Wahlgesichter@rs

Unsterbliche Szene im sterblichen Gemüt: Frau erklärt Polizist mit Hilfe zweier Armlängen die Eins-fünfzig-Verordnung und beide brechen in Gelächter aus.

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Es ist ein Schnitter, der heißt … (einzusetzen ein beliebiger Name aus der Reihe derer, die gegenwärtig jeden Ansatz zur Kritik niedermähen. Figurationen des Gesellschaftstodes.)

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Strukturwandel der Öffentlichkeit: Kurz vorm Ersticken erscheint Frischluft als die tödlichste aller Gefahren.

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Medien, die sich alternativ nennen, sollten sich das gut überlegen. Wie immer man die Sache dreht, es bedeutet, der Konkurrenz Alternativlosigkeit zu attestieren.

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›Selbsternannt‹. Eines der Pestwörter dieses fremdbestimmten Säkulums. In ihm sammelt sich der Verrat an Demokratie, Freiheit, Menschenwürde wie im sprichwörtlichen Brennspiegel. Vielleicht das gedanken-loseste Wort der Epoche.

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Der Aufstand der Massen war gestern. Wir befinden uns im Aufstand der Abhängigen. Unabhängigkeit ist der Feind.

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»Wir wissen, wie Trauer geht.« Woher sie kommt, sollte sich herumsprechen.

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Dass Lügen kurze Beine haben, lässt sich in Nachrichtensendungen besichtigen. Sie haben es sonderbar eilig, wieder in ihren Nobelkarossen zu verschwinden, dabei kommen sie, gemessen an den stehengelassenen Fragen, kaum vom Fleck.

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»… darum bitten wir untertänigst um eine Erweiterung des erlaubten Meinungskorridors.« Aber warum denn? Ist er zu eng geworden? Stoßen wir bereits links und rechts gleichzeitig an? Das klingt schon schrecklich. Oder schön schrecklich? Rühren sie sich deshalb, weil ›Meinung‹ so schön klingt? Hörte man einen Mucks von ihnen, wenn es ›Deinung‹ hieße?

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Der Weg zur Anerkennung geht über die Durchsetzung. Das gilt für Meinungen vielleicht mehr als für alles andere. Nur die Wahrheit setzt sich ganz von allein durch. Das macht sie so trostlos.

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Würde man die heute üblichen Autoren dazu verpflichten, jedem ihrer Artikel eine Liste von allem voranzustellen, wovon sie sich zwanghaft distanzieren zu müssen glauben, um Anspruch auf Gehör zu erheben, dann gelangten sie nie zum Thema. Vielmehr: Sie wären immer schon mittendrin.

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Schriftsteller. Die einen schreiben sich die Finger wund, um Gehör zu finden, die anderen können anstellen, was sie wollen, sie finden immer Zuspruch. Die meisten Menschen hegen eine tiefe Abneigung gegen das geschriebene Wort, sie fangen irgendwo an und fressen es in sich hinein, um es zu vernichten. Aber es schaut immer ein Stück heraus, das ihnen entgeht und das sie aggressiv macht.

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Verlage: Zulassungsbehörden des 21. Jahrhunderts. Verbreiten dürfen sich die Autoren selbst, nur das Dürfen müssen sie sich erkriechen.

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Die Bewunderung für Außenseiter, notorisch geworden, vertilgt die Außenseiter. Im Darm der Gesellschaft befindet sich keiner außen. Der Schrei »Ich bin draußen!« verhallt bereits ungehört.

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Sloterdijks Trick, Welten zu postulieren, in denen jeder sein eigener Arzt, Entertainer, Coach, Guru und Anstifter sein wird, ist uralt. Wer glaubt, es sei mehr dran als die Sorge, das kostbare eigene Werk könnte in der Masse untergehen, wird um Handzeichen gebeten.

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Im Zwiesprech ist sich die schreibende Zunft einig. Er ist Lust und Last, Praxis und Gegenstand, Trost und Trostlosigkeit zugleich. Der Gegner steckt in ihnen allen, sie kennen ihn besser als er sich selbst, ganz ohne Psyche.

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Eine Krankheit, welche die Massen mehr fürchten als den Tod, muss wohl der Schlüssel zur Ewigen Herrschaft sein.

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Ich habe mehr über Freundschaft gelesen als nachgedacht. Diese Mine ist erschöpft. Doch halt, ein Nachtrag: Sei von allen braven Geistern verlassen und du findest ein … nein, ich schreib’s nicht. Es ist zu platt. Oder doch, halt: Das Apercu ist die Dunkelkammer der Freundschaft.

