördliche Hemis­phäre in fahle Däm­merung hüllen wer­den, durchlodert von nicht enden wol­len­den Brän­den unberechen­baren Aus­maßes – Pri­mav­istare­sul­tate der großen Ekstase, des dann vol­len­de­ten Werks. Zu Beginn wird es schnell gehen, mit jener schla­gen­den Plöt­zlichkeit, mit der Katas­tro­phen bisher nur über kleinere Gemein­schaften here­in­brachen. Die trügerische Vision einer im Unter­gang geein­ten Men­schheit wird den einzel­nen mit sich allein zurück­lassen, wenn sie ihn zurück­lässt, wofür, im Einzelfall, wenig spricht.

Die ratio­nale Dig­nität des Geschehens ver­bi­etet ein Denken in mythis­chen Analo­gien. Die Selb­staus­löschung der Men­schheit wird den Charak­ter einer sub­tilen Kon­klu­sion haben. Seit langem sam­melt sich der über­legene Sachver­stand der Men­schheit in diesem über­wöl­ben­den Pro­jekt. Jeder schein­bare Rückschritt, jede Dif­fu­sion von Kom­pe­tenz, die der Zusam­men­bruch eines Mit­spiel­ers her­auf­beschwört, stärkt die Poten­tiale, indem sie sie bre­iter fundiert.

Weit gefehlt, das Pro­jekt als den Zielpunkt allein der tech­nis­chen Intel­li­genz und der ihr innewohnen­den Dynamik begreifen zu wollen. Vielmehr ist die humane Intel­li­genz in all ihren Äußerungs­for­men dazu aufgerufen, die Weichen zu stellen – und hat es ins­ge­heim längst getan. Die Poli­tik zeigt nur den Stand der Dinge. Noch ist kein Zug endgültig, die Par­tie vielle­icht die let­zte, vielle­icht auch nicht, doch jeder Zug trägt das Ende in sich. Noch bevölk­ern Bauern das Schachbrett. Aber das Duell der Könige ist im Gang. Man hat Zeit, beliebig viel Zeit. Die Dinge wer­den sicht­bar; das Pub­likum kehrt auf seine Plätze zurück. Es ist die Stunde wis­senschaftlicher Prog­nosen. Aus der Sicht der His­toriker dür­fen die Ursachen des glob­alen Exi­tus als weit­ge­hend gek­lärt gel­ten. Weit­ere Auf­schlüsse wären erst aus dem Studium der Geheimak­ten zu erwarten; man ver­traut seinen Nach­fol­gern. Mögliche Vari­anten wer­den von öffentlichkeitssüchti­gen Experten und einer zunehmend an Details Geschmack find­en­den Öffentlichkeit in Szenar­ien durchgespielt.

Schwärme natur­wis­senschaftlicher Experten klären die biologisch-​physikalischen Abläufe. Geson­derte Beach­tung ver­di­enen die langfristi­gen Prozesse. Hier dominieren die Unbekan­nten, hier wird gear­beitet. Erste Resul­tate sind greif­bar. Sie lauten nicht gün­stig für jene, die sich aufs Zuschauen aus der Ferne einzurichten gedenken. Logen­plätze sind nicht zu haben. Alle wer­den sich im Parterre drän­gen, wenn der Vorhang aufgeht. Die Hand­lung wird bestens ver­traut sein, ehe das Stück beginnt. Nie­mand wird sie unglaublich finden: Nie­man­des Glaube ist hier gefragt.

Das bester­forschte Ereig­nis der Men­schheits­geschichte – nur wann es aus­brechen wird, darüber schweigen sich ser­iöse Prog­nosen aus. Ter­mine wer­den nicht genannt, sie wer­den ger­aunt. Unter­staatssekretäre und bier­dumpfe Lokalau­guren, sie »denken« das­selbe: beein­druck­ende Kulisse. Ser­iöse Forschung weis­sagt nicht, sie for­muliert Hypothe­sen, disku­tiert Beispiele, am besten nicht zu weit in der Zukunft gele­gen, um die Zahl der Unbekan­nten geringer zu hal­ten, nicht zu nah, der län­geren Aktu­al­ität der Pub­lika­tio­nen wegen.

Allmäh­lich erhält man den Überblick: Was geschähe, wenn heute…

Doch erhält man ihn wirk­lich? Die Prog­nosen über kün­ftige Zustände des Plan­eten mögen zuver­läs­sig sein oder nicht – sicher dürfte sein, dass die Zuver­läs­sigkeit steigt –, sie konzen­tri­eren sich aufs Ele­mentare, auf Wasser, Luft, Land­bau, sie sparen aus: die Frage näm­lich, wie das Denken die große Ekstase über­ste­hen wird. Wie wird man denken kön­nen nach der Ver­nich­tung? Wie mag es in den Köpfen derer ausse­hen, die sich daran­machen wer­den, die verseuchten Böden aufs neue zu ritzen und mutierte Heuschrecken zu ver­speisen – falls es sie geben wird? Steinzeitkul­turen, wie Fernsehse­rien es sug­gerieren? Ein zweiter Anlauf der Menschheit?

In diesem Punkt bleiben die bish­eri­gen Ansätze naiv. Skep­tisch – oder, was das­selbe ist, ver­hal­ten opti­mistisch – set­zen sie als fra­g­los voraus, dass man wieder wird anfan­gen müssen, auf niedrigerem Niveau, ver­steht sich, aber entwick­lungs­fähig, wie gehabt. Immer nur ist die Frage, ob man zur Ver­fü­gung ste­hen wird, ob der Entwick­lungskeim »man« durchkom­men wird, ob er noch ein­mal davonkom­men wird. Schließlich sind wir schon ein­mal davongekom­men: Wir kön­nen es schaffen.

Unzweifel­haft enthält die Frage, so gestellt, einen Anachro­nis­mus, einen Rest­be­stand antiker Vogelschau, einen natur­wis­senschaftlichen Aber­glauben. Nir­gends zeigt sich die geschlossene Abdankung des Intellekts deut­licher als darin, dass er den einen Gedanken nicht vol­lzieht, den nur er vol­lziehen kön­nte: Soll das Denken über­ste­hen (so lautet er), so hat es rechtzeitig die Optio­nen zu entwer­fen, die ihm nach der großen Ekstase zur Ver­fü­gung ste­hen wer­den, gle­ichgültig darum, in welchen Gehir­nen es sich dann vol­lziehen mag. Dies ist der geheime Dreh– und Angelpunkt allen antizipa­torischen Denkens, der dun­kle Kern aller fäh­nchen­schwin­gen­den Utopie. Die Intellek­tuellen, Geburtshelfer einer mündig gewor­de­nen Kul­tur, die seit langem über ihrem Abgang brütet, weigern sich, ihn zu fix­ieren. Das lässt sie unernst, zurück­ge­blieben, ja kindlich erscheinen: An der Erar­beitung der Zukunft – einst ihre Domäne – sind sie allen­falls noch par­a­sitär beteiligt. Man lebt auf Ver­dacht; das hält ihn frisch.

