Nach 1989 geriet die Erin­nerungskul­tur von zwei Seiten unter Druck. Das dop­pelte Erbe der DDR und das his­torische Deu­tungs­begehren, das aus den Biogra­phien der nach 1989 aus den Län­dern Osteu­ropas und der ehe­ma­li­gen Sow­je­tu­nion zuge­wan­derten Deutschen sprach, mün­de­ten in eine verdeckte Kon­fronta­tion der Inter­pre­ta­tio­nen, die sich in der All­t­agssprache einen fes­ten Platz erobert hat und in Ent­gleisun­gen der Poli­tik wie der Ausweisung von ›no-​go-​areas‹ für Aus­län­der nach irakischem Vor­bild in den neuen Bun­deslän­dern für Befrem­den sorgt. Angesichts der legit­imieren­den Funk­tion der Erin­nerungskul­tur für das Gemein­we­sen sind das ern­ste Prozesse, in deren Ver­lauf ein­er­seits der Rich­tungssinn, ander­er­seits die inte­gra­tive Kraft der Insti­tu­tion ins Gerede gekom­men ist. Neg­a­tiv gesprochen hieße das: die neue Erin­nerungskul­tur präsen­tiert sich gle­icher­maßen rich­tungs­los und autoritär im Zulassen und Ver­w­er­fen von Erin­nerun­gen. Ob man darin neue legit­imierende Kämpfe oder die Anfänge eines unaufhalt­samen Dele­git­imisierung­sprozesses sieht, an dessen Ende die notge­drun­gene Resti­tu­ierung der Nation steht, ist gegen­wär­tig eine Frage der poli­tis­chen Optik.

Der rasch zunehmende Anteil von Per­so­nen mit fremd– oder gemis­chtkul­turellem Hin­ter­grund an der Gesamt­bevölkerung wirft weit­erge­hende Fra­gen auf. Das nationale Erin­nerungsmod­ell macht dieser Per­so­n­en­guppe kein beson­ders attrak­tives Iden­ti­fika­tions– und Inte­gra­tionsange­bot. Das ist, aufs gesellschaftliche Ganze gese­hen, vielle­icht nicht beson­ders wichtig, solange Migra­tion vor allem als Fluk­tu­a­tion (mit Anpas­sun­gen an die kon­junk­turelle Arbeits­mark­t­si­t­u­a­tion) oder als Elendsmi­gra­tion ver­standen wird: in bei­den Fällen steht das gefes­tigte Selb­stver­ständ­nis des reichen Lan­des im Zen­trum, das den ›Frem­den‹ seine Arbeit­splätze und sozialen Sicherungssys­teme zur par­tiellen Nutzung über­lässt und ihnen freis­tellt, ob sie sich inte­gri­eren möchten oder nicht. Die Über­prü­fung des Schul­sys­tems hat gezeigt, dass diese Deu­tung bere­its zum gegen­wär­ti­gen Zeit­punkt beträchtliche Wahrnehmungslücken enthält. Und die vom amerikanis­chen Kampf gegen den Ter­ror pro­duzierten Schlagzeilen haben dem Begriff des ›inneren Friedens‹ eine religiös-​kulturelle Note wiedergegeben, die His­torik­ern ver­traut ist, eine laizis­tis­che Poli­tik aber gern dauer­haft von ihm fer­nge­hal­ten hätte. Vor allem belehrt die prog­nos­tizierte Bevölkerungsen­twick­lung darüber, dass diese sat­uri­erte Sicht der Dinge obso­let ist.

Einer gängi­gen Auf­fas­sung nach wäre es ›jetzt‹ an der Zeit, von Fluk­tu­a­tion auf Inte­gra­tion ›umzuschal­ten‹. Was daran poli­tisch mach­bar ist, sollte die Wahrnehmung lim­i­tieren­der Fak­toren und die Reflex­ion auf kul­turelle Gegeben­heiten, die dem Machen leicht eine andere als die vorgedachte Rich­tung geben, nicht beein­trächti­gen. Wenn Inte­gra­tion zu den Auf­gaben eines jeden Gemein­we­sens zählt, die es unter anderem durch Sta­tuszuweisun­gen (darunter die des Gastes, Flüchtlings etc.) löst – oder zu lösen ver­sucht –, dann scheint diese Rede wenig ergiebig zu sein, wenn es darum geht, die beson­dere Prob­lem­lage eines Lan­des zu beschreiben, das sich aus Man­gel an Nachkom­men­schaft am Welt­markt für Migra­tionswillige zu bedi­enen wün­scht. Ein Stück näher kommt man ihr, wenn man zwei lim­i­tierende Fak­toren in die Über­legun­gen einbezieht.

