9.

Unter den komis­chen Augen­blicken der Philoso­phiegeschichte wird ein­mal der massen­hafte Schwenk der kon­struk­tivis­tis­chen Schule zu der Überzeu­gung, das men­schliche Bewusst­sein lasse sich eher als »Soft­ware« denn als »Hard­ware« analysieren, einen stillen Ehren­platz beanspruchen dür­fen. Ein­sichten wie diese, die das Studium von Com­put­er­hand­büch­ern zur End­loss­chleife ger­aten ließ, sind in hohem Maße ansteck­end. Eine ganze Forscher­gen­er­a­tion wurde durch sie in Brot gesetzt. Einer ihrer char­man­ten Vertreter ist Hilary Put­nam, der in Repräsen­ta­tion und Real­ität seinen Zun­ftgenossen eine Nase drehte: »Die Com­put­er­auf­fas­sung war ihrer­seits eine Reak­tion gegen die Vorstel­lung, daß unsere Materie wichtiger sei als unsere Funk­tion, daß unser Was wichtiger sei als unser Wie. Mein ›Funk­tion­al­is­mus‹ behauptet, daß eine Mas­chine (etwa einer von Isaac Asi­movs Robot­ern), ein Men­sch, ein Geschöpf aus Silikon und ein kör­per­loser Geist wom­öglich alle­samt mehr oder weniger gle­ich funk­tion­ieren, wenn man sie auf dem rel­e­van­ten Abstrak­tion­sniveau beschreibt, und daß es ein­fach falsch ist zu glauben, unsere Hard­ware sei das Wesen unseres Bewusst­seins. Diesen Teil meiner früheren Auf­fas­sung – und er war für sie von maßge­blicher Bedeu­tung – werde ich auch in diesem Buch nicht preis­geben, ja er scheint mir heute noch genauso zutr­e­f­fend und wichtig wie eh und je. Der Kun­st­griff, den ich anzuwen­den ver­suchen werde, ist der den Meis­tern des Jiu Jitsu zugeschriebene Kniff, die Stärke des Geg­n­ers gegen ihn selbst zu kehren: Ich werde zu zeigen ver­suchen, dass die Argu­mente für die Com­put­er­auf­fas­sung – und zwar ebendie Argu­mente, die ich selbst früher benutzt habe, um zu begrün­den, dass eine schlichte Gle­ich­set­zung von men­talen Zustän­den mit physisch‑chemischen Zustän­den nicht richtig sein kann – ver­all­ge­mein­ert und erweit­ert wer­den kön­nen, um nachzuweisen, daß eine unmit­tel­bare Gle­ich­set­zung der men­talen Zustände mit funk­tionalen Zustän­den – d.h. mit Zustän­den, die dem Com­put­er­mod­ell entsprechend gekennze­ich­net wer­den – eben­falls nicht richtig sein kann.«

Ist das nicht schön? Da existiert eine ursprüngliche Vorstel­lung, »daß unsere Materie wichtiger sei als unsere Funk­tion«. Auf sie bezieht sich der frühe, funk­tion­al­is­tis­che Put­nam (Put­nam I), indem er sie rundweg bestre­itet. Der Schreiber des vor­liegen­den Textes wiederum (Put­nam II) möchte diesen Funk­tion­al­is­mus nicht preis­geben. Wohl aber will er ihn als Geg­ner ver­standen wis­sen, dessen Stärke er gegen ihn selbst zu kehren gedenke. Und warum? Um seine The­sen – zu bestre­iten. Ver­stehe das, wer will. Die entschei­dende Floskel der ganzen Pas­sage lautet »unmit­tel­bare Gle­ich­set­zung«. Der gewen­dete Denker gefällt sich als Meis­ter der mit­tel­baren Gle­ich­set­zung, in der alles irgend­wie gemeint und irgend­wie bestrit­ten wer­den kann. Entsprechend abgek­lärt fällt sein späterer Rat an hart­ge­sot­tene Funk­tion­al­is­ten wie Fodor und Den­nett aus. Beg­nügt euch mit dem Irgend­wie, den stren­gen Nach­weis schafft ihr nie.

Nun stünde es jedem frei, die Gelassen­heit auf den Punkt zu treiben, an dem er genau­sogut behaupten kön­nte, der Glaube, pro­gram­mier­bare Maschi­nen unter­schieden sich von ihren »unin­tel­li­gen­ten« Vorgängern wie Dinge mit Bewusst­sein von Din­gen ohne Bewusst­sein, sei ebenso grund­los wie der Glaube, Pferde ließen sich bequem anhand ihrer unsterblichen Seele von Schmetter­lin­gen unter­schei­den. Gemessen am üblichen Geplänkel wäre dies sicher ein starker Ein­wand. Und es wäre erst der Anfang. Ein­mal auf den Geschmack gekom­men, kön­nte unser Mann vom Lande kühn dekretieren, die Entwick­lung pro­gram­mier­barer Maschi­nen habe die The­o­rie des men­schlichen Bewusst­seins um keinen Deut mehr vor­ange­bracht als die Erfind­ung der Dampf­mas­chine, des Hubkolben‑ oder des Elek­tro­mo­tors. Begrün­dend kön­nte er aus­führen, die Unter­schei­dung zwis­chen intel­li­gen­ten und unin­tel­li­gen­ten Maschi­nen sei ebenso krude wie durch­sichtig – in bei­den Fällen gebe es außer Wirkun­gen men­schlicher Intel­li­genz nichts zu ent­decken. Allerd­ings würde er sich hart an dem über­raschend erkennbar wer­den­den Fak­tum stoßen, dass alle, die sich am Spiel beteili­gen, es bere­its wis­sen. Dass sie so reden, wie sie reden, lässt sich weder durch Verzwei­flung noch Dummheit erk­lären, wohl aber durch eine betrieb­smäßig abgesicherte Dreistigkeit, deren Kehr­seite die gren­zen­lose Bere­itschaft zum Mit­machen darstellt.

Doch das erk­lärt nicht alles. Bei Put­nam wird spür­bar, dass die Bere­itschaft, irgen­deine Brücke vom Physikalis­mus zum Men­tal­is­mus zu akzep­tieren, Haupt­sache, man ent­geht auf diese Weise dem Gespen­ster­vor­wurf, selbst pro­fun­deste Zweifel an der Tragfähigkeit der Mod­elle in den Wind schla­gen lässt. Nein, schreibt Put­nam (und er wen­det sich sin­niger­weise gegen Den­nettsvon ihm als reduk­tion­is­tisch durch­schautes Credo), es sei dur­chaus nicht so, dass man das ganze Spek­trum men­schlicher Intel­li­gen­zleis­tun­gen im Bere­ich der kün­stlichen Intel­li­genz simulieren kön­nen müsse, um das Com­put­er­mod­ell für eine tragfähige Grund­lage der The­o­rie des Geistes zu hal­ten. Die all­ge­meine Anmu­tung reiche vol­lkom­men aus: »Es ist ja auch möglich, das Wet­ter zu ver­ste­hen, ohne es besser vorher­sagen zu kön­nen als früher. So kann es auch sein, dass wir imstande sind, das Gehirn als hier­ar­chisch struk­turi­ertes Sys­tem von Rechen­sys­te­men (›Mod­ulen‹) zu ver­ste­hen, ohne alle diese Einzel­sys­teme und alle ihre Wech­sel­wirkun­gen hin­re­ichend beschreiben zu kön­nen, um die Tätigkeiten des Gehirns vorher­sagen oder sogar simulieren zu kön­nen.« Das heißt die Beschei­den­heit auf die Spitze treiben. Ver­ste­hen lässt sich so manches, sofern man fünf ger­ade sein lässt und die Frage, warum man etwas ger­ade so und nicht anders ver­ste­hen solle, solange nicht entsch­ieden wer­den könne, ob man es auf diese Weise besser ver­steht als auf eine andere, für eine unziem­liche Form der Des­ol­i­darisierung erachtet.

Es muss eine berück­ende Vorstel­lung sein, alle men­schlichen Geis­testätigkeiten ließen sich irgend­wie auf Bina­ritäten, auf »Input« und »Out­put« zurück­führen, wenn einer ihrer promi­nen­ten Vertreter selbst noch das Irgend­wie gegen den Anspruch der eige­nen Schule, es dann auch von Fall zu Fall demon­stri­ert zu bekom­men, in Schutz nimmt. Diese Vorstel­lung enthält das Min­i­mum, dessen man bedarf, um Nat­u­ral­ist zu sein und sich beruhigt der Auseinan­der­set­zung mit Gott und der Welt zu wid­men. Das famose Irgend­wie schützt ebenso kom­fort­a­bel gegen die Ansprüche des Physikalis­mus wie des Tran­szen­den­tal­is­mus, es erlaubt die Ver­wal­tung ans Herz gewach­sener Bestände und die lächel­nde Abwehr so unpro­fes­sioneller Fra­gen wie der, ob denn die for­male Inter­pre­ta­tion der physikalis­chen Ereignisse im Gehirn wirk­lich erfol­gre­ich aus den Funk­tion­srou­ti­nen des physikalis­chen Gehirns her­aus­ge­le­sen wer­den könne oder ob sie nicht die the­o­retis­che Leis­tung, die sich hin­ter den Begrif­fen ›Mod­ell‹ und ›Inter­pre­ta­tion‹ ver­birgt, gedanken­los in ihren Gegen­stand hineinkom­pli­men­tiere, und wer oder was wohl im let­zteren Fall diese »Leis­tung« erbringe, immer voraus­ge­setzt, das Gespenst in der Mas­chine sei wirk­lich so mause­tot, wie es alle gern hät­ten. Sich selbst pro­duzierende, pro­gram­mierende, befehlende, kom­men­tierende, analysierende, sich in ihre Umwelt inte­gri­erende und (hof­fentlich) sterbliche Rech­ner – Traumwe­sen also wie du und ich – sind die Helfer des Denkers bei der Abwehr ide­al­is­tis­cher Anmu­tun­gen, und nur das kost­bare Irgend­wie schützt ihn gegen die Zumu­tung, selbst solche Maschi­nen kon­stru­ieren, pro­duzieren, pro­gram­mieren und mit Wesen der eige­nen Art ver­gle­ichen zu müssen, auf dass wenig­stens der Schein gewahrt bleibe, es könne der­gle­ichen geben.

10.

Gegen Denken steht nur Gewalt: man kann auch sagen der Ist‑Zustand einer Diszi­plin, in der es sich nicht gehört, den Unfug beim Namen zu nen­nen, solange man ihm die Ein­ladung zum näch­sten Sym­po­sium schuldet. Allerd­ings sollte man nicht vergessen, dass es die Praxis ist, die durch natür­liche Auslese – etwa in der von Den­nett so geschätzten Vari­ante des »Baldwin‑Effekts« – sich die ihr angemesse­nen The­o­rien her­anzieht. Ein imag­inärer Geg­ner wie»der neuzeitliche Carte­sian­is­mus« ist einem real argu­men­tieren­den Gesprächspart­ner unbe­d­ingt vorzuziehen; so wis­sen sich alle bere­its um die gute Sache bemüht, bevor über­haupt irgen­deine Sache ver­han­delt wird. Die Hart­näck­igkeit, mit welcher Den­nett das soge­nan­nte »carte­sian­is­che The­ater«, also den Glauben an die Repräsen­ta­tion phys­i­ol­o­gis­cher Vorgänge auf einer ›Bewusst­sein‹ genan­nten zweiten Ebene der Real­ität, in den The­o­rien diszi­plin­ierter Neu­ro­phys­i­olo­gen ent­deckt, entspricht der Pro­fes­sion­al­ität eines ver­we­ge­nen Satanis­ten, bei dessen Auftreten auch ungewei­hte Hostien rei­hen­weise zu bluten begin­nen, weil die ver­sam­melte Gemeinde es so will und weil sonst kein Grund bestünde, ihn hinzuzu­bit­ten. Natür­lich dient die Schwarze Messe der Beschwörung des Axioms von der unzuläs­si­gen Weltver­dop­pelung durch die Sprache der Meta­physik, also der mehr oder weniger mech­a­nis­chen Redu­p­lika­tion eines Antipla­ton­is­mus, dem die entschei­den­den Lek­türefehler bere­its an den Schriften Pla­tons unterlaufen.