Der Postin­tellek­tu­al­is­mus ist nicht mehr und nicht weniger als die unter den gegebe­nen Bedin­gun­gen neu zu gewin­nende Pro­duk­tiv­ität des Geistes. In ihm erwacht das Denken zu seinen let­zten Möglichkeiten. Er schließt die Lücke im Spek­trum der aufs Ende drän­gen­den Leis­tun­gen: nicht aus Über­mut, son­dern aus Klar­sicht. Bedrängt man ihn, seine Optio­nen preiszugeben, so antwortet er hin­hal­tend. Ihn ihm bequemt sich der Geist zu einer Arbeit, die ihn zu neuar­tig dünkt, um sie nicht mit großer Gelassen­heit anzuge­hen. Er ist kein Pro­gramm, son­dern ein Pro­jekt – und keineswegs aus der Rückschau. Also müssen Pläne skizziert, Mit­tel über­schla­gen und Geldge­ber inter­essiert wer­den. Wie immer in der­lei Fällen zeigt es sich, dass einzelne vor­ange­gan­gen sind, ohne voneinan­der zu wis­sen. Das Pro­jekt holt sie ein. Es ist eines der großen Unternehmen der Men­schheit: die Vor­weg­nahme des unerr­e­ich­baren Kom­menden. Mit der defin­i­tiven Vor­weg­nahme des Danach schließt sich die Zukunft, die Prometheuswunde der Gegenwart.«

Wildes Hupen. Resch geht ans Fen­ster, fix­iert die Gar­dine, schüt­telt den Kopf, kehrt um.

»Der Postin­tellek­tuelle hat die let­zten Dinge hin­ter sich; er wid­met sich dem Danach. Die Lage, in die ihn das bringt, ist para­dox. Denn anders als den Natur– und den ihnen angeschlosse­nen Gesellschaftswis­senschaften ist es ihm ver­wehrt, sich seinen Gegen­stän­den empirisch zu näh­ern. Spürt er ein leises Bedauern? Das Denken nach der großen Ekstase kann nicht anders als denk­end erschlossen, es muss vol­l­zo­gen wer­den, jetzt und hier. Nichts weiter kommt in Betra­cht. Die Schwierigkeit liegt darin, dass auch dieses Unter­fan­gen dem Davor untrennbar ver­bun­den bleibt, als Bestandteil seiner Kul­tur und eine der Leis­tun­gen, die auf ihr Telos – ihren Abgang – gemünzt sind. Der gelin­gende Postin­tellek­tu­al­is­mus hat den Unter­gang, der ihm vor Augen steht, schon passiert: ein Außen­posten des Denkens inmit­ten dop­pel­ter Ver­nich­tung, die den Blick aufs jew­eils andere Ufer stetig ver­hüllt. Die Umstände, die das Davor macht, betr­e­f­fen ihn nicht mehr, die des Danach noch nicht. Also erprobt er das umstand­slose Denken, eines, das keiner Umstände bedarf, um sich an ihnen zu for­men, weil es auf den einen Umstand setzt, der alle anderen hypo­thetisch begrenzt. Darin grün­det die eigen­tüm­liche Selb­st­genügsamkeit dieses Denkens, seine Resistenz gegenüber den Gegeben­heiten. Mit ihnen befasst es sich nur, soweit die Final­ität des Geschehens ihnen unüberse­hbar den Stem­pel auf­drückt. Nicht, als bedürfte es noch der Indizien – es weiß genug, um seine Sicher­heit aus sich selbst zu ziehen. Es demon­stri­ert an ihnen die Nähe des Blicks, der durch alles unge­wan­delt hindurchgeht.

Eines jeden­falls ist es gewiss nicht. Es ist keine Anwen­dung des archäol­o­gis­chen Blicks auf die Gegen­wart. Die Vorstel­lung, es komme darauf an, das gegen­wär­tige Denken zu kon­servieren, es gle­ich­sam gegen die kli­ma­tis­chen Unbilden des großen Über­gangs einzupökeln, greift entsch­ieden zu kurz. In der Archäolo­gie restau­ri­ert die gegen­wär­tige Welt ihre rück­wär­ti­gen Verbindun­gen. Archäolo­gie ist Aufk­lärung, zurück­gekrümmt auf die eige­nen Ursprünge. Das geht vor­bei. Kaum erk­limmt man einen etwas erhöhten Stan­dort, sogle­ich enthüllen sich alle Sprünge und Sick­er­zo­nen ver­streuter Geschehen als harm­lose topographis­che Marken inner­halb einer sich fortwälzen­den Geschichte. Das erste Auf­tauchen des Men­schen, seine Wan­derun­gen, seine Spezial­isierun­gen, sein Zusichkom­men – Ein­blicke solcher Art sind dem postin­tellek­tuellen Denken ver­wehrt. Die Grenze, hin­ter die es sich beg­ibt oder hin­ter der, je nach Sichtweise, es her­vorkommt, ist abso­lut. Weder Fort­gang noch Neube­ginn. Zwar bleibt ein höherer Stan­dort immer denkbar, doch ohne Hor­i­zont­gewinn. Gewiss, das kos­mis­che Gle­ichgewicht wird durch keine Abgänge beein­trächtigt wer­den, doch das besagt entsch­ieden zu wenig.

Der Postin­tellek­tuelle beginnt mit ein­fachen Fra­gen. Sie betr­e­f­fen unschein­bare Dinge am Rand der fort­geschrit­te­nen Prog­nos­tik. Da die Fortschritte stetig sind, wech­seln die Fra­gen, wech­seln die Antworten. Vergessene, aber wirk­same Vorentschei­dun­gen sind ihm am lieb­sten. An ihnen entwick­elt er seine Fähigkeiten. So an dem Satz, das Denken bedürfe stets der Umstände, um sich zu ent­fal­ten, es sei die Ent­fal­tung der Umstände, in denen sich das Leben der Gat­tung zur Schau stellt. Es liegt auf der Hand, was das bedeutet. Ihm entspringt die Maxime aller bish­eri­gen Prog­nos­tik, die Erforschung des Danach sei iden­tisch mit der Suche nach Möglichkeiten der Gat­tung zu über­leben. Noch jede Expe­di­tion in die ganz andere Zukunft betreibt diese Suche mit einem nicht enden wol­len­den Eifer, und jede kehrt von ihr resig­nierter zurück als die vorige.

