Michael hat angerufen, zweimal sogar, das zweite Mal bere­its küh­ler, kürzer ange­bun­den, mehr auf meiner Seite, wenn du ver­stehst; fremder. Das erste Mal kam ich ger­ade zur Tür herein, nahm den Hörer zu hastig ab, ein Fehler, den jeder begeht, in diesem Fall lässlich, denn in seiner Aufre­gung ver­haspelte er sich gle­ich und schien sogar unsicher, ob er mich am Appa­rat hatte – so schnell geht das, so schnell. Oder auch nicht, die äußere Zeit geht die innere nichts an, manch­mal stecken die Aufwände in ein paar Tagen, mag sein Sekun­den, man liest der­gle­ichen. Offen­bar glaubte er, er könne mich umstim­men, beim zweiten Mal ging es ihm mehr um Vertei­di­gung, aber im Gespräch sprang dann ohne­hin alles durcheinan­der. Ich weiß nicht warum, aber ich wollte ihn ein biss­chen auf die Probe stellen, gab mich nach­den­klich, war es vielle­icht auch, wen­ngle­ich anders, als er sich das vorstellte: Denken und Han­deln scheinen bei einem Mann in einem solchen Fall eins zu sein. Jeden­falls glaubte er, mich bere­den zu kön­nen, dabei gab er schon auf, ehe ich mich in Bewe­gung hätte set­zen kön­nen – inner­lich wie äußer­lich. Doch davon war ich weit ent­fernt, insofern kon­nte er seine Bemühun­gen auch lassen. Von seiner Mut­ter hatte er den Tipp bekom­men, ich sei schwanger – sieh an, dachte ich mir –, und ›um keinen Preis‹ wolle er unser Kind im Stich lassen – was ich erst nicht ver­stand, ich brauchte sogar ziem­lich lange, um dahin­ter zu kom­men, was er damit meinte, aber dann, als ich begrif­fen hatte, musste ich herzhaft lachen: offen­bar war er aus der Rolle des Ver­lasse­nen in die des Ver­lassenden geschlüpft, der es sich noch ein­mal über­legt, weil er nun über die entschei­dende Infor­ma­tion ver­fügt, die ihm vorher fehlte. Mein Lachen hatte zur Folge, dass er, wütend gewor­den, etwas sagte, was er früher niemals niemals über die Lip­pen gebracht hätte. Es brach aber ganz geläu­fig aus ihm her­aus. Ich stutzte ein wenig und sagte dann ohne rechte Über­legung, er sei ein dreck­iger Idiot und solle sich zum Teufel scheren, womit das Gespräch endlich auch äußer­lich dort angekom­men war, wo es sich ›in der Sache‹ bere­its bewegte. Das Ordinäre ist der Stem­pel, den die Ver­gan­gen­heit der Gegen­wart ins Gesicht drückt, wenn man ihr Zugang gewährt. Ich habe sei­ther oft darüber nachgedacht und bin immer wieder an diesem Punkt hän­gen geblieben: der Ritt über den Bodensee, den man Beziehung nennt, endet nicht am ret­ten­den Ufer, son­dern zwis­chen brechen­den Eis­plat­ten, jeder Schritt eine Katas­tro­phe, wer weiß, was einen am Ende birgt.

Wie es so geht, brachte einer dieser Tage Post von Peter. Er hatte sich, wie er schrieb, von seinem Part­ner getrennt (sieh an, dachte ich) und ein neues Geschäft begonnen, über das er sich aber nicht weiter aus­ließ. Stattdessen berichtete er mit ver­hal­tenem Stolz, dass er neuerd­ings wieder viel lese und ihm dabei aufge­gan­gen sei, wie viel uns nach wie vor miteinan­der verbinde – er schrieb wirk­lich ›nach wie vor‹, ich ver­suchte mir das bildlich vorzustellen, ver­hed­derte mich aber in all den Wegen, die von Nach bis Vor und wieder zurück, dann aber doch mehr vor nach oder hin­ter nach vor durcheinan­der liegen, ein Labyrinth, aus dem kein Entkom­men möglich schien und das mit einem Schritt durchmessen und abge­tan war. Dieser Schritt bestand darin, dass ich den Brief zer­riss und die Schnipsel hin­ter dem Haus auf der aus­gestreck­ten Hand dem Wind über­ließ, der sie kreiselnd auf­nahm und dann in einem Anfall von man­is­chem Hochge­fühl ver­schlang, so dass ich von einem Moment zum anderen nicht wusste, wo sie hingekom­men waren. Nein, dachte ich, so entkommst du mir nicht, drehte mich auf dem Absatz um und ging ins Haus zurück.

Der Osten! Wir haben uns ihm genähert wie einer Frau – selt­sam, dachte ich, wie ein­fach sich so ein Gedanke denkt, ein Schema, über­aus leicht ver­füg­bar –, mit einem Blu­men­strauß in der Hand und einem törichten Grin­sen im Gesicht, wir wussten zwar nicht genau, warum er uns lieben sollte, aber wir waren davon überzeugt, dass er es täte und inspizierten schon ein­mal die Land­schaften, die über kurz oder lang in unsere Hände… fallen…, sagte ich ›fallen‹? Hallo Wände, rührt euch. Sagte ich ›fallen‹? Ein Lap­sus, lin­guae. Aber irgend­wie entspricht es ja doch der Wahrheit, nur dass gele­gentlich das, was fällt, ein Eigengewicht ent­fal­tet, das den Fänger gele­gentlich mit in die Tiefe reißt, falls es ihn nicht ein­fach erschlägt.

Peter hat keine Eltern. Er ist der Zögling eines Sys­tems, das hun­der­tarmig die Hände nach ihm ausstreckte: Frauen– und Män­ner­hände, zart und grob, liebevoll, bär­beißig und ver­hal­ten, ein Unge­heuer mit men­schlichen Zügen, auch unmen­schlichen, aber die waren nicht für ihn bes­timmt, die blieben abstrakt, und der da her­an­wuchs, war kein Herkules, auch kein Perseus, ein Jün­gelchen erst, dann ein Foto im Poe­sieal­bum, schließlich ein Macho, ein aus­rang­ierter Macho mit Flecken von aus­ge­drück­ten Pick­eln in seiner Unter­wäsche, dem die Ver­hält­nisse über den Kopf fuhren und Floskeln hin­ter­ließen, Floskeln, ja Floskeln, durcheinan­der­wirbelnd wie die Schneeflocken bei meiner Ankunft in Berlin und doch immer wieder diesel­ben Fig­uren bildend, wie Ket­ten von Molekülen, wie die Buch­staben eines Textes, die in jedem Wort ewig neue und ewig gle­iche Verbindun­gen einge­hen. Ich weiß, nichts währt ewig, ich nicht, die ich dies schreibe, Peter nicht und die Buch­staben nicht, die Wörter nicht und nicht die Gedanken, der Planet und das Uni­ver­sum samt seinen paten­ten Molekülen – von dieser Art Ewigkeit rede ich nicht. Wovon ich rede, das ist das Ungeduld schürende Wesen, das Män­ner zu Män­nern und diese zu Män­nern und Frauen zu Frauen und Frauen et cetera et vice versa formt und die damit unlös­bar ver­bun­de­nen, entset­zlich unter­be­lichteten Spiele zur Auf­führung bringt, als wäre das Leben eine Jahrmark­t­bude, wo jeder, der sich nicht lumpen lassen will, vom Part­ner sich ein ver­bo­genes Schießeisen in die Hand drücken lässt und die verblüf­fende Kalt­blütigkeit der Inhab­erin ignori­ert, die kaum einen Schritt zur Seite weicht, obwohl sie den irren Blick des Abdrück­enden sieht und die zielver­fehlende Tücke dessen kennt, was er für eine Waffe hält.

