1.

Gegen zwölf Uhr dreißig bei sonnig-​kaltem Maiwetter – wir zitieren nach einem aus unerfindlichen Gründen erhalten gebliebenen Exemplar des örtlichen »Anzeigers« – nahm der Dichter Klaus Schwäger, wohnhaft in Scherpen (einem Stadtteil, dessen Cadmium– und Quecksilberwerte in den Zeitungsberichten der folgenden Wochen aus den üblichen unerklärlichen Gründen steil ansteigen sollten), den Magnus-​Menge-​Remscheid-​Preis für standhafte Literatur entgegen. Er empfing ihn stehend, möglicherweise verdutzt über die Kleinheit des Objekts, das ihm zugesteckt wurde, und hatte es in seiner Verwirrung bereits in der Plastiktüte verschwinden lassen, die der persönlich anwesende Namenspatron des Preises, übrigens Ehrenvorsitzender der Jury, ihm unauffällig im Gedränge zugeschoben hatte, als der ebenfalls im Raum befindliche Fotograf der örtlichen Presseorgane ausrief, der Akt müsse wiederholt werden, da ihm bis jetzt die Sicht verdeckt gewesen sei. Der Bitte wurde entsprochen.

So, unter allseits beifälligem Gelächter und Nicken und unter grober Verletzung der vier Wochen vorher feierlich beschlossenen Statuten, geschah es, dass die Auszeichnung dem ersten gekürten Preisträger gleich zweimal verliehen wurde – eine Ehre, die weit über alles hinausging, was dieser, ein bescheidener Ex-​Buchhalter und literarischer Scherenschneider, sich wenige Wochen zuvor hätte träumen lassen. Dass es nicht recht war, kümmerte ihn nicht; er merkte es gar nicht in seiner Verwirrung, und befand sich damit in guter Gesellschaft, sofern die anwesende damit gemeint sein konnte. Denn das Café, zugestellt mit dem obligaten Halbrund bequemen, wenn auch etwas abgegriffenen Gestühls, war voll: die Damen – in der Überzahl – und Herren hatten zwar keinen Eintritt bezahlt – es handelte sich um eine quasi öffentliche Veranstaltung –, aber sie bezahlten ersichtlich mit ihrer Anwesenheit und wünschten etwas geboten zu bekommen. Sie sollten bleibende Eindrücke empfangen.

2.

Was war vorausgegangen?

An einem grauen, regnerischen Märzabend verflossener Zeiten, in denen das Reich des Guten gegen das Reich des Bösen zum Krieg der Sterne rüstete, trafen sich in dem griechischen Spezialitätenrestaurant Herpes der Werbeleiter der örtlichen Presseorgane, die aus Kostengründen zusammengelegt waren – nur der Kommentar auf der Titelseite musste noch je nach Parteinähe doppelt geschrieben werden –, Ernst-​Dieter Bueb, und Karl Resch, Mitarbeiter am nahegelegenen Institut für Hispanistik, der in seiner freien Zeit Elegien auf das Schicksal des altrömischen Dichters Ovid schrieb, ohne dass sich bisher ein Verlag daran interessiert gezeigt hätte. Das Restaurant war zu dieser Zeit noch nicht renoviert; es speiste sich angenehm zwischen den Ausblicken auf die sonnenüberflutete Ägäis zur Rechten und die zwischen Diskuswerfer und belvedereschem Apoll mattglänzend aufscheinende Theke zur Linken – falls man nicht, wie Bueb, die Ägäis linkerhand und die Theke entsprechend zur Rechten bevorzugte: eine Position, die den Blick auf einen den Kampf um Troja schildernden Paravent eröffnete, hinter dem der Besucher ohne weitere Mühen den Aufstieg aus einem urinparfümierten Hades erriet, welchem gelegentlich leicht schwankende Gestalten entschlurften.

»Der Regen«, erläuterte Resch seinem gelangweilt dreinblickenden Gesprächspartner, »hat hierzulande keine Konkurrenz, das macht ihn unansehnlich und wenig exportfähig.« Bueb legte den linken Arm über die Stuhllehne zurück, das Sakko bauschte sich leicht. Sein Blick fixierte die Kellnerin, die, zwei Uzos und einen Rotwein auf sparsamem Tablett balancierend, vorbeiglitt; ihre Hüfte streifte die Tischkante. Ein Kellner beugte sich über die Balustrade und entzündete eine Kerze, der zweite Versuch gelang. Bueb, eigensinnig, mochte nicht von der Kellnerin lassen; auch hier brachte der zweite Versuch den Erfolg. Dann ließ er sich treiben. Der Rotwein schimmerte in den Gläsern, als habe er keine andere Wahl: ein verlogenes Manöver, denn er fand immer Gründe. Bueb, die Zigarette ausdrückend, beugte sich vor: »Heute nachmittag war ich in Laake.«

»Geschäftlich?«

»Mag ich so nicht ausdrücken. Sie haben Grabert unter die Erde gebracht.«

»Wie war’s?«

»Grau. Regnerisch. Kalt.«

»Also passend.«

»Ich musste hin. Magnus Menge war auch da; klar, das ging nicht anders, ältester Freund und so, Dichterkollege. Also fuhr ich ihn hin. Viele waren ohnehin nicht gekommen; ein trauriger Haufen.«

»Also enttäuschend. Für einen Mundartdichter –«

»Er war kein Mundartdichter. Ich weiß gar nicht, was du immer hast. Wir haben auch über dich gesprochen – auf der Rückfahrt. Magnus Menge ist ausgesprochen enttäuscht.«

»Von mir?«

»Nicht nur. Er war ganz deprimiert, der Arme. Er hatte fest damit gerechnet, am Grab eine Rede zu halten, aber niemand kam auf die Idee, ihn aufzufordern. Die Rede steckte die ganze Zeit in seiner Jackentasche, im Auto holte er sie heraus und zeigte sie mir.«

»War sie gut?«

»Weiß ich doch nicht.«

»Und warum ist er von mir enttäuscht?«

»Weil er so viel für dich tut, ohne dass du begreifst, was er will. Er glaubt fest daran, dass ihm die Würde eines Ehrendoktors zusteht, aber keiner merkt’s.«

»Stimmt. Aber was hat das mit mir zu tun?«

»Du sollst ihn vorschlagen.« Bueb blickte aufmerksam: spöttisch, aber erwartungsvoll. Resch grinste. »Und du meinst, ihm soll geholfen werden?«

»Ich meine, wir sollten ihm helfen.«

»Hat er’s verdient?«

»Er hat es verdient. Er giert danach. Er kann an nichts anderes mehr denken, der Arme. Er wird fünfundsechzig; woher soll’s denn kommen? Aus dem Bauch? Mehr Unterleib hat er nicht.«

Der Kellner beugte sich über die Balustrade und schenkte Wein nach. Buebs Blick suchte die Kellnerin. Resch, in Betrachtung versunken, rieb sich die Schläfe.

»Es müsste eine Auszeichnung sein, die er nicht empfängt, eine wirkliche Höllenstrafe für seine unziemliche Geltungssucht. Wir sollten ihm etwas vor die Nase binden, wovon er nicht mehr loskommt. Es muss für ihn geschaffen sein, aber er, er ganz allein, darf es nicht erhalten können. D’accord?«

»Wir geben ihm einen Preis.«

»Ganz falsch. Außerdem strebt er nach stärkeren Drogen. Er will schließlich keinen Preis, er will einen Titel. Sein Name reicht ihm nicht mehr. Also geben wir ihm einen neuen.«

»Wir stiften ihm einen Preis. Den Magnus-​Menge-​Preis.«

»Das wird nicht reichen.«

»Den Magnus-​Menge-​Remscheid-​Preis.«

Resch dachte nach. Er stützte die Ellbogen auf die Tischkante und bettete Kinn und Wangen in beide Hände. »Das ist gut, aber ungenügend. Der Stachel ist da, nur – er wird ihn nicht merken. Er will die Erektion, also soll er sie kriegen. Treiben wir ihm den Stachel ins Fleisch. Nennen wir das Ding Magnus-​Menge-​Remscheid-​Preis für standhafte Literatur.«

»Gut«, sagte Bueb geschäftsmäßig. »Das wäre geklärt. Wir brauchen den Ankündigungstext, eine Jury und einen Kandidaten. Und eine Urkunde, nicht zu vergessen. Wer schreibt den Text? Du? Gut. Grafik besorge ich. Was noch? Preis, Pult, kaltes Büfett – wer hält die Laudatio?«

»Ich« sprach Resch wie zu sich selbst.

Bueb hob das Glas: »Auf Magnus Menge!«

»Auf Magnus Menge!«

3.

Als der Dichter Klaus Schwäger am Samstag, wie immer um diese Uhrzeit, die Tür zum Nebenraum seines Stammcafés aufdrückte, zog es ihm für einen Moment den Magen zusammen. Es war nur ein knappes Signal; das anschließende Gefühl der Erleichterung hielt länger vor. Ihm war, als schwebe er auf das Tischoval zu, an dem, wie immer samstags um diese Uhrzeit, eine zweifelhafte Runde beisammensaß. Gerade beugte sich der pausbäckige Scheppermann gemeinsam mit Bueb über die Witzspalte eines Herrenmagazins und lachte kehlig, indessen Bueb in die Konvulsionen dieses Leibes hineinsprach, als wolle er ihm das Rückgrat punktieren. Schweigend nahm Klaus Schwäger Platz; das Gefühl hielt an. Neben ihm plauderte der ergraute Arbeiterdichter Van Venning, den Widerschein längst demontierter Hochöfen im Blick, mit Magnus Menge, der wie durch Zufall an diesem Tag eine rote Krawatte trug. Er ließ sie ein wenig aus der bis oben zugeknöpften Weste herausquellen, was ihn gewichtiger erscheinen ließ und ihm den Charme eines gepressten Darms verlieh. Zur Linken bemühte sich der Ruhrbarde Klussinski – Schwäger konnte ihn auf den Tod nicht ausstehen –, einen Gedankenaustausch mit dem Vorsitzenden des Schriftstellervereins in Gang zu halten. Dieser, schmal und zart, blinzelte sein feines Lächeln dem Garderobenständer zu, der zu weit entfernt stand, um folgen zu können. Auf dem zersessenen Sofa, achtlos an Scheppermanns Seite, rutschte Resch gestikulierend vor und zurück. Er war mit einem Studenten gekommen, der bereits durch sein Äußeres Zerrissenheit signalisierte. Schwäger wusste, dass er aus dem anderen deutschen Staat stammte, aber entscheidende Stadien seiner Entwicklung dem örtlichen Ambiente zu verdanken hatte. Seit Wochen war Schwäger gesonnen, ihn nicht zu mögen – ohne Erfolg.

Resch, gut gelaunt, spielte seine Lieblingsrolle, er gab Ratschläge fürs Leben. Tube Huppert, der zerrissene Student, konnte sie brauchen, würde sie aber nicht annehmen. Gerade darin erwies er sich als gelehriger Schüler. Resch hatte sein bisheriges Leben darauf verwandt, gute Ratschläge in den Wind zu schlagen; es schien ihm, alles in allem, nicht schlecht zu bekommen. Trotzdem war er heute morgen ein paar Meter vor dem Café fast über den Vorsitzenden des Schriftstellervereins gestolpert – nach den verschwiegenen Absprachen jenes Abends sein designierter Nachfolger in der Jury, die alsbald ihre Tätigkeit aufnehmen würde. Der Vorsitzende, wie immer in Eile (sie hatten dasselbe Ziel), grüßte gravitätisch, um nicht zu sagen bedeutungsschwer, was möglicherweise durch das bevorstehende Erscheinen eines neuen Prosabandes erklärt werden mochte.

