1.

Unter den ehernen Überzeu­gun­gen, die der intellek­tuelle Fachar­beiter alle Tage durch die Pfeife raucht, ohne ihnen länger nachzublicken als den Schwaden, in denen er seine Dun­hill Night­cap ver­pafft, befinden sich ein paar, die zu klas­si­fizieren ihm tra­di­tionell schw­er­fällt. Er würde sie, ohne nen­nenswert zu erröten, »philosophisch« nen­nen, sofern ihn nicht der Arg­wohn plagte, damit eine Abgeschmack­theit zu bege­hen. Sein Gefühl sagt ihm, es sei besser, auf jenem Wort nicht weiter zu insistieren. Solange es nicht fällt, fühlt er sich in seiner zweiten Haut lei­dlich sicher.

Darf man seine Überzeu­gun­gen beschreiben? Man darf. Es gibt Zeiten, da ver­langt es ihn selbst, etwas darüber zu erfahren. Deshalb ist er auch bereit, diejeni­gen, die ihm den nöti­gen Traum­stoff artig ver­packt zu servieren wis­sen, halb spöt­tisch, halb bewun­dernd als Vor­denker zu akzep­tieren und ihren Werken bere­itwillig die Tief­sinnsecke auf seinem Bücher­bord zu über­lassen. Vor­denker denken anderen vor, sie ver­lei­hen – der Aus­druck sagt es – dem Nach­denken anderer einen Hauch von Wörtlichkeit. Das lässt ver­muten, dass sie das Nach­denken auf irgen­deine Weise hin­ter sich gebracht haben. Wirk­lich kann man sie daran erken­nen, dass sie Posen stattge­habter Nach­den­klichkeit unter die Leute brin­gen. Nicht die Studier­stube, son­dern die Pas­san­ten­welt ist ihr bevorzugter Aufen­thalt. Ihre Lek­tion gilt den Vorübereilen­den, die der rauhe Klang ihrer Stimme ergreift. »Ich halte es für aus­gemacht«, »Wir dür­fen dies ein für alle­mal als abge­tan betra­chten«, »Wie uns die mod­erne x‑forschung lehrt«, »Ich per­sön­lich halte y für den gegen­wär­tig bedeu­tend­sten Vertreter des z‑ismus«, »Ich habe dieses Argu­ment lange Zeit für entschei­dend gehal­ten, hinge­gen scheint mir heute die ganze Fragestel­lung ent­behrlich«: der­gle­ichen Abrakadabra, an dem sich die flüchtige Bewun­derung staut, bevor sie enteilt, machen sie zuver­läs­sig auch für Unbeein­druckte kenntlich.

Sollte wahr sein, was man hier und da hin­ter vorge­hal­tener Hand kol­portiert, dass der mod­er­nen Welt die größte Gefahr aus dem Vor­drin­gen des Infan­til­is­mus droht, so gehört die philosophis­che Art wohl zu den gefährdet­sten. Wer das Maß der Gefährdung richtig ein­schätzen möchte, greift schw­er­lich daneben, sollte er sich den näch­st­besten im Gespräch befind­lichen Titel greifen und wacker auf­schla­gen. Mit ein wenig Glück stößt er dort auf den fol­gen­den Pas­sus: »Wenn man wie ich selbst der Mei­n­ung ist, der deutsche Ide­al­is­mus sei eine über­triebene Reak­tion auf den Szi­en­tismus der Aufk­lärung gewe­sen – wobei diese Reak­tion die gün­stige Neben­wirkung hatte, dass die geistige Welt dadurch weniger gefährlich wurde für die Bewe­gung der Roman­tik –, wird man sowohl Dewey als auch David­son so ver­ste­hen, als leis­teten auch sie einen Beitrag zur Erfül­lung einer mod­ernisierten Form dieser Auf­gabe, während sie den Anti­szi­en­tismus, dem die Ide­al­is­ten (mit ihrem Ver­such, die Natur­wis­senschaft als Unter­suchung des »bloß Phänom­e­nalen« hinzustellen) erlegen waren, kor­rigierend abschwächen.«

An einem solchen Satz zeigt sich, was der Vor­denker zu leis­ten in der Lage ist. Er gibt die Rich­tung vor. Hat er nicht recht? Jeden­falls über­fordert er nie­man­den, ganz im Gegen­teil: bestätigt er doch unbe­fan­gen den Arg­wohn des Durch­schnittsle­sers, diese Hegel und Kon­sorten, an deren rasch abge­broch­ene Lek­türe er sich immer noch mit einem gewis­sen Unbe­ha­gen erin­nert, hät­ten am Ende ganz schön über­trieben. Schade nur, dass der Über­set­zer nicht ein wenig mehr Sprachge­fühl wal­ten ließ, ›ver­stiegen‹ wäre wohl die angemessenere Vok­a­bel. Aber bleiben wir dankbar. Der zur per­sön­lichen Auf­fas­sung heran­gereifte Gemein­platz, der deutsche Ide­al­is­mus sei schließlich nur eine über­zo­gene Reak­tion auf die wis­senschafts­selige Aufk­lärung gewe­sen, ist unmit­tel­bar ver­w­ert­bar, und darauf kommt es an. Allein die orig­inelle Formel vom Szi­en­tismus der Aufk­lärung erspart einem vielbeschäftigten Leser den Griff nach ein­schlägi­gen Hand­büch­ern auf Monate. Der Mann hat recht. Dass die Aufk­lärer sich sein­erzeit irgend­wie bere­its mit unseren Prob­le­men herum­schlu­gen, erkennt man daran, wie aufgek­lärt wir inzwis­chen gewor­den sind. So aufgek­lärt, dass auch wir zusam­men »mit Dewey und David­son« den Anti­szi­en­tismus, der uns weder die Zah­n­pasta noch den näch­sten Flug nach Rio gönnt, milde lächelnd als über­triebe­nen Ver­such der löblichen Selb­st­be­gren­zung des Wis­senschafts­glaubens inter­pretieren. Mit Dewey und David­son wohlge­merkt; in Glaubens­din­gen ist es immer von Vorteil, zu wis­sen, dass man nicht allein steht inmit­ten seiner dunkel erfühlten Probleme.

Man ver­steht: wenig­stens diese bei­den arbeit­eten an den richti­gen Prob­le­men. Im Unter­schied zu anderen Leuten haben sie wertvolle Ansichten in petto, passende Tis­chvor­la­gen, anhand derer man sich unter echten Entschei­dern bei einem guten Glas Rotwein ver­ständigt. Tra­di­tion, vor allem die richtige, ist eine feine Sache. Sie ges­tat­tet es, sogar mit poten­tiellen Wider­sach­ern großzügig umzuge­hen. Ein Kri­tiker des Ide­al­is­mus, der keine Scheu trägt, im Vor­beige­hen einen so unsicheren Kan­di­daten wie die Roman­tik pos­i­tiv zu kon­notieren, bezeugt Weite des Gefühls und einen gewis­sen Sinn für die nie ganz auszu­lo­ten­den Bedürfnisse der Damen­welt. Unter uns Erden­bürg­ern: ›einen Beitrag leis­ten‹ – ist das nicht wun­der­voll aus­ge­drückt? Leis­ten wir nicht alle unseren Beitrag? Sind wir nicht stolz darauf, unseren Beitrag zu leis­ten? Das Ganze ist zweifel­los das Ganze. Das Inter­es­sante daran sind wir.

Eine Rortysche Schwalbe macht noch keinen philosophis­chen Herbst. Doch wer weiß? Der Autor gilt als Vertreter des reflex­haft ›angel­säch­sisch‹ genan­nten philosophis­chen Prag­ma­tismus. Tat­säch­lich ist er Prag­matiker. Was sein Diskus­sion­sange­bot unwider­stehlich gestal­tet, ist ein vorzüglicher Sinn für das, was ankommt, vere­int mit einer ebenso aus­geprägten Abnei­gung gegen The­men, die eine Diskus­sion unnötig kom­plizieren, mit Vor­bil­dung befrachten oder gar in Prob­lemge­bi­ete ver­lagern, die sich nicht locker mit ad‑hoc‑Auskünften und ein paar for­malen Taschen­spiel­er­tricks durch­queren lassen. Ohne Überzeu­gun­gen ist das nicht zu schaf­fen. Es müssen nur die richti­gen sein, unser aller Überzeu­gun­gen eben. Demokratis­ches Denken, wie Rorty es ver­steht, scheint zuallererst zu ver­lan­gen, dass als philosophis­ches Prob­lem nur zuge­lassen wer­den darf, was jed­er­mann jed­erzeit ohne eine umfan­gre­ichere Vor­bere­itung als die Lek­türe des let­zten ein­schlägi­gen Artikels des Autors zu bere­den imstande ist, immer voraus­ge­setzt, einer hat das Aus­bil­dungssys­tem seines Lan­des durch­laufen und gehört zu der glück­lichen Mehrheit, die weiß, dass man bei einer Diskus­sion nicht die Füße auf den Tisch legt oder seinen Part­ner ohrfeigt. In einem Punkt allerd­ings ver­steht der Vor­denker keinen Spaß. Der Mann vom Lande, der angesichts des oblig­aten name drop­pings fest­stellt, dass ihm am richti­gen Grup­pen­be­wusst­sein nichts liegt und die vorgeschla­ge­nen in/​out‑Klassifikationen ihn eben­sowenig berühren wie das Säuseln in den Blät­tern der prinzessin­nenseli­gen Yel­low Press, muss sich eingeste­hen, dass die Rede, auf deren Offen­barungswert er rech­net, für ihn allen­falls so bes­timmt war wie jene Tür in Kafkas Para­bel vom Türhüter, und in jedem ihrer Sätze wird er den befremdlichen Nach­hall vernehmen: »Ich gehe jetzt und schließe sie.«

2.

Wie die Gewalt gegen Sachen die Gewalt gegen Per­so­nen, so begleitet die Gewalt gegen Bücher die Gewalt gegen The­o­rien – als Schat­ten, als sicht­barer Unhold, von der kün­stlichen Sonne der Ungeduld an die beweglichen Stell­wände einer sich sinn­los im Recht wis­senden Erwartung gewor­fen. Seit eh und je zieht die Gewalt gegen Bücher den Spott der Wis­senden nach sich. Wer Bücher ver­dammt, ver­bi­etet oder ver­brennt, gibt zu, dass er sich nicht anders zu helfen weiß. Kein schlechter Anfang, sollte man meinen. Der Gewalt­täter gibt etwas zu, er blinzelt ins Licht der Kri­tik, er insze­niert seine Ohn­macht, es steht nicht gut um ihn. Gewalt, die sich gegen The­o­rien richtet, ohne den Umweg über das Buch oder die Per­son des Autors zu nehmen, hat es da leichter. Zwar bedarf sie der Hin­terlist (des famosen Vai­hinger­schen »Als‑ob«), doch das Ergeb­nis recht­fer­tigt gewöhn­lich die Mit­tel. Um einen Gedanken totzuschla­gen, gilt es, einen Affekt zu wecken, der umso gewisser seine Wirkun­gen ent­fal­tet, je weniger jemand bereit ist, sich zu ihm zu beken­nen: den Affekt der Ehrsamkeit. Ist er ein­mal im Spiel, dann wer­den die Mienen beden­klich, es häufen sich die repräsen­ta­tiven Wen­dun­gen, gewisse Prob­leme erscheinen über­raschend in einem ein­fachen Licht, andere kom­plizieren sich unge­mein. Ars longa vita bre­vis. Das Leben ist schwierig genug. – Ehrsamkeit schließt die Rei­hen. Sie ist immer furcht­bar, denn sie ist blind. Gesetzt, jemand unter­stünde sich, ihr die Augen zu öff­nen – sie schwände ihm unter dem Herzen. Erfol­gre­iche Gewalt gegen The­o­rien fällt unter das Schlag­wort: Sie wis­sen nicht, was sie tun.

Wer von Gewalt spricht, sollte Täter und Opfer zu nen­nen wis­sen. Aber nicht jede Form der Gewalt erlaubt diese rein­liche Tren­nung. Angenom­men, eine The­o­rie geht am Über­maß ihres Erfolgs zugrunde, weil man die von ihr bes­timmte Wirk­lichkeit zu einem Zeit­punkt x als schlecht durch­schaut hat und ein­flußre­iche Akteure beschließen, sie abzuschaf­fen. Eine solche Sit­u­a­tion ist immer kom­plex. Wer sie ger­ade durch­lebt, der erfährt, dass zwis­chen der Revi­sion einer The­o­rie in der The­o­rie und der Revi­sion einer the­o­riegetränk­ten Real­ität in der Praxis nicht etwa ein Grund‑Folge‑Verhältnis, son­dern ein bemerkenswerter Gegen­satz besteht. Um zu herrschen, muss eine The­o­rie weder geglaubt noch als The­o­rie ernst genom­men wer­den. Entschei­dend ist, dass sie einen Regelungs­be­darf deckt. Die Frage, ob ein solcher Bedarf besteht, lässt sich inner­halb der fraglichen The­o­rie gar nicht sin­nvoll erörtern. Falls er besteht, ver­langt er nicht mehr als jene mar­ginale Aufmerk­samkeit, welche die Straßen­verkehrsor­d­nung – unverzicht­bare Grund­lage jeder mobilen Gesellschaft – den einzel­nen Verkehrsteil­nehmern abnötigt, solange sie sich »in Kraft« befindet. Nicht anders leis­tet eine hin­re­ichende Anzahl von Men­schen mehr oder weniger gedanken­los einer ›gel­tenden‹ The­o­rie ihren Tribut. Wer unter solchen Ver­hält­nis­sen Täter, wer Opfer ist, lässt sich im Einzelfall schwer entschei­den. Es tritt erst in Augen­blicken zutage, in denen die Ver­hält­nisse auf den Kopf gestellt wer­den und die Revi­sion ihre Opfer fordert. Dann allerd­ings ist mit dem erbit­terten Wider­stand von Kreisen zu rech­nen, die zu Recht oder Unrecht arg­wöh­nen, sie kön­nten sich auf der Ver­lier­er­seite wiederfinden.