Wozu der Bluff? Ganz ein­fach: es ist das Buhlen um einen mate­ri­al­is­tis­chen oder real­is­tis­chen oder nat­u­ral­is­tis­chen Zugang zum Bewusst­sein um jeden Preis. »Mate­ri­al­is­tisch« wäre etwa die Meth­ode der Pro­tokoll­sätze, weil sie von nicht­philosophis­chen Diszi­plinen wie der Psy­cholo­gie, der Eth­nolo­gie usw. ohne­hin ange­wandt wird, und weil sie den Geg­ner markiert, den irgend­wie meta­ph­ysis­chen Glauben an den Geist in der Mas­chine, der Aus­sagen über Bewusst­sein­sphänomene, die auf naiver Innen­sicht beruhen, unbe­se­hen »für wahr« nimmt. Beschäfti­gen wir uns mit der Mas­chine und über­lassen wir den Geist beruhigt den Geis­terse­hern. Der Schlachtruf wäre wirkungsvoller, wenn er nicht selbst bloß eine Vari­ante des Gespen­ster­glaubens darstellte. Nicht die Innen­sicht ist das Prob­lem, son­dern ihre Inter­pre­ta­tion als Daten­er­he­bung, die den »Auswerter« vor die Wahl zwis­chen einer »gläu­bi­gen« und einer »indif­fer­enten« Lek­türe stellt. Denn auch die indif­fer­ente Lek­türe pflegt den Glauben an das gegebene Phänomen, das in den Aus­sagen von Test­per­so­nen »zum Aus­druck kommt«. Prak­tisch hat sich der Glaube sogar ver­dop­pelt: Der Het­erophänom­e­nologe glaubt daran, dass die Aus­sagen seiner Test­per­so­nen, soweit sie nicht lügen­haft sind, als kor­rek­ter Aus­druck einer Innen­sicht hin­genom­men wer­den müssen, und er glaubt ebenso fest daran, dass diese Innen­sicht Illu­sion sei. Oder vielle­icht doch nicht ganz so fest? Wer mit Lust Gespenst! Gespenst! ruft, der läuft Ver­dacht, sich sel­ber immer aufs neue müh­sam zum Ätsch! überre­den zu müssen – am besten dadurch, dass er die Phänomene in einem Atemzug kon­sta­tiert und leugnet. Und es ist nicht nur unfair, es ist auch the­o­retisch unklug, wie Den­nett den anderen einen unbe­wussten Glauben zu unter­stellen, weil man sich dadurch des Gesprächspart­ners beraubt und just dem Solip­sis­mus erliegt, den der Abschied von der Intro­spek­tion besiegen sollte.

Schließlich sollte man nicht außer acht lassen, dass die Jed­er­mannsrede vom – endlich! – »unverkürzten« Nat­u­ral­is­mus nicht nur irreführend, son­dern auch hybrid ist. Jede The­o­rie verkürzt – im Hor­i­zont der Fol­geth­e­o­rien, in denen die Mit­tel, sie zu kri­tisieren, bere­it­gestellt wer­den. Daher folgt völ­lig selb­stver­ständlich auf jeden mit Pro­pa­gandagetöse vorgestell­ten unverkürzten Nat­u­ral­is­mus der unverkürztere. Was denn sonst? Nichts Bil­ligeres als der Stan­dard­ein­wand gegen eine missliebige The­o­rie, sie verkürze die Sachver­halte. Die durch keine Phänomenologen‑Indifferenz einzueb­nende Dif­ferenz zwis­chen The­o­rien und ihren Gegen­stän­den bürgt dafür, dass dem Denken stets die Möglichkeit eines neuen, genaueren, dif­feren­ziert­eren Zugriffs offen­steht. Unverkürzt wäre nur der Gegen­stand. Die Hybris liegt darin, zu unter­stellen, man behebe nicht diese oder jene Verkürzung, son­dern die Verkürzung an sich. Der unverkürzte Nat­u­ral­is­mus wäre nicht nur der defin­i­tive, er wäre auch der defin­i­tive Sieg des Naturalismus.

11.

Dass Gedanken zer­leg­bar sind, dass sie sich in unab­se­hbare Zusam­men­hänge zer­legen, sofern sie nur als bes­timmte Gedanken der Reflex­ion offen­ste­hen – dieser ein­fache, aber fol­gen­re­iche Gedanke der Reflex­ion­stopolo­gie ver­leiht jedem Gedanken, unab­hängig vom Grad seiner Bes­timmtheit, eine gewisse – und mit Gewis­sheit zu erwartende – Unbes­timmtheit. Bes­timmtheit, so ließe sich para­phrasieren, ist nur inner­halb offener Bes­tim­mung­sprozesse zu denken, und da let­ztere den guten Teil dessen aus­machen, was man gemein­hin »Denken« zu nen­nen pflegt, lässt sich die Zer­leg­barkeit von Gedanken als Aus­druck der Dif­ferenz von Gedanke und Denken deuten. Sofern man es genau nimmt, müßte man allerd­ings wis­sen, um welche Art von Dif­ferenz es sich dabei han­delt. Da sowohl »Bes­timmtheit« als auch »Bes­timm­barkeit« Attribute des Gedankens sind, steht jeden­falls dieses Begriff­s­paar, will man die Dif­ferenz zwis­chen Gedanke und Denken beze­ich­nen, nicht zur Ver­fü­gung. Nichts­destoweniger ist es die Bes­timm­barkeit von Gedanken, die dazu anregt, zwis­chen ihnen und dem Denken über­haupt zu unter­schei­den. Da in dieser Rela­tion auf seiten des Denkens nichts Bes­timmtes zu ste­hen scheint, wirkt der Ter­mi­nus ›Dif­ferenz‹ eher unange­bracht: Es fehlt an Bezugs­größen, die beide zueinan­der in ein bes­timmtes Ver­hält­nis set­zen. Wer immer ver­sucht, »das Denken zu denken« beziehungsweise in seinen invari­anten »Struk­turen« zu entwick­eln, ohne sich darin durch nat­u­ral­is­tis­che Vorentschei­dun­gen beir­ren zu lassen, steht als­bald vor der Notwendigkeit, solche Bezugs­größen zu entwer­fen. »Es müssen Grund­be­griffe und Oper­a­tio­nen exponiert wer­den, die geeignet sind, all­ge­mein die innere Beziehung der reinen For­men auf den Prozeß der Erfahrung nicht nur zu sta­tu­ieren, son­dern als deren logis­che Qual­ität auszulegen.«

Das sys­tem­a­tis­che Denken beginnt, sobald sich einer dazu entschließt. Es macht sich bemerk­bar: Wer eben noch damit beschäftigt war, sich auf dem Feld warmherziger Hypothe­sen über den biol­o­gis­chen Zweck unseres Denkap­pa­rates aufzuk­lären und gedanken­ver­loren aller­lei Sim­pli­fied Ver­sions mit Gum­mirädern und Grei­far­men auszurüsten, um erste Schritte zu proben, sieht sich plöt­zlich dem Vorhaben kon­fron­tiert, den Zusam­men­hang der Erken­nt­nis­mit­tel – der »reinen For­men« – so zu ent­fal­ten, dass ihre gegen­stand­ser­schließende Funk­tion und ihre »logis­che« Beschaf­fen­heit ineins fallen. Mit der Auf­gabe meldet sich die eben noch tot­ge­sagte Sprache der ide­al­is­tis­chen Philoso­phie zurück. Es wäre ein hege­lisieren­des Pro­gramm, wenn es nicht die gezielte Destruk­tion Hegelscher Posi­tio­nen enthielte. Doch gleitet die Polemik gegen den Gedanken der Selb­st­be­we­gung des Begriffs und der Aufhe­bung jeder Bes­timmtheit im Absoluten nicht in philosophis­che Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung ab. Ihr Zweck ist auch für ungeübte Leser nicht zu verken­nen: sie dient dazu, dem Sys­temgedanken eine neue Bewe­gungsart und eine neue Ver­fas­sung zu erschließen.

In diese Ver­fas­sung ist mancher­lei inte­gri­ert, was ander­norts dazu benützt wird, den Sys­temgedanken als unhalt­bar zu ver­w­er­fen. Unter den »Forderun­gen der Gegen­wart«, wie sie der Philosoph buch­sta­biert, steht die Forderung nach Anerken­nung der wel­ter­schließen­den Rolle der »mod­er­nen« Wis­senschaften unab­hängig von ihrer fun­da­men­tal­philosophis­chen Deu­tung an ober­ster Stelle. Damit teilt er eine Überzeu­gung so unter­schiedlicher Schulen wie des Neukan­tian­is­mus, des logis­chen Pos­i­tivis­mus und der ana­lytis­chen Philoso­phie, nicht ohne gegen die let­zteren anzumerken, erst eine tran­szen­den­tale The­o­rie des Denkens erlaube es, die Dynamik der empirischen Wis­senschaften zu denken und nicht nur zu kon­sta­tieren. Falls es eine Art anonymes Las­ten­heft der Mod­erne gibt, in dem peni­bel verze­ich­net steht, welche Para­me­ter philosophis­che Entwürfe enthal­ten müssen, dann gehört Marx zu denen, die das Glück der Aus­führung zu schätzen wissen.

Philosophis­che Prob­leme sind lei­dige Prob­leme. Jeder Vorstoß auf ver­meintliches Neu­land zieht den alt­bekan­nten Rat­ten­schwanz von Stan­dar­d­ar­gu­menten und vor allem ‑ein­wän­den hin­ter sich her. Das Unter­fan­gen, die Dynamik der Denkbe­we­gung auf »sichere Grund­la­gen« zu stellen, ohne sie an dem einen oder anderen Sys­tem­punkt stillzustellen, macht da keine Aus­nahme. Wer Dynamik zu denken untern­immt, sieht sich rasch von ihr über­rollt. Der Tran­szen­den­tal­is­mus als der tra­di­tionelle dritte Weg zwis­chen Real­is­mus und Ide­al­is­mus lässt sich um so leichter überge­hen, als weder die pfif­fige Omnipräsenz der Kant‑Exegeten noch gele­gentliche schüchterne Wieder­bele­bungsver­suche am Leich­nam des Neukan­tian­is­mus für sich genom­men jene Art von Attrak­tiv­ität besitzen, mit der sich die Reichen und Schö­nen, welche die inter­na­tionalen Gewässer des Leicht‑, Tief‑ und Flachsinns furchen, iden­ti­fizieren kön­nten. Der Tran­szen­den­tal­is­mus erin­nert an eine Hink­figur: mit einem Bein im Gle­ich­schritt der Zeitgenossen, ist er mit dem anderen an eine Kanonenkugel gefes­selt, die, so plaziert, keinem Spatzen mehr Respekt oder gar Furcht ein­ja­gen kann.