»Gibt’s etwas Neues?« Da er sich jederzeit im Amt fühlte, war seine Frage berechtigt. Weil er keine Antwort bekam, fühlte er sich herausgefordert, sie abzuschwächen: »… in der Uni?« (Damit frönte er einem Tick, den alle gut kannten, denn er hatte, um genau zu sein, nicht die allergeringste Beziehung zur Universität.) Wahrheitsgemäß tönte Resch: »Nein.« Schweigend ging man, obwohl es schwerfiel, getrennte Wege. –

Resch klopfte gegen sein Teeglas. Da niemand Notiz nahm, begann er mit leiser Stimme zu reden. Nach wenigen Worten hätte man eine Stecknadel fallen hören können. Nur Bueb raschelte vernehmlich mit dem Magazin, hinter dem er gelegentlich hervorlugte. Resch skizzierte den Plan, die Bestellung der Jury, das Verfahren. Fragen?

»April, April.« Das kam von Scheppermann, der aber bereits rot anlief. Keiner beachtete ihn. Ein schmaler Poet in der zweiten Reihe, schwarzer Hemdkragen, wagte die entscheidende Frage: »Was sagt Magnus Menge?«

Magnus Menge schwieg.

Der Namenlose schlug vor, die Jury zu erweitern.

Wen er dabei im Auge habe?

»O«, hauchte er und nannte einen Namen, der alle erstarren ließ.

Klussinski, gerade erst in der fernen Hauptstadt mit Tusch und Beifall, einer Plakette und einem Scheck für das überzeugendste Gedicht zur Müllproblematik in der Region ausgezeichnet – auch der Minister war zugegen gewesen –, klappte sein Notizbuch auf: »Wann?«

Er nickte und notierte den Termin. Resch befand, es sei an der Zeit, in den Erläuterungen fortzufahren. Geräuschvoll ordnete Bueb das Magazin und kam ihm um Haareslänge zuvor. Er präzisierte, deutete an, verschwieg. Eigentlich sagte er nichts. Die Runde schwamm in Entzücken. Nur als er bekanntgab, Frau N. werde als Mitglied der Jury tätig werden, sprang Klaus Schwäger, der in tiefe Gedanken versponnen dagesessen war, unvermittelt auf und rief, zum höchsten Erstaunen der Anwesenden: »Den Preis will ich nicht haben.«

Bueb blickte ihn über den Brillenrand an und sprach weiter. Resch unterbrach ihn und verlangte eine Diskussion der Frage, ob der Magnus-​Menge-​Preis für standhafte Literatur abgelehnt werden könne. Die Ansichten erwiesen sich als geteilt, doch überwog die Auffassung, dergleichen sei zwar denkbar, würde jedoch nichts nützen. Er würde dann eben in Abwesenheit überreicht werden. Schwäger, der sich offenbar wieder beruhigt hatte, erklärte versöhnlich, er werde zur ersten Verleihung sein Stehpult mitbringen.

Noch einmal stand die alles entscheidende Frage im Raum, was Magnus Menge zu all dem sagen möge. Doch Magnus Menge schwieg beharrlich.

4.

Resch, Schriftsteller wider Willen, aber mit Leidenschaft, blättert in alten Notizen.

»Littera, –ae, der gesetzte Buchstabe, das Schriftliche – vermutlich aus lites-​a, »Angeschmiertes« –, letteratura, lettres, Literatur. Ein Name schafft sich seinen Gegenstand: Überlieferung, Zeit und Raum übergreifend, zugleich beschlossen auf engstem Raum, in den Staub– und Wandelgängen elitärer Konzentration, verschleppbar, brennbar, leicht entzündlich. Tradierte Bestände, greifbar-​ungreifbar in den Quader– und Kuppelbauten antiker Bibliotheken und ihrer Nachfolger wie in den Fahrschacht– und Stollenlabyrinthen gegenwärtiger Verwahrarchitektur. Die alte Frage des Zugangs zum Geschriebenen, zum Wissen und zur Macht, die aus dem Wissen entspringt. Die nicht weniger alte Frage nach der Beschaffenheit solcher Macht – einer Macht, die nicht aus den Gewehrläufen, sondern aus der Kraft des Geistes stammt, sich über die Verhältnisse zu erheben und sie zu beherrschen. Schließlich die Frage nach dem Wissen selbst: das Geschriebene eine höhere Form des Gedachten, das heilige Buch, das auratische Werk, das schreibend Erdachte…«

Resch sitzt zu ebener Erde, die offene Verandatür halb im Blick, und denkt.

Drei Gruppen von Literaten. Priester. Gelehrte. Intellektuelle. Ihre Embleme: Schriftrolle, Buchdruck, Rotationspresse. Die technischen Übergänge markant, doch letztlich nicht entscheidend. Die Arbeit der Kopisten in den mittelalterlichen Schreibstuben, ist sie nicht eine Art manuell vorweggenommenen Buchdrucks? Die priesterliche Schlüsselgewalt in den Zentren der Reproduktion, darauf kam es an. Auslegungsfragen, Machtfragen. Wir hingegen: groß geworden mit den Kommunikationsgaukeleien luxurierender Gesellschaften, die das Gut Information im Überfluss bereitstellen. Der Intellektuelle ist früher auf dem Markt als auf der Höhe seiner Möglichkeiten.

Resch seufzt.

»Die ältesten Aufzeichnungen dienten dazu, das Wiederkehrende festzuhalten: Flut und Dürre, Mondphasen, Sternkonstellationen. Die Schrift notiert die Wiederkehr des Gleichen. Schriftzeichen sind Merkzeichen dessen, was vorgeht, um bevorzustehen. Daher kommt der prognostische Zug, die Nähe zur Weissagung, zur Religion. Dann aber mischt sich eine Präzision ins Spiel, die anfängt, die Erfahrung selbst, dieses unmerkliche Sichverschieben der Erinnerung, Lügen zu strafen. Literatur ist Bestandsaufnahme von alters her, sie verfügt über Bestände, angesichts derer die beschämte Erfahrung das Haupt entblößt und ihre Ignoranz bekennt. Buchstabenwissen, Buchwissen, misstrauisch beäugt. Endlich: Literatur schafft Zusammenhänge. Was durch Zeichen verbunden ist, darf der Gott nicht trennen.«

Resch notiert.

»Wissen: die ständige Nötigung der Ignoranz, sich vor sich selbst zu bekennen. Wissen ist nicht Macht: Es ist die Sprachlosigkeit der anderen. Solange sie das Spiel mitzuspielen bereit sind, ist alles in Ordnung; andernfalls wird es heikel. Aufstände gegen die Wissenden pflegen blutig zu verlaufen, Argumente sind unerwünscht. Wer weiß, lebt gefährlich, lebt das Leben der Eliten, die sich nur auf kurze Zeit von der Macht trennen lassen. In Revolutionen gefährdet, in stabilen Perioden obenauf: Es nimmt nicht wunder, dass die alten Priesterkasten, als sie, noch zögernd und voller Bedenken, die Schrift in ihr Repertoire aufnahmen, sich zu bloßen Verwaltern des Wissens stilisierten – eines fremdartigen, und, bei der Berührung durch unkundige Hände, tödlichen Wissens, das sie solcherart von sich abtrennten und in Gebirge von Stein schlossen, der besseren Haltbarkeit wegen. Denn keine Herrschaft konnte ihnen fortan genügen, keine erschien ihrem erwachten Sicherheitsbedürfnis solide genug. Als man die geheimen, durch viele Jahrhunderte gehüteten Vorratskammern des Wissens schließlich aufbrach und plünderte, fand man die heiligen Schriften randvoll mit Beschwörungen des verborgenen und unzerstörbaren Regiments der Götter, deren Tempel man gerade in Schutt und Asche gelegt hatte – und wandte sich achtlos ab. So kommt das Wissen unter die Leute.

Stadtkulturen errichten ihre Bibliotheken in den lokalen Zentren der Macht, umgeben von Kirchen und Palästen. Diese entflammbaren Horte teilen die Gefährdungen der Städte: Brandstiftung, Plünderung, Verschleppung, das banale Handwerk der Sieger. Die Einäscherung einer Bibliothek: welch erbauliches Spektakel, welch überzeugender Triumph! Mit der Stadt fällt die Kultur. Später treten die Archäologen auf den Plan.

Eine Intellektuellenrepublik, überschwengliches Pendant zur Republik der Gelehrten, dieser angestammten Bewohner der städtischen Bibliotheken, kann es nicht geben. Die Gelehrtenrepublik antwortet auf die Republik der Bürger, in der ihre Glieder Gastrecht genießen. Die Gemeinschaft der Intellektuellen antwortet auf gar nichts. Der Intellektuelle ist der einzelne, der Termitenstaat seine Bleibe. Der Gelehrte wohnt im Schutz der Städte; der Intellektuelle lebt im Gewahrsam des Staates. Den Markt, der ihn unterhält, nimmt er nur mit Verachtung wahr, wenngleich mit gespielter. Der Staat absorbiert seinen Blick, ohne ihn zu erwidern. Doch hat er ein wachsames Auge auf ihn. Die glossierende, kritische, analytische Tätigkeit des Intellektuellen erreicht ihren Höhepunkt, sobald er sein Verhältnis zum Staat bestimmt, zur Macht eben, wie er sich euphemistisch auszudrücken beliebt. Weitergehende Genüsse verschafft ihm der Staat, sofern dieser sich zu ihm ins Verhältnis setzt – in jenes Verhältnis umfassender Fürsorge, das allen Sicherheitsvorkehrungen zugrundeliegt, und auf das beide Seiten so sehr angewiesen sind. Die Intellektuellen und den Staat eint das Bedürfnis, die geistige Produktion zu sichern: die einen perpetuieren sie, der andere nimmt sie in Verwahrung.«

Manchmal, denkt Resch und bohrt in der Nase, genügt ja auch eine entschlossene Frau… Aber er denkt den Gedanken nicht weiter, eine dunkle Macht hindert ihn daran. In ununterbrochener Auslese beugt sich der Staat, spezifiziert in seinen Organen, über die Erzeugnisse eines ihm angeblich fremden Daseins, sortiert, sondert aus, lagert ein. Sein verzugloser Zugriff auf das Produkt schafft den Wirkzusammenhang, dem die Produzenten, Batterien von Legehennen vergleichbar, mit erhöhtem Ausstoß begegnen. Undenkbar der Intellektuelle, der seine Schriften (Resultate, immerhin, seines Nachdenkens) verbrennt; das besorgen andere – oder auch nicht. Der Schutz geistiger Produkte erstreckt sich nicht auf ihre Urheber. Er kann sich jederzeit gegen sie wenden: So sehr übertrifft die Affinität des Staates zum Wissen seine Affinität zu denen, die es hervorbringen. Auffällig kontrastiert die Hinfälligkeit des Denkers die am Ende auch Staaten überdauernde Resistenz der verwahrenden Apparate. Aus den Kellern des Bombenkriegs tauchen die Bestände wieder auf, geschrumpft zwar, aber unverwüstlich. Ist erst die Rechtsnachfolge geklärt, so genügen Unterschriften, und die Apparate springen wieder an.

Das ist doch Schnee von gestern, denkt Resch, ein Bündel Zeitungen schwenkend. Die in Denkspielen näherrückende Vernichtung (»fünfzig Jahre höchstens, dann ist der Zauber vorbei«) wird die Apparate nicht aussparen. Erstmals ein wirksames Mittel gegen Bürokratien, ein egalisierendes obendrein. In dieser Situation ergreifen die Apparate ihre vorletzte Initiative. Sie treffen Maßnahmen über das eigene, bereits kalkulierte Ende hinaus, Vorsorge für das ihnen Anvertraute. Die Planungen sind abgeschlossen, die Installationen verlegt, das Material rollt. Mausoleen der Zivilisation – in aufgelassenen Bergwerken, vergessenen Silberminen bergen blinkende Edelsteintonnen, atombombensicher und strahlengeschützt, Dokumente auf Mikrofilm, Erzeugnisse dieser Welt, sorgfältig abgeschirmt gegen ihren Zugriff, künftigen Welten dargeboten wie die vergeblich gestreckten Finger einer vergessenen Schwurhand; geltungssicher und wartungsfrei. Raumsonden vergleichbar, die ihre Instrumente erst aktivieren, wenn sie das Gravitationsfeld ihres Heimatplaneten hinter sich gelassen haben, blitzende Behältnisse, zu einem Gebrauch bestimmt, der jenseits der Grenzen der menschlichen Zivilisation liegt. Sie tragen im Inneren die vorweggenommenen Zeugnisse einer ausgelöschten Vergangenheit. Das ist neu: bürokratische Eliten planen über das Ende der Geschichte hinaus archäologische Sensationen. Verschärfte Auslese ist die Folge.

