Erzäh­lung

Per­so­nen und Hand­lung sind frei erfun­den.
Boat peo­ple nan­nte man Bürger der ehe­ma­li­gen Repub­lik Viet­nam und Kam­bod­schas, die nach dem Sieg des kom­mu­nis­tis­chen Nord­viet­nam am dreißig­sten April 1975 in hochsee­un­tauglichen Booten aufs Meer flo­hen, um in eines der Län­der Südostasiens (und weiter in die USA) zu gelan­gen.
Die ›Organ­i­sa­tion‹ hat es nie gegeben. – U.S.

1

Jeder weiß, dass der siebzehnte Bre­it­en­grad für eine drama­tis­che Reihe von Jahren die Grenze zwis­chen der Demokratis­chen Repub­lik Viet­nam (Việt Nam Dân Chủ Cộng Hòa, kurz DRV oder Nord­viet­nam) und der Repub­lik Viet­nam (Việt Nam Cộng Hòa oder Süd­viet­nam) markierte. Kaum bekannt sein dürfte die Tat­sache, dass Fac ten Chek nur wenige Kilo­me­ter nördlich der Demarka­tion­slinie geboren wurde und dort, wie andere Kinder seines Alters, die Schule besuchte. Biogra­phiefre­unde kön­nten darin einen Man­gel erblicken und Abhilfe ver­lan­gen – zu Unrecht: bis zur Über­nahme eines bes­timmten Postens ist Fac ten Cheks Leben und Wirken völ­lig bedeu­tungs­los. Zweifel­los liegt darin eine gewisse Herausforderung.

Fac ten Chek, Sohn eines Kle­in­funk­tionärs, galt als hochbegabt.

Wer die Archive bemüht und genü­gend Parte­ichi­ne­sisch beherrscht, dem wer­den seine Stu­di­en­jahre an der Partei­hochschule auch ohne per­sön­liche Zeug­nisse schnell zu einem offe­nen Buch, in dem sich bequem vor– und zurück­blät­tern lässt. Abge­se­hen vom Furor der Bomben­nächte, den Säu­berun­gen, der Ver­sorgungsmis­ere und einem notorischen Man­gel an Wohn­raum ver­lief das Leben in Hanoi monoton. Fac ten Chek muss über beide Ohren im Exa­men gesteckt haben, als ihn die Ein­beru­fung ereilte. Das war im Früh­jahr ’75, als die Panz­er­armee des Genossen Dung dem ver­has­sten Regime des Südens den längst erwarteten Todesstoß versetzte.

Wir tre­f­fen hier erst­mals auf das Para­dox, dass für den Beteiligten ger­ade das Über­raschende weit­ge­hend über­raschungs­frei ist, es sei denn, er lässt sich von Äußer­lichkeiten blenden oder erliegt der alltäglichen Propaganda.

Inzwis­chen gilt der Sozial­is­mus als eine Epoche der Wun­der: ani­mistis­che, selbst totemistis­che Prak­tiken waren an der Tage­sor­d­nung. Dank ihrer ging das Leben zwis­chen Machtkämpfen seinen Gang, die jeden jed­erzeit zer­mal­men kon­nten, gle­ichgültig, welche Ver­di­en­ste er sich erwor­ben hatte und welchen Rang er ger­ade bek­lei­dete. Zu den ver­bre­it­eten Prak­tiken zählte der Reliquienkult. Zum Beispiel kur­sierten in den höheren Parteizirkeln kleine, hand­sig­nierte Mao-​Bibeln in solcher Zahl, dass die Leben­szeit des Großes Steuer­manns mehrfach in den dafür benötigten Sig­nier­stun­den Platz gefun­den hätte.

Eines dieser Exem­plare steckte in Fac ten Cheks Tor­nister, als er gegen den südlichen Aggres­sor ins Feld zog. Er durfte es nicht sein eigen nen­nen, denn Eigen­tum bedeutete Parteiauss­chluss und in härteren Fällen die Todesstrafe.

2

Am Tag der Befreiung stand Fac ten Chek, ange­tan mit der Uni­form eines Offiziers der Volks­be­freiungsarmee, auf den Resten der Zitadelle von Saigon, wies, die Augen vor Eifer gerötet, mit aus­gestreck­tem Arm auf einen über­aus hässlichen, von der US Army soeben ver­lasse­nen Flach­bau, in dem einige Ton­nen ungetesteter tox­is­cher Sub­stanzen noch darauf warteten, den kom­mu­nis­tis­chen Nor­den Mores zu lehren, und brüllte die geflügel­ten Worte: »Von hier und heute wird eine neue Epoche der Welt­geschichte aus­ge­hen.« Der Satz brachte ihm zehn Jahre Einzel­haft, die Aberken­nung mehrerer Orden sowie die Erken­nt­nis ein, dass nicht alles gesagt zu wer­den ver­di­ent, was es ver­di­ent, gesagt zu wer­den. Heute weiß man, dass Ein­sichten dieses Kalibers in jenen Jahren eine über­aus hohe Bedeu­tung zukam, insofern sie die Zeit im Umerziehungslager auf ein über­schaubares Maß verkürzten.

Kann man behaupten, dass er das Lager als gebroch­ener Mann ver­ließ? Man kann und man kann es nicht. Zu fra­gen wäre, ob er es über­haupt je verließ.

Ver­ließ er es je?

Gute Frage.

Gewiss hätte sie eine Antwort ver­di­ent, aber so läuft das nicht. Genauso ließe sich fra­gen, ob er, die physis­che Anwe­sen­heit abgerech­net, jemals im Lager angekom­men war – ein junger Mann, trau­ma­tisiert, mit abge­broch­enem Exa­men, erfüllt von Todesmut und Fein­de­shass, von Stolz, frisch erwor­benem Schneid und den üblichen All­t­agsäng­sten. Das Lager, sagen diejeni­gen, die es durch­laufen und über­lebt haben, ist die härteste aller Schulen. Es zer­bricht dich und manchen schmiedet es neu. Diejeni­gen, die es nicht zu durch­laufen brauchten und auch über­lebt haben – also die Leute –, ver­weisen auf die erfreulich hohe Zahl erfol­gre­icher Resozial­isierun­gen und nen­nen es eine Wohltat für alle, die es durch­laufen durften.

Auf die prä­gen­den Erfahrun­gen eines Men­schen ist im all­ge­meinen Ver­lass. Sie begleiten ihn in den dunkel­sten Stun­den seines Lebens wie in seinen hell­sten, sie sind zur Hand, wenn er sie braucht, sie heften sich an seine Fersen, wenn er sie nicht braucht, und bei Gele­gen­heit schnap­pen sie zu.

3

Jeder Men­sch, sollte man annehmen, ver­fügt über ein Zuhause. Doch auch hier sind Aus­nah­men die Regel. Eine ble­iche Bürokraten­hand hatte Fac ten Cheks Vater – ver­ständlicher­weise, bedenkt man die Schande, die der Sohn über sein Haus gebracht hatte – die keineswegs üppige Pen­sion gestrichen. Wie lebt es sich mit­tel­los im Land der Besit­zlosen? Schlecht.

Fac ten Chek fand ihn, dank fre­undlicher, wen­ngle­ich über­aus zurück­hal­tender Nach­barn, in einem Schup­pen am Stadtrand.

Das ist nicht ver­bürgt, aber es ergibt sich aus der Logik der Sache.

Der Alte tat, was er sein Leben lang getan hatte: er star­rte Löcher in die Luft. Einst im Dienst hatte er sie in die Augen der ihm unter­stell­ten Genossen gebrannt.

Das ist eine ungesicherte Hypothese.

Jeden­falls glaubte es der zurück­gekehrte Sohn, wen­ngle­ich er sich nicht sicher war und wusste, dass nur zählt, was sicher geglaubt wird.

Ungeachtet seines Glauben­sprob­lems übte sich Fac ten Chek in Geduld – der einzi­gen Sohnes­tu­gend, die er gel­ernt hatte. Von Zeit zu Zeit klopfte der Alte mit einem Stöckchen auf den Boden und stieß ein Grun­zen aus, in dem sich wom­öglich ein Fluch ver­barg. Fac ten Chek hockte auf dem Boden, bohrte drei Fin­ger der rechten Hand in Kinn und Wange und schwieg. Er fühlte die lange Tra­di­tion des Schweigens, die sein Land oft gerettet hatte und es jetzt in den Unter­gang führte. Er has­ste sie aus vollem Herzen und unter­warf sich ihr willig.

Nach Ablauf der vorgeschriebe­nen Stun­den erhob er sich, verneigte sich höflich, ließ ein paar Münzen in einen Becher fallen, schob den Fet­zen über dem Ein­gang zur Seite, glitt hin­aus in die Nachtluft, atmete tief durch und lief in die Reis­felder. Nicht ver­bürgt ist, dass der Vater seinen Abgang bemerkte. Warum auch? Er war ein Bet­tler, der Klang der Münze ver­riet Fac ten Chek sein Geheim­nis. Bet­teln war ver­boten, also kon­nte er eben­sowenig Bet­tler wie Vater sein. Was dann? Ein Gespenst? Auch Gespen­ster waren ver­boten, streng ver­boten, es gab kaum noch welche, sicher gehörte er nicht dazu.

Fac ten Chek wurde vom Gelände ver­schluckt und wiedergefunden.

Mit­tag war’s und unerträglich die Hitze

da geschah’s, dass ein radel­nder Milizionär, von Grun­zlauten aufgeschreckt, abseits der Straße den von nie­man­dem Ver­mis­sten ent­deckte und der Gemein­schaft zurück­gab, indem er ihn beim näch­sten Polizeiposten ablieferte. Für den Milizionär sprang ein karges Lob her­aus, dann ver­lor sich seine Figur aufs Neue in den Nebeln der geschicht­slosen Welt, die neben der Welt der Geschichte existiert und sie mit Sicher­heit über­dauern wird, falls nicht das allzu Vorherse­hbare ein­tritt und beide, gezielt oder nicht, mit einem Schlag auslöscht.

Wir ver­lassen den Bere­ich kom­bi­na­torischer Erken­nt­nis, vulgo Mut­maßung, und treten ein in den Glanz, den nur wirk­liche Geschichte ver­strömt. Der Polizeiof­fizier, ein stram­mer Bursche, schien aus nicht weiter bekan­ntem Grund über die Iden­tität des Ein­geliefer­ten im Bilde zu sein. Jeden­falls schob er Fac ten Chek, nach­dem er seine Fin­ger­ab­drücke genom­men, seine Länge, sein Gewicht, seine Bauch– und Kopf­maße fest­gestellt und mehrfach tele­foniert hatte, ein For­mu­lar hin, das dieser schlaftrunken unter­schrieb. Es war seine Ernennung.