Dieses arg­los und tück­isch in der Sonne liegende Hemm­nis ist nicht, wie eine Leg­ende es will, die Dunkel­heit, sprich: man­gel­nde begrif­fliche Trans­parenz der Kan­tis­chen Kri­tiken, son­dern das kan­tis­che Apri­ori, genauer gesagt das Apri­ori mit oder ohne Kant, das frei erwo­gene Apri­ori. Die Formel, mit­tels derer Marx ihm opfert – und sich vom orig­i­nalen Kant ver­ab­schiedet –, heißt ›topol­o­gis­che Ver­schiebung‹. »Alle Gedanken«, schreibt er, »kön­nen als For­men und als Inhalte fungieren; sie fallen in sich, aber ohne bes­timmten Moment­grund, auseinan­der in diese Seiten, je nach­dem in welche Stel­lung sie topol­o­gisch ver­schoben wer­den.« Die Behaup­tung steckt in der Formel ›ohne bes­timmten Moment­grund‹. Sie besagt, daß zwis­chen For­men und Inhal­ten keine Ver­mit­tlung denkbar ist und auch gar nicht sein darf, wenn Ver­mit­tlung über­haupt denkbar sein soll. »Die bei­den Stel­lun­gen von Gedanken oder die Seiten des Gedankens sind in keiner Ver­mit­tlung auszu­gle­ichen oder gar aufzuheben. Grund‑ bzw. ver­mit­tlungs­los sind sie wesentlich in ihnen, sofern es deren Wesen ist, Form und Inhalt in einem zu sein. Es liegt in ihnen eine durch kon­tinuier­liche Bewe­gung oder Dif­feren­zierung zwar anfüll­bare, aber let­ztlich unüber­brück­bare Dis­tanz; sie sind Ein­heiten der grund­losen topol­o­gis­chen Ver­schiebun­gen von Ort zu Ort, von Seite zu Seite.«

So ist jeder Gedanke, for­mal betra­chtet, unendlich dif­feren­zier­bar, inhaltlich gese­hen der Aus­druck eines Soseins: »Nie erre­ichen sich Form und Inhalt im Gedanken; diese Dichotomie setzt sich unendlich fort: neue Gedanken (Inhalte) entste­hen in der Form des dif­feren­zierten Gedankens (Inhalt) und set­zen als solche die for­male Struk­tur fort. Diese innere Dynamik ist aber nur als Entsprechung zur Möglichkeit der topol­o­gis­chen Ver­schiebung von Gedanken in der leeren Dis­tanz ihrer Funk­tio­nen – als For­men und als Inhalte – anzusehen.«

Dieses ›nur‹ ver­di­ent die gesam­melte Aufmerk­samkeit des Lesers. In ihm bezeugt sich die logis­che Phan­tasie, die in der Reflex­ion­stopolo­gie am Werk ist und den Begriff der Dis­tanz als absoluter, in sich nicht mehr ver­mit­tel­ter Dif­ferenz immer dann her­anzieht, wenn es gilt, die unter­schiedlichen Dimen­sio­nen des Denkens auseinan­derzuhal­ten und so jene Apor­ien zu ver­mei­den, die sich zwangsläu­fig ein­stellen, wenn die Reflex­ion auf Grund­be­griffe diese »in Objek­t­stel­lung« bringt und sich selbst als gegen­ständliche Analyse missver­steht. Auf einer gewis­sen Ebene des Sprechens und Behauptens heißt das: Denken geschieht in der und durch das Her­stellen von Dis­tanz. Kon­ti­nu­ität schließt Dis­tanz und damit Diskon­ti­nu­ität ein. In der Dis­tanz des Denkens zu allem Gedachten setzt das Denken das Andere, dessen Kern kein Gedanke ist. »Alle Begriffe sind tran­szen­den­tale.« Mit dieser Bes­tim­mung setzt es sich selbst als Idee: »Die Ent­fer­nung des Denkens von und zu allem Gedachten, die sich, wann immer es sich die bloße Wieder­hol­ung von schon entwick­el­ten Bes­timmtheiten ver­sagt und ihren Ursprung als den in ihnen vergesse­nen erin­nert und als den eige­nen ent­deckt, in einer fixen Bes­timmtheit nicht fassen lässt, wenn ihre Funk­tion, die Fik­tio­nen an allen oder in allen Bes­timmtheiten zu beseit­i­gen, d.h. aber den Schein der unmit­tel­baren Ein­heit von Bes­timmtheit und Grenze oder Kern zu beheben, erhal­ten bleiben soll, ist die Idee des Denkens.«

12.

Das Zitat ver­mit­telt einen Ein­druck des behar­rlichen Min­i­mal­is­mus, der in den Marxschen Schriften am Werk ist und nur eine Weise, auf Überzeu­gun­gen oder punk­tuelle Entwürfe einzuge­hen, gel­ten lässt: die langsam vor­rück­ende Bemühung, sie aus ihrer Sin­gu­lar­ität zu erlösen und dem Gang der Unter­suchung einzu­ver­leiben, – die Arbeit des Begriffs als einzig akzep­tierte Form der Erlö­sung. Was nicht heißen soll, dass er ihnen unter­schied­s­los eine fik­tive, zur umfassenden Für­sorge degener­ierte Gerechtigkeit angedei­hen ließe. Ob die Non­sen­skom­po­nente des jew­eili­gen Gedankens stillschweigend rev­i­diert wird oder dazu her­hal­ten muss, Hohn und Spott auf ihn her­abzuträufeln, das entschei­det sich anhand der Stel­lung, die ihm inner­halb der jew­eili­gen Gedanken­kette zugewiesen wurde.

Wie jedes andere pro­duziert auch dieses Ver­fahren Pointen für Insider. So ent­deckt ein aufmerk­samer Leser in der Reflex­ion­stopolo­gie gle­ich zwei Antworten auf die kit­zlige Frage, ob der Apho­ris­mus wohl zu den ern­stzunehmenden Erzeug­nis­sen des men­schlichen Geistes zu zählen sei: eine verneinende und eine beja­hende. Die Vernei­n­ung fällt drastisch aus, was nicht weiter ver­wun­dert, da der Apho­ris­mus die fortschre­i­t­ende Gedanke­nen­twick­lung, in der sich das Denken als Denken kon­sti­tu­iert, per def­i­n­i­tionem ver­weigert: »Dem Denken obliegt es, Zusam­men­hänge und For­men von Zusam­men­hän­gen als den Gedanken gen­uin zu erweisen; so hat es sich gezwun­gen, von der Form des Apho­ris­mus, das eiliges, unfähiges ›Denken‹ aus Angst vor dem Wider­spruch und zumeist in tiefem Unver­ständ­nis über ihn ist, … sich zu verabschieden.«

Das klingt objek­tiv, weil es die Sys­tem­form entwick­eln hilft, in der es gesagt wird, und weil es eine aus der Geschichte der Denk­for­men ver­traute Entwick­lung reka­pit­uliert. So groß ist unser Ver­trauen in das Schema »Entwick­lung«, dass kaum jemand seine Zus­tim­mung zurück­hält, sobald es sich mit einem an sich plau­si­blen Gedanken verbindet. Manche freilich haben den Abschied des Denkens von seinen rudi­men­tären Früh­for­men ver­paßt: »Nicht zufäl­lig haben die Pop­u­larphilosophen, wenn sie sich nicht inter­pretierend an fremde Tis­che set­zten, … oft die Insuf­fizienz zu denken zu über­spie­len ver­sucht, indem sie die galante, über­all wohlfeile und nach fast allen Seiten zu wen­dende, unverbindliche Kurz­form des Gedankens wählten.«

Ist das gerecht? Offen­sichtlich nicht, denn Apho­ris­men sind auch Abbre­via­turen, mit deren Hilfe Resul­tate eines über­aus dif­feren­zierten Denkens in neue Felder verpflanzt wer­den kön­nen, um dort ihre zer­störerische oder heil­same, auf jeden Fall pro­duk­tive Wirkung zu ent­fal­ten. Ein guter Apho­ris­mus leis­tet vielle­icht keine Arbeit, aber er sagt, was zu tun ist oder zu tun wäre und also zu tun bleibt. Auf der Höhe seiner Möglichkeiten kehrt das Denken zum Apho­ris­mus zurück, weil es anders nicht in der Lage wäre, Ein­sichten zu bün­deln. Wer es nicht glauben mag, lese die Schul­philosophen der Wolff­schen Ära – in ihnen findet er die unglaubliche Ödnis eines nur zusam­men­hän­gen­den und sich all­seits gle­ich­mäßig ent­fal­tenden Denkens. Und sage nie­mand, das liege an den his­torisch gewor­de­nen Inhal­ten. Ein »Apho­ris­tiker« wie Less­ing gewinnt sie umstand­s­los dem genießbaren Denken zurück.

Allerd­ings steht es jed­er­mann frei, sich darüber zu wun­dern, wie vieles zu jeder Zeit in sys­tem­a­tis­cher Hin­sicht zu tun bleibt. Es gibt Rän­der, an denen alle, die reinen Herzens sind, zu Apho­ris­tik­ern wer­den. Schließlich findet der speku­la­tive Gedanke selbst den Zusam­men­hang des Erdachten let­zten Endes in »ganz for­malen Invari­anten« und ver­hilft so dem Apho­ris­mus zu einer unver­hofften Ehren­ret­tung: »das Denken scheint sich let­ztlich doch so zu parzel­lieren, wie es im Apho­ris­mus seinen reinen Aus­druck findet.«

Was für das Denken gilt, das gilt in analoger Weise für das ausheck­ende Bewusst­sein. Punk­tuelle, augen­blicksver­haftete Bewußtheit schafft keine Zusam­men­hänge und bleibt unfähig, Zusam­men­hänge zu erfassen. Bewusst­sein ist die per­ma­nente Dis­tanzierung von Bewußtheit durch den »Bezug in die Ferne – durch Raum und Zeit … Die Nähe der Ferne ist das Bewusst­sein, und sonst nichts.« Das ist gegen die Bes­tim­mung der Aura als ein­ma­lige »Erschei­n­ung einer Ferne, so nah sie sein mag« geschrieben. Die Polemik ist ganz still, ganz selb­st­bezüglich, ganz selb­stvergessen: einer der Momente, in denen ein Abwehrreflex unverse­hens die ungeschützte Innen­seite eines Gedankens bloßlegt. Die Nähe der Ferne ist das Bewusst­sein; sie wäre es auch dann, wenn Lud­wig Klages mit seiner Ver­mu­tung recht gehabt hätte, es han­dle sich dabei, dies­seits von Geist und Ver­stand, um das in den Fal­ten des Bewusst­seins ver­bor­gene, sich im Erleb­nis offen­barende Geheim­nis des Lebendi­gen. Nichts, so der Gedanke, nichts gewinnt der Ein­fall, einen Gegen­stand oder eine gegen­ständlich induzierte Stim­mungslage in dieser Weise auszuze­ich­nen, dem Denken hinzu, als den irrtüm­lichen Glauben, es habe damit etwas Beson­deres auf sich – einen wohlfeilen Glauben, in dem sich die unmit­tel­bare Ergrif­f­en­heit spiegelt.

Auch bei Marx, so kann man fol­gern, täuscht sich also das Bewusst­sein über sich selbst. Es täuscht sich erstens, weil es im auratis­chen Erleb­nis einen Gegen­stand grund­los aus der Reihe grund­sät­zlich gle­ichar­tiger Objekte her­aushebt und isoliert und damit zu einem ganz beson­deren Gegen­stand umformt, während es doch, aus einem anderen Blick­winkel betra­chtet, darin nur seiner all­ge­me­in­sten parzel­lieren­den und sin­gu­lar­isieren­den Ten­denz gehorcht. Es täuscht sich zweit­ens, weil die fort­laufende Tätigkeit des Bewusst­seins, die in der Her­stel­lung und Trans­gres­sion von Erleb­nis­sen besteht, ihr eigenes Werk unun­ter­brochen stört und aufhebt. Was als Aura erscheint, ist die Ges­timmtheit des Bewusst­seins, sich selbst, i.e. seine Leis­tung anzus­taunen, als gebe es in und an den Gegen­stän­den etwas, das sie umschließt und separi­ert, ohne an ihnen selbst als sep­a­rat zu erscheinen.

