Märchen­stunde. Wenn der Abend sich über Berlin– Mitte her­ma­chte, nach der Mal­oche oder dem qual­i­fizierten Nicht­stun oder einer unguten Mis­chung aus bei­dem, began­nen die Waben zu glühen – in einem schwäch­lichen Blau, das unver­mit­telt in gelbe oder grüne Sequen­zen umschlug, als führe es U-​Bahn und falle aus einem Tun­nel ans Licht, um wieder im näch­sten Tun­nel zu ver­schwinden. Nicht wenige Bewohner glit­ten durch die Däm­merung in das Dunkel, ohne das Ober­licht oder die im Son­derverkauf ergat­terte Stehlampe anzuschal­ten, aus ihren Ver­liesen drang dieses flack­ernde Stöh­nen, das an halb­nackte, blu­tende Men­schen­leiber und Elek­troschocks denken ließ, dann und wann schlurfte ein langer, gebück­ter Schat­ten am Fen­ster vor­bei und man sah: zu helfen war dem nicht. Warum auch? Täter und Opfer voll­brachten ihr Werk im Gle­ich­takt, sie brauchten keinen Zeu­gen, der sich notierte, was vor­fiel, und damit zur Polizei ging, da kon­nte ja jeder kom­men. Oder jede.

Ich sah aus dem Fen­ster und schon hatte ich sie am Wickel. Intim­ität! Das ist ein schönes Wort, die Sache muss wun­der­voll sein. Zwar hat man immer Zuschauer, doch das ist einge­plant. Nicht im Hin­ter­hof, da passiert nichts, aber nach vorne, kreuz und quer über die Straße: lauter Aus­la­gen, die von einem Stan­dard zeu­gen, den man noch nicht verin­ner­licht hat, aber man übt sich. Nein, zur Voyeurin tauge ich nicht, unnötig, das zu sagen, aber, wie gesagt, wenn die Lichter auf Sendung gehen… Jeder vor seiner Glotze, da weiß man schnell, welches Pro­gramm läuft.

Ver­dammt, ich kann es nicht erzählen, ich kann nicht. Hör zu, das ist keine kleine Sache für mich, noch heute nicht, und du bist vielle­icht nicht der ide­ale Adres­sat, aber das lässt sich nun nicht ändern. Warum auch? Schließlich bin ich längst darüber hin­aus, wo angekom­men auch immer, vielle­icht auch nir­gends, nun… nein, es ist zu komisch, ich fühle, ich muss es rasch hin­ter mich brin­gen. Du weißt, Men­schen haben diese komis­chen Bewe­gun­gen, an denen man sie erkennt, und Peter… hatte min­destens zwei, ein reicher Charak­ter, wenn man so will. Eine solche Bewe­gung, am Rande des Gesichts­feldes aus­ge­führt, sagen wir hin­ter dem Fen­ster in der unteren Etage links gegenüber, zieht die Aufmerk­samkeit her­bei, da lässt sich nichts machen, und wenn die zweite Per­son im Raum auf ähn­liche, wen­ngle­ich andere Weise, einem seit län­gerem ins Auge gefallen ist, sei es, weil sie sich auf eine etwas betonte Weise Abend für Abend in einem vorhanglosen Raum ihrer Klei­dungsstücke entledigt, dann kann man die Sache schwer vor sich selbst ver­heim­lichen. Wie gesagt, Peter, ich sah ihn dann häu­figer, bevor er mit eiligem, etwas müdem Schritt bei mir die Treppe her­auf­polterte. Das klingt etwas geschmack­los, ich weiß, es fühlte sich damals noch viel geschmack­loser an, aber der Geschmack prägte sich ein.

