Wahlgesichter@rs

Lob der Schlachtbank

Als die Schweine zum Schlachten geführt wurden, ging es einigen unter ihnen nicht schnell genug und sie quiekten: »Unsere Treiber sind saumselig. Seht die anderen Schweine, wie rasch sie ihrer Bestimmung entgegeneilen. Schande über uns und unsere Treiber!« Einige nahmen Anstoß an diesem Gequieke und erklärten, sie ließen sich nicht in eine Richtung stoßen, aus der sie nichts Gutes erwarte.« Die Eifrigen quiekten herrischer und drückten vorwärts, so dass der ganze Haufen in Unruhe geriet und auseinander zu rennen drohte. Sie beruhigten sich aber bald und fielen in einen ordentlichen Trott, als erst das Ziel in Sicht kam. Und siehe: Sie alle kamen dran, jeder für sich und alle gemeinsam zur festgesetzten Stunde.

 

Neues vom Öl

Ein Haus brennt und der Besitzer ruft: »Gießt Öl ins Feuer! Die ganze Straße muss brennen. Nur so wird das Feuer besiegt!«

 

Es gibt sie noch, die Tiere

Die Henne, alt geworden, betrachtete sorgenvoll ihr Gefieder. »Wie werde ich wieder jung?« dachte sie, da fiel ihr der Hahn ein. »Wir sind geschieden«, rief sie ihm zu, »ich habe keine Lust mehr darauf, dass du mich besteigst.« »Auch gut«, krähte der Hahn, »dann besteige ich dich nur noch, wenn ich Lust habe. Versprochen.« Und schon flogen die Federn. Da versprach die Henne allen Hähnen der Welt, sie dürften sich an ihr gütlich tun, wenn sie ihm nur diesen einen Hahn vom Leib schaffen würden. Und die Hähne der Welt fielen übereinander her.

 

Krokophagen

Ein Krokodil, begierig darauf, ein anderes Krokodil zu fressen, stellte es also an. Es legte sich im Schlamm auf die Lauer und als es sah, dass das andere auf seinen Eiern saß, redete es also mit ihm aus der Tiefe: »Was bist du doch für ein Tyrann. Sitzt auf meiner Brut und erdrückst sie, bloß weil du dir einbildest, sie gehöre dir.« Grollte das andere, dem es vor den Augen flimmerte, denn der Tag war heiß: »Wer bist du? Ein Krokodil oder ein Ochse?« Siehst du nicht, dass ich meine Eier vergrabe, wie es sich für ein ordentliches Krokodil gehört?« Das erste aber hörte nicht auf zu sticheln und behauptete, die Eier hätten sich in freier Wahl für seine Mutterschaft entschieden und nun sei es seine heilige Aufgabe, sie auszubrüten und aufzuziehen. Ein Teil der Eier hörte den Streit mit Freuden und entschied sich heimlich für den Herausforderer, während das jüngste Drittel entschlossen war, nicht den Leib zu verraten, dem sie alle entstammten. Kaum waren die jungen Krokodile geschlüpft, als sie auch schon übereinander herfielen, während das Mutterkrokodil mit seinen Tatzen dazwischenfuhr und einigen fast das Genick brach. »Siehst du, was für ein Monster du bist?« ätzte da der Herausforderer. »Man kann dich nicht mit den Kleinen alleinlassen.« Und er stürzte sich auf das Muttertier, das ihm mit aufgerissenem Rachen entgegenfuhr.

 

Proxy War

Ein Stellvertreterkrieg, in dem eine Seite sich quasi selbst vertritt, ist auch merkwürdig. Er lässt an einen Zahnarzt denken, der sich für jeden gezogenen Zahn die Quittung gibt.

 

Der gläserne Helm

Vom Meister der hellen Kerze stammt Der Mann mit dem Glashelm, ein Wunder spätmittelalterlicher Tafelmalerei, neben dem die bekanntere, unter der Bezeichnung Der Mann mit dem Goldhelm laufende Rembrandt-Fälschung verblasst. Neben der feinen Wiedergabe des Glases erregen die eingeschliffenen Motive der Gerechtigkeit, Friedfertigkeit, Wehrhaftigkeit etc. die Aufmerksamkeit des Betrachters. Wie kostbar das alles! Um wieviel kostbarer erscheint es dem, der weiß, dass all das in tausend Stücke zerbirst, sobald der Helm seine Bestimmung findet! Einst entdeckte ich das Bild im Louvre, später hörte ich, es sei im MoMA zu sehen gewesen. Heute, wer weiß, hängt es vielleicht, fern allen Besucherströmen, im Brüsseler Nato-Hauptquartier.

 

Taxonomie

»Seemächte überschreiten niemals Grenzen, sie bewegen sich in ihrem Element«, sprach der Otter und fraß den Frosch. »Oder sie gehen an Land«, ergänzte er, denn sein Hunger war nicht ganz gestillt, und griff sich schnell eine Schnecke, die gerade vorbeikroch.

