Die Luft stand scharf und kalt über dem Neckar, hochliegende Wolkenstreifen ließen die rote Sonne an den Rändern ausbluten, als wir – du und ich – am nächsten Morgen über die Neue Brücke in Richtung Autobahn rollten. Du schienst ausgeschlafen und gut gelaunt in deinem roten Anorak. Schlafsack und Reisetasche hattest du auf den Rücksitz geworfen und machtest es dir bequem wie jemand, der weiß, dass er über die kommenden Stunden grenzenlos verfügen kann. Ich war noch nicht ganz bei der Sache; mein Kopf schwirrte etwas und gab den Blick aufs Nächstliegende nur langsam frei. Ich hatte lang geschlafen, bis in die Puppen; als ich die Augen aufschlug, badete ich im Licht. Auf dem Schreibtisch stand ein Tablett mit Brötchen und Kaffee. Eine Karte, sorgfältig geknickt, lag daneben. ›Bin gegen elf zurück. Bitte warte auf mich, Liebes – Michael‹ las ich darauf und legte sie wieder hin. Liebes… Ich warf mich in die Klamotten, biss in eins der Brötchen, drehte die Karte um und schrieb: Bin für fünf Tage weg. Vergiss mich nicht – Angelika‹.

So stand es. Ans Ende unserer Fahrt wollte ich nicht so schnell denken. Du erzähltest oder machtest Konversation; was wusste ich, wie es in deinem Kopf aussehen mochte. Ich musste mich konzentrieren: aufs Fahren, auf meine Gedanken, die langsam vom Fahrtgeräusch und der zuströmenden Wärme eingelullt wurden und schrumpften. Manchmal warf ich dir einen Blick zu: Deine Art, ihn aufzufangen und mir, gleichsam auf Händen, zurückzugeben, war so wohltuend gegenwärtig, bloß gegenwärtig, dass ich anfing, mich leicht zu fühlen und den sich öffnenden Zwischenzustand zu genießen… wie die Brötchen, wie den noch dampfenden Kaffee aus der Thermoskanne, von dem ich mir genommen hatte, als wäre ich eine Diebin. Das Bewusstsein, inwendig schon fort zu sein, hatte ein Schuldgefühl erzeugt, gegen das ich mich redlich wehrte, so dass es wie ein nicht angenommener Säugling, schrie, sobald ich die Hand nach einem Gegenstand ausstreckte, der zu ihm gehörte.

Damals sah ich dein Gesicht. Du saßest vornübergebeugt und hattest die Hände vor den Knien verschränkt: eine Pose, die du alle Augenblicke aufgeben musstest, um mich anzublicken oder deine Nase zu reiben, zu der du aber hartnäckig zurückkehrtest, sobald sich die Gelegenheit bot. Nein, du hattest nicht das Zeug zum Vertrauten, dessen war ich mir sicher: dazu warst du – bitte verzeih den Ausdruck – zu scharf. Bitte sei jetzt nicht albern – ich meine nicht das Sexuelle, sondern deine Art, die Dinge wahrzunehmen: introvertiert und gleichzeitig auf dem Sprung. Du wolltest nicht wissen, du wusstest immer schon alles. Was du nicht wissen konntest, das waren Einzelheiten, die dich nicht interessierten: Sie gingen dich nichts an. Bist du verletzt, wenn ich dir das sage? Aber so warst du, und mir, mir war es recht. Du warst einer, der da war, nichts als das, und es tat mir wohl.

Hinter Gießen nahm der Verkehr zu statt ab. Ein unübersehbares Zeichen, mit dem sich das Unbegreifliche ankündigte. Zwischen den schweren Limousinen, vorbei an nicht endenwollenden Kolonnen von Lastwagen schoben sich all die Trabis und Gebrauchtwagen vorwärts, in denen die Fahrer irgendwie anders am Steuer saßen: über das Lenkrad gekrümmt, wie eine lange Gewohnheit es vorschrieb, als misstrauten sie dem Platz, der sich unverhofft um sie herum aufgetan hatte. Scherzend, so wie es sich für den Westmenschen ziemte, machtest du mich darauf aufmerksam. Der Stich saß. Denn natürlich hatte ich es längst registriert. Die Luft hatte sich verändert, und mein bibberndes Herz sagte mir, dass wir dem Ort einer unabsehbaren Katastrophe entgegenrollten, deren Überlebende uns in einem endlosen Treck entgegenkamen. Erleichterung, Staunen, Erwartung zerrten an ihren Gesichtern. Bei manchen hatte der Schock sich bereits gelegt. Ihre wissenden, von neuer und doch so alter Schlauheit redenden Züge, sie trafen mich wie Peitschenhiebe.

