»Willkommen in diesem Land«, sagte der Zollbeamte, lächelte abwesend und hob den Stumpf seines rechten Arms abwehrend gegen die Sonne, die ihre Strahlen schräg durch die Absperrung warf. »Worauf Sie achten sollten…«

»Ja?«, entgegnete ich hastig, denn ich erkannte, dass er an diesem Tag noch viel zu leisten hatte und er sich gerade ungebührlich ausführlich mit mir beschäftigte.

»Ach, es war nur so ein Gedanke.«

»Sprechen Sie«, drängte ich, denn ich verstand plötzlich die ungeheure Dringlichkeit seines Anliegens.

»Nun, falls es Sie nicht langweilt… Achten Sie auf Ihre Worte! Sie kommen aus einem fernen Land, Sie beherrschen unsere Sprache fast perfekt, aber eben nur fast, vielleicht beherrschen Sie sie auch zu gut und in Ihrem Wortschatz herrscht ein gewisser Überfluss, der sich leicht gegen Sie wenden könnte. Denn, unter uns, wir verständigen uns hierzulande seit ein paar Jahren nicht mehr mit Hilfe der Bedeutung der Wörter, die Sie gelernt haben mögen, sondern mit Hilfe der Obertöne, die nur versteht, wer schon ein paar Jahre in diesem unserem Land gelebt und vielleicht das eine oder andere Ungemach erlitten hat. Wer das nicht berücksichtigt, der lebt womöglich jahrelang unbemerkt vor sich hin und weiß gar nicht, wie gefährlich er lebt. Und doch verhält es sich so. Gerade Sie als Ausländer sind vielleicht besonders gefährdet. Sehen Sie mich bitte nicht so fragend an. Sie haben mich ganz gut verstanden.«

»Was, meinen Sie, soll ich tun?«

»Bleiben Sie … reserviert bis zu dem Tag, an dem man Sie angreift. Alles andere ergibt sich dann von selbst.«

»Warum sagen Sie das? Wird man mich angreifen?«

»Nicht persönlich. Man wird Ihre Überzeugungen angreifen, Ihre Lebensweise, Ihre Träume…«

»Warum das denn?«

»Weil man Sie gewinnen will.«

»Wofür?«

»Für das Endspiel.«

»Fußball interessiert mich nicht.«

»Feinderkennung, mein Guter. Sie müssen erkennen, wer der Feind ist. Bevor Sie das nicht erkannt haben, ist jedes Wort, das Sie verwenden, lebensgefährlich.«

»Und wenn ich weiß, wer der Feind ist?«

»Meiden Sie jeden Kontakt. Meiden Sie den Kontakt mit Leuten, die Kontakt haben. Meiden Sie alle Wörter, die den Kontakt herstellen könnten. Meiden Sie Gedanken, die den Kontakt herstellen könnten. Ich meine das spirituell

»Spirituell? Sie meinen Tischrücken oder so? Dafür ist mir meine Zeit zu schade.«

»Angenommen, Sie gehen ins Lokal und setzen sich auf einen Platz, auf dem vorher eine Person saß, die Kontakt hat. Damit stellen Sie automatisch den Kontakt her. Das nennt man spirituell. Man sieht nichts, man hört nichts, und alle wissen Bescheid.«

»Aber wenn ich diese Person gar nicht kenne?«

»Machen Sie sich darüber keine Gedanken. Man weiß über euch beide Bescheid. Aber Sie können auch zuhause bleiben und nachdenken. Sehen Sie, im Nachdenken geschehen die seltsamsten Dinge. Sie denken über den Feind nach und schwupp! denken Sie einen seiner Gedanken. Sie haben Kontakt! Sie können alles leugnen, Sie können behaupten, das sei nicht Ihr Gedanke, aber gedacht haben Sie ihn doch. Leugnen Sie ruhig! Je öfter Sie leugnen, desto intensiver wird Ihr Kontakt. Das können Sie gar nicht verhindern. Wussten Sie, dass schon das Wort Kontakt kontaminiert ist?«

»Konta- …?«

»Kontaminiert. Kontakt sagt, wer den Kontakt fürchtet. Das ist einerseits gut, andererseits schlecht, weil es Unsicherheit verrät. Wer in völliger Sicherheit lebt, der kennt keinen Kontakt.«

»Aber Sie warnen mich doch gerade vor dem Kontakt. Sie haben mich kontaminiert!«

»Ich habe Sie gewarnt.«

»Sie haben mir eine Falle gestellt. Sie hassen Ausländer, ich habe von Leuten wie Ihnen gehört. Eigentlich wollte ich es nicht glauben…«

»Sehen Sie, das ist Ihr Fehler. Sie wollen nicht glauben. Und dann kommen Sie daher und bezichtigen mich des Kontakts. Ja, ich bin Ihr Kontakt. Woher wollen Sie wissen, zu welcher Art von Kontakt ich gehöre? Sie können es nicht wissen, es sei denn, sie wären hellseherisch begabt. Sind Sie Hellseher? Nein? Dachte ich mir. Sie sind also jetzt im Land und hatten bereits Kontakt. Das hilft Ihnen zwar weiter, aber es macht Sie auch angreifbar. Man wird Sie angreifen, machen Sie sich nichts vor. Wenn die Falschen Sie angreifen, dann haben Sie beide Parteien am Hals. Es sind ja auch keine richtigen Parteien, es sind nur Leute, die sich zufällig für die Richtigen halten. Aber indem ich ›zufällig‹ sage, bin ich schon der falsche. In diesem Land ist der Zufall kontaminiert. Nichts wird dem Zufall überlassen und daher ist alles Zufall. Nehmen Sie als Beispiel die Bahn… ›Warum?‹, werden Sie fragen und damit den Nagel auf den Kopf treffen. Ich könnte Ihnen von Menschen erzählen, die ›warum‹ sagten und nie mehr gesehen wurden. Man hat ihre Konten gelöscht und ihre Nachbarn so lange nach ihnen befragt, bis sie sich an nichts mehr erinnern konnten. Wo sind diese Menschen hingekommen? Ich kann es Ihnen nicht sagen. Alles andere wäre ja Kontakt. Sehen Sie, es gibt so eine Art Kontaktscheu in diesem Land. Die Menschen scheuen vor dem Kontakt zurück. Das ist einerseits verständlich, andererseits auch wieder schade, denn Kontakte bereichern das Leben. Hatten Sie viele Kontakte? Dann hatten Sie auch Kontakt. Wie lange wollen Sie bleiben? Halt, verraten Sie es mir nicht. Sie sollen mir nicht vertrauen, verstehen Sie? Sie sollen niemandem hier vertrauen. Sobald Sie zu jemandem Kontakt aufnehmen, aktivieren Sie den Kontakt. Wollen Sie das? Natürlich nicht. Sie können es nicht wollen. Auch in Ihnen schlummert bereits der Kontakt. Wozu ihn wecken? Sie würden ihn nicht mehr abstellen können, verstehen Sie? Nein, Sie verstehen mich nicht und das ist gut so.«

Nachtbuch / Blog

 

 

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