Seit meinem Weg­gang aus Berlin hatte ich mit keinem Mann mehr geschlafen. Ich war klar, durch­sichtig und unbe­wegt wie ein Kristall. Ein– zweimal hatte ich noch einen Ver­such unter­nom­men, aber es dann gelassen. Der Gewis­sheit, es nicht nötig zu haben, hielt keine Sit­u­a­tion lange stand. Dies­mal hatte ich es nötig, bit­ter nötig, jede Faser ver­wan­delte sich in eine Kom­plizin. Er schüt­telte ein wenig den Kopf, als müsse er eine Erin­nerung loswer­den, fasste meine Ober­arme und bugsierte mich sacht, bevor ein Unwille in mir auf­flam­men kon­nte, in den leeren Raum. Mein Atem ging flach. Er murmelte etwas. Ich sah nur die Anstren­gung, mit der er die Lip­pen bewegte. Eine winzige Regung lief an der Ober­fläche irgen­deiner Tiefe dahin. Mit Dau­men und Zeigefin­ger griff er sich an die Nasen­wurzel und fuhr langsam zu bei­den Seiten des Nasen­beins abwärts. Ich wandte mich ab und ging durch die Tür. Zwei oder drei Pärchen schlierten in enger Umar­mung. Thea bekam runde Augen, bevor sie auswich. Ich tat zwei, drei Schritte in den schwank­enden Raum hinein. Dann ließ ich mich fallen. Seine Brust fing mich auf. Hände grif­fen nach meinen Ell­bo­gen, die sich entspan­nten, wan­derten weiter, umschlossen die Handge­lenke. Wir schoben uns vor­wärts. Ohne mich aus seinem Griff zu lösen, drückte ich die Klinke zu meinem Zim­mer nieder; ich hörte, wie er die Tür hin­ter uns schloss.

Auf dem Schreibtisch bran­nte noch die Lampe. Einen Augen­blick wün­schte ich, es wäre völ­lig dunkel. Dann wieder war ich ihr dankbar; unter der ges­pan­nten Ober­fläche keimte ein kraft­loses Bedürf­nis nach Nüchtern­heit. An dem harm­losen Lichtkreis erkan­nte es einen Ver­bün­de­ten. Behut­sam drehte ich mich um meine Achse. Statt mich loszu­lassen, hatte er nur die Hände erhoben, so dass wir uns mit ver­schränk­ten Armen gegenüber­standen. Sein Blick musterte das Tier, das da aus seiner Umar­mung her­vorkam. Meiner stub­ste ihn an, als wollte er sagen: ›Hop­pla, ich bin auch da‹, bevor er ihn abtastete und verschlang.

Über­gangs­los brachen wir in ein Gelächter aus, aus dem ich gelöst und irgend­wie erfrischt her­vorg­ing, zu den Tat­sachen, wie es mir wirr durch den Kopf schoss. Das Stampfen nebe­nan set­zte aus. Ich schlän­gelte mich an den Schreibtisch und löschte das Licht. Das Fen­ster stand offen, die kalte Luft reizte meine Haut. Unge­filtert fluteten die Geräusche der Nacht mein kleines Apart­ment. Ein Lastzug dröh­nte; sein Schep­pern, von Hauswän­den vielfach zurück­ge­wor­fen, skizzierte ein wüstes, gle­ich­sam rich­tungsloses Trapez, das vom Zis­chen und Mahlen des übri­gen Verkehrs umspült wurde; vom Fluss schlug das ölige Blub­bern eines Lastkahns herüber, und über allem set­zte sich das Schwirren draußen, in der Ebene, dahin­glei­t­en­der Fernzüge ins Ohr.

Der Brief, unge­fal­tet, der Brief.
Die Hand daneben, die Hand.
Die Hand, auf­flat­ternd, meine Hand.

Das wars. Den Brief werde ich ins Kuvert stecken, ihn zur Post tra­gen, durch den Schlitz schieben und das Geräusch hören, mit dem sein Fall endet. Ich werde mir vorstellen, wie ihn der Post­sack aufn­immt, gedrängt, Fall an Fall, wie sich Hülle um Hülle um ihn schließt, um ihn schließlich freizugeben an die Hand, die den Umschlag aufreißt, um ihn ans Licht zu ziehen – nein, das werde ich mir nicht vorstellen. Obwohl… vielleicht.

Später vielle­icht.

Ich schaue aus dem Fen­ster, aber ich schaue nicht hin.

Draußen bewegt sich was; ich bin zu müde, um ihm zu folgen.

Ich schlage die Augen auf, ein­mal, zweimal, aber es hält nicht. Was zufällt, das innere Lid, es lässt sich nicht offen halten.

Die Schwere wächst in den Schläfen.

