Etwas ermüdet entgegnete ich dem Fremden, der unvermittelt in meinen – zugegeben in der letzten Zeit etwas verwilderten – Garten eingedrungen war und nun vor mir stand, als fordere er Rechenschaft: »Wissen Sie, meine Großmutter ist an der Spanischen Grippe gestorben, was dieses Land nicht davon abhielt, ein paar Jahre später einen Krieg vom Zaun zu brechen, in dem nach heutiger Schätzung ungefähr 60 Millionen Menschen umkamen, meine Mutter starb mit 44 an Krebs, was den Westen dieses Landes keine Sekunde in seinem Wirtschaftswunder innehalten ließ und den Osten nicht davon abhielt, bald darauf eine Mauer hochzuziehen, an der das Bedürfnis der Menschen, zueinander zu kommen, besonders, wenn sie miteinander verwandt oder befreundet sind oder heiraten wollen, auf Jahrzehnte zuschanden wurde, heute bin ich ein alter Mann und irgendwo in meinem Körper regen sich vermutlich, wie in Millionen anderer alter Männer, die ersten Krebszellen, vielleicht sind sie auch längst weiter, als ich hier und heute ahnen will. Zwischen meiner Kindheit und dem Zeitpunkt, zu dem wir dieses Gespräch führen, hätte ich tausendmal an einem Autobahnpfeiler zerschellen, in Massenkarambolagen verbrennen, mich zu Tode stürzen, in Badeseen ertrinken, mich an irgendeiner widerlichen Krankheit zum Tode infizieren, von einem irren Triebtäter oder religiösen Fanatiker massakrieren lassen können, ich habe tausende von Attentaten überlebt, die zwar nicht mir galten, aber reihenweise Ahnungslose dahinrafften, die von den Medien anschließend putzigerweise als ›Unschuldige‹ tituliert wurden, ich habe Jahrzehnte unter dem Schreckensdiktat der ›Bombe‹ vegetiert, wie das Ding genannt wurde, weil jeder gleich wusste, was gemeint war, und sich nähere Ausführungen erübrigten – nebenbei nichts Besonderes, denn dem Rest der Menschheit ging es ganz genauso. Währenddessen wurden anderswo Kriege geführt, richtige Kriege, mit Toten, Verwundeten, Zerfetzten, Zerstörten, Verstörten, an denen ich durch Zufall nicht teilzunehmen gezwungen wurde, obwohl sie den Wirtschaftskreislauf stimulierten, der meinen Lebensstandard bestimmte. Nicht retten konnte ich mich vor der Begegnung mit zwei Vertreterinnen des anderen Geschlechts, in deren zarten Händen ich jeweils etwas zurückließ, das ich bis dahin für einen integralen Bestandteil meiner physischen Identität gehalten hatte – ein Knie und ein Auge, ganz recht, ein Knie und ein Auge, ich verschweige aber, um welche es sich dabei handelt, weil ich nicht möchte, dass Sie daraus einen Vorteil ziehen können, geschweige denn eine dritte Person, die ich vielleicht nicht einmal kenne. Man muss auf alles gefasst sein. Reden wir nicht über Kinder! Und nun, nun kommen Sie und meinen, die Menschheit und mich gleich mit vor meinem Anblick bewahren zu müssen, weil ich, wie jedes andere Lebewesen, ein Dasein zum Tode führe und die winzige Möglichkeit besteht, dass ein Virus unter Tausenden, das zufällig Ihren Weg kreuzte (kein besonders gefährliches, wie die Fachleute versichern), sich mich irgendwann als Träger aussuchen könnte? Sie tragen keinerlei Scheu, mir mit diesem Ansinnen unter die Augen zu treten? Sie wagen es, mir damit in meinem Garten zu kommen? Das wundert mich, ehrlich gesagt, jetzt ein wenig.«

Nachtbuch / Blog

 

 

T - Die Stufen des Kapitols Das Bersten

T. Die Stufen des Kapitols

Ein politischer Roman
Manutius Verlag Heidelberg
(Edition Zeno)
367 Seiten
ISBN 978-3-944512-28-0

Das Bersten

Erzählung
Manutius Verlag Heidelberg
(Edition Zeno)
267 Seiten
ISBN 978-3-944512-12-9

 

 

 

 

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