Man kann das zugeben, ohne pro­gram­ma­tis­che Schlüsse daraus zu ziehen. Eine Illu­sion durch­schauen heißt nicht unbe­d­ingt, sie zu zer­streuen. Die Illu­sion, die dieser Begriff der Aura ver­birgt, ist schlech­ter­d­ings nicht zu zer­streuen. Sie zer­streut sich selbst, so wie sie sich bildet, weil sie zu einer flüchti­gen Erschei­n­ung gehört und weil sie dem Schein, der in jeder Erschei­n­ung liegt, so eng ver­schwis­tert ist, dass sie bei jedem passenden Anlaß wieder auflebt. Auch hier wal­tet Selek­tion: Aura ver­langt gehobene Anlässe, so wie nur der gute Apho­ris­mus als solcher durchgeht. Die Sel­tenheit des Ereignisses impliziert bere­its eine wer­tende Ein­stel­lung: die Schliche des Bewusst­seins liegen der schön­sten Aufk­lärung voraus und über­dauern sie ohne Einbuße.

Was der Apho­ris­mus dem Denken, das ist die auratis­che Wahrnehmung dem Bewusst­sein. Dieser bei Marx unaus­ge­sprochen bleibende Gedanke folgt einiger­maßen sin­n­fäl­lig aus der Ver­schränk­theit bei­der Per­spek­tiven. Gäbe es nur einen raumzeitlich sich fortwälzen­den Bewusst­seinsstrom, so bliebe die Leis­tung des Bewusst­seins, das zeitlich und räum­lich Ent­fer­nte einzubeziehen und im gelebten Augen­blick zu verbinden, eine beden­kliche Zugabe, und The­o­retiker wie Den­nett hät­ten jedes Recht, ihre fröh­liche Gespen­ster­jagd zu ver­anstal­ten. Erst ein aus­greifendes Bewusst­sein, das sich zum räum­lichen und zeitlichen Kon­tin­uum explizit und konkret ins Ver­hält­nis setzt, ermöglicht ein Denken, das den Gedanken­blitz, den momen­ta­nen Ein­fall in gegliederte Ver­hält­nisse über­führt, während es ohne ihn gar nicht in Gang käme.

Es ver­langt eine Phan­tasieleis­tung abseits dessen, was man ihr gemein­hin zutraut, ein solches Bewusst­sein als bloße Funk­tion biol­o­gis­cher Abläufe oder Funk­tio­nen kon­stru­ieren zu wollen. Wäre das Bewusst­sein eine Art Soft­ware, dazu bes­timmt, auf der phys­i­ol­o­gis­chen Hard­ware, die wir Gehirn nen­nen, zu »laufen«, so bliebe entweder die Frage nach der entwer­fenden Intel­li­genz (die auf den, wie der Fach­mann weiß, in entschei­den­den Punk­ten leeren Namen der Evo­lu­tion getauft ist) oder das Prob­lem der Deter­mi­na­tion: Com­puter sind Maschi­nen, die so kon­stru­iert sind, dass sie unter – bere­its entwick­el­ten oder noch zu entwick­el­nden – Pro­gram­men antizip­ier­bar funktionieren.

Es ist ein immer­hin rühren­der Gedanke, die Evo­lu­tion habe das men­schliche Gehirn so geschickt erwür­felt, dass das, was wir Bewusst­sein nen­nen, aus dem Zusam­men­wirken seiner Ele­mente unge­fähr so entspringt wie ein jugendlicher Aus­brecher der Insti­tu­tion – Heim, Schule, Eltern­haus –, die ihn zu seinem Unglück vorherbes­timmt hat. Die kon­struk­tivis­tis­che Bewusst­se­in­s­the­o­rie leis­tet sich den Luxus, zwei Gaben vom Evo­lu­tion­shim­mel fallen zu lassen, die anschließend höchst wun­der­sam – oder mehr recht als schlecht – zusam­men­passen: das biol­o­gis­che Gehirn und das Bewusst­sein. Wie der Zufall so spielt, lässt der Meis­ter des Bewusst­seins der Meis­terin des Gehirns den Vor­tritt: Seit das Bewusst­sein seine ersten zaghaften Exper­i­mente unter­nahm, soll, wie man hört, das Gehirn sich in seinem tech­nis­chen Auf­bau nicht mehr nen­nenswert verän­dert haben. Den Laien wun­dert das, da durch die Spez­i­fika­tion der Anforderun­gen des Pro­gram­mier­ers der Druck, leis­tungs­fähigere Geräte zu entwer­fen, beträchtlich zugenom­men haben müßte. Ander­er­seits steigert es seine Hochachtung vor den ent­fer­n­teren Nachkom­men ins Uner­messliche. Sie wer­den, ver­mutet er, nicht nur über das mod­ernere biol­o­gis­che Gerät, son­dern auch über ganz neue Pro­gramme ver­fü­gen. Angesichts deren schierer Möglichkeit läuft ihm jetzt schon das Wasser im Munde zusam­men, was aber eine eher atavis­tis­che Regung darstellt. Ein kleiner Blick ins Sil­i­con Val­ley der Evo­lu­tion, findet er, sollte ihm schon vergönnt sein.

Wie immer der Ver­such, die Annahme einer zweiten Evo­lu­tion – der des Bewusst­seins – neben der ersten, biol­o­gis­chen, im Wis­senschafts­ge­füge zu etablieren, aus­ge­hen wird, es bleibt der eigen­tüm­liche Ehrgeiz, zu ver­lan­gen, man müsse das Bewusst­sein von außen beschreiben, mit Hilfe von Meth­o­den, die an nicht‑mentalen Gegen­stän­den hin­re­ichend erprobt wur­den, um das Etikett ›objek­tiv‹ zu ver­di­enen, unter Ver­wen­dung einer Ter­mi­nolo­gie, die gegenüber den eigentlichen Bewusst­sein­sphänome­nen weit­ge­hend wasser­fest erscheint. Let­ztere ist wichtig, schließlich gebührt ihr das Neben­ver­di­enst, die ver­ket­zerte Intro­spek­tion und ihre Resul­tate aus dem Kreis der ern­sthaft zu erwä­gen­den Dinge auszuschließen. Nun mögen zwar die Resul­tate der Intro­spek­tion ver­nach­läs­sig­bar sein, nicht aber ist es ihre Möglichkeit, genauer gesagt, das Fak­tum der Intro­spek­tion, ohne das vom Bewusst­sein über­haupt keine Rede sein kann.

Ander­er­seits ist Intro­spek­tion ein großes und, wie so manches Große, ziem­lich missver­ständliches Wort. Alle Selb­st­beobach­tung krankt an dem Umstand, dass sie »wie von selbst« an ihrem Selbst abgleitet, um sich mit allem Möglichen zu beschäfti­gen, mit Wahrnehmungen und Gefühlen ebenso wie mit Schlussfor­men und religiösen Überzeu­gun­gen. Nur die Art der Beschäf­ti­gung setzt diese in Dis­tanz, so dass »wie von selbst« nicht bes­timmte Wahrnehmungen, das Lehrbuch­wis­sen der Logik oder eine religiöse Dog­matik zu Gegen­stän­den des Nach­denkens wer­den, son­dern unspez­i­fis­che (obwohl auf ihre Weise eben­falls spez­i­fis­che) Ein­stel­lun­gen, Bezugsweisen und die zwis­chen diesen wiederum herrschen­den Zusam­men­hänge. So geht die Selb­st­wahrnehmung ebenso behar­rlich oder zwang­haft in ein Denken über, das Schlüsse zieht, auf Voraus­set­zun­gen achtet, seine Begrif­flichkeit klärt, kurz, alle men­talen Oper­a­tio­nen in sich vere­int, die mit bloßer primärer Wahrnehmung unvere­in­bar erscheinen, ohne den Wahrnehmungaspekt deshalb im min­desten preiszugeben. Wenn es daher so etwas wie Intro­spek­tion gibt – und nie­mand, der recht bei Trost ist, dürfte daran zweifeln –, dann ist sie weder eine Meth­ode noch ihr geist­loses Gegen­teil, son­dern eine schweifende Unter­suchungsart, in der die ver­schiede­nen Bewusst­se­in­stätigkeiten und ihre Ein­heit the­ma­tisch sind, ohne dass sie im Zuge ebenso aus­greifender wie kurz­schlüs­siger Erk­lärun­gen auf anderes zurück­ge­führt würden.

Diese aber, ein­mal als das durch­schaut, was sie ist, näm­lich als eine durch keine starre »Epoché« fix­ierte oder fix­ier­bare Weise, die Dinge so zu sehen, dass immer wieder die organ­isierende Funk­tion »in den Blick« gerät, die das Bewusst­sein wie selb­stver­ständlich aus dem Umgang mit ihnen her­aus­fil­tert, weil es so und nicht anders objek­tiviert, – diese Unter­suchungsart legt zwangsläu­fig den Gedanken nahe, es könne, nach der ersten und zweiten, so etwas wie eine dritte Evo­lu­tion­sart geben: die Ent­fal­tung der Struk­turen, in denen das Bewusst­sein dem Denken in eben­dem Umfang Raum gibt, in dem es an sich selbst die gliedernde Gewalt von Zeit, Raum, Kör­per­lichkeit erfährt.

Gegenüber den anderen bei­den ist diese ein wenig im Nachteil, das Ei des Kolum­bus bleibt in ihr unauffind­bar, da der Ursprung des Bewusst­seins hier ebenso dunkel erscheint wie der Jüng­ste Tag, an dem die Trompe­ten des großen Soft­ware­herstellers den näch­sten Sys­temwech­sel ankündi­gen. Dieses Dunkel ist ihr sogar lieb und teuer; in ihm findet sie den Grund der Tätigkeit des Bewusst­seins. Wäre das Bewusst­sein in all seinen Bin­nen­beziehun­gen klar und durch­sichtig, so wäre es nicht die gle­ich­mäßig auf alle Gegen­stände sich rich­t­ende aufhel­lende Instanz, son­dern eine selb­st­bezügliche Fratze, deren Träger durch das aus­ges­per­rte Dunkel trot­tete, ohne dass ihm der schmale Strahl einer Taschen­lampe auch nur die flüchtige Ahnung eines Wegs ver­mit­telte. Die auf­scheinende Aura, der Schleier des Phan­tas­mas, den der erste Gedanke über die Gegen­stände der Wahrnehmung legt, lässt den Anfang des Bewusst­seins im Dunkel versinken, der ohne sie flächig und indif­fer­ent, man kön­nte auch sagen: nicht vorhan­den wäre.

13.

Wie immer man die Dinge dreht und wen­det: es gehört zu den abgründi­gen Fra­gen des Denkens, wie wohl »das Bewusst­sein« und »der physis­che Organ­is­mus« miteinan­der kom­mu­nizieren. Auf den ersten Blick erscheint daran gar nichts fraglich: die von den Sin­nen erhobe­nen »Daten« sind im Bewusst­sein unmit­tel­bar »gegeben«, der Hunger »meldet sich«, sobald es phys­i­ol­o­gisch an der Zeit ist, des­gle­ichen der Schmerz als Träger nicht immer leicht zu entschlüs­sel­nder Botschaften des Kör­pers an seine Psy­che – und an keine andere, was bedenkenswert genug ist. Die physis­che Welt – der eigene Kör­per eingeschlossen – steht dem Bewusst­sein weit offen, so wie es umgekehrt weiß – oder lernt –, wie es auf sie ein­wirken kann.

