Monika Estermann: Bücher

©Monika Estermann 2020

 

Er ist ein Guter, unser Virenpfarrer. In dreißig Jahren haben wir uns an seine wöchentlichen Podcasts gewöhnt. Da kennt man jeden Ton einer Stimme, jede Modulation. Das Gehör nimmt bereits Kurs auf das noch zu Sagende, bevor es die Stimmbänder passiert hat. Seit längerem behaupten deshalb einige sensible Geister, sie wüssten bereits im voraus, worauf es dieses Mal hinauslaufen wird. Das ist, mit Verlaub gesagt, Nonsens. Natürlich weiß jedes Kind, was der Virenpfarrer zu sagen hat. Auch wir Erwachsenen beanspruchen schließlich, ganz ohne falschen Zungenschlag, die Botschaft zu kennen. Warum sollten wir sie nicht kennen? Dreißig Jahre Verkündigung sind eine lange Zeit. Unsere Leute sind nicht auf den Kopf gefallen, sie sind tüchtige Handwerker, sie sind Leute vom Fach, viele von ihnen haben studiert und kennen sich aus. So schnell macht uns niemand ein X für ein U vor. In der Tat, wir haben Respekt vor der Arbeit des Virenpfarrers, auch wenn die Stimme ein wenig geölt klingt und hier und da ein schnarrender Aussetzer für eine kurze Irritation sorgt. Wir kennen seine Botschaft (soweit sie uns frommt), wir verstehen sie exakt bis zu dem Punkt, an dem weiterzudenken unser Geist sich verwirren würde … aber doch nicht in jedem Detail, nicht in jeder Fluse ihres anmutig fallenden Gewandes, nicht in ihrer speziellen jahreszeitlichen Lesart. Wer wollte das denn? Es wäre vermessen.

Natürlich ist auch der größte Adept nicht imstande, den speziellen Mix, in dem die sich doch im Kern immer gleichende Botschaft gerade an einem Tag wie heute dargeboten werden soll, zu erraten. Und, Hand aufs Herz, aufs Erraten liefe die ganze Sache hinaus. Also warten wir jedes Mal aufs Neue gespannt auf das, was er uns erzählen wird. Unser Virenpfarrer! Ihm lauschend registrieren wir, zwar nicht mit den leiblichen, aber mit den Augen des Geistes, den feuchten Schimmer, der sich beim Reden über sein Antlitz legt, den feinen, aus Mund- und Nasenhöhle hervordringenden, seine Figur allwöchentlich einhüllenden, sich langsam über sie erhebenden und in die nahe wie fernere Umgebung abfließenden Aerosolnebel, und ziehen daraus unsere eigenen, nicht unbedingt dramatischen Schlüsse. So geht unser aller Leben dahin, wir wissen uns kein anderes und wollen uns auch kein anderes vorstellen. Warum sollten wir? Wie der Pfarrer, so das Dorf. Das ist eine alte, vom Leben immer wieder bestätigte Bauernregel.

Doch es geschehen auch ungewöhnliche Dinge.

Letzte Woche zum Beispiel – letzte Woche muss es gewesen sein, denn in der Woche davor war der Virenpfarrer überraschend verreist gewesen und wir hatten vergebens auf seine Ansprache gewartet –, letzte Woche fanden einige Frauen, diesmal habe seine Stimme einen melodramatischen Unterton gehabt – nicht eindringlich genug, um von jüngeren und den bereits halb ertaubten Gemeindegliedern bemerkt zu werden, sie aber, jede für sich, hätten ihn nun einmal vernommen und daher beschlossen, diese Woche ganz Ohr zu sein, um sich nicht die kleinste kommende Nuance entgehen zu lassen. Das ist Gerede, gossip, wie es im Englischen heißt, aber es findet doch immer seine Abnehmer. Schließlich könnte es sein – wir warten, wie angedeutet, seit dreißig Jahren auf diesen großen Moment –, dass sich das Virus endlich doch zu verfärben beginnt, also aus seinem vom Virenpfarrer als eher rötlich-mausgrau beschriebenen, in den erhofften, ersehnten, unser aller Leben von Grund auf verändernden eher bläulich-grünen, manche sagen auch: bläulich-sanftrosa Zustand übergeht. Natürlich wissen auch wir – der Virenpfarrer hat es uns oft genug eingeschärft und wir sind auch ohne seinen Zuspruch keine Phantasten –, dass selbst dann nicht alles wieder so sein wird wie früher, also in der Zeit vor der Geburt des Virus: dazu ist zu viel passiert und, nüchtern betrachtet, auch viel zu viel Zeit vergangen. Wir sind nicht mehr die alten, vielmehr, jetzt sind wir die Alten und manchmal, denken wir an die Alten von damals, beschleicht uns … aber warum sich erinnern? Die Erinnerung, sagt der Virenpfarrer, ist ein Trojaner: vorne steckt man etwas hinein und hinten kommt etwas anderes heraus. Mag sein, ich verwechsle da jetzt etwas.

