Die Reiter der Apokalypse sind nicht tot, ich sah sie am Wegrand vorübergleiten und hielt an; teils trieb mich Neugier, teils Erbarmen, denn, um die Wahrheit zu sagen, sie sahen erbärmlich aus. Sie waren abgestiegen, nebenan grasten die müden Klepper. Leise erklang von Zeit zu Zeit der Ruf ihrer Nüstern. Die Rüstung des weißen Ritters, mit Einstichen wie mit Pusteln übersät, fiel mir ins Auge. Am Sehnerv trat sie wieder aus, um Alarm zu schlagen: Entsetzen überkam mich, als ich sah, dass eine klebrige Masse den grauen Eisenglanz peu à peu zum Verschwinden brachte. Nun das Visier! Eine rohe Hand, vielleicht die des Ritters, hatte eine Doppelreihe schadhafter Zähne hineingeritzt. Sieh da, ein Hexenmeister ohne Fortune, ging es mir durch den Kopf. Ich wandte den Blick, der rote Reiter, kleiner und zierlicher als die anderen, hob eine Hand über die ausdrucksstarken Augen und blickte sinnend ins Weite. Wohin, Unglückliche? wollte ich rufen, da entdeckte ich das halb in der Scheide festgerostete Schwert, ein Souvenir offenbar, Relikt einer mörderischen Vergangenheit, die sich unter der zweiten Hand in lauter Zukunft verwandelte. Quer über der Brust trug das Rätselwesen die Aufschrift: ›Weder Frau noch Mann‹. So bist du doch gekommen, dachte es in mir, der Gedanke fiel wie ein Schuss, und ich erkannte niemanden. Nun zu dir, schwarzer Reiter! Was bist du, verglichen mit den anderen, doch für ein Milchgesicht. Deine zur Schau gestellte Zufriedenheit ist eitel Schein und den Bart wird man dir abnehmen, bevor der Morgen graut. Er aber … grinste verschmitzt und stach, wie Förmchen, in einem fort die Wörter ›Kälte‹, ›Hunger‹, ›Zusammenrücken‹, ›kein Zurück‹ in die Luft. Seine Backen glühten, es mahlten die Kaumuskeln und er strahlte, als einziger übrigens, eine unterirdische Freude aus. Der vierte Reiter schließlich … Freunde, was soll ich sagen? Der vierte Reiter trug die Waage der Justitia, aber verkehrt herum, ich sah, wie das Gewicht der Welt von unten drückte und die Schalen nach oben trieb. Er trug ein loses Mäntelchen, das sich im Wind blähte, als werde er jeden Augenblick davongeweht.

»Spürt ihr den aufkommenden Sturm?«, fragte ich ins Blaue.

»Nein«, entgegnete der schwarze Ritter kühl, »wir sind der Sturm.«

»Seid ihr dafür nicht ein wenig entkräftet?«

»Kennen Sie den Großen Sprung?«

»Ja, aber…«

»Als der Große Steuermann den Großen Sprung anordnete, galt er als angeschlagen, als er ihn für beendet erklärte, beglückwünschte ihn jedermann zu seiner eisernen Gesundheit.«

»Der Große Steuermann ist tot.«

»Was wissen Sie vom Gang der Geschichte!«

»Eine ganze Menge, eine ganze Menge.« Und auflachend machte ich mich davon.

Nachtbuch / Blog

 

 

T - Die Stufen des Kapitols Das Bersten

T. Die Stufen des Kapitols

Ein politischer Roman
Manutius Verlag Heidelberg
(Edition Zeno)
367 Seiten
ISBN 978-3-944512-28-0

Das Bersten

Erzählung
Manutius Verlag Heidelberg
(Edition Zeno)
267 Seiten
ISBN 978-3-944512-12-9

 

 

 

 

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