Das Kindlein in der Krippen, sich umschauend (es hatte sich mit einem Patschhändchen aufgestützt und ließ seine grünschwarzen Äuglein spielen), musterte die Barriere aus Ochs und Esel, hinter der die Hirten in devoter Lauerstellung auf das verheißene Zeichen harrten: Was, dachte es, wenn ich mein Erlösungswerk (denn darauf scheint alles hinauszulaufen) nicht an denen vollbringen würde, die so sehnsüchtig darauf schielen, als handle es sich um ein Stück Hammelbraten, sondern an diesen hier, die zu keinerlei Glauben fähig sind und daher nichts damit anfangen können? Es dachte den Gedanken nicht wirklich, er zog nur wie ein Schwaden durch sein hübsches, noch vom Geburtsvorgang gezeichnetes Köpfchen, eine zeitweise Verdunkelung an der Stelle, an der einst die richtigen Gedanken hausen würden, denn um richtig zu denken, muss ein Körper eine weite Reise durch Raum und Zeit zurückgelegt haben. Was, bewegte sich der Schwaden weiter, würde es für diese Vierbeiner bedeuten, wenn ich meinen Leib für sie hingäbe und mein Blut für sie vergossen würde? Nicht viel vermutlich, nur die Enttäuschung und der jäh aufschießende Ärger der Hirten im Augenblick der Erkenntnis würden der Welt ein Licht aufsetzen, in dem das Werk, zu dem ich geschaffen wurde, auf eine jetzt undenkbare Weise zu strahlen begänne. Und dieses Licht, es würde Ochs und Esel umfluten, bis sie irgendwann auch von innen her zu strahlen begännen, so dass sie doch am Ende merkten, was hienieden gespielt wird und wie die Karten für alle gemischt sind. Die Erlösung wäre jedenfalls in der Welt. Schau sie ruhig an, die sogenannten Hirten der Welt, wie sie sich auf sie stützen und sich gleichzeitig hinter ihnen verstecken… Wovor? Vor dem Wunder? Vor der Offenbarung, die sie zu suchen vorgeben? Es fehlte nicht viel und sie legten auf dich an. Sie sind ja schon jetzt drauf und dran, es fehlt ihnen nur an Munition. Sie werden sich das Maul über dich zerreißen und das wird noch die geringste ihrer Fehlleistungen sein. Von ihnen erwarte dir nichts. Ihre Erwartung ist ein mit Viren gespickter Rachen, gerade groß genug, um dich zu verschlingen, sobald sie finden, die Gelegenheit sei günstig und ein weiteres Zuwarten brächte nichts.

Nachtbuch / Blog

 

 

T - Die Stufen des Kapitols Das Bersten

T. Die Stufen des Kapitols

Ein politischer Roman
Manutius Verlag Heidelberg
(Edition Zeno)
367 Seiten
ISBN 978-3-944512-28-0

Das Bersten

Erzählung
Manutius Verlag Heidelberg
(Edition Zeno)
267 Seiten
ISBN 978-3-944512-12-9

 

 

 

 

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