– Es ist keine poli­tis­che Def­i­n­i­tions– oder Wil­lens­frage, ob ein Land mit nation­al­staatlichen Insti­tu­tio­nen, zu denen die Organe und Mech­a­nis­men der poli­tis­chen Wil­lens­bil­dung, das nationale ›Gedächt­nis‹, die Selbst– und Fremd­wahrnehmung des ›Lan­des‹ und seiner Gren­zen, die Funk­tion der Lan­dessprache, der religiöse, lit­er­arische und kul­turelle Fun­dus und schließlich der sich in einer Fülle kleiner und kle­in­ster All­t­agshand­lun­gen und –reden bezeu­gende Wille der ›über­wälti­gen­den‹ Bevölkerungsmehrheit zählen, als Ein­wan­derungs­land gilt. Soll das Wort nicht als weit­ge­hend leerer Prob­lem­löser durchge­hen, so setzt es einen Mix von Herkun­fts­geschichten seiner Bewohner voraus, in dem das Motiv der Ein­wan­derung dominiert. Län­der wie Deutsch­land sind Zuzugs-​, nicht Ein­wan­derungslän­der: im Geschicht­en­mix ihrer Bewohner über­wiegt das – regional, geneal­o­gisch oder kul­turell inter­pretierte — sesshafte Motiv, das durch Son­dergeschichten mit eigenkul­turellem Hin­ter­grund ergänzt und angere­ichert wird. Insofern nimmt es nicht Wun­der, dass Jour­nal­is­ten auf Wörter wie ›Völk­er­wan­derung‹ und ›Land­nahme‹ ver­fallen, wenn sie die kom­menden Umwälzun­gen bild­haft zu benen­nen ver­suchen – Vok­a­beln, die im europäis­chen Kon­text Auflö­sungs– und Unter­gangsphan­tasien, aber keine real­is­tis­chen Optio­nen bezeichnen.

– ›Ein­wan­derung‹ ist unter den heute herrschen­den kom­mu­nika­tions– und verkehrstech­nis­chen Bedin­gun­gen ein in staatsmän­nis­cher Absicht gepflegter Euphemis­mus. Der Vor­gang, für den das Wort steht, ist charak­ter­isiert durch räum­liche und zeitliche Tren­nung, Irre­versibil­ität, par­tielle oder totale Kom­mu­nika­tion­s­ab­brüche, soziale und kul­turelle Ent­frem­dung und – im Fall des Gelin­gens — erneute ›Akkul­tur­a­tion‹. Diese Fak­toren sind zwar nicht voll­ständig aus dem Migra­tions­feld ver­schwun­den, aber ihr Wan­del hat das spez­i­fis­che Gewicht des Vor­gangs so weit verän­dert, dass es erlaubt ist zu sagen: ten­den­ziell findet Ein­wan­derung, jeden­falls in den entwick­el­ten Län­dern, nicht mehr statt. Die zeit– und raum­lose glob­ale Kom­mu­nika­tion, die massen­medi­ale Präsenz der Herkun­fts– in den Auf­nah­melän­dern, die Entwick­lung des Flugzeugs zum plan­e­tarischen Massen­trans­port­mit­tel und der sozioökomis­che Wan­del, der eine weit­ge­hend berührungs­freie Koex­is­tenz mit der ›ein­heimis­chen‹ Bevölkerung über Gen­er­a­tio­nen hin­weg erlaubt, lassen das Gemeinte – und Erhoffte – zu wenig mehr als einer his­torischen Rem­i­niszenz schrumpfen.