Da ist etwas, da ist nichts. Ein Vorhang aus grauen, wirbel­nden Flocken deckt es zu.

Es? Ach. Ich begreife. Jaja. Ja doch, den Zeu­gen kenn ich. Ich… bin ihm ein-​, zweimal begeg­net. Wo? Schwer zu sagen. Es war Tag, es bran­nte kein Licht. Kichert wer? Hallo! Ist da jemand? Ich rede und wer sind Sie? Wir hat­ten bere­its das Vergnü­gen? Aber… Ich ver­misse Ihr Gesicht. Wie? Sie haben keins?

Ja, das erin­nert mich. Bleiben Sie sitzen, es macht keine Umstände, bleiben Sie sitzen. Was wollen Sie wis­sen? Alles? Nichts? Nichts Bes­timmtes? Das ist gut. Es ist gut.

Wir kön­nen uns ruhig duzen, es macht keinen Unter­schied. Doch doch, ich erin­nere mich, Sie gese­hen zu haben, es muss eine Weile her sein. Du entschuldigst, wenn ich die Schuhe abstreife und mich aufs Bett lege? Nur einen Augen­blick, einen kurzen… Warum denn? Geniert es dich? Aber es ist doch Tag… Ein Tag, so durchwach­sen wie der, an dem wir beide, du und ich, nach Berlin fuhren. Weißt du noch?

Ein guter Beifahrer warst du, mag sein, ich ver­gaß damals, es dir zu sagen. Ich hatte den Kopf so voll; ich glaube fast, ich habe dich ver­nach­läs­sigt. Du wirst es mir nicht nach­tra­gen, oder? Du erin­nerst dich nur noch vage? Komm her, setz dich. Rück ein wenig näher. Leg deine Hand auf meinen Bauch, hier: Spürst du etwas? Ein ganz klein wenig? Doch, du spürst es. Es macht dich ver­legen, ich seh dirs an. Ich kenne dein Gesicht, ich habe es nicht vergessen, zwis­chen den anderen war es immer vorhan­den. Heute ist dein Tag, freust du dich? Lächle, so fällt es leichter.

Du willst es also wissen?

Stimmt, so warst du schon damals. Obwohl du eis­ern schwiegst. Du hättest mich fra­gen kön­nen, vielle­icht wäre manches anders gelaufen. Aber es stimmt ja: Ich wollte nicht, dass jemand fragt. Noch heute ist es mir lieber, wenn ich die Fra­gen stelle. Etwa diese: Was habe ich dir damals gesteckt? Die Fahrt zog sich, wir hat­ten viel Zeit, was weißt du bere­its? Du zuckst mit den Schultern?

›Sei unbe­wegt –‹ Lach nicht, lächle. Diese Ode an Behrisch hat uns beide beein­druckt. Und schließlich… war es unsere Klausur damals. Du erin­nerst…? Als sie vor­bei war, gin­gen wir zusam­men ins Café. Näch­ste Woche, erzählte ich, würde ich nach Berlin fahren. Du warst entzückt, woll­test sofort mitkom­men, hat­test Gründe, die ich vergessen habe, Vor­wände vielle­icht; jeden­falls fasste ich so einen Ver­dacht und zögerte. Nicht deinetwe­gen; bilde dir da nichts ein. Aber ich musste allein sein, musste allein ankom­men; du störtest. Ander­er­seits störtest du nicht zu sehr. Ich kon­nte dich bei deinen Fre­un­den abset­zen und sagen, da ist keiner, und wenn alles schiefging, war doch einer da, der mich mit­nahm wie vorher ich ihn. So dachte ich… vielle­icht, vielle­icht nicht, egal.

Ging es schief? Ging alles schief? Es ging anders. Du wur­dest über­flüs­sig in diesem Spiel. Aber du störtest auch dann nicht. Eigentlich störtest du nie. Und heute… Heute brauche ich dich vielle­icht. Halt still, ich will dir etwas zeigen, am Ohrläp­pchen, da: Siehst du es? Eine Narbe.

Wer? Nicht, was du denkst. Ich habe sie mir ein­ger­itzt, bevor wir los­fuhren. Ich fasse gern dor­thin, ganz unwillkür­lich. Ich wollte ein Mal besitzen, ein Erin­nerungsze­ichen. Denn, was du damals nichts wis­sen kon­ntest, ich fuhr zu spät. Um einen Abend und einen Tag zu spät.