Wenn es eine Instanz gibt, die nichts weiter ist als Kom­mu­nika­tion – und zwar mit der Welt, die nicht Gedanke und nicht Bewusst­sein ist –, dann das Bewusst­sein. Nichts weiter, weil wir die materiellen Prozesse, auf denen es aufruht, ger­ade nicht als einen Teil des Bewusst­seins oder gar als sein »Sub­strat« anzuerken­nen bereit sind, solange uns kein Anfall von Erk­lärungssucht auf Abwege führt. Ander­er­seits weiß es – in der Weise eines mehr oder weniger unmit­tel­baren Innehabens – nur eben das Nötig­ste, um sich auf recht ober­fläch­liche Weise als Herr über seine Organe aufzus­pie­len. Bei dieser Vorstel­lung wenig­stens pflegt der Nat­u­ral­is­mus mit Vor­liebe zu ver­weilen, obwohl sich ent­geg­nen ließe, dass alles müh­sam erwor­bene physikalis­che und phys­i­ol­o­gis­che Wis­sen um die organ­is­chen Unter‑ und Hin­ter­gründe schließlich eben­falls auf die Haben­seite des Bewusst­seins gehört, das als quasi‑naturale Instanz immer ein wenig nackt und unbe­darft dasteht und sich angesichts seiner gelehrten Vet­tern und Basen in ihren avancierten Weisheiten kaum zu benehmen ver­steht und, wer weiß, vielle­icht sogar schämt.

Schon Schiller wusste allerd­ings, dass diese Scham den Wilden über den Vertreter der Zivil­i­sa­tion erhebt, weil sie auf etwas hin­deutet, was diesem fehlt. Let­zterer, so der Dichter, hat gel­ernt, sein wirk­liches Wesen vor seines­gle­ichen zu ver­ber­gen, und zwar der­art gründlich, dass es ihm selbst abhan­den gekom­men ist, da es als bloß Inner­liches seine Wirkung nur indi­rekt mit­tels höchst sub­tiler und ern­sthafter Gedanken­spiele üben kann. Während sich also der Wilde vor den anderen schämt – wofern er es nicht vorzieht, scham­los glück­lich er selbst zu sein –, schämt sich das zivil­isierte Bewusst­sein angesichts dieses anderen vor sich selbst. Es will sich nicht wahrhaben, es will zurück. Wohin zurück, das entzieht sich weit­ge­hend seiner Ken­nt­nis. Allerd­ings glauben die anderen zu wis­sen, dass es dor­thin möchte, wo es primär und ursprünglich zugeht und noch nicht mit dem Sys­tem der indi­rek­ten Zwecke und der mit ihm ver­bun­de­nen Heuchelei zu rech­nen ist, das dem redlichen Saft seine redliche Wirkung ver­weigert. Aber (es tut gut, die Klas­siker zu lesen!) Schiller glaubt nicht an diese Rück­kehr, Bewusst­sein bleibt Bewusst­sein, Wis­sen bleibt Wis­sen, und alles, was wir wis­sen, geht ein in die Kon­sti­tu­tion des Bewusst­seins, wird Struk­tur­mo­ment des Bewusst­seins und lässt sich weder mit dem Skalpell noch mit Occams Rasier­messer daraus entfernen.

Weiß das Bewusst­sein oder weiß es nicht? Falls nicht, woher wis­sen wir…? Wirft es uns in der Erken­nt­nis unserer Intel­li­genz wirk­lich um Licht­jahre zurück (und auf das Trock­ene einer The­o­rie, die mit­tels Sta­tis­tik die aus­geschlossene Innen­sicht nachträglich wieder in den Gang der Unter­suchung ein­fügt), wenn wir erfahren, dass das men­schliche Bewusst­sein, wie Exper­i­mente nahele­gen, die Zeit­folge von Sinneswahrnehmungen quasi-​automatisch umgrup­piert, sofern dies in der Sache ein­leuchtet? Dass es sich also felsen­fest an Daten­rei­hen zu erin­nern ver­mag, die so niemals »über­mit­telt« wur­den, ohne dass ein Ich die Umgrup­pierung wil­lentlich, etwa durch »Ent­larvung« oder »bewusste« Zen­sur, in die Hand nimmt? Doch nur dann, wenn die Rede vom Bewusst­seinsstrom jeden Sinn dafür ver­dunkelt, dass jene ursprüngliche Gliederung, welche die Zeit dem Bewusst­sein antut, von Anfang an, das heißt grund­los, durch das Bewusst­sein in Rich­tung auf logis­che und damit auch sach­haltige Gliederun­gen inter­pretierend über­schrit­ten wird, in denen sich ihm eine Welt erschließt, die auf der bloßen Zeitsch­iene, im Blit­zlicht­ge­wit­ter der Impres­sio­nen, über­haupt nicht vorhan­den ist.

Was die nat­u­ral­is­tis­che The­o­rie des Bewusst­seins »selek­tive Wahrnehmung« nennt, teilt mit der biol­o­gis­chen Selek­tion, der das Bewusst­sein seine Entste­hung »ver­dankt«, nur das Wort. Dass sie wirk­lich »unbe­wusst«, ohne Ein­mis­chung eines von allen Seiten ange­fein­de­ten Ich von­stat­ten gehen soll, ver­wun­dert insofern, als dieses als ange­blich deklar­i­erte Ich ohne­hin in seinem Herkom­men unerk­lär­lich, in seinen Funk­tio­nen ungewiss und in seiner Exis­tenz fraglich geheißen wird. Wenn man das Ich prinzip­iell als dunkel, wenn man seine selb­st­bezügliche Struk­tur aus logis­chen und empirischen Grün­den als wesentlich unfix­ier­bar erachtet, dann sollte man wenig­stens die Dunkel­heit von Prozessen, in denen das Bewusst­sein zweifel­los eine Rolle spielt, nicht als zusät­zliches Argu­ment gegen seine ein­greifende Aktiv­ität ins Feld führen. Sollte aber dort, wo bere­its min­i­male Bewusstseins-​elemente im Spiel sind, auch ein rudi­men­täres Selb­st­be­wusst­sein (das ja kein nachträgliches Implan­tat sein soll) in Funk­tion treten, dann mögen die Ergeb­nisse von Selek­tion, ergänzen­der Wahrnehmung und umschich­t­en­der Erin­nerung für unser biol­o­gis­ches Erbe sprechen – woran wür­den wir es sonst erken­nen? –, keineswegs aber tritt in ihnen das Bewusst­sein als bloße Funk­tion von Prozessen in Erschei­n­ung, die selbst nicht Bewusst­sein genannt wer­den dür­fen. Ein Bewusst­sein ohne Ich ist nicht nur eine Flasche ohne Inhalt, son­dern eine Flasche in einer Welt, in der nie­mand da ist, der mit einer Flasche umzuge­hen wüsste.

14.

Das Befremdliche des Bewusst­seins besteht nicht darin, dass es sich nat­u­ral­is­tis­chen Ausle­gun­gen ver­weigert, son­dern dass es so und nicht anders existiert. Die Frage lautet daher, ob sich The­o­rien finden lassen, die diese Befremdlichkeit aufnehmen und sich an ihr steigern, so dass am Ende nicht irgen­deine dürftige oder när­rische Zweck­erk­lärung her­auskommt, eines der Schlupflöcher, durch die der Real­is­mus nach Belieben ein‑ und auszieht, auf dass des gemütlichen Betatschens kein Ende werde. In dieser Hin­sicht sind die ersten zwei­hun­dert Seiten der Bewusstseins‑Welten einer der befremdlich­sten Texte der Philoso­phie zu nen­nen. Die Auf­gabe, der sich das reflek­tierende Bewusst­sein dort ver­schreibt, ist die Durch­dringung der Opakheit des unmit­tel­baren Welt­bezugs, insofern das Bewusst­sein ihm bere­its ent­fremdet ist, wann immer es seine Welt zu ord­nen beginnt, und ihm daher als dem in ihm liegen­den Frem­den begeg­net. Der intellek­tuellen Durch­dringung kommt die Ent­fal­tung der Struk­tur­mo­mente im Bewusst­sein teils ent­ge­gen, teils zuvor.

Durch das Set­zen von Dis­tanz ent­geht das Bewusst­sein über­all der Unmit­tel­barkeit, ohne sie deshalb – außer in einem sen­ti­men­tal­is­chen Sinn – zu ver­lieren. Die The­o­rie des Bewusst­seins gebraucht ihrer­seits den unaus­ge­set­zten Bezug auf sie als Vehikel – i. e. als »Idee« – der eige­nen Fort­be­we­gung. Den­noch bleiben die reflek­tierende Erschließung des Bewusst­seins und die Genese dieses Bewusst­seins getren­nte Größen. Stets ist von bei­den Seiten mehr im Spiel als der alleinige Stand der Entwick­lung. Daran mag es auch liegen, dass der geneigte Leser am Duk­tus der Unter­suchung ein Gegen­stück zur Alter­slosigkeit des Proustschen Erzäh­lens zu erken­nen glaubt. In der Unbe­darftheit des analysierten Bewusst­seins findet sich die kat­e­go­ri­ale Reife – sprich Dif­feren­ziertheit – des ana­lytis­chen Bewusst­seins ebenso wieder wie seine anfängliche Lust auf Neues und bis­lang Uner­schlossenes: die Welt des Geistes liegt in ihr ver­schlossen zutage wie beim ersten Kontakt.

Was an der Ent­fal­tung des Bewusst­seins notwendig ist oder sein kann, hat mit Logik insofern zu tun, als es bere­its in seiner rudi­men­tären Ver­fas­sung unter dem Zwang ste­hend gedacht wird, mit der Aus­bil­dung ele­mentarer Kat­e­gorien wie Zeit und Raum Struk­turen zu entwick­eln, in denen sich etwas wie Denken, wenn auch zunächst in seinen krud­esten Bes­tim­mungen, zu regen beginnt. Die nöti­gende Instanz des Bewusst­seins ist die Zeit, nicht die reine Zeit, die unter dem Dach des unmit­tel­baren Welt­bezugs nicht begrif­fen wer­den kann, son­dern die drei­di­men­sional gegliederte, die ver­möge der Kopräsenz ihrer Dimen­sio­nen – Ver­gan­gen­heit, Gegen­wart, Zukunft – im Jet­zt­punkt »kon­trahiert« ist. »In ihm sind – streng genom­men – alle Augen­blicke, da sie nicht in der Zeit Abstand voneinan­der haben, da die Zeit nicht in der Zeit ist bzw. ver­läuft, kopräsent; und diese Kopräsenz ist der Raum als das gle­ichgültige Zusam­men aller ›Punkte‹, die sich unendlich abstand­s­los alle in Einem berühren, so die Weite des Raums als die des Augen­blicks gewähren lassen.« Raum und Zeit set­zen (als gedachte) wiederum Dis­tanz voraus: het­ero­gene Dis­tanzen dies­mal im Unter­schied zur unaf­fizierten Dis­tanz, die in allen Gedanken­ver­hält­nis­sen anzutr­e­f­fen ist.