Mit der gegrün­de­ten Aus­sicht darauf, dass die Bevölkerungsan­teile in den Auf­nah­melän­dern sich durch Zuzüge sig­nifikant ver­schieben, bis hier und da Mehrheiten sich in Min­der­heiten verkehren, ver­wan­delt sich das Bevölkerung­sprob­lem in ein Def­i­n­i­tion­sprob­lem der beson­deren Art: wer die Macht besitzt, den zu erhal­tenden Kernbe­stand des Aus­gangssys­tems zu definieren, entschei­det indi­rekt darüber, welches Volk man ein paar Jahrzehnte später in den jew­eili­gen Lan­des­gren­zen antr­e­f­fen wird. Das existierende Volk, sofern es in diesem Prozess eher kom­men­tierend in Erschei­n­ung tritt, reagiert ges­pal­ten: ein­er­seits ist ihm ele­men­tar an der Aufrechter­hal­tung der Pros­per­ität gele­gen, die es für einen Aus­fluss des gegen­wär­ti­gen Sys­tems hält, ander­er­seits möchte es seine Posi­tion im zu erwartenden Verteilungspot­pourri gewahrt wis­sen, gle­ichgültig ob es um sozialen Sta­tus, Straßen­bilder, Wohnge­wohn­heiten oder den informellen Zusam­men­halt der Gesellschaft geht. Nüchtern for­muliert: es wird zum Befür­worter von Zuwan­derun­gen, die es ablehnt, sobald sie mit realen Ver­schiebun­gen im Lebensstil und in den Machtver­hält­nis­sen einhergehen.

Das Dilemma schmeckt ein wenig nach Brechts bekan­ntem Ratschlag an die Regieren­den: »Wäre es da /​Nicht doch ein­facher, die Regierung /​Löste das Volk auf und /​Wählte ein anderes?« Immer­hin erscheint er unter den gegebe­nen Bedin­gun­gen im Kern real­is­tis­cher als der Ver­such, Aus­län­der über das Erin­nerungspar­a­digma in die Gesellschaft zu inte­gri­eren, indem man ihnen den poten­tiellen Opfer­sta­tus vor dem Hin­ter­grund der Aktiv­itäten neon­azis­tis­cher Schlägertrupps anbi­etet. Die Europäisierung der Erin­nerungskul­tur, darunter ihre Anre­icherung um den Kolo­niald­iskurs, die die Rela­tio­nen von Erin­nern und Erforschen, Vergessen und Gedenken neu sortiert, stellt Inte­gra­tions­muster bereit, deren Annahme bere­its die Ablehnung inhärent ist. In den Län­dern der ehe­ma­li­gen Kolo­nial­her­ren füt­tert die kri­tis­che Kon­servierung der ras­sis­tis­chen Topoi das bekan­nte Sys­tem, ein bere­its vorhan­denes, angesichts seiner abwe­ichen­den Geburten­raten arg­wöh­nisch beäugtes Bevölkerungspo­ten­tial mit indi­vidu­ellen Auf­stiegschan­cen auszus­tat­ten und zugle­ich am unteren Ende der sozialen Skala zu fix­ieren. Europa wird die Prob­leme der Deutschen nicht lösen, es wird aber erwarten, dass die Deutschen sie lösen, statt es ein weit­eres Mal in die dro­hen­den Schat­ten der incer­ti­tudes alle­man­des zu tauchen. Den Deutschen wäre eine etwas freiere Sicht darauf zu gön­nen, dass keine alter­na­tiv­los fordernde Mod­erne, eher schon das unvol­len­dete Ver­ständ­nis einer als Zukunft mask­ierten Ver­gan­gen­heit für gewisse gen­er­a­tionsspez­i­fis­che, aber mit der Ten­denz zur Fortschrei­bung behaftete Block­aden ver­ant­wortlich ist. Die ver­gle­ich­bare Lage von Län­dern wie Ital­ien, Japan, Süd­ko­rea oder Rus­s­land erscheint in dieser Per­spek­tive als ver­gle­ich­bar spez­i­fis­che, die ein analoges, die jew­eils gültige historisch-​kulturelle Kon­stel­la­tion zu Rate ziehen­des Ver­ste­hen der wirk­samen Para­me­ter verlangt.

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