Schwanger sein ist eine Sache für sich, die Fliege im Auge eine andere. Sie kom­mu­nizieren aber miteinan­der, sie haben einen reichen Verkehr. Ordinär, ja, das ist das Wort. Es drän­gen sich einem Wörter auf die Lip­pen, von denen man nicht angenom­men hat, dass man sie beherber­gen kön­nte, sie kräuseln die Lip­pen und verz­er­ren sie ein wenig, mal hier, mal da, man zis­cht sie an, sie sollen ver­schwinden, aber sie lächeln nur müde, zucken die Achseln und begin­nen ihre handw­erk­lichen Proze­duren aufs Neue. Während­dessen entwick­elt sich, innen im Kör­per, ein neues Gefühl, auf das man gerne verzichtet hätte, kein Kribbeln, beileibe nicht, aber bei Leibe schon… ›mit ir selbes libe‹… Schluss. Wer will, der hat. Wollte ich? Aber was denn? Was hatte ich gewollt? Was geschehen war, ich hatte es ein­treten lassen, hatte zuge­lassen, dass sich der leere, eben erst betretene Raum mit Gestal­ten füllte, mit Schemen überdies, ungelebten, die mir ein Vorge­fühl gaben und… das Gefühl des Aufschubs.

In meinen Lek­türen war es mir selt­sam vorgekom­men, dass dem Exo­dus der weib­lichen Selb­st­beschrei­bun­gen eine entron­nen war (wenn man vom offenkundi­gem Schwachsinn der Hexen– und Karateweiber absah): ihre Gefühlskom­pe­tenz woll­ten sie sich eben­sowenig nehmen lassen, wie die Män­ner es ihnen erlaubten. Die ›kalte Frau‹, Real­ität vieler Bet­ten, ist ein Alb­traum. Nicht nur für Män­ner. Ich horchte also in meinen Kör­per hinein, und was ich da fand, es gefiel mir von Tag zu Tag weniger. Es war, unter uns, nicht der Rede wert. Peter vor allem: während ich müh­sam der auf­schäu­menden Eifer­sucht­srede auf den Lip­pen Ein­halt gebot, hatte ich ihn, innen in mir, bere­its vergessen. Bei­des hing sogar, soweit reichte mein Gefühl, miteinan­der zusam­men, nur was ›innen‹ hieß, ent­zog sich dem weib­lichen Blick. Vielle­icht sind sie beide iden­tisch, das Innen und der ›weib­liche Blick‹. Jeden­falls kam es mir damals so vor, und wenn ich mich erin­nerte, dann fand ich mich Schritt für Schritt bestätigt. Dieses Innen ließ sich auf­s­pan­nen wie ein Regen­schirm, es ver­wan­delte die Haut, in der es steckte, unverzüglich in eine unver­let­zliche Hülle, und während ich über diesen Fara­dayschen Käfig nach dachte, ging mir – unge­wollt – durch den Kopf, dass viele Frauen in meiner Umge­bung, wenn die Gele­gen­heit es ergab, mit angedeuteten Miss­brauchs­geschichten aus ihrer Kind­heit hausieren gin­gen. Der gesellschaftliche Anstand gebi­etet, bei solchen Gele­gen­heiten nicht weiter nachzufra­gen, son­dern in andächtiger Stille zu ver­har­ren. Es war Gottes­di­enst, die Zur-​Schau-​Stellung des heili­gen Innen, der Mon­stranz des Weib­lichen. Die Miss­brauch­srede, soviel glaubte ich zu ver­ste­hen, war eine gesellschaftlich erlaubte Weise, den ›Schutzraum‹ zur Sprache zu brin­gen, in den eine Frau sich begab, sobald sie fand, dass Gefahr im Verzug war, sobald die Glocke anschlug… Bei mir hatte die Glocke angeschla­gen und schon tat sich das Innere auf.