Wie gesagt, unsere Kinder haben unseren Part übernommen und unsere Enkel stehen, Nase und Mund vorschriftsmäßig verhüllt, in den Startlöchern, um das pulsende Wunder des Lebens an sich geschehen zu lassen. Da wäre es doch seltsam, wenn wir jetzt aus dem gewohnten Schatten des Virus treten würden, gleichsam in die Sonne eines neuen Daseins hinein. Die Kinder würden es nicht verstehen und die Enkel, die Enkel… Nein, wir könnten und wollten es ihnen nicht antun. Und sie? Sie würden Mittel und Wege finden, es zu verhindern. So haben sie, um ein einfaches Beispiel zu geben, das doch für vieles steht, noch nie einen Mund gesehen, es sei denn, verstohlen im Spiegel, den eigenen – was würden sie da wohl machen, wenn sie die unseren zahnlos fänden? Würden sie Fragen stellen? Würden sie es wagen, uns ins Gesicht zu sehen? Würden sie stumm beiseite gehen? Würden sie vor Scham vergehen? Würden sie ihre Gesichter – und nicht nur sie – aufs Neue und diesmal für ewig verhüllen? Würden sie uns, die Wegbereiter, aus ihrem Gesichtskreis entfernen? Wäre das eine Welt, in die sie noch Kinder zu setzen bereit wären? Nein? Wäre das dann die letzte Welt? Nicht auszudenken, nicht zu ertragen die Schmach … wir müssten uns über die Klippen ins Jenseits werfen, ohne noch einen Blick über die Schulter zu riskieren.

So sieht es aus. Der Virenpfarrer kennt und versteht uns, so wir wir ihn kennen und zu verstehen gelernt haben. Der Virenpfarrer ist ein studierter Mensch, er hat unsere Bedürfnisse erforscht und würde, dessen können wir sicher sein, eher das göttliche, aus dem Verborgenen heraus unser aller Leben regelnde Virus vernichten als zuzulassen, dass seiner Gemeinde etwas zustößt. In diesem Punkt können wir uns auf ihn verlassen. Wie können wir uns dann darauf verlassen, dass sein Wort gilt und das Virus sich in all den Jahrzehnten nicht um eine Nuance verfärbt hat? Zugegeben, das ist eine knifflige Frage. Ich will nicht verhehlen, dass im Dorf ein Club der Abtrünnigen existiert, der in diesem Punkt offen abfällig über den Pfarrer redet. Selbst das Wort ›Priesterbetrug‹ ist, neben anderen, bereits gefallen. Noch können wir Alten damit umgehen, dass solche Wörter ausgesprochen werden, obwohl sie uns in unserem Innersten kränken. Noch hält der zivilisatorische Panzer, in dem wir mehr oder weniger bequem unseren kleinen Alltagsverrichtungen nachgehen. Aber wie steht es um die Jungen? In ihnen brodelt es – ein Narr, wer es nicht bemerkte. Können wir es ihnen verdenken? Wir können es nicht. Ehrlich gesagt, unser ganzes Denken ist auf dem Rückzug. Zu lange haben wir es um diesen Hauptpunkt unseres Lebens kreisen lassen, als dass es jetzt noch gerade Gedanken abwürfe. Gerade Gedanken… Ich sehe ihn in Gedanken lächeln, den Virenpfarrer. Er hält sich ein Lätzchen vor, das seine Verehrerinnen ihm einmal vor Jahren genäht haben, wir sind seines unverhüllten Anblicks seit langem entwöhnt, vielleicht liefen wir erschreckt auseinander, wenn…

Ja was denn? Werde ich es wagen, über dieses letzte Stöckchen zu springen? Werden meine Freunde, meine Verwandten, meine Kinder es wagen? Wie lange bleibt so ein Virenpfarrer im Amt? Verschafft ihm das Virus am Ende ein ewiges Leben und wir gehen leer aus? So schnell kommt man auf Ketzergedanken, man merkt es kaum.

 

erschienen als:

Neues vom Virenpfarrer (Acta litterarum)

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