Viel habe ich dir nicht ver­raten. Nur – so beiläu­fig, wie es mir eben gelang – , dass ich einen Fre­und besuchen wollte. Das war nicht falsch, aber nicht die ganze Wahrheit. (Doch doch, du wusstest es. Ich mag nicht, dass du den Ahnungslosen spielst, lass das.) Also gut, ich besuchte nicht irgen­deinen Fre­und. Ich fuhr zu dem Mann, mit dem ich zwei Jahre zusam­men gelebt hatte, bevor ich im Westen blieb, als sich, wie man damals sagte, mir unver­hofft die Gele­gen­heit bot. Ein ver­schol­lenes Leben: keine Briefe, keine Tele­fonate. Ich wollte ihn nicht gefährden, redete ich mir ein; alles Lüge. Man heiratete schnell da drüben, früher oder später lief alles auseinan­der. Hier im Westen wollte ich eine andere sein. Die, die ich auch war, die ich gewe­sen war, wün­schte ich – wohin eigentlich? Ins Nir­gendwo. Was, dachte ich, ging mich an, was gewe­sen war? Nichts, gar nichts. So sollte es sein.

Ich bin müde, zu müde. Das Schneegestöber, es lässt nicht nach. Ich fühle nur, etwas ist da. Lass mich reden, lass mich. Lass mich ausre­den; ich spreche mich ein. Frag nicht, in was. Ich weiß es nicht.

In der Nacht, als die Mauer fiel, wie man heute sagt, feierte eine Bekan­nte – Gudrun, glaube ich, hieß sie – ein kleines Fest, ein Fes­tel, wie wir das nan­nten. Kein Wun­der also, dass wir nichts mit­beka­men. Aus einer unbe­grei­flichen Laune her­aus schal­tete ich am näch­sten Mor­gen den Fernse­her ein. Da stand dieser Mann im Bun­destag; er sprach den Satz, den wir uns später immer wieder auf allen Kanälen anhören mussten: »In dieser Nacht sind wir Deutschen das glück­lich­ste Volk auf der Welt.« Ich dachte nichts, sagte nur hal­blaut vor mich hin (und emp­fand dabei selt­sam wenig): Jetzt ist er übergeschnappt.

Als die Bilder aus Berlin kamen, lief es mir kalt über den Rücken. Mein Vater hatte ziem­lich hoch in der SED mit­ge­spielt, und wenn ich mir auch sicher war, dass er meinen Weg­gang ›im Grunde‹ nicht miss­bil­ligte, so ließ sich doch kaum überse­hen, dass er meinen Bruder und mich der Partei gegenüber zur Hörigkeit erzo­gen hatte. Er machte gern Scherze und für die meis­ten seiner Mitkämpfer emp­fand er eine unaus­ge­sproch­ene Ver­ach­tung; aber dabei blieb es auch. Du hättest ihn ken­nen sollen: ein schlanker, duld­samer Mann, der selbst im Zorn höflich und immer ein biss­chen zärtlich blieb. Ich hing an ihm und has­ste, was ich seine Kom­pro­misse nan­nte. Doch auf der Ebene der Reflexe war alles entsch­ieden, das merkte ich rasch, als ich hier­her kam, und die Bestürzung, die mich angesichts der Men­schen über­fiel, die auf der Mauer standen und andere nach­zo­gen, angesichts all der Gesichter, die leuch­t­end einen Punkt im Imag­inären fix­ierten, den ich nur zu gut kan­nte, war so stark, dass mein Herz stockte.

Du rückst ab? Wie sen­si­bel. Natür­lich emp­fand ich das Glück der Leute, wie nicht? Beide Empfind­un­gen sprangen in mir auf wie ein Paar gekreuzter Klin­gen. Ich stand, stand, und dann – dann sah ich ihn. Ein blasses Gesicht, ein Schat­ten inmit­ten der schieben­den Menge, vor dem zweiten Blick schon wieder ver­schwun­den. Ich begann zu zit­tern, so stark, dass ich mich set­zen musste und die Tasse, die ich geis­tesab­we­send auf dem Tisch von mir fortschob, aus der Unter­tasse sprang. Und dieses Zit­tern – ich wün­schte, du ver­stehst, was ich meine –, es ist bis heute da. Es läuft in mir fort, unter der Ober­fläche, es bricht hin­ter­rücks aus, ohne Vor­war­nung, unver­mutet, draußen, unter Leuten, oder am Schreibtisch, allein. Selbst jetzt sind wir nicht sicher davor, es kann jeden Augen­blick los­ge­hen. Du ver­stehst? Nein? Aber ich will es; ich will.