Diese Glocke… Je länger ich darüber nach­dachte, desto klarer zeigte sich mir das mit ihr ver­bun­dene Priv­i­leg. Frauen besaßen also einen Schutzraum, den sie nach Bedarf aktivieren kon­nten. All diese unglaub­würdi­gen Geschichten, das ganze von der Gesellschaft begierig aufge­so­gene Gerede, dem eine nach wie vor weit­ge­hend dun­kle Praxis gegenüber­stand, die ver­mut­lich so wenig mit ihm zu tun hatte wie der Mond mit seinem Halo, diente der Vertei­di­gung dieses Priv­i­legs. Es war ihre let­zte Bas­tion: fiel sie, dann waren sie das, was das Grundge­setz und das Bürg­er­liche Geset­zbuch ener­gisch für sie ver­langten, gle­ich unter Gle­ichen – oder Ungle­ichen, aber auch darin unter­schieden sie sich dann nicht von den Män­nern. Das durfte – aus Grün­den, die mir, der DDR-​Göre, die durch den rechtzeit­i­gen Umzug in den Westen ihre Basisüberzeu­gun­gen bewahrt hatte, undurch­sichtig blieben – nicht sein. Ich war schwanger, sicher. Aber ich war es, weil und solange ich es so wollte oder so beließ. Diese Ein­stel­lung aufgeben hieß doch, ein Stück von mir selbst aufgeben oder sogar mich selbst, denn wieviel Stücke einer von sich aufgeben kann, ohne sich aufzugeben, das bleibt sehr die Frage.

Ein­fach war das nicht. Immer hatte ich mit diesem Innen gelebt. Auch jetzt, da es sich jetzt weit auf­tat, fand ich nicht, dass ich die Wahl hätte, es nicht zu betreten. Ich war schon innen, unan­greif­bar irgend­wie, und auf der Flucht. Wovor? Vor der Real­ität? Aber das war die Real­ität, meine Realität.

Ach, ich wusste (und weiß), wie dumm es ist, so zu reden. Real­ität ist immer gemein­sam, der Rest ist Wahn. Das hier war der weib­liche Wahn. Er zügelte meine Rach­sucht. Die Gefahr, der ich auswich, war die eines anderen Inneren, der Raserei. Sie zupfte und zog an mir, ganze Par­tien meiner nächtlichen Traumtätigkeit fie­len ihr zu. Wenn ich erwachte, neben mir das törichte Gesicht auf zer­wühltem Kissen, umschloss mich die Glocke.

Die Fre­undin und der Kol­lege strit­ten sich in unserer Woh­nung. Sie strit­ten sich bei offenem Fen­ster, mit Worten, die ich seit meiner Kind­heit bestaunt hatte wie Mete­oriten, das Gepoltere und Gekeife füllte das Trep­pen­haus, am lieb­sten wäre ich umgekehrt. Ich zwang mich dazu, mit heit­erem Gesicht die Tür aufzus­per­ren und zwis­chen sie zu schweben. Die augen­blick­liche Stille klir­rte nicht weniger laut als das vor­ange­gan­gene Getöse. Sie spiel­ten die Komödie der ›zufäl­li­gen Begeg­nung‹, die Fre­undin wartete erst seit ein paar Minuten auf mich, der Kol­lege war auf der Suche nach Peter, der unauffind­bar blieb. Erstaunt beobachtete ich meine Fre­undin. Ihr schwarzer Blick, ver­bun­den mit einem Zug um die Mund­winkel, hatte etwas Erbit­tertes, das mir galt. Ich war die Feindin. Ver­mut­lich störte ich sie in einer inti­men Ver­rich­tung. Das Keifen war ihre Art des Geschlechtsverkehrs. Ihr Part­ner, nervös und abgekämpft, kon­nte die Pause brauchen. Dass er gewillt war, die Sache zu Ende zu brin­gen, kon­nte ich an der Art sehen, in der er seine Fin­ger betrachtete.

