Wahlgesichter@rs

Menschen, die in ihren frühen Jahren stark zur Ergriffenheit neigen, verwandeln sich irgendwann in Knurrhähne, die mit dem Schönen, wie sie sagen, nichts mehr anfangen können. Sie halten es für veraltet und irgendwie nicht mehr zeitgemäß. Dass sie gealtert sein könnten, kommt ihnen nicht in den Sinn.

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Im Jahre 1701 erschien in Halle und Magdeburg die Schrift De crimine magiae. Ihr Verfasser, der Hallenser Philosoph Christian Thomasius, verwarf darin die Möglichkeit des Teufelsbündnisses und damit die Grundlage der Hexenprozesse. Das war die erste und letzte Heldentat der Philosophie.

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Ein beträchtlicher Teil des philosophischen Schrifttums seit dem Ende der Aufklärung verdankt sich dem Versuch, das magische Denken wiederzugewinnen oder zumindest zu rehabilitieren. Es hat nach Nietzsche auf dieser Spur ein paar Fanatiker gegeben, die bis dahin undenkbar gewesen wären. Sage mir, dass es funktioniert, und ich zeige dir, wie man es macht: Auf diese Arbeitsteilung läuft das Spiel zwischen Denker und Täter im zwanzigsten Jahrhundert hinaus. Das einundzwanzigste ist bisher philosophiefreie Zone, es zieht ein durch Zwiesprech fügsam gemachtes Aufgebot naturwissenschaftlicher ›Fakten‹ vor.

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Seit zwanzig Jahren vergeht kein warmer Sommertag, ohne dass ein paar Medien dem Publikum einheizten, als sei der Weltbrand schon angerichtet, in dem es seiner Klimasünden wegen vergehen werde. Als Kind hörte ich im Dom zu Passau eine Höllenpredigt, die, ganz ohne global warming, ähnliche Töne anschlug; die Reaktion der Gläubigen wird mir bis an mein Lebensende erinnerlich sein. Sie scharrten mit den Füßen, husteten auffällig und drehten ihre Mützen, bis alles vorbei war, dann sangen sie erlöst und aus voller Brust das Tedeum. Heute erfahre ich, dass die große Abkühlung des Planeten bereits begonnen hat, und mir wird sonderbar warm ums Herz.

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Die große Abkühlung im Verhältnis zwischen Regierenden und Regierten beginnt, wenn die Regierten begreifen, dass Regierung und Opposition aus einem Holz sind und es gleichgültig ist, wen sie wählen; doch wirklich in Fahrt kommt sie erst, wenn sie erkennen, dass die Erwählten eine sich durch Selbstwahl reproduzierende Kaste bilden, deren Visionen eine Vorder- und eine Rückseite aufweisen: An der strahlenden Frontseite delektiert sie sich selbst, mit der höllischen Rückseite steuert sie die ängstlichen Massen.

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Alle Regierten existieren zweimal – als Einzelne und als Masse. Wer in der Masse lenkbar ist, kann als Einzelner störrisch werden, wer als Einzelner zur Ängstlichkeit neigt, kann in der Masse titanischen Anwandlungen folgen. Was folgt daraus? Spiele nicht mit Abhängigen, das Spiel könnte umschlagen und dich vor die Wahl stellen, Gewalt zu gebrauchen oder verschlungen zu werden.

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Jedes Große Spiel in der Politik ist ein sträfliches Spiel mit Abhängigen. Die Große Transformation ist ein Bluff oder sie kommt von allein; gehen die Dinge wie abzusehen, kann beides zugleich richtig sein.

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Die Volksherrschaft ist gealtert, es geht ihr wie einst der Diktatur des Proletariats, der das Proletariat abhanden kam. Die Leute gehen noch immer zur Wahl, aber sie bilden kein Volk mehr; sie sind und bleiben Leute, denen die Idee, sie würden von Volksvertretern repräsentiert, verschroben vorkommt. Was soll daraus werden? Was kann daraus werden? Keiner weiß es und auch daraus muss etwas entstehen.