4

Den Aus­druck boat peo­ple hatte Fac ten Chek, wie vieles andere, noch nie ver­nom­men. Ver­mut­lich ergeht es dem einen oder anderen heuti­gen Leser ähn­lich, wen­ngle­ich aus Grün­den, die unver­gle­ich­lich anders genannt wer­den müssten, wären sie nicht Gründe wie alle anderen auch. Jahre­lang hat­ten Leute der ehe­ma­li­gen Saigoner Soci­ety, von den neuen Machthabern das Schlimm­ste befürch­t­end, viel Geld hinge­blät­tert, um sich in Fis­cher­booten, defekt oder nicht, nächt­ens aufs Meer hin­auss­chaf­fen zu lassen – in der irrwitzi­gen Hoff­nung, per Zufall von einem Hochseeschiff aufge­le­sen und in ein ent­fer­ntes Land, am besten die USA, ver­frachtet zu wer­den. Unempfind­lich gegen das Wesen der Befreiung, hat­ten sie nicht abwarten wollen, dass man sie von ihrem bürgerlich-​konterrevolutionären Wesen befre­ite, indem man sie in die Welt der Lager und Todeszellen zur Weit­er­bil­dung überstellte.

Die Regierung hatte das Treiben beobachtet, aber sich nicht dazu geäußert. Warum? Das ist leicht erk­lärt. Die Gehäl­ter der Getreuen lagen unter dem Exis­tenzmin­i­mum (wo immer das liegen mochte). Kor­rup­tion galt als kap­i­tal­is­tis­ches Laster, das mit dem Sieg des Sozial­is­mus aufge­hört hatte zu existieren. Woher die Scheu? Hin­ter vorge­hal­tener Hand kur­sierte in den oberen Rän­gen der Partei die Überzeu­gung, Flucht sei ein Geschäft wie jedes andere und deswe­gen von Staats wegen zu organ­isieren. Der gemeine Flüchtling liebt das Leben und das Leben liebt ihn. Das entsprach einer Goldader, deren Aus­beu­tung sich leicht in den Rang einer vater­ländis­chen Pflicht erheben ließ.

Die Ernen­nung zum Flüchtlingsko­or­di­na­tor ver­dankte Fac ten Chek dem Zufall, der Rival­ität zweier Min­is­ter, der Feind­schaft einer Kon­ter­rev­o­lu­tionärin und einem Mithäftling, der inzwis­chen Kar­riere gemacht hatte.

So ein Satz schreibt sich gelassen hin und die geneigte Leser­schaft ver­gisst dabei leicht, wieviel Recherche-​Mühsal in ihm steckt. Trotz­dem – rein als Aus­sage betra­chtet, ist er blühen­der Unsinn. Nichts von alle­dem hätte gere­icht, um das Unwahrschein­liche ein­treten zu lassen, hätte nicht auch der Spruch existiert, den die Dorfhexe anlässlich Fac ten Cheks Geburt gemurmelt hatte, woraufhin die Miliz sie, nebst anderem men­schlichem Gerüm­pel, auf einen Last­wa­gen schob und mit ihr davonfuhr.

Von diesem – ungesicherten – Spruch war während seiner Jugend häu­fig die Rede: hin­ter vorge­hal­tener Hand, ver­steht sich. Auf Zauberei stand die Todesstrafe. Keiner kan­nte den Wort­laut. Vie­len galt er als geheim und sie bemühten sich nichts zu hören, wenn die Rede auf ihn kam. Doch ein paar Ver­sio­nen zirkulierten in den örtlichen Parteikreisen, wur­den zum Gegen­stand leb­hafter Vier-​Augen-​Gespräche und fan­den den Weg in die Weiten des Appa­rats, der nie vergisst.

Am Tag der Ernen­nung fis­chte Fac ten Chek die Mao-​Bibel aus dem Bücher­re­gal, drückte das ver­lebte Büch­lein flüchtig gegen Stirn und Mund und ver­bran­nte es. Die Asche schob er zusam­men und rührte sie in ein wenig Zement ein, mit dem er den Kam­in­bo­den bestrich. Eine sinnlose Geste: Er wusste, sie waren schon dagewe­sen und hat­ten jede Kleinigkeit reg­istri­ert. Der Krieg zwis­chen China und Viet­nam lag ger­ade ein­mal acht Jahre zurück – eine entset­zlich lange, eine entset­zlich kurze Zeit für einen, der wusste, dass es ab jetzt auf ihn ankam. Die Mao-​Bibel hat­ten sie ste­hen­ge­lassen, um zum gegebe­nen Zeit­punkt etwas gegen ihn in der Hand zu haben. Jetzt hat­ten sie etwas gegen ihn in der Hand.

Fac ten Chek kan­nte das Büch­lein auswendig. Es fiel ihm schwer, ein­mal Gel­erntes zu vergessen. Andere grün­de­ten darauf ihren Broter­werb. Die Men­schen, zwis­chen denen er sich jetzt bewegte, ver­gaßen stets und ver­gaßen nie.

5

Jahre­lang zählte Fac ten Chek zu den bedeu­tend­sten Per­sön­lichkeiten der Welt. Der Öffentlichkeit blieb seine Exis­tenz zur Gänze unbekannt. Unter seiner behut­samen Lenkung wuchs die Viet­nam­flucht zu einem blühen­den Indus­triezweig heran, dessen Aus­läufer sich bis nach Aus­tralien und Europa erstreck­ten. Die Gesprächspart­ner in New York und Lon­don, in Wien und Syd­ney schätzten seine eis­erne Kom­pe­tenz und bewun­derten an ihm, was sie für im Feuer interner Kämpfe gehärtete Diszi­plin hiel­ten: die durch nichts und nie­man­den abzu­lenk­ende, sich keine Schwäche und keinen Aus­rutscher leis­tende Sach­lichkeit seiner Auftritte.

›Zu Gänze‹ klingt wesentlich voll­mundi­ger, als die Sach­lage es erlaubt. Sieht man näher hin, so besteht die bre­ite Öffentlichkeit dort, wo sie besteht, also im soge­nan­nten Westen, der sich bis vor kurzem noch die ›west­liche Welt‹ nan­nte, aus Hun­derten, vielle­icht sogar Tausenden von Nis­chen unter­schiedlich­ster Größe, teil­weise prak­tisch durch­läs­sig, teil­weise nach­läs­sig gegeneinan­der abgeschot­tet, manche von tiefen Schleiern gegen das neugierige Tages­licht abgeschirmt gle­ich Mys­te­rien­zirkeln, in denen, vor allem zu Wahlzeiten, Schwarze Messen gefeiert wer­den und weit­gereiste Begat­tungskün­stler ihren über­aus schwieri­gen Part in Frucht­barkeit­sritualen meis­tern, die bis in die Frühzeit des Homo sapi­ens und weiter, viel weiter zurück­re­ichen – vielle­icht bis zu den Bienen, wer weiß. Vergebens hatte eine Hun­dertschaft von Pros­ti­tu­ierten im Auf­trag ver­schiedener Dien­stleis­ter, darunter die chi­ne­sis­che, sizil­ian­is­che, brasil­ian­is­che, libane­sis­che, schot­tis­che sowie die New Yorker Mafia, sich im Laufe der Jahre Zugang zu Fac ten Cheks Hotel­bet­ten zu ver­schaf­fen ver­sucht. Was ihnen mis­s­riet, das gelang, gle­ich­sam aus Verse­hen, einer Düs­sel­dor­fer Straßen­hure auf Anhieb.

Was ist ein Fakt? Fakt ist, dass ein Men­sch, sobald er eine gewisse Posi­tion erk­limmt, ins Fadenkreuz der Fak­ten­sucher gerät, einer Klasse von Mit­men­schen, denen kein Vor­wand zu bil­lig, kein Mit­tel zu schäbig, keine Hypothese zu gewagt und kein Aufwand zu absurd ist, um zu Ein­sichten zu gelan­gen, die sie entschlossen bei­seiteschieben, wenn sich her­ausstellt, dass sie nicht den Gemein­ten, son­dern seinen Näch­sten betr­e­f­fen, der doch auch der ihre ist und, in Anbe­tra­cht aller Gle­ich­heits­grund­sätze und der eigen­tüm­lichen Würde, die Zweibein­ern im Uni­ver­sum anhaftet, den gle­ichen Anspruch darauf erheben kön­nte, in seinem Brun­ftver­hal­ten bespitzelt, in seinem Erwerb­sleben verdächtigt und in Toi­let­ten­fra­gen gnaden­los expro­pri­iert zu wer­den. Fakt ist, dass sich zirka dreißig Geheim­di­en­ste im Hör­bere­ich drän­gel­ten, als Fac ten Chek, wie stets inkog­nito reisend, entschlossen zur Kon­tak­tauf­nahme schritt.

»Hu’sät?« räus­perte er sich. Um ein Gespräch in Gang zu brin­gen, wies er mit der linken Hand – die rechte hielt das Bier­glas umk­lam­mert – auf das über­lebens­große, an den Ecken ris­sig gewor­dene Heinrich-​Heine-​Plakat, das die Wand hin­ter dem Tre­sen verzierte. Gle­ich beim Ein­tritt hatte er den Ehren­marschall der Rev­o­lu­tion erkannt. Zum Zweck eth­nol­o­gis­cher Feld­forschung zog er es vor, den Unwis­senden zu mimen.

»Ach der«, lächelte die muntere Dame, »der hängt immer da. Lassen Sie sich nicht stören. Der hört nichts.«

Eine warme Welle durch­lief Fac ten Chek. Er nahm seinen Mut zusam­men und lächelte zurück. Flott leerte er das Glas, er bran­nte vor Unrast. Die unge­wohnte Muskelspan­nung übertrug sich direkt auf den Magen. Der nahende Zusam­men­bruch der Sow­je­tu­nion ließ ihn red­selig werden.

»Russki?« grun­zte er, den Blick stier aufs Bier­glas gerichtet.

»Nee, Ukraine. We hate Rus­sians.«

»Aber ihr seid Russen!«

Das Lächeln erlosch. Die Dame häm­merte ihren Zigaret­ten­rest in den Aschen­becher und Fac ten Chek begriff, dass nur ein Schein sowie die Erwartung weit­erer seine Ent­tar­nung hin­auszögern konnten.

