Wahlgesichter@rs

Habe ich etwas nicht verstanden? Nein, ich hab’s nicht verstanden. Wie viele A- bis Z-Punkte wurden in diesem punkteversessenen Land nicht nach dem Muster des G-Punktes kreiert und durchgekalauert, seit der unvergessene Oswald Kolle und die noch weit unvergessenere Beate Uhse den einst verschwiegensten aller Punkte und damit das weibliche Recht auf eine selbstbestimmte Sexualität auf die liberale Tagesordnung und mitten hinein ins öffentliche Gerede schoben. Wenn etwas jahrzehntelang verpönt schien, dann falsche Scham am falschen Ort, und gerade dieser schien der falscheste von allen zu sein. Es musste also einmal der Fall, wenn nicht sein, so doch werden, dass auch der G-Punkt nach dem verschwiegenen, aber nicht beschwiegenen Ur-G-Punkt neu gebildet würde. Wenn also unterstellt wird, eine, alles in allem, attraktive Politikerin im besten Alter könne inmitten der altmaskulin erstarrten Sozialdemokratie dieser Tage im – zweifellos vorhandenen – Gender-Punktesystem der Politik punkten: Was spricht dagegen? Vielmehr: Was spricht nicht dafür? Offenbar nur eines: dass im aktuellen Fall die Zote, das Zötlein, das schon immer sein verschwiegenes Unwesen in all den C- und D- und K-Punkten trieb, vom I-Punkt ganz zu schweigen, ein bisschen mehr Aufmerksamkeitssonne abbekommt als sonst üblich. Denn was den Gender- vom G-Punkt unterscheidet, lässt sich am besten noch immer in Schopenhauers gelassene Definition fassen: »Eine Afterart des Witzes ist das Wortspiel, calembourg, pun, zu welchem auch die Zweideutigkeit, l'équivoque, deren Hauptgebrauch der obszöne (die Zote) ist, gezogen werden kann.« So what?

Eine ›Afterart‹, die Dinge auszulegen, sobald sie ins Zweideutige spielen, ist zweifellos die Freudianische. Hier wird, falls das Wortspiel zu den noch gestatteten zählt, der kollektive Aufschrei der Sprachschneider*innen in der Tat fündig. Denn Freud dekretiert, ungerührt ob sprachgeschichtlicher Evidenzen: »Das Sexuelle, welches den Inhalt der Zote bildet, umfaßt mehr als das bei beiden Geschlechtern Besondere, nämlich noch überdies das beiden Geschlechtern Gemeinsame, auf das die Scham sich erstreckt, also das Exkrementelle in seinem ganzen Umfang.« (Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten) Wer sich also bereits gedacht haben sollte, das inkriminierte Wortspiel, das den Herausgeber von ›Tichys Einblick‹ seinen Posten an der Spitze einer überflüssigen, aber hochanständigen Vereinigung in diesem unserem Lande kostete, sei Sch… gewesen, findet hier Bestätigung in ihrem ganzen Umfang.

Doch Freud schlägt eine brillante Volte, indem er gleich darauf dekretiert: »Die Zote ist wie eine Entblößung der sexuell differenten Person, an die sie gerichtet ist.« Hoppla, heißt es vielsagend in der Dreigroschenoper. Und in der Tat … hier findet die Klage über die gemeine Tat Grund und Boden der Wissenschaft, ganz ohne Grundbucheintrag. Oder doch nicht? O-Ton Freud: »Die Unnachgiebigkeit des Weibes ist also die nächste Bedingung für die Ausbildung der Zote, allerdings eine solche, die bloß einen Aufschub zu bedeuten scheint und weitere Bemühung nicht aussichtslos erscheinen läßt. Der ideale Fall eines derartigen Widerstandes beim Weibe ergibt sich bei der gleichzeitigen Anwesenheit eines anderen Mannes, eines Dritten, denn dann ist das sofortige Nachgeben des Weibes so gut wie ausgeschlossen.« Nein, Herr Tichy wäre nicht gut beraten, Freud-Texte unbesehen in sein Magazin aufzunehmen. Einmal in Fahrt, wirkt der Großmeister der Psychoanalyse zusehends völlig enthemmt: »Durch die zotige Rede des Ersten wird das Weib vor diesem Dritten entblößt, der nun als Zuhörer – durch die mühelose Befriedigung seiner eigenen Libido – bestochen wird.« Angesichts solcher sexistischer Ungeheuerlichkeiten wäre schon ein kleiner Denkmalssturz fällig, eine Straßenumbenennung desgleichen. Wie steht es um die Wendung ›Freud und Leid‹? Kontaminiert. Exkrementell figuriert. Des einen Freud ist des anderen Leid. Dieser zweifellos männersprachlich konstruierte Satz wird Herrn Tichy, falls es zur Verhandlung kommt, womöglich noch in den Ohren gellen.

Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch. So meldet das Grimmsche Wörterbuch zur finalen Besiegelung des heiklen, wenngleich nicht nutzlosen Themas, folgende, in ihrer Knappheit statuarisch anmutende Stelle: »›ein mann tritt ein, sein blick schon eine zote‹ (Wedde lieder eines Patreyka 45).« Wie, fragt sich die gelehrte Eminenz, mag da erst das Austreten ankommen?

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