Eine the­o­riebes­timmte Real­ität – etwa die des sein­erzeit real existieren­den Sozial­is­mus – mag als das eine erscheinen, eine Real­ität, in der The­o­rien erprobt und ver­wor­fen wer­den, als das andere. Der Wis­senschafts­be­trieb lebt von der Regsamkeit seiner Glieder. Für schnöde Gedanken­losigkeit bleibt da wenig Raum. Die Selb­stre­pro­duk­tion der Wis­senschaft enthält keine Über­lebens­garantie für einzelne The­o­rien. Den­noch weiß jeder, der über Augen und Ohren gebi­etet, dass ein solcher Satz Ein­schränkun­gen unter­liegt. Schuld daran sind die Indi­viduen, die um ihr Über­leben kämpfen und zu diesem Zweck tak­tis­che Allianzen einge­hen, aus denen auszubrechen ungewöhn­lich unklug wäre. Grup­pen oder Grup­pierun­gen, die durch ein iden­tis­ches Kar­ri­ere­in­ter­esse zusam­menge­hal­ten und hoff­nungs­los entzweit wer­den, benöti­gen ein oder besser ein paar leicht zu ent­deck­ende Erken­nungsze­ichen, anhand derer sich Sit­u­a­tio­nen ord­nen lassen und unauf­fäl­lig Loy­al­itäten bezeugt wer­den kön­nen. Überzeu­gun­gen sind solche Zeichen, sie ver­mit­teln zwis­chen den The­o­rien und schaf­fen Abgründe an Stellen, an denen Uneingewei­hte nur ebenes Gelände und stetige Übergänge zu sehen ver­mö­gen. Sie sind daher ebenso wohlgelit­ten wie nützlich.

Die Philoso­phie ist zwar keine Wis­senschaft – jeden­falls wür­den sich eine Reihe ihrer Vertreter mit dem Etikett schw­er­tun –, aber sie ist ein Teil des Wis­senschafts­be­triebs. In ihr gel­ten daher diesel­ben Gesetze des Fortkom­mens wie in anderen Diszi­plinen. Mit einem Unter­schied: da dieses Fach keine andere Erfol­gskon­trolle für Überzeu­gun­gen kennt als den nüchtern reg­istri­erten Umstand, wie weit ihre Träger es brin­gen, bietet es einem Korps­geist, der bere­its erfol­gre­iche Überzeu­gun­gen mit Erfolg prämiert und jeden Angriff auf sie per­sön­lich zu nehmen pflegt, die ide­ale Umge­bung. Sin­niger­weise ver­setzt die Tat­sache, dass, gemessen an util­i­taris­tis­chen Maßstäben, es in der Philoso­phie um nichts geht, sie auch in dieser Hin­sicht in eine priv­i­legierte Lage. Jeder kann alles behaupten, solange er nicht den schmalen, in der Sache häu­fig bedeu­tungslosen Kon­sens ver­letzt, der ihn mit seiner Clique verbindet. Zwar muss auch dieser gerecht­fer­tigt wer­den, doch da die konkur­ri­eren­den Sub­jekte ihn auf immer wieder neue, unter­schiedliche und keineswegs miteinan­der verträgliche Weisen begrün­den, bildet er einen in Wahrheit völ­lig unbe­grün­de­ten, weil allen Begrün­dungsstrate­gien voraus­liegen­den und sie ver­an­lassenden Fonds von Vorurteilen, an dem sich jeder zu seinem eige­nen Vorteil bedient.

Let­zterer ver­di­ent es, näher betra­chtet zu wer­den. Wie das Beispiel Rortys in Erin­nerung ruft, ehren Überzeu­gun­gen den, der sie hegt. Durch sie verbindet sich die Per­son einer Sache – irgen­deiner, muss man redlicher­weise hinzufü­gen, obwohl dieser Zusatz bere­its den Unwillen der Per­son her­vor­rufen dürfte. Aus gutem Grund: er nährt den Ver­dacht, dass die per­sön­liche Erfol­gs­dis­po­si­tion vol­lkom­men aus­re­icht, um zu erk­lären, warum inner­halb bes­timmter Grup­pen und Insti­tu­tio­nen aus angreif­baren Vorurteilen im Han­dum­drehen unan­greif­bare Tabus wer­den kön­nen, genauso wie die son­der­bare Tat­sache, dass erwach­sene und gebildete Men­schen eine Art geisti­gen Schüt­tel­frosts befällt, sobald sich ein Gesprächspart­ner einer der ver­bote­nen Zonen nähert, die es ihrer eige­nen Auskunft nach gar nicht gibt. Denn selb­stver­ständlich kann man über alles reden. Nur der Fra­gende grenzt sich aus.

Nicht immer ist es über­haupt nötig, Fra­gen zu stellen. Es kann schon genü­gen, dass jemand sich kon­se­quent der rhetorischen Floskeln enthält, mit deren Hilfe die Beschei­d­wisser sich ins große All­ge­meine des Betriebs ver­weben. Eine ganze Reihe solcher Floskeln hat die lan­gan­dauernde Herrschaft der Semi­otik über die Geis­teswis­senschaften pro­duziert. Seit eini­gen Jahren ver­fügt jeder, der sich nicht beim Schwänzen erwis­chen lassen möchte, über eth­nol­o­gis­che Grundüberzeu­gun­gen, grund­los wie eh und je, aber nüt­zlich, um das Gespräch nicht abreißen zu lassen und an die Fleis­chtöpfe zu gelan­gen. In der heiter‑arroganten Atmo­sphäre der weltläu­fig gewor­de­nen Philoso­phie gehört dazu das Dogma von der Obso­letheit des tran­szen­den­talen Ansatzes – bei unver­min­derter Erbepflege. Man kann Kan­tianer sein, ohne ein einziges zen­trales Lehrstück der kri­tis­chen Philoso­phie ern­sthaft geprüft zu haben. Im übri­gen zitiert man fleißig Niet­zsche und Quine: den einen, um zu zeigen, dass man natür­lich his­torisch auf dem laufenden sei, den anderen, um den Ver­dacht nicht aufkom­men zu lassen, man sei beim großen Abräu­men nicht dabeigewe­sen und habe daher nicht real­isiert, dass der Trick der Philoso­phiegeschichte wie der jeder anderen im Vergessen liegt, aus dem die his­torischen Romane auf­tauchen wie die San­dale des Empe­dok­les aus dem Aschere­gen des Ätna.

Glück­lich muss sich daher eine lose Gemein­schaft von Rezip­i­en­ten fühlen, wenn hin und wieder ein Mete­orit erster Ord­nung über ihren Häuptern ver­glüht, der sicht­bar sig­nal­isiert: Seht, ich bin gekom­men – jetzt, mit diesem Wim­pern­schlag, nicht früher, nicht später, das sind nur Illu­sio­nen, Erup­tio­nen des Augen­blicks im Diskon­tin­uum der Geschichten. Ein solcher Pro­tag­o­nist ist immer Niet­zscheaner; weniger aus Gesinnungs‑ denn aus inszena­torischen Grün­den. – Nun wäre Rorty gewiss kein Stern erster und wohl auch nicht zweiter Ord­nung. Doch nicht darauf kommt es zuletzt an, son­dern auf den rou­tinierten Spa­gat zwis­chen Auf­gabe und Gesin­nung. Hier gelingt dem Denker Beachtliches. Vielle­icht trägt er ja ein wenig dick auf, wenn er die Philoso­phie zur Magd der Demokratie erk­lärt und ihr im Namen let­zterer ein paar Merk­posten ein­rückt, aber die priv­i­legierte Stel­lung, in die er sel­ber dadurch gelangt, lässt sich nicht überse­hen. Es ist ein frucht­bares Plätzchen, von dem aus der Philosoph sich die Won­nen der Demoskopie erschließt. Was er »Kul­tur­ohne Zen­trum« nennt, ein egal­itäres Zusam­men­spiel der gesellschaftlichen Kräfte ohne nor­ma­tive Diszi­plinen wie »die Reli­gion« oder »die Meta­physik«, besitzt ein Zen­trum, das dem Betra­chter allerd­ings leer dünkt, weil er sich selbst nicht sieht. Mal dies, mal jenes tun, mal dies, mal jenes obe­nanstellen: das mag als indi­vidu­elle Lebens­maxime durchge­hen, auch wenn sich einer dabei kräftig in den Beu­tel lügen muss, als kul­turelles Leit­bild ent­geht es nur müh­sam dem Ver­dacht auf Unfug. Ernst genom­men, wäre es die Maxime des Ter­rors. In der Wer­be­welt hat das lange Weile. Der Pro­tag­o­nist ist immer schon weiter.

Wie jeder gute Pro­tag­o­nist übertreibt er ein biss­chen und fordert augen­zwinkernd zum Wider­spruch her­aus. Soll­ten solche beachtlichen kul­turellen Optio­nen wie Autoren­nen und Pornografie wirk­lich gle­iche Wertschätzung beanspruchen dür­fen wie – sagen wir der Umweltschutz oder die Math­e­matik? Ein befremdlicher Gedanke, aber vielle­icht läge darin der Preis der Frei­heit. Sollte das Nur zu! gegenüber einer pubertieren­den Neugier und Pro­voka­tion­slust, die den Wech­sel um seiner selbst willen schätzt und gele­gentlich den Ras­sis­mus wieder aufleben lässt, wenn sie die Men­schen­rechte zum Gäh­nen findet, die demokratis­che Kul­tur wirk­lich von allen autori­ta­tiven Fes­seln befreien? Aber dann ver­fügten die autoritären Bewe­gun­gen über eine aus­ge­sprochen demokratis­che Ader! Und weiter: dient es wirk­lich der Wahrheit, die Begriffe ›wahr‹ und ›falsch‹ aus unserem Denken zu eli­m­inieren? Wenn nicht ihr, wem dann? Natür­lich ist der Vor­denker weit davon ent­fernt, zu meinen, was er denkt. Seine Vorschläge beruhen auf Überzeu­gun­gen, deren Annahme fol­gen­los bleibt, weil sie, kaum in der Welt, sich mit anderen Überzeu­gun­gen ver­men­gen, die dafür sor­gen, dass alles so bleibt, wie es ist. Zu nie­man­des Schaden übri­gens – jeder Ver­such, sie ern­sthaft Wort und Tat wer­den zu lassen, würde unmit­tel­bar die heil­lose Ver­wirrung her­auf­beschwören, zu deren Bekämp­fung sie ange­blich erson­nen wur­den. Ange­blich erson­nen, denn, um der abge­sagten Wahrheit die Ehre zu geben, der Ver­dacht besteht – und er lässt sich nicht mit Sarkas­men abspeisen –, dass das in den Schriften der Vor­denker unabläs­sig erneuerte Schat­ten­boxen zwis­chen alter und neuer Weltbeschrei­bung, alter und neuer Reflex­ion auf die Bedin­gun­gen und Ele­mente der Beschrei­bung, Neubeschrei­bung der Neubeschrei­bung, bei dem sie beinahe nach Belieben punk­ten, nur deshalb so vorzüglich von­stat­ten geht, weil nie­mand da ist, der sich der undankbaren Mühe unterzieht, die weni­gen Grun­de­in­fälle ver­such­sweise zu ent­tabuisieren, die es ihnen erlauben, so unbeschw­ert radikal zu fab­u­lieren. Der Vor­denker ist wesentlich – eine Vok­a­bel, die er als meta­ph­ysisch ablehnt – kon­ser­v­a­tiv: er wird sich hüten, gegen das zu ver­stoßen, was an der Zeit ist – eine reich­lich lange Zeit, will es dem Betra­chter scheinen, der den Ein­druck nicht los wird, der Appetit auf Neues gebe sich alles in allem mit erstaunlich kleinen Häp­pchen zufrieden.