Beherzt griff er in die Tasche.

6

Als die große Sow­je­tu­nion sich ins Schw­ert stürzte, um als Müt­terchen Rus­s­land im Kreise ihrer unwilli­gen Küken wieder aufzuer­ste­hen, trieb Fac ten Chek auf einem mit Flüchtlin­gen über­füll­ten Fis­cher­boot in den Weiten des Paz­i­fis­chen Ozeans. Das Geschäft mit den boat peo­ple neigte sich dem Ende zu. Im Büro hatte er die Zurück­nah­mepa­piere für ver­di­ente Genossen unter­schrieben, die in den west­wärts has­ten­den Län­dern Ost– und Mit­teleu­ropas aushar­rten, vom Lynch­pö­bel bedroht und von jed­er­lei Einkün­ften abgeschnit­ten. Die ukrainis­che Nacht waberte in seinen Hirn­win­dun­gen und zeit­igte Ein­fälle, die ihn, falls er sie laut wer­den ließ, mit erhe­blicher Sicher­heit vors Erschießungskom­mando brachten. Das allein wäre zu verkraften gewe­sen, doch der Gedanke, sein Nach­fol­ger kön­nte wenig später durch sie zu Min­is­ter­wür­den auf­steigen, ließ seinen Enthu­si­as­mus erkalten. Alles war, wie er sich vorzusagen nicht müde wurde, eine Frage des Tim­ing. Anglizis­men wie dieser ließen sich nicht länger ver­mei­den, wollte man in einer Welt des Umbruchs beste­hen. Worin bestand ihre einzi­gar­tige Wirkung? Sie passten in jede Hand – wie jede andere griff auch seine danach, sobald Ver­ständi­gung in kul­turelle Tiefen abzusinken dro­hte, die nicht jed­er­mann zugänglich und unter Geschäft­sleuten so gut wie tabu waren.

Sein Name, er reg­istri­erte es mit Befrem­den, hatte sich in den Fernse­hanstal­ten des West­ens ein­genis­tet und trieb mit den Zuschauern Schabernack.

7

Wer bist du, fragte er sich, die Augen beschat­tend und die Weiten des Welt­meers nach einem Anze­ichen men­schlicher Gegen­wart absuchend gle­ich hun­derten Augen­paaren vor, neben und hin­ter ihm – wer bist du, dass du für diese Men­schen Schick­sal spielst, etwas, das in keinem Fün­f­jahre­s­plan vorge­se­hen ist und in keiner Mod­ernisierungs­bi­lanz jemals auf­tauchen wird? Er hatte genü­gend Men­schen krepieren gese­hen, um dem Unter­gang dieser Auswan­derer, die sich an die Fik­tion des Ver­fol­gt­seins wie an einen Stro­hhalm klam­merten, während sie bere­itwillig exakt die Rolle über­nah­men, die das Polit­büro ihnen zugedacht hatte, gelassen beizu­wohnen, selbst wenn er dabei in Gefahr geriet.

Das Wort ›Schick­sal‹ hatte es ihm ange­tan. Er hatte es in alten Schriften gefun­den und unter Mühen seine Ver­wen­dungsweise aus­buch­sta­biert. Diese Men­schen woll­ten leben, dafür nah­men sie Risiken in Kauf, die in keinem Ver­hält­nis zu dem standen, was sie erwartete. Er lebte doch auch – was also fehlte ihnen? Anders gefragt, auch wenn es auf das­selbe hin­aus­lief: Was hat­ten sie ihm voraus? Hatte es einen Zweck, sie zu benei­den? Wenn ja: weshalb? Sollte er sie bedauern? Wozu? Hatte er sie in die Falle gelockt? Warum hätte er so etwas tun sollen? Hat­ten nicht, genau bese­hen, sie ihm eine Falle gestellt – ihm, von dessen Exis­tenz, geschweige denn seiner Gegen­wart mit­ten unter ihnen, sie nicht das Ger­ing­ste ahnten?

Was wäre aus ihm gewor­den, hätte das Polit­büro nicht einen Aus­gestoße­nen benötigt, der es über­nahm, diese Schweinereien zu organ­isieren? Ander­er­seits: Hatte das Polit­büro ent­fernt eine Vorstel­lung davon besessen, wie über­aus erfol­gre­ich er die ihm zugewiesene Auf­gabe bewälti­gen würde? Das anzunehmen war nicht wahrschein­lich, es zu bestre­iten hinge­gen kon­nte zu Scher­ereien führen, gegen die gehal­ten diese Boots­fahrt ver­mut­lich einem Kinder­spiel glich.

Zum zweiten Mal seit seiner Ernen­nung überkam Fac ten Chek der Wun­sch nach Med­i­ta­tion. Das Flap­pen eines Rotors brachte die Luft zum Vib­ri­eren. Aus fünfhun­dert Kehlen löste sich ein Schrei. Gle­ichgültig, wer da schrie: nie­mand würde sich seiner erin­nern. Die New Yorker Geschäftspart­ner, stets mis­strauisch gegenüber der Macht­logik post-​sozialistischer Regime, hat­ten den uner­set­zlichen Fre­und in der schwim­menden Nusss­chale geortet und angesichts eines aufziehen­den Sturms entsch­ieden, mit seiner Bergung nicht länger zu warten.

8

In Hanoi gelandet, ließ sich Fac ten Chek beim Min­is­ter melden. Den Ter­min erhielt er, wie nicht anders erwartet, umge­hend. Aus langer Erfahrung wusste er, dass die Pro­tokolle seiner New Yorker Gespräche bere­its fer­tig getippt und gele­sen auf dem Schreibtisch des hohen Genossen lagen. Das Ange­bot der Part­ner hatte Fac ten Chek nicht wirk­lich über­rascht. Auf jeden Fall war es ihm gelun­gen, die Über­raschung vor allen Parteien, sich selbst eingeschlossen, lück­en­los zu ver­ber­gen – fol­glich gab es sie nicht. Er war beein­druckt: Ganz gut fasste dieser altväter­liche Aus­druck seine augen­blick­liche See­len­lage zusammen.

Als eine Runde Reiss­chnaps in den Kon­feren­zraum getra­gen wurde, wusste er: etwas Großes stand an. Es lag nicht am Getränk, son­dern an der Art, wie man es servierte und wie sich ihre Augen verengten, als er das Glas hob. Er hatte mit Russen gesof­fen und kein Gegenüber kon­nte sich der gegrün­de­ten Erwartung hingeben, dadurch seine Aufmerk­samkeit zu schwächen oder sein Pflicht­ge­fühl auszuhe­beln. Den­noch stand, in ebenso unüberse­hbaren wie unsicht­baren Ver­salien, quer durch den Raum das Wort ILLUSION.

Wessen Illu­sion? Zu dieser Runde besaß nur Zutritt, wer zum Club der Illu­sion­slosen gehörte: Das galt als aus­gemacht und gehörte sich so. Fac ten Chek wäre nach allem, was er erlebt hatte, sehr erstaunt und ein wenig unge­hal­ten gewe­sen, hätte einer der Anwe­senden aus Überzeu­gung oder Verse­hen das Lob der Frei­heit anges­timmt oder die amerikanis­che Ver­fas­sung­spräam­bel zitiert – Bibel­worte gin­gen schon eher, da gab es manchen gepf­ef­fer­ten Spruch, auf den man anstoßen kon­nte, auch ließ sich gele­gentlich ein Mao-​Wort ein­mis­chen, ohne dass es den Gesprächspart­nern auffiel.

Wessen Illu­sion? Auf ihren Karten, vor seinen zusam­mengeknif­f­e­nen Augen von diskreten Mitar­beit­ern auf über­große Bild­schirme pro­jiziert, schrumpfte Saigon, sein Saigon, zu einem Neben-​Business, einem winzi­gen Aktiv­ität­sknäuel im Grenzbere­ich sta­tis­tis­cher Irrel­e­vanz, fast ver­gle­ich­bar dem heimis­chen Son­nen­sys­tem am Rande der ausufer­n­den Galaxis. Dort kan­nte er sich aus, dort war er zu Hause. Von dort zogen sich Lin­ien zu den klas­sis­chen Schleusen­punk­ten der reichen Welt, an denen die Verteilung auf die gewohn­ten Ziel­ge­bi­ete erfol­gte. Er brauchte nur die Augen zu schließen, um Namen, Zahlen, Umschlag­plätze, tech­nis­che Schwierigkeiten mit­samt ihren Lösun­gen, Bestechungs­ket­ten, überzeugte Mitwisser und –täter in Poli­tik und Medien, Ermit­tler, Geg­ner, Feinde und Gön­ner des Unternehmens Revue passieren zu lassen, dessen Fäden in seiner Hand zusammenliefen.

»Ich lerne«, grun­zte er und strich sich über die Hand­fläche. Das Ganze kam ihm vor, als hät­ten sich die fiebern­den Hirne tausender spielesüchtiger Freaks zusam­mengeschlossen, um, vor­erst virtuell, den Plan­eten zu einem gigan­tis­chen Wel­traum­bahn­hof umzurüsten: Wer gab sich mit so etwas ab?

»Ein alter Bekannter.«

Sein Fin­ger legte sich auf einen der hot spots, an denen imag­inäre Besuch­er­ströme, beste­hend aus Mil­lio­nen von Indi­viduen, aufeinan­der­trafen, um ent­lang markierter Routen auszuschwär­men und eine Reihe von Ziel­re­gio­nen anzus­teuern, deren Mehrzahl in den Augen des erfahre­nen Organ­isators gegen­wär­tig nahezu unein­nehm­baren Fes­tun­gen glich.

Eine Weile sagte er nichts. Sein zusam­mengeknif­f­enes Auge durch­flog, gle­ich­sam im Zeitraf­fer, einen akribisch geplanten Menschheits-​Aufbruch, dem offen­bar, das war das Verzweifelte daran, sein galak­tis­ches Ziel abhan­den gekom­men war. Die ent­täuschten und ver­störten Massen wür­den jeden Einzel­nen, jede Grup­pierung über­ren­nen, die es wagen soll­ten, sich ihnen in den Weg zu stellen. Stärk­eren Wider­stän­den wür­den sie auswe­ichen. Sie wür­den sich teilen, sie ein­schließen, ihrer Wirkung entk­lei­den und die Trüm­mer gle­ichgültig hin­ter sich lassen. War es grausame Kriegstak­tik, ver­bran­nte Erde zu hin­ter­lassen, so bestand die luzide Tak­tik dieses Pro­jekts darin, Infra­struk­turen zu ver­bren­nen – weltweit.

