Man kann in Deutschland nicht über ein begrenztes Thema wie den Wandel des Parteiensystems schreiben, ohne dass einem ins Gesicht geschrien würde, wie lächerlich und von gestern das alles sei und dass man lieber die Drahtzieher und den Untergang beschwören solle. Kurz: Darum geht’s nicht. Ich kenne die Formel, ich kenne den Text. Es ist die älteste und wirksamste Zensurformel aller, die sich und ihr Anliegen nach vorn drängen: Weg mit allem, was mir, was uns im Wege steht. In Deutschland steht ihr die ewige Frage zur Seite: Darf man das? Diese beiden regieren die Köpfe und wer sich ihrer am unbeschwertesten bedient, dem gehört über kurz oder lang das Land.

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Eine Studie des Heartland Institute hat ergeben, dass ›mit hoher Wahrscheinlichkeit‹ Donald Trump 2020 als Präsident wiedergewählt worden wäre, hätte es keinen Betrug bei der Briefwahl gegeben. Alles mit Zahlen, Daten, Fakten belegt und vollkommen wirkungslos. Die Kampagnen und Prozesse laufen weiter, als gäbe es dergleichen Untersuchungen nicht. Die politische Wirklichkeit dieser Jahre ist weitgehend erfahrungsresistent. Vielmehr: Erfahrungen finden weitgehend in einem mit Filtern, Echokammern und gesteuerten Resonanzen ausgestatteten medialen Raum statt, in dem die Menschen mit ihren Reflexen allein sind. Was passiert mit all diesen Reflexen, die sich allenfalls in haltlosem Gerede Luft machen können? Gibt es eine dunkle Gesellschaft, analog zur dunklen Materie, die sich nur postulieren, aber nicht nachweisen lässt? Oder ist alles dunkle Energie, »eine zusätzliche Energieform, die das Universum beschleunigt und die Expansion des Weltalls verlangsamt«? Das wäre, aufs gesellschaftliche Universum bezogen, doch eine Auskunft.

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Parteien erneuern sich von den Rändern her, nie aus der Mitte. Das liegt daran, dass die Mitte dort liegt, wo die meisten Tendenzen sich kreuzen, sich aufheben, verstärken, kontrollieren, verbiegen, verschmelzen. Bewegung, das Elixier des Politischen, bedarf der Anstöße, wer Anstoß gibt, erregt Anstoß – Kennzeichen aller Flügelleute. Heute haben wir es mit Parteien zu tun, die ihre Flügel beschneiden, als hause der Gottseibeiuns unter ihnen. Entsprechend flügellahm, das heißt unpolitisch treten sie auf. Mitte ohne Flügel heißt Gefolgschaft und nichts weiter. Eine Parteienlandschaft, in der lauter Mitten gegeneinander antreten, gleicht einem Minenfeld, in das man die Hoffnungsvollen und die Hoffnungslosen vorschickt, um sie aus den eigenen Reihen zu eliminieren.

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Der amerikanische Journalist Tucker Carlson hat ein ›vielbeachtetes‹ Interview mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin geführt und die halbe Medienwelt steht Kopf. Man sieht einen freundlichen älteren Herrn, der in moderaten Wendungen die gemeinsame russisch-ukrainische Geschichte erzählt, als handle es sich um eine Reihe von Familienangelegenheiten, über die nur der Patron verbindliche Auskunft erteilen kann. Diese Geschichte beginnt im Jahre 830 n. C. und man versteht endlich, warum ein wieder zukunftsbetontes Deutschland Frankreich und ein paar andere Anrainer zurück ins karolingische Joch beugen möchte. Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt: und sei es die des Geldes, dafür ist es ja da, auch wenn es bereits weg ist. Merke: Rede viel von Hitler, niemals von Stalin, dann ist Russland auf gutem Wege.

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Darf man sich für die Medien seines Landes schämen? Darf man sich überhaupt für Einrichtungen schämen, an deren Einrichtung man keinen Anteil besitzt? Scham fragt nicht lange, sie erblüht wie das Veilchen oder steigt in den Himmel wie die Lerche, wenn ihre Zeit gekommen ist. Aber diese Scham erwächst aus Gemeinsamkeit. Man muss Anteil haben an dem, wofür man sich schämt. Fremdschämen fällt in eine andere Kategorie. Es setzt irgendeine Form der sozialen Nötigung voraus, einen Schamzwang. Es gibt nur ein Mittel, den Schamzwang zu bezwingen: Bildung. Wer begreift, dass blühender Nonsens die Haupteinnahmequelle der Medien darstellt, der schämt sich eher der früheren Scham als der Schamlosigkeit seiner Existenz.

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Man kann nicht vermeiden, dass die eigenen Texte von Hassern gelesen und kommentiert werden. Man kann kaum vermeiden, sich dadurch verletzt zu fühlen. Man könnte es vermeiden, indem man das Schreiben einstellt: Diese Option besteht bekanntlich immer. Aber man kann den Hass nicht vermeiden, man lässt nur zu, dass er leiblich wird. Man verzichtet auf die Wohltaten der Distanz und handelt sich dafür Alltagskonflikte ein, die man schreibend vermeiden wollte. Doch es gibt etwas Schlimmeres als Konflikte: Das Wissen darum, dass sie unvermeidlich aufbrechen würden, erteilte man selbst sich das Wort. Das Wort in die Ferne erschafft einen Freiraum, fast schon die Freiheit selbst.

 

Notizen für den schweigenden Leser

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