Märchenstunde. Wenn der Abend sich über Berlin– Mitte hermachte, nach der Maloche oder dem qualifizierten Nichtstun oder einer unguten Mischung aus beidem, begannen die Waben zu glühen – in einem schwächlichen Blau, das unvermittelt in gelbe oder grüne Sequenzen umschlug, als führe es U-​Bahn und falle aus einem Tunnel ans Licht, um wieder im nächsten Tunnel zu verschwinden. Nicht wenige Bewohner glitten durch die Dämmerung in das Dunkel, ohne das Oberlicht oder die im Sonderverkauf ergatterte Stehlampe anzuschalten, aus ihren Verliesen drang dieses flackernde Stöhnen, das an halbnackte, blutende Menschenleiber und Elektroschocks denken ließ, dann und wann schlurfte ein langer, gebückter Schatten am Fenster vorbei und man sah: zu helfen war dem nicht. Warum auch? Täter und Opfer vollbrachten ihr Werk im Gleichtakt, sie brauchten keinen Zeugen, der sich notierte, was vorfiel, und damit zur Polizei ging, da konnte ja jeder kommen. Oder jede.

Ich sah aus dem Fenster und schon hatte ich sie am Wickel. Intimität! Das ist ein schönes Wort, die Sache muss wundervoll sein. Zwar hat man immer Zuschauer, doch das ist eingeplant. Nicht im Hinterhof, da passiert nichts, aber nach vorne, kreuz und quer über die Straße: lauter Auslagen, die von einem Standard zeugen, den man noch nicht verinnerlicht hat, aber man übt sich. Nein, zur Voyeurin tauge ich nicht, unnötig, das zu sagen, aber, wie gesagt, wenn die Lichter auf Sendung gehen… Jeder vor seiner Glotze, da weiß man schnell, welches Programm läuft.

Verdammt, ich kann es nicht erzählen, ich kann nicht. Hör zu, das ist keine kleine Sache für mich, noch heute nicht, und du bist vielleicht nicht der ideale Adressat, aber das lässt sich nun nicht ändern. Warum auch? Schließlich bin ich längst darüber hinaus, wo angekommen auch immer, vielleicht auch nirgends, nun… nein, es ist zu komisch, ich fühle, ich muss es rasch hinter mich bringen. Du weißt, Menschen haben diese komischen Bewegungen, an denen man sie erkennt, und Peter… hatte mindestens zwei, ein reicher Charakter, wenn man so will. Eine solche Bewegung, am Rande des Gesichtsfeldes ausgeführt, sagen wir hinter dem Fenster in der unteren Etage links gegenüber, zieht die Aufmerksamkeit herbei, da lässt sich nichts machen, und wenn die zweite Person im Raum auf ähnliche, wenngleich andere Weise, einem seit längerem ins Auge gefallen ist, sei es, weil sie sich auf eine etwas betonte Weise Abend für Abend in einem vorhanglosen Raum ihrer Kleidungsstücke entledigt, dann kann man die Sache schwer vor sich selbst verheimlichen. Wie gesagt, Peter, ich sah ihn dann häufiger, bevor er mit eiligem, etwas müdem Schritt bei mir die Treppe heraufpolterte. Das klingt etwas geschmacklos, ich weiß, es fühlte sich damals noch viel geschmackloser an, aber der Geschmack prägte sich ein.

Schwanger sein ist eine Sache für sich, die Fliege im Auge eine andere. Sie kommunizieren aber miteinander, sie haben einen reichen Verkehr. Ordinär, ja, das ist das Wort. Es drängen sich einem Wörter auf die Lippen, von denen man nicht angenommen hat, dass man sie beherbergen könnte, sie kräuseln die Lippen und verzerren sie ein wenig, mal hier, mal da, man zischt sie an, sie sollen verschwinden, aber sie lächeln nur müde, zucken die Achseln und beginnen ihre handwerklichen Prozeduren aufs Neue. Währenddessen entwickelt sich, innen im Körper, ein neues Gefühl, auf das man gerne verzichtet hätte, kein Kribbeln, beileibe nicht, aber bei Leibe schon… ›mit ir selbes libe‹… Schluss. Wer will, der hat. Wollte ich? Aber was denn? Was hatte ich gewollt? Was geschehen war, ich hatte es eintreten lassen, hatte zugelassen, dass sich der leere, eben erst betretene Raum mit Gestalten füllte, mit Schemen überdies, ungelebten, die mir ein Vorgefühl gaben und… das Gefühl des Aufschubs.