Dass Bewusst­sein kein Jungfern­häutchen ist, durch das man nach Gusto zur Funk­tion­al­ität der physikalis­chen Welt‑Dinge vorstoßen kön­nte, wird kaum irgendwo so deut­lich wie auf dem Feld der Speku­la­tion über Raum und Zeit. Zugle­ich ist kaum irgendwo die physikalis­che Dimen­sion von Bewusst­se­in­s­the­o­rie greif­barer: nicht im Sinne der verge­blichen Reduk­tion von Bewusst­sein auf Physis, son­dern in der erfol­gre­ichen Verknüp­fung mit physikalis­cher The­o­rie. Dafür finden sich Beispiele. »Wenn das Her­vorge­hen der Gliederung, d.i. let­ztlich die Dimen­sion­ierung von Raum und Zeit in ihrer het­ero­ge­nen Dis­tanz und so den het­ero­ge­nen Dis­tanzen grün­det und dies so, dass diese ihrer­seits unselb­ständig sind, den Grund ihrer Möglichkeit in jener haben, dann ist es klar, dass zwar nicht die Zeit, wohl aber Zeit als zur Dimen­sion gegliederte Ver­lauf­szeit ist; das aber bedeutet, dass diese for­mal immer sich gle­ich bleibt – ›ewiger‹ Ablauf im Nacheinan­der und und unaufhör­liche Ver­schiebung in immer offene Zukunft –, insofern sie aber im Ver­laufenden grün­det, von diesem auch qual­i­ta­tiv abhängt. So erk­lärt sich die Dila­tion der Zeit: Von den Dis­tanzen, ihrem Ver­hält­nis im Raum zueinan­der und von ihrer für das Maß ihres Auf­baus und im Auf­baukon­text aller Dis­tanzen kon­sti­tu­tiven Bewe­gung bzw. Bewe­gungsen­ergie hängt die je konkrete Zeit­gliederung ab.«

Die Aus­bil­dung eines über das augen­blick­liche Gesichts­feld, von einem geschichtlichen Zeit­punkt an über die eigene Gat­tung und den kos­mis­chen Ort ihres Beste­hens hin­aus­re­ichen­den Zeit‑Raum‑Bewusstseins ist eine Evo­lu­tion im Denken, mit Mit­teln des Denkens, auf seinen eige­nen Wegen. Das ist keine sehr rev­o­lu­tionäre Erken­nt­nis, aber die Langeweile, die sie erzeugt, unter­schei­det sich nicht sub­stantiell von der Langeweile des all­mor­gendlichen Auf­ste­hens, Duschens, Anklei­dens und so fort – wer sie fürchtet, darf auch ein­mal im Bett bleiben, ohne Hoff­nung, ihr dadurch dauer­haft zu ent­ge­hen. Neben­her ruft der Ver­gle­ich ins Gedächt­nis, dass die dynamis­che Ent­fal­tung des Denkens in einem mess­baren Raum und einer mess­baren Zeit neben den Pro­duk­ten des Geistes auch gle­ich­bleibend schlichter Inzi­ta­mente bedarf. Die The­o­rie spart diesen Aspekt nicht aus. Im Gegen­teil, ihr ist der Gedanke geläu­fig, dass allen Facetten des aus­ge­bilde­ten Welt­be­wusst­seins spon­tane Abschiede eingeprägt sind. Das unent­fal­tete Bewusst­sein liegt jenem nicht ein für alle­mal voraus, son­dern entlässt aus sich noch den ger­ing­sten aller Aufbrüche.

Dass, glaubt man dem Denker, es dabei wenig lustvoll zugeht, liegt auch an den ange­führten Beispie­len: der momen­tane Schmerz, das plöt­zliche Erschrecken sind überzeu­gende Gliederungsreize, zu denen sich absichtsvoll die »reine« Trauer des Bewusst­seins über das unwieder­bringlich Ver­gan­gene hinzuge­sellt, in der sich seine Zeit als der Grund seiner Selbst‑ und Fremd­beziehung man­i­festiert. Hier wirkt die alte Klage über die Ent­frem­dung der Seele von sich selbst in der ratio­nal durch­drun­genen Welt nach, die Marx noch in der Ironie kon­serviert. Demge­genüber fallen Beispiele wie die über­raschende Erek­tion oder der erre­gende Zufalls­fund unmit­tel­bar ab. Doch sollte man neben der unableg­baren Trauer das tiefe Gefühl des Ein­ver­standen­seins und der Erle­ichterung, das mit dem Erwachen des Bewusst­seins ein­herzuge­hen pflegt und das auch Selb­st­mörder nicht völ­lig abzule­gen ver­mö­gen, nicht in Vergessen­heit ger­aten lassen. Die Freuden des Geistes ver­lan­gen keine gereifte Welt­sicht, sie erheben sich aus Schlaf und Traum.

Den­noch: die Notwendigkeit, die der philosophis­che Gedanke an den For­men des im unmit­tel­baren Welt­bezug ver­sunke­nen Bewusst­seins kon­sta­tiert, gle­icht jener der Not abge­drun­genen Wendigkeit eines aufs Trock­ene gewor­fe­nen Fis­ches, der es ohne Zweifel vorziehen würde, in dem ihm gemäßen Ele­ment eine ruhige Bahn zu ziehen. Das besagt, dieser Teil der Analyse steht unter dem Dik­tat nicht allein der Ent­frem­dung (das wäre zu ver­schmerzen), son­dern auch der man­gel­nden Fremd­heit des Analysierten. Der unmit­tel­bare Welt­bezug ist immer da, er ist Teil auch des reflek­tierten Bewusst­seins, das seine Befremdlichkeit erst ent­deckt, sobald es aus method­is­chen Grün­den von ihm abzuse­hen ver­sucht. Eine Bewusst­se­in­s­the­o­rie, die nicht unter der fixen Vorstel­lung lei­det, einen nur sehr bed­ingt all­t­agstauglichen Pro­to­typ anstelle des fer­ti­gen Mod­ells unter­schieben zu müssen, enthält auch dort, wo sie »erste Regun­gen« the­ma­tisiert, bere­its das voll ent­fal­tete Weltver­hält­nis als Darstel­lungsper­spek­tive und ‑hin­ter­grund. In ihm ist die Gedanke gewor­dene Wirk­lichkeit nicht als etwas anderes oder ganz fremdes, son­dern als Eigen­pro­dukt des Bewusst­seins mitgedacht. Das impliziert aber, dass es grund­sät­zlich gle­ichgültig ist, von welcher Stelle die The­o­rie des Bewusst­seins ihren Aus­gang nimmt. Das Bewusst­sein taugt nicht für Gene­sen, die immer zu kurz aus­fallen, weil es selbst der Grund für gedankliche Gene­sen aller Art ist.

15.

Dass es sich bei alle­dem um Bewusst­sein­swel­ten und nicht um eine Welt des Bewusst­seins han­delt, ist dem Gedanken der zwangsläu­fi­gen Parzel­lierung des Denkens ebenso geschuldet wie dem Umstand, dass sich das Bewusst­sein unter­schiedliche Wel­ten schafft. Das Bewusst­sein? Eine mythis­che Vorstel­lung. Eher noch ließe sich sagen, die vie­len Bewusst­seine mod­i­fizierten ihre doch sehr unter­schiedlichen Wel­tentwürfe im wech­sel­seit­i­gen Aus­tausch auf ein Ziel hin – die eine gemein­same Welt. Auch diese Rede wirkt prob­lema­tisch, da das Ziel unerr­e­ich­bar bleibt und unerr­e­ich­bar bleiben muss, insofern das Bewusst­sein unab­d­ing­bar Einzel­be­wusst­sein, Ich­be­wusst­sein ist und bleibt. Das einzelne Bewusst­sein beginnt, es sam­melt sich aus dif­fusen Anfän­gen, es bildet sich in Konkur­renz gegen andere, es über­holt sich selbst und bleibt stets, sieht man von tiefge­hen­den Iden­titätsstörun­gen ab, völ­lig davon überzeugt, seine Anschau­un­gen repräsen­tierten »die Welt«. Und das gilt nicht bloß im vor­wis­senschaftlichen Raum: die Welt des Moleku­lar­biolo­gen unter­schei­det sich von der Welt des Sozi­olo­gen, der nebe­nan seinen näch­sten Sym­po­siums­beitrag vor­bere­itet, nicht nur mar­ginal und nicht nur in Ausübung seiner Wis­senschaft, son­dern ele­men­tar und bis ins Unter­fut­ter der pri­vaten Gesin­nun­gen hinein. Die Fortschritte seiner Wis­senschaft sind die seinen, während er jahraus jahrein der Überzeu­gung frönt, »die Welt« sei eine völ­lig sta­bile Größe, über die man sich mit seinen Mit­men­schen prinzip­iell müsse eini­gen können.

Wie auch sonst? Ohne das tief­sitzende Bedürf­nis, »sich zu eini­gen« (oder »die Sache auszufechten«, was eine andere Weise wäre, sich zu ver­ständi­gen), ver­löre diese Welt von einem Augen­blick auf den anderen allen Zusam­men­hang und alle Sta­bil­ität, sie ver­sänke in jenem Abgrund der Gle­ichgültigkeit, in dem die Maschinchen des von Den­nett gle­ich­falls ange­führten Bewusst­sein­skon­struk­teurs Brait­en­bach aller­lei putzige Kom­man­dos aus der Polit­sphäre (»vor­wärts«, »rück­wärts«, »auswe­ichen«) aus­führen und Bewusst­sein spie­len, ohne in ihren Schaltkreisen den Sinn für die Komik ihres Tuns vorzufinden, der ihren Erfinder so sicht­bar leitet. Über­haupt dürfte der Sinn für Komik das wichtig­ste Mit­tel gegen das hem­mungslose Auseinan­der­driften der Bewusst­sein­swel­ten sein: Lachen eint, ohne zu einigen.

Die Rede von der einen Welt ist eine utopis­che Rede. Das zuzugeben fällt angesichts der Erfahrung begren­zter Ressourcen und glob­aler Aktion­sräume nicht leicht. Der Irrtum, der sich hier ein­mis­cht, ist leicht auszuräu­men. Er beruht auf der Ver­wech­slung kalkulierter Zusam­men­hänge mit Realver­hält­nis­sen, die auf keine Weise (es sei denn als Idee) »im Bewusst­sein« oder »in Gedanken« gegeben sind. Das mag schade sein. Aber es ist die Grund­lage der Frei­heit des Sub­jekts, das im anderen Fall von seinen ihm unendlich frem­den Wirk­lichkeiten erdrückt würde. Auch der Hin­weis auf die eingeschränkte Kapaz­ität der Sys­teme, die Welt nur als Grenze (»Umwelt«) zulässt, trifft den Sachver­halt nur begrenzt. Er unter­stre­icht die Ver­wech­slung und erliegt ihr doch. »Kom­plex­ität­sre­duk­tion« ist ein nicht son­der­lich überzeu­gen­des Erk­lärungss­chema, sobald man es nicht auf einzelne Bewusst­sein­sphänomene, son­dern auf Bewusst­sein schlechthin anzuwen­den beginnt. Selb­ster­hal­tung und Ressource­naneig­nung, ver­standen als Pos­ses­sivver­hält­nisse, die sich in jedem Weltver­hält­nis antr­e­f­fen lassen, sind Modi oder Ten­den­zen des Bewusst­seins, aber sie definieren es nicht. Solange die Dif­feren­zierungspo­ten­tiale des Sub­jekts als Ent­d­if­feren­zierungsstrate­gien missver­standen wer­den, bleibt die Kom­plex­ität der Welt, salopp gesprochen, ein hohler Darm.