Ein Pro­jekt, keine Illu­sion: durchge­plant für eine Reihe von Jahren, mit präzisen Ziel– und Zei­tangaben verse­hen, aus­ges­tat­tet mit Koop­er­a­tionsvor­gaben, Bud­gets, Ren­diteplä­nen, mit Lis­ten von Geldge­bern und –empfängern, von Finanziers und Söld­nern, dahin­ter Namenkolon­nen ohne Ende. Eine Reihe von Chiffren, soviel stand fest, erschloss sich ihm erst, wenn seine Unter­schrift unter einer Hand­voll bere­itliegen­der Doku­mente trocknete.

»Wie heißt das Projekt?«

Ein Plakat­stän­der wurde hereingerollt. In gestoch­enen, die Aura von Hochglanz-​Prospekten ver­strö­menden Let­tern las Fac ten Chek: ›ILLUSION‹.

Sie lieben den Kitsch, dachte er fast trau­rig, was kann man da machen?

Am besten, man hält sich an ihre Regeln.

9

»Wie soll das funk­tion­ieren? Wo bleibt die Politik?«

»Okay, Sie sprechen die Frage der Fein­s­teuerung an. Öff­nen, schließen, kontin­gen­tieren, Begehren wecken, Wege freis­chal­ten, umlenken, bürokratis­che Ver­fahren implantieren, je nach Bedarf und Stim­mungslage der Bevölkerung ver­langsamen, beschle­u­ni­gen, für eine gewisse Zeit aus­set­zen – die Poli­tik wäre, unserer beschei­de­nen Auf­fas­sung nach, gut beraten, sich diese Tech­niken in einem sehr begren­zten, sehr über­sichtlichen Zeitraum zu eigen zu machen, will sie nicht völ­lig die Kon­trolle über die Gren­zen und damit ihre wesentliche Macht­ba­sis verlieren.«

»Warum sollte sie?«

»Sie wollen wis­sen, was uns die Macht gibt? Kom­men Sie, die Macht existiert, sie ist bere­its unter­wegs, wir ver­suchen lediglich, ihr ein Bett zu verschaffen.«

Die Praxis der Geschäftspart­ner, ohne Vor­war­nung in die Ter­mi­nolo­gie von block­busters hinüberzuwech­seln, hatte Fac ten Chek in den Anfän­gen seiner Tätigkeit ver­wirrt. Dann war er dahin­tergestiegen, dass der switch nur in seinem Gehirn passierte, während sie ein­fach daherre­de­ten, wie die Sprache es ihnen eingab. Bar­fuß lief er über die Straßen der Kle­in­stadt, in der sein Vater vor kurzem den Reis­löf­fel abgegeben hatte. Mit ihm zogen die Jahre des großen Krieges, die Napalmwalze, das Mil­lio­nenge­birge aus Toten und Krüp­peln, die erbit­tert dem Feind aus dem Osten Wider­stand geleis­tet hat­ten, um ihr Land vor seinem Zugriff zu ret­ten. An den Rän­dern der uner­bit­tlich fließen­den Erin­nerung lösten sich die boat peo­ple, die das endlich befre­ite Land nicht länger als das ihre betra­chteten und draußen, wenn sie denn anka­men, sich in die Heimat zurück­sehn­ten, er wehrte sich heftig gegen das Ertrinken und merkte, wie ein Schleier über seine Augen fiel.

»Kein Men­sch ver­lässt seine Heimat ohne Not.«

»Das lassen Sie unsere Sorge sein. Nein, das wäre nicht richtig aus­ge­drückt, wir haben damit nichts zu tun. Glauben Sie uns: Die Not wird kom­men, sie rollt schon. Die Auf­gabe – nicht unsere Auf­gabe, aber die Auf­gabe derer, die wir beraten – wird ein­fach sein, sie zu steuern. Unsere Analy­sen … Sie wis­sen, wir haben ein paar cle­vere Entwick­ler im Keller. Sie haben eine neue Meth­ode aus­getüftelt, ganz recht, nicht hier in New York, das wäre zu … nah … Frankre­ich ist besser, Fontainebleau, sagt Ihnen das was? Sie sind ein Bonvi­vant. Vive la France! Tchin tchin! Die Prog­nosen sind wirk­lich zuver­läs­sig … großar­tige Meth­ode … decken sich mit dem, was die meis­ten Poli­tiker ohne­hin erwarten … eine Ära der verdeck­ten Kriege, Hor­ror aus der Steck­dose, gezielte Luftschläge, die das zivile Leben ganzer Regio­nen erliegen lassen, Angriffe auf Schulen, Kranken­häuser, Reha-​Zentren, Pflege­heime, Fernsehsta­tio­nen, hier und da ein Elek­triz­itätswerk, Behör­den … über­haupt Behör­den, Ter­ror natür­lich, all­ge­gen­wär­tig, fes­ter Bestandteil des All­t­ags von, sagen wir, jed­er­mann, nichts wirk­lich Neues also, nur, sagen wir, Schritt für Schritt sich ver­schär­fend … ausufer­nde Mikro­ge­walt, falls Ihnen der Aus­druck lieber ist … wird die Bindung der Men­schen an die ihnen so teuren Land­schaften lock­ern, Nach­barschaften aus­löschen oder vergiften, Qual­i­fika­tio­nen pul­verisieren, die Schul­sys­teme zer­stören, den glühend­sten Patri­o­tismus in eine Kloake ver­wan­deln. Die Men­schen wer­den ler­nen, die Schlep­per zu lieben.«

»Warum macht ihr das?«

»Diese Frage soll­ten Sie nicht stellen.«

»Welche Frage sollte ich denn stellen?«

»Diese Frage soll­ten Sie stellen.«

»Was erwarten Sie?«

»Dass Ihr Staat Sie frei­gibt. Die Zeit der Gehe­im­be­hör­den ist vor­bei. Grün­den Sie eine Nichtregierung­sor­gan­i­sa­tion und wir sind im Geschäft.«

10

Der Min­is­ter lag irgend­wie tot hin­ter dem Schreibtisch. Er hatte den großen Krieg an allen bürokratis­chen Fron­ten geführt und über­standen. Er war der Joker. Falls auf der polierten Tischober­fläche eine Akte gele­gen hatte, so war sie verschwunden.

Der Anruf kam, wie erwartet, als Dreingabe. Nur die Film­musik fehlte. Ein Hauch von dead soap lag über der Szene. Fac ten Chek, der jede Stimme, ein­mal ver­nom­men, müh­e­los iden­ti­fizieren kon­nte, musste sich dies­mal geschla­gen geben. Auch das hatte er erwartet.

»Ja?« wis­perte er.

»Wir sind im Geschäft.«

11

Während der let­zten Jahren des Dezen­ni­ums hiel­ten sich in Fac ten Cheks Hin­terkopf Zweifel am neuen Geschäftsmod­ell, obwohl es Erträge wie nie in die Kassen spülte – es gab die Kriege, es gab den Ter­ror, es gab Massen­flucht und –vertrei­bung, es gab Kon­flikte mit den aufnehmenden Bevölkerun­gen, doch all das hielt sich in gewis­sen regionalen Gren­zen, es fehlte der Impuls, der die prog­nos­tizierten weltweiten Ströme in Gang set­zte. Dann, nach dem Anschlag auf das Word Trade Cen­ter, schlug der Wind um. Schla­gar­tig lichteten sich die Nebel. Ein paar Wochen gin­gen ins Land und unter den Mit­spiel­ern rund um den Globus herrschte Auf­bruch­stim­mung. Zum harten Kern der Geschäft­sleute schlossen ein paar blitzgescheite Intellek­tuelle auf, denen man, wie das hieß, kein X für ein U vor­ma­chen kon­nte. Nur die Gewin­n­mar­gen – sicher ist sicher – hielt man vor ihnen geheim. Das war goldrichtig, solange sie willig für die gute Sache kämpften – später, als es darum ging, sie im Zaum zu hal­ten, erwies es sich als zwingend.

Fac ten Chek, breit gewor­den im Lauf der Jahre, hat sich ein Schild We the Peo­ple Refugees umge­bun­den und sam­melt Unter­schriften auf der Fifth Avenue – inkog­nito, wie sich ver­steht, noch immer kann er von seiner alten Gewohn­heit nicht lassen. Das Schild findet er läp­pisch. Etwas daran stört seine Intel­li­genz und die immer noch vorhan­de­nen Reste seines vater­ländis­chen Elans. Aber die Organ­i­sa­tion hat gute Werte damit erzielt und den Gebrauch zwin­gend vorgeschrieben. We sell solu­tions. Fac ten Chek kön­nte sich im Büro rekeln und den Tag vertele­fonieren, aber das hier fühlt sich gut an und erin­nert ihn an die Anfänge. Er mag die Fifth Avenue, die ele­gan­ten Geschäfte, manch­mal weht ein Duft her­aus, der ihm Reis­felder vor unterge­hen­der Sonne vors Auge zaubert oder die Nase mit dem Explo­sion­s­geruch einer Granate erfüllt, der Über­gang ist fließend wie die Bewe­gun­gen der eili­gen Kundin­nen mit den Riesen-​Sonnenbrillen und wie die Erin­nerung selbst. Knapp ein Jahr ist ver­gan­gen, seit die Frau an seiner Seite einer schle­ichen­den, die Ärzte rat­los lassenden Krankheit erlag. Ein Gefühl, dif­fus und nagend, lässt ihn auf einen der ihm unabläs­sig nach­stel­len­den Geheim­di­en­ste tip­pen, es ist zweck­los, sich etwas vorzu­machen oder Nach­forschun­gen in die Wege zu leiten.

Die Organ­i­sa­tion duldet keine Eskapaden.

12

Aus der Zweiund­vierzig­sten drängt eine Demon­stra­tion ins Blick­feld, Fac ten Chek muss das Auge beschat­ten, um die Plakate zu erken­nen. Nein, er kennt sie nicht. Sollte er sie ken­nen? Papp­schilder, handge­malt, schwer zu entz­if­fern. Wenig effizient. Mit Liebe gemalt … oder mit Hass, mit irgen­det­was, das wie Herzblut aussieht und schnell ein­trock­net. Auch Nichtwissen ist eine Form des Wis­sens, und nicht die leis­este … eine Weise, sich die Erde unter­tan zu machen. ›Das sagt mit jetzt nichts‹ – wer hat das gesagt? Wer alles zusam­men­zählte, was Men­schen ›nichts sagt‹, der hielte den Schlüs­sel zur Welt in seinen Hän­den … er müsste nur noch ans Schloss … Fac ten Chek … Was ist das für ein Geschrei? Ach-​du-​Schreck? Be-​sen-​weg? Ent­fernt Ver­trautes, dicht unter der Ober­fläche des Bewusst­seins zusam­menge­zo­gen, mis­cht sich hinein, mis­cht mit, so kommt es ihm vor, es kommt ihm vor, das kommt vor, das soll vorkom­men, eine Art Ver­schiebung ist da im Gang.