Das Rührstück vom An‑der‑Zeit‑Sein hat einen Unter­ti­tel. Er lautet Das Ende der Philoso­phie. »Mein Fräulein, sein sie munter, /​Das ist ein altes Stück.« Aber es nährt sein Ensem­ble. Das Pub­likum kennt den Text, es weiß um die Nuan­cen und ahnt die Lach­ef­fekte im voraus, was dazu führt, dass eine Regie, die sich auf Andeu­tun­gen beschränkt, den entsch­ieden­sten Beifall erhält. Anders wäre die For­tex­is­tenz des Faches auch kaum zu ver­mit­teln, nach­dem seine Vertreter den ererbten Prob­lem­be­stand entweder als erledigt oder als hin­re­ichend trans­formiert erachten, um die klas­sis­chen Texte dem hermeneutis­chen Sinn für vergessene Pointen zu überlassen.

Die Maxime Vergeßt den Plun­der! erzeugt das Kribbeln, das jeden entsch­iede­nen Neuan­fang begleitet. Sie wen­det sich an Leute, die ein­er­seits der unbes­timmte Arg­wohn plagt, bere­its eine ganze Menge vergessen oder niemals gewußt zu haben, und die ander­er­seits das Gefühl nicht loswer­den kön­nen, damit vielle­icht etwas ver­säumt zu haben und einige Dinge nicht richtig zusam­men­zubekom­men. Der Vor­denker schlägt etwas vor – so sagt er –, er sieht darin seine Auf­gabe (wenn er so etwas wie eine Sendung akzep­tierte, wäre er der erste, dem er sie bescheinigte): seine Sendung also besteht darin, den Mit­men­schen, wie immer sie sich entschei­den – denn über Vorschläge kann entsch­ieden wer­den –, ein gutes Gewis­sen zu machen. Ihr habt nichts ver­säumt und ihr werdet nie etwas ver­säu­men, weil alles, was ihr zu tun und zu denken beliebt, vor allem eins ist: ganz ganz wertvoll.

3.

Das gesam­melte Schweigen, mit dem die Zunft das Erscheinen der Schriften von Wolf­gang Marx quit­tierte, muss nicht kom­men­tiert wer­den. Es kom­men­tiert sich selbst. Wie immer man über diese Arbeiten urteilt, dem Ein­druck, dass sie geeignet wären, dem einen oder anderen Zeitgenossen ein schlechtes Gewis­sen zu bere­iten, kann man sich nur müh­sam entziehen. Dage­gen wiegt die Sorge leicht, sie kön­nten ihre Wirkung ver­säu­men. Die Zeit, die über sie hin­weggeht, ist in der Gle­ichgültigkeit, mit der sie ihr begeg­nen, bere­its ver­gan­gen. Nichts ist gegen­wär­tiger als diese Gle­ichgültigkeit – in ihr erübrigt sich die Denker­pose ebenso wie der Bericht vom Denken, das stattge­habt hat. Wer sich provoziert fühlen möchte, sollte sich keinen Zwang antun. Die Pro­voka­tion ist nicht zu leug­nen: Sie gilt der zur Schwellen­er­fahrung des Betriebs heran­gereiften und gestisch gewor­de­nen Botschaft vom Ende der Philoso­phie. Wie es scheint, ist sie in diesen Tex­ten nicht angekom­men. Entsprechend groß zeigt sich das Befremden.

Son­der­bar­erweise hat es der Nat­u­ral­is­mus in knapp hun­dert Jahren geschafft, sich ohne jede Pres­tigeein­buße über seine Grun­dan­nah­men voll­ständig zu entzweien. Das ist als Fak­tum bemerkenswert, vor allem, wenn man bedenkt, wie dünn bisweilen die Argu­mente sind, mit denen er seine Geg­ner aus dem Feld schlägt. Das Gerücht vom Ende der Philoso­phie ist nicht nur sein kle­in­ster, son­dern auch der einzige gemein­same Nen­ner, ohne welchen er sich selbst schon nicht mehr ken­ntlich würde. Die Philosophen haben sich von Anfang an getäuscht, als sie das Denken als etwas ganz und gar Unver­gle­ich­liches ausze­ich­neten und in ihm nach irgendwelchen Anfangs­grün­den suchten. Wir wis­sen, dass sie sich geirrt haben, denn… An dieser Stelle ver­wirrt sich die Rede, denn alle garantiert unbezweifel‑ und unhin­terge­hbaren Fak­ten, die hier aufge­boten wur­den und wer­den – vom prähis­torischen Flucht­tier Men­sch über die archais­che Sym­bol­sprache der Psy­che bis hin zum post­struk­tu­ral­is­tis­chen Maschi­nen­park und zur Ver­ant­wor­tung der DNS für dies alles und mehr – lei­den nicht nur unter ihrer irre­duz­i­blen Vielzahl, son­dern auch an der Leichtigkeit, mit der sie fal­l­en­ge­lassen wer­den, sobald die Ver­net­zungszwänge sich ver­stärken und der für eine Welt­stunde inthro­nisierte Ein­fall sich wieder in den Pißpott zurück­ver­setzt findet, als Ein­fall eben. Da war es schon ein mehr als geschick­ter Schachzug, an die Stelle aller ver­gan­genen und kün­fti­gen Unhin­terge­hbarkeiten die abstrakte Nega­tion zu set­zen, die – noch – leere Über­schre­itung, den Sprung in den Nichtsinn: »Wenn die Form des Buches nicht länger mehr das Mod­ell des Sinns wäre? Wenn das Sein radikal außer­halb des Buches, außer­halb der Schriftze­ichen wäre?« So Jacques Der­rida sein­erzeit in Die Schrift und die Dif­ferenz. Mit dem for­mal­isierten Hoff­nungsze­ichen, dass nichts so sicher sei wie es selbst, setzt sich das unhin­terge­hbare Fak­tum des Nat­u­ral­is­mus ein Denkmal. Die Lit­er­atur der dif­férance ist das Mau­soleum des Nat­u­ral­is­mus, in dem die Werk­täti­gen des Intellekts an Vit­ri­nen vor­bei­de­fil­ieren, in deren trüben Innerem die Gespen­ster einer abge­takel­ten Let­zt­be­grün­dungsin­dus­trie sich zu aller­lei mys­ti­fika­torischen Späßen versammeln.

Die philosophis­che Lit­er­atur dieses Jahrhun­derts hat eine tak­tis­che Figur aus den Anfän­gen der empirischen Wis­senschaften dem Vergessen entris­sen und nach­haltig aus­ge­beutet: die Figur des unbe­lasteten Beobachters. Ihr ver­dankt sie so unter­schiedliche Errun­gen­schaften wie Lud­wig Wittgen­steins Sprach­spiele, die seman­tis­che Wahrheits­de­f­i­n­i­tion Alfred Tarskis, Thomas Kuhns Par­a­dig­men­wech­sel und Paul Fey­er­abends Zauber­formel »Any­thing goes«. Des weit­eren kön­nte man an Alfred Rosen­bergs Mythos des zwanzig­sten Jahrhun­derts und andere Deu­tung­sprosa erin­nern, wenn es nicht feiner organ­isierte Gemüter genierte.

Der unbe­lastete Beobachter ist nicht notwendig eine Per­son, die den The­o­riebe­stand eines Fachs von außen mustert. Man käme auch rasch in Schwierigkeiten, wollte man dieses ›von außen‹ genauer beschreiben. Vielmehr ist er eine Kun­st­figur: ein Habi­tus, der dazu dient, eine vorge­fun­dene Sit­u­a­tion willkür­lich zu verän­dern. Um ihn anzunehmen, ist nichts weiter erforder­lich als der Entschluss, Wis­senschaft – oder jede andere Tätigkeit – als Spiel zu begreifen. Der unbe­lastete Beobachter sieht den Mit­spiel­ern auf die Fin­ger, er wirkt zer­streut, solange sie bei der Sache sind, er lauscht, aber er hört nicht zu, er ver­größert auf jede erden­kliche Weise den Abstand, der ihn von den anderen trennt. Zu einem bes­timmten Zeit­punkt unter­bricht er das Spielgeschehen. Er hat etwas mitzuteilen. Hat er ein­mal das Wort ergrif­fen, prof­i­tiert er von der Zer­streutheit der anderen, die nicht wis­sen, wie ihnen geschieht. Im Grunde kön­nten sie end­los weit­er­spie­len, sie kön­nen es nach wie vor, solange sie nicht berührt, was der unbe­lastete Beobachter zu berichten weiß: dass näm­lich ihr Spiel auf einer falschen Voraus­set­zung beruht und deshalb nur einen imag­inären Gewinn abw­er­fen kann. Tat­säch­lich dauert es eine Weile, bis die Botschaft sich durchsetzt.

Doch das Spiel bleibt gestört, man ist nur noch halb bei der Sache. Wieviele unbe­lastete Beobachter verträgt es? Eines ist sicher: sobald sich die Waage dem neuen Typus zuneigt, ist die Ein­heit der Diszi­plin nur noch ein leeres Wort. An ihre Stelle tritt eine sek­tiererisch sich ent­fal­tende Mime­sis, und es ist vol­lkom­men belan­g­los, welches Spiel sie von Fall zu Fall unter­bricht. Wer über die rechte Ein­stel­lung ver­fügt, ist um Argu­mente sel­ten ver­legen, vor allem, wenn sie auf »harten Fak­ten« basieren. An diesen wiederum herrscht kein Man­gel. Es kommt nur darauf an, sich ihrer ökonomisch zu bedi­enen. Also lautet die philosophis­che Maxime, die sich in der Figur des unbe­lasteten Beobachters ver­birgt: mul­tum non multa. Der kle­in­ste Stein verur­sacht das größte Getöse.

Die Epoche des unbe­lasteten Beobachters ist nicht zufäl­lig die Epoche der philosophis­chen Tal­ente. Dass solche Tal­ente existieren, dass sie in so großer Zahl existieren, bleibt ein gutes Zeichen, es zeugt für die unge­broch­ene Anziehungskraft der Diszi­plin. Unglück­licher­weise ver­schärft es ihr Prob­lem. Der schwer zu bemän­tel­nde Umstand, dass sie den Tal­en­tierten nicht mehr zu bieten hat als ein Freige­hege für den per­sön­lichen Ehrgeiz, bürgt für den per­ma­nen­ten Neube­ginn im Gewand der Blasiertheit. Ohne diese geht nichts. Sie sta­bil­isiert das Tal­ent gegen den Arg­wohn, bere­its seine Zahl könne als ern­sthafter Ein­wand gegen sein Unter­fan­gen gel­ten, den Bestand an philosophis­chen Sätzen an jew­eils einer Stelle auszuhe­beln. Was wäre denn der Bestand unter solchen Bedin­gun­gen anderes als all jene teils triv­ialen, teils fik­tiven Wider­lager, an welchen die zahlre­ichen Hebelver­suche anset­zen? Aber dann repro­duziert sich in dem über­ständi­gen The­sen­müll, auf den jed­er­mann sich nur in Anführungsze­ichen bezieht, weil er ihn für sein Fortkom­men braucht, das einzig Reelle der Diszi­plin. Die Philoso­phie schrumpft in diesem Fall zu einem Sam­mel­surium selt­samer Behaup­tun­gen, auf die sich ein jeder Neul­ing gefahr­los im Stil der elften Feuer­bachthese beziehen darf und beziehen muss, um dabeizu­sein: Die Ide­al­is­ten haben behauptet, dass… Es kommt aber darauf an… Solche Sätze überzeu­gen. In ihnen feiert der philosophis­che Jed­er­mann seinen immer­währen­den Blooms­day. Warum auch nicht? Es ist sein Tag, es ist seine Stunde.

Mit dieser Praxis zu brechen, wäre für sich genom­men noch kein Ver­di­enst. Es repro­duzierte nur eine Sit­u­a­tion, die dem einzel­nen nahelegt, mit irgen­deiner Praxis zu brechen. Was vielmehr zählt, ist die Gle­ichgültigkeit gegen die rit­u­al­isierte Praxis der Über­schre­itung, die gewollte Ver­nach­läs­si­gung der Pflicht, sich im Getriebe durch eine These ken­ntlich zu machen. Dazu gehört das Sich‑Vertiefen in die Bestände, voraus­ge­setzt, es ver­liert sich nicht im rich­tungslosen Affiziert­sein durch dies und jenes oder alles und jedes. Denn, so heißt es ein­lei­t­end in der Marxschen Reflex­ion­stopolo­gie: »Der Rück­gang in die Geschichte des Denkens wird zum unbe­grün­de­ten Rück­zug von den Forderun­gen der Gegen­wart, und die gelehrte Beschäf­ti­gung mit dem Reich­tum der Gedanken, die eine offen­bar uner­schöpfliche, pro­duk­tive Phan­tasie der Gat­tung Men­sch her­vor­brachte, droht sich in genußvoll‑erhebender Versenkung darum zu betrü­gen, dass der Stoff ihrer sub­tilen Ein­las­sun­gen schon abgelebt ist und nur kün­stlich das Leben gewin­nen kann, das das des Gelehrten ist, wenn nicht die Auf­gabe erkannt und aufgenom­men wird, die sich daraus ergibt, dass die schon gedachten Gedanken gegen­wär­tige Fol­gen her­vorge­bracht haben.« Die Gegen­figur des unbe­lasteten Beobachters, der Hermeneut, erscheint hier als sein Pen­dant, als Sach­wal­ter des Abgelebten, aus dessen Vor­räten sich ersterer nach Gut­dünken bedient.