Ich schreibe das nicht aus Über­druss – eher aus Unterdruss, wenn es so etwas gibt, nicht, weil mich die Immer­gle­ich­heit des Immer­gle­ichen stört, son­dern weil da die beglei­t­ende Empfind­ung sich ein­mis­cht, dass das Gle­iche nicht das Gle­iche ist, dass es die Dif­ferenz braucht, um sich zu insze­nieren, und dass es diese Dif­ferenz nicht beherrscht. Was ich in meinem vielle­icht noch nicht allzu fort­geschrit­te­nen Leben erfahren habe, ist, dass alle Einzelne sind, aber kopflose Einzelne, wie jenes Huhn, das ich in meiner Kind­heit in einer let­zten reflex­haften Anstren­gung über das Haus­dach fliegen sah, nach­dem ihm mein Vater mit einem Axthieb den Kopf abge­trennt hatte. Solchen Hüh­ner bin ich in meinem Leben begeg­net, nicht hin und wieder, son­dern wieder und wieder, sie füllen das Tableau, während ich schreibe, ich nehme an, ich gehöre auch dazu, obwohl ich eher das Gefühl habe, der liegenge­bliebene Kopf zu sein, der denkt und denkt, während der Rest von mir auf und davon ist, auf und davon, und wahrschein­lich in der Regen­rinne auf der anderen Seite des Daches klemmt. Kein schönes Gefühl, das nicht, aber ein Rest Gefühl: Wenn nicht das Gle­iche das Wesentliche ist, son­dern die Dif­ferenz, und wenn in der Dif­ferenz das Ver­fehlen liegt, nun, dann nimmt man entweder ein Schlafmit­tel oder man betäubt sich mit Klatschmohn oder man beginnt mit der näch­ste Fort­bil­dung oder – man bekommt eine Kolumne. Zählt eigentlich jemand mit, wie viele Frauen heute von den Arbeit­sämtern von Fort­bil­dung zu Fort­bil­dung geschickt wer­den, fort, nur fort, hart­näck­ige Bewohner­in­nen von Vor– und Wartez­im­mern, glück­lich, ›etwas tun‹ zu dür­fen, abgerichtet zur Idi­otie des nicht Aufgeben-​Dürfens, die Per­spek­tive im wohlsortierten Schmink-​Necessaire: es geht ihnen wie vorher dem Sozial­is­mus, sie sind schon gescheit­ert, doch die Parole, sie weist den Weg, sie hält durch. Wenn also die Dif­ferenz das Wesentliche ist und der Trend allein Gewalt hat, zu binden und zu lösen, dann ist der Trend, er allein, ver­ant­wortlich für das, was nicht ein­tritt, obwohl es jed­erzeit ein­treten müsste und wirk­lich ein­tritt, aber in einer durchgestrich­enen, in einer zum Scheit­ern vorherbes­timmten Gestalt.

Das klingt, du verzeihst, etwas hochgestochen, vielle­icht klap­pert es auch, aber ich finde meinen Gedanken­gang schlüs­sig. Ich bin sogar ein wenig erregt, denn ich glaube, etwas her­aus­ge­fun­den zu haben, ich weiß nur noch nicht, wie es sich auseinan­der­legt, ich sehe die Teile nicht, aber das Ganze: das immer Gle­iche in diesen Spie­len – wir empfinden es, mal stärker, mal schwächer, aber wir empfinden es – bleibt ungreif­bar, jeden­falls reagiere ich mit res­ig­na­tiv gestufter Empörung, wenn eine dieser teuren Wis­senschaft­s­tus­sis, die das Bil­lige so sehr lieben, zum xten Mal einer offen­bar unen­twegt maulof­fe­nen Öffentlichkeit erk­lärt, warum Män­ner auf Busen star­ren und Frauen auf den Charak­ter und wie das alles mit der Fortpflanzungs­funk­tion zusam­men­hängt. Es bleibt ungreif­bar, das ist der Preis, den wir für die Tren­nung von Sex und Fortpflanzung zahlen. Wir haben keine Wahl, wir müssen ihn zahlen, es ist unser Tribut an die Art von Person-​Sein, die wir ›Leben‹ nen­nen. Unter den Müt­tern in meinem Berliner Kinder­garten gab es einige, die die Tren­nung zurückgenom­men hat­ten, man merkte es ihnen an, bevor sie den Mund auf­machten, ich musste schlucken, wenn ich sie sah. Sie waren ver­schwun­den, ein­fach ver­schwun­den in der Mutter-​Funktion, mag sein, sie tauchten nach Jahren ein­mal wieder auf, aber dann lag das Leben hin­ter ihnen. Was blieb, war das Bere­den des anderen Zus­tandes, die auf Dauer gestellte Zugabe zu den Kind­heiten, die aus ihrem Bauch gekrochen waren, die Sorge, mit der sie die längst erwach­sen Gewor­de­nen trak­tierten. Leben war das nicht, auch keine Flucht, mehr ein Schwellen­da­sein, vom An– und Abschwellen des eige­nen Kör­pers intoniert. Aber wenn wir tren­nen, dann bleibt dieses unbes­timmte Frau-​Sein, das sich gegen den plöt­zlich als ›männlich‹ emp­fun­de­nen Sex auflehnt – gegen die Abhängigkeit, die aus ihm her­vorkriecht, eine Abhängigkeit ohne Sinn und Halt, da ja der biol­o­gis­che ›Sinn‹ durchgestrichen ist und nicht zur Ver­fü­gung steht, außer man richtet ger­ade das Häuschen ein und keine Schwiegermut­ter hält die Krallen in ihr Bübchen versenkt… was nicht viel bedeutet, nicht sehr viel, wie das Leben der Beglück­ten allen­thal­ben lehrt.

An dieser Stelle sind wir ver­wund­bar, jede, einzeln, und hier begin­nen die ver­lo­ge­nen Gender-​Ideologien ihren Flug: die Reise durch eine lange Nacht, immer mit der Angst im Nacken vor der Ankunft in einem paten­tierten Nir­gendwo, ein Irrflug, erzwun­gen von einer Bande mask­ierter Hijacker, die wis­sen, dass sie am Drücker sind, solange diese Aktion dauert. Und sie dauert. Die Töchter des Fem­i­nis­mus sind seine Müt­ter. Aber der Fem­i­nis­mus ist zu vielgestaltig, als dass man ihn diesem grotesken Gerede ein­fach über­lassen dürfte, er hat, wo er wirk­lich auftritt, mit Tapfer­keit zu tun, mit einer Hochachtung vor dem eige­nen Geschlecht, die Frauen so gern ein­fordern, ohne sie zu besitzen, mit dem Mut zur Ein­samkeit, denn er befremdet Män­ner und Frauen gle­icher­maßen, nein, nicht gle­icher­maßen, er befremdet Frauen stärker als Män­ner, so habe ich es erfahren. Sobald dieses Töchter-​Mütter-​Gerede ein­setzt, weiß ich, die Weberin­nen des Weib­lichen haben das Boot geen­tert und der Fem­i­nis­mus geht von Bord, er ist schon gegan­gen, es beginnt das Gerede über die Geschlechter­schranke, ein Sum­men und Schwirren und Ver­ständigt­sein, ein Vornehm­tun mit unsicht­baren Geschlecht­steilen, das unmit­tel­bar die Frage nach den Kosten aufwirft und danach, wer sie trägt. Es sind aber alles Unkosten, unge­nannt und schein­bar auf alle umgelegt, was nicht stim­men kann, denn nichts trennt so zuver­läs­sig wie das per­sön­liche Unglück und wer in ihm das Glück der Unter­stützung durchs Kollek­tiv erfährt, der ist entweder keine Per­son oder das, was er für Unglück hielt, war das verkappte Glück, mitren­nen zu dür­fen. Mitren­nen zu dür­fen – darauf läuft es am Ende hinaus.