Ein Schauer durchrieselt mich, sooft ich an den Unfall vor Eisenach denke: Wir kamen aus einer Kurve – links stieg der Wald und verkürzte die Sicht – , da stand dieser weiße Fiesta quer über die Straße, zusammengeknüllt wie ein Stück Zeitungspapier. Wir schlitterten ganz nah an ihn heran und gafften stumm, als überquerte eine alte Oma die Fahrbahn, auf die aparte blonde Frau, Mitte zwanzig vielleicht, die schluchzend und unfähig, sich zu rühren, auf dem Fahrersitz hockte. Hinter uns röhrten die Lkw, als ob die Luft selbst Schläge austeilte, aber ich hatte nur Augen für diese Frau. Aus einem halbzertrümmerten Wagen am Straßenrand sprangen zwei junge Männer mit blassen, schuldbewussten Gesichtern, mit fliegenden Händen zogen sie sie aus dem Gehäuse. Fast mussten sie sie tragen. Unbeholfen stopften die beiden ihr Opfer in den Fond des eigenen Fahrzeugs, um eilends die Straße freizuräumen: eine deutsch-​deutsche Begegnung. Und ich – gab Gas wie die anderen neben und hinter uns. Was hätten wir tun sollen? Nichts, alles: Wo lag der Unterschied?

Berlin, statt näherzurücken, zog sich weit hinter den Horizont zurück. Ob und wann wir ankommen würden: Die Frage beschäftigte uns eine Zeitlang, dann nicht mehr. Heidelberg haftete blind im Bewusstsein, ein kleiner, zäher, schwarzer Punkt ohne Bedeutung. Schnee begann uns einzuhüllen; erst sachte, verstohlen, dann mit Macht. Es gibt kaum Erregenderes als die stürzende Wand, die sich vor der Windschutzscheibe teilt und auseinanderstiebt und im Zerbrechen den Blick auf ihr Höhleninneres freigibt; vor allem nachts. Doch nur selten kamen wir so zügig vorwärts. Außerdem hatten wir Tag. Es rieselte; wir besahen uns, wie die Flocken auf der Motorhaube vergingen und dabei einen winzigen Fleck hinterließen, der Sekundenbruchteile später verschwand. Wir nahmen es hin, dass die Scheibe sich zusetzte, bis – ewiges Spiel – sich einzelne Brocken an ihrem oberen Rand ablösten und abwärts drifteten, die darunter abgelagerten Partikeln vor sich herschiebend, und stellten gelegentlich mit einem trägen Schlag des Scheibenwischers die Sicht wieder her.

Wege in die Verrohung: So hätten wir das bezeichnen können, was sich vor und neben uns auftat. Zwar gab es, wie immer, die Mehrzahl der passiven Staubewohner, die fatalistisch dem unabsehbar aufgeschobenen Ende ihrer Fahrt entgegenkrochen. Wenn sie aufgebrochen waren, um etwas zu erleben, so kamen sie auf ihre Kosten. Ob es hielt, was sie sich versprochen hatten, mussten sie später entscheiden, wenn die Erinnerung sich darüber hermachte. Die Drängler und Draufhalter beherrschten das Feld. Sie nahmen entschieden Gelegenheit, sich zu produzieren. Ob ein Stau – oder der ›gegenwärtige Stauabschnitt‹ – von einem Unfall oder der nächsten Fahrbahnverengung herrührte, war selten auszumachen. Es blieb auch gleichgültig, denn beides ging fortwährend ineinander über. Gelegentlich preschte einer über die Standspur nach vorn, aber nur, um sich nach wenigen hundert Metern resigniert wieder einzuordnen: Das nächste Wrack kam bereits in Sicht. Manchmal fiel es dem Fahrer eines der großen LKW ein, den Verkehrsfluss vor einer Baustelle vorausblickend zu regulieren, indem er beide Fahrstreifen unter die Reifen nahm. Das bot einen imposanten Anblick, der durch den Zorn der automobilen Zwerge gehoben wurde, die sich hupend und blinkend aus ihrer Zwangslage zu befreien suchten, nur um sich blindlings in die nächste zu stürzen.