Resch fährt sich mit der Zunge über die Lippen.

So ist die Situation. Nischen im kollektiven Untergang. Winzige Fluglöcher des Gedankens ins Unbekannte. Noch diskutiert man die Auslese der Auslese, das unverzichtbare Erbe. (Wer verzichtet? Wer erbt?) Galaktische Wesen mit Glubschaugen und Atemmaske entziffern, aufgeregt wispernd, in schwebenden Forschungsstätten die Fragmente Heraklits oder Stücke Augsburger Mundartdichtung. Oder sie begaffen, zu Trauben gedrängt, Aufnahmen vom Portal des Straßburger Münsters: »Kollegin, könnten Sie mir noch ein wenig von jenem braunen Saft einschenken?« Köstlich! Das Problem aber lautet: Wer ist bereit, für den Bunker zu produzieren?

Resch spielt mit dem Bleistift, während der Kater sein Knie umschmeichelt.

Die Frage, einmal gestellt, ist unabweisbar. Sie geht an die Grundlagen der literarischen Existenz. Das fundamentum certum et inconcussum aller bisherigen Literatur war die Fiktion ihrer Dauer. Schreiben für den Tag: wie verächtlich! Und wie listig gedacht: Nur was dem Tag dient, wird den Tag überdauern. Die Idee des Bunkers ist die Idee der Dauer schlechthin. Sie ist die fortgeschrittenste und radikalste Fassung dieser Idee. Wer sie begreift, weiß, was die Stunde geschlagen hat. Sie löst die Idee der Dauer mit einem Schlag. Sich ihr verweigern heißt, sich dem Wissen verweigern, wie’s geht: eine ganz unliterarische Vorstellung. Da also ist sie, die einfache Alternative, nach der so viele so lange suchten: Entweder man macht Literatur, die zur Vernichtung bestimmt ist, zum Autodafé des guten Willens, oder man nimmt an der Vernichtung Maß und bestimmt sie an ihr neu.

Wärst du bereit, Resch? Und wenn, brächtest du die Fähigkeit mit, über die du notwendig verfügen musst: auszusparen, was bisher als unverzichtbar galt? Fangen wir an. Moral zum Beispiel. Wer auf den Untergang setzt, kommt leicht darin um. Die neue Literatur erfordert einen neuen Typ Literat. Beim Frühstück im Kreis der Familie, beim Plausch unter Freunden, in Parteizirkeln feilschend, drechselnd an seinen Perioden, beim sprichwörtlichen Gang über Leichen – immer steht er bereit, über die Grenze zu wechseln, hat sie gewissermaßen dauernd überschritten. Kannst du das, Resch? Diese hauchdünne Bewusstseinsgrenze, der ein entgrenzter Zynismus entspricht, der Zynismus dessen, der darauf setzt, dass das Unausdenkbare geschehen wird, dass es bereits unaufhaltsam geschieht. – Resch zögert.

Raumfahrer des Geistes, ohne Blick zurück, kein neuer Standort, das Alte einmal mehr zu durchleuchten, vielmehr das Denken im Vakuum probend, das Gewicht der Dinge nur noch ein ferner, wüster Traum, aus dem Kopf geschüttelt morgens vor der Rasur…

Der Post-​Typus: das Gemüt schaudert vor ihm zurück, doch der Verstand ziseliert schon an ihm. Zögern ehrt – warum andererseits die Lücke unausgefüllt lassen? Der Bunker wartet, er wird sich füllen, so oder so. Die ihm angemessene Literatur, sie wird existieren, weil er existiert. Warum also – – ?

5.

Eigentlich sollte Klaus Schwäger die Nachricht, dass der Preis an ihn gehe, aus der Zeitung erfahren: Das war eine der ausgeklügelten Bosheiten, ersonnen, nachdem Magnus Menge am Montagmorgen mit dem Ruf »Ihr seid verrückt!« die Redaktion gestürmt hatte und erst wieder abzog, als eine erste Pressenotiz das – jedenfalls in seiner natürlichen Komponente – gerade noch wahrnehmbare Licht der Welt erblickt hatte. Sie lautete:

»Der ‘Literaten-​Stammtisch’« – perfiderweise wurde die vertraute Institution in Anführungszeichen gesetzt –, »den der hiesige Autor Heiner Klussinski vor drei Jahren gegründet und seitdem zu einem Forum für die heimische Literaturszene entwickelt hat, will erstmals einen Literaturpreis vergeben. Dieser finanziell nicht dotierte Ehrenpreis trägt den Namen des weit über die Grenzen unserer Stadt hinaus bekannten Schriftstellers Magnus Menge, der seinerseits an den Aktivitäten des Literaten-​Stammtisches regelmäßig beteiligt ist.« Es folgten Ort und Zeit der ersten Preisvergabe.

Was immer die etwas dunkle letzte Bemerkung bezwecken sollte – in den nächsten Wochen schwamm Magnus Menge, wie seine Frau voll Ingrimm bemerkte, im Glück. Sie selbst traute allenfalls ihren Ahnungen, und die waren, der Jahreszeit entsprechend, trüb. So kam es, dass sie als erste bei der Morgenlektüre mit aufzüngelnder Empörung auf die Botschaft stieß, der verschwitzte Eunuch, wie sie ihn bei sich selbst nannte, sei zum ersten Preisträger gekürt worden. Äußerlich ruhig, zerriss sie das Blatt in gleichmäßige Streifen und deponierte sie auf dem Örtchen, wo ihr Gatte, wie sie wusste, jeder Art von Geschriebenem eine geradewegs mystische Aufmerksamkeit entgegenbrachte. Gegen elf Uhr warf ein Anruf des inzwischen auf Umwegen alarmierten Klussinski den kommenden Preisträger aus dem Bett und aus der Bahn.

Schwäger wälzte sich aus den Kissen, verließ das höckerige Sofa, auf dem er den geringeren Teil seiner Nächte und den größeren Teil der Vormittage zu verbringen pflegte, und schlurrte zum Telefon. Unterwegs griff er zwischen den Resten der abendlichen Mahlzeit nach einer angebissenen Bockwurst. Sie mit der Rechten in den Mund schiebend, nahm er den Hörer ab. »Ha?« Eine Weile verharrte er reglos, während ameisenhaftes Gewisper ins Zimmer drang. Rein mechanisch erinnerte er sich der Wurst, legte sie beiseite und beförderte das halb zerkaute Stück mit dem freien Zeigefinger aus dem Schlund zurück ans Tageslicht, soweit der zugezogene Vorhang diese Bezeichnung für das gelbliche Halbdunkel im Raum zuließ. »Ha?« Er fuhr sich mit dem Handrücken über den Mund. »Verstehe. Was soll ich tun? Gar nichts? Wie soll ich das… Verstehe.«

Der Tisch auf seinem eingeknickten Korbfuß bot einen verzagten Anblick. Schwäger schlurfte zum Bett, ließ sich fallen, richtete sich halb wieder auf und griff sich mit beiden Händen an die Schläfen. Das Telefon schrillte. Er hastete zurück, stieß einen Stuhl um, trat mit dem Fuß zwischen Lehne und Sitzfläche und verlor über dem Versuch, das tückische Hindernis schlenkernd loszuwerden, das bereits heikel gewordene Gleichgewicht. Im entschiedenen Drang, den Sturz abzufangen, griff er nach dem Tisch, umfasste aufgrund eines nicht mehr umzusteuernden Reflexes das dort offen ausliegende Brotmesser – leider am falschen Ende – und schnitt sich heftig in zwei Finger der rechten Hand. Frisches Blut tropfte in sein Ohr, während er es zutiefst erschrocken den Frage-​Kaskaden der freien Mitarbeiterin am Lokalteil des »Anzeigers« hinhielt, die das andere Ende der Leitung okkupiert hatte und nicht daran dachte, ihn auszulassen. Ob er es sei, Klaus Schwäger? Der Klaus Schwäger? Ob er schon informiert sei? Wie er sich nun fühle? Ob er ihr sagen könne, mit welchem Werk er sich für eine solche Auszeichnung qualifiziert habe?

»Hören Sie…«

»Ah ja.«

»Nein.«

»Wie bitte?«

»Ich weiß es nicht.«

»Sie wissen – nicht?«

»Nein.«

»Haben Sie gerade ein größeres Werk veröffentlicht? Ich meine – in der letzten Zeit?«

»Nein.«

»Haben Sie denn etwas veröffentlicht?«

»Nichts.«

»Schreiben Sie an einem größeren Werk?«

»Ja.«

»Seit wann?«

»Seit ich denken kann.«

»Wird es ein Roman?«

»Das weiß ich nicht.«

»Können Sie mir sagen, was darin passiert?«

»Nein.«

»Ich meine, es passiert doch was?«

»Wenn Sie meinen.«

»Sie wollen sagen, dass – nichts –?«

»Ich weiß es nicht.«

»Sie wissen –?«

Schwäger nahm den Hörer in die andere Hand und begann, seine Wunden zu lecken. Das schmatzende Geräusch überzeugte die im stillen seufzende freie Mitarbeiterin, es sei hohe Zeit, das Thema zu wechseln. Spitz bemerkte sie, schließlich erhalte er einen Preis für standhafte Literatur. Welche Bedeutung das für ihn habe? Schwäger erwiderte, er wisse es nicht.

»Aber Sie kriegen doch den Preis.«

»Man hat es mir gesagt.«

»Schreiben Sie standhaft?« Sie fiepte ein wenig.