In meinen Lektüren war es mir seltsam vorgekommen, dass dem Exodus der weiblichen Selbstbeschreibungen eine entronnen war (wenn man vom offenkundigem Schwachsinn der Hexen– und Karateweiber absah): ihre Gefühlskompetenz wollten sie sich ebensowenig nehmen lassen, wie die Männer es ihnen erlaubten. Die ›kalte Frau‹, Realität vieler Betten, ist ein Albtraum. Nicht nur für Männer. Ich horchte also in meinen Körper hinein, und was ich da fand, es gefiel mir von Tag zu Tag weniger. Es war, unter uns, nicht der Rede wert. Peter vor allem: während ich mühsam der aufschäumenden Eifersuchtsrede auf den Lippen Einhalt gebot, hatte ich ihn, innen in mir, bereits vergessen. Beides hing sogar, soweit reichte mein Gefühl, miteinander zusammen, nur was ›innen‹ hieß, entzog sich dem weiblichen Blick. Vielleicht sind sie beide identisch, das Innen und der ›weibliche Blick‹. Jedenfalls kam es mir damals so vor, und wenn ich mich erinnerte, dann fand ich mich Schritt für Schritt bestätigt. Dieses Innen ließ sich aufspannen wie ein Regenschirm, es verwandelte die Haut, in der es steckte, unverzüglich in eine unverletzliche Hülle, und während ich über diesen Faradayschen Käfig nach dachte, ging mir – ungewollt – durch den Kopf, dass viele Frauen in meiner Umgebung, wenn die Gelegenheit es ergab, mit angedeuteten Missbrauchsgeschichten aus ihrer Kindheit hausieren gingen. Der gesellschaftliche Anstand gebietet, bei solchen Gelegenheiten nicht weiter nachzufragen, sondern in andächtiger Stille zu verharren. Es war Gottesdienst, die Zur-​Schau-​Stellung des heiligen Innen, der Monstranz des Weiblichen. Die Missbrauchsrede, soviel glaubte ich zu verstehen, war eine gesellschaftlich erlaubte Weise, den ›Schutzraum‹ zur Sprache zu bringen, in den eine Frau sich begab, sobald sie fand, dass Gefahr im Verzug war, sobald die Glocke anschlug… Bei mir hatte die Glocke angeschlagen und schon tat sich das Innere auf.

Diese Glocke… Je länger ich darüber nachdachte, desto klarer zeigte sich mir das mit ihr verbundene Privileg. Frauen besaßen also einen Schutzraum, den sie nach Bedarf aktivieren konnten. All diese unglaubwürdigen Geschichten, das ganze von der Gesellschaft begierig aufgesogene Gerede, dem eine nach wie vor weitgehend dunkle Praxis gegenüberstand, die vermutlich so wenig mit ihm zu tun hatte wie der Mond mit seinem Halo, diente der Verteidigung dieses Privilegs. Es war ihre letzte Bastion: fiel sie, dann waren sie das, was das Grundgesetz und das Bürgerliche Gesetzbuch energisch für sie verlangten, gleich unter Gleichen – oder Ungleichen, aber auch darin unterschieden sie sich dann nicht von den Männern. Das durfte – aus Gründen, die mir, der DDR-​Göre, die durch den rechtzeitigen Umzug in den Westen ihre Basisüberzeugungen bewahrt hatte, undurchsichtig blieben – nicht sein. Ich war schwanger, sicher. Aber ich war es, weil und solange ich es so wollte oder so beließ. Diese Einstellung aufgeben hieß doch, ein Stück von mir selbst aufgeben oder sogar mich selbst, denn wieviel Stücke einer von sich aufgeben kann, ohne sich aufzugeben, das bleibt sehr die Frage.