Ich habe keine Mut­ter, selt­sames Los inmit­ten von PseudoMüt­tern und Pseudotöchtern. Gestern sah ich eine im Park – es schneit schon wieder, der Ring schließt sich –, ein schlak­siger Hund zer­rte vor Ungeduld an der Leine, ein alter, wahrschein­lich das Mut­tertier, trot­tete ver­setzt hin­ter­drein, die Men­schen­frau zwis­chen­drin, verteilte die Rollen, das lag ihr. »Geh da lang«, rief sie dem jun­gen zu, der voraus­lief, »nicht aufs Eis, sonst rutscht Mutti aus« — sie sagte das allen Ern­stes, eine junge Frau, Anfang Zwanzig, sie lächelte nicht dabei und machte kein komis­ches Gesicht, sie war im Dienst. Eine Tochter des Fem­i­nis­mus, sans doubt. ›La fem­ina inte­grale‹, was ist das, die ganze Frau? Die Frau ganz? Die Frau, die nicht aufhören kann? Michaels Mut­ter, von keiner Macht gebremst, es sei denn, man nimmt das Sich-​Entziehen dafür? Aber wer entzieht sich? Ich habe mich ent­zo­gen, ich habe mein schlichtes Glück nicht ange­treten, sie hat zwar keine älteren Rechte, aber sie übt sie aus, sou­verän bis an die Gren­zen ihres Weltalls, sie hetzt ihre Hunde auf alles, was sich im Umkreis des Sohnes bewegt, sie will nicht, dass er aufs Eis geht, weil Mutti sonst aus­rutscht, das wäre furchtbar.

Also noch ein­mal. Ich hatte ein Kind, eine Tochter vielle­icht, aber man hat sie mir genom­men. Unsinn, so ein Kind gab es nicht, hat es nie gegeben. Aber was heißt ›so ein‹ –? Ich hatte ein Kind, denn ich habe es jeman­dem ange­tra­gen, nicht nur einem Mann, son­dern zweien: ein biss­chen viel vielle­icht, aber so sehe ich klarer. Was ich erfahren habe, ist ein­fach: weder mit dem einen noch mit dem anderen hätte ich ein Kind haben kön­nen. Selt­samer: ich hätte keins haben dür­fen – was sich ›Beziehung‹ nan­nte, ver­flüchtigte sich, sobald man es von dieser Seite her ansah, und mit dem Anse­hen allein, befürchte ich, wäre es nicht getan gewe­sen. So war es vielle­icht besser, dass sich am Ende auch das Kind ver­flüchtigte – mein Kind, meine Tochter, warum komme ich ger­ade auf diesen Ein­fall immer wieder zurück? Aber vorher hat­ten sich die Beziehun­gen ver­flüchtigt – entwirk­licht angesichts der Unmöglichkeit der Wahl, die zu tre­f­fen schein­bar so leicht fiel, sogar zwin­gend, angesichts der Per­son, angesichts der Sit­u­a­tion, der Umstände, der Vor– und Hin­tergedanken, angesichts dessen, was voraus­ge­gan­gen war und was bevorstand.

Ich hatte nicht leicht­fer­tig gehan­delt, wie ich mir beque­mer­weise vor­w­er­fen kön­nte. Es lag auch nicht an den Män­nern. Mit jedem von ihnen hätte ich leben kön­nen, auch wenn der Gedanke, so schut­z­los geäußert, ver­schreckt. Bei Licht bese­hen, lag es an gar nichts, außer an dieser Schwanger­schaft, die ich so nicht geplant hatte. Keiner von uns, da bin ich sicher, hätte sie ›so‹ geplant, auch nicht anders, ganz sicher bin ich da. Es war geschehen und ich musste mich dazu ver­hal­ten. Also ver­hielt ich mich indif­fer­ent, lebte indif­fer­ent, ver­legte das, was mit mir vorg­ing, ins Wis­sen um das, was geschehen würde, und dachte darüber nach, wie die Beziehung, in der ich lebte, es aufnehmen würde. Vielle­icht liegt darin das Wesen einer Beziehung, dass man über sie nach­denkt, im Glauben, dass man sie dadurch pos­i­tiv gestal­tet. Mein Nach­denken drehte sich um den einen Punkt: Was wird passieren, wenn ich die drei Worte ›Ich bin schwanger‹ ausspreche, und was, wenn dieses Kind ein­mal ›da‹ sein wird, wie man das nennt, da und dort, ein­fach über­all? Was heißt, von dem einen wie von dem anderen Zeit­punkt an – ich sage nicht ›noch‹, denn das enthielte bere­its ein Urteil, eines nach der Art derer, bei denen das Denun­zieren vor dem Leben kommt –, Beziehung? Dass ich es nicht über mich brachte, die drei Wörter auszus­prechen – bei dem einen nicht und bei dem anderen auch nicht –, darin bestand mein Urteil und auch darüber muss ich nach­denken, heute, mor­gen, wie lange es auch dauert, denn ich habe Zeit. Solange das nicht gek­lärt ist, habe ich Zeit.

Peter? Ich habe Peter nicht ver­lassen, weil er ein Ver­hält­nis mit einer Nach­barin anf­ing, was mich anekelte, gewiss, aber wie viele ekelt es an, was der andere treibt, und sie bleiben trotz­dem. Auch das liegt in der Beziehung, es macht sie ein Stück weit aus, es macht sie zu ›etwas Fes­tem‹. Was darin fest liegt, außer den Rit­ualen des All­t­ags – einem robusten Chitin-​Panzer, der die Eingeweide schützt und über die Abwe­sen­heit einer Wirbel­säule hin­wegtäuscht –, ist nicht die Per­son des anderen, denn die liegt, wie ich sehen kon­nte, haupt­säch­lich außer­halb, nur deswe­gen sieht man sie doch. Es sind Verbindun­gen aus Gefühlen, Gedanken, Tun, Erin­nerun­gen, nicht aus­ge­führten Hand­lungsim­pulsen, die sich im Umgang mit dieser Per­son ergeben und ver­fes­ti­gen und die eher sel­ten aktiviert wer­den – sie sind aber vorhan­den, sie wach­sen und mehren sich im Schat­ten der Aufmerk­samkeit und treten zutage im Schmerz, den es bere­itet, wenn eine von ihnen aufge­trennt oder neu grup­piert wer­den muss, denn dann lei­det das ganze Geflecht, so dass man von einer Beschw­erde zur anderen fort­geris­sen wird, bis nichts mehr stimmt. Bis nichts mehr stimmt außer der Klage, leer, ungerecht, ver­let­zend und ›unpro­duk­tiv‹, vor allem let­zteres angesichts der Aller­welts­maßstäbe, die eines an seine Beziehun­gen anlegt, was auch nicht stimmt, denn es sind die Beziehun­gen – die Maßstäbe sind die Beziehun­gen, es ernüchtert, es so zu sehen, aber sie sind es wirk­lich. Beziehun­gen sind pro­duk­tiv oder man muss sich entschei­den, ob es lohnt, sie zu sanieren, ›noch ein­mal‹ in sie zu investieren, die Kred­it­ge­ber sehen dir streng auf die Fin­ger, du wärest besser beraten, ihnen nichts vorzu­flunk­ern und die Bilanz zu fälschen. Aufhüb­schen, das geht, so machen’s alle, aber es gibt eine Grenze, jen­seits derer du dich vergehst. Nichts da. Für so eine Beziehung war Peter nicht reif, sein Staat hatte ihn ver­wöhnt, er brauchte Zufuhr, für das, was danach geschah, hatte er kein Konzept. Wie soll man da investieren?

