Wahlgesichter@rs

Notizen

Heute morgen auf Tichys Einblick: geschmolzener Hegel-Käse, dick aufgestrichen. Immerhin, das Wort ›Westentaschenhegel‹ ist noch geläufig, es meint das übliche Sammelsurium aus unverstandenen Hegel-Sprüchen, das in jede Westentasche passt, selbst die des kritischen Geistes, der sich darüber mokiert. Wenn der Verfassungsschutz eine neue Kategorie von staatsfeindlichem Extremismus aus der Tasche zaubert (›Delegitimierung des Staates‹), dann gewiss nicht, weil Hegel sie darin deponiert hat. Hegels Staat kann nicht delegitimiert werden, jedenfalls nicht von einer Einzelperson, schon gar nicht mit Worten. Nicht, weil er so erhaben über dem gemeinen Volk thronte, wie die Herrschaften annehmen (während er in Wirklichkeit ein Instrument der Herrschaft darstellt), sondern weil Herrschaft, zumal demokratische, durch ihn erst eine legitime Form gewinnt. Die Delegitimierung des Staates, wo sie denn stattfindet, ist ein langer Erosionsprozess, in dessen Verlauf dem Staat das Volk oder die Regierung abhanden kommt, nicht das Werk einzelner Gesinnungsbuben und -mädels, die auf Krawall gebürstet sind. Kinder, lest Hegel, möchte man sagen, statt Dummheiten zu verbreiten.

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Der billigen Aktualität Paroli zu bieten fällt nicht immer leicht. Umso dankbarer liest man, wenn es mit Erfolg geschieht: »Der mittlerweile verstärkt eingetretene Ansehensverlust hat sein übriges getan, um die Tätigkeit des Abgeordneten bestenfalls als eine passage obligé für die höheren Weihen eines Senatorenamtes zu betrachten. Dies hat sich als fatal erwiesen. Denn die Fragen der Haushaltswirtschaft sind aufgrund ihrer Komplexität Abgeordneten mit hoher Fachkompetenz vorbehalten. Die mit dem Kampf ums Budget notwendigerweise verbundene Schwierigkeit zieht Menschen an, die es schätzen, mit der Schwierigkeit zu ringen, um so zur Verwirklichung ihrer selbst zu gelangen. In der Tat sind es nahezu soldatische Eigenschaften, die den finanzpolitisch engagierten Parlamentarier, der sich mit Haut und Haaren der Konsolidierungspolitik verschrieben hat, aus der Masse der Abgeordneten hervorheben. Denn das Feld der Finanzwirtschaft, will er es mit dem Willen zur Konsolidierung bestellen, verlangt einen Ethos, der dem des lnteressenvertreters diametral entgegensteht. Es fordert einen Kampfwillen, der vor der Auseinandersetzung mit den eigenen politischen Freunden nicht halt macht. Derartige Parlamentarier wären agonale Kombattanten. Sie fänden den Kampfgeist und die Standfestigkeit in sich selber. Ihre Autorität würde sowohl auf ihrer Achtung im Volke als auch auf der Furcht der prinzipiellen Gegner von Konsolidierungspolitik beruhen. Nur sie wären zu einem Politikentwurf in der Lage, der die Regierung in Sachen Finanzpolitik in Verzug setzt.« Das war/ist auf das Berliner Abgeordnetenhaus gemünzt, doch es gilt allerorten. (Markus C. Kerber, Vor dem Sturm. Anmerkungen zur finanziellen Neuordnung Berlins aus staatsrechtlicher und finanzpolitischer Sicht, Berlin 2002)

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Was ist Öffentlichkeit? Der Marktplatz der Lügen, pardon, der Halbwahrheiten, pardon, der schnellen Information. Information und Desinformation wachsen auf demselben Holz, sie sehen einander zum Verwechseln ähnlich (andernfalls gäbe es keine Desinformation). Die Betonung liegt auf der Schnelligkeit, dem Rhythmus der Verdrängungen, der verhindert, dass Lücken entstehen (oder, wo sie existieren, offen diskutiert und geschlossen werden). So gibt es eine öffentliche Geschichtsschreibung, die sich von der akademischen um kein Jota unterscheidet, obwohl sie ganz anders ist. Wie das? Öffentliche Geschichtsschreibung ist akademische Geschichtsschreibung, die sich in die Öffentlichkeit wagt – und das Spiel gewinnt. Wer sich vollständig informieren will, heißt das, greife zu den wissenschaftlichen Wälzern. Ganz stimmt das nicht: die öffentliche Geschichtsschreibung wirkt auf die akademische zurück – durch Selektion der Themen, der (gängigen) Thesen und, in Maßen, des Personals. Auch hier also findet sich für den, der auszog, das Fürchten zu lernen, kaum dass die Recherche begann, mit Sicherheit die Lücke, die berühmte Lücke, die seit einigen Jahren in aller Munde ist. Das Fürchten ist nicht mit ein paar Schlagworten wie Cancel Culture abgetan. Die Geschichte eines Landes ist eine Art Gemeineigentum, an dem die unterschiedlichsten Instanzen ein vehementes Mitnutzungs- und Mitgestaltungsrecht fordern. Sie ist kein ›freies Gut‹ und darum Gift für einen, der subjektiv nichts anderes sein will als ein Diener der Wahrheit – oder bloß einen klaren Kopf behalten möchte.