Ich bin nicht sen­ti­men­tal. Ich weiß mich meiner Haut zu wehren, wenn es darauf ankommt. Sofort machte ich mir klar, dass hier nicht eine aus­ge­s­tandene Liebe­saf­färe unverse­hens wieder auf­brach. Es war schlim­mer: mein früheres Leben griff nach mir und über­flutete mich. Der Osten, das war ich selbst, die ich nicht mehr sein wollte; unzugänglich ver­wahrt in einer altertüm­lichen Vit­rine, zu der es keinen Schlüs­sel mehr gab, weil er vor Men­schenge­denken verse­hentlich in den Abfall ger­aten war. Die Vit­rine war aufge­sprun­gen, groß, dunkel, geborsten ragten ihre Flügel in den Raum. In ihrer Mitte, zier­lich, auf einem verblich­enen Platzdeckchen stand mein anderes Ich und musterte mich. Es musterte mich durch ein Paar Augen, die ich allzu gut kan­nte, und ich, ich… drehte mich weg. Aber das Zit­tern kam und verg­ing, ohne zu fra­gen, wie ich mich ger­ade fühlte und ob ich genü­gend Zeit hatte. Wenn es zwis­chen­durch abklang, wusste ich, dass es in Wahrheit blieb und wartete. Das Warten besaß ein Gesicht: graue Augen, bre­ite Stirn, einen dicken Mund und ein ener­gis­ches, schlecht rasiertes Kinn.

Komm, sei nicht müde. Du bist nie­mand, aber du bist hier. Langsam legt sich das Gestöber. Im Kessel bollert das Wasser. Soll ich dir einen Tee aufgießen? Nein? Komm näher, zeig dein Gesicht. Siehst du, da und da – und hier: alles Stellen, an denen er immer die Stop­peln ste­hen­ließ. Es sch­abte ein wenig, wenn wir uns küssten, wahrschein­lich, weil ich so ein langes Kinn habe. Weißt du, wo wir uns ken­nen­lern­ten? In einem Poet­ensem­i­nar im Harz. Er schrieb Gedichte, wie ich auch. Das heißt, eigentlich keine Gedichte, son­dern lose Wort­fol­gen, die nie­mand ver­stand, mimosen­haft, ziem­lich autis­tisch. Manche Zeilen sind mir im Gedächt­nis geblieben:

Schnee spreizt Wun­den
Sch­aben sch­aben
im Käferduett

Ver­mut­lich waren auch lustige Sachen darunter. Uns fiel das nicht auf. Er weigerte sich strikt, etwas vorzu­tra­gen. Er teilte die Manuskripte aus und ver­langte, dass wir schweigend über seiner krake­li­gen Hand­schrift brüteten. Kaum zu glauben, er hatte auch einen Beruf: Er war Drucker in Frank­furt an der Oder. Mein Vater hat uns dann rasch eine Woh­nung in Berlin-​Mitte besorgt, Alt­bau. Wir fühlten uns reich­lich priv­i­legiert, dabei lehn­ten wir so etwas aufs entsch­ieden­ste ab.

Du merkst schon, in welches Fahrwasser ich ger­ate. Es war wieder da: die zer­beul­ten Müll­ton­nen im Hof, die halb zer­schla­gene Kloschüs­sel im Trep­pen­haus, die welken Gemü­sevor­räte auf dem Balkon der Nach­barin, einer älteren Frau mit schiefge­zo­genem Mund, die so durch­drin­gend grüßte, dass wir nie mit ihr sprechen woll­ten – in meinen Träu­men hatte alles seinen fes­ten Ort, und ich huschte wie ein schreck­haftes Gespenst dazwis­chen herum.

Ich weigerte mich fernzuse­hen. Herum­liegende Zeitun­gen über­sah ich geflissentlich. Wenn ich einen Trabi die Straße ent­langrollen sah, wech­selte ich auf die andere Seite. Später, viel später, in einer Mag­a­zin­sendung, sah ich zum zweiten Mal die Bilder jener Nacht. Ich star­rte und star­rte. Das Gesicht erschien nicht. Vielle­icht war die Sequenz her­aus­geschnit­ten wor­den. Ich weiß es nicht, will es nicht wis­sen. Ah, ich ver­gaß, welche Kraft es Tag für Tag kostete, an den Briefkas­ten zu gehen. Ich wollte ihn abreißen lassen, mir ein Post­fach zule­gen, doch die Hausver­wal­tung blieb zäh, sie bestand auf dem Kas­ten. Nach einem Jahr war ich mürbe. Meine Prü­fun­gen hatte ich hin­ter mir, einige jeden­falls; ich musste mich neu ori­en­tieren. Also schrieb ich ihm an unsere alte Adresse, ich würde ihn besuchen, dann und dann, falls er es wün­schte. Zehn Wochen später kam eine Karte. Sie enthielt seine neue Anschrift und vier Wörter: Ich freue mich. Peter.