Für den begrün­de­ten »Rück­gang in die Geschichte des Denkens« spricht nach Marx ein sys­tem­a­tis­ches Argu­ment: »Das Denken, wenn es sich zu einem Zusam­men­hang gestal­tet, pro­duziert Fes­tle­gun­gen, Verbindlichkeiten, Gebote und Ver­bote, let­ztlich Gesetze: eine starre, übersinnliche Welt, eine zweite Wirk­lichkeit, die sich aber nicht ver­gle­ichen lässt mit der gewöhn­lich als ersten aus­geze­ich­neten…, die sich, was immer wir von ihr wis­sen mögen, ganz gle­ichgültig gegenüber jedem Zugriff der denk­enden Reflex­ion ver­hält. Im Zusam­men­hang wird es ernst; nicht alles ist mehr möglich, wenn Denken Gedanken gesetzt hat und dies so, daß ihre je beson­dere Bes­timmtheit als von anderen abhängig gedacht wer­den muß.«

Das Denken ist also nicht frei in sich selbst, es ist frei in Bezü­gen, die es als geset­zte erken­nen muss, wenn es an ihnen seine Beweglichkeit erkun­den möchte. Der Rück­gang in die Geschichte des Denkens eröffnet den einzi­gen Weg, vorhan­dene Fix­ierun­gen aufzulösen und neue Spiel­räume zu gewin­nen. Hinge­gen führt die Suche nach dem archimedis­chen Punkt, der es ges­tat­ten soll, das erdachte Uni­ver­sum auszuhe­beln, das Denken ins Abseits. Für die Welt der Begriffe pos­tuliert Marx die Abhängigkeit der je beson­deren Bes­timmtheit eines Gedankens von der Bes­timmtheit anderer und let­ztlich aller Gedanken. Den Zugang zu dieser Welt regelt, wie zu ver­muten stand, ein Ver­bot: »Das Ver­bot des Wider­spruchs ist eine min­i­male, gle­ich­wohl aber fun­da­men­tale Grenze der Möglichkeit … Der Satz vom zu ver­mei­den­den Wider­spruch ist erst dann Gesetz des Denkens…, wenn es … sich als Denken von und in Zusam­men­hän­gen ver­steht.« Die Frage ist natür­lich, warum es sich so und nicht anders ver­ste­hen sollte.

Eine Schwierigkeit bleibt dem Leser nicht erspart, weil sie Pro­gramm ist. In der Reflex­ion­stopolo­gie entwick­elt Marx eine The­o­rie des Denkens. Zeichen­the­o­rie, Sub­jek­t­the­o­rie, Ontolo­gie sind sekundäre Felder, bezo­gen auf die Beschäf­ti­gung des Denkens mit sich selbst. Von nichts auszuge­hen außer vom Denken, das an keiner Stelle darauf wartet, mit sich anz­u­fan­gen, und das um keiner Sache willen method­isch eli­m­iniert oder reduziert oder in eine abgeleit­ete Größe ver­wan­delt wer­den kann: daraus erwächst die merk­würdige Stre­it­barkeit dieses Buches. Deshalb steht in ihm nicht die diskrete Ein­heit der Zeichen, son­dern der Satz vom Wider­spruch am Anfang der Denkbe­we­gung, am Anfang jeder Denkbe­we­gung, was nichts weiter besagt, als dass Denken in Zusam­men­hän­gen und Denken als prozeßhaftes Auss­chließen des Unvere­in­baren ein und das­selbe ist. An dieser Bes­tim­mung haftet nichts Zufäl­liges, vielmehr gibt sie einen ersten Hin­weis auf die Dimen­sion, welche die The­o­rie des Denkens im Denken erschließt: »Das bedeutet aber, daß, weil sich in Zusam­men­hänge zu zer­legen notwendige Folge der top­is­chen Dis­tanz im Denken ist, der Satz des Wider­spruchs in der Pro­duk­tiv­ität des bes­tim­menden Denkens selbst von Anfang an grün­det Auf diese »top­is­che Dis­tanz im Denken« wird zurück­zukom­men sein.

Für die Verpflich­tung des Denkens auf den Zusam­men­hang des Gedachten findet Marx starke Worte: »Ohne Zusam­men­hang ist der Gedanke – oder eine Vielzahl von solchen – nichts anderes als der flüchtige Augen­blick hellen Bewusst­seins; dieser versinkt aber – wie jedes aktuelle Jetzt – sofort in die amor­phe Ver­gan­gen­heit.« Anders aus­ge­drückt: er hat es nicht eigentlich zum Gedanken gebracht. Erst der Zusam­men­hang ver­bürgt die Möglichkeit, auf ihn zurück­zukom­men und ihn als Gedanken zu real­isieren. Der auf­scheinende und bere­its wieder erlöschende Gedanke bleibt Ein­fall und damit ein­er­seits dem Zufall, ander­er­seits dem Abfall ver­wandt. Auch das in seinen Ein­fällen aufge­hende Augen­blicks­be­wusst­sein ist streng genom­men nicht Bewusst­sein, son­dern dessen naturhaftes Sur­ro­gat: Denken geschieht im Medium des Bewusst­seins, Bewusst­sein konkretisiert sich in erdachten Zusam­men­hän­gen. Dass es über­haupt an dieser Stelle erscheint, ver­dankt es der The­o­riedis­po­si­tion. Gedanken lassen sich stets auf zweifache Weise analysieren: im Kon­text einer The­o­rie des Denkens und im Kon­text einer The­o­rie des Bewusst­seins. Beide sind gespickt mit Ver­weisun­gen, sie durch­drin­gen einan­der, aber sie gehen nir­gendwo ineinan­der über. Es gibt zwis­chen ihnen eben­sowenig stetige Übergänge, wie es einen Indif­feren­zpunkt von Denken und Bewusst­sein gibt. Existierte er, so wären Denken und Bewusst­sein umstand­s­los das­selbe: eine schauder­hafte Vorstel­lung, übri­gens für beide Parteien.

So gle­icht die Marxsche The­o­rie dem Fabeltier mit acht Läufen, das sich bei Bedarf auf den Rücken wirft und weit­er­rennt, wobei der Bedarf sich daran bemisst, ob und in welcher Weise die Kon­stituen­tien von ›Welt‹ – also Raum, Zeit, alle Bezugs­for­men, die ein wenn auch nur rudi­men­täres Sub­jekt voraus­set­zen – in die Über­legun­gen ein­fließen. Bewusstseins‑Welten (so der Titel des zweiten Buches) sind Wel­tentwürfe, mit­tels derer sich das Bewusst­sein »Welt« erschließt; der Gebrauch des bes­timmten Artikels an dieser Stelle ließe einen The­o­ri­ety­pus aus dem Blick ger­aten, der Welt nur als erschlossene, mithin nur als Bewusstseins‑Welt gel­ten lässt.

Gegen den Nach­druck, mit dem der Philosoph auf dem Zusam­men­hang der Gedanken beharrt – der damit an eine noch unab­se­hbare Sys­tem­stelle rückt –, ließe sich ein­wen­den, dieser Gedanke sei triv­ial, da die philosophis­chen wie auch alle anderen The­o­riebil­dun­gen ihn schon immer geteilt hät­ten. Genau­sogut kön­nte man natür­lich den etwas anges­taubten Vor­wurf erneuern, er sei ein Relikt über­holter Sys­tem­pro­gramme, von denen die Philoso­phie sich seit langem mit Grün­den ver­ab­schiedet habe. Über beide Ein­würfe lässt sich reden, ver­mut­lich end­los, voraus­ge­setzt, man hält sie sorgfältig auseinan­der und feuert nicht unverse­hens, wie in der­gle­ichen an sich schon lästi­gen Auseinan­der­set­zun­gen üblich, aus bei­den Rich­tun­gen. In let­zterem Fall entsteht jene Art von höherem Non­sens, für den es immer ein dankbares Pub­likum gibt. Hin­ter ihm präsen­tiert sich, gut sicht­bar, die Gestalt des philosophis­chen Jed­er­mann, der zweifels­frei weiß, was zu sagen an der Zeit ist, und zwis­chen den Polen »triv­ial« und »obso­let« jeden Gedanken zu gesun­der Ein­heit­skost zu zer­reiben weiß. Worin aber, so ließe sich anmerken, liegt dann der Unter­schied zwis­chen der Ein­för­migkeit dessen, was an der Zeit ist, weil das Gerücht es so will, und den »Forderun­gen der Gegen­wart«, auf die Marx die Philoso­phie verpflichtet wis­sen möchte? Die Frage ist keineswegs leicht zu beantworten.

4.

Anfang der sechziger Jahre (»Die älteren unter uns wer­den sich erin­nern…«) berichtete Thomas S. Kuhn nach mancher­lei Lek­türen der wis­senschaftlich inter­essierten Öffentlichkeit, die grundle­gende Revi­sion der aris­totelis­chen Physik zugun­sten der exper­i­mentellen Physik Galileis und seiner Nach­fol­ger habe niemals stattge­fun­den. Die Wogen gin­gen hoch: ein Grün­dungsmythos war in Gefahr ger­aten. Prak­tisch grund­los – jeden­falls dann, wenn man als gute Gründe nur solche gel­ten ließ, die eine sach­liche Kri­tik der Vorgängerthe­o­rien ver­bürgten –, so Kuhn, hät­ten die am großen Umschwung beteiligten Wis­senschaftler ihre Forschun­gen nach neuen Leitvorstel­lun­gen aus­gerichtet. »Par­a­dig­men­wech­sel« nan­nte der Wis­senschaft­shis­toriker diesen Vor­gang, den er keineswegs miss­bil­li­gen mochte. Sein Sinn stand nach Ent­larvung: falls er anhand seines gut gewählten Beispiels nichts weniger als Die Struk­tur wis­senschaftlicher Rev­o­lu­tio­nen – so der Titel seines Buches – aufgedeckt hatte, dann beruhte der Glaube von Wis­senschaft­s­the­o­retik­ern wie des geschätzten Kol­le­gen Karl Pop­per an die his­torische Durch­set­zungskraft der über­lege­nen Argu­mente auf Mystifikation.

Was Kuhn nicht vorausse­hen kon­nte, war die Schnel­ligkeit, mit der sich ehren­werte Mit­glieder einer rel­a­tiv kon­sens­bedürfti­gen Sci­en­tific Com­mu­nity in eine Meute überzeugter Rev­oluzzer ver­wan­del­ten, deren ganzes Streben dem Bedürf­nis entsprang, sich mit Hilfe rhetorischer Klim­mzüge an die Spitze einer neuen Zeitrech­nung zu befördern. Der ganz per­sön­liche Par­a­dig­men­wech­sel – mancher Umtriebige brachte es im Lauf seines beruf­sak­tiven Lebens auf deren zwei oder drei – wurde zum Marken­ze­ichen eines wis­senschaftlichen Jahrzehnts.

Indessen stellte sich bald her­aus, dass das Phänomen weit­ge­hend auf die Geistes‑ und Human­wis­senschaften beschränkt blieb, Felder also, auf denen die Sit­ten ohne­hin lock­erer waren und die Kon­trolle der Ergeb­nisse sich von alter­sher etwas unüber­sichtlich gestal­tete. Ein solches Wis­sen schwächt den Elan und schafft Raum für neue Spiele. Inzwis­chen wird der Kuh­ni­an­is­mus the­o­retisch kaum mehr vertreten. Sein prak­tis­cher Siegeszug hinge­gen ist unge­brochen. In der Welt der Begriff­sstrate­gen erwies sich das Auf­tauchen der neuen Parole der »Über­schre­itung«, die jene vom Par­a­dig­men­wech­sel bald obso­let wer­den ließ, als glück­liche Fügung; unter ihr ließ sich das segen­sre­iche Werk in beinahe unge­broch­ener Begeis­terung fortsetzen.

Man mag das alles für kindisch hal­ten, aber man sollte es zur Ken­nt­nis nehmen. So »stahlhart«, wie sich Max Weber es sein­erzeit vorstellte, kon­nte das Gehäuse der Wis­senschaften gar nicht sein, um nicht im Gewirr der Aus‑ und Umzüge mehr als den einen oder anderen Kratzer zu erhal­ten. Wie also – um den Marxschen Faden wieder aufzunehmen – steht es um den »Zusam­men­hang der Gedanken«? Wie steht es prak­tisch um ihn, nach­dem sich am Wunsch‑Ort dieses Zusam­men­hangs, in den Wis­senschaften, ein Sys­tem der Prämierung von Ver­weigerung­shal­tun­gen und in der Sache grund­losen Neuein­sätzen etabliert hat, dessen Wort­führer sich darauf berufen kön­nen, dass es in der Ver­gan­gen­heit nie anders zuge­gan­gen ist und sie nur die ersten sind, die zu dieser Ein­sicht ste­hen – prak­tisch, ver­steht sich?