Die Ten­denz straft die Absicht Lügen. Von Mal zu Mal, von Mod­ell zu Mod­ell entschleiert sich das simulierte Geschehen dem lüster­nen Blick als jew­eils umfassendere Reduk­tion aller Umstände, in denen sich das Leben hält und bespiegelt. Genug besichtigt: Ziehen wir den Schluss auf die nack­ten Tat­sachen. Das Denkmögliche als das Men­schen­mögliche? Welche Erle­ichterung, hier und da Höh­len­men­schliches über kün­ftige Urland­schaften verteilen zu dürfen.

Das Denkmögliche als das Men­schen­mögliche: Soll heißen, je reduzierter das Leben, desto reduzierter das Denken, desto entsch­iedener die Rück­kehr ins Vorsint­flut­liche, in Vor­welt und Kind­heit. Aber wie innig ist die Verbindung zwis­chen dem Denken und den Umstän­den wirk­lich? Welcher Art ist sie? Eines steht fest: Wo die Umstände schwinden, in denen sich das Leben bere­itet, wächst, als Denkmöglichkeit, das umstand­slose Denken. Seinen Oper­a­tio­nen liegt ide­aliter das Erlöschen der Gat­tung voraus, es ist ein Denken, das auf Dis­tanz geht, auf Dis­tanz zur Gat­tung, ein Denken, das ausspart.

Im Postin­tellek­tu­al­is­mus lernt eine aufs Äußer­ste konzen­tri­erte Men­schheit, sich vor sich selbst wegzu­lassen. Man soll nicht annehmen, dass eine solche Denkweise über­hand­nimmt, solange Hoff­nung besteht, dieses Gefühlsäquiv­a­lent einer noch uner­schlosse­nen Zukunft. Erst wenn die Zukunft voll­ständig erschlossen ist, wird das große Geschehen seinen Lauf nehmen. Warum also vor­greifen? Doch wer, den Aus­gang des Geschehens im Blick, seine Reser­ven mobil­isiert wie der Stier in der Arena, wägt seinen Ein­satz nicht mehr. Er braucht sich auf.«

7.

Die Vor­bere­itun­gen nah­men ihren Lauf.

Frau N., frisch von einer Fre­undin zurück­gekehrt, biss sich auf die Lip­pen – nur sanft, so eben spür­bar, aber deut­lich genug, um es für lange Zeit ins Gedächt­nis einzu­ritzen –, als sie in der Zeitung die Nachricht von der Entschei­dung fand, welche die Jury in ihrer Abwe­sen­heit gefällt hatte. Sie kon­nte sich nicht daran erin­nern, zu einer Sitzung des Gremi­ums ein­ge­laden wor­den zu sein, dem sie, immer­hin, ange­hörte. Allerd­ings hatte sie auch ihrer­seits keine Ini­tia­tive ergrif­fen, doch das kon­nte schließlich nie­mand von ihr erwarten. Selt­sam genug, dass man über­haupt auf sie zugekom­men war, obwohl die Tat­sache sie noch immer mit Genug­tu­ung erfüllte. Es zeigte, für jed­er­mann sicht­bar, dass sie zählte. Zwar hätte sie dem Gedanken, es könne anders sein, kein­er­lei Zutritt zu ihrem Wohnz­im­mer– und Prax­is­be­wusst­sein ges­tat­tet, doch natür­lich war ihr klar, dass er im Keller und auch – warum sollte sie es leug­nen – gele­gentlich im Schlafz­im­mer auf ver­schwiegene Zusam­menkün­fte wartete. Sollte er doch. Sie sortierte ein Büschel Veilchen in eine Vase und stellte sie auf die Fen­ster­bank; dabei fiel ihr ein, dass Frank – sie nan­nte ihn im stillen noch immer so, obwohl sie es unpassend fand – vergessen hatte, die Zeitung abzubestellen; ein ganzer Stapel hatte vor der Tür gele­gen und wartete darauf, entsorgt zu wer­den. Nach fünf Monaten Tren­nung sollte sie dies Detail ihrer Anwältin mit­teilen, mochte die damit anstellen, was sie wollte. Apro­pos Detail: Die Woh­nung in der Per­ru­di­as­traße sagte ihr doch, alles in allem, mehr zu als die Vorstel­lung, die näch­sten, aller Aus­sicht nach tur­bu­lent wer­den­den Jahre im Verein mit Elis­a­beth zuzubrin­gen. Sie würde es ihr scho­nend beib­rin­gen müssen. Ihr innerer Sinn sagte ihr bere­its jetzt, dass es nicht ohne Ver­let­zung abge­hen werde, aber hier wartete, son­der­bar, sich dies jetzt einzugeste­hen, eine Auf­gabe. Eine kleine Auf­gabe, sicher, aber genau das Richtige jetzt – vielle­icht, wer wusste das schon im voraus – und wichtig genug, um in ihr auszuhal­ten. Ein Zufall, gewiss, doch sicher nicht nur Zufall; schließlich hatte sie schon während des Studi­ums, des viel zu kurzen, geschrieben; warum war es ihr nur während all der Jahre nie in den Sinn gekom­men? Jetzt, wo sie dabei war, sich zu häuten, sollte sie so rasch wie möglich das alte Tage­buch wieder her­vor­holen, das sie über die Zeiten gerettet und in das, in gewisser Weise, sie sich gerettet hatte, bevor die Tur­bu­len­zen der Auf­bau­jahre und des müt­ter­lichen Daseins sie gewis­ser­maßen okkupiert hat­ten. In mancher Hin­sicht kam sie ger­ade erst zu sich, mit dem Wis­sen und den Ein­sichten der gereiften Frau, als die sie sich nachger­ade fühlen durfte. Das war dieses Stück Ruhe im Trennungs-​, im See­len­fieber der let­zten Monate, erst kaum, dann immer deut­licher ken­ntlich – eine Ruhe, die ihr sig­nal­isierte, dass das, was hier zugrunde ging, das bunte, bemalte, den Blicken der Nach­barn, der Fre­unde, der Fam­i­lie hinge­hal­tene Leben, von ihrem wirk­lichen, dun­klen, unent­fal­teten Leben abglitt wie ein Kleid, das sie in den Schrank hän­gen und von Zeit zu Zeit wieder her­vor­holen und mustern, aber nie mehr anziehen würde. Und wenn sie ganz ehrlich mit sich war: Hatte sie es nicht immer gewusst? Die Tren­nung, die unweiger­lich in die Schei­dung mün­den würde – obgle­ich sie augen­blick­lich keinen Grund sah, das zu forcieren –, machte sie erst kom­plett. Etwas hatte gefehlt, das ihr kein Lieb­haber hätte geben kön­nen; die ganze kom­plizierte Region ihres Inneren, die jetzt an den Tag getreten war, wäre ihr ver­schlossen geblieben, obgle­ich die Welt voller Zeichen war, dass sie existierte. So also fühlte sich das an: Schei­dung. Sie war beruhigt, es zu wis­sen. Unter Schmerzen, gewiss, aber das ließ sich nun ein­mal nicht ver­mei­den und war ganz in Ord­nung, obwohl es deshalb nicht weniger schmerzte.

