Wahlgesichter@rs

Menschheitsfreunden sollte man abraten, Dystopien zu schreiben. Was sie als Warnung verstehen, gerät über kurz oder lang zur Blaupause. Macht ist phantasielos, absolute Macht ist absolut phantasielos, sie verlässt sich auf Zulieferer. Je bizarrer die Einfälle, desto größer der Ehrgeiz, sie umzusetzen. Und, um ehrlich zu sein – bisher hat noch jede Dystopie, ein paar Jahre später nachgelesen, einen hausbackenen Eindruck hinterlassen. Ein kleiner technischer Fortschritt genügt, um die schlimmsten Albträume der Vergangenheit spielend zu übertreffen. Was daraus folgt? Nicht viel. Oder doch: So wenig eine umfassende literarische Bildung die Katastrophen der Vergangenheit aufhalten konnte, so wenig hält die umfassende Unkenntnis der Literatur die Wenigen davon ab, sie unter ihre Arcana zu zählen und bei Bedarf zu plündern. Dazu gehören, neben den Theater- und Filmregisseuren, auch die Regisseure des Wirklichen. Endlich verfügen sie über die Mittel, das umzusetzen, was damals bloß die Gestalt der Utopie annehmen konnte.

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»Aufgabe des Führers ist es, die fiktive Identität von Moral und Politik zu schaffen. Das Volk will immer das Gute, aber es weiß nicht darum.« – Darin besteht, Reinhart Koselleck zufolge, der ihrem Erfinder, Rousseau, unbekannt gebliebene Kern der volonté générale. Wer das zweifelhafte Glück genießt, diesen Schaffensprozess hautnah zu erleben, der weiß bereits, wie es im Text weitergeht: »Die volonté générale hat immer schon recht, und als solche äugt sie dem souveränen Bürger ständig über die Schulter in sein Privatleben. Es ist der Gemeinwille, über den scheinbar der Mensch als Bürger, in Wirklichkeit die jeweiligen Führer verfügen, die es verstehen, ihre wahre Macht durch allseitigen Konformitätsdruck zum Verschwinden zu bringen. Moral der Bürger und Politik des Staates sind dadurch so wenig zur Deckung gebracht, als der ideologische Schein ihrer Identität ständig zu zerreißen droht. Um den Schein als wirklich aufrechtzuerhalten, werden die Mittel der Identifizierung: Terror und Ideologie perpetuiert, das heißt, die Diktatur, der Ausnahmezustand verewigt. Der Souverän ist immer schon das, was er sein soll.« (Kritik und Krise, 1973, S.138f.) Koselleck konnte, als er dies niederschrieb, aus persönlicher Erinnerung schöpfen, heute befindet man sich damit im Bereich der Ahnungen.

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Technologiesprünge setzen Euphorie frei. Die erste ist die der Freiheit selbst: die Utopie scheint zum Greifen nahe zu sein und viele Hände strecken sich nach ihr aus. Die zweite ist die der Macht: ihre Techniker taxieren die Mittel, sich der hergebrachten Beschränkungen zu entledigen, und starten das nächste totalitäre Projekt. Mit ein wenig ideologischem Balsam gelingt es spielend, die Freiheitsleute zu spalten und die harmlose Mehrheit auf die eigene Seite zu ziehen. ›Neue Technologie schafft neue Möglichkeiten‹ – das heißt, in die Sprache des Macht-Alltags übersetzt: Sie sprengt, klug angewendet, die Fesseln des bisherigen Machtsystems und bahnt dem Ehrgeiz der Maßlosen eine Gasse. Hinter welcher Maske verbirgt sich die Maßlosigkeit? Hinterher ist man schlauer. Nur die Warner fühlen sich bestätigt. Aber da sie vor fast allem warnen, kommt es auf sie nicht an. Ist die doppelte Euphorie erst verflogen, beginnt die lange, zähe Arbeit der Wiederherstellung dessen, was zivile Zeiten den bürgerlichen Zustand nannten: das System der checks and balances, wie immer sie im konkreten Fall heißen mögen.

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Wie wenig es braucht, um Menschen die Überschreibung elementarster Bürgerrechte schmackhaft zu machen! Nichts isoliert den Einzelnen gründlicher als die Empfindung, in seinen Rechten allein gelassen zu sein. Man sieht sich heimlich um, man möchte erfahren, wem es ebenso geht, man findet einen Gesprächspartner, man zuckt gemeinsam die Achseln und geht einzeln nach Hause. Bei der Mehrzahl der Wissenden fährt eine Scheidewand hoch, die signalisiert: Sieh dich vor! Warum auf den Ernstfall warten? Er wartet bereits auf dich, in dir, wo denn sonst. So sehr du auch wartest, du steckst schon drin.

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Rasch hat, wer sich vorsieht, das Nachsehen. Nichts kann so in die Irre gehen wie einfache Vorsicht: das ist eine der herben Lektionen, die das Zeitalter der komplexen Risiken für den Alltagsmenschen bereithält. Sich vorsehen können ist auch ein Menschenrecht, aber ein schwindsüchtiges. Irgendwann steht man vor der Wahl aufzugeben oder in die Gefilde des Wahns hinüberzuwechseln. Den Politikern scheint es nicht anders zu gehen. Die einen wursteln sich durch, die anderen hätscheln den ›Great Reset‹. Die Idee, eine Gesellschaft wie einen Computer herunter- und anschließend, frisch programmiert, wieder hochzufahren, ist krank. Sie verdankt sich dem Sonderweg der erfahrungslosen Erfahrung, auf dem Politik sich verläuft, sobald sie systematisch Projektion und Wirklichkeit zu verwechseln beginnt. Man kann alles machen – selbstverständlich, vorausgesetzt, man verfügt über ausreichend Leute, die alles mit sich machen lassen. Das mag an einem Tag stimmen, am nächsten bereits nicht mehr. Wer den Menschen alles nimmt, muss ihnen alles geben – an dieser Paradoxie ist der alte Sozialismus gescheitert und der neue, das Phantom in den Köpfen, wird daran ebenfalls scheitern. Bis dahin herrscht Zeitvertreib.

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Hundert Jahre Untergang des Abendlandes, hundert Jahre Rettung des Abendlandes: Schicksal einer Schullehrer-Utopie, in der sich hypertrophes historisches Wissen und eine dystopische Gegenwartsempfindung mischen, der seither überreiche Nahrung zuströmt. Wie es immer Menschen gibt, in denen das Gefühl »Das kann nicht gut gehen« überwiegt, so wird es auf absehbare Zeit Menschen geben, in denen sich der Untergang des Abendlandes vollzieht: als Drama der Seele, als Panoptikum des Geschichtsbewusstseins. Gänzlich unbeleckt davon scheint die Politiker-Generation zu sein, die heute in Europa das Sagen hat. Jedenfalls hat sie, vielleicht zum Glück aller, dieses rhetorische Schatzkästlein bisher unberührt gelassen. Doch was nicht ist, kann noch werden.

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