Aus dem Gebrüll drin­gen Silben:

Fact-’n-check, F’ac-ten-check, Fac-​Ten-​Chek, Fak-​ten…

Jede Vari­ante ergibt einen Sinn. Gut oder nicht: Sinn bleibt Sinn. Welcher Sinn gilt? Welcher gilt hier und jetzt? Welcher hat die älteren Rechte? Wer macht sie geltend?

Ho-​Chi-​Minh –

Blinzelnd sieht er sich um. Nie­mand beachtet ihn, kaum jemand unterzieht sich der Mühe, dem Demon­stra­tionszug mit der Aufmerk­samkeit zu begeg­nen, die sich seine Organ­isatoren ver­mut­lich ver­sprochen haben, nur in Fac ten Cheks Ohren zis­cht es: Ent­tarnt!

Wurde er ent­tarnt? Wenn ja, von wem? Mit welchen Mit­teln? Wer denun­ziert ihn? Warum jetzt? Wis­sen die Demon­stran­ten, auf wen sie los­ge­lassen wur­den? Wenn es ein Geheim­nis der Straße gibt, dann dieses: dass sie miss­braucht wird. Kalte Ver­ach­tung steigt in ihm auf, die lange gele­gen hatte, jubel­nde, Parolen brül­lende, in Vierer– und Sech­ser­ket­ten marschierende Jugend, unwis­send und hochmütig, selig in sich selbst und bereit, den Näch­st­besten zusam­men­zutreten, sobald jemand auf ihn zeigt.

Wer zeigt auf ihn? Wer hat ihn zur Zielscheibe erko­ren? Wer erlaubt sich dieses bar­barische Späßchen? Wo bleibt die Organ­i­sa­tion? Wer bewahrt ihn vor denen da? Wer beschützt ihn im Angesicht des Prangers, der Pfiffe, der Schläge, der Stein­würfe, der Selb­st­bezich­ti­gun­gen, der Fes­seln, des Abtransports?

Wie es scheint: nie­mand. Es ist also soweit. Alles, was er jemals im Lager gel­ernt hat, drängt in seinen Kör­per und treibt ihn vor­wärts. Schlaff, unauf­fäl­lig, die Augen auf den Asphalt geheftet, Fuß vor Fuß. Nach rechts hin öffnet sich die Straße, ein paar Schritte, fast ohne Atem, und er hat es geschafft.

13

»Fac ten Chek!«

Die scharfe Stimme, wo hat er sie schon gehört?

Ein Desaster.

»Es war nicht leicht, Sie aufzus­püren, aber auf der Ziel­ger­aden ging alles ganz ein­fach. Ihre Frau hat uns übri­gens auf Ihre Spur gebracht. Eine wun­der­bare Per­son, finden Sie nicht? Sie hat sich anschließend vergiftet, ich nehme doch an, Sie wis­sen es schon.

Faktencheck? Geht’s noch? Jeder, der in unserer Branche arbeitet, weiß, dass man nicht schnell ein paar Jungs oder Mädels hin­ter die Bühne schickt, um festzustellen, was Fakt ist. Welch blühen­der Unsinn! Wie kommt es, dass so etwas die Fernse­hanstal­ten im Sturm erobert? Kein Inter­view ohne Fak­tencheck! Kein Gespräch­szirkel ohne Fak­tencheck! Das sollte uns nicht mis­strauisch machen?«

»Es hat Sie mis­strauisch gemacht.«

»Das kann man sagen.«

»Aber warum ich?«

»Also hören Sie! Sie sind es doch. Nach wem hät­ten wir Ihrer Ansicht nach suchen sollen?«

»Nach wem haben Sie denn gesucht?«

»Gute Frage, näch­ste Frage. Sie glauben doch nicht im Ernst, wir hät­ten her­aus­brin­gen wollen, wer hin­ter diesem läp­pis­chen Sende­for­mat steckt. Uns reizte die Übere­in­stim­mung – die cor­réspon­dance – der vage Gedanke, irgendwo kön­nte etwas vorge­hen, das dem offenkundi­gen Non­sens Sinn ver­lieh. Irgendwo etwas… Sie begreifen den Reiz? Unsere Jungs zer­legten das Stich­wort, das Klin­gelze­ichen, wenn Sie so wollen, in seine Einzel­heiten und unter­war­fen es allen möglichen Com­put­er­rou­ti­nen. Lachen Sie nicht, ich weiß, das klingt schreck­lich ober­fläch­lich, aber so arbeiten die Dien­ste heute. Jeden­falls zum Teil.«

»Was kam dabei heraus?«

»Nichts. Nichts, was Sie inter­essieren kön­nte. Non­sens, wenn Sie ges­tat­ten, dass ich mich wiederhole.«

»Aber Sie haben mich gefunden.«

»Das ist eine andere Geschichte. Kom­men Sie, ich lade Sie ein. Die Straße ist nichts für einen wie Sie und mich.«

14

Er hätte es doch wis­sen müssen.

Hände auf dem Rücken, gefes­selt, Kleb­streifen über dem Mund wie im bil­lig­sten Kinofilm, in ein Loch ver­frachtet, gegen das gehal­ten die väter­liche Hütte einer gehobe­nen Hotel­suite glich, analysierte Fac ten Chek seine Lage. Keiner der ihm bekan­nten Dien­ste wäre so vorge­gan­gen. Der Gedanke, in die Hände von Stüm­pern gefallen zu sein, beschäftigte ihn stärker als das ungewisse Schick­sal, das ihm bevor­stand. Was war passiert? Wo blieb die Organ­i­sa­tion? Warum hatte sie ihn nicht abgeschirmt?Was tat sie jetzt? Arbeit­ete sie an seinem Fall? Wusste sie, wo er sich befand? Wo befand er sich eigentlich? Betra­chte die Lage von außen: Regel Num­mer eins. Num­mer zwei und drei, die er sich für den Ern­st­fall zurecht­gelegt hatte, mussten erst ein­mal warten.

»Sie liegen falsch. Ganz falsch.« Uner­wartet riss ihm der – beinahe – Unsicht­bare, der sich in seinem Rücken zu schaf­fen machte, das Pflaster vom Mund. Eine schwache Spiegelung im Mobil­iar klärte Fac ten Chek auf: Er hatte es mit einem ziem­lich harten Burschen zu tun.

»Hät­ten Sie die Güte, mir auseinan­derzuset­zen, was ich falsch sehe, damit ich meine Sicht auf das Geschehene berichti­gen kann?« fragte Fac ten Chek höflich.

»Das Geschehene ist geschehen.«

»Zweifel­los. Das Wirk­liche ist wirk­lich und das Mögliche ist möglich. Hören Sie, ich habe nicht unbe­grenzt Zeit und Sie ver­schwen­den die Ihre mit Kinkerlitzchen.«

»Sie haben mich nicht ver­standen. Das Geschehene ist geschehen. Nie­mand kann es aus­radieren und durch etwas anderes erset­zen. Ver­ste­hen Sie jetzt?«

»Wer sollte so etwas unternehmen?«

»Das fra­gen wir uns auch.«

»Sie stellen Fragen?«

»Unter anderem, unter anderem. Eigentlich möchten wir, dass Sie sich Fra­gen stellen. Sie und Ihre Organisation.«

»Was wis­sen Sie über meine Organisation?«

»Nichts, was Sie inter­essierte. Nichts, was uns inter­essierte. Uns inter­essieren Sie.«

Fac ten Chek schüt­telte müh­sam den Kopf.

»Wenn Sie das Gewe­sene inter­essiert – studieren Sie Geschichte. Wenn Sie wis­sen wollen, was ger­ade geschieht – lesen Sie die Nachrichten. Wenn Sie wis­sen wollen, was ich denke – ich weiß nicht, ob Sie das etwas angeht, aber bitte –, dann fra­gen Sie. Fra­gen Sie ruhig. Ich befinde mich in Ihrer Gewalt. Nur für den Fall…«

»Warum?«

»Weil Sie sonst nichts von mir erfahren.«

»Wer sagt Ihnen, dass wir etwas von Ihnen erfahren wollen?«

In Fac ten Cheks Kopf glomm ein Lichtlein auf und erlosch.

»Sie wollen etwas über mich erfahren?«

»Ach, kom­men Sie. Wir wollen wis­sen, wer Sie sind.« Offen­bar hatte der beinahe Unsicht­bare eine bequeme Sitz­po­si­tion ein­genom­men und wippte ein wenig vor und zurück. Fac ten Chek grunzte.

»Wenn Sie zu einer religiösen Sekte gehören: Nur zu! Sie dür­fen auch foltern.«

»Soso. Jaja. Sie sind ein Gehärteter. Das ist bekannt.«

»Was dann?«

»Was meinen Sie?«

»Lassen Sie mich gehen.«

»Angenom­men, wir lassen Sie gehen…?«

»Sie kön­nen mich anrufen.«

»Dem steht nichts im Weg?«

»Nichts.«

»Also gut. Brin­gen wir’s hin­ter uns. Sie liefern Men­schen allen Gefahren aus, die sich auf diesem Erd­ball auftreiben lassen, das alles, um, wie Sie sich aus­drücken, ihnen dabei behil­flich zu sein, ihr Glück zu finden. Hät­ten Sie die Güte, uns eine einzige Frage zu beant­worten? Die Frage … ja natür­lich. Wären Sie bereit, eine einzige dieser Gefahren mit einem Ihrer Kun­den teilen zu wollen? Genau das haben wir uns gefragt, als Ihre Frau uns auf Ihre Spur brachte. Übri­gens war sie nicht illoyal, sie war nur … sagen wir … verwirrt.«

»Um mich das zu fra­gen, schlep­pen Sie mich hierher?«

»Wir fra­gen Sie nicht. Sie fra­gen und wir erfahren, was immer wir wollen.«

15

Die Real­ität, ein löchriges Sieb, dient dem Zweck, etwas zurückzuhalten.