Es hätte mich stutzig machen müssen. Ich – freue – mich: Was war das? Ein dop­peltes Ich? Ein Nichts? Aber ich ver­fiel in heil­lose Aufre­gung. So kam ich zu unserer Klausur. Du hast nichts davon bemerkt? Ich meine doch: ich zog dich mächtig an. Deine Blicke hin­gen an mir, dass ich hätte umfallen kön­nen, wenn ich nicht bere­its in einem anderen Griff gezap­pelt hätte. Du warst reizend, du warst ahnungs­los, du warst so unbeteiligt an allem, dass ich dich hätte umar­men mögen, weil du nicht in Betra­cht kamst. Du warst draußen, du warst das Café, du warst das Tablett, das die Bedi­enung vor­beitrug, die Gabel, die ich in meiner Hand hielt und ein ums andere Mal fortlegte, weil ich keinen Bis­sen herun­ter­brachte. Du warst nicht da, du existiertest nicht; du hättest dich in Luft auflösen kön­nen, ich hätte es nicht bemerkt. Kränkt es dich, jetzt, wo du es weißt? Ein kleines biss­chen vielle­icht? Nein? Macho.

Zwei Abende vor unserer Abfahrt lud meine Zim­mer­nach­barin zu sich ein. Sie hatte, wie sie glaubte, ein Traum­los gezo­gen: Eine Köl­ner Buch­hand­lung nahm sie als Lehrling an – nicht irgen­deine Buch­hand­lung, eine ganz beson­dere sollte es sein, ich habe vergessen, warum. Sie freute sich so, dass eine Atmo­sphäre von Rührung, leisem Neid und gön­ner­haftem Spott über dem ganzen Abend lag, wie ich es sei­ther nicht wieder erlebt habe. Ich kan­nte die wenig­sten ihrer Fre­undin­nen und lang­weilte mich ein biss­chen, wahrschein­lich, weil sich meine Gedanken ohne­hin nicht zügeln ließen. Unschlüs­sig über­legte ich eine Weile, ob ich mich zurückziehen sollte. Es lohnte nicht recht; bei dem Lärm, der alle Wände durch­drang, war weder an Lesen noch an Schlafen zu denken. Ich ging zur Tür, langsam, ver­sunken, ich glaube sogar, ich hatte Trä­nen in den Augen, als mich ein Stoß in den Rücken traf. Das war nichts Beson­deres angesichts der herrschen­den Enge und der Abgeschlossen­heit der Grüp­pchen, die einan­der die Rücken zukehrten, gestikulierten und sich vor Lachen bogen. Ich schreckte auf, ohne mich nach dem Gro­bian umzublicken, als die Stimme mein Ohr traf: dunkel, ein wenig samtig, mit einem sich ständig verän­dern­den sonoren Kern; ger­ade so, als sei da jemand, der die Wörter nach seinem Bedarf artikulierte und sie dann erst zum all­ge­meinen Gebrauch freigab.

Natür­lich hatte er mich nicht beachtet. Er stand und redete auf eine schmächtige, schwarzhaarige Stu­dentin ein. Ihre Augen sprühten. Nach jedem Wort, das sie sprach, fuhr sie sich mit spitzer Zunge blitzschnell über die Lip­pen. Als ver­richte in ihrem Mund, unbeschadet des vorg­erück­ten Abends, ein kleiner stäh­lerner Mech­a­nis­mus seinen Dienst.

Eigentlich sah ich sie nur einen Augen­blick. Er wandte mir sein Pro­fil zu: die Nase mit einem etwas groß ger­ate­nen Knor­pel, aufge­wor­fene, dabei ener­gisch ges­pan­nte Lip­pen, ein run­des, wie eine Box­er­faust vor­sprin­gen­des Kinn und über allem die Stirn – groß, flauschig, ein Kuck­uck­sheim für jede Art von Getier, eine Stirn zum Darüber­stre­ichen und Wolken­schieben, eine Stirn zum Vergessen­wollen und schon Vergessenhaben.

Ich tippte ihm an die Schul­ter – er trug eine graue Woll­jacke, die dort, wo sie auf die Jeans traf, sich etwas abspreizte – und sagte mit einer rauhen Stimme, die ich bei der Gele­gen­heit ken­nen­lernte: »Beim näch­sten Mal mit mehr Effet, wenn ich bit­ten darf!«

Er sah mich an, irri­tiert, mit einem halb abwe­senden Blick, von dem ein schmaler Strahl durch mich hin­durchging, zurück­kehrte, ver­schwand. Ich hatte den Kopf zurück­ge­wor­fen und senkte die Augen. Der Blick kam wieder, erst prüfend, dann in einer Art von Erstaunen sich auf­fäch­ernd, so dass ich unwillkür­lich die Schul­tern anhob und zurückwich.

