Wahlgesichter@rs

1. Zensur ist dumm. Wäre der Zensor so gescheit wie der Zensierte, dann könnte er ihn verstehen und die Zensur erledigte sich, als widersinnig, von selbst. Wäre er gescheiter als der Zensierte, dann wüsste er, dass Dummheit sich überall ihren Weg bahnt und die Zensur erledigte sich ebenfalls.

2. Zensur ist kontraproduktiv. Zensur spricht den Dummen das Denken ab. Das geht eine Weile gut, irgendwann erzeugt es Wut gegen den Zensor und der Dumme lechzt nach Wahrheit. Für die Klugen hingegen steigert sie den Wert des Zensierten. Sie begreifen, dieser Text ist Front, er hat etwas zu sagen, seine Aussage besitzt Gültigkeit, also muss ich ihn auftreiben, woher auch immer.

3. Zensur ist Lüge. Wer die Wahrheit kennt und sie unterdrückt, was wäre der anderes als ein Lügner? Wer aber von der Unwahrheit des Zensierten überzeugt ist und es reinen Gewissens unterdrückt, der erklärt sich zur letzten Wahrheitsinstanz und das ist eine faustdicke Lüge.

4. Zensur ist Diebstahl. Man kann geistiges Eigentum auf zweierlei Weise stehlen – zum ersten, um sich damit herauszuputzen, zum zweiten, um es zu vernichten. Man zerstört den Kredit des Autors, indem man seine Aussagen löscht. Jedenfalls besteht darin die Absicht.

5. Zensur ist schändlich. Jede Zensur ist auf Zeit. Es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch an die Sonnen. Bekanntlich besteht die eigentliche Aufgabe der Zensur darin, einen Sachverhalt zu verbergen. »Schande über uns, wenn es herauskommt!« Nun ja, damit ist die Schande schon da. Vielleicht braucht sie ein bisschen Zeit, um sich mitzuteilen. Aber am Ende wird sie immer redselig.

6. Zensur ist ehrenrührig. Wer immer den Zensor in Bewegung setzt, er sorgt dafür, dass er anonym bleibt, ein Nobody wie der Henker oder der Auftragskiller. Die obersten Auftraggeber handeln diskret, die unteren Chargen nehmen heimlich Rache an denen, die sie der Sichtbarkeit berauben. Doch das gilt nur für die intelligenten.

 

 

 

 

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Ein politischer Roman
Manutius Verlag Heidelberg
(Edition Zeno)
367 Seiten
ISBN 978-3-944512-28-0

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Erzählung
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(Edition Zeno)
267 Seiten
ISBN 978-3-944512-12-9