 

Von guten Nachbarn

Auf seinem Affenfelsen saß das Schimpansenmännchen, leckte sich bedächtig die langen Arme und redete die Bewohner des Tieflands, die sich, andächtig zuhörend, in der Nähe versammelt hatten, also an: »Was seid ihr nur für eine Meute! Jahrelang habt ihr euch herausgenommen, mit euern Nachbarn zur Linken und zur Rechten in Frieden zu leben und gute Nachbarschaft mit allen zu pflegen. Von Freunden umzingelt! Schämt ihr euch nicht? Was habt ihr euch eigentlich dabei gedacht? Man müsste euch mit Ruten züchtigen, aber wie man hört, erledigt ihr das bereits selbst. Doch so einfach kommt ihr uns diesmal nicht davon. Eine lange Nacht steht euch bevor, also wacht gefälligst auf und wetzt eure Messer gegeneinander.« Ein Lama, das seine Worte hörte, hob den Kopf, zielte scharf und spuckte dem Affen ins Auge. »Freunde«, rief dieser, sich heftig reibend, »wie konntet ihr mir das antun? Sind wir nicht Nachbarn seit altersher? Sind wir nicht gezwungen, miteinander auszukommen, so kompliziert sich das auch anhört? Was seid ihr nur für aggressive Burschen! Die Welt wird euch dafür strafen.« Das Lama aber tat, als ginge es das alles nichts an.

 

Nie wieder Krieg

»Who are you, fuck?« schrie der Kampfpilot und jagte dem Unbekannten eine Rakete zwischen die Flügel. »Ich bin, der du warst«, sagte der Unbekannte, sich ihm zuwendend, »der du gerade noch warst und jetzt nie mehr sein wirst.« »Ich war’s nicht«, quetschte der Pilot zwischen den Zähnen hervor und sackte, dem Ruf der Tiefe folgend, in sich zusammen.

 

Kollateralschaden

»Was bist du für eine Bestie«, sirrte die Mücke und stach den Wolf, der zufällig vorbeistreunte. »Schlaues Köpfchen«, brummte der Wolf und besah das zerquetschte Insekt. »Leider zu klein für so große Worte.«

 

Verschiedene Weisen, den Bären aus dem Haus zu bekommen

Hast du den Bären im Haus, bleiben dir folgende Möglichkeiten, ihn loszuwerden. Erstens: Reize ihn, in der Hoffnung, er möge sich trollen, so lange, bis er in seiner Wut das Haus zum Einsturz bringt. Zweitens: Zünde das Haus an. Vielleicht verbrennt er gleich mit und du bist ihn auf immer los. Drittens: Bitte die Nachbarn, das Haus zu verwüsten, bevor der Bär es tut. Viertens: Schreibe ihm eine Botschaft, die er nicht versteht. Das lässt ihn nachdenklich werden und du kannst ihn ohne weiteres aus dem Haus führen. Fünftens: Beschwere dich beim Herrn der Füchse und bitte ihn und seinesgleichen, dir gegen den Bären zu helfen. Er wird dir einen aufbinden und du fühlst dich gleich erleichtert. Sechstens: Geh in den Wald und schreie hinein, die Bären sollten ihren randalierenden Spießgesellen zur Räson bringen und mit sich nehmen. Vielleicht besitzt du irgendwo in der weiten Welt ein zweites Haus, in das du dich zum Essen und Schlafen zurückziehen kannst, dann darfst du in Ruhe abwarten, was geschieht. Siebtens: Annonciere den Bären auf Ebay ganz so, als gehöre er dir und du wolltest ihn billig losschlagen. So trägt er dir am Ende noch ein hübsches Sümmchen ein und die Käufer haben die Scherereien.

 

Der ausfällige Mensch ist der einfältige

»Ein Journalist«, sagt der Weise, »der den Krieg herbeischreibt, ist wie eine Granate, die endlich das Unheil sehen will, das sie anrichten kann.« »Was für ein bullshit!« weist ihn der Schüler zurecht, »Granaten haben doch keine Augen.«

 

Falsche Auskunft

»Halt’s Maul!« zischt der Reporter, der bei soviel Defaitismus um seine berufliche Existenz fürchtet. »Womit?« fragt der Versehrte und hebt seine Armstümpfe.

 

Zerschossen

»Ich war Soldat«, sagte der alte Mann mit dem Fahrrad, »aber nie hätte ich gedacht, noch einmal in Stalingrad leben zu müssen.« Und er wies mit der Hand auf eine Reihe zerschossener Häuser, die sich vor ihm dehnte. »Meine Tochter wurde erschossen, als sie Brot holen ging. Jetzt steht auch das Haus nicht mehr, in das sie hätte zurückkehren wollen. Wenn ich morgen weg bin, wird jemand froh über den Platz in der Unterkunft sein, der dann frei wird. Die Enkel werden mich drei Tage vermissen, dann werden sie andere Sorgen haben. Das Land? Das Land wird immer da sein, egal, wer es beherrscht. Wir alle hätten gern noch ein bisschen gelebt, richtig gelebt, meine ich jetzt. Nein, ich schiebe kein Messer zwischen die Zähne, wenn der Feind kommt. Übrigens war er schon da, als noch niemand wusste, dass er der Feind ist. Glauben Sie mir, junger Freund, in diesem Land gibt es keine Demokraten. Das sind Märchen für Ausländer. Warum sie so scharf darauf sind? Ich weiß es auch nicht.«

 

 

 

 

T - Die Stufen des Kapitols Das Bersten

T. Die Stufen des Kapitols

Ein politischer Roman
Manutius Verlag Heidelberg
(Edition Zeno)
367 Seiten
ISBN 978-3-944512-28-0

Das Bersten

Erzählung
Manutius Verlag Heidelberg
(Edition Zeno)
267 Seiten
ISBN 978-3-944512-12-9