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Grass, sicher eines der schlichteren Gemüter unter den schreibenden Kräften, verfiel gegen Ende seines Lebens auf den Einfall, sich durch Selbstvernichtung in Erinnerung zu rufen. Unter allen Formen der Monumentalisierung ist dies vermutlich die aufwendigste und sparsamste. Wer nichts auf dem Kerbholz hat, worüber soll der schreiben? Wer sein Kerbholz schwingt, wen, außer sich selbst, kann der schon treffen? Ich habe mir nichts vorzuwerfen, also werft es mir vor. Er hat damit die Gesellschaft, die nach ihm gekommen ist, ganz gut getroffen.

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Jeder, der sein Handwerk versteht, behauptet, es stecke im Kopf. Der Mensch ist das Wesen, das sich an den Kopf greift, wenn es der Schuh drückt. Wo drückt die Gesellschaft der Schuh? Genau.

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Mein Leben lang schleppe ich ein Geheimnis mit mir herum und irgendwann überkommt mich der Drang, es auszupacken. Schlaumeier wollen darin einen Vorboten des Endes erkennen. Allein das Ende sendet so viele Boten aus, dass es auf diesen einen nicht ankäme. Warum der plötzliche Eifer? Dahinter steckt die Sorge, es könnte nie herauskommen. Was zum Teufel gibt diese Sorge ein? Nun, die Angst vor Bedeutungsverlust ist eine der stärksten menschlichen Triebkräfte. Solange ich lebe, ist meine Bedeutung absolut – das schließt die dirty tricks ein, die mich gemacht haben. Ohne sie bin ich jemand wie andere auch, also nichts. Ich mache mir darin nichts vor. Vermutlich kennt jeder, der älter wird, diese Anwandlung: »Ich mache mir nichts mehr vor.« Was habe ich mir denn vorgemacht? Dass es auf mich ankommt … im Universum und überhaupt. Jetzt soll mich meine Schäbigkeit überleben – und ich, als Aufschrift, mit ihr.

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Großer Gott, wir loben dich, Herr, wir preisen deine Stärke –: Dieser Gott geht unter die Haut.

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»Die wirklichen Verbrechen geschehen in den Altenheimen.« ›Corona‹ hat deutlich gemacht, wie weit Gesellschaft zur Not geht. Nach ›Corona‹ ist vor ›Corona‹: Alle wissen Bescheid. Bescheidwissen ist Unwissenheit, gepaart mit Feigheit.

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In der Not frisst der Teufel Fliegen. Das weiß jeder und deshalb ist das Symbol der Menge ein Fliegenfänger. Man erkennt den Teufel daran, dass er auf sie zurückkommt.

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»Erzähl mir alles, erzähl mir nichts.« Zwei Formen, die Wahrheit einzufordern. Zwei Gründe, warum wir sie nie erfahren. Fließen beide zusammen, wird es Zeit, die Sandalen zu wechseln.

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»Fliehe die Anfänge«: Parole von Einfältigen, die glauben, mit dem dicken Ende kämen sie besser zurecht.

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Formt sich Widerstand, so formt sich Widerstand gegen den Widerstand. Das ist das leichtere Unterfangen, aber es findet kein Ende, es sei denn, es ist bereits nahe.

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Den Bankräubern ist ihr stärkstes Symbol abhanden gekommen – was sollen sie tun? Aufgeben? Einlagig? Zweilagig? N95 mit/ohne Ventil? Am Ende empfiehlt sich doch die gute alte Strumpfmaske, am besten blickdicht.

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»Ich bin Risikogruppe, ich lasse keinen an mich heran.« Im Totentanz spricht so der Beamte.

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Seit Notre Dame einen Dachschaden hat, sind die christlichen Kirchen kopflos. So leicht fällt herunter, was besser nicht nach oben gekommen wäre.

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Narr, der ich war: Ich habe mir, seit ich denken kann, eine dialogbereite Linke gewünscht. Heute, da es praktisch zu spät ist, konstatiere ich: Sie kann’s nicht.

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Was ist, unter machtlosen Vätern und ohne Sternsinger-Gott, ein Heiliger Vater? Rädelsführer für Entlaufene.

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Es gab eine Zeit, da nannte man den Regierungsstil dieses Mannes ›schrödern‹. Heute schrödert ihn seine Partei und es klingt wie ›schreddern‹. Dabei ist er ihr bekanntester Kopf und vielleicht, von Sarrazin abgesehen, ihr letzter. Ein Wort wie ›Kopf‹ verfügt über viele Bedeutungen.

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Der russische Stalinismus betrachtet den Gulag als gegeben, der deutsche gelassen.

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