Schreiben würde sie also; blitzar­tig war ihr der Gedanke ins Gehirn getreten, als sie beim Aufräu­men das Kinderz­im­mers zwis­chen Schreibtisch und Wand auf einen ver­schol­lenen Brief gestoßen war, von Katia, der Jüng­sten, wohl schon vor Jahren ange­fan­gen und nie vol­len­det. Diesen Brief hatte sie in Gedanken wieder und wieder gele­sen, als sie – zufäl­lig, absicht­s­los, wenn man so wollte – vor eini­gen Wochen das erste Mal in die Poet­en­runde ger­aten war, die sich jeden Sam­stag im Café Zun­del ver­sam­melte, und dort dem unbe­holfe­nen Vor­trag des jun­gen Mannes fol­gte, der in diesem Kreis mehr oder weniger als die Verbindung zur auswär­ti­gen und exo­tis­chen Welt der Lek­toren und Kri­tiker betra­chtet wurde, weil er vor kurzem mit einem Nach­wuch­spreis bedacht wor­den war. Gegenüber diesem, mit Ver­laub gesagt, Ges­tam­mel war ihr Katias Brief an einen Unbekan­nten vol­lkom­men klar und – sie zögerte ein wenig, das Wort zu for­men – bril­lant erschienen; zugle­ich hatte sie gespürt, dass er von ihr selbst hätte stam­men kön­nen, dass er Blut von ihrem Blut war; und dieser Gedanke hatte sie in Wal­lung ver­setzt, so dass sie sogar ein­mal an einer falschen Stelle applaudierte. Ein auf­fäl­liger Mag­net­ismus hatte an diesem Tag dafür gesorgt, dass der Autorenkreis – ein reiner Her­ren­club, wie sie mit einem Anflug von Miss­mut fest­stellte, und weiß Gott keine Siegertypen – sie vom ersten Augen­blick an akzep­tierte, so, als habe sie schon lange dazuge­hört und mit ihrem Auf­tauchen allzu lange gezögert. Das schme­ichelte ihr, wie sie sich gern einge­s­tand, und nahm sie für die Runde ein, auch wenn sie instink­tiv diesen Schep­per­mann für ein eher schmieriges Sub­jekt hielt. Gegenüber dem desig­nierten Preisträger würde sie eben­falls Reserve wahren: Wenn Lit­er­atur mit Kunst und Kunst mit Schön­heit in einem direk­ten Zusam­men­hang stand – woran zu zweifeln sie nicht die Absicht besaß –, dann sollte man erwarten, dass sich etwas davon im Äußeren dieser Leute wieder­fand. Wo das so offenkundig nicht der Fall war, nahm sie sich das Recht her­aus, an einen ver­bor­ge­nen Defekt zu glauben. Im übri­gen würde sie ihren Ver­dacht nicht laut wer­den lassen. Im Gegen­teil: Sie würde ihr kräftiges Teil dazu beitra­gen, dass die Preisver­lei­hung zu einem gesellschaftlichen Ereig­nis würde.

Sie seufzte, und in das Seufzen hinein musste sie über die bei­den Fig­uren lächeln, die da zu nachtschlafender Zeit – gegen zwei Uhr mor­gens, um genau zu sein – vor ihrer Haustür aufgekreuzt waren: Bueb, so hieß der eine (den Namen des anderen kon­nte sie sich ein­fach nicht merken, obwohl – oder weil – er so knapp daherkam, während sein Träger eher durch ein Zögern auf sich aufmerk­sam machte). Eigentlich war sie inner­lich auf dem Sprung, die Polizei zu rufen, auch dann noch, als sie die bei­den ein­ließ, und es schien ihr keineswegs klar, ob die offenkundige Nüchtern­heit ihrer späten Besucher, von einer schwachen Wein­fahne abge­se­hen, eher als beruhi­gen­des oder als alarmieren­des Detail gel­ten kon­nte. Ander­er­seits leit­ete sie ein tief­sitzen­des Gespür für die Harm­losigkeit der Sit­u­a­tion, die sie rasch auszukosten beschloss; schließlich war sie ungewöhn­lich genug, um jenes Prick­eln her­vorzu­rufen, mit dem der Ein­tritt der Lit­er­atur ins Leben sich gemein­hin ankündigt. Zwar kon­nte sie sich an keine Einzel­heiten der nächtlichen Kon­ver­sa­tion erin­nern, wenn sie die Mit­teilung, dass man sie als Jurymit­glied ins Auge gefasst hatte, ein­mal wegließ, aber das war nicht das Wesentliche; wesentlich war, dass sie stat­tfand. Das Leben hatte ihr in diesen Wochen so oft die kalte Schul­ter gezeigt; dieses Mal bewies es, dass es auch anders kon­nte, und begann, sich eine Spur Ver­trauen zurück­zuer­obern. Ein richtiger Causeur, dieser Bueb, lei­der zu sarkastisch, um im wirk­lichen Leben in Betra­cht zu kom­men. Weicher schien der andere zu sein, dafür völ­lig einge­spon­nen in seine Para­dox­ien, denen sie nur begrenzt zu fol­gen ver­mochte – ein schwieriger Typ, wen­ngle­ich das Herz ihr ver­riet, dass sich dahin­ter ein schlichter Charak­ter ver­barg, ein ver­let­ztes Wesen, ein wenig wie sie selbst. Allerd­ings emp­fand sie sich selbst nicht als schlicht, dies ganz und gar nicht. Das ging schon daraus her­vor, dass sie seit jeher diese Vor­liebe für para­doxe Men­schen bei sich bemerkt hatte. Es wider­sprach dem nicht, dass Frank so gar nichts davon besaß. Erstens lag in diesem Fall fast alles anders, und zweit­ens war ihr das Leben an seiner Seite, wie es so schön hieß, von Anfang an ein wenig absurd vorgekom­men, und diese Wahrnehmung hatte sich durchge­hal­ten, auch wenn der Anprall des Haushalts sie oft genug überdeckte. Wenn sie es recht bedachte, fand sich hier ver­mut­lich der tief­ere Grund ihrer Vor­liebe für Opern­sänger in all den Jahren, bis auf den Grund ihres Wesens absurde Men­schen, rührend anzuse­hen: Krus­ten­tiere alle­samt, Lan­gusten, Austern…