Ich hatte es gut, ich wollte nicht investieren. Das war schlecht, denn er suchte einen Investor. Er suchte die West­frau, die ich nicht war, die ich war, die ich nicht abschüt­teln, die ich nicht sein kon­nte. Seine mar­ode Firma brauchte die eis­erne Hand, aber unsicht­bar, gut ver­bor­gen in der lib­eralen Hülle, die er als Promiskuität buch­sta­bierte, gel­ernt ist gel­ernt. Unter inves­tiven Gesicht­spunk­ten kon­nte man seine Gefühle zum Fen­ster hin­auss­chüt­ten, es kam auf das­selbe her­aus. Seine und meine. Und wer spricht von Gefühlen. Die Zeit lief mir davon. Es war, ein­fach betra­chtet, in Ord­nung, dass Peter und ich wieder zusam­menge­fun­den hat­ten, nach­dem der Weg ein­mal frei und das, was uns tren­nte, ver­schwun­den war. Dass ich ihn im Westen nicht ver­misst hatte, hätte mir merk­würdig vorkom­men sollen, aber daran wollte ich nicht rühren. Woran ich rühren kon­nte und musste, war, dass er bei alle­dem unberührt blieb – in der Beziehung, von der Beziehung, ja, so muss ich es sagen. Er ließ sie sich gefallen, als wäre er in einen Vergnü­gungspark ger­aten. Einer der undurch­schaubaren Glücks­fälle des Lebens, auf die ein Mann wie er einen ver­brieften Anspruch besitzt, hatte ihm das Ticket zuge­spielt, ein Extra-​Ticket, nach­dem die Kasse schon geschlossen hatte: ›Na dann wollen wir doch mal!‹ Und so wollte er dann.

Eine seit­en­verkehrte Beziehung, ich hätte ihn aushal­ten sollen mit meinen West-​Millionen, jeden­falls ver­wöh­nen für all die erlit­tene Unbill, als die er inzwis­chen sein bish­eriges Leben emp­fand. Damit fol­gte er einem Trend, dem ich nichts zu bieten und nichts ent­ge­gen zu set­zen hatte. Ich hätte Peter wie eine Geliebte hal­ten und wie den kleinen Bruder frei lassen sollen, etwas viel ver­langt, wenn ich es bedenke, etwas viel. Bei der Gele­gen­heit fiel mir sein Part­ner ein, der Mann mit dem ›Schutzraum‹. Peter brauchte so etwas nicht, bei ihm ging das viel direk­ter, er stürmte davon und fand sich wieder ein, der Gedanke an einen kleinen Bruder war nicht so abwegig, aber in welcher Beziehung? In meiner wohl, aber was war daran meins? Und davon abge­se­hen: man hat mit dem kleinen Bruder kein Kind, ich nicht, mit dem großen auch nicht, damit wäre ich bei Michael. Aber nicht ganz: auch Peter besaß diese weib­liche Fähigkeit, sich in der Beziehung aus ihr zu lösen, bei mehr als einer Gele­gen­heit fühlte ich diese Panik in mir auf­steigen und wun­derte mich über mich selbst: war das nicht ein selb­stver­ständliches Recht, das er da für sich in Anspruch nahm? Warum dann Panik? Aus welchem Winkel meiner Weib­lichkeit zuckte diese Regung? Ich erregte mich, zog ein ›Er‹ aus anony­men Zonen ans Licht, das ich dort niemals ver­mutet hätte, ein Er, auf das ich mit stum­men Sätzen einzuprügeln begann wie ein Fis­chweib, und manch­mal blieben die Sätze nicht stumm, über­haupt nicht stumm.

Du bist wahnsin­nig, Peter, wenn du so weiter machst, kommt der Gerichtsvol­lzieher und dann ist es aus, aber das schreckt dich nicht, denn dann ziehst du in den Westen und lebst in Saus und Braus wie die anderen, du machst es nur jetzt noch nicht, weil du deinen Stolz hast und die ver­acht­est, die wegziehen, den Pöbel, wie ihn dein Lieblingss­chrift­steller nennt, Alt-​Heimkehrer aus einem Nie­mand­s­land, in dem sich die Men­schen spon­tan organ­isieren und ohne weit­eres das Paradies ›her­beiführen‹ – nur woher dann der Hass auf den Pöbel? Das habe ich nie ver­standen. Ich sage dir: er ist ein alter Mann, der die Welt nicht mehr ver­steht und bald abtreten wird, die Welt amüsiert sich und fab­riziert Abziehbild­chen von ihm, er ist unser sozial­is­tis­cher Ein­stein, der allen die Zunge her­ausstreckt, aber seine Rel­a­tiv­ität­s­the­o­rie, die ken­nen wir längst, die hat uns schon in der Kind­heit begleitet, und wenn ich nicht auf­passe, kommt das, was sich als mein weib­liches Wesen anstellt, auf das­selbe her­aus. ›Stell dich nicht an!‹ — und du stellst dich nicht an, natür­lich nicht, während du dich anstellst und Umstände machst, um nicht unter zu gehen und den Kopf oben zu hal­ten, wie es im Liede heißt. Aber ein Kopf, in dem die Gedanken flau­mig zerge­hen, ist ein selt­sam archais­cher Teil, ein Stumpf, unblutig, aber ein Stumpf, gut für Phan­tom­schmerzen und aller­lei namen­lose Zustände, über die ein Arzt milde lächelnd hin­wegsieht. Ich zum Beispiel, mit meinem Phan­tomkind, hätte gut in das Land gepasst, das sich anschickt, von den Land­karten zu ver­schwinden, auch das ein Gedanke, der schwindeln macht. Ich will aber nicht schwindlig durchs Leben gehen, ich will leben, ich finde diesen sehr weib­lichen Schrei scham­los und komme nicht von ihm los. Wirk­lich, hier endet jede Scham – nicht wahr, Christa, es wird wirk­lich: ich kenne deine Zustände, diese ewigen Zustände, nur dein Hochmut, dein durch nichts gedeck­ter Hochmut, der kommt mir, ehrlich gesagt, dumpf vor, ein Maulwurfs-​Hochmut, mit dem Boden, auf dem unsere­ins herum­läuft, als fes­tem Deckel über dem Kopf. Ich kann nicht in der Erde leben, ich lebe auf ihr, deine Seiten ent­fallen mir, eine nach der anderen, da lässt sich nichts machen. Und doch hast du mich ›gemacht‹: an den Haaren hineinge­zo­gen in deine Art zu denken, als ich in den Westen schlüpfte, was, alles in allem, nicht so lange her ist und doch, wie mir scheint, ein Men­schenal­ter: in der Nusss­chale, in der Nussschale.

Ich liebe meine Tochter, das ist der Punkt. Ich weiß nicht genau, wer sie mir ent­zo­gen hat, aber ich werde es her­aus­finden. Vielle­icht war ich nicht schwanger, aber ich hätte es sein kön­nen. Das genügt. Es genügt, um her­auszufinden, mit wem es sich leben lässt. Der schwule Dostojewski-​Sohn wusste mehr davon als meine Bekan­nten, die an ihren Beziehun­gen herum­basteln, als befän­den sie sich in einem Strick­wet­tbe­werb. Wahrlich, ich sage dir: Christa, die Frau am Kreuz, ihr stel­lvertre­tendes Lei­den, es muss aufge­brochen wer­den, wie man ein Idol auf­bricht, um zu demon­stri­eren, dass nichts drin ist außer dem Staub von ver­mod­erten Knochen. Auch ich habe die Bilder erstick­ter und ver­bran­nter Frauen gese­hen, sie haben meine Seele geschwärzt, es ist ein gefährlicher Irrglaube zu sagen, sie hät­ten nichts damit zu tun gehabt und ihre Seele sei rein wie am ersten Tag. Sie haben mit­ge­hetzt vom ersten Tag an, ich selbst, das Kind der Siebziger, habe ihre Reden mit anhören müssen, abends, im Dunkeln, hal­blaut, oder tagsüber, bei­seite, eine Frau findet immer Gele­gen­heit, zu sagen, was sie denkt oder was ihr ger­ade durchs Gehirn schießt. Man darf sich Eva nicht stumm vorstellen. Von Anfang an dabei: das ist doch was, liebe Schwest­ern, wars nicht das, was ihr immer woll­tet? Habe ich da etwas missver­standen? Christa ist ein Idol. Christa den Frauen, den Her­ren die Schif­fer. Fort damit. Das schafft Platz auf meinem Fußboden.