Es muss gegen vier gewe­sen sein, als ich aufwachte. Michael (es war uns ger­ade noch gelun­gen, unsere Vor­na­men auszu­tauschen) hatte sich zur Seite gewälzt und mich dabei aufgedeckt. Ich fror. Geräusch­los, soweit es gelang, zog ich mich an und schlen­derte in die Küche, um mir eine Zigarette anzuzünden.

Ich war nicht die einzige dort. Zwis­chen dem klap­pri­gen Gemein­schaft­skühlschrank und überquel­len­den Abfall­eimern kauerte meine Nachbarin-​im-​Glück auf einem dreibeini­gen Rohrstuhl; ein Häufchen Elend. Das Make-​up zer­laufen, das Haar zer­wühlt, Trä­nen flossen ihr übers Gesicht. Sie erkan­nte mich, stand auf und fiel mir mit einem Schluchzen um den Hals. Geis­tesab­we­send stre­ichelte ich sie. Forschend sah sie mich an, nahm sich zusam­men und ver­schwand wort­los durch die offene Tür.

Meine Gedanken liefen wie unter Glas, nicht greif­bar. Ameisen­haft wim­melten sie an der Ober­fläche eines Gefühls, das, durch meine vib­ri­eren­den Ner­ven in Erre­gung gehal­ten, eher noch zunahm, wenn dies über­haupt möglich war. Es ist entsch­ieden: so oder ähn­lich lautete seine Botschaft, jeden­falls für den Augen­blick. Mein Kör­per pro­jizierte einen zweiten Kör­per in den umgeben­den Raum. Ich spürte Michaels muskulösen und irgend­wie mas­si­gen Wider­stand. Mir war klar, wo er im Lauf der Jahre Fett anset­zen und in die Bre­ite gehen würde. Ich war schon entschlossen, es nicht bei dieser Nacht zu belassen. Irgend­wann wür­den wir unsere Waf­fen gegen uns kehren, das schien mir sicher. Ich fühlte mich bereit, es mit ihm aufzunehmen.

Die Fahrt kon­nte ich absagen. Gle­ich am Mor­gen würde ich alles Nötige ver­an­lassen. So bestand immer­hin die Möglichkeit, dass an meiner Stelle ein Telegramm in Berlin ein­tr­e­f­fen würde, das die Sache ein für alle­mal bere­inigte. Gegen meinen Willen begann ich mir vorzustellen, wie Peter die Nachricht aufnehmen würde. Es berührte mich pein­lich, als ich bemerkte, dass es mir nicht gelang, sein Gesicht ins Gedächt­nis zu rufen. Beun­ruhigt nahm ich zu der Vorstel­lung Zuflucht, er habe mich längst aus seinem Leben gelöscht und endlich dürfe ich nun darange­hen, ein gle­iches zu unternehmen.

Die Erle­ichterung hielt nicht lange an. Wie, wenn er, durch mein Telegramm aufgeschreckt, auf die Idee kam, mich heimzusuchen? Das war gefährlich, das war nicht auszu­denken. Ich hätte schreien mögen bei dem Gedanken und schob ihn weit von mir, aber nicht weit genug. Bei jedem Klin­geln, über­fiel es mich, würde ich kün­ftig zusam­men­zucken; ich würde kaum noch die Kraft auf­brin­gen, über Nacht allein zu bleiben, aus Angst, er könne mit einem Mal im Zim­mer ste­hen und mit hal­blauter Stimme auf mich einre­den. Das waren Hirnge­spin­ste, lächer­lich, ich wusste es wohl und wis­chte sie bei­seite. Aber der näch­ste Augen­blick zeich­nete ihre bedrohlichen Schat­ten erneut an die enge Wan­dung meines schlaftrunk­e­nen Gehirns. Ich drückte die Zigarette aus und floh zurück ins Zim­mer. Undeut­lich hob sich die Sil­hou­ette des Schläfers in meinem Bett. Ich zog mich aus, schlüpfte unter die Decke und kraulte ihn sacht. Er war hellwach.

Den Vor­mit­tag ver­brachten wir im Bett. Es war mein let­ztes Semes­ter; nie mehr sollte ich erfahren, ob Fou­cault die Vorzüge der weib­lichen Enthalt­samkeit im drit­ten Band von Sex­u­al­ität und Wahrheit (oder ist es der vierte?) nur aus his­torischer Genauigkeit auflis­tet oder ob er uns damit etwas gesagt haben möchte. Gegen elf Uhr stellte ich uns ein kräftiges Früh­stück zusam­men. Wir aßen in der Küche, allein. Gele­gentlich schaute die eine oder andere Mit­be­wohnerin herein, ver­drückte sich rasch. Die Unrast im Hause prallte an uns ab. Bald zogen wir uns wieder in mein Zim­mer zurück. Nach­mit­tags wurde Michael unruhig. Vage deutete er an, er müsse noch einige unauf­schieb­bare Dinge erledi­gen, schlug vor, den Abend in seiner Woh­nung zu ver­brin­gen. Ich brachte ihn an die Tür und lief durch den schnei­den­den Wind in Rich­tung Post, um das Telegramm aufzugeben. Auf der Straße standen Pfützen, einzelne Schneeflocken wehten vor­bei; manch­mal traf mich eine ins Gesicht.