Einfach war das nicht. Immer hatte ich mit diesem Innen gelebt. Auch jetzt, da es sich jetzt weit auftat, fand ich nicht, dass ich die Wahl hätte, es nicht zu betreten. Ich war schon innen, unangreifbar irgendwie, und auf der Flucht. Wovor? Vor der Realität? Aber das war die Realität, meine Realität.

Ach, ich wusste (und weiß), wie dumm es ist, so zu reden. Realität ist immer gemeinsam, der Rest ist Wahn. Das hier war der weibliche Wahn. Er zügelte meine Rachsucht. Die Gefahr, der ich auswich, war die eines anderen Inneren, der Raserei. Sie zupfte und zog an mir, ganze Partien meiner nächtlichen Traumtätigkeit fielen ihr zu. Wenn ich erwachte, neben mir das törichte Gesicht auf zerwühltem Kissen, umschloss mich die Glocke.

Die Freundin und der Kollege stritten sich in unserer Wohnung. Sie stritten sich bei offenem Fenster, mit Worten, die ich seit meiner Kindheit bestaunt hatte wie Meteoriten, das Gepoltere und Gekeife füllte das Treppenhaus, am liebsten wäre ich umgekehrt. Ich zwang mich dazu, mit heiterem Gesicht die Tür aufzusperren und zwischen sie zu schweben. Die augenblickliche Stille klirrte nicht weniger laut als das vorangegangene Getöse. Sie spielten die Komödie der ›zufälligen Begegnung‹, die Freundin wartete erst seit ein paar Minuten auf mich, der Kollege war auf der Suche nach Peter, der unauffindbar blieb. Erstaunt beobachtete ich meine Freundin. Ihr schwarzer Blick, verbunden mit einem Zug um die Mundwinkel, hatte etwas Erbittertes, das mir galt. Ich war die Feindin. Vermutlich störte ich sie in einer intimen Verrichtung. Das Keifen war ihre Art des Geschlechtsverkehrs. Ihr Partner, nervös und abgekämpft, konnte die Pause brauchen. Dass er gewillt war, die Sache zu Ende zu bringen, konnte ich an der Art sehen, in der er seine Finger betrachtete.

Er drehte sich ins Profil, stand, leicht gebeugt, vor der Küchenplatte, auf der, in buntem Durcheinander, Zwiebeln, Paprika, Tomaten, Petersilie und ein paar Käsestücke seit dem Vorabend darauf warteten, in die aufgeklappten Behältnisse verstaut zu werden. Ich redete, schwebte, redete. Er schwieg, nicht wie ein Mensch, sondern wie ein Stein, eine Brücke oder eine Vase. Die Finger, auf die er weiterhin starrte, krallten sich in die Platte, als sollten sie dort Abdrücke hinterlassen. Ich glaube nicht, dass er es bemerkte. Der Schutzraum, ging es mir durch den Kopf. Er befand sich im Schutzraum. Wie war er dort hingekommen? Was wollte er dort – ein Mann?

Die beiden räumten die Szene, einsilbig, wie es den Umständen entsprach. Die Frage blieb. Seltsamerweise erheischte sie keine Antwort. Sie kam mit. Ein treues, etwas doofes Tierchen. Ein Pudel. Zog seine Kreise, apportierte, kläffte, wenn wir Fremden begegneten, sprang an ihnen hoch. Nicht dass mir das gefiel – aber was gefiel mir schon zu der Zeit? Weniger als nichts, wenn ich es recht bedenke. Ich nahm übel. Leicht fiel es mir nicht, ich bin ein ausgeglichenes Naturell. Peter, das Schaf, befand sich ›im Dienst‹. Gelegentlich verstand er sich zu den Anwandlungen, die man von einem Mann in seiner Lage erwarten konnte. Nichts davon berührte mich.