Frank, das hatte ihr an ihm gefallen und gefiel ihr noch heute, wen­ngle­ich sie es fürchten gel­ernt hatte – seine Dom­i­nanz ganz ohne Arien und Rez­i­ta­tive, seine ger­ade, gele­gentlich dröh­nende Erschei­n­ung, die Art, wie er allem, was ihm begeg­nete, sofort und unnachgiebig auf den Grund ging, zum Schrecken aller unklaren und prä­ten­tiösen Mit­men­schen. Ihn hätte sie allerd­ings nicht zu ihren neuen Fre­un­den mit­nehmen dür­fen, ein Fiasko hätte das gegeben, und vielle­icht war es gut so, dass die Frage nicht mehr an sie her­antrat. Hier existierte eine Welt, die ihm immer ver­schlossen bleiben würde. Hier war sie sicher vor den Nach­stel­lun­gen seiner Kraft, die sich, wie sie bemerkte, allmäh­lich, Stück für Stück, von ihr zurück­zog, hier kon­nte sie ein– und aus­ge­hen, wie sie wollte – denn dass sie nur zeit– und besuch­sweise ver­weilen würde, schien ihr aus­gemacht –, hier fand sie die Frei­heit der Tiefe, so wie sie an seiner Seite die Befriedi­gung der Klarheit genossen hatte. Hatte sie sich damals des Arg­wohns nicht ganz enthal­ten kön­nen, ihr lieber Frank könne auf dem Grunde seines Wesens ein wenig platt ger­aten sein, so regte sich angesichts ihrer jet­zi­gen Fre­unde der unbes­timmte Ver­dacht, ein Hauch von Dummheit wehe sie da und dort an – ein Hauch nur, aber in solchen Kreisen? Jeden­falls staunte sie über ihre völ­lige Sicher­heit im Umgang mit diesen rin­gen­den und dem Lei­den ver­brüderten See­len, die sie keinen Moment ein­schüchtern oder in Ver­legen­heit zu set­zen ver­mochten. Es schien ihr, als sei sie gekom­men, um mit sachte ord­nen­der Hand den einen oder anderen von ihnen zurechtzurücken, als müsse sie ihnen allen von Zeit zu Zeit die Nase putzen und auf den richti­gen Sitz ihrer Krawatte achten, soweit sie Der­ar­tiges tru­gen. Die Regung, das bedachte sie wohl, musste sie gründlich ver­ber­gen, solange sie Wert darauf legte, bei ihnen als ihres­gle­ichen zu gel­ten. Darin bestand das Spiel.

Der weiche Gong ließ sie auf­fahren. Sie trat von der Blu­men­bank zurück, legte die Hand­schuhe bei­seite, fuhr sich ord­nend durchs Haar und schloss, nach einem prüfenden Blick durch den Spion, die Tür auf. Vor ihr standen Bueb und Resch, der eine mit einem Strauß Narzis­sen, der andere mit einem Gedicht­band bewaffnet, und beide sagten, unge­fähr gle­ichzeitig, so dass es klang, als läute man eine geborstene Glocke: »Wir brauchen Sie.« Sie spürte den leisen Stich und nickte.

8.

Resch dachte in diesen Tagen mehrfach an Frau N., meist mit einem Anflug von schlechtem Gewis­sen. Die nächtlichen Stun­den, die er mit Bueb zusam­men in ihren Ses­seln verquas­selt hatte, dünk­ten ihm sinn­los ver­tan. Auch störte es seine Selb­stliebe, sich eingeste­hen zu müssen, dass sie mit ihr ein Spiel getrieben hat­ten, dessen Regeln ihm erst im nach­hinein däm­merten. Bueb, den er darauf ansprach, sah die Sache anders.

»Du hast ihr Ego gestärkt. Wo liegt der Fehler?«

»Im Drehbuch. Wir waren dort, um dort gewe­sen zu sein.«

»Das hat sie nicht weniger heiß gemacht.«

Bueb suchte Mag­nus Menge heim, der gebückt am Schreibtisch saß und Kreuz­worträt­sel löste. Frau Menge trug Gebäck und Kog­nak ins Wohnz­im­mer und zog sich, soweit ihr das gegeben war, diskret zurück. Menge kramte in einem Stapel Zeitungsauss­chnitte; der Preis warf seine Schat­ten voraus. Buebs Blick glitt prüfend über die Kak­teen­armee, die sich entschlossen zum Angriff auf den Ein­drin­gling zu formieren schien, streifte flüchtig das in Kun­st­stoff ger­ahmte Hochzeits­foto der Tochter neben der Tür und haftete auf dem Häufchen, das die blankge­fegte Pal­isander­fläche des Schreibtis­ches lose unter­brach. »Eine ganze Menge, was?«

»Ein­undzwanzig Mel­dun­gen, davon neun mit Bild.«

»Deinem?«

»Schön wär’s. Ein Ado­nis ist unser Preisträger ja nicht.«

»Aber er ist jung. Das gefällt den Redaktionen.«

»Ach hör auf. Da habt ihr mir was Schönes einge­brockt. Jetzt muss ich die Suppe auslöffeln.«

»Du kannst es auch lassen. Ein Wort von dir, und die Sache ist abgeblasen.«

Menge schnaubte verächtlich.

»Dir trau’ ich ja viel zu, aber das ginge doch zu weit. Wer A sagt…«

»… muss nicht auch B sagen. Warum denn? Gibt’s dafür einen Grund? Komm, sag’s mir.«

Menge wand sich. »Es würde unserem Preisträger das Genick brechen.«

»Na und? Was wäre daran so schlimm?«

Ein ums andere Mal ließ sich Menge von den Aussprüchen Buebs frap­pieren. Er lächelte ihm zu, als stün­den sie auf dem Pausen­hof und der andere habe einen Witz geris­sen, den sie beide nicht ganz begrif­fen. Ächzend erhob er sich. »Ich nehme an, du willst mich abholen?«

Menge, wenn man seiner in langer Schul­praxis erwor­be­nen Sprech­weise Glauben schenken wollte, »nahm« eine Menge »an«, wie Bueb mit einem Lächeln reg­istri­erte; dies­mal zu Unrecht.