In der Haupt­straße wurde ich langsamer. Ein Kino­plakat, undeut­lich, blieb haften, zog mich zurück. Ein bil­liges Nichts, eine bon­bon­far­bene Karikatur. Ein Manns­bild mit hartem Gesicht und marki­gen Fäusten beugte sich über eine Frau mit ent­blößten Brüsten. Eine Winzigkeit in der Pose des Mannes hatte meine Aufmerk­samkeit geweckt – eine gewisse, mir unverkennbar scheinende Art, wie seine Schul­ter sich senkte und sein Hals sich hob. Die Frau wandte ihm das Gesicht zu – Augen, die bet­tel­ten, einen grotesk überze­ich­neten Mund, groß, feucht, saugend.

Ich spürte den Schlag. Langsam, acht­los wandte ich mich ab, zit­terte. Erst leicht, als müsse sich mein Kör­per an etwas lange Zurück­liegen­des erin­nern, dann hier und da heftiger zuck­end, schließlich so, dass ich die Hände in die Man­teltaschen krallte, weil ich fürchtete, sie wür­den davon­wirbeln, sobald ich sie ließe. Schweiß trat auf meine Stirn, indessen eine vib­ri­erende Kälte von den Füßen her in mich ein­drang. Vor­sichtig set­zte ich einen Fuß vor den anderen; es ging, unter Mühen. Grölend zog eine Horde Schüler vor­bei. Das Post­amt hatte ich aus den Augen ver­loren. Im Wohn­heim zurück, begann ich mehr oder weniger mech­a­nisch den Kof­fer zu packen. Draußen dunkelte es bere­its wieder.

Das Haus lag nicht weit von dem Schuhgeschäft, in das ich jedes­mal ging, wenn ich, was sel­ten genug vorkam, etwas Ele­gantes suchte. Ein hohes, eis­ernes Git­ter versper­rte den Durch­gang. Nach einigem Warten bemerkte ich, dass es nur angelehnt war, und ging hinein. Er wohnte, fünf Stock­w­erke hoch, unter dem Dach. Die Tür zur Woh­nung stand offen. Ich ging einen engen Flur ent­lang, von dem link­er­hand ver­schiedene Räume abzweigten, während sich rechts an der Wand ein langes Bücher­re­gal ent­lang­zog. Er hatte mir schon gesagt, dass er in einer Wohnge­mein­schaft lebte.

Die Tür am Ende des Flurs war nur angelehnt. Ich drückte sie auf. Da stand er, die let­zte, noch unentzün­dete Kerze in der Hand, und hielt ihren Docht in die bläulich auf­schla­gende Flamme eines Feuerzeugs. Die anderen flack­erten in der Zugluft und ließen die Damast­decke schim­mern, auf der die Gläser und das teuer blink­ende Porzel­lan vib­ri­erten, als hät­ten sie ungeduldig auf meine Ankunft gewartet. Er stand und lächelte. Seine stumpf­grü­nen Augen hat­ten einen samte­nen Schleier. Das ließ sie zur gle­ichen Zeit unter­wür­fig und gesetzt erscheinen, etwa als woll­ten sie sagen: Sieh her, das alles ist deins, aber sieh zu, dass nichts zu Bruch geht; ich müsste dich sonst unweiger­lich zur Ver­ant­wor­tung ziehen. Er trug einen dun­klen Blazer. Das weiße, fein gestreifte Hemd stand oben offen, aber so, dass etwas fehlte. Für einen Augen­blick kam es mir vor, als ob die ganze Gestalt sich um diese nicht vorhan­dene Krawatte herum organ­isierte. Ich flog auf ihn zu, nahm ihm die Kerze aus der Hand, umarmte ihn und küsste ihn ab, bis wir schwindlig auf einen der Stühle sanken.