Dass alles schiefgeht und man es merkt und darüber hin-​sieht und es einen nicht berührt, weil man es selbst nicht anrührt – das ist eine so simple Erfahrung, dass sie ein simples Herz ausmachen kann – ausmachen, jaja. Wir sind aber keine simplen Herzen, du nicht und ich nicht und auch sonst niemand, den ich kenne. Simple Herzen sind sehr, sehr selten, richtige Kostbarkeiten, Kleinode für Schriftsteller und ihre Claque. Über mein simples Herz wunderte sich niemand mehr als ich selbst. Was nicht so schwierig war, da ich es niemandem zeigte. Meiner Freundin nicht, selbstredend, schon deshalb, weil sie sich so beschäftigt zeigte. Mit dem Fahrrad ihrer Schwester fuhr sie kreuz und quer durch Berlin-​Mitte, nach Wedding hinüber, selbst in Kreuzberg wurde ich ihrer ansichtig, als ich spielerisch ein Apartment besichtigte, das in ein paar Wochen geräumt werden sollte. Sie saß auf dem Fahrrad, als wolle sie es nie mehr loslassen, die Handballen senkten sich tief unter die Lenkstange und ihr Rücken stieg auf wie der einer Katze. Wenn sie fuhr, sah sie mich nicht, sie lächelte über mich hinweg, als stünde ihr Lottogewinn unmittelbar bevor oder als warte sie auf einen Erbschein, der ihr täglich in den Briefkasten flattern konnte. Erst verblüffte mich das, obgleich nicht zu sehr, dann war’s mir recht. So eine Freundin ist immer eine Mischung aus Vampir und Walküre: sie saugt dich aus und klaubt deine Seele von der Walstatt – nur die Reihenfolge kann sich ändern und damit der Sinn ihres Tuns. Falls es überhaupt einen hat, auch darin kann man sich täuschen. In diesem Fall war ich mir sicher, dass sie ihre Obsession nur gegen mich leben konnte, weil sie meine Missbilligung im voraus empfand. Was immer die beiden verband, es konnte, in meinen Augen, nichts Gutes sein und nichts Gutes bewirken. Das zeigte ihr irrer Blick ebenso wie ihr kindisches Verhalten. Sie würde es mir aber heimzahlen, sobald sich eine Gelegenheit bot, dessen war ich mir sicher. Warum? Gute Frage. Ich fürchte, in ihren Augen war ich – zu wenig schwanger.

So wäre ich wieder an diesem Punkt: natürlich, wie denn sonst. Schließlich will ich, dass du erfährst, wie es mir ergangen ist, will es mit jeder Faser meines Wesens, egal warum, denn das … weiß ich nicht und will es nicht wissen. Ich weiß ja nicht einmal, wer du bist, Beifahrer aus alten Tagen, Trittbrettfahrer meines Lebens, sah ich je dein Gesicht? Komm, lass es mich betrachten, nimm es nicht weg. Was? Du hast kein Gesicht? Das soll ich glauben? Nun, wenn du meinst. Sei ruhig komisch zu mir, ich war es mehr als einmal, solange wir uns sahen. Auch das berührt mich nicht. ›Und wenn es mich berührte, so wär’ es ein glühend Eisen…‹ — das lassen wir schön, nicht wahr? So wie Peter sie gelassen hatte, die Verse aus dem Poetenseminar, nebst anderem, das er nicht so leicht hätte weggeben sollen. ›Pauvre Homme!‹ Auch das: Reminiszenz.

Noch immer hatte ich keinen Arzt aufgesucht, hatte keine ›Maßnahmen‹ ergriffen. Ich stand fest auf eigenen Beinen und hatte nicht vor, mich ohne Not in Schieflagen zu begeben, egal welche. Was kam, kam, warum sollte ich ihm vorgreifen? Die Ratschläge kannte ich alle, so wie ich alle Verkehrsregeln gekannt hatte, als ich das erste Mal die Fahrschule betrat, ihr gewichtiger Ernst machte mich lachen. ›Denken Sie daran, dass Ihr Leben auf dem Spiel stehen kann, Ihres und das Ihres Kindes‹ — so etwas stimmt immer, an jeder Kreuzung, das Leben geht darüber hinweg. Mein Kind und ich, wir waren einander noch nicht vorgestellt worden. Ich weigerte mich, es mir vorzustellen. Sollte ich seine Menschwerdung beeinflussen? Irgendeinen Voodoo-​Zauber an ihm verrichten? Komischerweise zweifelte ich nicht daran, schwanger zu sein. Im Gegenteil: ich fand täglich neue Beweise dafür oder, genauer: so wie ich mich fühlte, ging, handelte, dachte, fügte sich eins ins andere, wuchsen die Steinchen zum Mosaik zusammen.