»Woher soll ich das wissen?«

»Aber Sie müssen es doch wissen.«

Schwäger schwieg. Er runzelte sogar die Stirn, was seiner Gesprächspartnerin aus verschiedenen Gründen entging. »Hören Sie«, brummte er schließlich, fast unhörbar, »Sie reden mit jemand, der in Unterhosen vor Ihnen steht, ungewaschen, unrasiert und, was schlimmer ist, ungefrühstückt. Dieser Jemand hat sich, bevor Sie ihn aufschreckten, eigenhändig zwei ernsthafte Verletzungen beigebracht und steht jetzt vor der Frage, ob er, wie geplant, verbluten oder doch lieber den Notarzt bestellen soll. Wenn Sie die Wahrheit wissen wollen: Sie haben mir für heute die Lust am Abgang verdorben. Möchten Sie also bitte die Leitung frei machen, damit ich einen Krankenwagen rufen kann… Oder wollen Sie, dass ich Ihretwegen verrecke? Ich denke, dafür kennen wir uns noch zu wenig. Sind wir uns schon mal begegnet? Für diesen Fall möchte ich um Entschuldigung bitten. Obwohl ich sagen muss, dass ich Sie nicht als so grässlich in Erinnerung habe. Es wäre sogar denkbar, dass Sie mir neuen Lebensmut einflößen könnten, falls ich Sie einmal zufällig auf der Straße träfe. Ein harter Schlag! Ich würde ihn vielleicht sogar hinnehmen, wer weiß, aber am Telefon lässt sich das nicht entscheiden. Ich schlage also vor, Sie schicken mir Ihren Artikel, und ich entscheide, ob Sie Ihre Fragen richtig oder falsch beantwortet haben. Werden Sie die Unwahrheit schreiben, so bitte ich Sie schon jetzt, mir eine Spalte für einen erbitterten Leserbrief freizuhalten. Sollte sich das Ganze allerdings zu einer Kampagne gegen mich ausweiten, werde ich keinen Augenblick zögern, gerichtliche Schritte gegen Sie einzuleiten. Wie heißen Sie überhaupt? Können Sie mir Ihre Telefonnummer geben? Privat? Das könnte Ihnen so passen. Verbinden Sie mich mit Ihrem Chef! Das können Sie nicht? Hören Sie, ich stehe hier in Unterhosen und friere mir einen ab…«

Unmittelbar nach ihrer letzten, im Tonfall der Resignation gehaltenen Bemerkung hatte die freie Mitarbeiterin den Hörer auf die Gabel geworfen; Schwäger sprach ins Leere. Es schüttelte ihn. Er zog seinen Slip zurecht und begab sich ins Badezimmer. Er fand, er habe nicht übel Lust, den Spiegel anzuherrschen, doch zog er es vor, die Hand zu verbinden. Der im Spiegel sah schweigend zu. Soll er doch, grummelte Schwäger, die Stirn gefurcht. Zu spät. Er wird es nicht mehr aufhalten können. Wollte er etwa? Ein neugieriger Blick vergewisserte ihm, dass er nichts zu befürchten hatte. Es hatte ihn gefunden. Wie das? Immer hatte er gewusst, dass er über die innere Brandung mit denen da draußen kommunizierte. Nur hatte ihn stets gewundert, dass sie sich so gar nichts anmerken ließen. Übermenschliche Gleichgültigkeit lag in ihren Blicken, ihren Gesten, soweit er zurückdenken konnte. Kartoffel, Kartoffel. Das holprige Leben, blind von Staub. Standhafte Literatur. Sei’s drum. Er hatte durchgehalten. Standhaft? Dummes Zeug. An etwas erinnerte ihn die Floskel. »Ich kann mich auf dich verlassen, Junge?« Soso. Kartoffel, Kartoffel. War am Ende doch auf ihn Verlass gewesen? Nie, nie, nie im Leben wollte er, dass man ihn dafür lobte. Nun, hm, er war auch selten in Gefahr gewesen. Einen wie ihn lobte man nicht. Warum auch? »Guck in den Spiegel«, hatte sein Vater geraunzt. Daran, weiß Gott, hatte er sich redlich gehalten, nicht nur beim Rasieren. Der andere dämpfte. Aber jetzt? »Du bist nicht meiner.« Sollte er es ihm ins Gesicht schreien? Wenigstens ein Mal? Ein wenig exaltiert, könnte man denken. Aber heute…

Dabei fiel ihm ein, dass er die Miete für diesen Monat noch nicht bezahlt hatte. Löchrige Hosentaschen: Gut kannte er sich in ihnen aus. Klimpern und Durchfallen: geht leicht zusammen. Was hatte Bueb gesagt? »Es gibt nichts. Gar nichts.« Dieser Bueb, arroganter Fatzke; die Sorte, die man sich warmhalten musste. »Was wir euch bieten, ist Publicity: Zeitung, Rundfunk, Fernsehen und der Kram.« Die Zähne schlugen gewaltsam aufeinander; er versuchte zu dämpfen, vergeblich. Und der Kram: Er hatte es nicht gewollt. Es gehörte dazu, alles in allem; dem musste man sich stellen. Er räusperte sich. Und schließlich, die Sache: Was, wenn nicht das, war die Sache? Der Autor tritt vor sein Publikum und lässt sich feiern; gut, gut, es ist ja schon seins, er liegt vor ihm ausgebreitet, in seinen Werken ausgebreitet, es taxiert ihn weit genauer als er sich selbst, es kennt ihn durch und durch, stimmt das? Quatsch. Übrigens wäre es mir unangenehm, wenn sie in mich hineinsehen könnten. Er musste das nachprüfen, hier und da streichen eventuell. Er war ja noch lange nicht fertig, gerade jetzt fiel ihm auf, dass es ganz unmöglich sein würde, dieses Buch abzuschließen. Es kam wohl alles ein bisschen früh, im Grunde, andererseits auch zu spät, nachträglich würden die dunklen Stunden davon nicht heller. Und was, wenn nicht sein Leben, wäre es denn, worüber er schrieb? Gestern abend zum Beispiel: Was hatte er da überhaupt geschrieben? Er langte nach dem Stapel Papier, der griffbereit auf dem kleinen Regal neben dem Kettenzug lag: vergilbt von unten herauf, blütenweiß die letzten Blätter. Zuoberst, das letzte Blatt: Striche, Striche – das Ausgestrichene überschrieben und das Darübergeschriebene erneut ausgestrichen, bevor ein großer Querstrich die Seite annulliert hatte wie alle die anderen, an die er sich mühsam erinnerte. Erinnerte? Wirklich? Schwindel erfasste ihn.

Das holte ihn, sozusagen, in die Wirklichkeit zurück. Er betupfte den Stoppelbart mit Rasierwasser und stieß seine Beine in die Jeans hinein, die zusammengesunken neben dem Toiletteneimer lagen. Einige tausend Kilometer entfernt brütete ein junger Astronom in einem klimatisierten Büro über Zahlenreihen auf dem Bildschirm seines Computers, aus denen die irgendwie sinnlose, alsbald um den Erdball gehende Nachricht hervorging, dass es Sterne gab, die offenbar weitaus älter waren als das insgesamt gut berechnete Universum. Schwäger setzte den Tauchsieder in Gang, goss sich eine Tasse Lindenblütentee ein – den Rest Jasmintee von gestern abend hatte er mit angewiderter Miene in den Ausguss geschüttet – und fixierte die Wand über dem Sofa, die er mit Zeitungsausschnitten jeder Größe tapeziert hatte. Deutsch. Kartoffel, Kartoffel. Er musste deutscher werden in dem, was er schrieb. Der Marschtritt der braunen Kolonnen im Auge der Nachgeborenen: Nach uns wird kommen /​Nichts Nennenswertes. Alle wichtigen Autoren, die er von Lesungen in der Stadtbücherei her kannte, hatten über das Entsetzen geschrieben, Deutsche zu sein. (Er legte Wert auf die Vokabel »wichtig«, die ihnen die Aura von Teilnehmern an einer fernen und immerwährenden Konferenz der großen Geister verlieh, auf der auch sein Schicksal täglich verhandelt wurde.) Außer vielleicht die Frauen, sie waren mit anderen Problemen geschlagen. Obwohl… manchmal dachte er, dass auch sie insgeheim davon profitierten, wenn die Männer diese Aufgabe verrichteten. Überhaupt war es nicht ratsam, sich in dem Punkt auf das Urteil der Frauen zu verlassen. Sie verstanden sich blendend darauf, mit geweitetem Blick alle Grausamkeiten dieser Welt »schrecklich« zu finden, um auf der Stelle ungerührt ihre Reisepläne weiter zu erörtern. Mutter, sie ließ sich nie zu mehr herbei als dem Satz, der ihm bis heute die Seele verbrannte, sobald die Rede auf seinen Vater kam: »Er war ein feiner Mensch.« Ein feiner Mensch – er versuchte ein bitteres Lachen. Keine Macht der Welt konnte das Bild der SS-​Uniform aus seiner Phantasie verbannen. Wo hatte er es eigentlich gesehen? Egal. Was hieß schon Realität, wenn ein einziges Foto, schwarzweiß und grob gerastert, imstande war, jede Realität zu zerbrechen und immer wieder sich zwischen und über die bunten Bilder zu schieben, die das Alltagsauge ungefragt einließ. Schwäger kannte Dutzende solcher Fotos, er hatte im Kino erlebt, dass sie laufen konnten wie andere Bilder auch, ohne dass das Räderwerk barst. Das Leben ging weiter, untermischt mit Schwarzweißsequenzen, in denen das Gefühl, Sohn zu sein, Amok lief. Leichenberge: nie gesehen, hundertmal beäugt durch diesen Schleier hindurch, den er sonst nur registrierte, wenn sein betont flüchtiger Blick am Kiosk über Pornoblätter glitt. Täter und Söhne. Es gab Phasen in seinem Leben, in denen er zusammenzuckte, sobald das Wort »Jude« fiel, als handle es sich um etwas uneingestanden Obszönes, eine schlimme antisemitische Entgleisung, die im Ernstfall mit sofortigem Entzug der Ehrenrechte geahndet wurde; er musste seinen ganzen Mut zusammennehmen, um über die Vokabel hinwegzukommen; war er heute frei davon? Wenn er auf Naziparolen stieß – meist in Magazinsendungen des Fernsehens oder in kritischen Blättern, aber auch auf Streifzügen durch die Stadt –, kam es ihm vor, als wüchsen sie aus seinem Unterbewusstsein hervor wie der Erdgeist aus einem zu diesem Zweck eigens umgebauten Souffleurkasten: so hatte er es als Schüler in der einzigen »Faust«-Aufführung seiner Jugend gesehen. Und jedesmal spürte er den Schreck und die Erleichterung darüber, dass sich mit einer winzigen Verzögerung der richtige Text doch wieder einstellte und das Gespenst kraftlos in sich zusammensank. Die Dämonen lauerten.

Er stippte eine Semmel in den Tee und zerriss sie mit seinen gelben Zähnen. Er würde tiefer in das Zwielicht wechselnder und austauschbarer Iche eintauchen als irgendeiner vor ihm. Er würde den Schund und den Schmutz vom Grund seiner Seele heraufholen, so dass er allen in die Augen sprang, und er würde beweisen, dass es aller Schmutz und Schund war. Mutter würde er damit weh tun, aber das ließ sich nach Lage der Dinge ohnehin nicht vermeiden. Sie würde Weh über ihn rufen bis ans Ende ihrer Tage, Ingeborg hatte das klar erkannt.

Ingeborg! Wo steckte sie überhaupt? Gerade jetzt könnte er sie gut gebrauchen. Na gut, vielleicht hatte sie recht. Sicher wird sie es der Zeitung entnehmen, wenn… »Entnehmen«! Wieder so eine gedankenlose Vokabel. Er würde einen makellosen Text präsentieren; fragte sich nur, ob sie es auch merkten. Egal. Entscheidend war der Text. Lag er vor, dann mochten die Dinge ihren Lauf nehmen.

Apropos: Er würde lesen müssen aus gegebenem Anlass. Dass ihm das jetzt erst einfiel! Das war gründlich zu überlegen. Ach was. Vortragen würde er, frei konzentriert würden die Perioden seinem Mund entströmen, die sich ihm am Schreibtisch beharrlich entzogen, in großen Bögen, Hypotaxen, Parataxen, Ana-​, Ana-​, ach was, endlich würde es an die Oberfläche treten, unaufhaltsam, unverbesserlich, unnachahmlich, un-​… Ob er nicht ein wenig üben sollte?

Er legte die Semmel weg, öffnete die knarrende Schranktür, holte die einzige Krawatte, die er besaß, von der Stange, schlang sie sich, zum Spiegel gewandt, um den Hals und ließ sie auf die nackte Brust niederbaumeln. Dem Spiegel entgegenschreitend, intonierte er: »Ich… ich… ich… als…, natürlich… weswegen auch…, das Ganze, o ja… damals… seither… ich… ich.« Er hob die Rasierklinge, warf den Kopf in den Nacken, trennte mit einem Ruck die rechte Augenbraue von dem darunterliegenden Gewebe und riss sie empor. Dann fiel er um.

6.

Resch schreibt.