Er drehte sich ins Pro­fil, stand, leicht gebeugt, vor der Küchen­platte, auf der, in bun­tem Durcheinan­der, Zwiebeln, Paprika, Tomaten, Peter­silie und ein paar Käs­es­tücke seit dem Vor­abend darauf warteten, in die aufgeklappten Behält­nisse ver­staut zu wer­den. Ich redete, schwebte, redete. Er schwieg, nicht wie ein Men­sch, son­dern wie ein Stein, eine Brücke oder eine Vase. Die Fin­ger, auf die er weit­er­hin star­rte, krall­ten sich in die Platte, als soll­ten sie dort Abdrücke hin­ter­lassen. Ich glaube nicht, dass er es bemerkte. Der Schutzraum, ging es mir durch den Kopf. Er befand sich im Schutzraum. Wie war er dort hingekom­men? Was wollte er dort – ein Mann?

Die bei­den räumten die Szene, ein­sil­big, wie es den Umstän­den entsprach. Die Frage blieb. Selt­samer­weise erheis­chte sie keine Antwort. Sie kam mit. Ein treues, etwas doofes Tierchen. Ein Pudel. Zog seine Kreise, apportierte, kläffte, wenn wir Frem­den begeg­neten, sprang an ihnen hoch. Nicht dass mir das gefiel – aber was gefiel mir schon zu der Zeit? Weniger als nichts, wenn ich es recht bedenke. Ich nahm übel. Leicht fiel es mir nicht, ich bin ein aus­geglich­enes Naturell. Peter, das Schaf, befand sich ›im Dienst‹. Gele­gentlich ver­stand er sich zu den Anwand­lun­gen, die man von einem Mann in seiner Lage erwarten kon­nte. Nichts davon berührte mich.

Dass alles schiefgeht und man es merkt und darüber hin-​sieht und es einen nicht berührt, weil man es selbst nicht anrührt – das ist eine so sim­ple Erfahrung, dass sie ein sim­ples Herz aus­machen kann – aus­machen, jaja. Wir sind aber keine sim­plen Herzen, du nicht und ich nicht und auch sonst nie­mand, den ich kenne. Sim­ple Herzen sind sehr, sehr sel­ten, richtige Kost­barkeiten, Klein­ode für Schrift­steller und ihre Claque. Über mein sim­ples Herz wun­derte sich nie­mand mehr als ich selbst. Was nicht so schwierig war, da ich es nie­man­dem zeigte. Meiner Fre­undin nicht, selb­stre­dend, schon deshalb, weil sie sich so beschäftigt zeigte. Mit dem Fahrrad ihrer Schwester fuhr sie kreuz und quer durch Berlin-​Mitte, nach Wed­ding hinüber, selbst in Kreuzberg wurde ich ihrer ansichtig, als ich spielerisch ein Apart­ment besichtigte, das in ein paar Wochen geräumt wer­den sollte. Sie saß auf dem Fahrrad, als wolle sie es nie mehr loslassen, die Hand­ballen senk­ten sich tief unter die Lenkstange und ihr Rücken stieg auf wie der einer Katze. Wenn sie fuhr, sah sie mich nicht, sie lächelte über mich hin­weg, als stünde ihr Lot­to­gewinn unmit­tel­bar bevor oder als warte sie auf einen Erb­schein, der ihr täglich in den Briefkas­ten flat­tern kon­nte. Erst verblüffte mich das, obgle­ich nicht zu sehr, dann war’s mir recht. So eine Fre­undin ist immer eine Mis­chung aus Vam­pir und Walküre: sie saugt dich aus und klaubt deine Seele von der Wal­statt – nur die Rei­hen­folge kann sich ändern und damit der Sinn ihres Tuns. Falls es über­haupt einen hat, auch darin kann man sich täuschen. In diesem Fall war ich mir sicher, dass sie ihre Obses­sion nur gegen mich leben kon­nte, weil sie meine Miss­bil­li­gung im voraus emp­fand. Was immer die bei­den ver­band, es kon­nte, in meinen Augen, nichts Gutes sein und nichts Gutes bewirken. Das zeigte ihr irrer Blick ebenso wie ihr kindis­ches Ver­hal­ten. Sie würde es mir aber heimzahlen, sobald sich eine Gele­gen­heit bot, dessen war ich mir sicher. Warum? Gute Frage. Ich fürchte, in ihren Augen war ich – zu wenig schwanger.