Die Zwangsräumung stand bevor. Von irgendeinem Impuls getrieben, schellte ich in der Dämmerung, ein jüngerer Mann von arglosem Aussehen machte mir auf. Er bat mich gleich herein, noch bevor ich ein Anliegen hätte vorbringen können. Das Apartment war einfach ausstaffiert, ein paar Bücherstapel standen auf dem Boden herum, in Reichweite eines Sessels aus gebogenen Hölzern und einer dazwischen festgezurrten Sitzfläche aus Segeltuch. Der Mann machte keinen abgehärmten oder verbitterten Eindruck, ganz im Gegenteil. Als ich ihn auf das Vorgehen seines Vermieters ansprach, lachte er: es war sein Vater. Ob mir der Schnitt der Wohnung gefiele? »O ja«, zwinkerte ich, »ganz das Richtige, um sich eine Weile zu verkriechen.«

»Klingt, als wollten Sie hier niederkommen.«

Ich sah ihn prüfend an, sein Gesicht blieb arglos. Wahrscheinlich hielt er die Mitte zwischen Dauerstudent und Schriftsteller. Solche Leute reden so. Währenddessen war ich in die Küche gegangen. Was ich dort sah, erschreckte mich. Wie konnte ein Mensch so leben? Ich fühlte mich nicht befugt, in das Privatleben eines anderen Menschen einzudringen, also schwieg ich und wollte mich umwenden, als ich merkte, dass er mit seinem Körper die Tür blockierte. Also setzte ich mich an den Tisch, er lächelte, entschuldigte sich obenhin und setzte sich dazu. Der Abend stand im Fenster, ich hätte ihn hinzubitten mögen, aber das ging nun einmal nicht. – »Mögen Sie Dostojewski«, fragte er mich. Ich hätte schreien mögen. War das naiv oder Ironie? Weder – noch, sagte sein Lächeln. Einer aus unserer Heidelberger Clique war nach München gegangen, man nannte ihn den verborgenen Imam von Schwabing, eine Freundin hatte das aufgebracht, bevor sie sich von ihm trennte. Saß hier, mir gegenüber, der verborgene Imam von Kreuzberg? Lach nicht, sagte die Stimme. Imam, Kreuzberg, was sind das für Wörter. – »Sehen Sie«, sagte er, »ich weiß, was Sie denken. Vergessen Sie’s, das hier ist keine Party. Vielleicht mögen Sie Dostojewski, nicht den Menschen, sondern das starke Gebräu, das er in seinen Schriften verabreicht, das ist schon klar. Ich bin mir da nicht so sicher. Wenn ich die Person nicht mag, finde ich da nur eine Menge Geschrei. Und das Geschrei zwingt mich, die Person zu mögen, verstehen Sie? Diese Person zwingt mich mit Hilfe des anonymen Geschreis ihrer Bücher, sie zu mögen. Ich möchte aber nicht gezwungen werden, schon gar nicht, jemanden zu mögen. Einmal dachte ich, ich hätte etwas begriffen, einen Gedanken, der mir naheging, vielleicht hatte ich Unrecht, prompt erklärte man mir, ich verstünde nichts von Russland. Diese Russen… Ich hab’s aufgegeben. Seitdem geht es mir besser, wie Sie sehen.« Er machte eine Bewegung zur Spüle hin.

Wir redeten uns in die Nacht hinein. Einmal fand ich, es sei an der Zeit, ich sollte aufstehen und gehen, im nächsten Moment fragte ich ihn, was er von schwangeren Frauen halte. Er sagte, er kenne keine, dann lachten wir. »Was«, prustete ich, »Sie kennen keine? In welcher Welt leben Sie denn?« Er blieb ganz ernst: »In Ihrer, wenn ich mich so ausdrücken darf. Kennen Sie denn welche?« Ich sagte ihm, dass ich in einem Kindergarten arbeitete, er hob belustigt die Augenbraue: »Sie? Und das hätte ich mir denken sollen? Ja wie denn?« Da wusste ich auch keinen Rat.