Wer sich lange in Zurück­hal­tung übt, ver­gisst irgend­wann, dass auch seine Moti­va­tion ursprünglich von außen kam. Er pflegt die Utopie der Enthem­mung, er lehnt sie ab, er ver­ab­scheut sie, fürchtet sie – aber er träumt sie, Tag und Nacht, Nacht für Nacht, Tag um Tag, sie ist seine Mon­stranz, er ihr Priester, er schreibt ihr Wirkun­gen zu, die den erd­na­hen Raum der über­liefer­ten Wun­der wie Spon­tan­heilun­gen, Jungfernzeu­gun­gen, Auf-​dem-​Wasser-​Gehen, Brot-​und-​Wein-​Vermehrung ver­lassen und sich zu einer Erfahrung jen­seits aller Erfahrung verdichten, der einzi­gen, für die es sich im Grunde lohnt, zu leben und zu ster­ben, jeden­falls für Wesen, die irgen­deinen Lohn in ihrem Dasein finden und sich nicht mit dem bloßen Veg­etieren beg­nü­gen wollen. Ließe so ein Wesen die antrainierte Zurück­hal­tung fahren, es fände sich rascher, als ihm lieb wäre, und unver­muteter, als es sich vorstellen kön­nte, in jenem Sieb wieder – aufge­fan­gen, wenn man so will, von einer Art Sicherungsnetz, aber auch gefan­gen, abge­hal­ten von der Ver­fol­gung seiner Ziele und Wün­sche, ohne genau zu begreifen, wo der Wider­stand liegt und wie ihm zu begeg­nen sei. Anstelle von Zie­len erkennt er plöt­zlich Bilder … Bilder von Men­schen und Zustän­den, die ihm einst naheg­in­gen oder durch die er sich eingeengt fühlt, Bilder in allen Schat­tierun­gen der Undeut­lichkeit, die ihm ohne Unter­lass zuflüstern: Küm­mere dich um uns, denn wir sind wirk­lich, wir waren wirk­lich und wer­den es sein, solange du nicht ins Gras beißt – womit du uns, wie du vielle­icht weißt, hin­tergehst, denn wir sind so wirk­lich wie du. Was wird mit uns geschehen, wenn du zu existieren aufge­hört haben wirst? Wir gehören dir nicht, wir fol­gen dir nicht ins Nir­wana oder wohin du dich zu begeben wün­schst, wir sind hier, wir gehören hier­her, denn wir sind: die Real­ität. Hast du darüber nachgedacht, wie es sich anfühlt, wenn eine Real­ität brennt?

Fac ten Chek lag auf dem Bett und entspan­nte. Er hatte den Kör­per zur Seite gedreht, die Beine leicht angewinkelt, die Arme nach vorn gestreckt, atmete flach und sank von einem Span­nungstableau aufs näch­ste. Die Tiefe­nat­mung sprang an und set­zte eine Flut uner­warteter Bild­se­quen­zen in Gang, bekan­nter und unbekan­nter, grotesker und san­fter, dun­kler und heller, scharf geze­ich­neter und sanft ver­fließen­der … es war nicht nötig, sie zu mustern, so wie sie waren, bilde­ten sie einen Teil seiner Aufmerk­samkeit auf die Welt, ein Innenaußen, bereit, im Fall der Fälle ihn zu ver­raten, an allen und jeden, der sich ihrer zu bedi­enen wusste … Täter und Opfer, Mit­täter und Mitopfer, Neben­täter, Haupt­täter, Täter hier, Opfer dort, Opfer hier, Täter dort, Opfer– und Täter­grup­pen, Ertrunk­ene, dem Ertrinken Nahe, reg­los Treibende, Zuck­ende, Schreiende, Män­ner mit Stur­mgewehren, Män­ner mit Ret­tungswesten, Bergen von Ret­tungswesten, gestapelt in dun­klen Schup­pen, aus fliegen­den Helikoptern gewor­fen, leck­ge­bohrte Schlauch­boote, die sich in Zeitlupe zusam­men­fal­teten und die aus­tralis­chen, europäis­chen, nor­damerikanis­chen Träume afghanis­cher, angolanis­cher, soma­lis­cher, eritreis­cher, sudane­sis­cher, nige­ri­an­inis­cher, kon­gole­sis­cher, kolumbian­is­cher, iranis­cher, syrischer, indone­sis­cher, irakischer, pak­istanis­cher, libane­sis­cher, poly­ne­sis­cher Bauern­söhne und –töchter, Handw­erker, Händler, Spieler, Dro­gen­süchtiger, Dealer, Betrüger, Hochsta­pler, Arbeiter inex­is­ten­ter Fab­riken, Bet­tler, Kleinganoven, Kli­maflüchtlinge, Glück­srit­ter, Glauben­skrieger, Viehtreiber, führerschein­loser Tax­i­fahrer, religiös füh­len­der und sorgsam ver­hüll­ter Gat­tin­nen, Müt­ter, Ärztin­nen, Schwan­gerer, Kranken­schwest­ern, Näherin­nen, Haupt– und Neben­frauen, Bräute, Klofrauen, Nut­ten, Sekretärin­nen, Stu­dentin­nen, Über­set­zerin­nen in die Tiefe zogen, hin­ter ihnen Granatenein­schlag und Dür­re­tod, beschauliche Kle­in­stadtruhe und der Schmutz end­loser Slums, Polizeiein­sätze und Hun­destaffeln, Todess­chwadro­nen, Dro­gen­barone, Befriedung­spro­gramme, Woh­nungs­baupro­gramme, Ein­beru­fun­gen, Über­fälle, Verge­wal­ti­gun­gen, Kindere­hen, Kinder­pros­ti­tu­tion, die ganze Skala men­schlicher Tätigkeiten, Bedürfnisse, Verir­run­gen, Abgründe und Banalitäten.

16

Fac ten Chek war bekannt, dass im Westen eine Lehre kur­sierte, der zufolge jeder Lebende am Elend seiner Mitleben­den, aber auch der Toten Schuld trug, eine Schuld, die sich nicht auf Ver­wandte und Genossen begren­zen ließ, nicht auf die Stadt und nicht auf das Land, in dem man geboren war oder in dem man lebte, nicht auf den Kon­ti­nent, der einen trug oder auf die Vorgänger­gen­er­a­tion, von deren Leis­tun­gen man zehrte und deren Schand­taten man auszulöf­feln hatte, nicht auf die Gen­er­a­tion davor und nicht auf die Jahrhun­derte davor, soweit sie der eige­nen Geschichte zugerech­net wur­den, nicht auf die Zivil­i­sa­tion, der man ange­hörte, und nicht auf die Men­schheit, als deren Teil man sich ver­stand, eine schlech­ter­d­ings unbe­gren­zte, bis an die Gren­zen des Uni­ver­sums vorstür­mende, vor keiner Lebens­form Halt find­ende Schuld –: ihm war bewusst, dass es sich dabei keineswegs um eine Geheim­lehre han­delte, eine Ver­schwörungs­the­o­rie oder der­gle­ichen, son­dern um das unver­rück­bare Fun­da­ment ihrer Lebens­form, das ›eigen­ste Eigene‹, die Schwäche, die zur Stärke gewor­den war und sich die Erde unter­tan gemacht hatte, die jetzt unter der eige­nen Stärke litt und die längst dahingeschmolzene oder langsam schwindende Herrschaft über den Rest der Welt – beide Deu­tun­gen existierten berührungs­frei neben– und durcheinan­der – in die Ausze­ich­nung dieser Schuld investierte, in einen Kul­tus, bei dem, wie zur Zeit der Hex­en­prozesse, der ger­ing­sten Hand­lung eines Einzel­nen, dem Kos­metikkauf eines Schul­mäd­chens, dem Auto­bahn­spurt eines Sport­wa­gen­nar­ren, dem Tage­buchein­trag eines Blog­gers magis­che Fer­n­wirkun­gen zugeschrieben wur­den mit der Macht, den Gang der Men­schheit zu verän­dern und über das Schick­sal der Erde zu entscheiden.

In den weni­gen Jahrzehn­ten, in denen es das Fernse­hen gab, war diese Schuld des West­ens, deren intime Ken­nt­nis sich bis dahin grosso modo auf die Alte und Neue Welt beschränkt hatte, zum glob­alen Hit gewor­den, er hatte die ›restliche Welt‹ rest­los überzeugt und erregte zuse­hends ihre Bewohner, ohne dass es dazu noch der kom­mu­nis­tis­chen Agi­ta­tion bedurfte, in der auch seine Wenigkeit aus­ge­bildet wor­den war. Durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine über­große Schuld, murmelten die Kirchgänger der christlichen Gemein­den, sie murmelten es seit Jahrhun­derten, er hatte sich selbst davon überzeugt und es hatte ihn fas­sungs­los gemacht, bis ihm auffiel, dass der Satz, der lange Zeit unver­rück­bar über seiner eige­nen Stirn geleuchtet hatte: Die Philosophen haben die Welt nur ver­schieden inter­pretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verän­dern, dieser Ur-​Satz aller dialek­tis­chen Mate­ri­al­is­ten, nichts weiter darstellte als eine Inter­pre­ta­tion jener völ­lig entleerten und so über­aus wirk­samen Kirchen­formel unter anderen. Zweifel­los musste ein Trick dabei sein, den die Hüter der östlichen Weisheit überse­hen oder aus unerfind­lichen Grün­den zu nutzen ver­ab­säumt hatten.

Es fiel auf, dass jene, die sich zu ihrer umfassenden Schuld bekan­nten, wie selb­stver­ständlich auf der Seite all derer standen, an denen sie schuldig gewor­den zu sein behaupteten: Sie gaben die Schriften ihrer toten Feinde her­aus und akzep­tierten ihre Beweg­gründe posthum, sie gruben mit gle­icher Inbrunst die Knochen der Dinosaurier und Nean­der­taler wie die Gräber fremder und eigener Ahnen aus – let­ztere durften seit einiger Zeit nicht mehr so genannt wer­den, weil man damit die Anderen hätte kränken kön­nen –, um zu analysieren, zu restau­ri­eren, zu rekon­stru­ieren und die Ergeb­nisse der All­ge­mein­heit in Museen zugänglich zu machen, welche nichts weiter darstell­ten als Orte eines wahllosen, erdumspan­nen­den Reliquienkultes, der nur darauf wartete, ins All vorzus­toßen. Sie verteil­ten mit der­sel­ben freudi­gen Erre­gung Waf­fen an Rebellen und Regierun­gen, mit der sie Impf­stoffe an Kranken­sta­tio­nen verteil­ten, Gift­fab­riken in alle Welt liefer­ten und Gelder für den Wieder­auf­bau von ihnen zer­bombter Innen­städte bere­it­stell­ten. Sie zeigten sich, an welchem Ort der Welt auch immer, busy, sobald sich dort eine Ini­tia­tive bildete, um eine Schuld – und damit die Schuld aller – einzu­fordern. Wo immer sich ein Bewusst­sein bildete, wo immer sich eine Feind­schaft auf­bauen kon­nte, wo immer etwas gegen ihren Willen und ihre Vorstel­lung zu geschehen dro­hte, waren sie zur Stelle und über­nah­men die Initiative.