Auf diesem Fuß­bo­den liegt noch so manches, das ich ein­mal aufräu­men sollte, doch darum geht es im Moment nicht. Im Moment geht es um… Ich stocke, suche das Wort, es fällt mir nicht ein. Es fällt mir nicht ein. Also: die Suche geht weiter. Welche Suche? Ich sollte Briefe schreiben, das würde manches in einem anderen Licht erscheinen lassen. In einem anderen Licht. Warum auch nicht? ›Deine Ange­lika‹. Ich habe meinen Namen nie gemocht, das hat etwas zu bedeuten. Nur was? Ein Dutzend­name, haus­backen schon damals, als man mich damit ausstat­tete fürs Leben, aus­ge­sprochen haus­backen angesichts all der aufre­gen­den Brit­tas und Tan­jas und Mar­joschkas: Warum Ange­lika? ›Ein Engel war ich nie‹ — stammt das von meiner Mut­ter? Sollte ich etwas kor­rigieren? Wenn ja, was? Aber ich kenne meine Mut­ter nicht. Man kann nur kor­rigieren, was man kennt. Diese riesi­gen leeren Augen geben es nicht her. Geben nichts her. Meine Mut­ter ist eine Leiche, mein Leben gibt sie nicht her. Bin ich ihr jemals begeg­net? Ich müsste es wis­sen, aber ich weiß es nicht. Meine Mut­ter ist ein Sprengsatz, der in meinem frühen Dasein explodierte und mich in etwas hinein­schleud­erte, das vielle­icht das Vakuum ist, anders wäre es gar nicht vorstell­bar, dass ich noch immer… noch immer… Dieses Mis­strauen gegen mein Geschlecht, woraus bezieht es seine Kraft? Immer habe ich bei den Män­nern etwas gesucht, was mein Geschlecht mir ver­weigert. Es ist nicht die Anerken­nung. So brav bin ich nie gewe­sen. Es ist der ruhende Blick. Der Blick, der sagt, du bist eine von uns und das ist gut so. Sie star­ren mich an, mit offe­nen Augen, oder ihr Blick huscht an mir vor­bei, ist schon auf der Treppe, obwohl sich die Tür für sie erst nach mir öffnete, oder sie mustern mich von der Seite, abschätzig, das ver­steht sich fast von selbst. Vielle­icht suche ich bei den Män­nern, was ich bei ihnen nicht finden kann? Nicht, weil sie es nicht besitzen, son­dern weil sie, egal, ob sie es besitzen oder nicht, nicht gemeint sind? Weil ich bei ihnen suche, um nicht zu finden? Gibt es so etwas? Und wenn ja, warum macht man es?

Ich kam nach Berlin, es war meine Mut­ter­stadt. Es gab da einen Mann, sie gab ihn mir zurück. Kein Wieder, ein Zurück. Darin lag die Volte. Die, auf die ich stieß, woll­ten nicht zurück, sie woll­ten wieder. Das war nicht erlaubt, die dreimal über­mal­ten Schilder geben den Grund­text nicht frei. Berlin ist heute vielle­icht der jäm­mer­lich­ste Vergnü­gungspark der Welt. Die ihn bevölk­ern, sie fürchten sich vor dem Grund­text, weil er sich ›unaus­löschlich‹ mit dem Schrecken ver­bun­den hat, so wie mein Bild der Mut­ter nicht über die leeren Augen und den aus­ge­hungerten Kör­per in einem Kranken­haus­nachthemd hin­aus­geht. Aber das Unbe­nan­nte, in das sie hin­auss­chwirren, trägt einen Namen. Es heißt ›Exo­dus‹ und führt in die Wüste. Dreißig Jahre sind eine lange Zeit, sie wer­den sich wun­dern, denn die Zeit läuft ihnen davon. Wun­der­liches Zusam­men­tr­e­f­fen. Wie das aus­geht? Keine Ahnung, dazu sind wir zu global. Oder zu wenig.

Meine Tochter, meine einzige Tochter. Ich werde keine andere haben, das weiß ich. Wir sind im Krieg. Er ver­läuft zwis­chen den Geschlechtern, das ist ein Fortschritt. Ein regionaler Kon­flikt gerät in den Fokus der Mächte. Tech­nol­o­gisch avanciert. Schwäche bedeutet Macht. Die Amerikaner, liest man, sind schon ein Stück weiter, sie kön­nen wieder Krieg gegen Schwächere. Die Frauen sind es zufrieden: dies­mal sind sie dabei. Aber ewig über den Atlantik star­ren verdirbt die Wahrnehmung. Wir sind nicht schlecht, alles in allem, denn wir haben das Kind als Waffe. Eine Selb­st­mord­waffe, gewiss. Keine Sorge, wir set­zen sie ein. Wir schreiben auch darüber, aber das endet nichts. Der Kampf geht weiter. Der Krieg der Gen­er­a­tio­nen hat let­ztlich nicht viel gebracht, aber wir haben das Kind. Während ›der Russe‹, der ›Englän­der‹, ›das Kap­i­tal‹ in den Gehir­nen der Weltkriegs­gen­er­a­tio­nen ver­mod­ern – dazwis­chen, nicht zu vergessen, ›der Jude‹ –, bläht sich ›das Kind‹ wie ein Brahm­segel über dem Land ohne Kinder: in hoc signo vinces. Eine Frau hat nicht ein Kind, sie hat das Kind. Ich habe keines, umso leb­hafter kann ich es denken. Oder es denkt mich, der Wahn hat mich erfasst und lässt mich nichts anderes denken. Die Welt sub specie des Kindes, das ich nicht habe. Dass ich keins habe, weiß ich, weil man es mir gesagt hat. Das lässt tief blicken, tiefer als das Gefühl es erlaubt. Das ist nichts Beson­deres, denn das Gefühl geht nicht sehr tief. Es gibt Schichten, in denen es stockt. Man müsste für Abflüsse sor­gen, Sick­er­zo­nen, das bekäme ihm gut, doch nie­mand ist dafür zuständig. So bleibt alles, wie es ist. Man müsste den Frauen die Kinder weg­nehmen, damit sie wieder zu fühlen begin­nen; die einge­bilde­ten und die wirk­lichen: vor allem die let­zteren. Ich lasse mich nicht bestehlen. Meine Tochter gehört mir. Sie wird vielle­icht nie das Licht der Welt erblicken, aber sie gehört mir. Die Welt kann mir gestohlen bleiben, ohne­hin liegt sie mir zu Füßen. Ich werde nicht aufhören, auf ihr herumzu­tram­peln, bis ans Ende meiner Tage. Das ver­steht sich von selbst, darüber braucht man nicht reden. Nie­mand sollte darüber reden, denn es verdirbt das Gespräch. Gespräche liegen mir, so war ich schon immer. Ich bin neugierig, das ist mein Glück. Kein großes Glück, eher ein Faustp­fand. Wofür? Ich öffne die Hand, aber es fliegt nicht davon. Es bleibt. Ich bleibe.