Anschlussfähig hinge­gen ist eine solche The­o­rie schon. Die Betra­ch­tung von Wis­senschaft als Ressource gilt als angenehm kühl und rechen­haft, man glaubt damit dem Nüt­zlichkeitssinn von Spon­soren und öffentlich‑rechtlichen Geldge­bern zu schme­icheln. Inner­halb der Wis­senschaften ver­schafft sie der Förderung prak­tisch aus­gewiesener Ressourcen einen absur­den Stel­len­wert. Die Fol­gen sind bekannt. Die Allianz von ver­di­en­ter Rou­tine und gesun­dem Anschaf­fungssinn bes­timmt das ver­füg­bare Wis­sen bis in seine fein­sten Verästelun­gen hinein. Ver­ständlicher­weise begün­stigt das all­ge­meine Erwartungsklima keine Diszi­plinen, von denen sich nie­mand – soll heißen, kein Investor – etwas erwartet. Den Unab­hängigkeitssinn fördert es nicht: Der antizip­ierte Erwartungs­druck ver­wan­delt wirtschafts­ferne Fächer und Fächer­grup­pen in eifrige Pro­duzen­ten von »Bewusst­sein«. Das lässt sich steuern.

An der­lei Mech­a­nis­men bekun­det sich die Härte einer Real­ität, der sich keiner entziehen kann. Man sollte daran denken, sooft gen­er­al­isierend von der mod­er­nen Wis­senschaft die Rede ist. Die offe­nen Hor­i­zonte wer­den durch Vor‑ und Zugaben aller Art nicht etwa zugestellt, son­dern gespiegelt. So kann man fast sicher sein, nicht allzu weit zu kom­men, wenn man sich auf sie zube­wegt. Auch in dieser Hin­sicht lässt Rorty sich seine Posi­tion etwas kosten. Eine Kul­tur ohne Zen­trum ist eine Kul­tur, in der manche das Sagen haben, während die meis­ten sich gerne reden hören. Sie »akzep­tieren die Entwick­lung«, die anderen haben dazu keinen Grund.

Jeder, der guten Wil­lens ist und über die nöti­gen Mit­tel ver­fügt, kann sich durch redliche Anpas­sungsleis­tung ein »Bewusst­sein« erar­beiten, das eine Reihe von gehobe­nen Stan­dards erfüllt. Eine solche medi­al­isierte – und medi­atisierte – Bewusst­seinss­ch­ablone rückt das Gaukel­bild der einen Welt schon in greif­barere Nähe. Die Übergänge sind glei­t­end. In der »sich sozial ein­ver­mit­tel­nden Selb­st­fix­ierung«, wie Marx die unabläs­sige Nöti­gung des Sub­jekts nennt, sich inner­halb seiner Mitwelt einzurichten, ist die Fremd­fix­ierung enthal­ten wie Jonas im Wal. Das beginnt bei der Sprache, es setzt sich über Arbeit, Sex­u­al­ität und Besitz fort bis in die Intim­ität des Bedürfnisses hinein, »etwas wer­den« zu wollen. Und da ist noch etwas: die Forderung einer Kul­tur (der umgeben­den und der inter­nal­isierten) an den einzel­nen, sich ver­füg­bar zu hal­ten, ver­füg­bar zu sein – eine ethis­che Forderung, die vor keiner selb­st­ge­fer­tigten Grenze des Ich halt­macht –, erlaubt dort, wo sie sich ein­hängt, als Gegen­strate­gie nur die Notwehr, in intellek­tueller Hin­sicht die blinde Reserve. Nur ein grund­loses Nein lässt sich nicht aushe­beln. ›Ich habe meine Gründe‹ heißt zunächst ein­mal: ›Ich möchte mich nicht äußern‹. Es heißt aber auch: ›Ich anerkenne die Über­ma­cht eurer Gründe.‹ Vor die Wahl zwis­chen zweier­lei Selb­st­preis­gaben gestellt (so sagt mein Gefühl), entscheide ich mich für die Preis­gabe des sozialen Ich in diesem beson­deren Fall. Aber das soziale Ich ist keine Haut, die man abstreifen kön­nte. Tat­säch­lich zieht das Sub­jekt nur den Zusam­men­bruch einiger seiner Fix­ierun­gen dem anderer vor. Das ist möglich, weil Selbst‑ und Fremd­fix­ierung bei Bedarf ineinan­der umschla­gen kön­nen, weil sich das Selbst besten‑ und schlimm­sten­falls in und aus Zusam­men­brüchen erneuert.

Der mod­erne Jonas ver­fügt über Mit­tel, den Wal durch einen mächti­gen Zauber zeitweilig zum Ver­schwinden zu brin­gen. »Dieser Ver­lust, wenn er denn ein­tritt, macht sich deshalb eigen­tüm­lich unsicht­bar, weil er nicht erfahren wird als Aufhe­bung oder Still­stand der Reflex­ionspo­ten­tiale, obwohl er darauf hin­aus­läuft, son­dern – im Gegen­teil – als Bele­bung, als sichere und sich­ernde Ein­bet­tung in die diversen über­greifenden Dimen­sio­nen, in denen Artiku­la­tion und Aus­bre­itung als dif­feren­zierte, aus­ge­fal­tete Medi­al­isierung des konkreten Sub­jekts möglich wer­den kön­nen, und als Steigerung der eige­nen Kraft im Zusam­men­hang geliehener, beanspruchter Leis­tun­gen der beste­hen­den kul­turellen Ver­mit­tlun­gen.« Was will man mehr.

16.

Wenn das so ist – und es gibt wenig Gründe, daran zu zweifeln –, dann sollte jeder Gedanke, der damit koket­tiert, den »Forderun­gen der Gegen­wart« zu genü­gen, äußer­stes Mis­strauen auf den Plan rufen. Denn diese Forderun­gen sind in dem Maße dif­fus, in dem sie inner­halb ver­schiedener Wel­ten, also aus vielfälti­gen und jew­eils unter­schiedlich erlebten Aktu­al­itäten her­aus, aufgestellt und bekräftigt wer­den. Zudem sind sie im Kern plural, denn sie betr­e­f­fen den einzel­nen auf höchst unter­schiedliche Weise. Wie die eine Welt ist auch die eine Gegen­wart eine Meta­pher für etwas, das es nicht ein­fach gibt, obwohl – ein wichtiger Zusatz! – Bedarf existiert. Die »wohlge­formte Psy­che« nimmt den Umstand gelassen: immer­hin erkennt sie die Zeichen seel­is­cher Defor­ma­tion bei denen, welche die eigene Per­son so mit dem Welt­lauf verquicken, dass sie die Dif­ferenz zwis­chen Forderun­gen, welche eine notge­drun­gen per­son­zen­tri­erte Gegen­wart an sie stellt, und Forderun­gen, die »im Raum ste­hen«, weil sie dort »von anderer Seite« deponiert wur­den, nicht mehr empfinden und einkalkulieren.

Was die Gegen­wart fordert, bes­timme ich: dieser Satz – und er allein – bringt mit einem Zauber­schlag alle Schwierigkeiten zum Ver­s­tum­men, in die sich der einzelne durch das unen­twegte Hinein­hören in die Aktu­al­ität und den Gehor­sam gegenüber dem Zeit­geist (gle­ichgültig darum, welche seiner Zyklen er zur Ken­nt­nis nimmt und welche er als »bloß modisch« abtut) ver­strickt. Man muss diesem Satz nur alles Hochfahrende nehmen und ihn im ana­lytis­chen Sinn ver­ste­hen. Die Forderun­gen der Gegen­wart bleiben unbes­timmt, solange nicht der einzelne seine Aktu­al­ität bes­timmt, und er ist gut beraten, wenn er sich des Per­spek­tivis­mus bewusst bleibt, der die Grund­lage einer solchen Oper­a­tion bildet. Was Wolf­gang Marx über die Geschichte schreibt, gilt sin­ngemäß auch für die Gegen­wart: »Die Welt­geschichte in ihren ver­schiede­nen Dimen­sio­nen ver­mag kein Gesetz ihrer Entwick­lung preiszugeben, weil sie keines hat.« Die Gegen­wart ver­mag keine all­ge­meinen Forderun­gen zu stellen, weil sie toto coelo fordern­den Charak­ter hat.

17.

Wie jede Real­sys­tem­atik ruft auch die des sub­jek­tiven (oder »per­son­alen«) Geistes nach dem Wider­spruch. Warum so? Warum nicht anders? Warum über­haupt? Über die let­zte Frage entschei­det der Wille zum Sys­tem. Wo er nicht vorhan­den ist, kann er durch keine gedankliche Oper­a­tion her­beigeza­ubert wer­den. Schw­erer fällt es, auf die bei­den anderen eine befriedi­gende Antwort zu geben. Wie eh und je fasziniert die Hegelsche Lösung, weil sie allen Antworten aus der Mot­tenkiste vorhan­dener Ken­nt­nisse die Anerken­nung ver­sagt. Die Lösung liegt im Denken selbst. Dort aber liegt sie (und nicht erst seit Hegel) auf Eis. Weit ent­fernt davon, Gründe beizubrin­gen, warum »unsere Welt« so und nicht anders struk­turi­ert sei, fällt es dem Denken leicht, tausend Gründe beizubrin­gen, warum sie anders gedacht wer­den kann und gedacht wer­den kön­nen muss. Jeder Vorschlag kommt als Über­bi­etung, er enthält die Bewe­gung der Über­bi­etung und reizt dazu, sich an sie als das einzig Sta­bile des the­o­retis­chen Spek­takels zu halten.

Bleibt die Schwierigkeit, wie sta­bil das Sta­bile gedacht wer­den kann, um das Kri­terium der prinzip­iellen Beweglichkeit zu erfüllen. Wer die rel­a­tive Sta­bil­ität der Welt in der Dynamik ihrer Prozesse behauptet, muss auch den zweiten Schritt gehen (und Marx geht ihn, wie gese­hen, ohne zu zögern): Er muss die Wis­senschaft als den Ort, an dem diese Dynamik nicht nur im Denken erscheint, son­dern fixe Gestalt annimmt, an dem sie zu Insti­tu­tio­nen, Ein­stel­lun­gen und Tex­ten gerinnt, in ihrer faktisch‑gegenwärtigen Aus­prä­gung – als Stand der Forschung etc. – hin­nehmen und damit noch die eigene Posi­tion am Rande des Geschehens gutheißen und bekräfti­gen. Die Unhin­terge­hbarkeit der Wis­senschaften, das ist unter den der Phan­tasie geschulde­ten Forderun­gen der Gegen­wart die eine, die alle anderen in ihren Bann zieht und let­ztlich aufzehrt. Sie allein ver­schafft dem Philosophen die Möglichkeit, den Fak­tor »Sta­bil­ität« auf ein for­males Min­i­mum zu reduzieren und auf eine pro­jek­tive Gesamtheit von Weltver­hält­nis­sen auszudehnen. Der Wider­spruch, dem er damit ent­geht, liegt auf der Hand – Dynamik und Sta­bil­ität bedin­gen einan­der und stoßen einan­der ab.

Aber ent­geht er ihm wirk­lich? Wieviel ist eine immer rel­a­tive Sta­bil­ität wert, wenn in und unter ihr das Bedürf­nis keimt, die unver­mei­dlichen Zusam­men­brüche zu antizip­ieren? Was bedeutet angesichts insta­biler Bedeu­tun­gen das Bedürf­nis nach Sta­bil­ität? Wie die Rede von der einen Welt und der einen Gegen­wart zeigt, ist es durch ein the­o­retis­ches Kon­strukt allein nicht zu befriedi­gen. In ihm paart sich das Ver­lan­gen nach sta­bilen Ver­hält­nis­sen dies‑ oder jen­seits des bloß Gedachten mit dem Ver­dacht, etwas am rest­los dynamisierten Denken sei nicht reell. Ein vages Ver­lan­gen und ein vager Ver­dacht – den­noch sind beide so unz­er­reißbar wie die Son­nen­fä­den, an denen das indi­vidu­elle Bewusst­sein momen­tweise sein Eins‑ und Ander­s­sein erfährt.