Die Öffentlichkeit war der Ort, an dem dies täglich ver­han­delt wurde. Das Land, in dem eine Öffentlichkeit existierte, war zuver­läs­sig ein Teil des West­ens. Die ersten Schritte auf dem Weg in die Dik­tatur bestanden darin, sie zu beschnei­den, Verbindun­gen zu kap­pen, die Anzahl der Fernsehkanäle zu beschränken, lästige Mod­er­a­toren auszuwech­seln, Face­book–Ein­träge und –Accounts zu liq­ui­dieren, die Ver­fasser an den Pranger irgen­deiner ange­sagten, hip­pen oder ergebe­nen Mei­n­ung, Autoren unter Ver­dacht, Reporter und Kom­men­ta­toren unter Arrest zu stellen, ihre Pässe einzuziehen, ihre Autos und Büros abz­u­fack­eln, ihre Leser, Abon­nen­ten, Vertei­di­ger zu bedro­hen und Ver­fol­gten­sta­tus für die Parteigänger der Regierung sowie ihre Schlägertrupps zu reklamieren.

Fac ten Chek kan­nte den Kat­a­log der zu ergreifenden Maß­nah­men gut. Oft genug war er dabeige­sessen, wenn die Organ­i­sa­tion Staaten beriet, in denen der Bürg­erkrieg vor­bere­itet wurde und neue Flüchtlingsströme geplant wer­den mussten. Gnaden­los wur­den Staaten, eben noch Teil oder nahe Ver­bün­dete des West­ens, mit Entwick­lungs­geldern und gemein­samen Pro­jek­ten ver­wöhnt, auf bestem Wege, in die Haute Société der voll entwick­el­ten Indus­triege­sellschaften aufzusteigen, bin­nen Tagen auf Paria-​Status gedrückt, ihre Kred­itwürdigkeit sank ins Boden­lose, eine Reihe von Aktienkursen klet­terte auf Reko­rd­höhe, andere fie­len tief. Während­dessen saß die Weltöffentlichkeit zu Gericht, übte sich in brüchiger Sol­i­dar­ität mit einer Hand­voll mal­trätierter oder auch nur geschick­ter Jour­nal­is­ten und disku­tierte die ent­standene Gefahr für den Welt­frieden. Der Welt­frieden, soviel ergab eine flüchtige Recherche, geriet immer dann in Gefahr, wenn der Westen ein­mal mehr ver­sagt hatte, sei es, dass er die Falschen geschmiert, sei es, dass er nicht so gehan­delt hatte, wie es seiner inner­sten Natur und dem Wesen seiner Schuld entsprochen hätte.

17

Das Sys­tem, dem Fac ten Chek seine Aus­bil­dung ver­dankte, hatte es anders gehal­ten: öffentlich angeschla­gen wurde die Schuld der anderen, der Abwe­ich­ler, Renegaten, Volks­feinde, Ver­schwörer, Klassen­feinde, Agen­ten des Kap­i­tals, Hand­langer des Impe­ri­al­is­mus und­so­fort, sie wurde nicht etwa disku­tiert, kul­tiviert, rel­a­tiviert oder gar in Zweifel gezo­gen, son­dern fest­gestellt, verkün­det und exeku­tiert. Über sie hin­aus gab es keine Schuld, jeden­falls keine, die einer nach eigenem Gusto sich aufladen kon­nte, um anschließend damit hausieren zu gehen. Genau betra­chtet gab es über­haupt keine Schuld. Das pri­vate Dasein, Haup­tquell und Haup­tur­sache jeder per­sön­lichen Schuld, hatte aufge­hört zu existieren und eine über­per­sön­liche Schuld war nicht vorge­se­hen, solange einer in Reih und Glied ging und ebenso dachte. Auch der Abwe­ich­ler trug, so gese­hen, keine Schuld, er war zwar schuldig, doch die Schuld bestand in der Abwe­ichung und kon­nte nicht beglichen, son­dern nur geah­n­det wer­den, am besten und schmer­zlos­es­ten durch Liq­ui­da­tion, das heißt Auflö­sung aller Verbindlichkeiten per Genickschuss oder Axthieb.

In den Lagern wurde keine Schuld abgear­beitet – ger­ade in diesen Regio­nen der äußer­sten Bit­terkeit, in denen die niederen Instinkte des Men­schen obe­nauf kamen, war sie voll­ständig unbekannt. In ihnen erbrachten Volks­feinde, deren Gesin­nun­gen gle­ich gefährlichen Viren von der Bevölkerung fer­nge­hal­ten wer­den mussten, ihren zugemesse­nen Anteil am kollek­tiven Arbeit­saufkom­men – unter deut­lich erschw­erten Bedin­gun­gen, doch dafür gab es Gründe, die teils in der Präven­tion, teils in den organ­isatorischen und men­schlichen Unkosten lagen, die sie verur­sachten, teils darin, dass in Wahrheit sie jene Toten auf Urlaub waren, als die sich die Sturmtrup­pen der Rev­o­lu­tion in den kap­i­tal­is­tis­chen Län­dern einst gefühlt haben mochten.

Flüchtlinge, sofern sie die unvorstell­bare Torheit beg­in­gen, ihren Fuß in eines jener Län­der zu set­zen, gehörten unbe­d­ingt zur natür­lichen Flora und Fauna der Lager. Sie zu isolieren war Pflicht eines jeden Genossen, immer­hin schleppten sie das Virus der bürg­er­lichen Weltan­schau­ung ein, dazu eine kaum über­schaubare Vielzahl älterer feu­dal­is­tis­cher, religiöser, atavis­tis­cher, kon­fuzian­is­cher Denk– und Ver­hal­tens­muster, die zu erken­nen und kor­rekt einzuord­nen selbst geschul­ten Parteiof­fizieren gele­gentlich schw­er­fiel. Als Andere teil­ten sie den Sta­tus der aus­geson­derten Volks­feinde, ihre Schuld bestand darin, nicht Gle­iche und damit der all­ge­meinen Schuld­losigkeit teil­haftig zu sein.

Im Westen lag die einzig legit­ime Weise, der Schuld die Stirn zu bieten, in der Möglichkeit, anders zu sein und zu wirken: danach drän­gel­ten seine Gelehrten, Schrift­steller, Kün­stler, Ausstel­lungs­macher, Designer, Regis­seure, Schaus­pieler, Musiker, Tänzer, Modemacher, Startup–Grün­der, Gesund­heit­sapos­tel, demon­stra­tiven Weicheier, Politkom­men­ta­toren, Neure­ichen, Ein­falt­spin­sel, Kon­formis­ten aller Him­mels– und Far­brich­tun­gen, IQ-​Protze, Philosophen, Vanbe­sitzer – die natür­liche Horde derer, die im Anderen den kom­menden Erlöser wit­terten und ihm, wo immer möglich, den roten Tep­pich aus­roll­ten, nicht ohne, hüpfend und feix­end um Aufmerk­samkeit bet­telnd, hin­ter ihm drein zu ziehen.

Fac ten Chek war lange genug im Geschäft, er hatte seine Wit­terung für das, was vorg­ing, oft unter Beweis gestellt. Gelöst und nach­den­klich stellte er fest, dass sich das Klima änderte. Der banale Hin­ter­sinn dieser Phrase leuchtete in seinen Gedanken­gang hinein wie die nahezu waa­grechten Strahlen der unterge­hen­den Sonne –: Fast kon­nte man annehmen, der west­liche und der östliche Schuld-​Typus hät­ten in diesen let­zten Jahren fusion­iert, um etwas wirk­lich Neues in die Wege zu leiten, ein neues Gesellschaftsspiel, eine neue Form der Gesellschaft, eine neue Kul­tur, wen­ngle­ich dieser Aus­druck läp­pisch wirkte angesichts dessen, was da zusam­men­wuchs an frenetis­cher Jugend, an Unaufrichtigkeit, Leise­treterei, Kadav­erge­hor­sam, Spitzel­tum, Meldewut, naivem Stolz auf das Erre­ichte und noch zu Erre­ichende, an Bere­itschaft, das Offen­sichtliche auszublenden und den abstruses­ten Märchen aufzusitzen, sofern sie in der richti­gen Ver­pack­ung aus­geliefert wur­den und die erwün­schte Botschaft transportierten.

Die erwün­schte Botschaft – worin bestand sie? Als Koor­di­na­tor wusste er, dass die Organ­i­sa­tion Con­tainer anbot, die von den Mech­a­nis­men der Fluchtaus­lö­sung über die Routen­pla­nung, die Betreu­ungsange­bote für die Besser­bezahlen­den unter den Fluchtwilli­gen, die Anwer­bung und Aus­rüs­tung der Schlep­per mit Mate­r­ial Papieren und Koor­di­naten bis zur psy­chol­o­gis­chen Vor– und Nach­be­treu­ung der Ziel­län­der alles umfassten, was zur erfol­gre­ichen Durch­führung ihrer Oper­a­tio­nen gebraucht wurde. Es galt als aus­gemachte Tat­sache, durch wis­senschaftliche Forschun­gen erkun­det und bestens belegt, dass Massen­mi­gra­tion die Bevölkerung der Ziel­län­der spal­tete, und zwar umso giftiger, je entwick­el­ter die Gesellschaft und je aus­geprägter das Ange­bot an Sozialleis­tun­gen aus­fiel, das sie bereithielt.

Entsprechend wichtig war es, diejeni­gen, die wussten, was auf ihre Gesellschaften zurollte, rechtzeitig mund­tot zu machen oder durch ein gesun­des Prämien­sys­tem auf die richtige Seite zu ziehen. Die üblichen Protestierer, naiv, wie ihres­gle­ichen nun ein­mal war, ließen sich dann leicht als Unruh­es­tifter brand­marken, als poten­tielle Staats­feinde, die, falls man ihnen erlaubte, sank­tions­frei vom Leder zu ziehen, all die Übel her­auf­beschwören wür­den, wovor sie sich fürchteten und wovor sie die anderen warnten.