Es ist kalt. Ich lüfte; die Nachtluft wälzt sich herein, ein körniger Brei, besetzt Ses­sel und Stühle. Über dem Tisch würde ich sie gern ent­fer­nen, dem Kaf­fee bekommt sie nicht, da, ger­ade da, hält sie sich auf. Den Kaf­fee nähme ich am lieb­sten mit ins Bett, aber da kann ich nicht schreiben. In dieser Nacht ist jemand gestor­ben, ich vergesse die Namen, ein naher Ver­wandter von mir. Manch­mal glaube ich, er stirbt jede Nacht, ich schließe das aus der Unruhe, in der ich aufwache. Die Wack­er­steine im Bauch, die ewigen Toten. Wer schnei­det mich auf, wer tut mir das an? Der Brun­nen ist tief, ich muss elend veren­den. Das wüsste ich, daran ist gar nicht zu denken. Ich sehe an mir herunter, mein Bauch ist glatt. Glatt ist auch meine Stirn, ich kräusle sie manch­mal, nur zum Anschaun. Was, wenn das ein Gedanke… und noch einer! Ein drit­ter! Und was für Gedanken. Kap­i­tale Hechte im Gedanken­te­ich. Ich lasse sie los und sie gleiten dahin, sind schon ver­schwun­den. Aber ich kenne die dun­klen Stellen, an denen sie ste­hen. Nie­mand wird mich bere­den, es ihnen gle­ichzu­tun. So haben Men­schen immer ges­tarrt, bevor der Hunger sich meldet. Nichts Beson­deres also, nichts Beson­deres. Nichts, was es nötig machte, sich abzu­son­dern. Das geschieht ganz von allein. Von allein. In Viehwag­gons ver­schickt wer­den ist auch kein Genuss. Man muss den Men­schen was in die Hand geben. Kelle und Löf­fel. Was sie damit machen, ist ihre Sache, aber wer nichts in der Hand hat, der macht sich Gedanken. ›Mach was draus!‹ Leicht gesagt, mit einem Satz ist da nichts zu machen. Die Tigerin schweigt, sie hat schlecht­geschlafen. So ein­fach geht das. Ein wenig ver­stört bin ich schon, wer zieht da die Grenze? Ich kön­nte was tun, aber das hieße davon­laufen. Dafür bin ich nicht geschaf­fen. Ich bin kein Hase, man kann mich stellen. Über­haupt bin ich nicht so sel­ten, wie manche glauben. Und wenn schon, machte es einen Unter­schied? Ich fühle mich schlecht aufge­hoben in euren Konzepten, meine Damen und Her­ren, meine Damen Her­ren und Her­ren Damen, e la nave va. Das kurze Leben ist ein demüti­gen­der Gang, und das ewige Gekreisch und Gezwitscher derer, die wis­sen, wo’s langgeht, weil sie den Überblick haben oder die Besol­dung oder bei­des oder weil sie auf einen Redak­teur­sposten scharf sind, ist nicht son­der­lich amüsant. Die weib­lichen dropouts sind noch gar nicht erfun­den, denen ich mich ver­wandt fühle. Sie sind nur wirk­lich, das lockt keine Hündin hin­ter der Zen­tral­heizung vor. Sie sind aber kein Prob­lem der Gesellschaft. Die Gesellschaft ist das Prob­lem. Wer mag sich ihrer annehmen? Zu welchem Tages­satz? Im Moment wird wieder gesiegt. Das wirft sie um zehn, fün­fzehn Jahre zurück.

Die Gesellschaft ist ewig. Was für ein Gedanke. Die Men­schheit stirbt, aber die Gesellschaft ist ewig. Das macht, nie­mand kann sie denken. Sie blickt dir ins Gesicht und sagt: Du wirst ster­ben. Sie sagt das mit leiser Stimme, ihr Gesicht verzieht sich dabei nicht sehr, nur um das biss­chen, das weiter zieht. Die Gesellschaft, das ist der Blick auf dich, der weiter zieht, kein Blick zurück, nur ein leichtes Haften, ein Mag­net­ef­fekt, sehr schwach, ein kurzer Zeig­er­auss­chlag. Deshalb wird es The­o­rien der Gesellschaft geben, solange ein Herz schlägt – matte Ver­suche, ihr ein Schnip­pchen zu schla­gen, ihr eine geheime Wunde zuzufü­gen, an der sie eines Tages krepiert. Alle diese Ver­suche stam­men von Män­nern, sieht man genau hin, so merkt man: sie sollen Antwort geben auf die eine Frage ›Wie ist Frau möglich?‹ Prim­i­tive Gesellschaften gle­ichen Ver­wahrsys­te­men: Frauen sind Eigen­tum, das weggeschlossen wer­den muss, um nicht abhan­den zu kom­men oder in all­ge­meinen Gebrauch überzuge­hen. In dif­feren­zierten Gesellschaften haben die Frauen frei, mehr oder weniger; sie dif­fundieren in die Gesellschaft und erscheinen als ihre Sub­stanz, als das, was bleibt, wenn der männliche Ehrgeiz erliegt. Die ero­tis­che Ver­suchung. Der unbe­grei­fliche Wider­stand. Das noch unbe­grei­flichere Funk­tion­ieren. Lauter Phan­tasien von Aus­geschlosse­nen. Oder Eingeschlosse­nen, was auf das­selbe hin­aus­läuft. Was sie Vere­ini­gung nen­nen, ist eine Strafe. Pur­ga­to­rium, auf Jahre hin­aus. Die wirk­lichen Schrecken kehren als imag­inäre wieder. Nicht zu jed­er­manns Strafe. Jeder Weltzu­s­tand hat seine Fes­chen. Sie sprechen die Sprache. Nicht nur mit dem Mund, das kann jeder. Sie sprechen sie ganz. Die Sprache rauscht durch sie hin­durch, sie sind die Brun­nen, aus denen es den anderen zus­trömt, egal, welche Gesichter sie dazu schnei­den: jäm­mer­lich sind sie ohnehin.

15. Jan­uar

Ich weiß nicht, was du von mir denkst, es ist falsch. Nicht wirk­lich falsch, du ver­stehst mich, aber ver­stellt, seit­en­verkehrt, was du für meine Innenan­sicht hältst, ist der Teil, den ich dir zuwende. Vielle­icht der am sorgfältig­sten bedachte Teil meiner Per­son. Was das bei einer Frau bedeutet, kannst du dir vorstellen. Bitte stelle dir nichts vor: so rücken wir einan­der näher. Rücken an Rücken.