Wie sie dazu ste­hen, das ver­steht sich allerd­ings ganz und gar nicht von allein. Auch wenn es nicht schick­lich erscheinen sollte, so zu reden: es hängt an der Abrich­tung der Forschungssub­jekte, welche Frei­heiten sie sich her­auszunehmen erlauben, da sie doch über­aus großen Wert darauf legen, als Teil der Sci­en­tific Com­mu­nity zu gel­ten und zu beste­hen. Geistiges Eigen­tum endet dort, wo nie­mand es gewe­sen sein will. Dabei erliegt, wie all­ge­mein bekannt, die ängstliche Selb­stausle­gung nicht anders als die reputier­liche einem nat­u­ral­is­tis­chen Fehlschluss. So gewiss Gedanken, um in der Welt zu sein, von Sub­jek­ten gedacht wer­den müssen, so wenig bleiben sie indi­vidu­elles Eigen­tum, sobald sie kur­rent wer­den. In der Repub­lik der Gedanken ste­hen Eigen­na­men gewöhn­lich als Abbre­via­turen für The­sen und The­o­rien, also kom­plexe Gedanken, und nicht für deren mehr oder weniger zufäl­lige Genese.

Auch der Kon­for­mitäts­druck der Forscherge­meinde schafft keine Eigen­tum­srechte. Es wäre ein beachtlicher Irrtum, wollte man annehmen, in ihr habe man, anders als im Sub­jekt, den unhin­terge­hbaren und somit objek­tiven Rah­men, in dem sich das wis­senschaftliche Denken vol­lziehe. So offen lässt sich eine empirische Forscherge­mein­schaft gar nicht denken, als dass sie nicht die Zufäl­ligkeit und Banal­ität der in sie inte­gri­erten Sub­jekte in sich aufnehmen und sogar auf sie set­zen würde. Auch die Gruppe wür­felt. Wer behauptet, der tat­säch­liche Gang der Wis­senschaften habe mit den Leis­tun­gen und dem Ver­sagen der Einzel­sub­jekte so gut wie nichts zu tun, son­dern sei eine irgend­wie autonome Größe, der behauptet – irgend­wie – so gut wie nichts. Dies jeden­falls hat der prak­tis­che Kuh­ni­an­is­mus aufs beste illustriert.

Man muss den nat­u­ral­is­tis­chen Fehlschluss – wenn nicht A, dann B, wobei A für das Sub­jekt, B für die Gruppe steht – im Auge behal­ten. Erst dann erschließt sich die Ambivalenz zahlre­icher Sätze, in denen Marx gegen den erken­nt­nis­the­o­retis­chen Sub­jek­tivis­mus angeht, als gelte es, Jean Pauls Hohn über die Ficht­esche Wis­senschaft­slehre nach zwei­hun­dert Jahren erneut die argu­men­ta­tiven Wei­hen zu spenden: »Sub­jek­tive Reflex­ion kann für sich allein genom­men dem­nach kein zure­ichen­des Prinzip von Bes­timmtheit sein … Das Ich als Prinzip aller Bes­timmtheit gle­icht einem leeren Schatzhaus, das, wenn es Schätze, die reinen Gedankenbes­tim­mungen, hätte, nicht wis­sen kön­nte, woher diese kom­men, und, wenn es keine hätte, nicht wüßte, woher welche zu nehmen wären.«

Sozi­ol­o­gis­che Schulen, die dem Ende der Philoso­phie ein gewisses Inter­esse abgewin­nen, weil sie diese zu beer­ben ver­suchen und dabei den Jour­nal­is­mus auf ihrer Seite wis­sen, sind damit keineswegs aus dem Schnei­der. Wenig gerüstet, die sub­jek­tive Reflex­ion auszuhe­beln, ver­wen­den sie eine beträchtliche, noch aus den Zeiten des dialek­tis­chen Mate­ri­al­is­mus stam­mende Vir­tu­osität im Wieder­holen ver­trauter Gesten darauf, die weni­gen zaghaften Gesuche der Tot­ge­sagten um Gehör unbe­se­hen und unbe­wegt in den Papierkorb zu versenken. Auch damit hal­ten sie sie am Leben. Solange das Sub­jekt kein Let­ztes sein darf, bleibt es das Vor­let­zte (und rückt damit näher an den Vor­denker heran): als aus­führen­des Organ der Gruppe, aus­ges­tat­tet mit dem geheimnisvollen Ver­mö­gen, sie eigen­mächtig mit­tels Vorstel­lun­gen und Hand­lun­gen zu repräsen­tieren und als schüt­terer Zufall­sknoten sta­tis­tis­cher Größen let­zteren zu einer Art ange­wandten Daseins zu verhelfen.

Schließlich ist die sub­jek­tive Reflex­ion nicht so borniert, wie ihre Verächter glauben machen. Immer­hin zählt der Nach­weis, dass jedes Let­zte spie­lend durch ein Aller­let­ztes über­boten wer­den könne, voraus­ge­setzt, das Denken beruhigt sich nicht bei einer willkür­lichen und tau­tol­o­gis­chen Set­zung wie dem Ficht­eschen Ich = Ich, zu ihren haupt­säch­lichen Lehrstücken. Erst ein Aller­let­ztes, dem die Frage nach dem Grund des Sub­jekts erfol­g­los nach­stellt, lässt sich durch kein weit­eres Let­ztes dis­tanzieren. Aus dieser Ein­sicht stammt ihre Stärke wie ihre Schwäche. Man muss schon die Anmu­tung einer let­zten Instanz fal­l­en­lassen, um den fatalen Dia­log zwis­chen der zu Über­grif­fen aller erden­klichen Art disponierten Gruppe und dem selb­st­bezüglichen Ich – »die Sozi­olo­gie und die Leere«, wie Got­tfried Benn sein­erzeit fabelte – zwar nicht zu been­den, aber als das zu nehmen, was er ist: als dauer­hafte Zwiesprache zwis­chen einem Schw­er­höri­gen und einem Trunk­en­bold. Auf den Entschluss kommt es an. Was wäre der historische»Tod des Sub­jekts« mehr als ein karnevaleskes Zwis­chen­spiel? So sehr kann es sich über­haupt nicht ver­lieren, als dass es sich nicht stets aufs neue zu sam­meln hätte.

Auch wer auf let­zte Gründe verzichtet, ist vor Unter­stel­lun­gen nicht sicher. Es muss ein schönes Gefühl sein, gegen andere den Vor­wurf der Seinsvergessen­heit zu erheben, daneben schrumpft manch eigene Fehld­is­po­si­tion zur Bagatelle. Aber ist es wirk­lich der Skep­tizis­mus, der das Sub­jekt unter die Tyran­nei des Fak­tis­chen beugt? Doch eher unter die eigene: nicht umsonst zählt die Zweifel­sucht seit alter­sher zu den Lastern. Fak­tisch mag sie den, der ihr ver­fällt, der Tyran­nei des Fak­tis­chen aus­liefern, doch das passiert auch anderen Leuten. Ebenso ver­mag die Fest­stel­lung, dass sich in ihr das Sub­jekt gegen das Denken des Grun­des sperre, nur soweit zu überzeu­gen, als sie die Begriff­s­gym­nas­tik aufdeckt, die dem Vor­wurf zugrun­deliegt: Worauf sonst ginge das Denken des Sub­jekts in Wahrheit, wenn nicht auf den Grund? Was bliebe ihm dem­nach anderes übrig, als den Grund zu denken oder sich ihm zu ver­weigern? Aber nicht so hastig: Aus der skep­tis­chen Sich­tung von »Grund« und »Boden« lassen sich Schlüsse ziehen, von denen all diejeni­gen, die fest darauf zu ste­hen glauben, nicht ein­mal träu­men kön­nen. Und muss man jedem, der sich weigert, ein let­ztes Prinzip anzunehmen, eine prinzip­ielle Ver­weigerung­shal­tung dem gegenüber andichten, was dem Sub­jekt teuer sein sollte, dem Heils­gedanken, dem Gedanken also im Grunde?

Nun, wer sich ver­weigert, hat vielle­icht eben­falls Gründe, aber seine Hal­tung lässt offen­bar zu wün­schen übrig. Nicht auszu­denken, Tübinger Stift­sprosa ließe sich leicht mit einem fränkischen Bocks­beu­tel aufwiegen. Die Geschichte des Denkens müßte neu geschrieben, sie müßte abgeschrieben wer­den. Der Seins­denker hat die Skep­sis hin­ter sich. Resig­niert leis­tet er sich bei­des: die Selb­staffir­ma­tion des Sub­jekts und die Trauer über seine Ver­loren­heit in den unendlichen – und unendlich sinnlosen – Weiten der Empirie. Ach wis­sen Sie, sagt das Kan­inchen, Sie sind die Schlange, aber ich bin auch einer. Das weiß doch jeder (sagt die Schlange).

Dass das Sein das Bewusst­sein bes­timmt, dieser Jahrhun­dert­satz, der bisher noch anläßlich jeder Nieder­lage glänzend bestätigt wurde, bekommt in dem Zusam­men­hang eine aparte Note. Er zeigt sich näm­lich in beide Rich­tun­gen les­bar: Wenn das Bewusst­sein sich gegen das Sein bes­tim­men kann, dann ver­mut­lich deshalb, weil das Sein Bewusst­sein als Abhan­den­sein bes­timmt. Zwis­chen Auf­grund und Abgrund finden sich mehr Zynis­men als Tauben im Zylin­der der großen Magier. Das Bewusst­sein holt seine Bes­tim­mungen aus dem Sein: da möchte man zu gerne wis­sen, wie es das anstellt. »Es gehört auch dies zu einer vollen Bes­tim­mung des Wesens der Philoso­phie, dass sie unwesentlich wird in der Befan­gen­heit ihrer Vorurteile, wenn sie sich auf Refugien let­zter Reflex­ion zurückzieht und sich scheut, für eine vergängliche Welt vergängliche Begriffe zu suchen.«

Wie also steht es um den Zusam­men­hang der Gedanken inner­halb der Wis­senschaften? Die Frage scheint empirisch nicht entschei­d­bar zu sein. Will man sie halb­wegs zufrieden­stel­lend beant­worten, dann ist man genötigt, einen Begriff von Kohärenz einzuführen, der Inko­hären­zen, Sprünge, Dis­paratheiten aller Art ein­schließt und sogar recht­fer­tigt. Der Satz vom aus­geschlosse­nen Wider­spruch leis­tet das nicht, eben­sowenig der bloße Sys­temgedanke, als dessen Schwund­form die Forderung, The­o­rien müßten ihre »Anschlussfähigkeit« unter Beweis stellen, wenn sie ernst genom­men wer­den woll­ten, täglich an Assozi­a­tion­skraft gewinnt. Let­ztere schon deshalb nicht, weil sie tat­säch­lich entweder eine Triv­i­al­ität oder einen Dog­ma­tismus kund­tut. Eine The­o­rie, die sich nicht an irgen­deine The­o­rie anschlösse, gibt es nicht, zu einer solchen Insel der Seli­gen ist Sterblichen der Zugang ver­wehrt. Fordert man uns aber auf, uns einer bes­timmten The­o­rie oder auch nur einem bes­timmten The­o­ri­ety­pus anzuschließen, so gehen wir zunächst ein­mal – auf Dis­tanz. Und das ist gut so. – Wider­spruchs­frei­heit allein wiederum reicht als Kri­terium nicht aus, weil auch und ger­ade der Wider­spruch das Denken vorantreibt.

5.

Warum, so ließe sich fra­gen, sollte der gesuchte Begriff von Kohärenz eine Son­der­beziehung zu den Wis­senschaften unter­hal­ten? Nur weil in ihnen ange­blich strenger und aus­greifender gedacht wird als in anderen Lebens­bere­ichen? Das wäre, nach allem, eine magere und ger­adezu kon­flik­tscheue Begrün­dung. Lohnen­der erscheint daher eine Such­be­we­gung, die ohne dieses Präjudiz auskommt. Als Fata Mor­gana am Hor­i­zont einer solchen Suche erhebt sich die Rede vom ›Bewusst­seinsstrom‹. In ihr scheint sich ein Sachver­halt anzukündi­gen, der gle­icher­maßen ele­mentarer und ver­wick­el­ter ist als die Vorstel­lung von der Wis­senschaft als einem Ver­bund wider­spruchs­freier und sin­nre­ich zueinan­der passender Sätze. Es ergibt sich aber, dass dieser Sachver­halt durch die Figur am Hor­i­zont ebenso zuver­läs­sig angezeigt wie ver­stellt wird. Die Rede vom Bewusst­seinsstrom beze­ich­net das Prob­lem, nicht die Lösung.

Warum das so ist, erschließt sich aus einer Über­legung, die den falschen Schein von Kon­ti­nu­ität inner­halb von Denkver­läufen als Quelle the­o­retis­cher Irrtümer einzukreisen ver­sucht. »Das Denken«, schreibt Marx, »scheint in Sprün­gen von Bes­timmtheit zu Bes­timmtheit allein sich entwick­eln zu lassen. So gese­hen wäre gleichförmig‑dichte, über­all inten­sive und immer durch­führbare Diskur­siv­ität des Denkens nur ein tra­di­tionell geheiligter Schein, hätte aber kein fun­da­men­tum in re.« Gle­ich­för­mig dichte, über­all inten­sive und immer durch­führbare Diskur­siv­ität wäre aber das einzige, was die Lehre vom Bewusst­seinsstrom der Suche nach einem diskur­siven Kon­tin­uum zu bieten hätte: solange der Gedanken­faden nicht reißt, ist alles Zusam­men­hang. Danach wird es schwierig.