»Ich dich abholen? Nein. Wozu? Ich meine, wohin?«

»Zum Stammtisch, du ruh­eloses Wesen. Schließlich haben wir jetzt eine Aufgabe.«

»Ich nicht. Aber ich bring’ dich gern hin.«

Menge ver­beugte sich. »Ich bitte darum.«

»Dann komm.«

Die Leere am Literaten-​Stammtisch wurde durch den Anblick Klussin­skis und Schwägers gesteigert, die im hin­teren Winkel einan­der zuge­wandt saßen und kurz das Auge hoben. Schwäger hatte gezuckt, als er, pünk­tlich wie sel­ten den Vorhang zum Neben­raum durch­stoßend, die Lage überblickte. Doch das Gespräch mit Klussin­ski, nach einigem Zögern in Gang gekom­men, ver­lief respek­tier­lich. Immer­hin besaß Klussin­ski, was er selbst vage ver­mis­ste – Erfahrung. Seit der Preisver­lei­hung hatte man ihn öfters zu Lesun­gen ein­ge­laden und ihm die üblichen Hon­o­rare – beschei­den, beschei­den – zugesteckt. Am aufre­gend­sten aber hatte sich eine Reise nach Ost­ber­lin gestal­tet, wo rasch erwor­bene Fre­unde am Pren­zlauer Berg ihn von Kränzchen zu Kränzchen weit­erg­ere­icht hat­ten; auch eine junge Frau hatte dabei eine Rolle gespielt – eine eher fatale Rolle, wie sich nachträglich her­ausstellen sollte. Nie zuvor in seinem Leben hatte er sich so ver­standen gefühlt: Er sagte es mit beben­der Stimme und inner­lich ver­schränkt; Schwäger mochte nicht weiter in ihn drin­gen. Als Bueb und Menge in die Stille ein­brachen – Bueb hatte sich entschlossen, »auf einen Sprung« mit here­inzukom­men –, fan­den sie beide in die Betra­ch­tung einer Fotografie ver­sunken; bevor Bueb zugreifen kon­nte, steckte Klussin­ski sie in die Brief­tasche zurück.

»Junger Fre­und, wie hat man denn Sie mal­trätiert?« Menge tastete mit der Hand nach der Stirn, dor­thin, wo ein frischer Ver­band Schwägers Haupt eine per­sön­liche Note verlieh.

»Selb­stver­stüm­melung« beschied Bueb. »Es kömmt darauf an, über den Men­schen hin­aus zu gelangen.«

Menge wurde grav­itätisch: »Der erste, der gesagt hat, der Men­sch ist etwas, das über­wun­den wer­den muss, war ein Idiot, der zweite ein Verbrecher« –

»– der dritte ein Genie«, ergänzte Bueb ungerührt. »Glück­wun­sch, Herr Designatus!«

»Meine Fre­unde«, hob Menge an, die Stimme warm und väter­lich, »meine lieben Fre­unde…« Er zählte das Klein­geld im Porte­mon­naie und legte es auf den Tisch. »Ich weiß nicht, warum, aber mir ist so wehmütig ums Herz, dass ich unschlüs­sig bin, ob ich euch damit behel­li­gen soll…«

»Her­aus mit der Sprache!« Bueb klopfte mit einem Zigaret­te­nende auf den Tisch. »Was ist geschehen?«

»Wenn ich das wüsste. Ich kann doch nur mutmaßen.«

»Was ist los? Bist du Groß­vater geworden?«

»Ich bin Groß­vater, um dir das ein­mal ins Gedächt­nis zu rufen. Nein, das ist es nicht. Es gibt Dinge im Leben…« Er nahm der Bedi­enung die Tasse dampfenden Kaf­fees aus der Hand und führte sie an die Lippen.

»Steht eine Beerdi­gung ins Haus? Müssen wir eine Kollekte durch­führen? Jeman­den im Kranken­haus besuchen? Wer ist es? Her­aus mit der Sprache!« Buebs Blick ruhte auf dem Schürzen­bund der Bedi­enung, die durch den Vorhang entschwand.

»Junger Fre­und, du bist so rasch… zu rasch manch­mal. Aber im Leben gehen die Dinge…«

»Vielle­icht hat er im Lotto gewon­nen.« Unter dem abschätzi­gen Blick des Alten kauerte sich der Preisträger in spe zusam­men und rührte in seinem Pfefferminztee.

Bueb gäh­nte. »Na, dann eben nicht. Wer hat heute mor­gen die Zeitung gele­sen? SPD-​NRW zweiund­vierzig Prozent, Grüne satt. Die FDP fliegt näch­stes Mal aus dem Bun­destag, da halte ich jede Wette.«

Nie­mand mochte ihm fol­gen. Klussin­ski, der mit glasigem Blick sein Nich­tan­we­send­sein demon­stri­ert hatte, erwachte und stürzte sich augen­blick­lich in ein Gelächter, das klang, als schnaube er ein fernes, augen­blick­lich aber nicht ver­füg­bares Pub­likum an. »Ich weiß, was er hat.«

»Nur zu.« Bueb wen­dete die soeben entzün­dete Zigarette.

Menge schien aus allen Wolken zu fallen. »Nein, nein! Kein Wort davon. Nur das nicht. Du liegst ganz falsch. Mein Gott, wo bin ich nur hinger­aten?« Erregt fal­tete er die Hände; der zu kurz ger­atene rechte Ringfin­ger stach isoliert in die Luft. »Ich möchte, hörst du, ich möchte nicht, dass jemand davon erfährt. Darf man etwa keine Geheimnisse mehr haben? Bin ich denn ein gläserner Men­sch? Ich denke nicht daran. Reißt mir die Klei­der vom Leib, dreht meine Hosen­taschen um, inspiziert meine Schuhe: Ihr werdet nichts finden. Und warum? Weil ich nichts zu ver­ber­gen habe. Ich bin ein ein­facher Mann, ich zahle meine Steuern – jeden­falls habe ich ein­mal Steuern gezahlt, nicht soviel wie du vielle­icht, aber mehr als genug –, ich möchte von nie­man­dem behel­ligt wer­den, aus­geschlossen meine Tochter und mein entzück­endes Enkelkind. Muss man das denn her­auss­chreien? Wie weit haben wir es in diesem Land gebracht? Was seht ihr mich so an? Ich weiß, ich bin ein verdächtiges Sub­jekt, und ich bin stolz darauf – seht mich nicht so an, ihr… In diesem Punkt müsst ihr noch viel ler­nen… ler­nen, ja lernen…«

So unter­hielt sich das Klee­blatt. Draußen, auf regenglitzern­den Straßen, drehte der Vor­sitzende des Schrift­stellervere­ins Runde um Runde; düstere Gedanken jagten hin­ter seiner Stirn. Heim­lich aber fühlte Mag­nus Menge nach der Jack­en­tasche; dort knis­terte ein nagel­neues Gedicht­manuskript, das er mor­gen zur Haupt­post brin­gen und eigen­händig in den Briefkas­ten wer­fen würde.