»Da gieng alles fleisch vnter /​das auff Erden kreucht /​an Vogeln /​an Vieh /​an Thieren /​und an allem das sich reget auff Erden /​vnd an allen Menschen /​Alles was einen lebendigen Odem hatte im Trocken /​das starb. Also ward vertilget alles was auff dem Erdboden war /​vom Menschen an bis auff das Vieh /​vnd auff das Gewürm /​vnd auff die Vogel vnter dem Himel /​das ward alles von der Erden vertilget /​Allein Noah bleib vber /​vnd was mit jm in dem Kasten war. Vnd das Gewesser stund auff Erden hundert vnd funffzig tage.«

Die große Flut: So wird es nicht sein, so nicht. Statt dessen gilt es, sich auf die Vorstellung riesiger Ascheschwaden einzurichten, welche die nördliche Hemisphäre in fahle Dämmerung hüllen werden, durchlodert von nicht enden wollenden Bränden unberechenbaren Ausmaßes – Primavistaresultate der großen Ekstase, des dann vollendeten Werks. Zu Beginn wird es schnell gehen, mit jener schlagenden Plötzlichkeit, mit der Katastrophen bisher nur über kleinere Gemeinschaften hereinbrachen. Die trügerische Vision einer im Untergang geeinten Menschheit wird den einzelnen mit sich allein zurücklassen, wenn sie ihn zurücklässt, wofür, im Einzelfall, wenig spricht.

Die rationale Dignität des Geschehens verbietet ein Denken in mythischen Analogien. Die Selbstauslöschung der Menschheit wird den Charakter einer subtilen Konklusion haben. Seit langem sammelt sich der überlegene Sachverstand der Menschheit in diesem überwölbenden Projekt. Jeder scheinbare Rückschritt, jede Diffusion von Kompetenz, die der Zusammenbruch eines Mitspielers heraufbeschwört, stärkt die Potentiale, indem sie sie breiter fundiert.

Weit gefehlt, das Projekt als den Zielpunkt allein der technischen Intelligenz und der ihr innewohnenden Dynamik begreifen zu wollen. Vielmehr ist die humane Intelligenz in all ihren Äußerungsformen dazu aufgerufen, die Weichen zu stellen – und hat es insgeheim längst getan. Die Politik zeigt nur den Stand der Dinge. Noch ist kein Zug endgültig, die Partie vielleicht die letzte, vielleicht auch nicht, doch jeder Zug trägt das Ende in sich. Noch bevölkern Bauern das Schachbrett. Aber das Duell der Könige ist im Gang. Man hat Zeit, beliebig viel Zeit. Die Dinge werden sichtbar; das Publikum kehrt auf seine Plätze zurück. Es ist die Stunde wissenschaftlicher Prognosen. Aus der Sicht der Historiker dürfen die Ursachen des globalen Exitus als weitgehend geklärt gelten. Weitere Aufschlüsse wären erst aus dem Studium der Geheimakten zu erwarten; man vertraut seinen Nachfolgern. Mögliche Varianten werden von öffentlichkeitssüchtigen Experten und einer zunehmend an Details Geschmack findenden Öffentlichkeit in Szenarien durchgespielt.

Schwärme naturwissenschaftlicher Experten klären die biologisch-​physikalischen Abläufe. Gesonderte Beachtung verdienen die langfristigen Prozesse. Hier dominieren die Unbekannten, hier wird gearbeitet. Erste Resultate sind greifbar. Sie lauten nicht günstig für jene, die sich aufs Zuschauen aus der Ferne einzurichten gedenken. Logenplätze sind nicht zu haben. Alle werden sich im Parterre drängen, wenn der Vorhang aufgeht. Die Handlung wird bestens vertraut sein, ehe das Stück beginnt. Niemand wird sie unglaublich finden: Niemandes Glaube ist hier gefragt.

Das besterforschte Ereignis der Menschheitsgeschichte – nur wann es ausbrechen wird, darüber schweigen sich seriöse Prognosen aus. Termine werden nicht genannt, sie werden geraunt. Unterstaatssekretäre und bierdumpfe Lokalauguren, sie »denken« dasselbe: beeindruckende Kulisse. Seriöse Forschung weissagt nicht, sie formuliert Hypothesen, diskutiert Beispiele, am besten nicht zu weit in der Zukunft gelegen, um die Zahl der Unbekannten geringer zu halten, nicht zu nah, der längeren Aktualität der Publikationen wegen.

Allmählich erhält man den Überblick: Was geschähe, wenn heute…

Doch erhält man ihn wirklich? Die Prognosen über künftige Zustände des Planeten mögen zuverlässig sein oder nicht – sicher dürfte sein, dass die Zuverlässigkeit steigt –, sie konzentrieren sich aufs Elementare, auf Wasser, Luft, Landbau, sie sparen aus: die Frage nämlich, wie das Denken die große Ekstase überstehen wird. Wie wird man denken können nach der Vernichtung? Wie mag es in den Köpfen derer aussehen, die sich daranmachen werden, die verseuchten Böden aufs neue zu ritzen und mutierte Heuschrecken zu verspeisen – falls es sie geben wird? Steinzeitkulturen, wie Fernsehserien es suggerieren? Ein zweiter Anlauf der Menschheit?

In diesem Punkt bleiben die bisherigen Ansätze naiv. Skeptisch – oder, was dasselbe ist, verhalten optimistisch – setzen sie als fraglos voraus, dass man wieder wird anfangen müssen, auf niedrigerem Niveau, versteht sich, aber entwicklungsfähig, wie gehabt. Immer nur ist die Frage, ob man zur Verfügung stehen wird, ob der Entwicklungskeim »man« durchkommen wird, ob er noch einmal davonkommen wird. Schließlich sind wir schon einmal davongekommen: Wir können es schaffen.

Unzweifelhaft enthält die Frage, so gestellt, einen Anachronismus, einen Restbestand antiker Vogelschau, einen naturwissenschaftlichen Aberglauben. Nirgends zeigt sich die geschlossene Abdankung des Intellekts deutlicher als darin, dass er den einen Gedanken nicht vollzieht, den nur er vollziehen könnte: Soll das Denken überstehen (so lautet er), so hat es rechtzeitig die Optionen zu entwerfen, die ihm nach der großen Ekstase zur Verfügung stehen werden, gleichgültig darum, in welchen Gehirnen es sich dann vollziehen mag. Dies ist der geheime Dreh– und Angelpunkt allen antizipatorischen Denkens, der dunkle Kern aller fähnchenschwingenden Utopie. Die Intellektuellen, Geburtshelfer einer mündig gewordenen Kultur, die seit langem über ihrem Abgang brütet, weigern sich, ihn zu fixieren. Das lässt sie unernst, zurückgeblieben, ja kindlich erscheinen: An der Erarbeitung der Zukunft – einst ihre Domäne – sind sie allenfalls noch parasitär beteiligt. Man lebt auf Verdacht; das hält ihn frisch.

Der Postintellektualismus ist nicht mehr und nicht weniger als die unter den gegebenen Bedingungen neu zu gewinnende Produktivität des Geistes. In ihm erwacht das Denken zu seinen letzten Möglichkeiten. Er schließt die Lücke im Spektrum der aufs Ende drängenden Leistungen: nicht aus Übermut, sondern aus Klarsicht. Bedrängt man ihn, seine Optionen preiszugeben, so antwortet er hinhaltend. Ihn ihm bequemt sich der Geist zu einer Arbeit, die ihn zu neuartig dünkt, um sie nicht mit großer Gelassenheit anzugehen. Er ist kein Programm, sondern ein Projekt – und keineswegs aus der Rückschau. Also müssen Pläne skizziert, Mittel überschlagen und Geldgeber interessiert werden. Wie immer in derlei Fällen zeigt es sich, dass einzelne vorangegangen sind, ohne voneinander zu wissen. Das Projekt holt sie ein. Es ist eines der großen Unternehmen der Menschheit: die Vorwegnahme des unerreichbaren Kommenden. Mit der definitiven Vorwegnahme des Danach schließt sich die Zukunft, die Prometheuswunde der Gegenwart.«

Wildes Hupen. Resch geht ans Fenster, fixiert die Gardine, schüttelt den Kopf, kehrt um.

»Der Postintellektuelle hat die letzten Dinge hinter sich; er widmet sich dem Danach. Die Lage, in die ihn das bringt, ist paradox. Denn anders als den Natur– und den ihnen angeschlossenen Gesellschaftswissenschaften ist es ihm verwehrt, sich seinen Gegenständen empirisch zu nähern. Spürt er ein leises Bedauern? Das Denken nach der großen Ekstase kann nicht anders als denkend erschlossen, es muss vollzogen werden, jetzt und hier. Nichts weiter kommt in Betracht. Die Schwierigkeit liegt darin, dass auch dieses Unterfangen dem Davor untrennbar verbunden bleibt, als Bestandteil seiner Kultur und eine der Leistungen, die auf ihr Telos – ihren Abgang – gemünzt sind. Der gelingende Postintellektualismus hat den Untergang, der ihm vor Augen steht, schon passiert: ein Außenposten des Denkens inmitten doppelter Vernichtung, die den Blick aufs jeweils andere Ufer stetig verhüllt. Die Umstände, die das Davor macht, betreffen ihn nicht mehr, die des Danach noch nicht. Also erprobt er das umstandslose Denken, eines, das keiner Umstände bedarf, um sich an ihnen zu formen, weil es auf den einen Umstand setzt, der alle anderen hypothetisch begrenzt. Darin gründet die eigentümliche Selbstgenügsamkeit dieses Denkens, seine Resistenz gegenüber den Gegebenheiten. Mit ihnen befasst es sich nur, soweit die Finalität des Geschehens ihnen unübersehbar den Stempel aufdrückt. Nicht, als bedürfte es noch der Indizien – es weiß genug, um seine Sicherheit aus sich selbst zu ziehen. Es demonstriert an ihnen die Nähe des Blicks, der durch alles ungewandelt hindurchgeht.

Eines jedenfalls ist es gewiss nicht. Es ist keine Anwendung des archäologischen Blicks auf die Gegenwart. Die Vorstellung, es komme darauf an, das gegenwärtige Denken zu konservieren, es gleichsam gegen die klimatischen Unbilden des großen Übergangs einzupökeln, greift entschieden zu kurz. In der Archäologie restauriert die gegenwärtige Welt ihre rückwärtigen Verbindungen. Archäologie ist Aufklärung, zurückgekrümmt auf die eigenen Ursprünge. Das geht vorbei. Kaum erklimmt man einen etwas erhöhten Standort, sogleich enthüllen sich alle Sprünge und Sickerzonen verstreuter Geschehen als harmlose topographische Marken innerhalb einer sich fortwälzenden Geschichte. Das erste Auftauchen des Menschen, seine Wanderungen, seine Spezialisierungen, sein Zusichkommen – Einblicke solcher Art sind dem postintellektuellen Denken verwehrt. Die Grenze, hinter die es sich begibt oder hinter der, je nach Sichtweise, es hervorkommt, ist absolut. Weder Fortgang noch Neubeginn. Zwar bleibt ein höherer Standort immer denkbar, doch ohne Horizontgewinn. Gewiss, das kosmische Gleichgewicht wird durch keine Abgänge beeinträchtigt werden, doch das besagt entschieden zu wenig.

Der Postintellektuelle beginnt mit einfachen Fragen. Sie betreffen unscheinbare Dinge am Rand der fortgeschrittenen Prognostik. Da die Fortschritte stetig sind, wechseln die Fragen, wechseln die Antworten. Vergessene, aber wirksame Vorentscheidungen sind ihm am liebsten. An ihnen entwickelt er seine Fähigkeiten. So an dem Satz, das Denken bedürfe stets der Umstände, um sich zu entfalten, es sei die Entfaltung der Umstände, in denen sich das Leben der Gattung zur Schau stellt. Es liegt auf der Hand, was das bedeutet. Ihm entspringt die Maxime aller bisherigen Prognostik, die Erforschung des Danach sei identisch mit der Suche nach Möglichkeiten der Gattung zu überleben. Noch jede Expedition in die ganz andere Zukunft betreibt diese Suche mit einem nicht enden wollenden Eifer, und jede kehrt von ihr resignierter zurück als die vorige.