Was man nicht hat, das wün­scht man sich – und drängt es damit in eine Rich­tung, in der nicht mehr das nüchterne Kon­sta­tieren, son­dern das irrlichternde Begehren den Ton angibt. Das »Bedürf­nis nach Kon­ti­nu­ität« lässt sich auf Dauer nicht unterbinden, es ist ein »Grundbedürf­nis« allein schon deshalb, weil es den Philosophen auf der Suche nach einer ela­bori­ert­eren Lösung leitet, aber es enthält eine illu­sionäre Kom­po­nente. In einer Welt, in der Stetigkeit zwar wertvoll, aber schwer zu errin­gen ist, liegt es nahe, ein wenig zu zaubern und so zu tun, als ver­bürge der eine oder andere Griff, die eine oder andere gedankliche Oper­a­tion, die eine oder andere Rou­tine das gewün­schte Ergeb­nis. Wenn aber, denkt der Philosoph, und der Lieb­haber imag­inärer Gefahren ist geneigt, ihm mit glänzen­den Augen zu ver­trauen, darin allein der »hil­flose Ver­such der Ver­nunft« zum Vorschein käme, »nur das Kon­forme als Thema zuzu­lassen, sich nur durch Aussper­rung alles dessen, was das Grundbedürf­nis nicht befriedigt, Selb­st­macht und Ord­nung zu bewahren«, so wäre es besser, ihn zu unter­lassen oder abzubrechen, sooft sich die Gele­gen­heit böte, auf jeden Fall aber der Ver­suchung zu wieder­ste­hen, die gesuchte Kon­ti­nu­ität in bes­timmten Denkrou­ti­nen oder ihrem psy­choph­ysis­chen Unter­fut­ter zu finden.

Der Sys­tem­atiker ist ein gebran­ntes Kind, er kennt die Prak­tiken einer auf Ent­larvung erpichten Kri­tik, die nicht nur die Auflö­sung bes­timmter Ord­nungsvorstel­lun­gen, son­dern auch die Preis­gabe des Sub­jekts ver­langt. Der Stream of Con­scious­ness nimmt darin eine beson­dere Posi­tion ein. Wenn schon Gedanken und Vorstel­lun­gen nicht anders als diskret gedacht wer­den kön­nen, dann bleibt eben nur ihr Dahin­strö­men im gemein­samen Bett übrig: »Die Sta­tio­nen des Sub­jekts wären … dann allen­falls Daten, die im Gedächt­nis gespe­ichert und abruf­bar wären, nicht aber Wirkun­gen, die in das aktuelle Leben ein­drin­gen und erlebend wieder trans­formiert wer­den kön­nen in einen immer dichter und inten­siver wer­den­den Zusam­men­hang.« Der Bewusst­seinsstrom steht also nicht für die Kon­ti­nu­ität, son­dern für die Diskon­ti­nu­ität der Denk­abläufe. Um das zu begreifen, muss man den Blick vom Bild der stetig ver­stre­ichen­den Zeit, das die Meta­pher des Stroms her­vor­ruft, auf den Katarakt der Inhalte lenken. Was der Strom dahin­trägt, sind die Träume, Wün­sche, Vorstel­lun­gen, Regun­gen des Sub­jekts in seinem schwachen oder unbändi­gen Willen, sich zu kon­tinuieren. Das alles gleitet mit‑ und durcheinan­der­spie­lend, unret­tbar für den, der das Unglück vom Ufer aus vorübertreiben, unaufhalt­sam für den, der das Ufer vor­beiziehen sieht – wie über­haupt die Crux der ganzen Strom­meta­pher dieses nicht aus ihr zu ent­fer­nende Ufer darstellt.

Der Kun­st­griff und die Schwäche der Hypothese vom Bewusst­seinsstrom liegt darin, dass Kon­ti­nu­ität hier nur als homo­gene beansprucht wird. Die Regsamkeit des Bewusst­seins wird zurück­ge­bun­den – was immer nahe­liegt – und iden­ti­fiziert mit gle­ich­för­mi­gen Bewe­gungsabläufen in Raum und Zeit. Was aber, wenn darin nur eine willkür­liche Ideen­verbindung läge? Das Beben müßte bis in die Rei­hen aus­ge­buffter Joyceaner hinein spür­bar wer­den. Selbst Her­mann Broch scheint sein­erzeit etwas geahnt zu haben, als er die Ver­wand­lung der gewöhn­lichen Werkelt­agspsy­che unter dem von ihm als »ratio­nal« bestaunten Zugriff des Romanciers in eine Assem­blage beschrieb: »An diesem Flusse nun« – dem Lif­fey – »knien zwei Wäscherin­nen und waschen die schmutzige Wäsche. Sie knien an den Ufern, und über das Wasser hin erzählen sie einan­der den Tratsch der Stadt, den Tratsch über die Heldin Anna Livia Plura­belle. Ihre Gespräche gehen im Takt der Arbeit, des Walkens und des Auss­chla­gens, ihre Gespräche sind sel­ber Waschen, sie waschen die schmutzige Wäsche der Stadt. Doch es wird dun­kler, die Nebel sinken herab, das Gespräch wird läs­siger, die Bewe­gun­gen der Wäscherin­nen wer­den läs­siger, der Fluß wird im sink­enden Nebel immer bre­iter und bre­iter, sein Murmeln wird immer hör­barer, es dringt das Murmeln des Flusses in die Gespräche ein, denn nichts wird beschrieben, alles entsteht in und aus dem Reden der Wäscherin­nen, die nun schon keine Wäscherin­nen mehr sind, son­dern Fabel­we­sen, die eine zum Strunk eines Ufer­strauches, die andere zu einem Felsstück gewor­den, bespült von den wach­senden Wellen sie beide, und ihre Sprache ist schließlich nur mehr das verebbende Murmeln des Flusses, unver­ständlich jedem Zuhörer, unver­ständlich ihnen sel­ber, Musik des Wassers, gefaßt in men­schlichen Laut…«

The­o­rien des Bewusst­seinsstroms, die aus der Dis­paratheit der vor­beiziehen­den Denk­in­halte auf die Dis­paratheit der Per­son und die Unmöglichkeit des Sub­jekts schließen, bezeu­gen vor allem eins: das Misslin­gen aller Ver­suche, Denkver­läufe nach dem Muster räumlich‑zeitlicher Abläufe zu kon­stru­ieren. Merk­würdig daran ist, dass die misslin­gende Demon­stra­tion mit der­sel­ben immer­gle­ichen Emphase vorgenom­men wird, mit der man sonst dem Gelin­gen huldigt. Aus dem Misslin­gen soll das Ende der Sub­jek­til­lu­sion her­aussprin­gen wie der Klapp­teufel aus der Zauberk­iste: »Wer lacht hier, hat gelacht? /​Hier hat sich’s ausgelacht.«

Dass eine einzige, nicht ein­mal beson­ders klare begrif­fliche Fes­tle­gung unsere Erwartun­gen an das Sub­jekt – prak­tis­che, sehr prak­tis­che Erwartun­gen – gegen Null sinken lässt, das allein sollte noch kein hin­re­ichen­der Grund sein, an ihr mit einer Art ver­querer religöser Inbrunst festzuhal­ten. Vernün­ftiger wäre es, nähme man die zwangsläu­fige Dekom­po­si­tion des Sub­jekts im Bewusst­seinsstrom zum Anlaß, um für das Denken – die Instanz, welche, weit genug gefaßt, die Ein­heit des Sub­jekts ver­bürgt, weil sie sie gestal­tet – eine andere Art von Kon­ti­nu­ität anzunehmen als diejenige, die der Rede vom Bewusst­seinsstrom zugrundeliegt.

Nicht son­der­lich klug erschiene es allerd­ings, an die Stelle des metapho­rischen Stroms den »Leib« als materiell‑abstrakten Träger der Gedanken, Vorstel­lun­gen und Wün­sche zu rücken. Die logis­chen Prob­leme blieben nahezu iden­tisch. Lohnen­der wirkt da schon der Vorschlag, einen Begriff von Kon­ti­nu­ität zu ermit­teln, der von vorn­herein auf den Ein­heit­saspekt von Gedanken zugeschnit­ten ist. Der erste Schritt lässt sich leicht nachvol­lziehen, da er nur ein logis­ches Erforder­nis umschreibt. »Der Gedanke, der kon­tinuier­liche Ein­heit bedeutet, impliziert, dass die Diskretheit der Gedanken im Sinne von Het­ero­gen­ität nur insoweit als möglich zuge­s­tanden wer­den kann, als auch noch die bes­timmtesten, ein­deutig­sten Kern‑Differenzen als uni­form, als sich in eine Dimen­sion fügend ver­standen wer­den kön­nen müssen.« Gedanken, heißt das, lassen sich als in gle­icher Weise het­ero­gen beschreiben. Schwieriger wird es beim Wie: »Het­ero­gen­ität als eine Voraus­set­zung für eine bes­timmte Form von Kon­ti­nu­ität muss für alle Ele­mente des Kon­tin­u­ums in gle­icher Weise ange­setzt wer­den, so dass die Dif­ferenz zwis­chen Gedanken als Bes­tim­mungen und Prinzip­ien und solchen, die hin­sichtlich ihrer als bes­timmt genom­men wer­den kön­nen, gle­ichar­tig der­jeni­gen ist, die sich über­haupt zwis­chen Gedanken als Zer­legun­gen und Zer­legun­gen, insofern sie in der­sel­ben Weise Gedanken sind, kon­stru­ieren lassen.« Gefordert ist dem­nach eine Dif­ferenz, die durch keine inhaltliche oder for­male Stel­lung eines Gedankens in irgen­deiner Weise berührt wird.

Eine solche Option erhebt – über­raschend genug – die Ablehnung von let­zten Prinzip­ien oder Grün­den zur förm­lichen Bedin­gung von Kon­ti­nu­ität. Läßt man sich auf sie ein, so ergeben sich bes­timmte Fol­gerun­gen. Zum einen besiegelt sie die Ablehnung der Sub­jek­tzen­trierung des Wis­sens. Es kann keinen Begriff von Sub­jek­tiv­ität geben, der das zu leis­ten ver­möchte, was über­haupt kein Gedanke zu leis­ten imstande ist. Wenn alle Gedanken Zer­legun­gen sind, die weit­eren Zer­legun­gen offen­ste­hen, dann darf das Denken keinen Gedanken mit dem Index der Suisuf­fizienz, des In‑sich‑selbst‑Begründetseins verse­hen. Wenn Gedanken als ebenso diskrete wie flüchtige Grenzziehun­gen zwis­chen Bes­timmtheiten ein­er­seits, zwis­chen Bes­timmtheit und Unbes­timmtheit ander­er­seits fungieren, dann ste­hen auch die Gedanken des Sub­jekts, des Seins, der dif­férance etc. – also all diejeni­gen, die durch die von Rorty so genan­nten Zauber­wörter her­auf­beschworen wer­den – weit­eren Zer­legun­gen offen, es sei denn, man zieht es vor, sie durch ein magis­ches Rit­ual gegen let­ztere, also gegen das Denken selbst, abzuschir­men. Reflex­ion ist dann nicht die Rück­kehr des Sub­jekts zu sich selbst (oder zu etwas, das ihm »voraus­liegt«), son­dern »eine ele­mentare … Struk­tur; sie besagt die Benen­nung der ele­mentaren Beziehun­gen, die in ihr sich eröff­nen, aber nichts darüber, ob der Anfang der Exp­lika­tion bei ihnen der einzig mögliche und ein in irgen­deiner Weise beson­ders bedeu­tungsvoller ist. Der Anfang mit der so fest­gelegten Reflex­ion enthält keine inhaltlich bes­timmten Vorentschei­dun­gen und keine Rät­sel. Er besagt nur, dass er eben Anfang ist…« Und weiter: »Eine gegen die Reflex­ion kün­stlich immu­nisierte Anfangs­bes­timmtheit ›ein­holen‹ zu wollen, ist so sinn­los wie die Suche nach dem Anfang in einem Kreis; sie kommt in ihr so wenig vor wie er in ihm.«