Ich begann, die Aufschriften der Transporter zu entziffern. In meinem fiebrigen Gehirn erstand das Bild tausender hektisch auf– und umrüstender HO– und Konsumläden, zu denen diese endlosen Frachten auf dem Marsch waren. Die Heere des siegreichen Westens hielten ihren Einzug, mit einer Naturgewalt, die den roten Teppich aus grauem Asphalt, den man der vom Joch des Sozialismus befreiten Bevölkerung vor die Tür rollte, vor seiner Fertigstellung bereits wieder in Grund und Boden walzte.

Wir waren versorgt, mit belegten Broten, Äpfeln und Musikkassetten, sogar einer Flasche Wein, die wir aber noch zurückstellten. Nur der Bewegungsdrang wuchs, vor allem, als die früh einbrechende Dämmerung uns daran erinnerte, was noch bevorstand. Gerne würde ich schildern, was damals in meinem Kopf vorging, aber es ist restlos vergangen bis auf das seltsame Fiebern, das sich nicht mehr auf meine Situation bezog, sondern auf das alles ringsum – in Grenzen gehalten durch deine Gegenwart. Du warst das Medium, das meine Sinne nach außen lenkte und gleichzeitig für Distanz sorgte. Du erzähltest… Geschichten von der Grenzöffnung, über die ich lachen musste, obwohl sie zum Weinen waren und mich im Grunde – in welchem nur? – ärgerten. Einfache Geschichten, etwa die von dem geschniegelten Bankangestellten, der, im Matsch einer westdeutschen Kleinstadt tänzelnd, auf eine Schlange von ›Ossis‹ einredet, die seit Stunden ansteht, um ihr Besuchergeld zu kassieren: Er möchte sie händeringend an den zweiten, freien Schalter locken, aber stumm, misstrauisch und bewegungslos beäugt ihn die Menge, bis er endlich aufgibt und verschwindet. Wer gibt schon seinen Platz in einer real existierenden Schlange auf? Oder die von dem findigen Bürschchen, das in einer Nebenstraße Coladosen verkauft, fünfzig Pfennig das Stück. Da gab es den hünenhaften Franken im Supermarkt – »hünenhaft« sagtest du, »ein riesiger Kerl mit einer fetten Frau an der Seite« – , der sich ›aus heiterem Himmel‹ umdreht und einer schmächtigen, erschreckt aufblickenden Jungfamilie nachruft: »Dasst’s fei net glei’ euer ganz’ Geld ’naushaut’s, gelt!« Und es durfte die Episode mit dem älteren Herrn im Café nicht fehlen, der, stehend seinen Tee schlürfend, mit Blick auf die Straßenszene bemerkt, »grad’ so war’s achtunddreißig, als wir in’d Tschechei ’neiganga sind«, während nebenan die füllige Dame mittleren Alters seufzt, sie traue sich schon seit Tagen nicht mehr in die Stadt: »Wer weiß denn, was des für Leut sind?« Wie recht sie hatte.

Es gab andere Geschichten, die du leiser, stockender berichtetest. Eine vor allem ist mir haften gebleiben. Du errätst, welche ich meine? Genau. Es ist die von dem Anhalter, einem Mann von fünfzig Jahren, der nach Bad Hersfeld will, ein paar Kilometer nur: »Mama ich komme, ich komm durch, Mama, ich schaff’s…« Ich weinte, lehnte mich an deine Schulter, bat dich aufzuhören. Da geschah etwas: Verführt durch die Anspannung und die Stärke der Erinnerung, die mein Körper barg, glaubte ich, durch dich hindurch, Michael zu spüren. Nach einem Moment der Schwäche riss ich mich, einigermaßen gewaltsam, aus der Verwechslung. Du aber wurdest merkwürdig stumm.