Die Tendenz straft die Absicht Lügen. Von Mal zu Mal, von Modell zu Modell entschleiert sich das simulierte Geschehen dem lüsternen Blick als jeweils umfassendere Reduktion aller Umstände, in denen sich das Leben hält und bespiegelt. Genug besichtigt: Ziehen wir den Schluss auf die nackten Tatsachen. Das Denkmögliche als das Menschenmögliche? Welche Erleichterung, hier und da Höhlenmenschliches über künftige Urlandschaften verteilen zu dürfen.

Das Denkmögliche als das Menschenmögliche: Soll heißen, je reduzierter das Leben, desto reduzierter das Denken, desto entschiedener die Rückkehr ins Vorsintflutliche, in Vorwelt und Kindheit. Aber wie innig ist die Verbindung zwischen dem Denken und den Umständen wirklich? Welcher Art ist sie? Eines steht fest: Wo die Umstände schwinden, in denen sich das Leben bereitet, wächst, als Denkmöglichkeit, das umstandslose Denken. Seinen Operationen liegt idealiter das Erlöschen der Gattung voraus, es ist ein Denken, das auf Distanz geht, auf Distanz zur Gattung, ein Denken, das ausspart.

Im Postintellektualismus lernt eine aufs Äußerste konzentrierte Menschheit, sich vor sich selbst wegzulassen. Man soll nicht annehmen, dass eine solche Denkweise überhandnimmt, solange Hoffnung besteht, dieses Gefühlsäquivalent einer noch unerschlossenen Zukunft. Erst wenn die Zukunft vollständig erschlossen ist, wird das große Geschehen seinen Lauf nehmen. Warum also vorgreifen? Doch wer, den Ausgang des Geschehens im Blick, seine Reserven mobilisiert wie der Stier in der Arena, wägt seinen Einsatz nicht mehr. Er braucht sich auf.«

7.

Die Vorbereitungen nahmen ihren Lauf.

Frau N., frisch von einer Freundin zurückgekehrt, biss sich auf die Lippen – nur sanft, so eben spürbar, aber deutlich genug, um es für lange Zeit ins Gedächtnis einzuritzen –, als sie in der Zeitung die Nachricht von der Entscheidung fand, welche die Jury in ihrer Abwesenheit gefällt hatte. Sie konnte sich nicht daran erinnern, zu einer Sitzung des Gremiums eingeladen worden zu sein, dem sie, immerhin, angehörte. Allerdings hatte sie auch ihrerseits keine Initiative ergriffen, doch das konnte schließlich niemand von ihr erwarten. Seltsam genug, dass man überhaupt auf sie zugekommen war, obwohl die Tatsache sie noch immer mit Genugtuung erfüllte. Es zeigte, für jedermann sichtbar, dass sie zählte. Zwar hätte sie dem Gedanken, es könne anders sein, keinerlei Zutritt zu ihrem Wohnzimmer– und Praxisbewusstsein gestattet, doch natürlich war ihr klar, dass er im Keller und auch – warum sollte sie es leugnen – gelegentlich im Schlafzimmer auf verschwiegene Zusammenkünfte wartete. Sollte er doch. Sie sortierte ein Büschel Veilchen in eine Vase und stellte sie auf die Fensterbank; dabei fiel ihr ein, dass Frank – sie nannte ihn im stillen noch immer so, obwohl sie es unpassend fand – vergessen hatte, die Zeitung abzubestellen; ein ganzer Stapel hatte vor der Tür gelegen und wartete darauf, entsorgt zu werden. Nach fünf Monaten Trennung sollte sie dies Detail ihrer Anwältin mitteilen, mochte die damit anstellen, was sie wollte. Apropos Detail: Die Wohnung in der Perrudiastraße sagte ihr doch, alles in allem, mehr zu als die Vorstellung, die nächsten, aller Aussicht nach turbulent werdenden Jahre im Verein mit Elisabeth zuzubringen. Sie würde es ihr schonend beibringen müssen. Ihr innerer Sinn sagte ihr bereits jetzt, dass es nicht ohne Verletzung abgehen werde, aber hier wartete, sonderbar, sich dies jetzt einzugestehen, eine Aufgabe. Eine kleine Aufgabe, sicher, aber genau das Richtige jetzt – vielleicht, wer wusste das schon im voraus – und wichtig genug, um in ihr auszuhalten. Ein Zufall, gewiss, doch sicher nicht nur Zufall; schließlich hatte sie schon während des Studiums, des viel zu kurzen, geschrieben; warum war es ihr nur während all der Jahre nie in den Sinn gekommen? Jetzt, wo sie dabei war, sich zu häuten, sollte sie so rasch wie möglich das alte Tagebuch wieder hervorholen, das sie über die Zeiten gerettet und in das, in gewisser Weise, sie sich gerettet hatte, bevor die Turbulenzen der Aufbaujahre und des mütterlichen Daseins sie gewissermaßen okkupiert hatten. In mancher Hinsicht kam sie gerade erst zu sich, mit dem Wissen und den Einsichten der gereiften Frau, als die sie sich nachgerade fühlen durfte. Das war dieses Stück Ruhe im Trennungs-​, im Seelenfieber der letzten Monate, erst kaum, dann immer deutlicher kenntlich – eine Ruhe, die ihr signalisierte, dass das, was hier zugrunde ging, das bunte, bemalte, den Blicken der Nachbarn, der Freunde, der Familie hingehaltene Leben, von ihrem wirklichen, dunklen, unentfalteten Leben abglitt wie ein Kleid, das sie in den Schrank hängen und von Zeit zu Zeit wieder hervorholen und mustern, aber nie mehr anziehen würde. Und wenn sie ganz ehrlich mit sich war: Hatte sie es nicht immer gewusst? Die Trennung, die unweigerlich in die Scheidung münden würde – obgleich sie augenblicklich keinen Grund sah, das zu forcieren –, machte sie erst komplett. Etwas hatte gefehlt, das ihr kein Liebhaber hätte geben können; die ganze komplizierte Region ihres Inneren, die jetzt an den Tag getreten war, wäre ihr verschlossen geblieben, obgleich die Welt voller Zeichen war, dass sie existierte. So also fühlte sich das an: Scheidung. Sie war beruhigt, es zu wissen. Unter Schmerzen, gewiss, aber das ließ sich nun einmal nicht vermeiden und war ganz in Ordnung, obwohl es deshalb nicht weniger schmerzte.

Schreiben würde sie also; blitzartig war ihr der Gedanke ins Gehirn getreten, als sie beim Aufräumen das Kinderzimmers zwischen Schreibtisch und Wand auf einen verschollenen Brief gestoßen war, von Katia, der Jüngsten, wohl schon vor Jahren angefangen und nie vollendet. Diesen Brief hatte sie in Gedanken wieder und wieder gelesen, als sie – zufällig, absichtslos, wenn man so wollte – vor einigen Wochen das erste Mal in die Poetenrunde geraten war, die sich jeden Samstag im Café Zundel versammelte, und dort dem unbeholfenen Vortrag des jungen Mannes folgte, der in diesem Kreis mehr oder weniger als die Verbindung zur auswärtigen und exotischen Welt der Lektoren und Kritiker betrachtet wurde, weil er vor kurzem mit einem Nachwuchspreis bedacht worden war. Gegenüber diesem, mit Verlaub gesagt, Gestammel war ihr Katias Brief an einen Unbekannten vollkommen klar und – sie zögerte ein wenig, das Wort zu formen – brillant erschienen; zugleich hatte sie gespürt, dass er von ihr selbst hätte stammen können, dass er Blut von ihrem Blut war; und dieser Gedanke hatte sie in Wallung versetzt, so dass sie sogar einmal an einer falschen Stelle applaudierte. Ein auffälliger Magnetismus hatte an diesem Tag dafür gesorgt, dass der Autorenkreis – ein reiner Herrenclub, wie sie mit einem Anflug von Missmut feststellte, und weiß Gott keine Siegertypen – sie vom ersten Augenblick an akzeptierte, so, als habe sie schon lange dazugehört und mit ihrem Auftauchen allzu lange gezögert. Das schmeichelte ihr, wie sie sich gern eingestand, und nahm sie für die Runde ein, auch wenn sie instinktiv diesen Scheppermann für ein eher schmieriges Subjekt hielt. Gegenüber dem designierten Preisträger würde sie ebenfalls Reserve wahren: Wenn Literatur mit Kunst und Kunst mit Schönheit in einem direkten Zusammenhang stand – woran zu zweifeln sie nicht die Absicht besaß –, dann sollte man erwarten, dass sich etwas davon im Äußeren dieser Leute wiederfand. Wo das so offenkundig nicht der Fall war, nahm sie sich das Recht heraus, an einen verborgenen Defekt zu glauben. Im übrigen würde sie ihren Verdacht nicht laut werden lassen. Im Gegenteil: Sie würde ihr kräftiges Teil dazu beitragen, dass die Preisverleihung zu einem gesellschaftlichen Ereignis würde.

Sie seufzte, und in das Seufzen hinein musste sie über die beiden Figuren lächeln, die da zu nachtschlafender Zeit – gegen zwei Uhr morgens, um genau zu sein – vor ihrer Haustür aufgekreuzt waren: Bueb, so hieß der eine (den Namen des anderen konnte sie sich einfach nicht merken, obwohl – oder weil – er so knapp daherkam, während sein Träger eher durch ein Zögern auf sich aufmerksam machte). Eigentlich war sie innerlich auf dem Sprung, die Polizei zu rufen, auch dann noch, als sie die beiden einließ, und es schien ihr keineswegs klar, ob die offenkundige Nüchternheit ihrer späten Besucher, von einer schwachen Weinfahne abgesehen, eher als beruhigendes oder als alarmierendes Detail gelten konnte. Andererseits leitete sie ein tiefsitzendes Gespür für die Harmlosigkeit der Situation, die sie rasch auszukosten beschloss; schließlich war sie ungewöhnlich genug, um jenes Prickeln hervorzurufen, mit dem der Eintritt der Literatur ins Leben sich gemeinhin ankündigt. Zwar konnte sie sich an keine Einzelheiten der nächtlichen Konversation erinnern, wenn sie die Mitteilung, dass man sie als Jurymitglied ins Auge gefasst hatte, einmal wegließ, aber das war nicht das Wesentliche; wesentlich war, dass sie stattfand. Das Leben hatte ihr in diesen Wochen so oft die kalte Schulter gezeigt; dieses Mal bewies es, dass es auch anders konnte, und begann, sich eine Spur Vertrauen zurückzuerobern. Ein richtiger Causeur, dieser Bueb, leider zu sarkastisch, um im wirklichen Leben in Betracht zu kommen. Weicher schien der andere zu sein, dafür völlig eingesponnen in seine Paradoxien, denen sie nur begrenzt zu folgen vermochte – ein schwieriger Typ, wenngleich das Herz ihr verriet, dass sich dahinter ein schlichter Charakter verbarg, ein verletztes Wesen, ein wenig wie sie selbst. Allerdings empfand sie sich selbst nicht als schlicht, dies ganz und gar nicht. Das ging schon daraus hervor, dass sie seit jeher diese Vorliebe für paradoxe Menschen bei sich bemerkt hatte. Es widersprach dem nicht, dass Frank so gar nichts davon besaß. Erstens lag in diesem Fall fast alles anders, und zweitens war ihr das Leben an seiner Seite, wie es so schön hieß, von Anfang an ein wenig absurd vorgekommen, und diese Wahrnehmung hatte sich durchgehalten, auch wenn der Anprall des Haushalts sie oft genug überdeckte. Wenn sie es recht bedachte, fand sich hier vermutlich der tiefere Grund ihrer Vorliebe für Opernsänger in all den Jahren, bis auf den Grund ihres Wesens absurde Menschen, rührend anzusehen: Krustentiere allesamt, Langusten, Austern…