Zum anderen aber – und darin liegt der haupt­säch­liche Reiz dieser Option – ges­tat­tet sie, die Ein­heit des Sub­jekts als etwas zu beschreiben, das sich nicht etwa im Rück­gang auf einen zwangsläu­fig ver­schlosse­nen Kern erschließt, son­dern im Fort­gang seiner Anstren­gun­gen, sich die Welt zuzueignen. Nicht der Kreb­s­gang, son­dern – eine missver­ständliche und daher nicht allzu belast­bare Meta­pher – der aufrechte Gang zeit­igt Kon­ti­nu­ität, weil er sie her­stellt. Die Ein­heit des Ich ist nicht gegeben, sie stellt sich in seinen Bezü­gen her, und zwar mit­tels einer Bewe­gung, die den aneignen­den Rück­bezug auf die – immer kontin­gen­ten – Anfänge, die es denk­end zu einer Aus­gangslage zu sortieren gilt, und den aus­greifenden Vor­wärts­bezug auf einen ebenso vagen wie unz­er­reißbaren Entwurf­shor­i­zont, inner­halb dessen Prob­lem­lö­sun­gen the­o­retis­cher oder prak­tis­cher Art als »sin­nvoll« oder »akzept­abel« gel­ten, miteinan­der verbindet. Sofern das Sub­jekt in dieser Weise auf sich reflek­tiert, ver­steht es sich als notwendig und als notwendig kontin­gent, und dies nicht etwa abwech­selnd und im Wider­spruch, in einer von Skep­sis dik­tierten dialek­tis­chen Bewe­gung, son­dern weil es sich mit dem Gedanken abge­fun­den hat, dass der »wis­sende Abschied des Bewußt­seins von seiner Welt als der nicht unmit­tel­bar präsen­ten und nie so präsent wer­den­den« vor der eige­nen Ver­fas­sung nicht halt macht, son­dern hier erst seine eigen­tüm­liche Schärfe gewinnt. Zu dem, was als zweite Wirk­lichkeit, als »die vom Denken pro­duzierten … Zusam­men­hänge, in denen sich das Denken feste Voraus­set­zun­gen der Real­isierung seiner Möglichkeiten gesetzt hat«, die Reflex­ion des Sub­jekts auf sich als einen exponierten »Gegen­stand« unter anderen erst freisetzt, »gehören starre Tra­di­tio­nen, blinde Dog­men, sin­nvolle oder sinnlose Kon­ven­tio­nen, dif­feren­zierte Ter­mi­nolo­gien, The­o­rien und Hypothe­sen. Es ist ger­ade die zweite Wirk­lichkeit, an der das Denken die Gewalt dessen, was es nicht sel­ber ist, über sich erfährt, und dies deshalb, weil es die Gewalt, indem es sie ver­steht, über­haupt erst pro­duziert, jeden­falls aber ver­stärkt

6.

Sätze wie diesen hat man allzu oft gele­sen, um sich von ihnen noch unmit­tel­bar ergreifen zu lassen. Das wäre auch gegen die Absichten einer The­o­rie, die weit davon ent­fernt ist, das Pathos der Nüchtern­heit zu Rauschzwecken zu miss­brauchen. Ernüchterung, wie sie hier ver­standen wird, ist kein zweiter Rausch und auch kein drit­ter, kein Traum vom Ende der Träume. Nicht Neugier, nicht Trauer: das sind Beweger im Spiel der Hypothe­sen, solange eine gewisse Entschei­dung noch nicht gefallen ist. Diese Entschei­dung enthält keine beson­dere ethis­che Kom­po­nente. Sie ist so sim­pel wie intrikat. Entweder entschließe ich mich dazu, Intellek­tu­al­isierung – die eigene vorneweg – als Men­schw­er­dung zu betra­chten, als Prozeß der Dis­tanzierung von jener »Bewuss­theit«, in welcher der appeti­tus den Kar­ren zieht, so dass als die haupt­säch­liche Auf­gabe des Lebens, als seine Hausauf­gabe die Selb­stzügelung ange­se­hen wird, oder ich zeige mich wil­lens, »mein Leben zu leben« und zu diesem Zweck gegen jede Hypothese Ein­spruch einzule­gen, die den dunkel gefühlten Ich‑Impuls in eine dezen­trale Posi­tion zu rücken scheint.

Dass ›mein Leben leben‹ in diesem Zusam­men­hang nichts anderes heißt als ›das Leben aller führen‹, ist dabei nicht weiter hin­der­lich. Es bildet die Grund­lage meines Kom­forts, da es mich in die Posi­tion dessen rückt, der die Karten aufdeckt: Ich befinde mich in keiner priv­i­legierten Lage, aber ihr auch nicht. Auch hin­dert mich die Trauer, die ich über den Ver­lust der archais­chen Lebens­for­men empfinde, mit­nichten daran, eine gesunde Por­tion Neugierde zu ent­fal­ten. Recht bese­hen, bin ich der Pro­tag­o­nist der Neugierde, denn ich habe begrif­fen, dass der natür­liche Men­sch im aufgeris­se­nen Rachen eines von ihm ehrfurchtsvoll verehrten Untiers herumspaziert, das ihn unweiger­lich am Ende ver­schlingt, und dass im Einge­holtwer­den von der Natur eine tief­ere Weisheit steckt als in der Rück­kehr zur Natur. Der wissenschaftlich‑technische Prozeß ist mir nicht fremd. Im Gegen­teil, er belehrt mich über die deformierende Kraft der Anstren­gung, die das Leben dem einzel­nen abver­langt. Die insti­tu­tionelle Macht repro­duziert die Gewalt­tätigkeit, die Leben heißt.

Aber – und darin unter­scheide ich mich von meines­gle­ichen – ich sehe hin, wo andere wegse­hen. Diese Fähigkeit, die ich ins Spiel bringe, diese unver­langte Fähigkeit macht mich zum Stören­fried. Zum Beispiel macht es mir nichts aus, zu sagen, das Sub­jekt sei eine Illu­sion. Das mag richtig sein oder falsch – am Ende wür­feln wir alle –, auf jeden Fall ver­schafft es Erle­ichterung. Mit dieser Aus­sage über­ant­worte ich mich den biol­o­gis­chen Gegeben­heiten. Als gelebte Illu­sion bin ich unsterblich, als durch­schaute hinge­gen nicht exis­tent. Das Macht­be­wusst­sein, das mir daraus erwächst, ist nicht ger­ing. Es erlaubt mir, Dinge zu tun, die als ungewöhn­lich gel­ten. So ficht es mich nicht an, über die con­di­tion humaine Sätze zu ver­bre­iten, in denen sich das Prob­lem der Gat­tung auf das der Abstim­mung schlecht zueinan­der passender Kom­po­nen­ten reduziert. Das entspricht übri­gens meinem Lebens­ge­fühl. Während ich finde, dass sich das Wort ›Bewusst­sein‹ son­der­bar taub anfühlt, empfinde, fühle, weiß ich mich einen Satz unüberse­hbar vieler sich ver­men­gen­der, über­lagern­der und wech­sel­seitig bee­in­flussender Kon­flikte. Ich ist ein Schlacht­feld. Auf ihm toben Kon­flikte, für die ich nicht geschaf­fen wurde, die mich, bei Licht bese­hen, nichts ange­hen, die bekan­nter­maßen aus älteren Pro­jek­ten der Natur auf mich gekom­men sind, ohne die ich aber nicht existierte, weil ich die Fläche bin, in der sie sich real­isieren. Das ist übri­gens ein sehr ein­facher Gedanke, der die ver­schieden­sten Ausle­gun­gen zulässt, und den zusam­men mit immer neuen empirischen Annah­men in immer neuen Fas­sun­gen vorzule­gen ich nicht müde werde. Allerd­ings – da es meiner Hypothese entspricht, sehe ich keinen Grund, es zu ver­schweigen – ermüde ich rasch bei der Arbeit. Die Über­bi­etung ist mein Geschäft, als ehrlicher Mak­ler zwis­chen den Parteien streue ich meine Vorschläge, wis­send, dass sie nichts anderes tun. Wer weiß, dass er – oder sein Kadaver – so oder so auf dem Schin­dan­ger lan­det, hat ein Recht auf Abbrüche, sofern es die seinen sind. Ich ist immer schon anders beschäftigt.

Es gehört, nein, es gehörte ein­mal eine Por­tion Mut dazu, so zu denken. Die Erin­nerung daran grundiert die aller­welt­shaft gewor­dene Gesin­nung als hero­is­cher Reflex. Er zeigt sich unter anderem darin, dass nahezu jeder, der ihr anhängt, davon überzeugt ist, einer radikalen Min­der­heit anzuge­hören, die gegenüber der Masse der abhängig Denk­enden die Frei­heit des Geistes vertei­digt und das strahlende Erbe der Aufk­lärung vor dem End­lager bewahrt. An diesem Selb­stver­ständ­nis muss etwas faul sein. Schon der stereo­type Abwehrreflex gegenüber den vie­len Gle­ich­gesin­nten deutet es an: Minorität verpflichtet. Und es fällt nicht schwer, so zu denken. Genau bese­hen, liegt darin eine Anpas­sungsleis­tung, immer­hin also eine Leis­tung, wenn auch infe­ri­oris generis. Es ist, wie fast jeder weiß oder wis­sen kön­nte, wenn seine Eit­elkeit dies zuließe, der per­sön­liche Appen­dix des Funk­tion­al­is­mus, nicht mehr, nicht weniger, es ver­längert dessen insti­tu­tio­nen­ver­wobene Gegen­wart in die pri­vate Selb­stausle­gung­spraxis hinein, in der es an einem ebenso schwäch­lichen wie unaus­rot­tbaren Kon­ser­v­a­tivis­mus seinen rit­uellen Geg­ner findet.

Nun bedeutet Anpas­sung, außer in moralisch beden­klichen Fällen, nichts Ehren­rühriges. Im Gegen­teil: sie ent­lastet und sie eröffnet Hand­lungsräume, was nicht wenig ist. Daher denken nicht nur die meis­ten so, son­dern – wenig­stens hin und wieder – alle. Es klingt plau­si­bel, und es ist real­is­tisch. Auch wer sich entschlossen zeigt, die vom Real­is­mus verord­nete Trennlinie zu über­schre­iten, denkt nicht anders. Wenn es ein Witz ist, dann ver­mut­lich ein abgründi­ger: jene Dis­tanz, die zu denken, die mitzudenken den ganzen Unter­schied zwis­chen den Posi­tio­nen aus­macht, ist dem Real­is­mus (der sich weigert, sie zu denken) sehr wohl ver­traut, ihre merk­lichen, als wohltuend wahrgenomme­nen Wirkun­gen gehören zu den Plau­si­bil­itäts­grün­den, die ihn unschlag­bar erscheinen lassen. Deshalb läuft der Apolo­get der Men­schw­er­dung offene Türen ein, wenn er darauf besteht, dass der Prozeß der Intellek­tu­al­isierung alle men­schlichen Ken­n­marken ver­schiebt – und zwar unwider­ru­flich –, und bleibt doch aus­geschlossen, weil er darauf aus ist, Gründe, gute Gründe für etwas beizubrin­gen, was als Schick­sal, als Ver­häng­nis gelebt wer­den soll, in dem sich jeder einzelne einzurichten habe. Wie jemand sich ein­richtet, darin darf er seinen Geschmack, seine Klasse zeigen: ein wenig Lar­moy­anz, ein wenig gelassene Heit­erkeit, ein wenig Esprit, der die Para­dox­ien des Men­sch­seins auszukosten erlaubt, mehr ist nicht nötig, um ein Leben zu führen, das den Erfordernissen des Intellekts gerecht wird. Der Ratio­nal­ist, der sich weigert, rechtzeitig in die ästhetis­che Hal­tung hinüberzuwech­seln, stört da nur. Er stört unbe­d­ingt: durch seine Unbe­d­ingth­eit ebenso wie durch die Rede von den Bedin­gun­gen der Erken­nt­nis, die ebenso unbe­d­ingt sein sollen wie ihre Erken­nt­nis bed­ingt. Dieses Para­doxon ken­nen wir doch, durch Wieder­hol­ung wird es nicht schöner.

7.