Im Hin­aus­ge­hen erkundigte sich Bueb beiläu­fig bei der Geschäfts­führerin, ob das kalte Büfett, wie verabre­det, bere­it­ste­hen werde. Frau N. hatte alles Nötige ver­an­lasst. Beruhigt ver­ließ er das Lokal.

9.

Sie hat­ten in ger­ader Reihe Platz genom­men: Frau N., blond und schwarz geschlossen, flankiert von Buebs Sohn und Gat­tin, zwei junge Lit­er­atur­wis­senschaftler (es schien, dass sie sich »köstlich amüsierten«), Resch, Klussin­ski, eine Krim­i­nalau­torin, die nicht zur Runde gehörte, aber, wie sie sagte, es sich nicht nehmen ließ, ihre eher ver­hal­tene Gegen­wart beizus­teuern, sodann Van Ven­ning in brauner Cord­jacke, der drein­blickte, als erwarte er jeden Moment den Auftritt einer gold­be­tressten Bergmannskapelle. Der Vor­sitzende des Schrift­stellervere­ins glänzte durch Abwe­sen­heit; es hieß, er sei in der Nacht während eines Herzan­falls aus dem Bett gek­let­tert und die Treppe hin­un­terge­fallen. Auf seinem Stuhl thronte Tube Hup­pert. Er wandte den Wuschelkopf nach links und rechts wie jemand, der sich keine Einzel­heit ent­ge­hen lassen wollte. Vielle­icht, weil er wild darauf vers­essen war, einen Film zu drehen, wie er seiner gut gebauten Kom­mili­tonin Tanja ein­mal wöchentlich mit Ver­schwör­ermiene anver­traute, die es, ein süff­isantes Lächeln auf den Lip­pen, ihrer stets aufs Neue erble­ichen­den Fre­undin Abraxa weit­er­tratschte. Einige weniger regelmäßige Mit­glieder des Kreises schlossen die Reihe ab. Mag­nus Menge und der weiß ban­dagierte Klaus Schwäger, im Bewusst­sein ihrer Würde, hat­ten sich etwas abseits gesetzt oder set­zen lassen und har­rten des Auftritts. Alle blick­ten zu Bueb hin­auf, der ger­ade die ein­führen­den Worte been­dete und, von fre­undlichem Beifall geleitet, zu seinem Platz ging.

Es war soweit. Resch ord­nete seinen Anzug, trat ans Pult – Schwäger hatte sein Ver­sprechen wahr gemacht – und begann:

»Meine Damen und Herren!

Stellen Sie sich vor, diese Preisver­lei­hung fände nicht statt: Leere auf den Sitzen der ersten Reihe, die Mit­glieder des Preis­gerichts ein­schließlich des Ehren­vor­sitzen­den glänzten durch Abwe­sen­heit, das Pub­likum (also Sie) rutschte unruhig auf den sin­nre­ich ange­ord­neten Stühlen dieses Lokals, und in einer Ecke blät­terte der nominierte Preisträger mit dem san­ften Lächeln des Gefoppten in seinen mit­ge­brachten Manuskripten, kurz, es träfe ein, worauf im Grunde seines Herzens jeder schon längst ein­mal gewartet hat – :«

Eine junge Frau in der zweiten Reihe, dun­kler Typ, prustete los; ihr Begleiter beugte sich zu ihr, legte die Hand an den Mund­winkel, flüsterte; im Saal herrschte Toten­stille. Unbeirrt fuhr Resch fort.

»Und nun zügeln Sie Ihre Vorstel­lungskraft, konzen­tri­eren Sie sich auf das, was ist, weil es so ist, wie man es Ihnen gesagt hat, und denken Sie mit mir zusam­men darüber nach, dass der Preis, den wir hier und heute vergeben, ein Preis für stand­hafte Lit­er­atur ist, für Lit­er­atur also, denn das Epi­theton »stand­haft« ließe sich mit sozusagen leichter Mühe als Epi­theton nat­u­ralis qual­i­fizieren, als natür­liche Mit­gift gewis­ser­maßen, denn Lit­er­atur ist entweder stand­haft oder sie ist gar nicht, zumin­d­est nicht zu recht­fer­ti­gen. Da allerd­ings liegt das Prob­lem, oder, da wir höflich miteinan­der umge­hen wollen, ein Prob­lem: Stand­haft bleibt die Lit­er­atur ohne Zweifel dort, wo sie hinge­hört, im Regal, zur stillen Freude mancher Bib­lio­thekare und zum Ver­druss vieler Buch­händler und Ver­leger, die den Zus­tand insoweit schätzen, als sie ihn zu beseit­i­gen tra­chten, eine unendliche Auf­gabe auch das… Ich weiß nicht, ob und wann Sie ein­mal darüber nachgedacht haben, dass ein Buch auf­schla­gen in der Regel heißt, es aufs Kreuz zu legen. Kein Leser, der nicht bereit wäre, dieses Vergnü­gen ein ums andere Mal für sich zu reklamieren, doch schel­ten wir nicht den Leser: Irri­tierend ist vielmehr die Leichtigkeit, mit der sich das Buch, jedes Buch, dem dosierten Druck von Dau­men und Zeigefin­ger unter­wirft, eine Leichtigkeit, die dem Lesen nichts von seiner Gewalt­tätigkeit nimmt, sie vielmehr – betra­chten Sie die fort­ge­set­zte Wirk­samkeit von Dau­men und Zeigefin­ger im Akt des Lesens – als solche her­aus­fordert und denun­ziert. Die Lit­er­atur, so ließe sich fol­gern, fordert die Gewalt her­aus, um sich ihr preiszugeben, ihr Wider­stand ist ger­ade kräftig genug, um sich zu spreizen – in der Regel, der Aus­nahme von der Aus­nahme, die darin besteht, dass sie gar nicht in die Aus­la­gen kommt und dadurch des unver­mei­dlichen Vorteils ver­lustig geht, dem Griff des Kun­den den gebun­de­nen Rücken und also die lock­end kalte Schul­ter hin­hal­ten zu dürfen.

Doch stand­haft, stand­haft ist selbst diese tausend­fach unge­druckt bleibende, diese wahre Poe­sie des All­t­ags, die aus tausend Augen auf die dürftig­sten Pub­likum­sor­gane schielt, kaum zu nen­nen – es sei denn, der Autor bzw. die Autorin leis­tete das Äußer­ste, das in seiner bzw. ihrer Lage zu leis­ten bleibt. Dieses Äußer­ste, die ultima ratio der wirk­lichen Lit­er­atur ist der Papierkorb, der Papierkorb nicht als Fas­sungs­grab, als Durch­lauf­be­häl­ter für weit­er­re­ichende Ambi­tio­nen, nein: als End– und Zielpunkt eines wahrhaft fas­sungs­los zu nen­nen­den Pro­duzierens, in dem einzig der Autor kühl die Fas­sung bewahrt, um vor sich und der Nach­welt ohne den stets in der Luft liegen­den Vor­wurf zu beste­hen, er habe seine Kom­pro­misse zu früh und ohne zwin­gen­den Grund geschlossen, oder er habe – furcht­bare Anschuldigung! – nachgebessert, statt sich zu bessern.