Der Nat­u­ral­is­mus, diese Hex­enküche des sich als Fortschritt tar­nen­den Ressen­ti­ments, führt das Ver­lan­gen und den Ver­dacht zusam­men. Darin liegt das Geheim­nis seines Erfolges. Im Han­dum­drehen ver­wan­delt er den Ver­dacht in Gewis­sheit und befriedigt so das Ver­lan­gen. Was alle anthro­pol­o­gis­chen Primärbes­tim­mungen vom Hetz‑ und Flucht­tier über den »homo reli­gio­sus« und »homo faber« hin zum »homo com­pen­sator« und »con­se­cra­tor« so lächer­lich ausse­hen lässt, ist weniger ihre konkur­ri­erende Vielfalt als vielmehr der abgründige Ernst, mit dem jede von ihnen dieselbe grundle­gende und gar nicht aufzulösende, vielmehr nur noch auszule­gende und in den realen Auf­bau der men­schlichen Welt auseinan­derzule­gende Bedeu­tung für sich beansprucht: Real­sys­tem­atik als Real­satire. Der Ernst ist entschei­dend. Er gilt dem Bedürf­nis und antwortet ihm aus vollem Herzen. Nie­mand über­hört den Ton, der in Erst­bes­tim­mungen mitschwingt. Er gibt der Seele Laut, und sie antwortet ihr freudi­ges Ja.

Wie anders? Das ein­holende Denken, das darauf verzichtet, den Auss­chluss von Optio­nen zu prak­tizieren, und »gelassen« den Punkt zu bes­tim­men untern­immt, an dem sich ihr Erk­lärungspo­ten­tial erschöpft, ein solches Denken trägt wohl der Dynamik intellek­tueller Entwürfe Rech­nung. Im gle­ichen Zuge verurteilt es sich dazu, den divergieren­den Entwür­fen den Vor­tritt zu lassen und erst reak­tiv in Erschei­n­ung zu treten. Auch darin steckt eine Form der Über­bi­etung. Allerd­ings eine, die vorgibt – und sie hat gute Gründe dafür –, nichts weiter zu leis­ten als den Akt der reflex­iven Durch­dringung, der die Grundlin­ien auszieht, auf denen sich Wis­sensakku­mu­la­tion in ihrer jew­eili­gen Gegen­wart vol­lzieht. Dem im Bann des Nat­u­ral­is­mus reflek­tieren­den Bewusst­sein sagt das nur eines: Der Tran­szen­den­tal­is­mus weiß es nicht besser. Schlim­mer, er bietet dort keine Hilfe, wo jed­er­mann ihre Notwendigkeit ein­sieht. Die realen Wis­senszuwächse, von ihm freudig begrüßt, kom­men ohne ihn zus­tande. Wo also liegt der Gewinn?

Wer die Dynamik des Denkens zu the­ma­tisieren untern­immt, sieht sich unauswe­ich­lich mit dem Para­doxon kon­fron­tiert, dass der angreifenden Wucht des Dif­feren­zierungsver­lan­gens, dem habituell gewor­de­nen Bedürf­nis nach Dynamisierung des Wis­sens und seiner Aus­drucks­for­men die vorhan­de­nen Wis­sens­bestände und ‑konzep­tio­nen als behar­rende, gewis­ser­maßen kon­spir­a­tive Ele­mente ent­ge­gen­ste­hen. So absurd es wäre, aus den Null­sum­men­spie­len, die von gewieften Wis­senschaft­stak­tik­ern zu gewonnenen Schlachten an der glob­alen Enträt­selungs­front erk­lärt wer­den, den Schluss ziehen zu wollen, Wis­senschaft selbst sei bloß der Hokus­pokus der Mod­erne, auf­fäl­lig bleibt das Auseinan­der­driften der Entwick­lungskur­ven neuar­tiger The­o­rien und jenes geschäftsmäßi­gen Vor­rück­ens der Nor­mal­wis­senschaft, das sich in der Ver­mehrung der Zahl der Objekte und der ihnen gewid­me­ten Unter­suchun­gen zur Schau stellt, schon.

Man kann dafür nicht bloß das »faule wis­senschaftliche Bewusst­sein« an den Pranger stellen, das »sich stolz und eitel gemacht hat in der Beherrschung von Kleinigkeiten und die Pres­tige­sahne scham­los genießt«. Es scheint über­haupt, dass man das Prob­lem noch nicht genü­gend im Blick hat, solange man Anstoß nimmt. Die Felder des Wis­sens sind nor­maler­weise besetzt und die Entwick­lungskur­ven des Indi­vid­u­al­be­wusst­seins und des the­o­retis­chen – wie auch des prak­tis­chen – Wis­sens selbst sind schlech­ter­d­ings nicht zu syn­chro­nisieren. Da dieses Wis­sen aber nur im indi­vidu­ellen Bewusst­sein erscheint, kommt let­zteres ganz von selbst zu verkehrten Annah­men über sich und den Welt­lauf. Nimmt man es genau, so ist ger­ade das wis­senschaftliche Bewusst­sein notwendig falsches Bewusst­sein, weil es auf den Fak­tor der indi­vidu­ellen Erfahrung nicht Verzicht leis­ten kann, obwohl er den auf das Gegebene, den reinen Stand der wis­senschaftlichen Dinge, gerichteten Blick ablenkt und damit verfälscht.

Doch nicht genug: weit eher als das nor­male, das »faule« wis­senschaftliche Bewusst­sein, das sich seiner Ver­legen­heit bewusst bleibt, steht das recht­mäßige Idol des Neuer­ers unter dem Ver­dacht, den wirk­lichen Vorstoß auf unbekan­ntes Gelände, der sich mit seinem Namen verbindet, dadurch neg­a­tiv wettzu­machen, dass es die auf sein Pro­jekt fokussierten Kräfte zur Teil­habe an seinen Idiosynkrasien ein­lädt und verpflichtet. Dies vorzugsweise dann, wenn die freiset­zende Bewe­gung des Denkens den Zenit über­schrit­ten hat und die erschöpfende Selb­stre­al­isierung der indi­vidu­ell geprägten Form bere­its ganz anderen Göt­tern huldigt. Dabei ist es dieses Gedränge, das die Nach­fol­gen­den – und nicht nur sie – motiviert und zusam­men mit dem ver­achteten Betrieb das Fortleben der Insti­tu­tio­nen sichert. Die Kräfte des einzel­nen verzehn­fachen sich im Gedränge, um nicht zu sagen durch das Gedränge, und wer­den zu neun Zehn­teln von ihm aufgezehrt. Allein in der etwas anderen Zusam­menset­zung des let­zten Zehn­tels liegt der Gewinn.

Die Beru­fung auf das Fak­tum der Wis­senschaft hat wie die auf die Sprache oder die Mark­twirtschaft etwas Zwei­deutiges und sogar Zer­störerisches. Zwei­deutig ist sie deshalb, weil sich selb­stver­ständlich immer eine entwick­el­tere oder weniger entwick­elte Wis­senschaft als die vorge­fun­dene denken lässt, ebenso wie eine ratio­nalere oder weniger ratio­nale Form des Mark­tes. Das Fak­tum, kaum gewon­nen, zer­rinnt dem, der es buch­sta­biert, unter den Hän­den. Zer­störerisch wird sie dort, wo sie das Indi­viduum in Kämpfe ver­wick­elt, die es nicht gewin­nen kann – sei es gegen die Sci­en­tific Com­mu­nity, sei es gegen das im Bewusst­sein angelegte Bedürf­nis, sich zu real­isieren und zu diesem Zweck mit fes­ten Größen zu operieren. Das Recht des einzel­nen, Abbrüche zu insze­nieren, wann immer ihn die fleißige Inte­gra­tion in einen fik­tiven Gat­tungszusam­men­hang zu erdrücken oder zu erpressen beginnt – Ich ist ein anderer –, endet nicht an den Pforten des Paradieses, in dem die Arbeiter des Geistes, über ihre Manuskripte gebeugt, der Sache die Ehre und der Ehre eine Gasse bere­iten. Man kann dies zugeben und den­noch den Stab brechen – das ist damit nicht gemeint.

18.

»Die bloße Natur erneuert und verän­dert nicht nur sich selbst, sie ver­nichtet auch die toten Hüllen des Geistes, sie ist die ver­läßliche Real­ität, das einzige Fak­tum, das die Hoff­nung auf die Erneuerung des geisti­gen Lebens gar nicht ent­täuschen kann und will.« Kann darüber unter gesit­teten Per­so­nen ein Zweifel beste­hen? Wohl kaum, denn gesit­tet sein heißt zunächst und let­zten Endes, die Endlichkeit der Per­son – nicht nur in bezug auf den Tod, son­dern ebenso in den Belan­gen des Lebens – kla­g­los zu »akzep­tieren«. Das ändert aber nichts daran, dass Äußerun­gen wie der zitierten etwas leise Unge­höriges anhaftet. Der Zynis­mus des Lebens muss nicht ins Recht gesetzt wer­den, er nimmt sich sein Recht immer und über­all; als ver­läßliche Real­ität ist er das einzige Fak­tum, das die Hoff­nung auf die Erneuerung des geisti­gen Lebens gar nicht erst aufkom­men lässt – sofern darunter etwas wesentlich Zukün­ftiges ver­standen wer­den soll. Die »Erneuerung des geisti­gen Lebens« ist ger­ade das, was soeben geschieht, sie trägt einer an sich gle­ichgülti­gen Gegen­wart den Aktu­al­itätsin­dex an, der sie gegenüber beliebi­gen Ver­gan­gen­heiten als eine Kon­stel­la­tion ausze­ich­net, die es wert ist, gelebt zu werden.

Das Vorurteil lebendi­ger Sys­teme zugun­sten des Lebens ist nicht beson­ders geistig, es ist die Wieder­hol­ung des Zynis­mus des Lebens im Medium des Denkens, das sein­er­seits nicht über­mäßig dicht gegenüber den Zumu­tun­gen des Organ­is­chen genannt wer­den kann. Diese Zumu­tun­gen oder »Won­nen des Daseins« tra­gen keinen Zweck, sie haben kein Ziel, sie locken zu jeder Über­schre­itung und keiner, sie lassen den Tod als etwas Verächtliches erscheinen und als Garan­ten des Intellekts, der in jeglichem Gedachten die Toten­maske des Geistes ent­deckt: Wer es nicht anders wusste, dessen Denken ist für uns gestor­ben und vor uns in Sicher­heit. Ungewiss, welcher Aspekt mehr zu seiner Beruhi­gung beitrüge, wenn er imstande wäre, ihn zu realisieren.

Wir sind es nicht, und wenn wirs wären, /​so wüssten wir’s gewiss. Was der Vers ver­schweigt, sind die Mühen der Ebe­nen, die in der­lei Kon­di­tion­al­sätzen auf ihren Abruf warten – Mühen einer infiniten, wen­ngle­ich endlichen Men­schw­er­dung, die dem defin­i­tiven Hohn über die Liste der soge­nan­nten Dasein­szwecke entspringt und die Bewe­gung der Reflex­ion als Schlüs­sel zu jedem oder beinahe jedem Leben­sprob­lem in Anschlag bringt. Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich: ein bedenkenswerter Satz, voraus­ge­setzt, man ist bereit zu akzep­tieren, dass erst die Wen­dung gegen den »dunkel gefühlten Ich‑Impuls« die Real­isierung jenes Ich mit sich bringt, das sich dort zu Wort meldet.

Ich ist kein anderer als der, der sich als ein anderer entwirft.

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