So wäre ich wieder an diesem Punkt: natür­lich, wie denn sonst. Schließlich will ich, dass du erfährst, wie es mir ergan­gen ist, will es mit jeder Faser meines Wesens, egal warum, denn das … weiß ich nicht und will es nicht wis­sen. Ich weiß ja nicht ein­mal, wer du bist, Beifahrer aus alten Tagen, Trit­tbret­tfahrer meines Lebens, sah ich je dein Gesicht? Komm, lass es mich betra­chten, nimm es nicht weg. Was? Du hast kein Gesicht? Das soll ich glauben? Nun, wenn du meinst. Sei ruhig komisch zu mir, ich war es mehr als ein­mal, solange wir uns sahen. Auch das berührt mich nicht. ›Und wenn es mich berührte, so wär’ es ein glühend Eisen…‹ — das lassen wir schön, nicht wahr? So wie Peter sie gelassen hatte, die Verse aus dem Poet­ensem­i­nar, nebst anderem, das er nicht so leicht hätte weggeben sollen. ›Pau­vre Homme!‹ Auch das: Reminiszenz.

Noch immer hatte ich keinen Arzt aufge­sucht, hatte keine ›Maß­nah­men‹ ergrif­fen. Ich stand fest auf eige­nen Beinen und hatte nicht vor, mich ohne Not in Schiefla­gen zu begeben, egal welche. Was kam, kam, warum sollte ich ihm vor­greifen? Die Ratschläge kan­nte ich alle, so wie ich alle Verkehrsregeln gekannt hatte, als ich das erste Mal die Fahrschule betrat, ihr gewichtiger Ernst machte mich lachen. ›Denken Sie daran, dass Ihr Leben auf dem Spiel ste­hen kann, Ihres und das Ihres Kindes‹ — so etwas stimmt immer, an jeder Kreuzung, das Leben geht darüber hin­weg. Mein Kind und ich, wir waren einan­der noch nicht vorgestellt wor­den. Ich weigerte mich, es mir vorzustellen. Sollte ich seine Men­schw­er­dung bee­in­flussen? Irgen­deinen Voodoo-​Zauber an ihm ver­richten? Komis­cher­weise zweifelte ich nicht daran, schwanger zu sein. Im Gegen­teil: ich fand täglich neue Beweise dafür oder, genauer: so wie ich mich fühlte, ging, han­delte, dachte, fügte sich eins ins andere, wuch­sen die Steinchen zum Mosaik zusammen.

Die Zwangsräu­mung stand bevor. Von irgen­deinem Impuls getrieben, schellte ich in der Däm­merung, ein jün­gerer Mann von arglosem Ausse­hen machte mir auf. Er bat mich gle­ich herein, noch bevor ich ein Anliegen hätte vor­brin­gen kön­nen. Das Apart­ment war ein­fach ausstaffiert, ein paar Büch­er­stapel standen auf dem Boden herum, in Reich­weite eines Ses­sels aus gebo­ge­nen Hölz­ern und einer dazwis­chen fest­gezur­rten Sitzfläche aus Segel­tuch. Der Mann machte keinen abge­härmten oder ver­bit­terten Ein­druck, ganz im Gegen­teil. Als ich ihn auf das Vorge­hen seines Ver­mi­eters ansprach, lachte er: es war sein Vater. Ob mir der Schnitt der Woh­nung gefiele? »O ja«, zwinkerte ich, »ganz das Richtige, um sich eine Weile zu verkriechen.«