Frank, das hatte ihr an ihm gefallen und gefiel ihr noch heute, wenngleich sie es fürchten gelernt hatte – seine Dominanz ganz ohne Arien und Rezitative, seine gerade, gelegentlich dröhnende Erscheinung, die Art, wie er allem, was ihm begegnete, sofort und unnachgiebig auf den Grund ging, zum Schrecken aller unklaren und prätentiösen Mitmenschen. Ihn hätte sie allerdings nicht zu ihren neuen Freunden mitnehmen dürfen, ein Fiasko hätte das gegeben, und vielleicht war es gut so, dass die Frage nicht mehr an sie herantrat. Hier existierte eine Welt, die ihm immer verschlossen bleiben würde. Hier war sie sicher vor den Nachstellungen seiner Kraft, die sich, wie sie bemerkte, allmählich, Stück für Stück, von ihr zurückzog, hier konnte sie ein– und ausgehen, wie sie wollte – denn dass sie nur zeit– und besuchsweise verweilen würde, schien ihr ausgemacht –, hier fand sie die Freiheit der Tiefe, so wie sie an seiner Seite die Befriedigung der Klarheit genossen hatte. Hatte sie sich damals des Argwohns nicht ganz enthalten können, ihr lieber Frank könne auf dem Grunde seines Wesens ein wenig platt geraten sein, so regte sich angesichts ihrer jetzigen Freunde der unbestimmte Verdacht, ein Hauch von Dummheit wehe sie da und dort an – ein Hauch nur, aber in solchen Kreisen? Jedenfalls staunte sie über ihre völlige Sicherheit im Umgang mit diesen ringenden und dem Leiden verbrüderten Seelen, die sie keinen Moment einschüchtern oder in Verlegenheit zu setzen vermochten. Es schien ihr, als sei sie gekommen, um mit sachte ordnender Hand den einen oder anderen von ihnen zurechtzurücken, als müsse sie ihnen allen von Zeit zu Zeit die Nase putzen und auf den richtigen Sitz ihrer Krawatte achten, soweit sie Derartiges trugen. Die Regung, das bedachte sie wohl, musste sie gründlich verbergen, solange sie Wert darauf legte, bei ihnen als ihresgleichen zu gelten. Darin bestand das Spiel.

Der weiche Gong ließ sie auffahren. Sie trat von der Blumenbank zurück, legte die Handschuhe beiseite, fuhr sich ordnend durchs Haar und schloss, nach einem prüfenden Blick durch den Spion, die Tür auf. Vor ihr standen Bueb und Resch, der eine mit einem Strauß Narzissen, der andere mit einem Gedichtband bewaffnet, und beide sagten, ungefähr gleichzeitig, so dass es klang, als läute man eine geborstene Glocke: »Wir brauchen Sie.« Sie spürte den leisen Stich und nickte.

8.

Resch dachte in diesen Tagen mehrfach an Frau N., meist mit einem Anflug von schlechtem Gewissen. Die nächtlichen Stunden, die er mit Bueb zusammen in ihren Sesseln verquasselt hatte, dünkten ihm sinnlos vertan. Auch störte es seine Selbstliebe, sich eingestehen zu müssen, dass sie mit ihr ein Spiel getrieben hatten, dessen Regeln ihm erst im nachhinein dämmerten. Bueb, den er darauf ansprach, sah die Sache anders.

»Du hast ihr Ego gestärkt. Wo liegt der Fehler?«

»Im Drehbuch. Wir waren dort, um dort gewesen zu sein.«

»Das hat sie nicht weniger heiß gemacht.«

Bueb suchte Magnus Menge heim, der gebückt am Schreibtisch saß und Kreuzworträtsel löste. Frau Menge trug Gebäck und Kognak ins Wohnzimmer und zog sich, soweit ihr das gegeben war, diskret zurück. Menge kramte in einem Stapel Zeitungsausschnitte; der Preis warf seine Schatten voraus. Buebs Blick glitt prüfend über die Kakteenarmee, die sich entschlossen zum Angriff auf den Eindringling zu formieren schien, streifte flüchtig das in Kunststoff gerahmte Hochzeitsfoto der Tochter neben der Tür und haftete auf dem Häufchen, das die blankgefegte Palisanderfläche des Schreibtisches lose unterbrach. »Eine ganze Menge, was?«

»Einundzwanzig Meldungen, davon neun mit Bild.«

»Deinem?«

»Schön wär’s. Ein Adonis ist unser Preisträger ja nicht.«

»Aber er ist jung. Das gefällt den Redaktionen.«

»Ach hör auf. Da habt ihr mir was Schönes eingebrockt. Jetzt muss ich die Suppe auslöffeln.«

»Du kannst es auch lassen. Ein Wort von dir, und die Sache ist abgeblasen.«

Menge schnaubte verächtlich.

»Dir trau’ ich ja viel zu, aber das ginge doch zu weit. Wer A sagt…«

»… muss nicht auch B sagen. Warum denn? Gibt’s dafür einen Grund? Komm, sag’s mir.«

Menge wand sich. »Es würde unserem Preisträger das Genick brechen.«

»Na und? Was wäre daran so schlimm?«

Ein ums andere Mal ließ sich Menge von den Aussprüchen Buebs frappieren. Er lächelte ihm zu, als stünden sie auf dem Pausenhof und der andere habe einen Witz gerissen, den sie beide nicht ganz begriffen. Ächzend erhob er sich. »Ich nehme an, du willst mich abholen?«

Menge, wenn man seiner in langer Schulpraxis erworbenen Sprechweise Glauben schenken wollte, »nahm« eine Menge »an«, wie Bueb mit einem Lächeln registrierte; diesmal zu Unrecht.

»Ich dich abholen? Nein. Wozu? Ich meine, wohin?«

»Zum Stammtisch, du ruheloses Wesen. Schließlich haben wir jetzt eine Aufgabe.«

»Ich nicht. Aber ich bring’ dich gern hin.«

Menge verbeugte sich. »Ich bitte darum.«

»Dann komm.«

Die Leere am Literaten-​Stammtisch wurde durch den Anblick Klussinskis und Schwägers gesteigert, die im hinteren Winkel einander zugewandt saßen und kurz das Auge hoben. Schwäger hatte gezuckt, als er, pünktlich wie selten den Vorhang zum Nebenraum durchstoßend, die Lage überblickte. Doch das Gespräch mit Klussinski, nach einigem Zögern in Gang gekommen, verlief respektierlich. Immerhin besaß Klussinski, was er selbst vage vermisste – Erfahrung. Seit der Preisverleihung hatte man ihn öfters zu Lesungen eingeladen und ihm die üblichen Honorare – bescheiden, bescheiden – zugesteckt. Am aufregendsten aber hatte sich eine Reise nach Ostberlin gestaltet, wo rasch erworbene Freunde am Prenzlauer Berg ihn von Kränzchen zu Kränzchen weitergereicht hatten; auch eine junge Frau hatte dabei eine Rolle gespielt – eine eher fatale Rolle, wie sich nachträglich herausstellen sollte. Nie zuvor in seinem Leben hatte er sich so verstanden gefühlt: Er sagte es mit bebender Stimme und innerlich verschränkt; Schwäger mochte nicht weiter in ihn dringen. Als Bueb und Menge in die Stille einbrachen – Bueb hatte sich entschlossen, »auf einen Sprung« mit hereinzukommen –, fanden sie beide in die Betrachtung einer Fotografie versunken; bevor Bueb zugreifen konnte, steckte Klussinski sie in die Brieftasche zurück.

»Junger Freund, wie hat man denn Sie malträtiert?« Menge tastete mit der Hand nach der Stirn, dorthin, wo ein frischer Verband Schwägers Haupt eine persönliche Note verlieh.

»Selbstverstümmelung« beschied Bueb. »Es kömmt darauf an, über den Menschen hinaus zu gelangen.«

Menge wurde gravitätisch: »Der erste, der gesagt hat, der Mensch ist etwas, das überwunden werden muss, war ein Idiot, der zweite ein Verbrecher« –

»– der dritte ein Genie«, ergänzte Bueb ungerührt. »Glückwunsch, Herr Designatus!«

»Meine Freunde«, hob Menge an, die Stimme warm und väterlich, »meine lieben Freunde…« Er zählte das Kleingeld im Portemonnaie und legte es auf den Tisch. »Ich weiß nicht, warum, aber mir ist so wehmütig ums Herz, dass ich unschlüssig bin, ob ich euch damit behelligen soll…«

»Heraus mit der Sprache!« Bueb klopfte mit einem Zigarettenende auf den Tisch. »Was ist geschehen?«

»Wenn ich das wüsste. Ich kann doch nur mutmaßen.«

»Was ist los? Bist du Großvater geworden?«

»Ich bin Großvater, um dir das einmal ins Gedächtnis zu rufen. Nein, das ist es nicht. Es gibt Dinge im Leben…« Er nahm der Bedienung die Tasse dampfenden Kaffees aus der Hand und führte sie an die Lippen.

»Steht eine Beerdigung ins Haus? Müssen wir eine Kollekte durchführen? Jemanden im Krankenhaus besuchen? Wer ist es? Heraus mit der Sprache!« Buebs Blick ruhte auf dem Schürzenbund der Bedienung, die durch den Vorhang entschwand.

»Junger Freund, du bist so rasch… zu rasch manchmal. Aber im Leben gehen die Dinge…«

»Vielleicht hat er im Lotto gewonnen.« Unter dem abschätzigen Blick des Alten kauerte sich der Preisträger in spe zusammen und rührte in seinem Pfefferminztee.

Bueb gähnte. »Na, dann eben nicht. Wer hat heute morgen die Zeitung gelesen? SPD-​NRW zweiundvierzig Prozent, Grüne satt. Die FDP fliegt nächstes Mal aus dem Bundestag, da halte ich jede Wette.«

Niemand mochte ihm folgen. Klussinski, der mit glasigem Blick sein Nichtanwesendsein demonstriert hatte, erwachte und stürzte sich augenblicklich in ein Gelächter, das klang, als schnaube er ein fernes, augenblicklich aber nicht verfügbares Publikum an. »Ich weiß, was er hat.«

»Nur zu.« Bueb wendete die soeben entzündete Zigarette.

Menge schien aus allen Wolken zu fallen. »Nein, nein! Kein Wort davon. Nur das nicht. Du liegst ganz falsch. Mein Gott, wo bin ich nur hingeraten?« Erregt faltete er die Hände; der zu kurz geratene rechte Ringfinger stach isoliert in die Luft. »Ich möchte, hörst du, ich möchte nicht, dass jemand davon erfährt. Darf man etwa keine Geheimnisse mehr haben? Bin ich denn ein gläserner Mensch? Ich denke nicht daran. Reißt mir die Kleider vom Leib, dreht meine Hosentaschen um, inspiziert meine Schuhe: Ihr werdet nichts finden. Und warum? Weil ich nichts zu verbergen habe. Ich bin ein einfacher Mann, ich zahle meine Steuern – jedenfalls habe ich einmal Steuern gezahlt, nicht soviel wie du vielleicht, aber mehr als genug –, ich möchte von niemandem behelligt werden, ausgeschlossen meine Tochter und mein entzückendes Enkelkind. Muss man das denn herausschreien? Wie weit haben wir es in diesem Land gebracht? Was seht ihr mich so an? Ich weiß, ich bin ein verdächtiges Subjekt, und ich bin stolz darauf – seht mich nicht so an, ihr… In diesem Punkt müsst ihr noch viel lernen… lernen, ja lernen…«

So unterhielt sich das Kleeblatt. Draußen, auf regenglitzernden Straßen, drehte der Vorsitzende des Schriftstellervereins Runde um Runde; düstere Gedanken jagten hinter seiner Stirn. Heimlich aber fühlte Magnus Menge nach der Jackentasche; dort knisterte ein nagelneues Gedichtmanuskript, das er morgen zur Hauptpost bringen und eigenhändig in den Briefkasten werfen würde.