Eine Stimme, Herr Nachbar, eine Stimme – eine menschliche meinetwegen, nein, das ist gar nicht nötig, eigentlich tut es ein Hund. Nein, kein Hund. Nichts gegen Hunde, aber die Heerscharen von Hundebesitzerinnen, die morgens, nachmittags und abends den Tiergarten durchziehen, also ich muss schon sagen… Ich erwähnte die Geschichte der jungen Frau, die in den Westen gegangen war und jetzt, nach der Wende, zwischen zwei Liebhabern stand, einem im Osten, einem im Westen, von beiden ein wenig schwanger. Ich fragte ihn, wem sie das Kind andrehen solle: Wessi oder Ossi. Erbost sah er mich an: »Warum reden Sie so? Das ist nicht Ihre Sprache. Wenn ein Kind einen Vater braucht, dann ist das eine ernste Sache. Wenn nicht, dann vergessen Sie die Geschichte. Sie ist nichts wert.« – »Sie mögen Dostojewski«, sagte ich. »Ich hatte auch einen Vater. Übrigens ein Auslaufmodell, schon damals. Dass er tot ist, passt ins Bild. Für mich war er schon länger gestorben.« Es wurde kühl. Er holte eine Flasche Pinot Grigio. »Von der Sorte sind Sie. Hätte ich mir ja denken können.«

Zwischen den Flaschen lag ein Gesicht. Es blickte mich von unten her an. Eine Fliege, Überrest des vergangenen Herbstes, summte um es herum, setzte sich auf die Unterlippe, die zu vibrieren begann, von dort auf die Braue. Dieses schweigende Gesicht wollte mir etwas sagen, aber es schwieg. Vielleicht schwieg es für mich, für jede andere wäre es ein offenes Buch gewesen, so, wie die Dinge lagen, schwieg es für mich. Ich nahm ein Stück Küchenpapier von der Rolle und malte Strichmännchen in die Schicht aus Staub und Fett, die auf der Tischplatte lag. Das Gesicht sah mir dabei zu. Ich hätte es abtupfen mögen, wofür kein Anlass bestand. Ich hatte Hunger.

Die Frage hatte ich schon einmal gestellt, nicht im Kindergarten, wo sie ›am Platz‹ gewesen wäre, mir aber nur scheele Blicke eingetragen hätte, sondern auf einer Kurzreise nach Ligurien, die ich zu einem Abstecher benützt hatte, um eine Jugendfreundin wiederzusehen. Zusammen mit ihrem Mann, einem PhilosophieProfessor aus Leipzig, war sie nach Pisa gezogen. Der Professor, in den Verdacht der Stasi-​Zuträgerei geraten, hatte sich kurzerhand seinen Lebenstraum erfüllt. Nolens volens. Es wurde auch Zeit: ein Semester später verstarb er unter den kundigen, leider durch die Zeitläufe irritierten Händen eines alten Kollegen in der Leipziger Universitätsklinik. Davon wusste ich nichts, als ich bei ihr anrief. Wir fuhren ans Meer, blickten auf einen hölzernen, wohl außer Dienst gestellten Hebebaum und aufs Wasser, das wenige Meter weiter im Dunst verschwand, redeten und verstummten wieder, die Zeit arbeitete mächtig in uns. Auf der Rückfahrt dann stellte ich diese Frage, leicht kaschiert durch den Hinweis auf ein Romanprojekt – du weißt, so etwas war damals angesagt. Sie schwieg, blickte vor sich hin, ihre Schultern ruckten; dann, während ihre Augen den Verkehr fixierten, kam es leise aus ihr heraus: »Wenn sie vernünftig ist, nimmt sie den Wessi.« Sie sagte nicht ›klug‹, sie sagte ›vernünftig‹; daran dachte ich, als ich sie nach den Vorwürfen gegen ihren Mann fragte. Wieder schwieg sie eine Weile. »Ich kann es nicht sagen. Ich habe mit diesem Mann zusammengelebt, aber ich kann es nicht sagen.« Und schließlich (als sie das Auto schon einrangierte): »Ich gehe zurück.«