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Unterwegs zur Weltherrschaft heißt ein dreibändiges Werk von Helmut Roewer, einst thüringischer Verfassungsschutzpräsident und seither ein freier Autor. Da blinzelt die Leserschaft, um mehr zu erfahren als dasteht, denn allgemein gilt: Was dasteht, ist den einschlägigen Kreisen nie genug. Auch das gehört zum Prinzip Öffentlichkeit (Öffentlichkeit ist kein Prinzip, sie wird nur künstlich, wie einst das Prinzip Hoffnung, von passender Seite dazu erhoben). Vermutlich kann nur ein Nicht-Historiker ungeniert schreiben: »Ich habe versucht, mich auf die Fakten zu beschränken und an meiner Grundüberzeugung festzuhalten, dass hinter den meisten Fakten, welche die Geschichte ausmachen, ganz konkrete Menschen stecken. Dieser Ansatz macht es nahezu unausweichlich, auch nach den geistigen Ursachen des menschlichen Handelns zu fragen.« (Bd.3, S.365) Geistige Ursachen? Was soll das sein? Streben zum Beispiel die USA, wie der Titel suggerieren könnte, seit reichlich hundert Jahren kraft ihrer geopolitischen Position quasi automatisch nach der Weltherrschaft? Bietet das Deutsche Reich ihnen bis zu seinem Abgang von der Weltbühne aus vergleichbaren Gründen Paroli? (In diesem heiklen Fall sagt, wer A sagt, nicht unbedingt B und umgekehrt. Nicht immer sind, wie im Ukraine-Krieg erneut zu erfahren, Objektivisten gefragt, um eine als verzwickt empfundene Lage zu klären.) – Nein, sagt Roewer, ganz so ist es nicht. Wenn zwei hochzivilisierte Länder, durch einen Ozean voneinander getrennt und von keinerlei mörderischer Wirtschaftskonkurrenz geplagt, einen Weltkrieg (und in der Folge einen zweiten) gegeneinander führen, dessen erklärtes Ziel auf der Seite eines der Kontrahenten lautet, den anderen aus dem System der ›Mächte‹ bis in die kulturelle und physische Dimension hinein zu eliminieren, dann besteht die Aufgabe des Historikers darin, das Undenkbare zu denken, soll heißen, die Kreise und Personen samt ihren ›Ideen‹ zu benennen, die in der Situation ein Interesse daran besaßen, das Undenkbare zu denken und die entsprechenden Entscheidungen herbeizuführen. Das leuchtet dem historischen Laien ein. (Helmut Roewer, Unterwegs zur Weltherrschaft, 3 Bände, Tübingen 2016/17/18)

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»Menschen, die aus dem Gestell herausfallen, leiden psychisch. Sie verlieren Selbstvertrauen und empfinden sich als ›wertlos‹. Dieses Gefühl wird von den Kulturverwesern des Gestells – den an-Gestell-ten Partei-, Gewerkschafts- und Medienfunktionären – gepflegt und gehätschelt. Selbständig denkende und handelnd ihr Leben gestaltende Menschen brauchen nämlich weder formales Mitleid noch bevormundende Fürsorge. Aber innerhalb des Gestells werden ihnen kaum andere als die bezahlten Leistungen abverlangt, nur ausnahmsweise lernen sie, ihre Qualitäten selbst zu erweitern und zu vermarkten. ›Freigesetzt‹ klingt ihnen wie ›ausgesetzt‹. (Immo Sennewald, Der menschliche Kosmos, eBook 2020) Das System universaler Anstellung, von Sennewald in Anlehnung an Heidegger kurz ›Gestell‹ genannt, bringt, wie bereits Kracauer sich zu zeigen bemühte, ein Geflecht von Interaktionsmustern obenauf, das weit besser als panische Angst vor dem allgegenwärtigen und durch keine Gesetze gebändigten Boss das Phänomen der pulsierenden ›Meinungskorridore‹ erklärt, die besser Gesinnungskorridore hießen. Wer meint, ›der‹ Meinungskorridor habe sich verengt, weil er heute mit Sprüchen aneckt, die ihm gestern die Anerkennung des Chefs eingetragen hätten, der hat das Prinzip der Meinungsfreiheit nicht begriffen. Wenn der Korridor sich verengt, dann liegt das an den wechselnden Bildern links und rechts an den Wänden. ›Ich bin so frei‹ heißt: Ich kündige, falls es euch nicht passt, nicht: Ich will prämiert sein, weil ich so schön bin. Wer allerdings die Kältekammern des autoritären Gesinnungsstaates genossen hat, dem füllt sich die Rede vom beschädigten Leben mit Sinn.

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»Der alten Vorstellung der Nemesis, nach welcher das Göttliche und seine Wirksamkeit in der Welt nur als gleichmachende Macht, die das Hohe und Große zertrümmere, vom noch abstrakten Verstande gefasst wurde, setzten Platon und Aristoteles entgegen, dass Gott nicht neidisch ist.« (Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, § 564) Wer die Ironie dieses Satzes nicht bemerkt, dem ist – philosophisch und überhaupt – nicht zu helfen. Ein Gott außerhalb des Neides (und damit außerhalb der Dreiecksbegierde) verfügt über keine materiellen Interessen. Er denkt nicht daran, diese Welt um eines imaginären Vorteils willen zu zerschlagen. Wenn also der Gott oder die Götter des Geldes dem Topos der anderen Welt huldigen, in die ein ›Great Reset‹ die Menschheit katapultieren soll, dann legen sie damit ihre Motivwelt offen: Sie geben zu, dass sie falsche, selbst- und rachsüchtige Götter sind – in dieser Welt wie in der anderen. Nur der abstrakte Verstand, sprich: der Unwille der Vielen, zwei und zwei zusammenzuzählen, sagt Hegel, kann von ihrem Versagen ablenken und dafür sorgen, dass sie ihre Macht noch ein Weilchen behalten. Im konkreten Denken ist der Stab über sie längst gebrochen.

 

 

 

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