Im Hinausgehen erkundigte sich Bueb beiläufig bei der Geschäftsführerin, ob das kalte Büfett, wie verabredet, bereitstehen werde. Frau N. hatte alles Nötige veranlasst. Beruhigt verließ er das Lokal.

9.

Sie hatten in gerader Reihe Platz genommen: Frau N., blond und schwarz geschlossen, flankiert von Buebs Sohn und Gattin, zwei junge Literaturwissenschaftler (es schien, dass sie sich »köstlich amüsierten«), Resch, Klussinski, eine Kriminalautorin, die nicht zur Runde gehörte, aber, wie sie sagte, es sich nicht nehmen ließ, ihre eher verhaltene Gegenwart beizusteuern, sodann Van Venning in brauner Cordjacke, der dreinblickte, als erwarte er jeden Moment den Auftritt einer goldbetressten Bergmannskapelle. Der Vorsitzende des Schriftstellervereins glänzte durch Abwesenheit; es hieß, er sei in der Nacht während eines Herzanfalls aus dem Bett geklettert und die Treppe hinuntergefallen. Auf seinem Stuhl thronte Tube Huppert. Er wandte den Wuschelkopf nach links und rechts wie jemand, der sich keine Einzelheit entgehen lassen wollte. Vielleicht, weil er wild darauf versessen war, einen Film zu drehen, wie er seiner gut gebauten Kommilitonin Tanja einmal wöchentlich mit Verschwörermiene anvertraute, die es, ein süffisantes Lächeln auf den Lippen, ihrer stets aufs Neue erbleichenden Freundin Abraxa weitertratschte. Einige weniger regelmäßige Mitglieder des Kreises schlossen die Reihe ab. Magnus Menge und der weiß bandagierte Klaus Schwäger, im Bewusstsein ihrer Würde, hatten sich etwas abseits gesetzt oder setzen lassen und harrten des Auftritts. Alle blickten zu Bueb hinauf, der gerade die einführenden Worte beendete und, von freundlichem Beifall geleitet, zu seinem Platz ging.

Es war soweit. Resch ordnete seinen Anzug, trat ans Pult – Schwäger hatte sein Versprechen wahr gemacht – und begann:

»Meine Damen und Herren!

Stellen Sie sich vor, diese Preisverleihung fände nicht statt: Leere auf den Sitzen der ersten Reihe, die Mitglieder des Preisgerichts einschließlich des Ehrenvorsitzenden glänzten durch Abwesenheit, das Publikum (also Sie) rutschte unruhig auf den sinnreich angeordneten Stühlen dieses Lokals, und in einer Ecke blätterte der nominierte Preisträger mit dem sanften Lächeln des Gefoppten in seinen mitgebrachten Manuskripten, kurz, es träfe ein, worauf im Grunde seines Herzens jeder schon längst einmal gewartet hat – :«

Eine junge Frau in der zweiten Reihe, dunkler Typ, prustete los; ihr Begleiter beugte sich zu ihr, legte die Hand an den Mundwinkel, flüsterte; im Saal herrschte Totenstille. Unbeirrt fuhr Resch fort.

»Und nun zügeln Sie Ihre Vorstellungskraft, konzentrieren Sie sich auf das, was ist, weil es so ist, wie man es Ihnen gesagt hat, und denken Sie mit mir zusammen darüber nach, dass der Preis, den wir hier und heute vergeben, ein Preis für standhafte Literatur ist, für Literatur also, denn das Epitheton »standhaft« ließe sich mit sozusagen leichter Mühe als Epitheton naturalis qualifizieren, als natürliche Mitgift gewissermaßen, denn Literatur ist entweder standhaft oder sie ist gar nicht, zumindest nicht zu rechtfertigen. Da allerdings liegt das Problem, oder, da wir höflich miteinander umgehen wollen, ein Problem: Standhaft bleibt die Literatur ohne Zweifel dort, wo sie hingehört, im Regal, zur stillen Freude mancher Bibliothekare und zum Verdruss vieler Buchhändler und Verleger, die den Zustand insoweit schätzen, als sie ihn zu beseitigen trachten, eine unendliche Aufgabe auch das… Ich weiß nicht, ob und wann Sie einmal darüber nachgedacht haben, dass ein Buch aufschlagen in der Regel heißt, es aufs Kreuz zu legen. Kein Leser, der nicht bereit wäre, dieses Vergnügen ein ums andere Mal für sich zu reklamieren, doch schelten wir nicht den Leser: Irritierend ist vielmehr die Leichtigkeit, mit der sich das Buch, jedes Buch, dem dosierten Druck von Daumen und Zeigefinger unterwirft, eine Leichtigkeit, die dem Lesen nichts von seiner Gewalttätigkeit nimmt, sie vielmehr – betrachten Sie die fortgesetzte Wirksamkeit von Daumen und Zeigefinger im Akt des Lesens – als solche herausfordert und denunziert. Die Literatur, so ließe sich folgern, fordert die Gewalt heraus, um sich ihr preiszugeben, ihr Widerstand ist gerade kräftig genug, um sich zu spreizen – in der Regel, der Ausnahme von der Ausnahme, die darin besteht, dass sie gar nicht in die Auslagen kommt und dadurch des unvermeidlichen Vorteils verlustig geht, dem Griff des Kunden den gebundenen Rücken und also die lockend kalte Schulter hinhalten zu dürfen.

Doch standhaft, standhaft ist selbst diese tausendfach ungedruckt bleibende, diese wahre Poesie des Alltags, die aus tausend Augen auf die dürftigsten Publikumsorgane schielt, kaum zu nennen – es sei denn, der Autor bzw. die Autorin leistete das Äußerste, das in seiner bzw. ihrer Lage zu leisten bleibt. Dieses Äußerste, die ultima ratio der wirklichen Literatur ist der Papierkorb, der Papierkorb nicht als Fassungsgrab, als Durchlaufbehälter für weiterreichende Ambitionen, nein: als End– und Zielpunkt eines wahrhaft fassungslos zu nennenden Produzierens, in dem einzig der Autor kühl die Fassung bewahrt, um vor sich und der Nachwelt ohne den stets in der Luft liegenden Vorwurf zu bestehen, er habe seine Kompromisse zu früh und ohne zwingenden Grund geschlossen, oder er habe – furchtbare Anschuldigung! – nachgebessert, statt sich zu bessern.

Der Virtuose des Papierkorbs – noch einmal, ein weltgeschichtlich unwiderruflich letztes Mal wollen wir ihn uns als Mann vor das innere Auge rufen, als einen Mann, der morgens vor dem Rasierspiegel die Schärfe der Klinge prüft, mit der er gegen sich vorzugehen gedenkt, und der weiß, dass es gerade die falschen Schnitte sind, die unter die Haut gehen – der weiß, dass die Klinge in Wahrheit glatt aufliegen muss, wenn es gilt, das Ich von jenen unkontrollierten Wucherungen freizuhalten, welche das nackte, geschmeidige Alltagswesen, dieses kostbare Spätprodukt einer sinnreichen biologischen Karriere, binnen kurzem zurückverwandeln würde in das Tier, das meint. Eine Meinung haben, heißt bekanntlich, sich selbst noch nicht begegnet zu sein.

Die Ethik der Nassrasur formt den Mann, der schreibt, weil er schreibt: Voilà!

Gestatten Sie mir, bevor ich Ihnen den heutigen Preisträger vorstelle – eine im Grunde überflüssige Mühe, da Sie ihn ebensogut, vielleicht besser kennen als ich…«

An dieser Stelle keimte Unruhe im Publikum. Ein Herr – Zweireiher, geschlossene Weste –, der mit gesenktem Blick dagesessen hatte, runzelte die Stirn und schüttelte, Unverständnis bekundend, den Kopf. In den hinteren Reihen bröckelte es. Plötzlich erhob sich ein irres Gelächter. Es endete abrupt, als die weiter vorn Sitzenden sich geschlossen nach dem Störenfried umdrehten. Resch nahm den Faden wieder auf.

»…da Sie ihn ebensogut, vielleicht besser kennen als ich, eine kleine Nebenerwägung. Wer einen Preis vergibt, gibt ihn an einen Kandidaten und an viele nicht, das ist unumgänglich, wenngleich ein Notbehelf, schließlich kommen Literaten selten vom Sport und reagieren auf Anpfiff bestenfalls störrisch. Um so wichtiger wäre es, zu sagen, das und das waren die Gründe für die Auszeichnung dieses einen – wie Sie wissen, ein völlig unmögliches Unterfangen, dem ich mich nur soweit unterziehen möchte, als es mich nicht gleichgültig lässt, dass es die Epik ist, die wir hier und heute im hartnäckigen Fortwerkeln des Geehrten erkennen und anerkennen. Nicht die Lyrik scheint uns das angemessene Gefäß für die Wahrheit, die wir meinen, wenn wir darüber nachdenken, wer wir sind und wie wir es wurden, sondern die Epik. Das mag überraschen, doch denken wir nicht an Homer: Denken wir nicht an das Epos, wie es traditionell ein– oder mehrsinnig seine Zeit in Szenen aus Mord und Totschlag fasst, sondern an das entstehende, das da a-​zentrisch, a-​sinnig und a-​berwitzig, kurz a-​a-​a und vielleicht ein wenig ga-​ga-​ga aus dem Vollem schöpft, als künftig erschöpfende De-​Cocollage dessen, was ist, weil es vorliegt, was immer das heißen mag. Wo dies gelingt, meine Damen und Herren, bedarf es gewiss auch nicht mehr der überm Bett fixierten Zeitungsausschnitte aus unser aller Studententagen, um uns täglich zu versichern: Dies ist die Republik, die mit uns groß geworden ist, und so sind wir, die gerne ein wenig größer geworden wären, und sollten wir uns gelegentlich einmal in einem Anflug von weltläufiger Entrückung verwechseln wollen, so wird kein Mensch auf diesem Erdball sonderliche Mühe aufwenden müssen, uns zurechtzustutzen – uns, die Kinder unserer Eltern, welche wir leider nur noch im Zoo besichtigen durften, nachdem sie die freie Wildbahn etwas zu wörtlich interpretiert hatten; schließlich sind wir derart in der Wolle gefärbt, dass uns unsere Lebenswelt nachgerade ebenso sinnlos erscheint wie das Leben selbst. Dies alles muss gesagt und, besser, viel besser noch, immer wieder geschrieben werden, auf DIN-​Papier, weiß oder etwas angegilbt, auf dass Literatur sei: wie denn auch sonst? Bedenken Sie hingegen den erhobenen Zeigefinger der Lyrik: Sie weiß es besser, und wir, die wir sie nicht verstehen, wissen nur zu genau, wie sie es meint, und wir nicken, nicken… Ich möchte nicht schließen ohne diese Vision einer jeden Literatur, die künftig als Literatur wird gedruckt werden können. Es ist die Bildchronik unserer Region, hergestellt in den modernsten Druckereien des Kontinents, mit eingelegten Erinnerungsnotaten: mein Geburtstag, meine Erstkommunion, meine erste Blutung – Blättern wie jene getrockneten, die wir in den Flora– und Fauna-​Bestimmungsbüchern unserer Altvordern fanden, und wie diese bestimmt, dereinst den pyrologischen Experimenten unserer Enkel als Material zu dienen; es muss ja nicht gleich heißen, sic transit gloria mundi, wenn unsere Träume verpuffen. Ich wünsche daher dem Preisträger alles Glück, das er braucht, vor allem aber, und ich hoffe, Sie stimmen mir bei, einen langen Atem und eine leichte Hand. Ich danke für Ihre werte Aufmerksamkeit.«