»Klingt, als woll­ten Sie hier niederkommen.«

Ich sah ihn prüfend an, sein Gesicht blieb arg­los. Wahrschein­lich hielt er die Mitte zwis­chen Dauer­stu­dent und Schrift­steller. Solche Leute reden so. Während­dessen war ich in die Küche gegan­gen. Was ich dort sah, erschreckte mich. Wie kon­nte ein Men­sch so leben? Ich fühlte mich nicht befugt, in das Pri­vatleben eines anderen Men­schen einzu­drin­gen, also schwieg ich und wollte mich umwen­den, als ich merkte, dass er mit seinem Kör­per die Tür block­ierte. Also set­zte ich mich an den Tisch, er lächelte, entschuldigte sich oben­hin und set­zte sich dazu. Der Abend stand im Fen­ster, ich hätte ihn hinzu­bit­ten mögen, aber das ging nun ein­mal nicht. – »Mögen Sie Dos­to­jew­ski«, fragte er mich. Ich hätte schreien mögen. War das naiv oder Ironie? Weder – noch, sagte sein Lächeln. Einer aus unserer Hei­del­berger Clique war nach München gegan­gen, man nan­nte ihn den ver­bor­ge­nen Imam von Schwabing, eine Fre­undin hatte das aufge­bracht, bevor sie sich von ihm tren­nte. Saß hier, mir gegenüber, der ver­bor­gene Imam von Kreuzberg? Lach nicht, sagte die Stimme. Imam, Kreuzberg, was sind das für Wörter. – »Sehen Sie«, sagte er, »ich weiß, was Sie denken. Vergessen Sie’s, das hier ist keine Party. Vielle­icht mögen Sie Dos­to­jew­ski, nicht den Men­schen, son­dern das starke Gebräu, das er in seinen Schriften verabre­icht, das ist schon klar. Ich bin mir da nicht so sicher. Wenn ich die Per­son nicht mag, finde ich da nur eine Menge Geschrei. Und das Geschrei zwingt mich, die Per­son zu mögen, ver­ste­hen Sie? Diese Per­son zwingt mich mit Hilfe des anony­men Geschreis ihrer Bücher, sie zu mögen. Ich möchte aber nicht gezwun­gen wer­den, schon gar nicht, jeman­den zu mögen. Ein­mal dachte ich, ich hätte etwas begrif­fen, einen Gedanken, der mir naheg­ing, vielle­icht hatte ich Unrecht, prompt erk­lärte man mir, ich ver­stünde nichts von Rus­s­land. Diese Russen… Ich hab’s aufgegeben. Seit­dem geht es mir besser, wie Sie sehen.« Er machte eine Bewe­gung zur Spüle hin.

Wir rede­ten uns in die Nacht hinein. Ein­mal fand ich, es sei an der Zeit, ich sollte auf­ste­hen und gehen, im näch­sten Moment fragte ich ihn, was er von schwan­geren Frauen halte. Er sagte, er kenne keine, dann lachten wir. »Was«, prustete ich, »Sie ken­nen keine? In welcher Welt leben Sie denn?« Er blieb ganz ernst: »In Ihrer, wenn ich mich so aus­drücken darf. Ken­nen Sie denn welche?« Ich sagte ihm, dass ich in einem Kinder­garten arbeit­ete, er hob belustigt die Augen­braue: »Sie? Und das hätte ich mir denken sollen? Ja wie denn?« Da wusste ich auch keinen Rat.

