1.

Nun, wir wis­sen, dass wir aus der großen Kälte ins große Licht gehen, Entropie genannt oder Erder­wär­mung oder x, wie die Sache mor­gen heißen wird, wir wis­sen das so sicher wie das Amen in der Kirche, das keineswegs genauso sicher gewusst wird, wenn die Anzahl der Schafe zählt, die da wis­sen (und was sollte sonst zählen, wo inbrün­stig gewusst wird): da tut es gut, wenn Einzelne, wer immer sie sein mögen, an den gefrore­nen Boden erin­nern, auf dem sich befindet, wer nicht vom Außen ver­schluckt wurde, son­dern das Innenaußen lebt, das ein­mal Men­sch genannt wurde und sich den Hohn von Irren gefallen lassen muss, die ihre Psy­che im Griff haben und die Suche nach den war­men Inseln zur Sucht wer­den ließen. ›Frozen solid‹: das ist, als Geste der Musik, die Hand, die nach unten zeigt, nicht um auf das zu ver­weisen, was unten ist und nach oben strebt, son­dern auf die Grenze, an der das Gewonnene sich zur Natur ver­fes­tigt und nichts abgibt. Wer die Geste Pla­tons auf Raf­faels Schule von Athen kennt, der ver­steht, dass hier nichts zu holen ist, ideell gesprochen, vielle­icht, weil die Ideen eine Art Panzer gebildet haben, einen Überzug, der keine Gründe zulässt, jeden­falls nichts, was sich mit men­schlichen Mit­teln bear­beiten ließe.

2.

Ver­ste­hen, ohne zu wis­sen: das ist, als Auf­forderung betra­chtet, ehren­wert, aber es stößt rasch an Gren­zen. Diese Gren­zen wer­den sel­ten benannt, noch sel­tener mit der Akri­bie unter­sucht, die ihrer würdig wäre. Dass eine Musik sich zu solcher Akri­bie ver­steigt, ist sel­ten und muss einen beson­deren Grund haben, der außer­halb der Konz­ert­säle liegt, in denen eher Lang­mut gefordert ist. Vielle­icht liegt er im Konz­ert­saal zutage, in der wat­tierten Gle­ichgültigkeit, mit der sich die Anstren­gung der Durch­dringung bei­der­seits wapp­net, um zu keinen Kurz­schlüssen zu gelan­gen. Auch Kunst beweist sich auf gefrorenem Boden, sei es der Bewun­derungs­bere­itschaft, sei es der Gle­ichgültigkeit, sei es der blinden mimetis­chen Gebärde. An diesem Sich-​Beweisen und Beweisen­müssen arbeitet sie sich ab und wäre längst mit sich durch, wenn die Gebärde nicht die Tat über­lebte. Es kommt nichts dabei her­aus. Mit Spott ließe sich sagen: es kommt umso weniger her­aus, je mehr hineingesteckt wird. ›Reden wir nicht von der Kunst, reden wir von den Ver­hält­nis­sen.‹ Die Ver­hält­nisse sind aber so, dass sie über sich das meiste ver­raten. Wenn die Ver­hält­nisse mit sich durch sind, steht eine Kunst, die nichts als die Ver­hält­nisse kennt, auf ver­siegel­tem Boden.

3.

Von Ver­siegelung ver­steht diese Musik viel, sie ahmt die Ver­fahren nach, sie stre­icht über ihre Kon­turen und lässt erfahren, wie sich anhört, was nie­man­dem mehr ange­hört. Sie weiß, ohne zu ver­ste­hen, aber sie bleibt solitär. Sie erliegt nicht dem Irrtum der zweiten Natur, als ließe diese sich von der ersten säu­ber­lich tren­nen. Es ist die erste Natur, in die sich die zweite ver­wan­delt, uner­bit­tlich, abzüglich der Deu­tun­gen, die darüber liegen. Die erste Natur ist plas­tis­cher, ›bild­samer‹ als ihr Ruf, nicht etwa, weil sie Kul­tur in Gene ver­wan­delte, son­dern weil ihr Kul­tur gle­ichgültig ist. Sie holt sie ein, wo immer sie ihre Erfolge vor­weist, sie hat sie schon einge­holt und im voraus in etwas ver­wan­delt, das auszus­prechen sich die öffentliche Zunge weigert, etwas Unsägliches, um es in der Sprache der Kul­tivierten zu sagen, die noch nicht weiß, wie unsäglich sie klingt. Leben ›in einer Welt, die…‹ unter­schei­det sich weitläu­fig von einem Leben, das sich Welt gibt, weil sonst nichts anderes da wäre außer der Schuld, die man durchs Dasein abträgt. Die Ver­wand­lung der Schuld, da zu sein, in ein Stück Welt endet an der Grenze, an der die Schuld vor der Exis­tenz liegt und jede ›Abar­beitung‹ sie nur stärker ans Licht bringt. Es ist viel dritte, vierte und fün­fte Welt in den Men­schen, die verge­blich den Ein­tritt in die erste begehren, der ihnen, von wem auch immer, ver­sprochen wurde und immer noch weiter ver­sprochen wird.

Luigi Archetti & Michael Heisch: Frozen Solid. Creative Works Records 2010 CW 1055

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