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Der Idee der Herrschaft selbst wohnt in Genderzeiten etwas zugleich Veraltetes und Verwirktes inne –: verwirkt durch – mittels jederzeit abzurufender Narrative erzeug- und verstärkbare – Schuld. Was ›jederzeit abzurufen‹ ist, das ist jeder scheinbaren Naivität der Ausübung beigemengt, es bildet am Ende so etwas wie den Lohn der Anstrengung. So kehren die archaischen Anfänge wieder, die gestern noch allzu fern und allzu konstruiert erschienen, um ernsthaft in Betracht zu kommen.

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Das Spekulative ist der Bodensatz jeder Schuldmythologie, es steigt irgendwann an die Oberfläche und okkupiert den Raum des Realen.

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Unbezweifelbar ist die Macht des Geldes, des großen Geldes wohlgemerkt, denn das gemeine Zahlungsmittel generiert keine Herrschaft, es hält die Menschen nur in seiner Gewalt. Dennoch scheut sich auch das große Geld, Macht direkt auszuüben, und schiebt Zwischeninstanzen vor. Deshalb ist die Rede »Geld regiert die Welt« gleichzeitig wahr und ein böses Gerücht: Regieren folgt eigenen Regeln und anderen Gesetzmäßigkeiten als der Fluss des Geldes. Volkswirtschaftslehre ersetzt keine Politikwissenschaft, sie taucht sie nur in ein realistisches Ambiente.

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Der Superreiche, den es an die Schalthebel der Macht drängt, weil er als Wohltäter in die Geschichte eingehen möchte, steht einer Phalanx des großen Geldes gegenüber, die sein Tun lebhaft missbilligt. Ihm geht der Ruf voraus, seinesgleichen durch diesen Schritt ausschalten zu wollen, und damit wird er jedermanns Feind. Denn jedermann steht im Bann der Superreichen – der eine mehr, der andere weniger.

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»Du gewinnst an neuen Freunden, was du an alten verlierst« – das ist ebenso wahr, wenn du versuchst, einem fernen Trump Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, wie wenn du beginnst, die Strategie der Angst aufzudröseln, die deinesgleichen im Bann einer augenblicklich gültigen politischen Doktrin hält. Offenbar handelt es sich beide Male um einen Kirchenaustritt und die Gemeinde der Gläubigen sieht sich durch dein Verhalten bedroht. Was immer sie glauben, sie wollen es glauben und glauben es, wenn man sie an den Willensakt erinnert, der ihrem Verhalten zu Grunde liegt, nur umso mehr. Aber warum fühlen sie sich dann bedroht?

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Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so erbärmlich bin? – Substrat der nachmetaphysischen Epoche, die kein Erbarmen kennt und es überall voraussetzt. Die Hoffnung auf den eigenen Körper ist der Wunsch, wenigstens er möge ein Einsehen haben. Mit wem? Mit mir? Kennen wir uns? Was wäre ihm an mir gelegen? Und angenommen, er hätte ein Einsehen: Was könnte er tun? Was fiele ihm ein?

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Wer auf seinen Körper vertraut, vertraut auf die Ärzte oder er fürchtet sie. In beiden Fällen entspringt das Vertrauen einer Furcht, die niemals weicht, bis einer alles Vertrauen fahren lässt und sich traut. Nur das gibt Entlastung, niemand weiß, wie lange.

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Einem Gemälde maskiert gegenübertreten: Räuberpose, die dich auf ewig von dem trennt, was du dort drüben zu sehen glaubst. Vielleicht verfolgt es dich und du willst es loswerden, aber der Fluch der bösen Tat, die nie zur Ausführung gelangte, lässt es nicht zu.

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Wir atmen Kunst – das gilt für alle Künste, gleichgültig, ob sie die Augen, die Ohren oder das lesende Gefühl beschäftigen. Sie alle werden durch Maskeraden beschädigt, mit einer Ausnahme: die Kunst der Bewegung. Was sich in der Bewegung zeigt, das wird durch Verkleidung angeheizt; wer nackt tanzt, ist bescheuert. Ist die Maskerade bescheuert, ist alle Bewegung Makulatur. Nur ein Roboter lässt sich alles anhängen.

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