Eine Stimme, Herr Nach­bar, eine Stimme – eine men­schliche meinetwe­gen, nein, das ist gar nicht nötig, eigentlich tut es ein Hund. Nein, kein Hund. Nichts gegen Hunde, aber die Heer­scharen von Hun­debe­sitzerin­nen, die mor­gens, nach­mit­tags und abends den Tier­garten durchziehen, also ich muss schon sagen… Ich erwäh­nte die Geschichte der jun­gen Frau, die in den Westen gegan­gen war und jetzt, nach der Wende, zwis­chen zwei Lieb­habern stand, einem im Osten, einem im Westen, von bei­den ein wenig schwanger. Ich fragte ihn, wem sie das Kind andrehen solle: Wessi oder Ossi. Erbost sah er mich an: »Warum reden Sie so? Das ist nicht Ihre Sprache. Wenn ein Kind einen Vater braucht, dann ist das eine ern­ste Sache. Wenn nicht, dann vergessen Sie die Geschichte. Sie ist nichts wert.« – »Sie mögen Dos­to­jew­ski«, sagte ich. »Ich hatte auch einen Vater. Übri­gens ein Aus­lauf­mod­ell, schon damals. Dass er tot ist, passt ins Bild. Für mich war er schon länger gestor­ben.« Es wurde kühl. Er holte eine Flasche Pinot Gri­gio. »Von der Sorte sind Sie. Hätte ich mir ja denken können.«

Zwis­chen den Flaschen lag ein Gesicht. Es blickte mich von unten her an. Eine Fliege, Über­rest des ver­gan­genen Herb­stes, summte um es herum, set­zte sich auf die Unter­lippe, die zu vib­ri­eren begann, von dort auf die Braue. Dieses schweigende Gesicht wollte mir etwas sagen, aber es schwieg. Vielle­icht schwieg es für mich, für jede andere wäre es ein offenes Buch gewe­sen, so, wie die Dinge lagen, schwieg es für mich. Ich nahm ein Stück Küchen­pa­pier von der Rolle und malte Strich­män­nchen in die Schicht aus Staub und Fett, die auf der Tis­ch­platte lag. Das Gesicht sah mir dabei zu. Ich hätte es abtupfen mögen, wofür kein Anlass bestand. Ich hatte Hunger.

Die Frage hatte ich schon ein­mal gestellt, nicht im Kinder­garten, wo sie ›am Platz‹ gewe­sen wäre, mir aber nur scheele Blicke einge­tra­gen hätte, son­dern auf einer Kurzreise nach Lig­urien, die ich zu einem Abstecher benützt hatte, um eine Jugend­fre­undin wiederzuse­hen. Zusam­men mit ihrem Mann, einem Philoso­phiePro­fes­sor aus Leipzig, war sie nach Pisa gezo­gen. Der Pro­fes­sor, in den Ver­dacht der Stasi-​Zuträgerei ger­aten, hatte sich kurz­er­hand seinen Leben­straum erfüllt. Nolens volens. Es wurde auch Zeit: ein Semes­ter später ver­starb er unter den kundi­gen, lei­der durch die Zeitläufe irri­tierten Hän­den eines alten Kol­le­gen in der Leipziger Uni­ver­sität­sklinik. Davon wusste ich nichts, als ich bei ihr anrief. Wir fuhren ans Meer, blick­ten auf einen hölz­er­nen, wohl außer Dienst gestell­ten Hebe­baum und aufs Wasser, das wenige Meter weiter im Dunst ver­schwand, rede­ten und ver­s­tummten wieder, die Zeit arbeit­ete mächtig in uns. Auf der Rück­fahrt dann stellte ich diese Frage, leicht kaschiert durch den Hin­weis auf ein Roman­pro­jekt – du weißt, so etwas war damals ange­sagt. Sie schwieg, blickte vor sich hin, ihre Schul­tern ruck­ten; dann, während ihre Augen den Verkehr fix­ierten, kam es leise aus ihr her­aus: »Wenn sie vernün­ftig ist, nimmt sie den Wessi.« Sie sagte nicht ›klug‹, sie sagte ›vernün­ftig‹; daran dachte ich, als ich sie nach den Vor­wür­fen gegen ihren Mann fragte. Wieder schwieg sie eine Weile. »Ich kann es nicht sagen. Ich habe mit diesem Mann zusam­men­gelebt, aber ich kann es nicht sagen.« Und schließlich (als sie das Auto schon ein­rang­ierte): »Ich gehe zurück.«

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