15. Jan­uar, abends

Ich weiß nicht, warum mich jetzt die Lust überkommt, dir zu schreiben. Eigentlich warst du ganz aus meinem Denken entwichen. Aber heute bist du da. Ob diese Briefe dich erre­ichen oder nicht, tut nichts zur Sache. Du bist da und es hat die richtige Dis­tanz. Als ich Michael ver­ließ, wollte ich nichts als schreien oder schweigen. Vor allem let­zteres. Vor allem ersteres. Nicht hin­tere­inan­der, nicht durcheinan­der, nicht gle­ichzeitig, nein: ineins. Bis ich merkte, dass es vie­len so geht, musste diese Zeit ver­stre­ichen, die Zeit des aus­geschal­teten Gehörs. Du ver­stehst das, denn du hast kein Gehör. Oder doch? Ich wollte, du hättest keines und ich kön­nte dir alles auf diesem Papier servieren. Vielle­icht hast du eine Frau und fünf Kinder, aber ich halte das für unwahrschein­lich, eher unwahrschein­lich. Wahrschein­lich wäre das Gegen­teil, aber was ist… das Gegen­teil? Ein Mann ohne Frau und fünf Kinder ist etwas Unwahrschein­liches. Du bist, aller Wahrschein­lichkeit nach, etwas Unwahrschein­liches. So habe ich mir das vorgestellt. So stelle ich mir das vor. So stellt sich mir das vor. Sie nimmt vor mir Auf­stel­lung, ich bin beein­druckt und lasse sie abtreten. Aber sie rührt sich nicht von der Stelle. So unwahrschein­lich wahrschein­lich geht es auch auf der Straße zu, wo ich kaum dazu komme, meine Brötchen zu kaufen, weil die Verkäuferin Amok läuft. Sie ist eine reizende Per­son, ein biss­chen ver­wirrt vielle­icht, ger­ade heute, warum läuft sie Amok? Andere Frage: warum sieht nie­mand ihr auf die Fin­ger? Sie ist eine Verkäuferin, das schließt Verpflich­tun­gen ein. Aber der Automat, der sie ist, kreis­cht, die Räder haben sich aus den Hal­terun­gen gelöst und machen Anstal­ten wegzurollen, eines direkt auf mich zu… ich schreibe das, damit du siehst, dass ich wirk­lich in Schwierigkeiten bin, nicht wirk­lich, aber du wirst das verstehen.

16. Jan­uar

Ein krauses Zeug war das gestern, ich hoffe, du hast das nicht ernst genom­men. Schlaftrunken wie ich bin, weiß ich nur, dass es im Traum so weiter ging. Ich hatte mir vorgenom­men, von meiner Tochter zu träu­men, die sich wirk­lich prachtvoll entwick­elt, aber daraus ist nichts gewor­den. Ich träumte von einer faden Poli­tik, einer Zim­mer­flucht voller verzweifel­ter Blu­men und den Trompe­ten von Jeri­cho, frage mich nicht. Diese Trompe­ten haben mich öfter beschäftigt, ein­stürzende Neubauten sind mein engeres Fach, ich habe mich früh darauf spezial­isiert. Eigentlich nichts Spek­takuläres; sobald man diese Sachen studiert, nehmen sie ein ganz gewöhn­liches Äußeres an und innen ist ohne­hin nichts. Die Kunst besteht darin, die Mauern niederzule­gen, so dass nie­mand etwas bemerkt. Die Leute gehen weit­er­hin um sie herum, sie treten ein und gehen hin­aus, sie suchen und finden Schutz, das ist zweck­mäßig und nie­mand sollte sie in der Ausübung so nüt­zlicher Tätigkeiten behin­dern. Die Trompe­ten von Jeri­cho sind in allen meinen Träu­men. Manch­mal gehe ich sie suchen, ich hätte auch gern eine geblasen, aber daraus kann wohl nichts werden.

18. Jan­uar

Dieses Kind in meinem Gehirn, du ver­stehst, ich bin nicht ver­rückt oder wie man so etwas nennt. Ich liebe meine Tochter, aber das tut nichts zur Sache. Ich hätte sie auch abgetrieben, wenn man Wert darauf gelegt hätte, ich hätte den Wert einge­se­hen, aber sicher. Das war, nach Lage der Dinge, nicht notwendig, und nun sehe ich, ehrlich gesagt, schon weniger ein. Das Ein­se­hen, glaube ich, ist eine reine Freude für den, der ein­sieht, gle­ich daneben begin­nen dann die Bedenken. Ich bin nicht allein mit meinen Bedenken, so nicht, wenn ich die Zeitung auf­schlage, fallen sie mir ent­ge­gen und ich habe alle Mühe, sie in meinen Schoß zu sam­meln, ich fühle mich reich beglückt, ich bin mit Bedenken geschwängert, das ist ein Zus­tand. Es war sicher nicht der richtige Weg, für ein Kind, das nicht existierte, einen Vater zu suchen, aber so war es ja auch nicht, nicht ganz jeden­falls, den Vater im Mann habe ich jeden­falls nicht gefun­den, ich weiß nicht, wie es anderen dabei geht. O diese Suchen­den. Ich sehe sie in lan­gen Schlangen die Haupt­straße her­aufkom­men, nein, es ist schöner, sie block­ieren den KuDamm, fast hätte ich geschrieben: wie in alten Zeiten, das ist natür­lich ein Unsinn, und wenn ich näher hin­sehe, tra­gen sie alle das Kopf­tuch, sie haben ein Anliegen. Berlin ist ein Hopfen­garten. Du erin­nerst dich? Warum bist du nicht dage­blieben – wir hät­ten zusam­men zurück­fahren kön­nen, hättest du etwas ver­säumt? Ich hätte auch gle­ich mit­fahren kön­nen, da hast du Recht. Aber dann? Wahrschein­lich wäre ich heute mit Michael ver­heiratet und hätte einen Job beim Ess-​Weh-​Eff, wahrschein­lich als Freie – wer wollte so leben? Du schon, denn du hast gar nichts? Aber gar nichts, das gibt es nicht, das ist Märchen­stoff, purer Märchen­stoff, du bist ein Prinz. Hat dir das keine gesagt? Dann bist du einer.

21. Jan­uar

Das Beste ist, man stellt sich neben die Trompete und konzen­tri­ert sich; wenn man die Backen dabei ein klein wenig auf­bläst, dann ist das auch in Ord­nung und hilft sogar, nur wer dabei übertreibt, gerät ins Schleud­ern. Es ist nicht so, dass man der Trompete dann hilft, und es wäre ein Irrsinn zu glauben, man bliese sie, aber man kann, wenn man gut ist und Glück hat – das heißt, wenn man von Bei­dem so ver­lassen ist, dass es auf das­selbe hin­auskommt –, dann nimmt man einen Teil des Mauer­w­erks in sich auf, während es zusam­men­stürzt, es fällt in dich zusam­men, ohne dich zu begraben, man fürchtet sich weniger vor den herum­fliegen­den Trüm­mern, und wenn einen eines aus Verse­hen erschlägt, dann geschieht es, bevor man sich dessen ver­sieht, denn das ist das einzige Verse­hen, das dann noch bleibt.

28. Jan­uar

Ich habe es mir über­legt: wenn alles existiert, und zwar nebeneinan­der, im Raum, dann bin ich nur eines, unter anderen, und ebenso gle­ichgültig wie alles andere auch. Und zwar für mich: das habe ich bisher nicht bedacht. Ich habe es gele­sen, damals, im Studium, aber das waren Sätze von alten Män­nern, sie kamen nicht wirk­lich an mich heran. Alles, was ich dir geschrieben habe, bezeugt das Gegen­teil. Ich bin also das Gegen­teil dessen, was ich schreibe, auch jetzt, in diesem Augen­blick, denn Schreiben heißt ja: Her­ausheben aus der Gle­ichgültigkeit. Aber wenn es damit nichts ist, wenn dieses beschriebene Blatt oder Spe­ich­er­stück oder wie man es nen­nen soll, keinen Unter­schied aus­macht, wenn der Unter­schied im Schreiben entwe­icht, weil das Schreiben eine Art Zurück­fallen an die Gle­ichgültigkeit ist, wenn all diese Zustände, organ­isch oder nicht, kein­er­lei Fra­gen aufw­er­fen, die nicht an alles gestellt wer­den kön­nen, buch­stäblich alles, wenn der Unter­schied nur ein Zeiger ist, eine Art Ver­weistafel auf das Unun­ter­schei­d­bare, dann, ja dann…

