Ken­nen Sie Borges? Natür­lich, wer­den Sie sagen, hätte ich sonst Gesin­nun­gen? Ges­tat­ten Sie, dass ich lächle, doch nicht allzu sehr, denn wir wollen keine Zeit ver­lieren. Warten Sie, ich lese Ihnen etwas vor, oder besser: ich erzähle es Ihnen. Es ist die Geschichte vom Feind, den einer nach Jahren der Flucht und des Wartens eigen­händig in sein Haus ein­lässt: schein­bar gebrech­lich, schein­bar hil­fs­bedürftig, schein­bar am Ende, ein Opfer ver­lorener Jahre.

Ich beugte mich über ihn, damit er mich höre.
– Man glaubt, die Jahre verge­hen für einen – sagte ich zu ihm –, aber sie verge­hen auch für den anderen. Hier begeg­nen wir uns endlich und das, was vorher geschehen ist, hat keinen Sinn.
Während ich sprach, hatte er seinen Man­tel aufgeknöpft. Die rechte Hand steckte in der Rock­tasche. Etwas erregte meinen Arg­wohn und ich ahnte, dass es ein Revolver war.

Wie bitte, wer­den Sie sagen, was soll mir diese Geschichte? Was soll über­haupt diese Rede vom Feind? Wir sind hier unter uns, da ver­bi­etet sich allein der Gedanke daran. Gehen Sie nach Kun­duz, wenn Sie der­gle­ichen erleben wollen. So reden oder denken Sie oder kön­nten Sie reden oder denken, ich muss der­gle­ichen in Rech­nung stellen. Was soll ich da antworten? Sie haben ja recht, Sie wis­sen gar nicht, wie recht Sie haben. Was den anderen Feind, den aus Kun­duz, angeht, so möchte ich nicht mit Ihnen rechten. Vielle­icht sind wir ja ger­ade dabei, uns Feinde in der Zukunft zu schaf­fen, bloß weil wir zu feige oder zu rat­los oder zu beschränkt sind, um das zu ver­hin­dern. Aber davon möchte ich jetzt nicht reden. Reden möchte ich von diesem selt­sam erschöpften, soeben angekomme­nen Feind eines anony­men Erzäh­lers aus einem Leben, das lange zurück­liegt, aber zweifel­los eine Spur hin­ter­lassen hat – von ihm möchte ich reden.

Da sagte er mit fes­ter Stimme: – Um Ihr Haus zu betreten, habe ich mich des Erbar­mens bedi­ent. Jetzt sind Sie mir aus­geliefert und ich bin nicht barmherzig.

Das ist zweifel­sohne ein state­ment.

Ich suchte nach Worten. Ich bin kein starker Mann, und nur Wörter kon­nten mich ret­ten. Ich fand diese:
– Es ist wahr, dass ich vor Zeiten ein Kind mis­shan­delt habe, aber Sie sind nicht mehr jenes Kind und ich bin nicht mehr jener Tor. Überdies ist Rache nicht weniger eitel und lächer­lich als Verge­bung.
– Eben weil ich nicht mehr jenes Kind bin – erwiderte er – muss ich Sie töten. Es han­delt sich nicht um Rache, son­dern um einen Akt der Gerechtigkeit. Ihre Beweis­gründe, Borges, sind bloße Schachzüge Ihres Schreck­ens, damit ich Sie nicht töte. Sie kön­nen nichts mehr machen.

Also doch, wer­den Sie sagen. Feind hin, Feind her, das Töten ist vielle­icht eine bloße Meta­pher, wichtig ist der Gedanke der Gerechtigkeit, hier wird er aus­ge­sprochen, der Täter wurde vom Opfer einge­holt, das Recht ist auf Seiten des Ver­fol­gers, der ein ver­lorenes Leben ein­klagt. Was mich wun­dert, ist, dass der Name Borges jetzt auf­taucht, das hätte ich nicht erwartet. Also auch er…? Nun, so kann man sich in den Men­schen täuschen. Aber sagen Sie, da Sie mehr zu wis­sen scheinen, wie geht die Geschichte aus?
Wäre ich Anwalt, so würde ich sagen, das müssen die Gerichte entschei­den. Aber hören Sie:

– Ich kann etwas machen – ent­geg­nete ich.
– Was? fragte er.
– Erwachen.
Und das tat ich.

Jorge Luis Borges, Episode vom Feind, in: Gesammelte Werke. Gedichte 1969-1976, München 1980, S. 149f.

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