Der unbe­lastete Beobachter genießt den Vorteil, zu wis­sen, wo es langgeht, und nützt ihn gele­gentlich scham­los aus. »In den fol­gen­den Kapiteln werde ich ver­suchen, das Bewußt­sein zu erk­lären. Genauer gesagt, ich werde die unter­schiedlichen Phänomene analysieren, aus denen das zusam­menge­setzt ist, was wir Bewußt­sein nen­nen. Und ich werde zeigen, wie sie als physikalis­che Effekte der Gehir­nak­tiv­itäten ver­standen wer­den kön­nen, wie diese Aktiv­itäten evolvierten und wie sie Illu­sio­nen über ihre eige­nen Kräfte und Eigen­schaften entwick­eln.« Das ist ein löbliches, überdies nicht unbekan­ntes Pro­gramm, zu dem man Daniel C. Den­nett Glück wün­schen möchte, wenn er dessen bedürfte. Was aber nicht der Fall zu sein scheint, da die Rolle, in der er sich sieht – der Rebell‑im‑Glück –, den glück­lichen Aus­gang des Unternehmens seiner Philoso­phie des men­schlichen Bewusst­seins vorab moralisch geregelt weiß. »Aus­ge­hend von der in diesem Buch darzule­gen­den Betra­ch­tungsweise wird sich zeigen, dass Bewußt­sein, etwa von Begrif­fen wie Liebe und Geld, in erstaunlichem Maße von den mit ihm ver­bun­de­nen Vorstel­lun­gen abhängt. Obwohl es, wie die Liebe, eine kom­plizierte biol­o­gis­che Basis hat, sind einige seiner beson­ders charak­ter­is­tis­chen Merk­male nicht seiner physis­chen Struk­tur inhärent, son­dern wer­den, ähn­lich wie das Geld, von der Kul­tur getra­gen. Falls es mir also gelingt, einige jener Vorstel­lun­gen auszuräu­men, dann werde ich mit der Elim­i­na­tion von Phänome­nen des Bewußt­seins drohen.«

Eine hand­feste Dro­hung, die der Geg­ner nicht ger­ingschätzen sollte. Im Gegen­zug ließe sich vielle­icht mit der »Elim­i­na­tion« von Teilen der »physis­chen Struk­tur« resp. der »biol­o­gis­chen Basis« dro­hen, doch in der Praxis wird man davon abse­hen. Wer möchte schon gerne bei einem solchen Schlagab­tausch Geg­ner sein. Besser betra­chtet man, was da geschrieben steht. Bewusst­sein, weiß Den­nett, hängt»in erstaunlichem Maße von den mit ihm ver­bun­de­nen Vorstel­lun­gen« ab. Mit ihm ver­bun­den? Aber wie denn? Nach Art eines Kopf­tuchs? Auch ein gut abge­hange­nes Bewusst­sein ist einem frischen zweifel­los vorzuziehen. Nur warum, das hätte man gern gewußt. Das Bewusst­sein hängt also von Vorstel­lun­gen ab. Von solchen, die es hegt? Von solchen, die es über sich hegt? Allein oder mit anderen? Schwankt vielle­icht seine Tages­form zusam­men mit den Vorstel­lun­gen, die es beherrschen? Sollen wir ein aufgeräumtes Früh­stücks­be­wusst­sein von einem meta­ph­ysisch ver­dor­be­nen Mit­ter­nachts­be­wusst­sein unter­schei­den ler­nen? Das ließe sich ein­richten. Aber, um alles in der Welt, warum sollte es – por­tion­sweise – ein­fach ver­schwinden, sobald man ihm bes­timmte Vorstel­lun­gen nimmt? Da stimmt was nicht, sagt sich der unbe­darfte Leser, und recht hat er. Falls Den­nett glaubt, Bewusst­sein eli­m­inieren zu kön­nen, indem er der materiellen Basis ein paar Illu­sio­nen nimmt, so ist dieser Ein­fall nicht weniger geeignet, seine Leser zu verblüf­fen, als der Anblick einer Katze, die sich in den Schwanz beißt, während der heiße Brei sich ihr an den Hals wirft.

Über­all, wo Schwachsinn endemisch wird, erk­lärt er sich kurz­er­hand zum Herrn einer neuen Welt. »Treten wir in eine ›nach­be­wußte‹ Peri­ode unserer Vorstel­lun­gen vom Men­schen ein? Soll­ten wir uns nicht davor fürchten? Und ist das über­haupt denkbar?« Aber sicher doch. Etwa so:

(1) Unsere bish­erige Vorstel­lung vom Bewusst­sein war falsch.

(2) Da das Bewusst­sein sich von Vorstel­lun­gen nährt, die wir über es hegen, ist das, was wir als Bewusst­sein beze­ich­nen, falsches Bewusstsein.

(3) Da wir kein anderes als dieses – falsche – Bewusst­sein ken­nen, eli­m­inieren wir mit den Vorstel­lun­gen, die wir von ihm hegen, dieses Bewusstsein.

Woraus folgt, dass auf­grund dieser Lek­türe entweder ein ganz neues Bewusst­sein entsteht (von dem wir prak­tis­cher­weise nur das wis­sen kön­nen, was uns der Autor in seiner unendlichen Güte mit­teilt) oder aber – Gipfel des lit­er­arischen Erfolgs! – jed­wedes Bewusst­sein an der tück­isch nähren­den Brust des Den­nettschen Gedanken­gangs den Erstick­ungstod erlei­det. Es ist bequem einzuse­hen, dass die erste Vari­ante nicht im Sinn des Autors sein kann, da mit neuen Illu­sio­nen nur das Rad der Desil­lu­sion­ierung weit­erge­dreht wird. Besser wäre es, ein für alle­mal reinen Tisch zu machen. Auch Den­nett, so steht zu befürchten, reiht sich ein in die lange Schlange jener phan­tasiebee­gabten Let­zten, die gern das Licht aus­machen wür­den, wenn sie den Schal­ter noch fänden.

8.

Zweifel­los ist in solchen Über­legun­gen ein Denken am Werk, das sich an der Zeit weiß – und vielle­icht auch ein wenig, um das Spiel der Meta­phern weit­erzutreiben, »am Drücker« –; ob man es deshalb als neu betra­chten sollte, steht dahin. Marx, Niet­zsche, Freud – sie alle haben The­o­rien des Bewusst­seins ange­boten, die mit der wun­der­baren Eigen­schaft begabt sein soll­ten, den unpassenden, von den Marx­is­ten kurz­er­hand als »falsches Bewusst­sein« etiket­tierten Rest durch Ein­nahme ihrer als Medi­zin ver­stande­nen Ein­sichten zu eli­m­inieren. Wo sie zögerten, haben ihre Schüler und Voll­strecker jeden Skru­pel fahren­ge­lassen. Es liegt also auf dem Weg prämierter Gesin­nun­gen, es wieder ein­mal zu ver­suchen. Die Melodie, mit der Den­nett Phys­i­olo­gie, Psy­cholo­gie und Com­put­er­wis­senschaft zum Tänzchen ermuntert, klingt auf beza­ubernde Weise vertraut.

»Die Organ­i­sa­tion einer Ter­mitenkolonie ist so wun­der­voll, daß einige Beobachter dachten, jede einzelne Kolonie wäre mit einer Seele aus­ges­tat­tet … Wir wis­sen nun, daß ihre Organ­i­sa­tion ein­fach das Ergeb­nis von einer Mil­lion schein­bar unab­hängiger kleiner Akteure ist, von denen jeder für sich als Automat funk­tion­iert. Und so wun­der­voll erscheint die Organ­i­sa­tion des men­schlichen Ich, daß viele Beobachter jedem einzel­nen men­schlichen Wesen ebenso eine Seele zuschreiben: einen großzügi­gen Dik­ta­tor, der von einer Zen­tral­stelle aus agiert.«

Sollte das kein Reduk­tion­is­mus sein, das Wort müßte neu erfun­den wer­den. »Het­erophänom­e­nolo­gie« nennt Den­nett das von ihm geschätzte Ver­fahren, Pro­tokoll­sätze über Bewusst­seinsvorgänge mit Reißbrettphan­tasien in die Jahre gekommener Elek­trobastler zu ver­ban­deln. Auch das kann Spaß machen, man sollte nicht zu geschmäck­lerisch sein. Das Ver­fahren unter­schei­det sich nicht wesentlich von anderen Beiträ­gen zu einem Spek­takel, welches vor allem dadurch besticht, dass es zu keinem Ende zu kom­men scheint. Jeder auftre­tende Akteur ver­sichert, er sei im Vol­lzug der Auf­gabe, das Geheim­nis des Bewusst­seins zu lüften, ein gutes Stück vor­angekom­men, so dass sich eine Lösung des Prob­lems nun­mehr defin­i­tiv abze­ichne. Natür­lich hat die Sache jedes­mal einen Haken. Genauer gesagt sind es deren zwei: sie ver­ber­gen sich in den Wörtern ›Geheim­nis‹ und ›defin­i­tiv‹. Ein Bewusst­sein – und sogar das Bewusst­sein – mag viele Geheimnisse bieten, enträt­sel­bare und andere. Aber die Rede vom Geheim­nis des Bewusst­seins setzt voraus, dass es als ganzes in einer Weise als geheimnisvoll gel­ten soll, die man bei anderen Gegen­stän­den wis­senschaftlicher Neugier nicht voraus­setzt. Wir haben den Schlüs­sel zur Welt gefun­den, zur physikalis­chen Welt wohlge­merkt – heißt das –, nur zum Bewusst­sein paßt er noch nicht. Dem­nach ist das Bewusst­sein etwas völ­lig anderes als die Gegen­stände der physikalis­chen Welt – ein »Gespenst« –, oder aber es ist etwas nicht völ­lig anderes und »wir alle« – die vielz­i­tierte Forscherge­meinde – haben noch nicht gründlich genug am Schlüs­sel gefeilt. Schön wär’s. Aber sie täuschen sich: Das Bewusst­sein wird erst in dem Maße zum Mys­terium, in dem die Welt ihren Rät­selcharak­ter ver­liert. Das Bewusst­sein, das ist der Rest, der nicht aufgeht.

Und selb­stver­ständlich spricht so nicht die Stimme der empirischen Wis­senschaft, son­dern eine Wis­senschaft­side­olo­gie, die mit Phrasen wie ›prinzip­iell entschleiert‹ und ›noch nicht gelöst‹ den prinzip­iell geläu­fi­gen Sachver­halt zudeckt, dass die Resul­tate der Wis­senschaften an keiner Stelle auf einen vor­wis­senschaftlichen Fra­genkat­a­log antworten und damit helfen kön­nten, die Welt zu entschleiern, dass sie vielmehr nur als Antworten auf Fra­gen durchge­hen kön­nen, die ihren Sinn erst durch die wis­senschaftliche Ein­stel­lung und Praxis erhal­ten. Der Glaube an die Entza­uberung der Welt und der Glaube an die Verza­uberung des Bewusst­seins sind zwei Seiten ein und des­sel­ben qua­sithe­o­retis­chen Wahns. Die empirische Bewusst­seins­forschung – Den­netts Beispiele zeigen es – leis­tet Erstaunliches in der Erkun­dung des men­schlichen Wahrnehmungs‑ und Reak­tion­sap­pa­rates. Kein Wun­der, dass sie die Frage Wie kommt das Gespenst (par­don, der Geist) in die Mas­chine? unbeant­wortet lässt. Anderes stände auch dann nicht zu erwarten, wenn Gilbert Ryle seine Hypothese der »Kat­e­gorien­ver­wech­slung« sein­erzeit mit etwas mehr begrif­flichem Aufwand durchge­spielt hätte, während er tat­säch­lich nur ein Rät­sel an die Sem­i­nartafeln dieser Welt malte, das jedes­mal dann »im Prinzip« als gelöst gilt, wenn man ein­mal mehr bewiesen hat, dass es den Geist oder das Gespenst nicht gebe, dass vielmehr »Täuschung« im Spiel sei – jene ange­bliche Täuschung über sich selbst, die wir ebenso hart­näckig wie vor­wis­senschaftlich Bewusst­sein nennen.

Das ist eine Lösung, die verdächtig an den Satz »Alle Kreter lügen« erin­nert. Das reale Bewusst­sein ist immer das falsche, das richtige das Kon­strukt. Aus diesem Dilemma erk­lärt sich das Ver­lan­gen nach einer Aufk­lärung, die durch­greifend genannt wer­den kann, weil sie dem Zweck dient, das richtige Bewusst­sein an die Stelle des falschen treten zu lassen – durch welchen Kun­st­griff auch immer. Und dahin­ter steckt keine bloße Phan­tasterei, wie die Geschichte des Freudi­an­is­mus bezeugt, von dessen etwas prim­i­tivem Dampfkol­ben­mod­ell (»verdichten«, »ver­schieben«, »sub­lim­ieren«) sich schein­bar ela­bori­ert­ere wie das Com­put­er­mod­ell nur in dem Maße ent­fer­nen, in dem die Gerä­teen­twick­lung seit dem 19. Jahrhun­dert weiter fort­geschrit­ten ist. Was nicht weiter stört – da Freud, wie Den­nett anmerkt, prinzip­iell auf dem richti­gen Wege war, auch wenn er sich in der Wahl seiner Kon­struk­tion­s­mit­tel let­zten Endes ver­griff, kann die Auf­gabe nur darin beste­hen, unbeirrt auf seinem Wege fortzuschre­iten und die endgültige Lösung des Bewusst­sein­sprob­lems jedes­mal aufs neue am Hor­i­zont der eige­nen Ein­fälle erglänzen zu lassen.

Nun wäre auch gegen eine vor­läu­fige Lösung nichts einzuwen­den. Sie wäre in mancher Hin­sicht aus­sicht­sre­icher und sogar ver­di­en­stvoller, wenn nicht der unen­twegte Kampf gegen den Popanz, das Gespenst in der Mas­chine, an das nie­mand glaubt, ver­ri­ete, wo der Hase im Pfef­fer liegt. Die Rekon­struk­tion des Bewusst­seins auf empirischer Grund­lage (nüchtern bese­hen nicht mehr als die Darstel­lung einzel­ner Bewusst­seins­funk­tio­nen durch Maschi­nen, Schaltkreise und Rech­n­er­pro­gramme) ver­löre rasch und entsch­ieden an Reiz, wenn es nicht gälte, hier und heute – ein langes Hier und ein langes Heute – auch das selb­st­be­wusste (und selb­st­bes­timmte) Sub­jekt in das Schat­ten­re­ich zu versenken, in dem andere Phan­tasiepro­dukte wie die imma­terielle Seele schon länger ihr dürftiges Dasein fris­ten. Die Her­aus­forderung an The­o­retiker vom Schlage Den­netts erwacht also jeden Mor­gen spätestens vor dem Rasier­spiegel neu und in alter Frische.

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