Die Deu­tung des Rechts als Waffe im emanzi­pa­torischen Kampf und ihre rit­uelle Ver­fes­ti­gung im Zuge der Durch­set­zung des Beziehungsmod­ells stellt let­zteres als insti­tu­tion­al­isierte Inter­pre­ta­tion des Geschlechterkampfs neben die Erin­nerungskul­tur als insti­tu­tion­al­isierte Inter­pre­ta­tion des Kampfs der Gen­er­a­tio­nen. Als ›lange‹ his­torische Ereignis­lin­ien pro­duzieren Geschlechter– und Gen­er­a­tio­nenkampf Auseinan­der­set­zun­gen geringer Inten­sität, deren reale und nicht immer erbauliche Fol­gen von der Pri­vat­sphäre abgefed­ert wer­den. Dem Indi­viduum steht es frei, sich zu ver­hal­ten: ob es sich kopfüber in die anste­hen­den Kämpfe stürzt oder die Frei­heit eines aus per­sön­licher Wahl her­vorge­hen­den zivilen Umgangs bevorzugt, wird ihm von keiner Instanz zwin­gend vorgeschrieben. Die im Medium der Inter­pre­ta­tion ver­fes­tigten Kul­turen des öffentlichen und pri­vaten Miteinan­der lassen beide Möglichkeiten zu. Es bedarf des unsicht­baren Drit­ten, um den Stil der Auseinan­der­set­zun­gen zu ver­schär­fen und die kämpferische Inter­pre­ta­tion des Gen­er­a­tio­nen– und Geschlechter­ver­hält­nisses im All­tag über­wiegen zu lassen. Die seit den sechziger Jahren schwe­lende, in die Altenheime und Ster­bez­im­mer hinein ver­längerte Fried­losigkeit zwis­chen den dom­i­nan­ten Gen­er­a­tio­nen der ›Ver­lier­erna­tion‹ ist ein hin­re­ichend aus­sicht­sre­icher Kan­di­dat für diese Figur des unsicht­baren Drit­ten, um genauer in Augen­schein genom­men zu werden.

Anders als die Erin­nerungskul­tur, die aus dem Gen­er­a­tio­nenkon­flikt her­vorge­gan­gen ist und ihn, wie immer ver­stellt, nach­drück­lich genug the­ma­tisiert hat, um par­tielle Friedenss­chlüsse und jenen his­torischen Kom­pro­miss zu ermöglichen, in dem – fast – alle Erin­nerun­gen zuge­lassen sind, sofern sie das Rep­u­ta­tion­ssys­tem stützen, ist das Beziehungsmod­ell per se gedächt­nis­los und lenkt die Energien der in ihm ver­bun­de­nen – und durch es separi­erten — Per­so­nen in demon­stra­tiven Akten gegeneinan­der. Ein pop­ulärer Aus­druck wie ›Mehrgen­er­a­tio­nen­hölle‹ für den durch die famil­iäre Herkunft gegebe­nen und durch keine Hand­lun­gen oder Wil­lenserk­lärun­gen aufzulösenden Gen­er­a­tio­nen­ver­bund kann als mehr oder weniger drastis­cher Aus­druck dafür durchge­hen, dass der Abschied vom ›Fam­i­lien­mod­ell‹ des Zusam­men­lebens im Beziehungsmod­ell auf Dauer gestellt ist, weil die Alter­na­tive nur im Imag­i­nar­ium der Inter­pre­ta­tion existiert. His­torisch gese­hen bestre­ichen die sig­nifikant niedri­gen Geburten­raten die aktive Leben­szeit weniger, mit Krieg und Nachkrieg aus kindlicher Per­spek­tive ver­trauter Jahrgänge und der nach dem Krieg gebore­nen, die kul­turelle Rev­o­lu­tion der Sechziger vor den heimis­chen Fernse­hern und in den Klassen­z­im­mern nach­spie­len­den Gen­er­a­tion, für die die Nieder­lage, das Schib­bo­leth in den Auseinan­der­set­zun­gen der Achtund­sechziger mit der Väter­gen­er­a­tion, bere­its keine greif­bare Real­ität mehr besaß. Dem blinden Ausagieren eines unbe­grif­f­e­nen, aber in beträchtlicher Härte insze­nierten Gen­er­a­tio­nenkon­flikts bot und bietet das kämpferisch gegen die famil­iäre Herkunft geset­zte Beziehungsmod­ell eine opti­male Plat­tform. Seine sukzes­sive Ver­rechtlichung darf mit einiger Berech­ti­gung als Bere­it­stel­lung des Ter­rains gel­ten, auf dem diese poli­tisch eher par­a­sitäre Gen­er­a­tion ihre zen­tralen Lebensen­twürfe erfand und kon­flik­tre­ich ausagierte.

Und es geht weiter: fragt man sich, was öffentliche Erin­nerungskul­tur und pri­vate Beziehungskul­tur miteinan­der verbindet, so sieht man sich auf Lücken der Erin­nerungskul­tur ver­wiesen, von denen man einige erst im let­zten Jahrzehnt zu schließen begonnen hat. Einige dieser Lücken – Bombenkrieg, Flucht, Umsied­lung, Verge­wal­ti­gun­gen etc. – sind nicht zufäl­lig oder auf Grund eines im Nach­hinein unver­ständlichen Schweigens der Zeu­gen, son­dern aus ethisch-​funktionalen Grün­den in den sechziger Jahren ent­standen. Sie sparen aber, lange Zeit unbeachtet, just den — vornehm­lich weib­lichen – Erin­nerungsraum aus, in dem sich viele Gründe für die Fein­justierung der Geschlechter­beziehung in der Eltern­gener­a­tion hät­ten finden lassen. An Inge­borg Bach­manns 1971 erschienenem Roman Malina ließ sich früh able­sen, welche Wirkung der gle­ich­sam erschreckte Blick durch die Fin­ger auf Krieg und Nachkrieg selbst dann ent­fal­ten kann, wenn er nur wenig geschichtliches Wis­sen trans­portiert. Das dem Entset­zen über die im Imag­i­na­tion­sraum abruf­baren väter­lichen Grausamkeiten und das aus dem famil­iären Schweigen sich lösende Gor­gonen­haupt des absoluten Ver­brechens geschuldete, gle­ich­wohl inter­essegeleit­ete und insze­nierte Von-​Anderem-​Reden im öffentlichen Raum ist in der vieles falsch oder missver­ständlich inter­pretieren­den Sprachlosigkeit im pri­vaten Raum mit enthal­ten. Die durchgestrich­ene Wahrnehmung der elter­lichen Exis­tenz, diese in vie­len Bere­ichen wiederkehrende Figur, bes­timmt die Eigen­wahrnehmung und die Sol­i­dar­itäten. Mit ihrem nach famil­iären Maßstäben leeren und ger­ade darin einer Utopie des gemein­samen Lebens verpflichteten Beziehungsleben zahlen die Deutschen der ›zweiten Gen­er­a­tion‹ für den Nachkriegsauf­stieg, der nicht ihr Werk ist, und das Geschehene, das, dank verbesserter medi­zinis­cher und finanzieller Ver­sorgung der Älteren, in ihrem lebenslänglichen Unfrieden mit sich selbst erstar­rte Präsenz besitzt.

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