Das war insofern nicht falsch, als jede Art von Zustän­den ihre Akteure benötigte. Von Leuten, die den Unfrieden im Herzen tru­gen, kon­nten keine friedens­di­en­lichen Anstren­gun­gen erwartet wer­den. Also lag es nahe, ihnen Hass auf die Anderen vor­w­er­fen, auf alle Anderen und let­ztlich auf den Anderen – also die eigentliche Urschuld, deren sich die Gesellschaft unaufhör­lich bezichtigte und die nicht anders bekämpft wer­den kon­nte als durch Ander­s­sein, gle­ichgültig, in welchem For­mat es sich aus­drückte und welche Kosten daraus erwuch­sen. Fac ten Chek war zwar nicht unmit­tel­bar mit diesen Aktiv­itäten betraut, aber er nahm – inkog­nito – schon deshalb nicht ungern an ihnen teil, weil sie frische Luft und Bewe­gung ver­sprachen, angere­ichert mit der angenehmen Aus­sicht, in erstk­las­siger Gesellschaft Fre­undlichkeiten zu streuen und nüt­zliche Kon­takte zu pflegen.

Auch sagte ihm sein instink­tives Gefahren­be­wusst­sein, dass hier die Schwach­stelle des Sys­tems ver­bor­gen lag, die früher oder später auch dieses Geschäftsmod­ell ruinieren würde.

18

»Ein Land über­fallen, wer macht denn so was? Wir bieten maßgeschnei­dertes Kon­flik­t­man­age­ment an und der Kerl marschiert da ein, als steck­ten wir wieder in den Dreißigern. Das gibt’s doch nicht. Stoppt den denn keiner?«

Fac ten Chek lächelte seinen Mitar­beiter an.

»Warum echauffierst du dich so?«

»Unser Etat wird nicht reichen. Wir müssen umdisponieren und wis­sen nicht wie. Die Werte sind chao­tisch. Das ist Renditevernichtung.«

»Sprich nicht so.«

Nach der Rück­kehr aus der Höhle, wie er das Loch bei sich nan­nte, hatte Fac ten Chek zwei Dinge in seinem Leben umgestellt: Er lächelte im Dienst und er wachte darüber, dass, jeden­falls in seiner Gegen­wart, das Geschäft nur noch in scho­nen­den Worten beschrieben wurde. Die Sekretärin hielt das für einen Code, der sie auss­chließen sollte. Ent­nervt und entrüstet über den Ver­trauensentzug ver­weigerte die Arbeit und erzwang ihre Auswech­slung. Die restlichen Mitar­beiter, die nicht wussten, wer, zum Teufel, geschont wer­den sollte, benah­men sich, als lit­ten sie an Zahn­schmerz und seien auss­chließlich deshalb zum Dienst erschienen, weil sie ihren guten Willen bekun­den woll­ten. Nur gele­gentlich ver­griff sich einer in Ton oder Wortwahl.

»Die Mil­itärs ordern Drohnen wie wild, das sind die Kriege der Zukunft. Smart, unauf­fäl­lig, chirur­gisch, mit beliebiger Reich­weite. Nicht töten – aus­merzen. Das Böse aus­merzen. Damit fängt man sie alle. Wo fängt man an? Den Him­mel unsicher machen – bei Tag und bei Nacht. Über­all und nir­gends. Wie hieß die Devise? Bindun­gen lock­ern. Nichts lock­ert Bindun­gen so sehr wie das Bewusst­sein, in jedem beliebi­gen Moment von einer höheren Macht aus­ge­merzt wer­den zu kön­nen, die wei­thin sicht­bar oder auch unsicht­bar ihre Kreise zieht. Früher hat man so Heilige gezo­gen, heute zieht man sich Terroristen.«

»Dazu braucht es keine Drohnen. Da genü­gen ein paar gut verteilte Killer, die zuschla­gen und wieder ver­schwinden. Oder selbst dabei draufge­hen draufge­hen, falls sie unbe­d­ingt möchten. Die Moti­va­tion ist der Schlüs­sel. Eruieren Sie das Moti­va­tion­sprob­lem. Ich möchte Ergeb­nisse sehen, am besten gestern.«

Sieh an, dachte der Mitar­beiter, da ver­schwindet der Chef für ein paar Tage, keiner weiß wohin, und wenn er wieder auf­taucht, hagelt es Aufträge, die bis vor kurzem noch off lim­its waren.

19

Fac ten Chek hatte den Büroses­sel ans Fen­ster, gerückt, blät­terte in einer Broschüre und beobachtete die gegenüber­liegende Häuserzeile. Sein Gesicht zeigte die leere Blässe, die Gen­er­a­tio­nen von Ver­hand­lungspart­nern entzückt hatte. Der Assis­tent goss die Blu­men und lock­erte mit dem Kugelschreiber die Blumen­erde. Die neue Sekretärin war nach Hause gegan­gen, nach­dem sie sich dreimal hatte ver­sich­ern lassen, dass an diesem Nach­mit­tag keine Arbeit mehr für sie anfallen werde.

»Sagen Sie, Chef« – die Stimme des Assis­tent tönte, als habe sie bere­its mehrfach Anlauf genom­men und dies­mal han­dle es sich um den Durch­bruch, »wenn das let­zte Fleckchen Erde gesäu­bert, der let­zte Ein­heimis­che geflo­hen, der let­zte Gren­zer bestochen, der let­zte Poli­tiker umge­dreht und der let­zte mit Flüchtlin­gen über­füllte See­len­verkäufer in den Weiten der Süd­see geken­tert ist: Was machen wir dann? Ich meine, haben wir dafür eine Geschäft­sidee ausgearbeitet?«

Das klang, als habe man ihn ger­ade das Fürchten gelehrt.

20

Fac ten Chek ruhte. Er hatte die Beine übere­inan­der geschla­gen und hing Gedanken nach, deren träger Ver­lauf sich nicht mit nor­malen Büros­tun­den vertrug.

»Wieviel Uhr ist es?«

»Zwanzig nach sechs. Erwarten Sie noch Besuch? Im Ter­minkalen­der ist nichts weiter einge­tra­gen. Doch, hier, ich sehe, ein Sternchen. Müsste bald soweit sein. Him­mel, was ist das?«

Ein Schat­ten zog am Fen­ster vor­bei, nicht schnell, nicht langsam – so muss Gleiten sein, ging es Fac ten Chek durch den Kopf.

Er stand er auf, wis­chte ein paar Krümel Blumen­erde vom Anzug und stützte sich bei­d­händig auf die Fensterbank.

»Sehen Sie sich das an«, verkün­dete er mit beschwingter, fast heit­erer Stimme. »Das ist wirk­lich sehenswert.«

Ein zweiter, ein drit­ter Schat­ten bestrich das Büro zwis­chen zwei Wimpernschlägen.

»Him­mel, das sind Marschflugkör­per«, platzte der Assis­tent heraus.

»Man erkennt sie gle­ich, nicht wahr? Nie gese­hen und doch ver­traut. So funk­tion­ieren wir. Was denken Sie? Furcht? Das hier ist die Antwort auf Ihre Frage. Die einzige, die zählt, was immer Sie davon hal­ten mögen. Wir sind Nomaden, Geschäfte wer­den vom Sat­tel aus getätigt, Sie wussten das immer, erin­nern Sie sich nicht? An die Arbeit! Ver­nichten Sie den Inhalt dieses Büros, wir ziehen nicht um, wir ziehen weiter.«

21

Lege den Colt erst dann auf den Tisch, wenn es nötig wird. Fac ten Chek hatte den West­ern vergessen, in dem dieser Satz fiel, ein Klasse-​Western mit Starbe­set­zung. Er glaubte ihn geträumt zu haben, bevor man ihn damals holte. Wo blieben die Fak­ten? Selbst wenn es sie gab – irgendwo gab es sie, dessen war er sich sicher –: Wohin mit ihnen? Auf den Tisch –? Auf welchen? Welcher Tisch war der seinige? Dieser hier war es nicht länger, mehr als eine Blu­men­vase würde er ihm nicht spendieren. Wann immer er Fak­ten auf jeman­des Tisch gelegt hatte, hatte es sich um Sprengstoff gehan­delt, sorgfältig aus­ge­sucht und zusam­mengestellt, geeignet, Men­schen­leben zu zer­stören und Kar­ri­eren ›durch die Decke gehen zu lassen‹, wie der unsin­nige Aus­druck lautete, den er vor kurzem gehört hatte und gern vergessen wollte. Hatte man ihm jemals Fak­ten anderer Art präsen­tiert? Wohl kaum. Sobald einer sagte: »Das sind die Fak­ten«, hieß es: ›Nimm das und frage nicht.‹

Es war der gute Glaube, der jeglichem Han­deln Kraft verlieh.

Welcher Glaube mag wohl der beste sein? Fac ten Chek lachte in sich hinein. Er erkan­nte die asi­atis­che Praxis wieder, sich gegen­seitig Umschläge in die Hand zu schieben, ohne auf den Inhalt zu achten. Ihm war bewusst, welche Sank­tio­nen dro­hten, wenn etwas damit nicht stimmte. Irgendetwas kommt immer her­aus. Ob irgend­wann alles her­auskam, wie es das Sprich­wort wollte, wagte er zu bezweifeln. Er jeden­falls hatte immer guten Glaubens gehan­delt. Später, wenn alles gle­ichgültig wurde, war auch der gute Glaube dahin. Er war nicht schlecht gewor­den, er war dahin. Lege den Colt erst dann auf den Tisch, wenn es nötig wird. Wenn der Glaube aufge­braucht ist, zeigt sich der Mann. Er trägt Jeans, sein Blick funkelt, er reißt sich die bren­nende Zigarette von den Lip­pen und ist bereit. Wozu? Zu einem Gespräch unter Fre­un­den? Dazu ist es zu spät.

Der Assis­tent rückte näher, seine Augen funkel­ten und Fac ten Chek staunte: der­selbe Glanz, der­selbe Satz, dieselbe Absicht. Was für ein Jam­mer! Sie hät­ten sich aussprechen sollen.

Ein großes Team – und jetzt lief alles auseinander.

erschienen als:

Fac ten Chek oder Die Eska­pade (Acta Litterarum)

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