29. Jan­uar, morgens

Der größte und umfassend­ste Krieg, den die Men­schheit seit Anbe­ginn geführt hat, ist der Krieg gegen den Staub, und er wurde weit­ge­hend von Frauen geführt. Typ­isch: wenn die Anforderun­gen an Staubfrei­heit steigen, wenn Schutzanzüge und Atem­masken am Hor­i­zont der greif­baren Dinge auf­tauchen, schal­ten sich Män­ner ein. Davor, daneben, danach sind es Frauen, die mit Besen hantieren, Staubtücher schwin­gen, mit einer Bewe­gung ihrer Schürze oder eines zufäl­lig bereit liegen­den Tuches ein Fund­stück reiben oder einer Scherbe ein Stück Glanz erstat­ten oder einem Lam­p­en­schirm zu erneuter Transluzenz ver­helfen. Diese kleine gefegte, gewis­chte, geriebene Fläche, mehr oder weniger glück­lich behauptet gegen das Spiel der Par­tikel, ihre stete Ankunft, ihre laut­lose Art, sich festzuset­zen, ihre unver­muteten Ein­fälle und ihr plöt­zliches Über­hand­nehmen, das nichts Gutes ver­heißt: eine Errun­gen­schaft, ohne Zweifel, reflex­haft und unnach­sichtig vertei­digt bis zum let­zten Atemzug, manch­mal erbit­tert, manch­mal erbost, manch­mal in reinem Über­schwang, ursprünglicher als die Erfind­ung des Rades, endgültiger als die Schrift, Zeichen des Men­schen, wo immer er auf­taucht und sein Dasein markiert, eines der großen Aus­drucksmit­tel, sel­ten prämiert, nur die Her­steller von Reini­gungsmit­teln wis­sen Bescheid. Ich kenne Frauen, die gle­ich rig­oros gegen ihre Män­ner vorge­hen und sie Stäubchen für Stäubchen aus ihrem Lebens­bere­ich ent­fer­nen, ohne den Anspruch auf sie einen Augen­blick lang aufzugeben, was heißt, dass der Aus­druck­szwang stärker ist als das Begehren, auch ele­mentarer, was immer das heißen mag. Alle Unter­schei­dung ver­dankt sich dem Kampf gegen den Staub, dem Kampf gegen das, was kommt, das Anlan­dende. Das ist selt­sam, denn das, was kommt, das bin doch ich, ich selbst, etwas, von dem ich kaum den Ein­gangslaut aussprechen kann, ohne ins Futur auszubrechen.

2. Feb­ruar

Man darf sich Eva nicht stumm vorstellen. Nie­mand hat diesen Satz jemals einge­se­hen, wirk­lich, mit allem, was zu ihm gehört. Er ist immer nur inter­pretiert wor­den, wegin­ter­pretiert, um das Wesentliche beraubt. Wäre es anders, so hätte ich davon gehört. Oder gele­sen. Obwohl das nicht viel bedeutet. Das Begreifen lässt die Men­schen ver­s­tum­men. Eva, jeden­falls, meine Nach­barin, weiß nichts davon. Sie ist nicht meine wirk­liche Nach­barin, wir begeg­nen uns nur manch­mal im Spiegel. Ich sehe ihr zu, sie hat immer zu tun, aber wir ver­ste­hen uns. Sie liebt die kleinen Ver­rich­tun­gen, sie erweckt den Ein­druck, sie sei genügsam, aber ich lese die Zeichen der Maßlosigkeit und nicke unmerk­lich, denn ich bin ein­ver­standen. Der Aus­druck­szwang, unter dem Eva steht, ist groß. Das liegt an den Augen, teil­weise, aber nicht ganz. Es liegt in den Augen, die Rede, sie folgt dem Augen-​Blick, das ist kein Zwang, kein Gleiten, es ist eine Art Gang, etwas, das nicht erfun­den wird, etwas, das man besitzt. Eva erfindet nicht, sie lässt sich höch­stens erfinden, das erstaunt sie nicht. Darin, nicht erstaunt zu sein, drückt sie sich aus. Sie ist mir darin auch über, ich ertappe mich dabei, dass ich sie bewun­dere – eine kleine Brand­s­tiftung, die ich ihr nicht übel nehme, aber rasch unter­drücke. Manch­mal habe ich den Ein­druck, ich bin die erste Frau, die ihr zusieht: konzen­tri­ert und in einer Art Teil­nahm­slosigkeit, die ihre über­trifft. Denn auch darin macht sie mir nichts vor: sie, die an allem teil­nimmt, leb­haft, mit einem Hauch von Über­schwang, der ihre Stimme Girlan­den wer­fen lässt, ist irgend­wie teil­nahm­s­los; darin, in diesem ›irgend­wie‹, drückt sie sich aus. Sie ist dabei: was immer das heißen mag. Mich über­rascht das nicht. Ich habe es seit jeher gewusst, ich habe es seit jeher gese­hen, und ich frage mich, woher diejeni­gen, die nichts sehen, die nichts gese­hen haben, die nichts sehen wer­den, ihr ach so weib­liches Wis­sen beziehen. Die Frau entwer­fen: die stram­men Rei­hen der Mod­els schneien über den Lauf­steg und in den Blicken der Kund­schaft knis­tern die Scheine. Draußen, auf der Straße, möchte man schreien, so wenig passt alles zusam­men. Doch man schreit nicht, man unter­schei­det sich, was auf das­selbe hin­aus­läuft, aber weniger Auf­se­hen erregt. Nur der Preis ermit­telt sich so, manch eine kommt sich teuer zu ste­hen. Und, selt­sam, auch damit kommt sie zurecht.

28. Feb­ruar

Ich möchte in ein Land gehen, in dem die Sonne scheint. Ich möchte in ein Land gehen, in dem es reg­net. Ich möchte in ein Land gehen, in dem die Dinge auf ihrem Platz sind. Ich möchte in ein Land gehen, in dem die Sonne untergeht, bevor sie aufgeht. Ich möchte in ein Land gehen, in dem sich das Men­sch­sein erübrigt. Ich möchte in ein Land gehen, wo alle tun, was sich ergibt. Ich möchte in ein Land gehen, das keinen Rest kennt. Ich möchte in ein Land gehen, in dem ein sim­pler Stoff sagt, wie ich mich fühle. Ich möchte dort sein, wo das Gefühl von mir abfließt, so dass ich am wenig­sten davon weiß. Wo ich vere­inigt bin, ohne mich zu vere­ini­gen. Nie­mand wird mich daran hin­dern zu gehen, darum zögere ich. Das Land, der Gang, das Gegan­gen­sein: das alles über­holt mich, ist schneller am Ziel, es grinst schon von den Plakaten, während ich noch grüble. Ich möchte aber grü­beln, ich bin noch nicht fertig.

Im März

Ich bin noch nicht fer­tig. Nicht ganz jeden­falls, daran lässt sich nichts ändern. Vielle­icht hätte ich als Kind gehen sollen, da war jemand, der zog. Nicht, dass es jetzt zu spät wäre, die Welt steht offen. Tausende fliehen hin­aus, die Flüge sind aus­ge­bucht, ein Tor zum Glück findet sich immer. Törichter nie: so etwas gilt alle Tage. Ich bleibe auch nicht, das war nicht gemeint. Ich bleibe zurück, das ist anders. Ich brauche etwas Zeit; die Zeit, die ich habe, vergeht, und es scheint, dass sich daran nichts ändert. Auch ist es nicht die Zeit, die mir fehlt, es ist etwas anderes. Ich hätte es gern ken­nen gel­ernt, aber da ist wohl nichts zu machen. Ger­ade das lässt sich nicht machen. Ich glaube fast, es liegt darin, dass es fehlt. Dass etwas fehlt, ist vielle­icht kein Man­gel, es ist… vielle­icht… etwas anderes. Ich werde es her­aus­finden, darin bin ich gut. Andere finden sich besser hinein, vielle­icht finde ich heraus.

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