Wäre ich Amerikaner – ich schaff’s in diesem Leben nicht mehr, aber im nächsten bin ich’s, versprochen! –, ich hätte in den vergangenen Tagen mit steigender Lust die Nachrichten der großen Sendestationen verfolgt: »President Trump Makes Baseless Claims Of Election Fraud« (Today), »Trump continues to push baseless claims of election fraud during rally in Georgia« (CBS News), »Trump Repeats Baseless Voter Fraud Claims After Barr Says No Evidence« (NBC Nightly News) usw., usw., … begleitet von dutzenden, vermutlich hunderten Zeugnissen diverser Wahlbeobachter, Wahlhelfer, Computerfachleute, Statistiker, Juristen auf allerlei Kanälen gleich nebenan, die Stein und Bein schwören, den Betrug durch ihr Zeugnis glaubhaft machen, belegen, wenn nicht hieb- und stichfest beweisen zu können… ›Baseless‹ ist das Wort, das von diesem Wahlkampf übrig bleiben wird, ich würde es gern, wenn ich könnte, zum Wort des Jahres erklären, noch lieber das deutsche Äquivalent, das sich ein bisschen abgehobener, sprich: unparteiischer gibt: ›unsubstanziiert‹. Coronabedingt, könnte man ja den ganzen amerikanischen Wahlkampf als halb und halb ins Wasser gefallen bezeichnen, es war schon ziemlich baseless, was da so ablief, ohne Kraft und Substanz, dafür, wie gesagt, grober Klotz groben Keil suchend oder wie man das ausdrücken mag – da darf es sich passend fügen, wenn auch der so vielfältig bezeugte Wahlbetrug baseless dahinging, dahingehen sollte, unsubstanziiert, ohne lupus in fabula oder wie das gedrehte Ding heißt… Hat Amerika gewählt? Hat es auch wirklich gewählt? Oder doch eher China oder Iran oder Russland, wie von bekannter Seite insinuiert? Und vor allem: Was? Chaos oder Altenheim? Man hört und liest so vieles und am Ende bleibt alles baseless.

Das wiederum erinnert an die deutsche Öffentlichkeitsbearbeitung, die bekanntlich streng monothematisch verfährt – das muss keiner übersetzen, das versteht sich seit Luthers Tagen von selbst. Nicht schlecht wäre es, wenn auch hierzulande das Wörtchen ›unsubstanziiert‹ samt verbalem Umfeld seiner grundlegenden Bedeutung gemäß ein wenig mehr frequentiert würde, und sei es bloß, um der Abwahl einer ebenso beliebten wie ungeliebten Regierung in den anstehenden Monaten mental Vorschub zu leisten: »RKI lässt unsubstanziierte Befürchtungen laut werden und dreht Kritiker leise«; »Staatskanzlei XYZ erhebt unsubstanziierte Vorwürfe: Erreger durch leichtfertige Äußerungen Oppositioneller gestreut«; »Presse: unsubstanziierte Vorwürfe an Bürger, der Virenpeitsche von … mittels aggressiv ausgelebter Rodelgelüste Vorschub zu leisten«; »Bodenlose Behauptung des zuständigen Ministers: Es fehlt nicht an Dosen, sondern an Einsicht in die Notwendigkeit«; »Demenz für alle: ein unsubstanziiertes Papier aus Davos schockt die Davonkommenden«… Das klänge schon sensationell. Substanz, das wissen die Prediger des Unbedingten, ist ein flüchtiges Gut. Eine kleine Negation und schon geht die Rechnung auf. Über die Jahresproduktion ritueller Sinnablasser im Schlagschatten der Macht ließe sich dann mit Fug schreiben: Der unsubstanziierte Schocker … Lehrmonate einer Totgeburt. Wie wir alle lernten, bei angelegter Maske in der Nase zu bohren.

Ach es klingt so traurig,
ach es klingt so hell,
Ende kommt so schaurig –
käme es nur schnell.

Baseless ist das neue Fake News. Wozu aller Streit, wenn unerheblich ist, was die andere Seite zu sagen weiß? Nichts. Wir bestreiten nicht, was du sagst, wir hören durch dich hindurch und was wir hören, ist nichts weiter als ein simples ›Nichts da‹. Bildlich gesprochen: Amerika kehrt seinen 45. Präsidenten zu Amtszeiten unter den Teppich. Was hat ein Regierungschef, scheidend oder nicht, unter dem Teppich verloren? Die Frage ist gestellt und sie harrt der Antwort. Amerikas ächzendes Wahlsystem hin oder her – die Welt wird diese Lektion in Aberwitz lernen wie andere davor. Die Democrats und ihre Verbündeten allerorten gehen einen schweren Gang.

Nachtbuch / Blog

 

 

T - Die Stufen des Kapitols Das Bersten

T. Die Stufen des Kapitols

Ein politischer Roman
Manutius Verlag Heidelberg
(Edition Zeno)
367 Seiten
ISBN 978-3-944512-28-0

Das Bersten

Erzählung
Manutius Verlag Heidelberg
(Edition Zeno)
267 Seiten
ISBN 978-3-944512-12-9

 

 

 

 

Das Alphazet

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Sie sind essenziell für den Betrieb der Seite (keine Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.