Der Vir­tu­ose des Papierko­rbs – noch ein­mal, ein welt­geschichtlich unwider­ru­flich let­ztes Mal wollen wir ihn uns als Mann vor das innere Auge rufen, als einen Mann, der mor­gens vor dem Rasier­spiegel die Schärfe der Klinge prüft, mit der er gegen sich vorzuge­hen gedenkt, und der weiß, dass es ger­ade die falschen Schnitte sind, die unter die Haut gehen – der weiß, dass die Klinge in Wahrheit glatt aufliegen muss, wenn es gilt, das Ich von jenen unkon­trol­lierten Wucherun­gen freizuhal­ten, welche das nackte, geschmei­dige All­t­agswe­sen, dieses kost­bare Spät­pro­dukt einer sin­nre­ichen biol­o­gis­chen Kar­riere, bin­nen kurzem zurück­ver­wan­deln würde in das Tier, das meint. Eine Mei­n­ung haben, heißt bekan­ntlich, sich selbst noch nicht begeg­net zu sein.

Die Ethik der Nass­ra­sur formt den Mann, der schreibt, weil er schreibt: Voilà!

Ges­tat­ten Sie mir, bevor ich Ihnen den heuti­gen Preisträger vorstelle – eine im Grunde über­flüs­sige Mühe, da Sie ihn eben­sogut, vielle­icht besser ken­nen als ich…«

An dieser Stelle keimte Unruhe im Pub­likum. Ein Herr – Zweirei­her, geschlossene Weste –, der mit gesenk­tem Blick dage­sessen hatte, run­zelte die Stirn und schüt­telte, Unver­ständ­nis bekun­dend, den Kopf. In den hin­teren Rei­hen bröck­elte es. Plöt­zlich erhob sich ein irres Gelächter. Es endete abrupt, als die weiter vorn Sitzen­den sich geschlossen nach dem Stören­fried umdrehten. Resch nahm den Faden wieder auf.

»…da Sie ihn eben­sogut, vielle­icht besser ken­nen als ich, eine kleine Neben­er­wä­gung. Wer einen Preis vergibt, gibt ihn an einen Kan­di­daten und an viele nicht, das ist unumgänglich, wen­ngle­ich ein Not­be­helf, schließlich kom­men Lit­er­aten sel­ten vom Sport und reagieren auf Anpfiff besten­falls stör­risch. Um so wichtiger wäre es, zu sagen, das und das waren die Gründe für die Ausze­ich­nung dieses einen – wie Sie wis­sen, ein völ­lig unmögliches Unter­fan­gen, dem ich mich nur soweit unterziehen möchte, als es mich nicht gle­ichgültig lässt, dass es die Epik ist, die wir hier und heute im hart­näck­i­gen Fortwerkeln des Geehrten erken­nen und anerken­nen. Nicht die Lyrik scheint uns das angemessene Gefäß für die Wahrheit, die wir meinen, wenn wir darüber nach­denken, wer wir sind und wie wir es wur­den, son­dern die Epik. Das mag über­raschen, doch denken wir nicht an Homer: Denken wir nicht an das Epos, wie es tra­di­tionell ein– oder mehrsin­nig seine Zeit in Szenen aus Mord und Totschlag fasst, son­dern an das entste­hende, das da a-​zentrisch, a-​sinnig und a-​berwitzig, kurz a-​a-​a und vielle­icht ein wenig ga-​ga-​ga aus dem Vollem schöpft, als kün­ftig erschöpfende De-​Cocollage dessen, was ist, weil es vor­liegt, was immer das heißen mag. Wo dies gelingt, meine Damen und Her­ren, bedarf es gewiss auch nicht mehr der überm Bett fix­ierten Zeitungsauss­chnitte aus unser aller Stu­den­tent­a­gen, um uns täglich zu ver­sich­ern: Dies ist die Repub­lik, die mit uns groß gewor­den ist, und so sind wir, die gerne ein wenig größer gewor­den wären, und soll­ten wir uns gele­gentlich ein­mal in einem Anflug von weltläu­figer Entrück­ung ver­wech­seln wollen, so wird kein Men­sch auf diesem Erd­ball son­der­liche Mühe aufwen­den müssen, uns zurechtzus­tutzen – uns, die Kinder unserer Eltern, welche wir lei­der nur noch im Zoo besichti­gen durften, nach­dem sie die freie Wild­bahn etwas zu wörtlich inter­pretiert hat­ten; schließlich sind wir der­art in der Wolle gefärbt, dass uns unsere Lebenswelt nachger­ade ebenso sinn­los erscheint wie das Leben selbst. Dies alles muss gesagt und, besser, viel besser noch, immer wieder geschrieben wer­den, auf DIN-​Papier, weiß oder etwas angegilbt, auf dass Lit­er­atur sei: wie denn auch sonst? Bedenken Sie hinge­gen den erhobe­nen Zeigefin­ger der Lyrik: Sie weiß es besser, und wir, die wir sie nicht ver­ste­hen, wis­sen nur zu genau, wie sie es meint, und wir nicken, nicken… Ich möchte nicht schließen ohne diese Vision einer jeden Lit­er­atur, die kün­ftig als Lit­er­atur wird gedruckt wer­den kön­nen. Es ist die Bild­chronik unserer Region, hergestellt in den mod­ern­sten Druck­ereien des Kon­ti­nents, mit ein­gelegten Erin­nerungsno­taten: mein Geburt­stag, meine Erstkom­mu­nion, meine erste Blu­tung – Blät­tern wie jene getrock­neten, die wir in den Flora– und Fauna-​Bestimmungsbüchern unserer Altvordern fan­den, und wie diese bes­timmt, dere­inst den pyrol­o­gis­chen Exper­i­menten unserer Enkel als Mate­r­ial zu dienen; es muss ja nicht gle­ich heißen, sic tran­sit glo­ria mundi, wenn unsere Träume ver­puffen. Ich wün­sche daher dem Preisträger alles Glück, das er braucht, vor allem aber, und ich hoffe, Sie stim­men mir bei, einen lan­gen Atem und eine leichte Hand. Ich danke für Ihre werte Aufmerksamkeit.«

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