Lang­weilen dich meine Geständ­nisse? Du hast recht, ich ver­liere mich ins Detail. Aber doch eigentlich nur, weil ich wieder stocke, nicht recht weiß, wie fortz­u­fahren. Es fällt mir nicht schwer, das leichte Knar­ren der Tür, den Tisch mit den bren­nen­den Kerzen, den Flügel im hin­teren, abge­dunkel­ten Teil des asym­metrischen Raumes, den schw­eren Vorhang, der den rück­wär­ti­gen Durch­gang ver­hüllt, das zwei­deutig lächel­nde Gesicht aus dem Gedächt­nis aufzu­rufen. Wieder spüre ich den unbes­timmten Drang, das alles durcheinan­derzuw­er­fen, die Koor­di­naten umzu­biegen. Doch über dem, was dann kommt, liegt dieser feine Nebel, und jetzt, da ich ver­suche, ihn wegzubrin­gen, setzt auch der Druck in den Schläfen wieder ein.

Warum? Eine gute Frage: Ich weiß es nicht. Eigentlich geschah nicht viel in der Nacht. Mein Kof­fer lag gut ver­staut im Auto, das ich unten auf der Straße geparkt hatte. Dieses Fak­tum ver­lieh mir, selt­sam zu sagen, eine Art halb ver­steck­ten, halb trotzi­gen Ichge­fühls. Das hin­derte nicht, dass ich mehrfach mit den Trä­nen kämpfte. Es war ein edler, vielle­icht etwas schw­erer franzö­sis­cher Wein, den Michael besorgt hatte – ein beson­derer Jahrgang, der mir ent­fallen ist. (Von seinem wohlge­hüteten Weinkeller ahnte ich noch nichts.) Nach­dem ich ein paar Mal genippt hatte, wusste ich mich in Sicher­heit und sprach ihm großzügiger zu. Der Wein löste Michael die Zunge. Wieder durch­schauerte mich der Klang seiner Stimme. Ich hing an seinen Lip­pen, nickte und lächelte ihm zu, sagte hier und da »Oh« und »Ja?«, während wir Austern verzehrten und Baguettescheiben mit Knoblauch­but­ter bestrichen. Endlich hielt es ihn nicht mehr auf seinem Stuhl. Er fal­tete die Servi­ette zusam­men. Ich musste an unsere Küchen­tücher im Wohn­heim denken und langte nach dem Glas. Vor­sichtig blies er die Kerzen aus, umrun­dete den Tisch, zog meinen Stuhl zurück – während ich leise protestierte –, hob mich auf und trug mich quer durch den Raum. Mit der Schul­ter schob er den Vorhang zurück. Zwis­chen zwei hohen Fen­stern stand ein wuchtiger Schreibtisch mit gedrech­sel­tem Auf­satz, vollgestopft mit Hand­büch­ern und Lexika. Daneben, zur Rechten, lagerte eine Ottomane auf Löwen­füßen, über­zo­gen mit schwarzem, glänzen­dem, hier und da ris­sigem Leder. Auf sie ließ er mich umsichtig nieder. Ich schloss die Arme um seinen Hals und spürte das Gewicht, das sich auf mich her­ab­senkte. Ich rieb mein Gesicht an seiner glat­trasierten, nach Olivenöl und Eau de Cologne riechen­den Wange. Reg­istri­erte den erst vor­sichti­gen, dann stärk­eren Druck, mit dem sein Bein meine Schenkel zu öff­nen ver­suchte, und fühlte, wie sich meine Augen mit Trä­nen füllten.

Er kon­nte nicht wis­sen, dass zwei oder drei Schluck Alko­hol genü­gen, um mein ›Begehren‹ auf abse­hbare Zeit auszulöschen. Ich genoss die Wärme seines Kör­pers und kuschelte mich an ihn. Gegenüber seinen Ver­suchen, mich in Fahrt zu brin­gen, blieb ich schlech­ter­d­ings pas­siv. Das ver­wirrte ihn, wie ich merkte, und weckte seine Ungeduld. Der Wein hatte ihn stak­sig gemacht, er begann, mir wehzu­tun, so dass ich ihm schließlich ein wenig ent­ge­genkam. Doch was dazu ange­tan sein mochte, seinen Drang weiter zu steigern, beruhigte mich und schaukelte mich endgültig in jene bleierne Müdigkeit hinüber, aus der ich von Zeit zu Zeit auf­tauchte, um gle­ich wieder ret­tungs­los zu versinken.

Im Traum – welchem? – lief ich über eine Brücke, die sich zu bei­den Seiten in einem hellen Nebel ver­lor; aus der Tiefe drangen Geräusche, dumpf, krächzend, bänglich. Ich ran­nte, wollte den Rand der Brücke erre­ichen und mich hin­unter beu­gen, doch sie dehnte sich ins Unerr­e­ich­bare. Knirschend öffnete sich der Ein­gang zu einem Trep­pen­haus, ich sprang hinein und taumelte die enge Treppe hinab. Durch eine Eisen­tür trat ich hin­aus. Aber ich musste mich wohl im Stock­w­erk geirrt haben, denn ich stürzte… Ach was, es war doch nur ein Traum.


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